Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr

Quellennachweis des Textes und Abbildungen von:
• Metro-Goldwyn-Mayer • Museum of Modern Art; Film Stills Archive • United Artists • 20th Century Fox • Warner Brothers •
• Paramount • Columbia • Columbia Tri-Star • RKO Radio Pictures • Globe Enterprises • Universal • Stockeridge/Hiller •



Kampfszene aus John Hustons eindrucksvoller Verfilmung
von Stephen Cranes Roman »The Red Badge of Courage«, 1951.



Der Bürgerkrieg auf der Leinwand

 

 

Film und Fernsehen haben im 20. Jahrhundert für die populäre Überlieferung der Bürgerkriegsepoche noch mehr geleistet als die Literatur (wobei berücksichtigt werden muß, daß die allermeisten Filme mehr oder weniger frei nach literarischen Vorlagen gedreht worden sind).
Als die Bilder laufen lernten, gehörten Episoden aus dem Bürgerkrieg zu den beliebtesten Themen für die kurzen Filme, die damals in Amerika in ungeheuren Mengen produziert wurden. Zwei Streifen von Thomas H. Ince, beide aus dem Jahre 1913, waren schon etwas anspruchsvoller und bildeten Vorstufen zur eigentlichen Spielfilmära, »A Southern Cinderella« (»Ein Aschenbrödel aus dem Süden«) und »The Battle of Gettysburg« (»Die Schlacht von Gettysburg«).
Zwei Jahre später kam dann »The Birth of a Nation« (»Die Geburt einer Nation«) von David Wark Griffith, der größte Einschnitt in der Entwicklung der Filmkunst.

Griffiths bahnbrechendes Meisterwerk entstand unter abenteuerlichen Umständen. Niemand hielt den Plan des Regisseurs, einen mehrstündigen, schließlich zwölf Rollen umfassenden, mit gewaltigem Aufwand gedrehten Film auf den Markt zu bringen, für realistisch.
Als Griffith nicht bereit war, sich auf irgendwelche Kompromisse einzulassen, zogen sich seine ursprünglichen Geldgeber zurück, und der Regisseur mußte die Produktion selbst in die Hand nehmen.
Rasch waren seine Ersparnisse erschöpft, einige seiner Mitarbeiter verzichteten nicht nur auf ihre Honorare, sondern steuerten sogar selbst Geld bei. Nach viermonatigen Dreharbeiten, die ohne eigentliches Drehbuch und mit einer einzigen Kamera durchgeführt wurden, war im Herbst 1914 die 110000-Dollar-Produktion abgeschlossen - Griffiths bisherige Filme hatten 5000 bis 10 000 Dollar gekostet.

Am 8. Februar 1915 wurde das Werk in Los Angeles uraufgeführt, einen Monat später folgte die Premiere in New York. Die Kritiker reagierten enthusiastisch, und der Erfolg beim Publikum übertraf die kühnsten Erwartungen.
Obwohl für den Eintritt der damals unerhörte Preis von zwei Dollar verlangt wurde, standen die Menschen Schlange, und in den meisten größeren Städten lief der Titel mehrere Monate lang.
Mit »The Birth of a Nation« erreichte der Film seine Anerkennung als seriöse Kunstgattung.

 

 


Grabenkampf bei Petersburg:
Henry B. Walthall als »der kleine Colonel« führt seine Konföderierten zum Angriff. Szene aus Griffiths »The Birth of a Nation« von 1915.

Die Heimkehr des »kleinen Colonel« :
Die Mutter zieht ihren Sohn zu sich ins Haus




 

Die Ermordung Lincolns:

Raoul Walsh stellte in dieser Szene von »The Birth of a Nation«, den Attentäter Booth dar, Joseph E. Henabery den »Märtyrerpräsidenten«.

 

 

 



 

 

Abenteuer eines Lokomotivführers:

Buster Keaton als Johnnie Gray und seine Yankee-Gegenspieler kämpfen im Stummfilmklassiker
»The General« von 1926 gleichermaßen mit der Tücke des Objekts.

 

Hollywoods »Alter Süden«:

Nichts dürfte das Klischee von der Plantagenherrlichkeit des Südens so nachhaltig geprägt haben wie die Eingangssequenzen von Selznicks
»Vom Winde verweht« (1939).
Vivien Leigh als Scarlett O'Hara flirtet auf der Veranda von Tara mit den Tarleton-Zwillingen.

 

 

 

 

 

 

Ein schwarzes Mädchen fächelt den ruhenden Gästen während der Siesta auf
»Twelve Oaks« Kühlung zu.

 

 

 

 

 

 

 

Die treu-autoritäre schwarze Mammy (Hetty McDaniel) versucht Scarlett daran zu hindern,
ein Kleid mit allzu gewagtem Dekollete anzuziehen.

 

 

 

 

 

 

Das Traumpaar:

Vivien Leigh als lustige Kriegswitwe Scarlett O'Hara und Clark Gable als Blokkadebrecher Rhett Butler
eröffnen auf dem Basar von Atlanta den Tanz.

 

 

 

 

 

 

Vor dem Kampf:

Audie Murphy, der höchstdekorierte amerikanische Soldat des Zweiten Weltkriegs, spielte 1951 in John Hustons »The Red Badge of Courage«
(deutscher Filmtitel „Die rote Tapferkeitsmedaille“)
den jungen Nordstaatler, der mit bangender Neugier auf seine Bewährung in der Schlacht wartet.

 

 

 

 

 

 

 

John Brown unter dem Galgen:

Raymond Massey, der wiederholt auch als Abraham Lincoln eingesetzt wurde,
stellte in Michael Curtiz »Santa Fé Trail« (1940) (deutscher Filmtitel »Land der Gottlosen«)
den fanatischen Abolitionisten dar.

 

 

 

 

 

 

Willkürjustiz:

Der Prozeß gegen die Lincoln Attentäter in John Fords
»The Prisoner of Shark Island«
(deutscher Filmtitel »Der Gefangene der Haifischinsel«)

 

 

 

 

 

 

Harmonie einer Kleinstadt:

Der Bürgerkrieg ist in John Fords »The Sun Shines Bright« (1953)
(deutscher Filmtitel »Wem die Sonne lacht«)
nurmehr eine in wehmütiger Verklärung gepflegte Erinnerung,
die die Veteranen beider Seiten freundschaftlich verbindet.

Beim Ball der Kadetten spielen die schwarzen Musikanten auf,
Hierarchie und Harmonie sind untrennbar miteinander verbunden.

 

 

 

 

 

 

 

Gewissenskonflikte in einer Quäkerfamilie:

 

 

Anthony Perkins in der Rolle des Josh Birdwell nimmt in William Wylers
»Friendly Persuasion« (1956) (deutscher Filmtitel »Lockende Versuchung«)
Abschied von seinen Eltern (Gary Cooper und Dorothy McGuire),
um bei der Abwehr eines konföderierten Vorstoßes teilzunehmen.

 

 

 

 

 

 

Desillusionierte Generäle:

John Wayne als Sherman und Henry Morgan als Grant nach dem ersten Tag der Schlacht von Shiloh.

Eine Szene aus der von John Ford verfilmten Episode
»Der Bürgerkrieg« in dem Breitwandspektakel »How the West Was Won« (1962)
(deutscher Filmtitel »Das war der Wilde Westen«).

 


 

 

 

 

 

 

 

Kameraden wider Willen:

Ein ehrgeiziger Unionsoffizier (Charlton Heston) und ein gefangener Offizier der Konföderierten (Richard Harris) bekämpfen in Sam Peckinpahs »Major Dundee« (1965) (deutscher Filmtitel »Sierra Charriba«) gemeinsam die Apachen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ritual am Grabe:

Ein ehemaliger konföderierter General, der als einfacher Soldat in die US-Kavallerie eingetreten ist und gegen die Indianer den Tod gefunden hat, wird mit der Südstaatenfahne begraben.

Captain Brittles (John Wayne) zieht den Hut in dieser Szene aus John Fords
»She Wore a Yellow Ribbon« (1949)
(deutscher Filmtitel »Der Teufelshauptmann«).

 

 

 

 

Der Mythos der US-Kavallerie:

drei Szenen aus John Fords »She Wore a Yellow Ribbon« (1949)
(deutscher Filmtitel »Der Teufelshauptmann«)
mit John Wayne als Captain Brittles und Victor McLaglen
als Sergeant Quincannon.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Die Legende ist wirklicher als die Wirklichkeit:
Besiegt liegt Lt. Col. Thursday (Henry Fonda) im Staub.

 

 

 

 

 

 

 

 

Captain York (John Wayne) erklärt ihn vor Journalisten wider besseres Wissen zum vorbildlichen Helden.
Szenen aus John Fords »Fort Apache« (1948) (deutscher Filmtitel »Bis zum letzten Mann«).

 



 

 

 

 

 

 

 

Zwei Auffassungen von Custers Ende:

Richard Mulligan als verrückter Custer in »Little Big Man«, (deutscher Filmtitel »Little Big Man«)
Arthur Penns brillanter Verfilmung von Thomas Bergers gleichnamigem Roman (1970).

 


 

 

 

 

 

 

 

Errol Flynn als heroischer Custer in »They Died with Their Boots on« von Raoul Walsh (1941)
(deutscher Filmtitel »Sein letztes Kommando«)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein schwarzer Western-Held:

In »Sergeant Rutledge« (1960) (deutscher Filmtitel »Der schwarze Sergeant« oder »Mit einem Fuß in der Hölle«)
stellte Woody Strode einen schwarzen Sergeanten dar, dem zu Unrecht Vergewaltigung und Mord vorgeworfen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

»Du hast noch nie einen Neger über den Berg kommen sehen wie John Wayne«, sagte Woody Strode später,
»ich hatte den größten Glory-Hallelujah-Ritt über den Pecos River
... Ich trug die ganze schwarze Rasse über den Fluß.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwarze Freiwillige:

Jihmi Kennedy, Andre Braugher, Denzel Washington und Morgan Freeman (von links nach rechts) als Rekruten der 54. Massachusetts-Infanterie
in Edward Zwicks Film »Glory« (1989) (deutscher Filmtitel »Glory«).

 

 

 

 

 

 

 

Im Schmuck der Waffen:

Ausmarsch der 54. Massachusetts-Infanterie in »Glory.« (deutscher Filmtitel »Glory«).

 

 

 

 

 

 


 

 

Vor dem Angriff: Colonel Shaw (Matthew Broderick) bei seinen 54. Massachusetts.

 

 

 

 

 

 

 

 

Opfergang der 54. Massachusetts-Infanterie:
Den Strand entlang stürmt die Kolonne schwarzer Soldaten auf Fort Wagner zu.


 

 

 

»Glory« ist ein Film über das aus Farbigen zusammengesetzte 54. Massachusetts-Infanterieregiment und seinen weißen Colonel Robert Gould Shaw. Die Handlung basiert weitgehend auf Fakten; Shaws Tagebuch dient als Leitfaden für die Kommentierung. Der Film setzt im Herbst 1862 ein. Shaw, der bei Antietam leicht verwundet wird, erhält das Kommando über eines der ersten Farbigenregimenter der USA, eine Aufgabe, die der aus einer Abolitionistenfamilie stammende Idealist mit voller Hingabe übernimmt.

Ausführlich werden die Schwierigkeiten des von seinem Auftrag eigentlich überforderten jungen Offiziers geschildert, unter widrigsten Umständen sein Regiment aufzubauen und auszubilden und es gegen die vielfältigen Diskriminierungen in Schutz zu nehmen, denen es von seiten der Verwaltung und der weißen Soldaten ausgesetzt ist. Zu Shaws großem Ziel wird es, seinen Männern die Anerkennung als vollwertige Kombattanten zu verschaffen, und so drängt er sich vor, als es darum geht, am 18. Juli 1863 die Spitze im Angriff auf Fort Wagner bei Charleston zu übernehmen, eine Aufgabe, die ihm und vielen seiner Männer das Leben kostet.

In der Werbung und Rezeption von »Glory« wurden manche unzutreffenden Behauptungen aufgestellt, die im Film selbst nicht oder nur andeutungsweise zu finden sind. Weder ist es wahr, daß die Beteiligung schwarzer Soldaten am Bürgerkrieg bisher totgeschwiegen worden sei, noch kann man sagen, die weißen Generäle hätten die Farbigen einfach als Kanonenfutter betrachtet - aus Angst vor der erbitterten Reaktion der Südstaatler und der kritischen Aufmerksamkeit der abolitionistischen Presse herrschte eher eine Abneigung, schwarze Soldaten für gefährliche Einsätze heranzuziehen, wie der Umstand zeigt, daß von den 180 000 Negersoldaten nur 1,6% im Kampf getötet oder tödlich verwundet wurden, gegenüber fast 7% der weißen Unionssoldaten.

Man wird auch schwerlich in der Mobilisierung schwarzer Truppen den entscheidenden Faktor für den Ausgang des Bürgerkriegs erblicken dürfen, womit auch die Behauptung fällt, die Farbigen hätten ihre Befreiung nicht den Nordstaatlern, sondern eigener Anstrengung zu verdanken.
Tatsächlich geht es aber dem Film mehr um den symbolischen Charakter der Ereignisse, um die Tragödie von Männern, die ohne reale Aussicht auf eine wesentliche Verbesserung ihrer Situation in den Krieg ziehen, weil sie in ihm die einzige Chance erblicken, für sich und ihre Rasse ein Selbstwertgefühl zu erkämpfen. Bei allen Widersprüchen und aller Ironie, die das mit sich bringt und die vom Film nicht beschönigt werden - sehr eindringlich etwa die Szene, in der Shaw einen Soldaten wegen Disziplinlosigkeit auspeitschen läßt und dabei die bereits aus seiner Sklavenzeit stammenden Narben auf dem Rücken des Delinquenten sichtbar werden -, bejaht »Glory« letztendlich dieses heroische Ethos, ein Umstand, der ihm in der deutschen Kritik natürlich den Vorwurf des - wenn auch gutgemeinten - Militarismus eingebracht hat.

In der Tat gerät der Film in seinen Schlußsequenzen in gefährliche Nähe zu kitschigem Pathos, nicht zuletzt eine Frage der ziemlich aufdringlichen akustischen Untermalung durch einen schwarzen Knabenchor. Das kann aber nur mehr wenig den bewegenden Eindruck mindern, den der mit geradezu religiöser Feierlichkeit zelebrierte Aufmarsch hinterläßt, mit dem das Regiment zu seinem Opfergang antritt. In dem kurzen Augenblick, als die schwarzen Soldaten unter dem Beifall ihrer weißen Kameraden an die Front rücken und sich zum Angriff formieren, hat das Anliegen des Films seinen stärksten Ausdruck gefunden.

 

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