Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK D. KUEGLER, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© NORD & SÜD, Rainer Delfs, Der Atlanta-Feldzug
Veröffentlichungen des Center of Military History der U. S. Army, des US Nationalarchivs,
sowie zeitgenössische Dienstvorschriften der U. S. Army

DER ATLANTA-FELDZUG

 


ATLANTA

 

 

 

 

 

Einführung


Der Frühling des Jahres 1864 eröffnete eine neue Ära für die Armeen der Union. Der Krieg gegen die Konföderation dauerte nun schon drei Jahre. Noch immer schützten zwei große Armeen die Konföderation - sie deckten Richmond, ihren Kopf, und Atlanta, ihr Herz. Der Helm der Rebellen war Lees Nord-Virginia Armee; der Schild vor seinem Herzen war Johnstons Tennessee-Armee. Den einen zu zerschlagen oder den anderen zu durchbohren wäre der Todesstoß für den Süden gewesen.
Bis dahin hatte die Nord-Virginia-Armee Richmond gegen die aufeinanderfolgenden Angriffe von McDowell, McClellan und Burnside geschützt, und Lee hatte, nachdem Burnside zurückgeschlagen worden war, kühn die Marschrichtung herumgedreht und war in Pennsylvania eingefallen, hatte dabei auf seinem Vormarsch nach Norden fast den Susquehannah berührt. Dieser Wagemut hatte seine Bestrafung in Gettysburg gefunden.
Die Kontrolle über den Mississippi durch die Union hatte die westliche von der östlichen Hälfte der Konföderation getrennt. Zwischen dem Mississippi und der Kette der Appalachen waren die Wogen der Kämpfe hin und her gebrandet; sie waren in die nördliche und die südliche Richtung geflutet, je nach den unterschiedlichen Bedingungen des Krieges.
Präsident Jefferson Davis hatte eine Vorliebe für eine aggressive Strategie in der Kriegsführung. Zu einem früheren Zeitpunkt war die Invasion der Nordweststaaten mit einer großen Armee durchführbar gewesen und hatte die Pläne der Unionsgeneräle, den Kriegsschauplatz weiter nach Süden vorzuschieben, zunichte gemacht. Major-General Braxton Braggs Invasion in Kentucky war der letzte dieser Versuche, der beachtliche Resultate versprach. Sein einziger Erfolg jedoch war, daß er den Konföderierten eine Atempause beim Vorrücken der Unionsarmee erbrachte.

Nach und nach wurde Grants Befehlsbereich erweitert, bis er im Jahre 1864 alle Westarmeen - mit Ausnahme derjenigen am Golf - befehligte.
Aber noch lag die militärische Führung aller Unionsarmeen in den Händen General Henry W. Hallecks in Washington.
Heute ist klar, daß es mehrere Gründe dafür gab, daß es damals für jeden Offizier in einer vergleichbaren Position wie Halleck - wie groß auch seine militärischen Fähigkeiten sein mögen - unmöglich ist, die gesamtstrategische Lage bei einer militärischen Auseinandersetzung solcher Größenordnung immer richtig zu beurteilen. Vor allem mußte Hallecks Kriegsführung rein theoretischer Natur sein, weil er keine große praktische Kriegserfahrung besaß.
Im Krieg gegen Mexiko war er aufgrund einiger erfolgreich geführter Gefechte gegen den Feind zum Captain ernannt worden. Er hatte in West Point als Drittbester seines Jahrgangs abgeschlossen und war dann ein Jahr lang als Assistenzprofessor für Maschinenbau an der Akademie tätig gewesen. Er hatte einige bedeutende militärische Schriften veröffentlicht. In diesem Bürgerkrieg aber hatte er an keiner einzigen Schlacht teilgenommen, und das einzige Unternehmen, das er geführt hatte, war die Verlegung seiner Westarmee zu den geräumten Festungen bei Corinth gewesen. Ohne praktische Erfahrung mußte er sich auf die Theorie stützen, und häufig basierten seine Theorien auf nicht hinreichend fundierten Prämissen.

 

CSA-Generale im Atlanta-Feldzug

 

Lieut.-General Nathan B. Forrest
Lieut.-General William J. Hardee
Major-General Joseph Wheeler
Lieut.-General Nathan B. Forrest
Lieut.-General William J. Hardee
Major-General Joseph Wheeler
Lieut.-General Alexander P. Stewart
Lieut.-General Stephan D. Lee
Major-General Samuel G. French
Lieut.-General Alexander P. Stewart
Lieut.-General Stephan D. Lee
Major-General Samuel G. French

 

Zum zweiten führte die räumliche Entfernung zu den Kriegsschauplätzen und die darauf zurückzuführende Unkenntis der jeweiligen Umstände - wo Halleck doch seine Untergebenen nach einheitlichen strategischen Maßstäben hätte führen müssen! - ebenfalls dazu, daß er große Fehler beging. Besonders in Fällen, wo er strenge, kategorische Befehle erteilte - oder genau ins Gegenteil verfiel und Feldzüge sozusagen ihrer eigenen Entwicklung überließ, und das in einem solchen Ausmaß, daß niemand voll und ganz für deren Verlauf und deren Ergebnis verantwortlich gemacht werden konnte.
Halleck zog zu viel Eigenverantwortlichkeit auf sich, wenn er seine strenge kategorische Befehlsgewalt ausübte; und in jenen gegenteiligen Fällen, in denen er die Zügel schleifen ließ und alles dem Ermessen seiner Untergebenen überließ - wie im Falle des Red-River-Feldzugs -, gab es keine einheitlichen, abgestimmten Aktionen, keine übergeordnete Kontrolle durch einen Mann! Die einzige Ausnahme in Hallecks militärischer Anarchie bildete General Grants Kommando, und zwar einfach deshalb, weil Grant in seinem gewaltigen Militärbereich die umfassendste Befehlsgewalt über seine Armeen übergeben worden war.
Hier lag eine teilweise Lösung des Problems.
Und warum sollte man nicht eine endgültige Lösung dadurch finden, indem man sämtliche Armeen General Grants Befehl - unter dem Oberbefehl des Präsidenten - unterstellte?
Die Stimme des Volkes befürwortete lautstark und einheitlich eine solche Lösung, und der 38. Kongreß führte zu diesem Zweck - bevor er seine erste Sitzungsperiode abschloß - wieder den Rang des Lieutenant-Generals ein.
Am 2. März 1864, nachdem der Präsident Grant in diesen Rang erhoben hatte, wurde er vom Senat in einer Geheimsitzung bestätigt. Zwei Tage später wurde General Grant, zu diesem Zeitpunkt in Nashville, zu einem persönlichen Lagebericht nach Washington beordert. Nur General Washington war vorher mit demjenigen Rang geehrt worden, der nun General Grant verliehen wurde. Im Jahre 1798 waren die Beziehungen zu Frankreich an einem Punkt angelangt, der eine Kriegsbedrohung nicht ausschloß, und während dieser Krise wurde Washington zum Lieutenant-General befördert. Im darauffolgenden Jahr hätte er den höchsten (vollen) Generalsrang erhalten, wäre er nicht zuvor gestorben. Nach General Winfield Scotts fehlgeschlagener Präsidentschaftskandidatur im Jahre 1852 wurde ihm der Rang eines Generals mit Brevet (ein Offizierspatent, das nur einen höheren Rang, aber keine höhere Besoldung mit sich bringt) verliehen.

Das Gesetz zur Wiedereinführung des Ranges eines Lieutenant-Generals wurde vor dem Kongreß vom Kongreßmitglied E.B. Washburn verlesen:

Hiermit wird vom Senat und Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten von Amerika vor dem versammelten Kongreß zum Gesetzerhoben, daß der Rang eines Lieutenant-General in der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika wiedereingeführt wird, und der Präsident wird hiermit ermächtigt, daß er, wann immer er es für angebracht erachtet, auf Empfehlung und mit Zustimmung des Senats einen Befehlshaber der Armee ernennen kann, der während des Krieges aus denjenigen Offizieren im Dienste der Armee der Vereinigten Staaten aufgrund seiner Sachkenntnis, seines Mutes und seiner Fähigkeiten ausgewählt wird und mindestens den Rang eines Major-Generals innehat, und der, mit Ernennung zum Lieutenant-General, das Recht erhalten soll, die Armeen der Vereinigten Staaten unter dem Oberbefehl des Präsidenten zu führen...

 

 

Lieutenant-General U.S. Grant



General Orders No. 98

Kriegsministerium 12. März 1864.

Der Präsident der Vereinigten Staaten bestimmt hiermit:
1. Major-General Halleck wird auf eigenen Wunsch von seinen Pflichten als befehlshabender General der Armee entbunden.

<< Lieutenant-General U.S. Grant wird der Oberbefehl über die Armeen der Vereinigten Staaten übertragen.
     Das Hauptquartier der Armee verbleibt in Washington: den Oberbefehl im Felde führt Lieutenant-General Grant.

2. Major-General Halleck wird zum Generalstabschef der Armee in Washington ernannt.
Er untersteht dem Kriegsminister und dem kommandierenden Lieutenant-General.
3. Major-General Sherman wird zum Befehlshaber des Militärbereichs Mississippi ernannt,
der sich aus den Departments Ohio, Cumberland, Tennessee und Arkansas zusammensetzt.
4. Major-General John B. McPherson wird zum Kommandeur des Militärbereichs-
und der Armee von Tennessee ernannt.
5. Der Dank des Präsidenten an den scheidenden Major-General Halleck wird ausgesprochen.


   

 

Shermans Vorbereitungen auf den Marsch nach Atlanta

 


Als er die Beförderung erhielt, die ihn zum Befehlshaber aller Armeen machte, einschließlich der Stäbe im Kampfgebiet, war General Grant in Nashville, wohin Sherman nun unverzüglich beordert wurde. Nachdem Sherman am 17. März in Nashville eingetroffen war, wo sich nun auch Grant wieder befand, begleitete er den Lieutenant-General nach Cincinnati. Auf dieser Reise beratschlagten die beiden Generäle gemeinsam in aller Offenheit über die Pläne hinsichtlich ihrer zukünftigen Feldzüge.
Die Konsultation wurde im Salon des Burnett House in Cincinnati fortgeführt, wo über den Karten der simultane Angriff gegen die Armeen, die in Richmond und Atlanta lagen, geplant wurde.
Diese beiden Armeen gleichzeitig anzugreifen, neutralisierte in einem großen Maße den Vorteil, den der Feind durch innere Frontlinien besaß. Schlagkräftige und pausenlose Angriffe, unter Nichtbeachtung der jahreszeitlichen Gegebenheiten, würden es verhindern, daß auch nur ein Teil der konföderierten Streitkräfte während des Winters in Heimaturlaub gehen konnte, um dort Feldfrüchte zu pflanzen, die der eigenen Ernährung dienen konnten.
Grants gesamte Theorie darf hier einmal in zwei Sätzen zusammengefaßt werden: 1. Genaue Abstimmung der Operationen. 2. Zermürbungskrieg gegen die konföderierte Armee durch ständige Provokation zu Gefechten. Die Hauptangriffsziele waren Lees und Johnstons Armeen beziehungsweise die strategisch wichtigen Punkte, die diese Armeen hielten. Aber die Details der Feldzüge, die zu diesem Zweck eröffnet werden mußten, würden notwendigerweise von der Verteidigungsstrategie dieser beiden konföderierten Generäle abhängen.Major General William T. Sherman und seine Generale

General Shermans neuer Befehlsbereich umfaßte vier Militärbereiche mit ihren jeweiligen Armeen - die von Ohio, Cumberland, Tennessee und Arkansas.
Die Armee von Ohio, jetzt unter dem Kommando von Major General John M. Schofield, umfaßte das 9th und 23rd Corps. Als beim Feind James Longstreets Armee zu Lees Streitmacht stieß, wurde das 9th Corps in Marsch gesetzt, um die Potomac-Armee zu verstärken. Zwei Divisionen des 23rd Corps, diejenigen von Milo S. Hascall und Jacob D. Cox, traten zur Schlacht an, die anderen drei wurden in den Garnisonen Kentucky und East Tennessee zurückbehalten.

Die Armee von Cumberland, in Chattanooga, die von Major General George Henry Thomas befehligt wurde, umfaßte das 4th, 14th und 20th Corps; die letztgenannten drei standen unter dem Befehl der Generäle Oliver O. Howard, John M. Palmer und Joseph Hooker.
Das 4th Corps setzte sich aus drei Divisionen unter David S. Stanley, John Newton und Thomas J. Wood zusammen; das 14th Corps umfaßte drei Divisionen, befehligt von Jefferson C. Davis, Richard W. Johnson und A. Baird; und im 20th Corps waren drei Divisionen unter dem Kommando von Alpheus S. Williams, John W. Geary und Daniel Butterfield vereinigt.

Die Armee von Tennessee in Huntsville, Alabama, die von James B. McPherson befehligt wurde, umfaßte das 15th und Teile des 16th und 17th Corps unter dem Befehl von John A. Logan, Grenville M. Dodge und Frank P. Blair Jr. Der Rest des 16th und 17th Corps lag im Memphis und Vicksburg, unter dem Kommando von Stephen A. Hurlbut und Henry W. Slocum, oder befand sich momentan auf dem Red-River-Feldzug. Das 15th Corps umfaßte vier Divisionen unter Peter J. Osterhaus, Francis J. Herron, Morgan L. Smith und Thomas W. Sweeny, und das 17th Corps zwei Divisionen unter C.R. Woods und M.D. Leggett.
Die Kavallerie der Armee von Ohio umfaßte Dan McCooks Division; in der Armee von Cumberland waren es die von H. Judson Kilpatrick und Kenner Garrard, und in der Armee von Tennessee Edward McCooks Brigade.
Der Militärbereich und die Armee von Arkansas unter General Frederick Steele wurde im Mai General Edward R.S. Canbys TransMississippi-Division zugeteilt. Steeles Armee muß aus diesem Grunde aus den am Atlanta-Feldzug teilnehmenden Einheiten ausgeklammert werden.
General Sherman machte sich sofort an die Vorbereitungen für offensive Operationen. Am 25. März hatte er sich auf eine umfassende Inspektionsreise durch seinen Militärbereich begeben und sich mit McPherson, Thomas und Schofield beraten.
Die Wichtigkeit, Chattanooga zu besitzen, war nun offenkundig. Chattanooga war der zentrale Stützpfeiler der Unions-Linien. Zu seiner Linken wurde das östliche Tennessee sicher von Schofields Armee gehalten; zu seiner Rechten wurde der Tennessee River von einer Linie von Garnisonen geschützt, die den Zugang nach Norden versperrten.

 

 

Das zerstörte Eisenbahndepot in Atlanta

 

 

Das zerstörte Eisenbahndepot in Atlanta

Im rückwärtigen Gebiet befanden sich zwei nützliche und zuverlässige Eisenbahnlinien, die eine Verbindung nach Nashville und Memphis boten. Während der schiffbaren Zeit bildete der Tennessee River eine dritte Verbindungslinie. Nachdem Sherman mit seinen Untergebenen die Dispositionen der jeweiligen Armeen festgelegt hatte - wie viele an den Schlachten teilnehmen und wie viele in den Garnisonen verbleiben und dort Dienst tun sollten -, kehrte er nach Nashville zurück.
Zu dieser Zeit wurden die Bürger von Tennessee hinter seinem Rücken in großem Maßstab durch Vorräte versorgt, die sie sich mit der Armee teilten. Sherman war der Meinung, daß diese Doppelversorgung nicht mit der Sicherheit der Armee vereinbar war, und erteilte Befehle, die die Versorgung der Bürger unterbanden und sie auf andere Hilfsquellen verwiesen.

 

 

 

Der 1. Mai war der Termin, der für den Abschluß der Vorbereitungen festgelegt worden war. Zu diesem Zeitpunkt waren in den Lagerhäusern von Chattanooga Vorräte für 30 Tage gelagert und die Munitions-Trains voll belegt. Die Veteranen-Regimenter, deren Dienstzeit vorerst abgelaufen war und die in Heimaturlaub geschickt worden waren, kehrten nun zurück, ihre Reihen gefüllt mit neuen Rekruten. Sherman hatte die Absicht, mit 100.000 Mann aller Waffengattungen und 250 Geschützen gegen den Feind vorzurücken. Die tatsächliche Stärke seiner Armee betrug am 1. Mai 98.797 Mann und 254 Geschütze. Die Armee von Cumberland zählte 60.773 Mann und 130 Geschütze; sie umfaßte somit drei Fünftel seiner gesamten Streitmacht. Dazu kamen noch die Tennessee-Armee mit 24.465 Mann und 96 Geschützen sowie die Ohio-Armee mit 13.559 Mann und 28 Geschützen. Shermans gesamte Streitmacht war wie folgt auf die drei Waffengattungen verteilt: Die Infanterie der drei Armeen umfaßte 88.188 Mann, die Artillerie 4.450 Mann mit 254 Geschützen, und die Kavallerie 6.149 Mann.

General Johnston von der konföderierten Armee, der gegen Ende des Jahres 1863 zum Nachfolger Braggs ernannt worden war, wurde mit einer schwierigen Aufgabe betraut. Mit einer Armee, die halb so groß war wie diejenige, die ihm gegenüberstand, sollte er deren Vormarsch gegen Atlanta aufhalten. Seine Streitkräfte wurden in Dalton, das er stark hatte befestigen lassen, zusammengezogen.
Präsident Davis, der Johnston sehr gegen seinen Willen das Kommando über die Armee gegeben hatte, unterstützte seinen General nur durch unbedeutend kleine Verstärkungseinheiten. Andererseits sprach er sich lautstark für ein Vorrücken nach Tennessee aus.
Natürlich hätte sich ein Vormarsch von Johnstons Armee nach Tennessee als vernichtend erwiesen. Daher lehnte es Johnston klugerweise ab, ausschließlich offensiv zu operieren, und verbrachte den Winter mit Vorbereitungen für den feindlichen Angriff, von dem er wußte, daß er ihm im Frühling entgegentreten mußte.
Johnston glaubte, daß sich der Feind schneller auf Truppenbewegungen vorbereiten könne als er selbst. Er wollte sowohl für die Offensive als auch für die Defensive gerüstet sein. Bragg teilte ihm mit, daß es zwar Truppen gab, die zur Tennessee-Armee geschickt werden konnten, dies aber nicht der Fall sein würde, wenn sie für einen Defensivfeldzug verwendet werden sollten.

Johnston legte General Bragg am 22. März seine Beurteilung der Lage dar, zeigte die Wahrscheinlichkeit auf, daß Sherman ihnen zuvorkommen würde, und betonte die Notwendigkeit, sich sowohl auf defensive als auch auf offensive Bewegungen vorzubereiten.
Von diesem Appell wurde keinerlei Notiz genommen. Am 25. März wiederholte Johnston seine Forderung nach Verstärkung, weil der Feind eine größere Streitmacht aufbot als bei seinem letzten Feldzug, während die eigene verringert worden war.
Die einzige Antwort, die Johnston erhielt, bestand darin, daß 1.400 Mann unter Brigadier-General Mercer am 2. Mai bei ihm eintrafen, nachdem auf der Gegenseite Shermans Vorbereitungen schon fast abgeschlossen waren. Wenn man bedenkt, daß Johnston hätte unterstützt werden können, mutet es seltsam an, daß er - mit einem Vormarsch des Feindes konfrontiert, dessen Erfolg oder Nichterfolg so ungeheuer wichtig für die Konföderation war - drei Monate lang mit einer Armee im Stich gelassen wurde, die halb so groß war wie die der Gegenseite. Am 4. Mai erbat er sich einen Teil von Polks Truppen und wurde dahingehend informiert, daß dieser Bitte entsprochen werde. General Bragg wurde nach Richmond beordert, nachdem er von seinem Kommando in Chattanooga abberufen worden war, wo ihn Präsident Davis, dessen spezieller Favorit Bragg war, in eine Position einsetzte, die etwa derjenigen entsprach, die General Halleck in Washington einnahm.

 

 

Von Chattanooga nach Resaca

 

Während die konföderierten Offiziere in Diskussionen verstrickt waren, hatte Sherman die Vorbereitung für den Vormarsch weiter vorangetrieben. Am 1. Mai war er zum Vormarsch und zum Zuschlagen bereit. Zwischen Ringgold, der am weitesten vorgeschobenen Frontstadt der Union, und Atlanta lagen fast 100 Meilen. Es ging über schwieriges Gelände, aber nicht so schwierig wie dasjenige, über das Rosecrans von Murfreesborough nach Chattanooga vorgestoßen war.
Atlanta, das Herz Georgias und der Konföderation überhaupt, war nicht nur die bedeutendste Kornkammer der Konföderation, sondern auch das Zentrum eines Industriegebietes, das die Südarmeen mit Kanonen, Munition, Kleidung und Ausrüstung versorgte.

Um diese Stadt zu erreichen - das eigentliche Angriffsziel des Feldzuges - mußten drei Flüsse überquert werden: der Oostanaula, der Etowah und der Chattahoochee.
Ringgold liegt inmitten der Berge des Taylor's Ridge an der Straße von Chattanooga nach Dalton. Zehn Meilen entfernt liegt Buzzard's Roost im Rocky Face Ridge, etwa vier Meilen nordwestlich von Dalton. Der Feind hielt das stark befestigte Dalton, der Gebirgskamm deckte es, und es gab starke Außenposten an der Straße nach Ringgold. Durch seine Lage war Dalton fast uneinnehmbar.

Shermans Einheiten waren am 1. Mai wie folgt verteilt: Auf der Rechten, bei Gordon's Mill, lag die Tennessee-Armee unter McPherson; die Cumberland-Armee unter Thomas hielt die Mitte - in und um Ringgold - und stand dem Feind somit direkt gegenüber; an der Grenze zu Georgia und an der Straße, die von Cleveland in südlicher Richtung nach Dalton führt und die östlich des Rocky Face Ridge verläuft, lag die Ohio-Armee unter Schofield.
Atlanta war zwar das lokal wichtigste Angriffsziel bei Shermans Feldzug, das entscheidende Angriffsziel aber war Johnstons Armee in Dalton. Die offensichtliche Taktik Shermans war es, den Gegner zum frühestmöglichen Zeitpunkt des Feldzuges zur Schlacht zu zwingen.
Johnstons ebenso offensichtliche Taktik - unter den gegebenen Umständen nur sehr schwer durchzuführen - war die, eine Bindung all seiner Kräfte zu vermeiden, eine so hartnäckige Gegenwehr zu leisten, wie es möglich war, und dabei zu versuchen, diese Gegenwehr in Einklang mit den Maßnahmen zu bringen, die für den Schutz seiner Verbindungslinien nach Atlanta notwendig waren.


 

Am 4.Mai überschritt die Potomac-Armee General Grants den Rapidan, und am gleichen Tage erinnerte Grant Sherman telegrafisch daran, daß nun die Zeit für einen Angriff gegen die Johnston Armee gekommen sei. Weder beabsichtigte Sherman - noch erwartete Johnston - einen Angriff auf die Position, die die Linie Dalton - Buzzard's Roost Pass deckte, weil sie durch Baumverhau und mittels überfluteter Dämme entlang des Mill Creek versperrt war. Vielleicht konnten bei keinem anderen Feldzug während des gesamten Krieges zwei gegnerische Befehlshaber die gegenseitigen Absichten so klar und deutlich erfassen, beziehungsweise die Möglichkeiten für Angriff oder Verteidigung so sorgfältig abschätzen wie in diesem Falle.

Am 6. Mai bedrohte Sherman mit seiner größten Armeeinheit, der Cumberland-Armee, Rocky Face Ridge mit solcher Heftigkeit, daß es aussah, als wolle er einen Angriffsversuch gegen die von Johnston gehaltene Position am Buzzard's Roost unternehmen und damit einen Schlag wiederholen, wie er fünf Monate zuvor gegen Missionary Ridge geführt worden war.
Schofield bedrohte gleichzeitig die rechte Flanke des Gegners. McPhersons Armee bei Gordon's Mill wurde nach links befohlen und rückte über Ship's Gap Villanow und Snake Gap, nach Resaca vor, das 18 Meilen südlich von Dalton an der Atlanta Railroad liegt. Bei diesem Flankenmanöver wurde McPherson der Befehl erteilt, die Eisenbahnlinie so weit zu zerstören, wie die Feindabwehr es zuließ, sich dann zur Snake Creek Gap zurückzuziehen und sich dort zu verschanzen.

Tunnel Hill

Tunnel Hill 

Am ersten Tag dieses Angriffs besetzte Thomas Tunnel Hill. Zwei Tage später schloß Schofield zu Johnstons rechter Flanke auf, und Thomas wiederholte seinen Scheinangriff auf Rocky Face mit solcher Wucht, daß Newtons Division von Howards 4th Corps einen Teil des Bergkammes erobern konnte. Doch nach einem tieferen Vordringen stellte man fest, daß der Kamm durch natürliche Hindernisse zu gut geschützt war, als daß man hoffen konnte, den Paß zu erobern.
Gearys Division aus Hookers Corps hatte in der Zwischenzeit einen Erkundungsvorstoß auf einen abschüssigen Kamm südlich des Buzzard's Roost unternommen; doch obwohl die Männer sich tapfer bis nahe an die feindlichen Verschanzungen auf dem Gipfel herankämpfen konnten, gelang es ihnen nicht, diesen zu erobern.
Aber diese Operationen waren, wie gesagt, nur Scheinangriffe. Vom Gelingen des Vorstoßes McPhersons durch die Snake Creek Gap hing der Erfolg der Strategie Shermans ab. Johnston, der eine solche Angriffstaktik erwartet hatte, hatte zwei Tage, bevor der Angriff sich auf die geschilderte Weise entwickelte, Canteys Brigade nach Resaca in Marsch gesetzt. Seit Wochen hatte er außerdem Straßen im rückwärtigen Gebiet so vorbereiten lassen, daß sich seine Einheiten schneller bewegen konnten als Shermans Flankenkolonnen.

 

McPherson hatte die Snake Creek Gap am 8. Mai gemeinsam mit Logans und Dogdes Corps' erreicht; zuvor war dort schon Kilpatricks Kavalleriedivision eingetroffen.
Als McPherson aus der Snake Creek Gap einen Ausfall unternahm, mußte er feststellen, daß Resaca von Canteys Brigade besetzt worden war. Hätte er einen sofortigen Angriff unternommen, wäre ihm der Erfolg sicher gewesen, aber er überschätzte die Stärke der feindlichen Kräfte, sowohl was ihre Positionen als auch was ihre Mannschaftstärke anging.Während McPherson vor Resaca abwartete und es ihm nicht möglich war, bis an die Eisenbahnlinie oberhalb und unterhalb der Stadt vorzudringen, wurde die feindliche Front vor ihm verstärkt. Am Nachmittag des 9. Mai schickte Johnston, von Cantey über die Lage informiert, auch prompt drei Infanteriedivisionen unter General Hood gegen McPhersons Armee.

Die Befehle, die McPherson erhalten hatte, waren möglicherweise nicht klar genug, als daß er die Lage, wie sie sich ihm nun präsentierte, richtig hätte einschätzen können. Er mußte jetzt statt nach klaren Befehlen nach eigenem Ermessen handeln. Seine Armee, über 20.000 Mann stark, war derjenigen, die Resaca verteidigte, weitaus überlegen. Hätte er Befehle gehabt, hätten diese sicherlich den auf der Hand liegenden Angriff befohlen, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte dieser zum Erfolg geführt, denn selbst jetzt noch, bei der gegnerischen Attacke, war der Vorteil auf McPhersons Seite.
Aber vieles sprach auch gegen einen Angriff. McPherson war vom Hauptteil der Armee getrennt, und durch das plötzliche Heranrücken der beiden feindlichen Einheiten von rechts und von hinten sah McPherson die Gefahr, gänzlich abgeschnitten und aufgerieben zu werden. Er entschied sich für die sicherste Alternative und zog sich zur Snake Creek Gap zurück.

 

Ein Wagenzug passiert bei Nacht unter Fackelschein eine Eisenbahnlinie


Ein Wagenzug passiert bei Nacht unter Fackelschein eine Eisenbahnlinie

Indem er dies tat, beging er wahrscheinlich einen Fehler. Rocky Face Ridge hätte ihm perfekt den Rücken gedeckt. Er hätte einem Angriff leicht widerstehen können; zumindest hätte er die Position halten können, bis Verstärkung eingetroffen wäre.
Einen weiteren Fehler beging McPherson dadurch, daß er seinen Wagenzug in der Snake Creek Gap postierte, so daß Verstärkungseinheiten - wenn man sie ihm geschickt hätte - das Vorrücken erschwert worden wäre. Sherman selbst gab später zu, >ein wenig enttäuscht über die Ergebnisse seiner Pläne< zu sein, aber er schob die Schuld nicht McPherson zu.

 

 

Am 11. Mai wurden die Angriffslinien der Union von Johnstons Front zurückgezogen, und Sherman ließ nur Howards Corps und kleinere Infanteriekräfte zurück, die weiterhin Scheinangriffe gegen Dalton führen sollten. In der Nacht des 12. Mai aber ließ Johnston Dalton räumen und verlegte seine gesamte Armee in eine neue Stellung, die es ihm erlaubte, Resaca von Westen her zu decken. Inzwischen war Lieutenant-General Leonidas Polk mit William W. Lorings Division zu Johnston gestoßen. Leonidas Polk, William J. Hardee und John B. Hood waren nun die Corpskommandeure der konföderierten Armee von Tennessee.
Dalton, vom Feind geräumt, wurde sofort von Howard besetzt, der auch die Verfolgung feindlicher Einheiten aufnahm. Shermans Truppen, die eine nach der anderen durch die Snake Creek Gap vordrangen, besaßen zu diesem Zeitpunkt einen Zeitvorsprung gegenüber denen Johnstons, der aber durch die günstigeren und kürzeren Wege, die die Konföderierten einschlugen, wettgemacht wurde.

Am 12. Mai stieß Sherman gegen Resaca vor; McPhersons Truppen auf direktem Wege. Vorab, wie beim vorhergehenden Vorrücken, ritt Kilpatricks Kavallerie. Thomas' Einheiten schlossen zu McPhersons linker Seite auf, und Schofield wiederum zu Thomas' linker Seite.
Aber es dauerte bis zum 14. Mai, bis Sherman die Vorbereitungen zum Angriff abgeschlossen hatte, und zu diesem Zeitpunkt sah er sich mit der gesamten Streitmacht des Feindes konfrontiert, die die Forts von Resaca hinter Camp Creek besetzt hatten. Polks Linke blieb am Oostanaula, Hardee hielt das Zentrum und Hood die rechte Seite, wobei er das nordwestliche Gebiet um Resaca herum bis zum Connasauga deckte. Lorings Division, die derjenigen von Hardee zugeteilt wurde, hatte am 13. Mai Shermans Vormarsch aufgehalten und dadurch den Einheiten von Polk und Hardee die Zeit verschafft, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Johnstons Weitblick und sein rasches Handeln hatten seine Armee gerettet.

 

Resaca, 14. Mai 1864. Gearys 2. Brigade stürmt den Hügel

 

Resaca, 14. Mai 1864. Gearys 2. Brigade stürmt den Hügel

 

Nun wiederholte Sherman die strategischen Bewegungen, die den Feind aus Dalton vertrieben hatten, allerdings mit dem Unterschied, daß er jetzt die feindlichen Nachrichtenlinien mit einer kleineren Einheit bedrohte, während er fast seine gesamte Armee auf die feindlichen Verteidigungslinien verteilte. General Sweenys Division vom 16th Corps (dem von Dodge) überquerte den Oostanaula bei Lay's Ferry über eine Pontonbrücke und bedrohte den Ort Calhoun; Garrards Kavalleriedivision rückte aus ihrer Stellung in Villanow aus und überquerte den Fluß ein Stück weiter stromab, um die Eisenbahnlinie zwischen Calhoun und Kingston zu zerstören.

 

 

Während diese Truppenbewegungen im Gange waren, griff Sherman Johnston in dessen Festungen bei Resaca an und trieb seinen Angriff am Nachmittag des 14. Mai an allen Punkten energisch voran.Thomas eroberte das Camp Creek Valley und stieß dort hindurch. Auf der rechten Seite und im Zentrum allerdings hielt der Feind erfolgreich den Angriffen von Thomas und Schofield stand, und bei Einbruch der Dunkelheit drangen Hoods Truppen aus ihren Verschanzungen vor und eroberten ein Stück des Gebietes wieder zurück, das die Unionstruppen am Morgen eingenommen hatten.
McPhersons Angriff auf Polks Einheiten war erfolgreicher. Polk wurde aus seinen Stellungen, von denen er die Brücken der Konföderierten aus hatte schützen können, vertrieben. Diese Stellungen wurden von der Union sofort mit Artillerie besetzt.
Johnston hatte Hood schon den Befehl erteilt, am nächsten Morgen anzugreifen, als er über Sweenys Truppenbewegungen, durch die Calhoun bedroht wurde, sowie über Polks Niederlage informiert wurde. Er zog die Befehle zurück und schickte William H.T. Walkers Division nach Calhoun.

Am folgenden Tag kam es entlang der ganzen Gefechtslinie zu Scharmützeln, die sich am Nachmittag bei Hoods Stellungen zu einigen Gefechten ausweiteten. Anscheinend aber hatte Walker Johnston dann gemeldet, daß keine Bedrohung Calhouns durch Sweeny bestünde; daher wurde der Angriffsbefehl an Hood erneuert. Doch als Hood seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte, erhielt Johnston die Nachricht, daß der rechte Flügel der Unionstruppen den Fluß in seinem Rücken überschreite, und der Angriffsbefehl wurde erneut zurückgezogen. Eine von Hoods Divisionen - diejenige unter dem Kommando Alexander P. Stewarts - konnte nicht mehr zurückgerufen werden und griff an.
Inzwischen hatte sich Schofield Hoods rechter Flanke genähert, und der vorrückende Hooker trieb den Feind von einigen Hügeln, wobei er vier Geschützstellungen eroberte und viele Gefangene machte. In dieser Nacht gab Johnston Resaca auf, überquerte den Oostanaula in südlicher Richtung und ließ die Eisenbahnlinie hinter sich verbrennen.
Shermans Truppen drangen am Morgen des 16. Mai gerade noch rechtzeitig in die Stadt ein, um die Brücke zu retten, und die gesamte Armee nahm die Verfolgung des Feindes auf; Schofield auf der linken Seite, Thomas in Johnstons Rücken und McPherson in Lay's Ferry.
In den Gefechten rund um Resaca betrugen die Verluste auf seiten der Union zwischen 4.000 und 5.000 Verwundete oder Gefallene. Von Resaca aus ließ Sherman Grant mitteilen, daß er acht Geschütze erobert und 1.000 Gefangene gemacht habe.


Von Resaca zum Etowah River

 


General Sherman trat nun in die dritte Phase des Feldzuges ein. Johnston zog sich nach Cassville zurück, vier Meilen nördlich von Kingston.
Am 16. Mai kam es zu einem Scharmützel zwischen Howards und Hardees Einheiten (Hardees waren die letzten, die in Cassville einrückten).
In Adairsville, weiter südlich, kam es zu Kämpfen zwischen Polks Kavallerie - geführt von William H. Jackson - und den Spitzen von Thomas' Armee unter dem Kommando General Newtons. Polk und Hood besetzten am 18. Mai die Straße zwischen Adairsville und Cassville, während Hardee diejenige nach Kingston besetzte.
Shermans linker Flügel und das Zentrum waren aufgehalten worden, weil Thomas zusätzliche Brücken über den Oostanaula errichten lassen und Schofield einen Umweg über die beiden Nebenflüsse des Oostanaula, den Connasauga und den Coosawattee, einschlagen mußte.
Am 17. Mai bewegten sich drei Unionsarmeen auf verschiedenen Wegen südwärts, und die Division unter Jeff C. Davis marschierte gleichzeitig in westlicher Richtung nach Rome, wo sie, nachdem man auf keinen Widerstand traf, acht oder zehn schwere Geschütze sowie einige Fabrikanlagen und Gießereien in die Hand bekam.
Am 19. Mai schien es so, als würde der Feind sich in Cassville einigeln. Samuel G. Frenchs Division (aus Polks Armee) war von Süden zur Truppe gestoßen, und Johnston, verschanzt auf einen Hügelkamm im rückwärtigen Teil der Stadt, befahl zuversichtlich einen Angriff auf Thomas' Einheiten, die sich aus südlicher Richtung, aus Adairsville, näherten.
Hood rückte auf der rechten Seite zwei Meilen vor, aber, irregeleitet von der Falschmeldung, daß eine Unionseinheit von Canton aus in den Rücken und gegen die rechte Seite Cassvilles vordringe, zog er seine Truppen wieder zurück, um sich dieser fiktiven Unionseinheit zum Kampf zu stellen.
Die Unionsarmee hatte sich in der Zwischenzeit vor Cassville zusammengezogen und griff Johnstons Verschanzung auf der Hügelkette mit Artillerie an.

Am Abend des 19. Mai kam es zu Meinungsverschiedenheiten unter den konföderierten Befehlshabern, was die Taktik betraf, mit der man nun Gegenmaßnahmen ergreifen sollte. Hood und Polk forderten den sofortigen Rückzug über den Etowah River. Hardee, dessen Stellungen Johnston fürviel schwächer hielt als die von Polk und Hood, war hingegen zuversichtlich, diese Stellungen halten zu können. Johnston neigte zu Hardees Meinung, aber die anderen Kommandeure waren so sehr davon überzeugt, daß es ihren Truppen nicht möglich sei, ihre Stellungen zu halten, daß man den Rückzug beschloß. Am 20. Mai überquerte die konföderierte Armee den Etowah. >Ein Schritt<, wie Johnston später berichtete, >den ich später immer wieder bedauert habe.< Dieser Rückzug - ohne jedes Gefecht - gab das gesamte Etowah Valley in die Hand der Unionsarmee. Hier ließ Sherman seine Truppen ausruhen, während weitere Einheiten, Lebensmittel und Munition für den nächsten Schritt des Feldzuges herangeführt werden konnten.

Aber die Erholungspause war nur kurz. Am 23. Mai verließ Shermans Armee ihre Garnisonen in Rome und Kingston und überquerte den Etowah, ausgerüstet mit Munition und Proviant für 20 Tage. Überzeugt davon, daß Johnston versuchen würde, den Allatoona Pass zu halten, versuchten die Unionskommandeure nicht einmal einen Scheinangriff auf diese Stellung. Sie rückten nicht entlang der Eisenbahnlinie vor, sondern wandten sich in Richtung Dallas südwestlich von Allatoona. Johnston, der in Allatoona keine Rast eingelegt hatte, sondern seinen Rückzug bis in das Hügelland nördlich von Dallas und Marietta vorangetrieben hatte (wobei er diese beiden Orte kontrollierte), fand aber Shermans gesamte Planung heraus und konzentrierte seine Armee in der Nähe von New Hope Church, wo sich drei Straßen trafen: die von Ackworth aus nördlicher Richtung, die von Dallas aus südwestlicher und die von Marietta aus Osten kommende. Das Zentrum von Hoods Corps wurde an der Kirchestationiert, während Polk und Hardee die Linien nach Osten entlang der Atlanta Road deckten.
Shermans Armee marschierte, nachdem sie den Etowah überquert hatte, in der gewohnten Aufstellung in drei Abteilungen voran - Schofield auf der Linken, Thomas in der Mitte und McPherson auf der Rechten. McPherson, der den Etowah in der Nähe von Kingston überschritt und zu dem Davis' Division aus Rome stieß, erhielt den Befehl, über Van Wert bis zu einem bestimmten Punkt südlich von Dallas vorzurücken. Thomas rückte über Euharley und Burnt Hickory vor, und Schofield über die Straße, die aus Cassville kam.
Thomas' Einheiten (unter dem Oberbefehl Hookers) erreichten New Hope Church am 25. Mai und stießen auf die feindliche Kavallerie. Gearys Division wurde an der konföderierten Verteidigungslinie, die von Hood gehalten wurde, in Kämpfe verwickelt. Die anderen Divisionen Hookers hatten gegen vier Uhr nachmittags die Situation im Griff.

Sherman befahl einen kraftvollen Vorstoß in Richtung des Punktes, an dem die Straßen zusammenliefen. Mehrere Gefechte wurden um diese Stellung geführt, und Stewarts Division wurde in der Nacht schließlich bis zur Kirche zurückgetrieben, hielt aber noch immer die umkämpfte Stellung.
Sherman verbrachte nun einige Tage damit, Gefechtsformationen zu bilden, die die feindlichen, gut ausgebauten Stellungen angreifen konnten, die sich von New Hope Church aus bis zu einem Punkt nördlich von Marietta erstreckten.
McPherson stieß bis unmittelbar vor Dallas vor; Thomas und Hood lagen sich noch immer gegenüber, und Schofield erhielt den Befehl, seine Truppen auf die linke Seite zu verlegen, um Johnstons rechter Flanke entgegentreten zu können. Garrards Kavallerie operierte gemeinsam mit McPhersons Truppe, George Stonemans Kavallerie mit Schofields Einheiten, Edward M. McCooks Kavallerie deckte der Unionsarmee den Rücken. Die Straßen, die nach Ackworth und zum Allatoona Pass führten, waren nun in Shermans Hand, und er hatte die Eisenbahnbrücke über den Etowah wiedererrichten lassen. Nun besetzte er den Paß mit seiner Kavallerie. Nachdem er seine Truppen am 6. Juni in Ackworth stationierte, ließ er den Allatoona Pass befestigen und Einheiten dorthin verlegen, wodurch er ihn zu einem kleineren Versorgungsstützpunkt ausbaute.
Johnston, der seine Truppenbewegungen denen von Sherman anpaßte, verlegte seine gesamte Armee nun an einen Punkt an der Eisenbahnlinie nördlich von Marietta, wo Kenesaw zu seiner Rechten, Pine Mountain in der Mitte und Lost Mountain auf der Linken eine natürliche Barriere bildeten, die einen direkten Angriff aus dem Norden nicht zuließen.
Während die konföderierte Armee sich in dieser hervorragenden Stellung verschanzte, ließ Sherman die zerstörte Eisenbahnlinie in seinem rückwärtigen Gebiet wiederherrichten und reichlich Nachschub an Proviant zu seinem Militärlager in Ackworth heranführen. Er erhielt ebenfalls Ersatztruppen. General Blair - mit zwei Divisionen aus dem 17th Corps (10.500 Mann), die in Heimaturlaub gewesen waren - sowie Colonel Longs Kavalleriebrigade trafen am 8. Juni in Ackworth ein. Diese Einheiten füllten die Lücken wieder aus, die die Schlachten und die Abtrennung derjenigen Truppenteile hinterlassen hatten, die in den Garnisonen Resaca, Rome, Kingston und Allatoona Pass verblieben waren.

Die Attacke des 14th, 16th und 20th Corps am Kenesaw Mountain
Die Attacke des 14th, 16th und 20th Corps am Kenesaw Mountain

Am 9. Juni rückte die Armee nach Big Shanty vor, einer Eisenbahnstation auf halbem Wege zwischen Ackworth und Kenesaw. Sherman legte eine kurze Pause ein und ließ die Lage der konföderierten Stellungen sorgfältig überprüfen. Er stellte fest, daß die feindlichen Linien sich in einer Breite von zwei Meilen erstreckten, >mehr, als er mit seinen Kräften halten könne<.
Am 11. Juni hatte er seine Armee zusammengezogen. McPherson lag auf der linken Seite an der Eisenbahnlinie nach Marietta, Schofield hatte sich auf der rechten Seite, weiter entfernt, gegen die Lost Mountains gewandt, und die größte Armee unter Thomas lag Pine Mountain und den Kenesaw Mountains gegenüber. Shermans Aufgabe war es, die Linie zwischen Pine und Kenesaw zu durchbrechen. Flankenbewegungen waren zu risikoreich.
Mehr als 20 Tage lang versuchte Sherman daher, die feindlichen Linien durch Kanonenbeschuß, Gefechte und Angriffe zu zermürben. Am 14. Juni wurde General Leonidas Polk, der die Mitte der konföderierten Armee auf dem Pine Mountain, vier Meilen südwestlich von Kenesaw, kommandierte, durch eine Kanonenkugel getötet. Sein Nachfolger wurde General William W. Loring, der seine Truppe sofort aus ihrer vorgeschobenen Position zurückzog.
Am 19. Juni war Johnstons Linie geschrumpft, nachdem er Pine und Lost Mountain aufgegeben hatte. Hoods rechter Flügel blieb auf der Marietta Road, Loring hielt die Mitte - die jetzt in die Kenesaw Mountains verlegt worden war -, und Hardees Linien erstreckten sich über die Lost Mountains und die Marietta Road auf der linken Seite. Eine Bürgerwehr-Division war in der Zwischenzeit von Gouverneur Brown zu Johnston entsandt worden. Dieser Division unter dem Befehl von General Gustavus G. Smith wurde befohlen, die Übergänge über den Chattahoochee zu bewachen, um einen Überraschungsangriff auf Atlanta durch Unionskavallerie zu verhindern. >Die ganze Gegend<, schreibt Sherman am 23. Juni an Halleck, >ist eine einzige riesige Festung, und Johnston muß volle 50 Meilen miteinander verbundener Schützengräben und Verschanzungen errichtet haben, mit feuerbereiten Geschützstellungen und Sperren. <

Doch Sherman drang durch Wälder und schwieriges Gelände vor und gelangte schließlich bis vor die neuen Stellungen des Feindes, von denen Kenesaw die herausragendste war. Während dieser Operationen war das Wetter laut Shermans Bericht >schurkisch schlecht<. Drei Wochen lang regnete es fast pausenlos, und der Regen verwandelte die schmalen Straßen in Schlammpisten und verhinderte allgemeine, aufeinander abgestimmte Bewegungen. Aber die Linien der Unionstruppen wurden bei jeder sich bietenden Gelegenheit näher an die des Feindes herangeschoben.
Sherman erreichte zwar nicht sein Ziel, die feindlichen Linien zu durchbrechen, denn Johnston erkannte rechtzeitig, daß seine ursprünglichen Stellungen nicht zu halten waren, und änderte sie immer wieder, um einer Katastrophe zu entgehen.
Aber Sherman erschütterte die feindlichen Linien, indem er sie wieder und wieder zwang, sich zu strecken oder zusammenzuziehen. Am 21. Juni wurde Hood auf Hardees linken Flügel verlegt, während Sherman gleichzeitig seine linke Flanke südlich von Kenesaw ausbaute.
Am folgenden Tag wurde Hooker in der Nähe von Kulp House südwestlich von Marietta plötzlich von Hood angegriffen. Hood verschaffte sich zuerst einige Vorteile, als er so unerwartet über Williams' und Hascalls Divisionen herfiel und sie zurücktrieb, doch als er auf die Hauptverteidigungslinien stieß, wurde er selbst vehement zurückgeschlagen und ließ viele Verwundete, Gefallene oder in Gefangenschaft geratene Männer zurück.
Sherman entschloß sich nun, Kenesaw anzugreifen. Es war ein verwegenes Manöver, typisch für Sherman. Der Angriffsbefehl wurde am 24. Juni erteilt; der Angriff am 27. Juni ausgeführt. Zwei Punkte auf der linken Seite des feindlichen Zentrums wurden ausgesucht - einer bei Little Kenesaw, in McPhersons Frontabschitt, der andere eine Meile weiter südlich, in Thomas' Frontabschnitt.

 

 

Die Schlacht am Kenesaw Mountain. 27. Juni 1864 

Die Schlacht am Kenesaw Mountain. 27. Juni 1864

Am Tag des Angriffs, nach vorhergegangenem heftigen Kanonenbeschuß, attackierten die Armeen von Tennessee und Cumberland den Feind. Die Ziele waren hauptsächlich Lorings und Hardees Corps'. Mit Verlusten von weniger als 500 Mann konnten die Konföderierten ihre Stellungen jedoch halten, und McPherson und Thomas wurden blutig zurückgeschlagen.
Insgesamt 3.000 Mann fielen, darunter General Charles G. Harker, Colonel Dan McCook, Colonel Rice und andere wertvolle Offiziere.
Ein Erfolg bei diesem Angriff wäre entscheidend für den Erfolg des gesamten Feldzugs gewesen: Er hätte die Truppen des Feindes in zwei Hälften getrennt, seinen Rückzug verhindert und ihn gezwungen, sich zu kleineren Gefechten zu stellen. Aber der Angriff war ein Fehlschlag.

Nach diesem Rückschlag blieb Sherman nur noch eine Möglichkeit - ein Flankenmanöver. In der Nacht zum 3. Juli wurden McPhersons Einheiten auf den rechten Flügeln zum Nickajack Creek beordert, mit dem Befehl, Turner's Ferry zu bedrohen, wo die Eisenbahnlinie in Johnstons Rücken über den Chattahoochee führte.
Der konföderierte Befehlshaber erkannte sofort die Bedeutung dieses Manövers, und am Morgen des 3. Juli sah sich Thomas auf seinem Abschnitt plötzlich keinem Feind mehr gegenüber. Thomas rückte entlang der Eisenbahnlinie vor, und um 8 Uhr 30 betrat Sherman persönlich Marietta - gerade, als die feindliche Kavallerie den Ort verließ.
Shermans Hoffnung war nun, den Feind bei der Überquerung des Chattahoochee angreifen zu können. Er zog Logan aus McPhersons Einheit nach Marietta ab und befahl ihm, den Nickajack zu überqueren und den Feind von der Seite und von hinten anzugreifen. Johnston hatte seine Truppenbewegungen aber mit großer Vorsicht vollzogen und hatte einen Brückenkopf am Chattahoochee gebildet sowie eine ausgedehnte Kette von Verschanzungen am Militärlager bei Smyrna errichten lassen, fünf Meilen südlich von Marietta. Die Flanken lagerten hinter dem Nickajack Creek.

Am 5. Juli wurde diese vorgeschobene Position aufgrund der Bedrohung durch die gegen Turner's Ferry vorrückenden Unionseinheiten aufgegeben. Logan war zu McPherson zurückbefohlen worden, und Thomas rückte gegen Smyrna vor, als der Feind plötzlich wieder in seinen Brückenkopf zurückkehrte.
Die konföderierte Kavallerie überquerte den Chattahoochee, während Wheeler den Fluß 20 Meilen stromauf bewachte, Jackson 20 Meilen stromab. Bis zum 9. Juli kam es zwischen den beiden Armeen zu kleineren Gefechten; dann erreichten Thomas' und McPhersons Einheiten den Fluß.
Während diese Operationen abliefen, war Schofield nach Smyrna zurückgezogen und dann zum Chattahoochee an der Mündung des Soap Creek beordert worden (am 7. Juli). Dieses Manöver wurde erfolgreich durchgeführt, und Schofield überraschte die konföderierten Wachtposten, eroberte eine Geschützstellung, ließ eine Pontonbrücke über den Fluß errichten und seine Einheiten am Ostufer lagern, von wo aus man den Fuß weithin kontrollieren konnte.
Zur gleichen Zeit rückte Garrards Kavallerie nach Roswell vor, weiter stromauf, wo er Fabriken zerstörte, die die konföderierte Armee jahrelang mit Bekleidung versorgt hatten. Danach sicherte Garrard eine seichte Furt und hielt diesen Übergang bis zum Eintreffen der Infanteriedivision von Thomas' Armee.

McPhersons Einheiten wurden vom Nickajack ebenfalls rasch hierher verlegt. Howards Corps aus Thomas' Armee hatte zudem eine Brücke bei Power's Ferry errichtet, zwei Meilen unterhalb der Mündung des Soap Creek. Das Corps überquerte den Fluß und bezog auf der rechten Seite von Schofields Einheiten Stellung.
Diese Truppenbewegungen, die oberhalb der feindlichen Positionen an drei Punkten die Uberquerung des Chattahoochee sicherten - ebenso Stellungen an den Ostufern, von denen aus sich gute Möglichkeiten zum Vordringen nach Atlanta boten -, zwangen Johnston, Turner's Ferry aufzugeben, um den Einmarsch Shermans in Atlanta zu verhindern.
Johnston folgte in der Nacht des 9. Juli seiner Kavallerie über den Chattahoochee und bezog am Peach-tree Creek Stellung. Dadurch gab er das gesamte Territorium Georgias zwischen dem Tennessee und dem Chattahoochee Sherman preis.


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