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Wie
er und alle Welt wußten, dienten Eisenbahnen vornehmlich dem
Zweck, blühende Bevölkerungszentren wie New York und Philadelphia
zu verbinden; da gab es reichlich Menschen und Fracht. Aber der Westen,
von Missouri nach Kalifornien - das waren 3200 Kilometer spärlich
besiedelter Wildnis.
Die Eroberung des Westens
Doch
an diesem historischen Nachmittag genügte es vollkommen, den
mit Holz befeuerten Kessel der Pacific unter Dampf zu setzen
und - mit zwei Wagen voll von Lokalpolitikern, Kapitalgebern, Ehefrauen
und sauber gewaschenen Kindern im Schlepptau - puffend und ratternd
nach Cheltenham, westlich von St. Louis, zu schaukeln. Das sollte
reichen, um den 9. Dezember 1852 als den Tag in Erinnerung zu behalten,
an dem die ersten Passagiere mit einem Zug vom Mississippi aus nach
Westen fuhren.
Und
das war noch nicht alles. Benton sah eine transkontinentale Eisenbahn
auch als die kürzeste Verbindung zwischen Europa und den sagenhaften
Reichtümern des Orients, eine Art Karawanenstraße auf Schienen,
die amerikanischen Kaufleuten im Chinahandel entscheidende Vorteile
verschaffen würde. In dieser Zeit gaben die Eisenbahnen den Hoffnungen des Landes auf Neu- und Grenzland frische Nahrung. Sie halfen, die Leere des Westens zu überbrücken. Und lange vor Ende des 19. Jahrhunderts konnten Reisende in New York Personenzüge, die mit allerlei Komfort wie Klavieren und alkoholischen Getränken ausgestattet waren, in der ruhigen Gewißheit besteigen, binnen knapp 84 Stunden in San Francisco einzutreffen. Zur gleichen Zeit wurden die Eisenbahnlinien zum maßgeblichen Unterbau für die größten industriellen Interessengemeinschaften der Weltgeschichte, einem so mächtigen Koloß aus Geld, Grundbesitz, Technologie und politischem Einfluß, daß man diese Periode später die „Railroad Period" - die Eisenbahnzeit - nannte. Und
so wie es große und spektakuläre Veränderungen gab,
so betraten auch Persönlichkeiten die Bühne, die Söhne
ihrer Zeit waren. Es kamen die Geber: die mutigen Landmesser, die
streitsüchtigen irischen Bauarbeiter und die gelassenen chinesischen
Arbeiter, die unverfrorenen und erfinderischen Gesellschaftsgründer,
die stolzen Lokomotivführer und die von Ruß geschwärzten
Heizer. Und es kamen die Nehmer: dieselben Gesellschaftsgründer,
Herren mit Westen und Backenbärten, die sich in der Hochfinanz
und in politischen Machenschaften übten und eines Tages den größten
Gaunern des 19. Jahrhunderts zuzuzählen waren. Bergarbeiter und Viehzüchter waren natürlich schon da, um die Bahn willkommen zu heißen - und konnten ihrer Überraschung kaum Herr werden, als sie Schaffner in maßgeschneiderten Röcken mit Messingknöpfen sahen, die goldene Taschenuhren mit Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger hervorholten - in einer Gegend, in der man die Zeit noch nach Jahreszeiten maß. Rückblickend mag diese Entwicklung unausweichlich gewesen sein. Doch die Menschen, die sich 1852 in Cheltenham in festlicher Stimmung zusammengefunden hatten, konnten trotz ihrer mutigen Worte diese Leistungen nicht ahnen. In schroffem Gegensatz zu ihrem Optimismus standen die Ansichten zeitgenössischer Politiker wie etwa des großen Daniel Webster. Auf die Frage einer transkontinentalen Eisenbahn angesprochen, hatte er sich zwar einmal zustimmend geäußert, nahm aber 1845 eine völlig ablehnende Haltung ein.
„Wozu brauchen wir diese Gebiete, die sich durch Wilde und wilde Tiere, durch Wüsten, Treib- und Flugsand, Sandstürme, Kakteen und Präriehunde auszeichnen?" wollte der Senator für Massachusetts von seinen Kollegen wissen. „Welcher Verwendung könnten wir diese endlosen Bergketten zuführen? Was sollten wir mit dieser von Felsen eingeschlossenen, freud- und reizlosen Küste in 5000 Kilometer Entfernung anfangen?" Niemand hörte ihm zu. Seit Jahren gab es Männer, die die Phantasie der Amerikaner mit dem dringenden Hinweis entzündeten, daß der Westen es wert sei, für die Vereinigten Staaten gewonnen zu werden, und schon seit zwei Jahrzehnten predigten andere Männer, daß er gewonnen werden könne, wenn man eine Eisenbahn dorthin baue. Dr. Hartwell Carver aus Rochester, New York, war einer der ersten, die einen konkreten Vorschlag machten. Im Jahre 1832 befürwortete er in einer Reihe von Artikeln im New York Courier & Enquirer den Bau einer transkontinentalen Eisenbahn. Später empfahl er, die Regierung möge 32´000 Quadratkilometer bundeseigenen Landes für eine Eisenbahnverbindung zwischen dem Lake Michigan und dem Bezirk Oregon zur Verfügung stellen. Er ging sogar so weit, dem Kongreß ein Memorandum vorzulegen, in welchem er luxuriöse Überlandzüge mit 30 Meter langen Waggons vorschlug, die über Speiseräume und Schlafkojen verfügen sollten. Die Verwirklichung dieses Projektes, erklärte er in einer enthusiastischen Rede, „wird eine Art Millennium einleiten und die Möglichkeit bieten, die ganze Weit in einer großen Kirche zusammenzufassen - Gott zum Lobe und der Oregon Railroad zum Ruhme". Der
gute Doktor war seiner Zeit offenbar voraus. In den dreißiger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die 218 Kilometer lange Eisenbahn
von Charleston nach Hamburg in South Carolina noch die längste
der Welt. Im Osten und Süden der Vereinigten Staaten gab es andere
Linien, von denen aber die meisten, weniger kapitalkräftigen,
in der Krise von 1837 eingestellt werden mußten. Die neue Wissenschaft
der Fortbewegung durch Dampfkraft erschien zudem von noch so zweifelhaftem
Wert, daß eine Eisenbahn in Kentucky 1839 ihre Pläne, Wagen
von einer Dampfmaschine ziehen zu lassen, ad acta legte und diese
Aufgabe doch lieber Pferden übertrug. Es
gab auch eine psychologische Barriere. In einer Zeit, da viele Amerikaner
nie mehr als einen guten Tagesmarsch über ihren Geburtsort hinausgekommen
waren, erschien ihnen das Land im Westen, das die Eisenbahnleute zu
durchqueren beabsichtigten, als ausgesprochen gefährlich und
einfach zu groß. Erst 1833 hatte ein Mountain Man namens Joe
Walker zum erstenmal die Überlandroute nach Kalifornien zurückgelegt.
Seitdem benötigten Pioniere, die es ihm gleichzutun wagten, vier
bis sechs Monate, um unter großen Mühen das ungastliche
und oft feindselige Land zwischen dem Missouri und Kalifornien zu
durchqueren. Viele, die sich auf diese Reise begaben, erreichten nie
ihr Ziel. Asa
Whitney, ein New Yorker Kaufmann, war im Orienthandel reich geworden.
Gleich Benton spürte er, daß die kommerzielle Zukunft seines
Landes zu einem beträchtlichen Teil jenseits des Pazifik lag
- wenn nur die transkontinentale Eisenbahn fertiggestellt werden könnte.
Und Whitney, der dort die Initiative ergriff, wo Carver sie aus der
Hand gegeben hatte, war bereit, sein Vermögen, seine Zeit und
seine Energie für die Bahn einzusetzen.
Whitney,
ein argloser, messianischer Mann, sah sich als Teilnehmer an einem
Kreuzzug, in dem es galt, das Werk des Kolumbus zu Ende zu führen.
Wie er jedem Senator und Kongreßabgeordneten versicherte, der
ihm zuzuhören geneigt war, wollte er sich, gleich dem großen
Seefahrer, dem Westen zuwenden, um den Osten zu gewinnen. Nach fünf
Jahren aufreibender Propagandafeldzüge durch die Hauptstädte
der Bundesstaaten und einem persönlichen Treck auf Pferderücken
über einen ansehnlichen Teil der Strecke hatte sich Whitney der
offiziellen Unterstützung durch 17 Bundesstaaten versichert und
kehrte, getragen von der Zustimmung breiter Bevölkerungskreise,
in den Kongreß zurück. Senator Benton und seine Freunde im Kongreß hatten ihre eigenen Pläne für eine Pazifikbahn ausgeheckt. Diese basierten auf dem Prinzip des Staatseigentums und natürlich darauf, die Bahnverbindung lieber von St. Louis als von Chicago oder einem anderen Hafen der Großen Seen ausgehen zu lassen. Vermutlich lag ihnen letzteres am meisten am Herzen, aber sie benutzten die Frage des Staatseigentums, um Whitney anzugreifen. Sein Plan, so erklärte der Abgeordnete j. B. Bowlin aus Missouri, würde die Bundesstaaten „in eine demütigende Lage bringen, in der sie der Willkür eines einzigen Mannes ausgeliefert wären". Die Nation, protestierte er, würde „ihr Blut und ihren Reichtum opfern müssen - zum ausschließlichen Nutzen von Mr. Whitney und seinen Rechtsnachfolgern".
Das war natürlich größtenteils blanker Unsinn. Whitney hatte über jeden Zweifel hinaus bewiesen, daß er ein ehrlicher Mann war - in einer Zeit, die sich nicht gerade durch Skrupel auszeichnete. Überdies waren seine Absichten hinsichtlich einer Eisenbahn, die quer durch den Kontinent führen sollte, eher von Altruismus als von Profitdenken motiviert. Dennoch sah sich der Kongreß, als Benton und seine Anhänger mit ihren Tiraden gegen Whitney zu Ende waren, veranlagt, die Debatte über seinen Plan ohne Abstimmung zu vertagen - obwohl einige Abgeordnete in der vorangegangenen Diskussion wiederholt darauf hingewiesen hatten, daß Whitney mit dem Vorschlag an sie herangetreten war, für das Land, das er zu kaufen wünschte, sich selbst mit sechs Cent je Morgen Land zu belasten. Zusätzlich
zu dieser Abfuhr geriet Whitney auch unter schweren Beschuß
von Fachleuten, die ihm vorwarfen, die technischen Realitäten
des Eisenbahnbaues außer acht zu lassen. In seiner Ausgabe vom
April 1851 klagte das maßgebende American Railroad Journal:
„Er bringt eine von Herzen kommende Geringschätzung für
den Ingenieurberuf zum Ausdruck und verliert sofort die Contenance,
wenn ein Angehöriger dieses Berufszweiges über die Errichtung
von Brücken und Tunnels, über Aushub und ähnliches
spricht, was beim Eisenbahnbau zweifellos viel Verdruß gibt...
Er wird aber nie müde, sich über die Großartigkeit
seines Projekts zu verbreiten."
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