Mit
freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis
des Textes:
Wilhelm Kaufmann
1911, Die Deutschen im amerikanischen Bürgerkrieg
Der Originalton
Wilhelm Kaufmanns wurde beibehalten
Biographie
Franz Sigel

* 1824 zu Sinsheim in Baden
1902 in New York
Generalmajor und Korpsführer
Er
resignierte 1847 als badischer Offizier infolge eines Duells,
in welchem sein Gegner gefallen war; studierte dann in Heidelberg
Jura und beteiligte sich an dem Aufstande in Baden an führender Stelle.
Er flüchtete bald darauf nach Amerika und war bis zum Bürgerkriege
Lehrer in New York und St. Louis. Angesichts des Ruhmes, welchen Sigels
Landsleute auf ihn gehäuft haben, müßte man annehmen, daß seine Kriegstaten
ganz außerordentlicher Art gewesen sind, zum mindesten, daß sie diejenigen
der übrigen deutschen Heerführer weit überragen. Sigel ist durch zwei
Reiterstandbilder geehrt worden, sein Name lebt noch nach 50 Jahren
im deutschamerikanischen Volke. Von den übrigen deutschen Generalen
hört man jedoch fast nichts mehr; ihre Namen sind aus der Erinnerung
ihrer Stammesgenossen (abgesehen von dem immer mehr verschwindenden
Kreise der Veteranen) so gut wie ausgelöscht. Das kann man sicherlich
nicht als eine gerechte Begleichung der Dankesschuld bezeichnen, auf
welche doch alle gebührenden Anspruch haben. Selbst wenn die Verdienste
Sigels derartig wären, daß ihm eine ihn vor allen seinen Kameraden
auszeichnende Ehrung gebührte, würde diese auffallende Vernachlässigung
der anderen als ungerecht empfunden werden.
Um so weniger angemessen erscheint aber jene einseitige Anerkennung,
wenn sich herausstellt, daß Sigels Kriegstaten beträchtlich
überschätzt werden und daß wenigstens ein anderer deutscher
General Anspruch darauf erheben kann, an Sigels Stelle als erster
deutscher Heerführer des Bürgerkrieges genannt zu werden. Sigels Kriegsleistung
ist folgendermaßen: Beteiligung an der deutschen Erhebung in St. Louis
als einer von vier Regimentsführern. Rückzugsgefecht bei Carthage,MO.,
5. Juli 1861. Schwere Niederlage und völlige Auflösung der Brigade
Sigel bei Wilsons Creek, Mo., 10. August 1861. Gut geführtes Rückzugsgefecht
bei Bentonville, 6. März 1862. Glänzender Sieg Sigels (unter Curtis)
bei Pea Ridge, Ark., 7. bis 8. März 1862. Zweitägige große Schlacht
bei Bull Run II, 29. und 30. August 1862. Sigel leitete diese einzige
große Schlacht seiner Laufbahn ruhmvoll ein, kämpfte mit Auszeichnung
am zweiten Tage und seine Truppen deckten den Rückzug. Ferner Niederlage
der Sigelschen Division bei New Market, Va., 15. Mai 1864. Hier wie
bei Wilsons Creek und Carthage befehligte Sigel selbständig. Außerdem
kam Sigel nur noch in kleinen Scharmützeln am Rappahannock in Aktion.
Als Führer einer Grand Division (zwei Armeekorps) konnte
er sich nicht im Kampfe betätigen. Durch geschicktes Manöverieren
bei Harpers Ferry hat er den Vormarsch Earlys (Sommer 1864) verzögert,
ohne daß es zu Gefechten kam. Sigel stand im Felde von April 1861
bis Februar 1863. Sodann noch einige Monate im Sommer 1864. Ein Vergleich
der Bewertung der deutschen Heerführertaten im einzelnen muß aus naheliegenden
Gründen unterbleiben. Jedoch hat jeder der deutschen Generale Anspruch
darauf, daß seine Gesamtleistung während des Krieges in Betracht gezogen
wird. Wenn der General A in fast zehnmal so vielen Schlachten gekämpft
hat als sein Kamerad B, wenn er öfters selbständig geführt hat als
B, ohne jemals eine Niederlage zu erleiden, während die selbständig
geführten Kämpfe des B meistens Niederlagen gebracht haben, so wird
man schwerlich den B als den verdienstvolleren unter den beiden bezeichnen
können. Ein Vergleich des gesamten Kriegsrekords von nur zwei anderen
deutschen Generalen mit den Kriegstaten Sigels läßt unschwer erkennen,
daß in der einseitigen Hochhaltung Sigels seitens des deutschamerikanischen
Volkes eine unverdiente Bevorzugung liegt.
Hier möge eine derartige Gegenüberstellung der Leistungen folgen.
S
i g e l:
5 Aktionen, eine einzige große Schlacht, in welcher
Sigel als tüchtiger Korpsführer wirkte, eine Mittelschlacht Pea' Ridge,
in welcher Sigel als zweiter Führer auftrat und als eigentlicher Sieger
gelten kann, sowie zwei größere Gefechte, Wilsons Creek und New Market,
welche unter Sigels selbständiger Führung mit Niederlagen endeten, und
die Rückzuggefechte bei Bentonville und bei Carthage.
0 s t e r h a u s:
34 Aktionen, darunter viele große Schlachten und
größere Gefechte, daneben noch manche Scharmützel und Stellungskämpfe,
welche unerwähnt bleiben. Besondere Ruhmestaten: Pea Ridge (unter Sigel),
Arkansas Post, Kämpfe um Vicksburg, besonders die selbständig geführten
Gefechte am Big Black River (verwundet), Champion Hill, Sturm auf Vicksburg
am 22. Mai. Dann Lookout Mountain und Umfassung der Missionary Kidge
vom Süden aus; das furchtbar blutige Gefecht von Ringgold, in welchem
Osterhaus selbständig führte und über eine große Übermacht Sieger blieb.
Sodann Resaca, Dallas, Pumpkin Vine Creek und der vortrefflich ausgeführte
Durchbruch der Division Osterhaus bei Kenesaw Mountain sowie die vier
großen Schlachten um Atlanta. Osterhaus' Laufbahn als Korpsführer (von
Atlanta bis Savannah, Herbst 1864) brachte keine große Schlacht. Osterhaus
stand im Felde vom ersten bis zum letzten Schusse des Krieges.
W i l l i c h:
Diente ununterbrochen von April 1861 bis Februar 1864.
Er wurde durch schwere Verwundung dienstunfähig. Exerziermeister der
deutschen Muster-Regimenter 9. Ohio und 32. Indiana.
Über 30 größere Aktionen, darunter die fünf großen
Schlachten bei Shiloh, Perryville, Stone River, Chickamauga und Missionary
Ridge, sowie das Gefecht von Orchard Knob, welches für Willich besonders
ruhmreich war. Selbständig geführte siegreiche Kämpfe: bei Hoovers-
und bei Liberty Gap. Willich wurde leider erst sehr spät Divisionär.
Der Vergleich der gesamten Kriegstaten von Osterhaus
und Willich mit denjenigen Sigels wird genügen, um die irrige Anschauung
zu zerstreuen, daß Sigel der einzige bedeutende deutsche Feldherr
des Bürgerkrieges gewesen ist. Die einseitige Sigel-Schwärmerei der
Deutschamerikaner erscheint nicht allein als eine Ungerechtigkeit gegen
andere und sehr verdienstvolle deutsche Offiziere, sondern es wird dadurch
auch der große und schöne Anteil des deutschen Volksstammes an der Erhaltung
der Union leicht in ein wenig günstiges Licht gerückt. Denn man wäre
versucht, diesen Anteil wesentlich nach den Kriegstaten Sigels zu bemessen.
Eine solche Deutung liegt sogar recht nahe. Wegen der Zerstreuung von
vier Fünfteln der deutschen Soldaten in gemischten Regimentern läßt
sich jenes Wirken nicht aus der Wucht der deutschen Kriegsmassen nachweisen,
und man ist deshalb besonders auf die Leistungen der aus den Massen
hervortretenden deutschen Offiziere angewiesen.
Es wäre aber sehr wenig angebracht, wenn wir uns bei dieser
Beurteilung wesentlich auf die Kriegstaten Sigels stützen wollten, denn
wir würden dabei nicht zu unserem Rechte kommen.
Aus diesen Gründen wird es notwendig, die Sigelsche Angelegenheit hier
weit ausführlicher zu besprechen als notwendig wäre, wenn es sich dabei
nur um eine Personenfrage handeln würde. Und wenn danach unser Sigel
etwas kleiner erscheinen mag, als er sich auf seinen Reiterstandbildern
und in den Volksstimmungen, welche durch das aus Baden mitgebrachte
Vergrößerungsglas geschaffen wurden, ausnimmt - ein tüchtiger Mann,
vor dem jeder Deutsche und auch jeder Angloamerikaner den Hut abzunehmen
hat, bleibt er doch. Der im Grunde stets bescheidene und nur durch die
aufdringlichen Überschwenglichkeiten seiner Freunde zeitweise etwas
aus dem Gleichgewichte gebrachte Sigel hätte sicherlich nichts dagegen
einzuwenden, wenn seine Laufbahn nur nach seinen Kriegsleistungen bewertet
werden würde. Als Sigel mit dem noch grünen Kriegsruhme von Pea Ridge
im Mai 1862 nach Washington kam, um ein Kommando im Osten zu erlangen,
hatte er das ganze Achtundvierzigertum hinter sich. Und die »Grauen«
ebenfalls. Namentlich der graue Körner, einer der intimsten Freunde
Lincolns, setzte sich für Sigel ein. Mächtig wurde um jene Zeit die
Trommel für Sigel gerührt. Aber das war gar nicht nötig.
Als Körners Empfehlungsbrief vorgezeigt wurde und als der eben aus Spanien
zurückgekehrte Schurz Lincoln unter vier Augen gesprochen hatte, da
war schon alles fertig. Der Realpolitiker im Präsidentenstuhl wußte
wohl, was er den Deutschen zu verdanken hatte, und als diese Sigels
Ernennung zum Korpsführer verlangten, da sagte Lincoln gelassen »all
right «, ohne daß dem Intriganten Halleck Gelegenheit gegegeben wurde,
seine Gegenminen springen zu lassen **).
**) Sigel selbst war an dieser ganzen Sache fast
gar nicht beteiligt. Er war weit mehr der Geschobene als der Schiebende.
Auf die »praktische Politik« und deren Erfordernisse hat
sich dieser Träumer nie verstanden. Übrigens verdankt Sigel
seine Ernennung zum Brigadegeneral und zum Generalmajor ebenfalls wesentlich
den Achtundvierzigern.
Der Wunsch der Deutschen, neben den Massen deutscher Soldaten und Offiziere
niederen Ranges auch einen hervorragenden deutschen General zu den Heeren
der Union zu stellen, war natürlich und auch durchaus berechtigt. Die
Wahl fiel auf Sigel , denn er wurde von seinen achtundvierziger Freunden
für ein seltenes militärisches Genie gehalten, und außerdem waren ihm
jene Freunde zu Dank verpflichtet. Er hatte als der letzte Oberführer
der badischen Revolutionsannee gewirkt und die Reste derselben durch
einen geschickt durchgeführten Rückzug nach der Schweiz in Sicherheit
gebracht. Dadurch hatte er Hunderte von Freischärlern vor Verfolgung
und Standrecht gerettet. Sigel war auch der einzige deutsche Militär,
der einen berechtigten Kriegsruhm mit nach Amerika gebracht hatte.
Sigel ist stets ein merkwürdiger Pechvogel gewesen. Gerade nachdem er
bei Pea Ridge die schwere Schlappe von Wilsons Creek ausgewetzt hatte
- eine Tatsache, welche im Westen allgemein anerkannt wurde, während
das im Osten seitens der Westpointer niemals gebührend geschah - ließ
er sich nach der Potomacarmee versetzen. Er tat das lediglich um seinem
Feinde Halleck zu entgehen. Aber fast gleichzeitig mit Sigels Abgange
nach dem Osten wurde Halleck als Obergeneral sämtlicher Unionsheere
nach Washington versetzt. So kam Sigel aus dem Regen in die Traufe.
Denn Halleck hatte ihn in der neuen Stellung erst recht unter der Fuchtel,
und Hallecks Macht in Washington war eine ungleich größere, als sie
bisher in Missouri gewesen war. Wäre Sigel damals im Westen verblieben,
so konnte ihm Halleck weniger anhaben, denn dieser konnte sich um die
Dinge auf dem westlichen Kriegsschauplatze nicht so eingehend kümmern
**).** )Trotzdem hat Halleck
auch im Westen noch immer genug Unheil angerichtet.
Im Westen war Sigel bekannt, und seit Pea Ridge genoß er
dort wohlverdienten Ruhm. Auch fehlten dort die kleinen Quälgeister
Sigels, welche im Osten so zahlreichwaren. Er wäre dort freilich nicht
so bald Korpsführer geworden, aber was nützte ihm eine solche Stellung
überhaupt, da er dieselbe im Osten doch nicht zu behaupten vermochte?
Jedenfalls wäre Sigel im Westen ganz anders zur Geltung gekommen als
am Potomac. Zur Unzeit bewerkstelligte Sigel auch seinen Abgang von
der Potomacannee. Er ging gerade dann, als das II. Armeekorps eine stattliche
Truppe geworden war, als das seitherige I. (Sigelsche) Korps von nur
noch 5.000 Mann im Januar 1863 unter dem Namen des II. Korps auf über
12.000 Mann verstärkt wurde. Und er ging, als sich der Schreckenstag
von Chancellorsville bereits vorbereitete. Welche Gelegenheit zur Auszeichnung
hätte Sigel wohl am 2. Mai 1863 gehabt!
Denn daß Sigel an jenem Tage das Korps in eine gute Verteidigungsstelle
gebracht hätte, anstatt dasselbe, wie es sein Nachfolger Howard tat,
völlig schutzlos dem Überfalle einer vierfachen Übermacht preiszugeben,
ist mit Sicherheit anzunehmen. Der Überfall vom 2. Mai bot jedem einigermaßen
vorsorgenden Unionsführer eine glänzende Gelegenheit zur Auszeichnung
**). **)
Zum Beweise dieser Angabe dient der 3/4 stündige Heldenkampf Buschbecks
an jenem Tage. Man denke sich nun das ganze II. Korps auf dem freien
Gelände des Hawkinsschen Feldes, wo sich Artillerie verwenden ließ,
hinter Schanzen zum Empfang Jacksons aufgestellt, d. h. den von Schurz
vorgeschlagenen Plan zur Ausführung gebracht. Daß Sigel die Vorteile
einer solchen Stellung übersehen hätte, wird doch wohl niemand annehmen.
Nur ein Ignorant, wie es der Westpointer Howard war, konnte Schurz abweisen,
als ihm letzterer den Verteidigungsplan unterbreitete. Übrigens billigte
auch v. Steinwehr diesen Plan und führte ihn, soweit er es durfte, auch
durch. Denn die Schanzen, in welchen Buschbeck kämpfte, waren von Steinwehr
errichtet worden.
Sigel hätte sich an jenem Tage unsterblichen Ruhm erkämpfen
können, aber der »Pechvogel« **) hatte zu früh resigniert.
**) Ein Pechvogel blieb Sigel zeit seines Lebens. Das Glück lächelte
ihm auch später noch mehrmals, aber stets lag ein ganzer Berg von Unglück
dahinter. Wir erinnern an seine spätere politische Laufbahn in New York.
Wie wurde er von vielen beneidet um die einträglichen Ämter, welche
ihm zufielen. Und was wurde daraus für den bedauernswerten Sigel! Andere
hätten sich dabei ein Vermögen gemacht. Sigel aber litt damals wohl
noch mehr als jemals am Potomac. Fast bettelarm und gebrochen an Leib
und Seele zog er sich in das Privatleben zurück. Die Einzelheiten darüber
sollen nicht besprochen werden, sie sind ja auch vielen bekannt. Sigel
selbst blieb auch in jener »Hölle« der Ehrenmann, der er stets
gewesen ist. Daß er für die betreffenden Ämter nicht taugte, lag in
seiner eigenartigen Veranlagung sowie in seinem Bildungsgange.
Bei dieser Gelegenheit sei vorgreifend bemerkt, daß Sigel durch sein
letztes (das dritte) Rücktrittsgesuch, im Februar 1863, die für ihn
allerungünstigste Zeit gewählt hatte. Seine Feinde konnten ihm nachrufen:
»Da geht er nun, weil sein Stolz verletzt worden ist, weil er nicht
mehr eine Grand Division (zwei Korps) befehligen kann«. Da die Grand
Divisions aufgelöst worden waren und deshalb für Sigel nur noch das
II. Korps übrig blieb, so klang jenes »Argument« ja recht glaubwürdig,
aber für Sigels endgültigen Rücktritt waren die Gründe maßgebend, welche
er in seinem zweiten Abschiedsgesuche von Anfang Oktober 1862 angibt
(worüber später). Sigel hätte jedenfalls im Frühling 1863 noch ausharren
sollen. Die beste Zeit für seinen Rücktritt wäre aber unmittelbar nach
der zweiten Schlacht von Bull Run gewesen, wo er mit frischem Lorbeer
abtreten konnte. Aber wer kann sich in die Gemütsstimmung eines so viel
verärgerten Mannes versetzen, noch dazu eines so unpraktischen Träumers
und Idealisten, wie es gerade Sigel war. Wer kann von ihm voraussetzen,
daß er erkannte, wann die günstigste Zeit für »einen schönen Abgang«
vorhanden war! Die übereifrigen Freunde Sigels haben nicht erwogen,
daß es ihnen verhältnismäßig leicht war, Sigel die neue Stellung zu
verschaffen, daß es aber für diesen sehr schwer sein würde, sich als
Korpsführer zu behaupten.
Die Westpointer Offiziere der Potomacarmee sahen den neuen Kameraden
durchaus nicht mit deutschen Augen an. Sie betrachteten ihn
als einen Eindringling in ihren Kreis, als einen Fremdling, der einem
der Ihrigen einen guten Posten vorweggenommen habe. Gemurrt hatten diese
Herren schon, als die hervorragenden amerikanischen Politiker Banks
und Butler den Vorzug vor Westpointern erhielten aber bei dem großen
Ansehen dieser beiden Politiker kam es noch nicht zu einer Demonstration.
Sigel war aber der erste Ausländer, welcher als Korpsführer auftrat,
außerdem ließ sich gerade Sigel gegenüber der Standpunktder Westpointer
in günstigem Lichte darstellen. Die Organisation des östlichen Hauptheeres
war derartig, daß Lincoln den inneren Getriebe desselben völlig fernstand,
alle Befehle, besonders aber die Verteilung der neuorganisierten Truppen
auf die verschiedenen Armeekorps, wurden von Kriegsminister Stanton
und General Halleck erlassen, und es lag durchaus in der Macht dieser
Gewaltigen, einzelne Korps zu bevorzugen, andere zu vernachlässigen.
Daß Sigels Korps nicht bevorzugt wurde, dafür sorgte Herr Halleck in
ausreichendem Maße.
Und wie einzelne der Westpointer Oberführer ihren Kameraden
Sigel behandelten, ersieht man aus folgender Episode: Während
des ersten Schlachttages von Bull Run II waren die Divisionen Reno und
Kearney zur Unterstützung des im Vordertreffen kämpfenden Korps Sigel
aufgerückt. Sigel schickte einen Adjutanten zu Kearney und ließ denselben
ersuchen, gleichzeitig mit dem erneuerten Angriffe der Sigelschen Division
Schurz in den Kampf einzugreifen. Was antwortete der stolze Westpointer?
»Tell your General that I don't want any foreign interference with my
command.« Sigel hatte demnach nicht allein die obersten Militärbehörden
in Washington gegen sich, sondern auch noch das Mißtrauen, um nicht
zu sagen das Übelwollen seiner Westpointer Kameraden zu ertragen. Übrigens
wäre jeder Deutsche an seiner Stelle großen Schwierigkeiten begegnet.
Die einzigen Deutschen, welche sich dabei vielleicht durchgesetzt hätten
wären Schurz, möglicherweise auch v. Steinwehr gewesen. Bei Schurz hätte
dessen hervorragende politische Stellung und die glänzende Begabung
als Redner Respekt eingeflößt, bei Steinwehr dessen Beteiligung am Mexikanischen
Kriege und seine den älteren Westpointern wohlbekannte militärische
Erfahrung.
Daß Schurz in militärischen Dingen ein Neuling war, wäre weniger
in Betracht gekommen, an die politischen Generale hatten sich die Westpointer
bereits etwas gewöhnt. Jedenfalls würde das unbeschriebene Blatt Schurz
diesem weniger geschadet haben, als Sigel das von ihm bereits in Missouri
beschriebene Blatt geschadet hat. Schurz sowohl wie Steinwehr kannten
die Verhältnisse in Amerika weit besser als Sigel, auch besaßen beide
ein gewisses diplomatisches Talent sowie die Fähigkeit, sich den gegebenen
Verhältnissen eher anpassen zu können, als es der Urteutone Franz Sigel
verstand. Daß die Westpointer Berufsoffiziere das erste Anrecht auf
die obersten Führerstellen besaßen, kann wohl nicht bestritten werden.
Auch wurde ihnen von der öffentlichen Meinung diese Bevorzugung durchaus
zugebilligt. Schon die Tatsache, daß sie der Union treu geblieben waren,
während eine Mehrzahl ihrer Kameraden für den Landesfeind optiert hatte,
gab ihnen in derVolksanschauung das Recht auf Begünstigung.
Auch haben sich die amerikanischen Berufsoffiziere
stets als eine besondere Kaste gefühlt. In Friedenszeiten wurde
das von niemand beachtet, aber als nach Ausbruch des Krieges jene Herren
als eine für ihre Standesinteressen kämpfende Gesellschaft auftraten,
wurde das von den Massen des Nordvolkes als angemessen betrachtet. Der
brave Bürgersmann im Norden besaß auch eine sehr hohe Meinung von der
Tüchtigkeit der Westpointer. Erst nachdem bei Fredericksburg und Chancellorsville
so viele Berufsoffiziere versagt hatten, aber von der Offiziersclique
trotzdem in hohen Stellungen weiter gehalten wurden, machte sich eine
starke Gegnerschaft in bezug auf die Westpointer geltend. Übrigens hätte
keine andere auf Selbstachtung haltende Nation ihre aus freiwillig dienenden
Patrioten bestehenden Truppen unerprobten ausländischen Offizieren anvertraut,
solange im Inlande vorgebildete Offiziere dafür vorhanden waren. Ferner
haftet jedem im Auslande auftretenden Ex-Offizier anderen Volkstums
ein gewisses Odium an. Man sucht nach den Gründen, weshalb der Herr
seine Stellung im heimatlichen Heere mit dem Exil vertauscht haben mag.
Daß auf die Berufsoffiziere unter den deutschen Achtundvierzigernein
derartiger Verdacht nicht ausgedehnt werden durfte, berücksichtigte
man in den angloamerikanischen Kreisen nicht. Was wußten die Westpointer
von der achtundvierziger Erhebung in Deutschland!
Auch könnte man bezüglich der Vorurteile der Amerikaner gegen die Verwendung
ausländischer Offiziere in hohen Stellungen noch ein sehr lehrreiches
Beispiel aus dem Revolutionskriege herbeiziehen. Welchen Schwierigkeiten
begegnete doch der große Steuben bei seinen Kameraden, nachdem ihn Washington
zu dem Amte des Generalinspektors der Armee ernannt hatte. Auch Steuben
wurde es sehr schwer, sich durchzusetzen, obschon Washington ihn stets
stützte. Und Washington war doch noch ein anderer Mann als der gewiß
nicht unbedeutende Lincoln. Und Sigel war gewiß kein Steuben. Die ganz
besonderen Schwierigkeiten, welchen Sigel am Potomac begegnete, ergaben
sich, abgesehen von dem Hauptgrunde, der Feindschaft Hallecks, aus folgenden
Dingen: Als Sigel Korpsführer wurde, fragten die Westpointer: »Wer ist
denn dieser aus dem Westen hergeflogene Fremdling eigentlich, was hat
er im Westen getan, um nun plötzlich als einer der ersten Offiziere
der amerikanischen Garde **) auftreten zu dürfen?«
**) Die Potomacarmee betrachtete sich stets
als eine Art Gardetruppe, und viele der in diesem Heere dienenden Offiziere
blickten auf die westliche Armee als eine
Art von organisierten Mob herab. Diese Anschauung ist wesentlich daraufzurückzuführen,
daß das Ziel der Potomacarmee stets die Eroberung der Rebellenhauptstadt
Richmond war, sowie daß die Potomacarmee die bedeutendsten Heerführer
des Gegners, Lee und Jackson, sowie die besten Truppen des Südens
zu bekämpfen hatte.
Da Halleck kurz vorher vom Westen in Washington angekommen war,
so glaubten die Fragenden alles Material über Sigel bei Halleck zu finden.
Und Halleck kargte durchaus nicht mit seinen Mitteilungen. Übrigens
verwies er auch noch auf die beträchtliche Anzahl Westpointer Offiziere,
welche mit Sigel zusammen im Westen gekämpft hatten. Das Ergebnis solcher
Nachfragen war nun allerdings für Sigel ein sehr wenig günstiges. Als
die Potomac-Herren erfahren hatten, daß Sigels Brigade bei Wilsons Creek
völlig aufgelöst worden war, daß Sigel dort von sechs Kanonen fünf,
sowie eine Fahne und ein Viertel seiner gesamten Mannschaft als Gefangene
verloren hatte, daß Sigels Truppen, ohne einen Schuß abzugeben, in wilder
Flucht davongelaufen waren **)
**) Am stärksten sprach gegen Sigel, daß er
auf der Flucht von Wilsons Creek v o r seinen geschlagenen Truppen in
Springfield eingetroffen war. Daß dieses auf einen besonderen Unglücksfall
zurückzuführen war, wußte man nicht. Die Sache machte aber einen sehr
schlechten Eindruck. Es wurde behauptet, Sigel habe seine Truppen im
Stich gelassen und sei allein geflohen.
Da wog Sigels spätere Siegestat bei Pea Ridge nicht viel, zumal ja Sigel
in letzterer Schlacht unter einem Westpointer (Curtis) gekämpft hatte.
Auch Sigels sonstiger Kriegsrekord in Missouri wurde in denkbar schlimmster
Weise dargestellt. Bei Carthage habe Sigel ein Angriffsgefecht schon
abgebrochen, nachdem dasselbe kaum eröffnet worden war, und auf dem
Rückzuge von Springfield nach Rolla habe Sigel durchaus unmilitärisch
gehandelt**), so hieß es.
**) Allerdings hatte sich Sigel bei Carthage
sowohl, als auf jenem Rückzuge nach Rolla Blößen gegeben. Sigel hat
bei jenen Aktionen seinen deutschen Idealismusmit seinen militärischen
Pflichten zu vereinigen versucht. Als er bei Carthage jeden Mann seiner
kleinen Brigade zusammenhalten mußte, um gegen drei gegen ihn anrückende
weit überlegene feindliche Abteilungen auftreten zu können, hatte er
seine Kompagnie Conrad nach Neosha abkommandiert, um die wenigen unionstreuen
Bürger jenes Städtchens zu schützen. Das war fast ein Zehntel seiner
ganzen Mannschaft. Conrad wurde in Neosha von McCulloch gefangen, am
selben Tage, an welchem sich Sigel mit den Konföderierten unter Jackson
bei Carthage schlug. Die Abkommandierung Conrads war vom militärischen
Standpunkte aus sicherlich falsch. Auch war es von Sigel sehr gewagt,
daß er bei der großen Retirade von Springfield nach Rolla mehrere hundert
unionstreue Flüchtlinge mitsamt deren Wagen, Hausrat, Viehherden, Frauen,
Kindern und Anhang mitgenommen hat. Dadurch wurde der Marsch stark verzögert,
die Linie wurde ungeheuer ausgedehnt, die Truppen hätten sich nicht
vorteilhaft verteidigen können wenn sie auf diesem, 120 Meilen langen,
über Gebirgsland und auf schlechten Wegen durchgeführtenRückzuge von
der sehr zahlreichen Reiterei des Feindes angegriffen worden wären.
Das geschah zum Glück nicht, aber vom militärischen Gesichtspunkte aus
ist die Mitnahme jener Kostgänger gewiß nicht zu verteidigen. Bei der
Durchführung militärischer Aufgaben darf die Gutherzigkeit des Führers
keine Rolle spielen. Die Westpointer beurteilten Sigels Leistungen bei
diesen Aktionen nur nach solchen Grundsätzen. Mit einem Träumer und
Idealisten wußten sie nichts anzufangen. Übrigens muß zugestanden werden,
daß das Gefühl dem Soldaten ein schlechter Berater ist.
Alle diese Dinge wurden in starken Übertreibungen aufgetischt,
aber es lagen denselben manche doch gar nicht zu leugnende Tatsachen
zugrunde. Die Abneigung gegen Sigel war schon von Anfang an vorhanden.
Aber diese Stimmung nahm eine weit ernstere Gestalt an, nachdem Sigels
unglückliches Debut bei Wilsons Creek bekannt geworden war. Es sei hier
eine Beurteilung Sigels durch einen Westpointer Offizier eingeschaltet,
der noch durchaus nicht das Schlimmste über Sigel sagt,was in diesen
Kreisen von ihm gesagt worden ist. Es ist der amtliche Bericht des Generals
Schofield an Halleck. Beachtenswert ist dabei zunächst, daß dieser Bericht
v o r Sigels bester Tat bei Pea Ridge geschrieben wurde. Ferner ist
die sehr wenig imponierende Begabung Schofields für die Beurteilung
Sigels in Betracht zu ziehen.Nur als Stimmungsbild, nur als ein Beweis,
wie den bei Wilson's Creek im Kampfe gestandenen Westpointer Offizieren
der Brigadier Sigel erscheint, hat dieser Bericht einige Bedeutung:
»An General Halleck! 13. Februar 1862.
Meine Stellung als Stabsoffizier des Generals Lyon gab mir günstige
Gelegenheiten, um über General Sigels Verdienste als Offizier zu urteilen,
und deshalb erkannte ich seine guten sowohl als seine schlechten Eigenschaften
wohl sicherer als die meisten derjenigen, welche ihn zu beurteilen unternehmen.
General Sigel steht in bezug auf seine theoretische Ausbildung weit
über dem Durchschnitt der amerikanischen Befehlsführer. Er hat die Kunst
der Strategie mit großer Sorgfalt studiert und er scheintin den Feldzügen
der großen Heerführer gründlich bewandert zu sein, soweit als sich dies
bezieht auf deren wichtigste strategische Maßregeln. Er scheint auch
die Pflichten eines Stabsoffiziers gut zu kennen, aber in bezug auf
Taktik, große und kleine Logistik (die Wissenschaft, welche Zeit und
Raum für die taktischen Bewegungen von Truppen ermitteln läßt) und Disziplin
ist er sehr minderwertig (very deficient). Diese Mängel sind so auffällig,
daß es ihm absolut unmöglich ist, das Vertrauen amerikanischer Offiziere
und Mannschaften zu gewinnen, sie schließen ihn von der Bekleidung eines
hohen Kommandos in unserer Armee aus. Obschon ich den General Sigel
durchaus nicht in der übertriebenen Weise verurteile wie es so viele
tun, sondern im Gegenteil bei ihm sehr viele gute Seiten (fine qualities)
erblicke, so würde ich doch meine Pflicht vernachlässigen, wenn ich
nicht protestieren würde gegen die Ernennung eines Mannes zu einem hohen
Kommando, von welchem ich annehmen muß, daß er nicht das Vertrauen der
Truppen erlangen kann, welche er befehligen soll.
0. M. Schofield, Brigadegeneral.«
Aber
auch Sigels Persönlichkeit, sein ganzes Wesen und Auftreten, machten
ihn ungeeignet zu der Aufgabe, sich bei den Westpointern durchzusetzen.Von
allen Träumern und Idealisten der achtundvierziger Einwanderung war
Sigel derjenige, auf welchen jene Bezeichnungen vielleicht am meisten
zutreffen. Er war der Typ des weltfremden deutschen Gelehrten, der für
seine Umgebung kein Auge ha tund nur seine eigenen Wege geht. In seinem
Äußeren und in seinem ganzen Auftreten erinnerte absolut nichts an den
forschen Soldaten. Er glich weit mehr einem grübelnden deutschen Schulmeister,
und zu Pferde machte der kleine dürre Mann mit der ewigen starren Leichenbittermiene
einen sehr wenig heldenmäßigen Eindruck. Derselbe Mann, welcher hunderte
von bedrohten Unionsflüchtlingenaus Südmissouri in Sicherheit gebracht
hatte, und der dann wochenlang in St. Louis herumgelaufen war, um diesen
armen Leuten Arbeit zu verschaffen, entbehrte ganz und gar der Gabe,
Wärme um sich her zu verbreiten und neue Freunde zu gewinnen.
Sigel gab sich Fremden, besonders Nichtdeutschen gegenüber, so, daß
es direkt abstoßend wirkte. Man mußte ein Deutscher sein, um ihn wirklich
kennen und schätzen zu lernen. Aber die Westpointer Kameraden sahen
keine Veranlassung, diesen »Eisblock«, wie sie ihn nannten, aufzutauen.
Mit einem Wort: Sigel war viel zu deutsch, um sich als Korpsführer in
der Potomacarmee wirklich einbürgern zu können. Hören wir, was sein
lebenslänglicher Freund Schurz über ihn zu sagen hat: »Sigel besaß nur
sehr wenig von den liebenswürdigen Verkehrsformen, welche Übelwollen
entwaffnen und in gute Kameradschaft umwandeln können. Seine Unterhaltung
entbehrte sehr der sympatischen Elemente. Es war etwas Reserviertes,
wenn nicht gar Abstoßendes in seinem Wesen, was eine freundschaftliche
Annäherung eher erschwerte als förderte.« In seinem zweiten Rücktrittsgesuche
von Anfang Oktober 1862 (Sigel zog dasselbe zurück, nachdem ihn Burnside
an die Spitze einer der vier neuen Grand Divisions gestellt hatte) gibt
Sigel die Gründe an, weshalb er nicht in der Potomacarmee verbleiben
könne.
Sigel stand damals mit seinem auf knapp 5.000 Mann heruntergebrachten
Korps in Zentralvirginien in einer sehr exponierten Stellung.
Er hatte die Aufgabe zu verhindern, daß die im Shenandoahtal von McClellan
in so schläfriger Weise verfolgte Armee Lees die Pässe der Blue Ridge
überschreiten, und in Zentralvirginien eindringen könne. Sigels Beschwerden
waren folgender Art: »Man hat mich einem jüngeren General unterstellt.
Man hat mein kleines Korps durch Abkommandierung von Brigade Müroy noch
mehr geschwächt. Man hat mich auf einen Posten gestellt, den niemand
mit den gegebenen Mitteln behaupten kann. Man hat die für mich in verschiedenen
Nordstaaten ausgehobenen neuen Regimenter bis auf ein einziges anderen
Korps zugeteilt. General Halleck hat mich persönlich und in amtlichen
Schriftstücken in grober Weise beleidigt. Für meine Artillerie und Reiterei
sind mir keine Pferde geliefert worden. Der Sold meiner Soldaten ist
seit sechs Monaten rückständig. Da ich keine bessere Behandlung erwarten
kann, und da meine Soldaten nicht länger unter der gegen mich vorherrschenden
Stimmung leiden sollen, so will ich den Abschied nehmen.
Sechs Gouverneure bezeugten Sigel, daß Truppen ihrer Staaten besonders
für Sigels Korps ausgehoben waren, aber daß dann anders über diese Truppen
verfügt worden sei. Alle diese Klagen waren durchaus berechtigt und
entsprachen den Tatsachen. Zurückzuführen sind diese Schikanen ausschließlich
auf Halleck, sowie auf den durch Halleck in dieser Sache beeinflußten
Kriegsminister. Aber die der Feindschaft Hallecks gegen Sigel zugrunde
liegenden Dinge waren Sigels Freunden damals nur teilweise bekannt und
so bildete sich in der deutschen Presse die Ansicht heraus, daß der
Nativismus als die Hauptursache jener Verfolgungen angesehen werden
müsse. Diese Meinung wurde dann das Hindernis, um zu erkennen, daß gerade
Sigel die am wenigsten geeignete Persönlichkeit war, um in der Potomacarmee
durchzudringen. Sigel wäre dort auch gescheitert, wenn er ganz hervorragende
Feldherrngaben besessen hätte. Es war auch sehr schwierig, Sigel zu
verteidigen.
Wilsons Creek sowie Sigels Persönlichkeit sprachen zu stark gegen
ihn. Übrigens muß betont werden, daß Sigel stets viel zu sehr in den
Händen seiner Freunde gewesen ist und daß diese Freunde seine Verteidigung
durchaus nicht immer geschickt geführt haben. So z. B. unterließen sie
es, ihn von dem entscheidenden Rücktrittsgesuche abzuhalten und zu verhindern,
daß er anscheinend als ein »Sorehead« zurücktrat, als ein Mann, der
deshalb ging, weil er nicht mehr zwei Anneekorps befehligen konnte.
Die Treue der Achtundvierziger, Sigel gegenüber mag man in Ehren halten.
Aber es wäre wünschenswert gewesen, wenn sie mit mehr Logik gepaart
in die Erscheinung getreten wäre. Die Achtundvierziger, welche damals
die deutsch-amerikanische Presse beherrschten, waren meistens unbeugsame
Prinzipienreiter. Zuzugeben, daß sie selbst einen Fehler begangen hatten,
als sie Sigel für jene Stellung empfahlen, erschien ihnen durchaus unstatthaft.
Sie hätten ihrem Schützling leicht ein neues Kommando im Westen
verschaffen können, aber das hielten sie für würdelos. Sie
meinten, ein ehemaliger Führer einer Grand Division könne nicht mehr
als simpler Divisionär wirken, und doch finden wir abgesetzte Oberbefehlshaber
der Potomacarmee, wie Burnside und Hooker und manche andere, später
in niederen Stellungen. Übrigens hat auch Sigel nach seinem Rücktritt
als Führer einer Art Polizeitruppe in Pennsylvanien gewirkt. Der Zeitungskrieg
zugunsten Sigels dauerte in den deutschen Blättern auch dann noch fort,
nachdem Sigel längst abgedankt hatte. Bald darauf gewährte das schamlose
Auftreten der Westpointer gegen die deutschen Soldaten (Chancellorsville)
den Verteidigern Sigels scheinbar eine Rechtfertigung. Sie konnten behaupten,
daß die Erfinder des Sündenbocks von Chancellorsville dieselben Leute
waren, welche Sigel aus der Potomacarmee verdrängt hatten. Soweit dieses
die beteiligten Personen betraf war das richtig, auch die niedere Gesinnung,
welche in den beiden Geschehnissen zutage trat, ging von der Halleckschen
Clique aus, aber die den beiden Handlungen zugrunde liegenden Ursachen
waren doch weit voneinander verschieden.
Nachdem Sigel im Frühling 1864 abermals als Korpsführer aufgetreten
war, die Schlacht von New Market verloren hatte und dann von
Grant sofort abgesetzt wurde, empfanden das Sigels Freunde als eine
unverdiente Härte, angesichts der Tatsache, daß so viele Westpointer
nach den kläglichsten Niederlagen in ihren Stellungen verblieben. Man
beachtete nicht, daß die Stellung des Halleckschen Westpointerrings
um jene Zeit eine ungeheuer mächtige war und daß ein dieser Clique Angehöriger
ungestraft sündigen durfte, während Sigel, der 1864 doch wieder in der
Potomacarmee stand, die amtliche Guillotine gleichsam im Tornister mit
sich führte. Dieselbe wirkte im Falle eines Versagens des Generals automatisch.
Übrigens ist auch mit solchen Westpointem, welche nicht zur Halleckschen
Clique gehörten, sehr wenig Federlesens gemacht worden. Der verdienstvolle
Rosecrans »flog« ebenso prompt wie Sigel, und doch wurde die Konfusion
in der Schlacht am Chickamauga nicht durch Rosecrans veranlaßt, sondern
sie war eine Folge der Verspätung des Korps McCook.
Sigel durfte überhaupt nicht zum zweiten Male in die Potomacarmee eintreten,
denn solange Halleck und Stanton dort dem inneren Betriebe vorstanden,
war für ihn kein ersprießliches Wirken zu erhoffen. Sigel hatte sich
wohl auf Grant verlassen, den neuen Obergeneral aller Unionheere. Er
mag gedacht haben, daß Grants Einfluß Halleck bald beseitigen werde,
denn Halleck hatte Grant im Sommer 1862 ja noch schändlicher behandelt
als Sigel selbst von Halleck behandelt worden ist. Aber Grant, welcher
als Sieger von Fort Donelsonvon Halleck abgesetzt und während der Corinther
Kampagne Hallecks von diesem in würdeloser Weise gemaßregelt worden
war, hatte aus Gott weiß welchen Gründen im Jahre 1864 seinen Frieden
mit seinem alten Feinde gemacht, und unser deutscher Pechvogel Sigel
wurde dann der Prügeljunge der beiden. Sigel durfte nicht im Osten kleben
bleiben. Aber er blieb dort trotz der unüberwindlichen Schwierigkeiten,
und so wurde er zerrieben bei dem Versuche, sich in Stellungen zu halten,
die niemand in seiner Lage behaupten konnte.
Während der ganzen vier Kriegsjahre hat Sigels Name beständig
vor dem deutschen Volke in Amerika gestanden als ein wesentlich um seines
Volkstums Verfolgter und Gepeinigter. Diese ewige Rechtfertigung, diese
beständige Verteidigung Sigels, dieses Eintreten seiner Freunde für
ihn durch dick und dünn, gepaart mit dem systematisch durchgeführten
Totschweigen seiner mancherlei Verfehlungen, hat viel beigetragen, um
Sigel den Nachruhm zu verschaffen. Die Tradition eines halben Jahrhunderts
hat diesen Ruhm noch gesteigert. Da die Achtundvierziger wahrlich genug
mit Sigel zu tun hatten, so fanden sie gar keine Zeit, der übrigen deutschen
Heerführer gebührend zu gedenken. So sind diese so gut wie verschollen.
Franz Sigel aber steht in Erz gegossen hoch zu Roß sowohl in St. Louis
als in New York. Aber dürfen wir uns dauernd von solchen Stimmungen
beherrschen lassen? Zu Sigels Kriegsruhm hat auch das schöne Gedicht
von G. P. Robinson beigetragen, welches von Straubenmüller in New York
verdeutscht und von Sigel selbst in Musik gesetzt worden ist.
Sieht man genauer nach, so feiert jenes Lied weniger Sigel selbst als
den deutschen Soldaten, welcher für die Union unter einem Landsmanne
kämpfen will. Robinson hat mit seinem Schlager: »I fights
mit Sigel« unbewußt einen Ton getroffen, der im Gemüt des gemeinen
deutschen Mannes einen kräftigen Widerhall fand. Die Deutschen hatten
einen starken Drang unter Sigel, d. h. unter deutscher Führung zu kämpfen,
es war der landsmannschaftliche Korpsgeist, es war die Stimme des Blutes,
welche jene Strophe ausklingen ließ. Schurz hat dieser Stimme in seiner
Dankesrede an seinem 70. Geburtstage einen beredten Ausdruck gegeben.
Er sagte damals: »Ich kann diese Ehrung mit gutem Gewissen auch insofern
annehmen, als bei all meinen Beteiligungen an öffentlichen Angelegenheiten
mir, als einen deutsch geborenen Bürger, stets der Gedanke gewärtig
war, daß ich vor allem dem deutschen Namen in Amerika niemals Schande
machen dürfe. Das ist mein redliches Bemühen gewesen.«
Derselbe Gedanke hat auch, vieleicht ihnen selber unbewußt, die
deutschen Soldaten beherrscht. Ob sie dabei klar vor Augen hatten, daß
sie im Kampfe für die Aufrechterhaltung der Union auch gleichzeitig
für die Ehre des deutschen Volkstums kämpfen konnten, mag dahingestellt
bleiben, jedenfalls finden wir die Tatsache vor, daß alle r e i n deutschen
Regimenter Elitetruppen waren. Die amerikanischen Militärbehörden hätten
sicherlich klug gehandelt, wenn sie diesem landsmannschaftlichen Korpsgeiste
bei den Deutschen sowohl wie bei Irländern und Engländern mehr Rechnung
getragen hätten. Leider hat Sigel selbst verhindert, daß die deutschen
Soldaten zu einer starken Truppeneinheit sich zusammenfinden konnten.
Als er das Fremont Korps übernahm, fand er darin die reindeutsche
Division Blenker vor, welche damals noch 6.000 Mann zählte. In einem
seiner ersten Berichte ans einen Chef Pope meldet Sigel: »Die Division
Blenker hat zu existieren aufgehört.« Sigel hatte, angeblich um Zwistigkeiten
unter den Brigadiers zu beseitigen die einzelnen Brigaden der deutschen
Division auf die drei Divisionen des Korps verteilt. Dadurch wurde die
größte deutsche Truppeneliteeinheit vernichtet und später war es nicht
mehr möglich, ein reindeutsches Korps zu schaffen. Allerdings konnte
unter Sigels Führung aus den geschilderten Ursachen ein rein deutsches
Korps niemals errichtet werden. Aber einem Nachfolger mochte gelingen,
was Sigel nach der Lage der Dinge versagt bleiben mußte. Zum II. Korps
traten etwas später die deutschen Regimenter 82. Illinois 26. Wisconsin
und 107. Ohio. Das wäre schon eine neue Brigade gewesen und die zweite
hätte sich gewiß auch noch finden lassen, wenn die Deutschen ernstlich
danach gestrebt hätten. Nach Beseitigung der Stammdivision war jedoch
alles Mühen vergeblich. Die Laufbahn der übrigen deutschen Offiziere
ist erheblich benachteiligt worden durch die unglückliche Stellung,
in welche Sigel gebracht worden war. Schon das klägliche Versagen Blenkers
hatte recht ungünstig auf das Vorrücken der deutschen Führer eingewirkt.
Der Fall Sigel steigerte das Vorurteil der Westpointer gegen die deutschen
Offiziere jedoch noch mehr. Wir sehen das besonders an dem
langsamen Aufrücken der Osterhaus, Willich, v. Steinwehr, Buschbeck
usw. Der echte Held Buschbeck wurde nicht einmal Titular-Generalmajor,
und sein ebenso wackerer Kamerad v. Wangelin entbehrte ebenfalls
dieser Auszeichnung. Der hochbegabte v. Schimmelfennig blieb
Divisionär und Männer wie v. Gilsa und Kryzanowski
schieden als Obersten aus der Armee, also mit einem Range, mit welchem
sie in das Heer eingetreten waren. Und das deutsche Volk in Amerika
hat diese wie so viele andere bedeutende deutsche Offiziere so gut wie
vergessen.
Startseite