Mit freundlicher
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VERLAG
FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis
des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© Keith Wheeler
1973 "Der Bau der Eisenbahnen"
sowie Veröffentlichungen der Kongreßbibliothek (LOC)
und des US Nationalarchiv (NARA) der
USA

Der Bau der Eisenbahnen
Seite
8
Fred
Harveys zugkräftige Idee:
Mädchen und Menüs

In
Rosenberg, Texas, machen anmutige und nett gekleidete Harvey-Mädchen
eine Dienstpause.
Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts erlöste Frederick Henry Harvey
Eisenbahnreisende von den Schrecken der Bahnhofverköstigung durch
eine neuartige Kombination von gutem Essen und anstelligen Mädchen.
Als Harvey London verließ, um sein Glück in der Neuen Welt
zu suchen, schrieb man das Jahr 1850, und er war 15 Jahre alt. 26 Jahre
später, nach einer wechselvollen Karriere, übernahm Harvey
die Leitung des Bahnhofsrestaurants von Topeka auf der Santa-Fe-Linie.
Hier erwies er sich als der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen
Zeit. Bald erhielt Harvey die Konzession für die Ausgabe aller
Mahlzeiten auf dem Streckennetz der Santa Fe; die Bahn stellte ihm
ihre Anlagen und Geräte zur Verfügung, Harvey selbst lieferte
Essen und Personal. Bald befehligte er einen Dienstleistungsbetrieb,
der 47 Bahnhofrestaurants und Imbißstuben,
15 Eisenbahnhotels
und 30 Speisewagen umfaßte. Und zum erstenmal
erwarb sich eine Eisenbahn im Westen durch ihr
gutes Essen einen
ausgezeichneten Ruf.
Harvey übte
seine Herrschaft willkürlich und anmaßend
aus. Wenn er irgendwo einen angeschlagenen Teller fand, war er imstande,
das ganze Geschirr vom Tisch zu fegen. Wenn ulktreibende Cowboys auf
ihren Pferden in eine seiner Gaststätten geritten kamen, forderte
Harvey sie unmißverständlich auf, das Lokal zu verlassen.
Es wurde ihnen erst wieder Zutritt gewährt, nachdem sie abgestiegen
waren und saubere Jacken aus Alpaka angelegt hatten, die der Gastgeber
stets für jackenlose Gäste bereithielt.
Harvey ergänzte seine gute Küche sehr bald mit einer kühnen
Neueinführung: Kellnerinnen. Seine Anzeigen, mit welchen er „junge
Frauen mit guten Zeugnissen, attraktiv und intelligent, 18 bis 30
Jahre alt" suchte, brachte Scharen solcher
Geschöpfe, die einen Wochenlohn von 17,50 Dollar erhielten,
dazu freie Verpflegung, Unterkunft und Trinkgelder. Sie schliefen
in einem
betriebseigenen Wohnheim mit einem von einer Anstandsdame überwachten
Aufenthaltsraum. Ein sparsames Mädchen
konnte sich in kurzer Zeit eine hübsche Summe Geld
zusammensparen.
Die mit gestärkten Schürzen bekleideten Harvey Girls bezauberten
einsame Westerner, die schätzungsweise 5´000 dieser hübschen,
adretten Mädchen heirateten.
Ein
neuer Berufsstand:
Falschspieler bei der Eisenbahn

So
manchem Passagier bot eine Eisenbahnfahrt über
den Kontinent Nervenkitzel und Verlockungen, die er daheim nur selten
erlebte. So hatte er zum Beispiel die Chance, überflüssiges
Bargeld an Berufsspieler und Berufsspielerinnen zu verlieren. Nach
einer Schätzung operierten allein auf dem Streckennetz der Union
Pacific über 300 Falschspieler und Falschspielerinnen.
Unter
den talentiertesten dieser Spieler war auch eine Frau, die gebürtige
Engländerin Poker-Alice lvers, ein blondes, blauäugiges,
schmächtiges Persönchen, das den Großteil seiner
Zeit damit verbrachte, an Spieltischen in Goldgräberkolonien
zu präsidieren,
gelegentlich aber auch auf westlichen Eisenbahnen um hohe Einsätze
pokerte. Alice zog sich schließlich nach Deadwood in South
Dakota zurück, wo sie sich mit dem „moralischsten" Bordell
in der Geschichte des Westens etablierte. Jeden Sonntag schloß sie
das Geschäft, unterband alle Kartenspiele und gab ihren Angestellten
Religionsunterricht. Wie viele Berufsspieler starb auch Poker-Alice
in Armut.
Arm
starb auch George Devol, der vielleicht berüchtigtste
Falschspieler auf den Bahnen des Westens, der seine Mitreisenden
um etwa 2 Millionen
Dollar erleichterte und das Geld dann bei anderen Glücksspielen
wieder durchbrachte. Devol spielte mit gezinkten Karten, gebrauchte
sie aber auf so leicht durchschaubare Weise, daß er sich
oft gegen empörte Opfer zur Wehr setzten mußte - mit
seinen Fäusten, mit Feuerwaffen und gelegentlich auch dadurch,
daß er
den Kopf senkte und wie ein Ziegenbock auf seine Angreifer losstürmte.
Er hatte mit dieser Methode Erfolg, denn sein Schädel war äußerst
hart; einen Mann tötete er, als er ihn mit dem Kopf in den
Magen stieß.
War die Zahl seiner Gegner zu groß, nahm Devol Reißaus
und sprang manchmal im Kugelhagel aus einem fahrenden Zug.
Die
meisten Eisenbahnen warnten vor Falschspielern; manche ließen
solche Leute überhaupt nicht mitfahren. Nachdem einer der
Direktoren der Gesellschaft 1200 Dollar an Devol verloren hatte,
drohte die Verwaltung
der Missouri Railroad Zugführern, die Kartenspielen erlaubten,
mit fristloser Entlassung. Zumindest ein Spieler versuchte seinem
Geschäft einen legalen Anstrich zu geben, indem er der
Union Pacific 10´000 Dollar für die Erlaubnis bot, ein Jahr
lang Montepartien auf den Linien der Gesellschaft zu organisieren;
er wollte sich verpflichten, niemanden außer Handlungsreisenden
und Methodistenpredigern auszunehmen. Einen bedauerlichen Mangel
an Sportsgeist bekundend, lehnte die Union Pacific das Angebot
ab.
Ein
verhängnisvolles Volksfest
Als wären die wirklichen Gefahren einer Eisenbahnfahrt nicht schon
bedrohlich genug gewesen, inszenierte zumindest eine Linie ganz bewußt
eine Katastrophe als öffentliche Vorführung. William George
Crush, Leiter des Fahrkartenverkaufs der Missouri-Kansas-Texas (im
Volksmund Katy Linie genannt), hatte gesehen, welche Menschenmassen
durch Zugzusammenstöße angelockt wurden. Zu Beginn des Jahres
1896 überzeugte er die Direktoren der Katy-Linie, daß mit
einem geplanten Zusammenstoß Geld zu verdienen war. Monatelang
bepflasterte er das Einzugsgebiet der Katy-Linie mit Plakaten, die
in reißerischem Ton auf das einmalige Schauspiel zweier Züge
hinwiesen, die mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander zurasen würden.
Die Stars seiner Schau waren zwei ältere, knallrot und grün
bemalte Lokomotiven. Am
15. September drängten sich an die 40´000
Zuschauer, die meisten mit Sonderzügen der M-K-T angereist,
in der provisorisch entlang der Katy-Gleise zwischen Waco und Hillsboro
errichteten Zeltstadt
in
Crush, Texas.

Ein Eisenbolzen traf den Photographen J. C. Deane, während er diesen
Zusammenstoß knipste.
Seit diesem Tag trug er den Namen Einauge-Dean.
Die
200 Hilfspolizisten, die Crush angefordert hatte, brauchten mehrere
Stunden, um die Menge auf eine, wie man meinte,
sichere Entfernung
von der Tafel mit der Aufschrift „Ort des Zusammenstoßes" zurückzudrängen.
Endlich dampften die zwei Lokomotiven, jede sechs Wagen hinter sich
herziehend, gemächlich aufeinander zu. In zeremonieller Begrüßung
berührten sie einander mit ihren Kuhfängern, schoben dann
jede etwa eineinhalb Kilometer zurück und blieben schnaufend
stehen. Crush schwenkte seinen Hut, die beiden Besatzungen brachten
sich mit
einem Sprung in Sicherheit, und mit gellendem Pfeifen und weit offenen
Ventilen setzten sich die zwei Züge in Bewegung.
Dann rasten die Züge mit 90 Stundenkilometern aufeinander zu.
Die Loks krachten zusammen, bäumten sich auf wie kämpfende
Löwen und fielen auf die Seite.
Den tragischen Ausgang der Darbietung hatte selbst Crush nicht vorausgesehen.
Beide Lokomotivkessel explodierten. Ein Sperrfeuer von Holz und Metall fegte über
die Gegend hin, und wie durch ein Wunder wurden nicht mehr als zwei Menschen
getötet; einige wenige erlitten Verletzungen. Die Menge stand den Opfern
bei, sammelte Souvenirs und fuhr dann wieder heim, um die Erinnerung an die größte
von Menschen herbeigeführte Katastrophe zu hüten. Die Zuschauer wußten,
daß sie mit Sicherheit kein so aufregendes Schauspiel mehr zu sehen bekommen
würden.

Nach dem furchtbaren
Zusammenstoß drängten sich Mengen neugieriger Zuschauer
um die Trümmerhaufen der völlig zerstörten Lokomotiven.
Zornige
Farmer leisten Wiederstand

Geblendet
von der Aussicht auf raschen Gewinn und besseren Zugang zu
den Märkten, belastete so mancher Farmer um
die Mitte des 19. Jahrhunderts sein Land mit Hypotheken, um Aktien
einer nahe gelegenen im Bau befindlichen Eisenbahn kaufen zu können.
War die Linie fertiggestellt, zog ihm die Bahn nur zu oft nach allen
Regeln der Kunst das Fell über die Ohren, indem sie ihm unannehmbar
hohe Frachtsätze berechnete.
Nicht weniger unfair war nach Ansicht der Farmer, daß die Eisenbahngesellschaften
den großen Verfrachtern bedeutende Rabatte. gewährten, daß sie
für kurze Transportwege höhere Frachtsätze verlangten
als für lange und einen großen Teil des noch verbleibenden
unbebauten Landes an sich rissen.
Da die Bedingungen der Eisenbahngesellschaften immer höher wurden,
veranlaßte die steigende Wut der Farmer Oliver Hudson Kelley
1867, die Nationale Vereinigung der Vertreter der Landwirtschaft,
im Volksmund Grangers (Landwirte) genannt, ins Leben zu rufen.
Nach sieben
Jahren hatte er 1,5 Millionen Farmer in 20 Logen organisiert.
Bis
zu dem Zeitpunkt, da die Grangers zu einer politischen Macht geworden
waren, hatten die amerikanischen Eisenbahnen besonders im Westen
recht
unbekümmert und nach Belieben geschaltet und gewaltet. Doch
nun begannen neugegründete Parteien, die gegen die von den Farmern
angeprangerten Mißstände auftraten, in einem Bundesstaat
nach dem anderen Wahlen zu gewinnen und eilig Gesetze durchzubringen,
die die Personen- und Gütertarife auf ein erträgliches
Maß herunterschraubten,
die Ausgabe von Dauerfreikarten unterbanden und Kontrollkommissionen
einsetzten.
Doch als sich die Zeiten wieder besserten, stiegen auch die Preise
für landwirtschaftliche Produkte, und die revolutionäre
Glut kühlte ab. Außerdem fanden die Anwälte der Eisenbahnen
jetzt auch so viele Hintertürchen in den „Grangergesetzen",
daß die meisten wieder aufgehoben werden mußten. Dennoch
hatten die Granger den Anstoß zu Gesetzen gegeben, die die
Funktionen der Eisenbahn festlegten, und die Einsicht populär
gemacht, daß die Eisenbahnen
letzten Endes gemeinnützige Unternehmungen zu sein hätten.
Wann
wird dieser Esel endlich ausschlagen

Die Zeitschrift The Wasp
veröffentlichte im Mai 1881 diese Karikatur. Die Staaten, die die Central
Pacific und die Southern Pacific durchquerten,
erscheinen hier als ein geduldiger Esel, der von einem chinesischen Kuli angetrieben
und von Huntington, Stanford und Crocker geritten wird.
Sie haben den zuständigen Regierungskommissar in der Tasche, politische Institutionen
an den Schwanz des Tieres gebunden
und alle ihre Gegner in sicherem Gewahrsam.
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