
Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK D. KUEGLER, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© NORD & SÜD, Michael Solka, DER ZWEITE MANASSAS-FELDZUG
DER
ZWEITE MANASSAS-FELDZUG
29./30. August
1862
Der
General aus dem Westen
Generalmajor
John Pope war zweifelsohne eine beeindruckende Erscheinung: hochgewachsen,
mit dunklen Augen und schwarzem Haar. Seine Erfolge auf dem westlichen
Kriegsschauplatz als Befehlshaber der Mississippi-Armee waren beachtlich.
Insbesondere die Einnahme von New Madrid und der etwas weiter stromaufwärts
gelegenen Insel Nr. 10 im Frühjahr 1862 hatte den oberen Mississippi
fast bis Memphis für die Union geöffnet. Letztlich war es
aber doch seine politische Gesinnung, die ihm in Washington zur Karriere
verhalf.
Pope war ein verläßlicher Republikaner, was sich zu einem
Zeitpunkt auszahlte, da die Radikalen dieser Partei in Washington
enormen Einfluß ausübten. Pope arbeitete zunächst
als militärischer Berater für Präsident Lincoln, allerdings
waren seine Ratschläge während der Sieben-Tage-Schlacht
um Richmond keineswegs brillant. So drängte er den Präsidenten,
Generalmajor George B. McClellan zu zwingen, seine Armee am York oder
Pamunkey zu lassen und nicht über den James zu setzen. Seine
unzulängliche Einschätzung der Situation, in der sich McClellan
befand, begünstigte nicht gerade die Strategie der Union. Trotzdem
ernannte Lincoln am 26. Juni 1862 Pope zum Kommandeur der neu geschaffenen
Virginia-Armee, die sich aus den einzelnen Verbänden im Gebiet
des Rappahannock und Shenandoah zusammensetzte.
Die Stärke dieser Armee betrug etwa 45´000 Mann, darunter
6´500 Kavalleristen. Die Infanterie war in drei Korps aufgeteilt,
kommandiert von den Generalmajoren Franz Sigel, Irvin McDowell
und Nathaniel P. Banks.
Sigel war ein deutscher Emigrant, der nach der gescheiterten badischen
Revolution von 1848 hatte fliehen müssen. Seine militärischen
Kenntnisse hielten sich in Grenzen, aber er hatte politische Freunde
an den richtigen Stellen. Seine Soldaten bewunderten ihn uneingeschränkt.
Politischen Rückhalt genoß auch Banks, der von 1858 bis
Ende Januar 1861 Gouverneur von Massachusetts gewesen war. Er hatte
etwas mehr Talent als Sigel, und seine Aggressivität übertraf
sogar die der meisten Berufsoffiziere. McDowell war ein zuverlässiger
Offizier, allerdings haftete ihm der Makel des Mißerfolges in
der Schlacht am Bull Run vom 21. Juli 1861 an.
US-General
John Pope, Befehlshaber der neuformierten Virginia-Armee.
Als Sieger von Island Nr. 10 noch gefeiert, erweist sich Pope Robert
E. Lee und Stonewall Jackson handwerklich klar unterlegen.
Pope selbst
war keineswegs unangefochten. Nicht wenige Offiziere bezeichneten
ihn als Angeber und Windbeutel. Nach der Ansicht von Henry Villard,
dem Korrespondenten des „New York Herald", hatte der Befehlshaber
der Virginia-Armee zwei bedeutsame Schwächen:
„ Erstens sagte er zu oft, was er tun könnte und was getan
werden sollte; und zweitens ließ er sich ungeachtet guter Disziplin
und allen Anstandes auf sehr freimütige Äußerungen
über seine Vorgesetzten und Offizierskollegen ein. "
Am 8. Juli 1862 erklärte Pope vor dem Ausschuß der Kriegsführung,
daß er mit den Kriegszielen der radikalen Republikaner übereinstimme
und den Angriff befürworte. Die Potomac-Armee müsse an die
Washingtoner Front verlegt und mit seinen Truppen vereint werden.
Außerdem behauptete Pope, nicht nur nach Richmond, sondern auch
durch die ganze Konföderation bis nach New Orleans marschieren
zu können! Um die Sicherheit von Washington bereitete er sich
keine Sorgen:
„Washington wird am besten verteidigt, indem ich Richmond
angreife. Ich bezweifle sehr, ob die Konföderierten überhaupt
einige ihrer Truppen in diese Richtung in Marsch setzen werden, auch
wenn es ihnen gelingt, General McClellans Armee von dort zu verdrängen,
wo sie sich jetzt befindet."
Pope sagte
genau das, was die Anwesenden hören wollten. Sein Optimismus
war jedoch bedenklich, denn er konnte den Gegner zu diesem Zeitpunkt
noch nicht richtig einschätzen. Robert E. Lee war im Norden nicht
besonders bekannt und hatte das Kommando über die Nord-Virginia-Armee
erst seit dem 30. Juni 1862 inne, als er den verwundeten Joseph E.
Johnston ablöste.
Lincoln hatte Pope eine dreifache Aufgabe gestellt: Washington zu
decken, das Shenandoah-Tal zu sichern und gegen die Verbindungswege
des Gegners in Richtung Gordonsville und Charlottesville vorzugehen,
um einen Teil der Nord-Virginia-Armee, die McClellan gegenüberstand,
von Richmond weiter nach Westen zu locken.
Anfang Juli begann Pope seinen Feldzug, indem er seine Truppen zunächst
bei Warrenton konzentrierte und dann Richtung Culpeper vorrückte.
Pope selbst blieb im Washingtoner Hauptquartier, um die Instandsetzung
der „Orange-&-Alexandria"-Eisenbahnlinie bis Culpeper
abzuwarten.
Das Vorrücken in Richtung des Rapidan war keineswegs ungefährlich,
denn nach McClellans Rückzug von Richmond, konnte Lee gegen die
Virginia-Armee starke Verbände einsetzen. Pope war jedoch völlig
davon überzeugt, daß kühnes Handeln die Konföderierten
zum Verweilen in ihren Verteidigungsstellungen veranlassen würde.
Infolgedessen schenkte er allen Gerüchten Glauben, die Rückzugsbewegungen
des Gegners zum Inhalt hatten. Diese Fehleinschätzung sollte
fatale Folgen haben.
Um mit seinen Truppen in ein gutes Verhältnis zu gelangen, gab
Pope Mitte Juli eine Proklamation heraus, die sich allerdings als
unglaublicher Fehlgriff erwies. Diese Taktlosigkeit belastete sogleich
bei Beginn des Feldzuges die Beziehung zu seinen Untergebenen. Unter
anderem hieß es in dem Manifest:
„Ich
bin zu Euch aus dem Westen gekommen, wo wir immer die Rücken
unserer Feinde gesehen haben; von einer Armee, deren Aufgabe es gewesen
ist, den Gegner zu suchen und zu schlagen, sobald er entdeckt war,
deren Taktik Angriff hieß und nicht Verteidigung. ... Ich nehme
an, daß man mich hierher gerufen hat, um das gleiche System
anzuwenden und Euch gegen den Feind zu führen. Es ist meine Absicht,
dies schnell zu tun. . . . Ich verlange, daß Ihr aus Euren Köpfen
gewisse Sätze streicht, die zu meinem Bedauern unter Euch sehr
im Schwange sind. Ich höre unablässig, ¸starke Positionen
einnehmen und sie halten', ¸Rückzugslinien' und ,Vorratslager'.
Laßt uns solche Vorstellungen aufgeben. Die stärkste Position,
die ein Soldat einzunehmen wünschen sollte, ist eine, von der
er ganz mühelos gegen den Feind vorgehen kann. Laßt uns
die mutmaßlichen Rückzugslinien unserer Gegner studieren
und überlaßt die unsrigen sich selbst. Lagt uns nach vorn
sehen und nicht nach hinten. Erfolg und Ruhm liegen vorn, Unglück
und Schande lauern hinten."
Der anmaßende
Ton der Proklamation mußte Unmut hervorrufen, vor allem die
Herabwürdigung der Truppen im Osten war ein Affront ohnegleichen.
Vier Tage später ordnete Pope an, daß seine Armee sich
so weit wie möglich vom Land ernähren sollte. Offiziere
sollten stets die Vorräte kaufen. Plünderungen wurden durch
diese Anweisung nicht gebilligt - diese unterdrückte Pope mit
harter Hand.
Außerdem befahl der Kommandeur der Virginia-Armee, Aktivitäten
konföderierter Guerillas gnadenlos zu vergelten, alle männlichen
Nichtkombattanten innerhalb seiner Linien festzunehmen sowie diejenigen
auszuweisen, die sich weigerten, den Treueid auf die Union zu schwören.
Schließlich sollte jede Person, die versuchte, mit dem Gegner
Kontakt aufzunehmen, mit dem Tod bestraft werden.

Als diese Anordnungen
bekannt wurden, waren nicht wenige Offiziere wegen der angedrohten
Härte erstaunt, und bei den Konföderierten verwünschte
man Pope.
CS-General
Robert E. Lee
Vor allem Robert
E. Lee entrüstete sich über die angeordneten Maßnahmen.
Der Befehlshaber der Nord-Virginia-Armee verhehlte daher seine Verachtung
für Pope nicht und sagte: „Falls möglich, sollte
er niedergezwungen werden."
Dies war allerdings nicht so einfach, denn Lee hatte es mit vier Unionsarmeen
zu tun: McClellans Truppen, die nach wie vor bei Harrison's Landing
im Südosten von Richmond standen, Popes Virginia-Armee, die auf
Culpeper vorrückte, sowie mehrere Brigaden bei Fredericksburg
und die Einheiten von Generalmajor Ambrose E. Burnside, die nach ihrem
erfolgreichen Einsatz an der Küste von North Carolina vor Fort
Monroe in der Mündung des James auf ihren Transportschiffen lagen.
Der Süden durfte angesichts dieser Bedrohung auf keinen Fall
die Zeit untätig verstreichen lassen.
Als Popes Truppen
jedoch am 12. Juli Culpeper besetzten, mußte rasch gehandelt
werden, da dieser Ort keine 30 Meilen von Gordonsville entfernt war.
Eine Besetzung Gordonsvilles durch Einheiten der Union würde
mit Sicherheit die Unterbrechung der konföderierten Verbindungslinie
zwischen Richmond und dem Shenandoah-Tal zur Folge haben.
Aus diesem Grund schickte Lee „Stonewall" Jacksons Divisionen
sowie die von Richard S. Ewell per Bahn in das von Gordonsville fünfzehn
Meilen entfernte Louisa. Achtzehn Züge waren nötig, um Jacksons
10´000 Infanteristen und die Artillerie zu befördern. Seine
Kavallerie und Versorgungswagen rückten auf der Straße
vor.
Die Einnahme
von Gordonsville erwies sich jedoch als unmöglich, da bei Culpeper
schon zu viele Einheiten der Union standen. Jackson forderte daher
bei Lee Verstärkungstruppen an, um gegen die Blauröcke erfolgreich
vorgehen zu können. Dies lag auch ganz in Lees Absicht, doch
das Risiko war nicht unerheblich, da McClellans Truppen der Nord-Virginia-Armee
zahlenmäßig überlegen waren. Trotzdem beschloß
er, das Wagnis einzugehen: Generalmajor Ambrose P. Hill wurde am 27.
Juli mit 13´000 Mann in Marsch gesetzt, um „Stonewall"
Jackson zu verstärken.
Lee hoffte, durch diese Truppen Popes Armee einen schweren Schlag
zu versetzen und sie dann rechtzeitig nach Richmond zurückkehren
zu lassen, um einem möglichen Angriff der Potomac-Armee zu begegnen.
Eine solche Operation mußte minuziös ausgeführt werden,
was eine gute Zusammenarbeit der Kommandeure erforderte. Doch gerade
dieser Punkt war heikel, da der launische Ambrose P. Hill und der
starrsinnige „Stonewall" Jackson kein ideales Gespann waren.
Lee schrieb daher einen Brief an „Old Jack", in dem er
diskret das Problem andeutete:
„ Ich glaube, daß Sie in A. P. Hill einen guten Offizier
vorfinden werden, mit dem Sie sich beraten können. Durch Absprache
mit Ihren Divisionskommandeuren bezüglich Ihrer Bewegungen werden
Sie sich mit dem Anordnen von Einzelheiten viel Ärger ersparen,
da sie verständnisvoller handeln können.... Verbergen Sie
Ihre Truppen so weit wie möglich, bis Sie zum Schlag ausholen,
und halten Sie sich bereit, falls nötig, dann zu mir zurückzukehren.
Ich werde mich bemühen, General McClellan ruhig zu halten, bis
es vorüber ist, falls es zügig ausgeführt wird."
Der letzte
Punkt war leichter gesagt, als tatsächlich getan. Lee verfügte
nur noch über 56´000 Mann einschließlich zweier Brigaden,
die aus South Carolina erschienen waren. McClellan konnte durch die
Brigaden bei Fredericksburg und durch Burnsides Truppen verstärkt
werden oder Popes Armee zur Hilfe eilen. Um McClellan ein wenig zu
beunruhigen, ließ er 43 Geschütze am südlichen Ufer
des James bei Coggin's Point konzentrieren und in der letzten Julinacht
die Stellungen der Potomac-Armee beschießen.
Die Kanonade löste zunächst bei den Unionstruppen einige
Verwirrung aus, doch dann setzten die Nordstaatler ihre schweren Geschütze
ein und belegten die konföderierten Batterien mit heftigem Artilleriefeuer.
Als dann auch noch eine amphibische Gegenoperation drohte, ordnete
Lee am 3. August den Rückzug seiner Artillerie an.

Zwei Tage später
erhielt er den ersten Hinweis auf die geplante Strategie der Union.
Ein junger
Kavallerieoffizier namens:
John S. Mosby
war zwei Wochen zuvor von Nordstaatlern gefangengenommen und nach
Fort Monroe gebracht worden, um ausgetauscht zu werden. Gleich nach
dem Austausch informierte er Lee, daß Burnside den Befehl erhalten
hätte, seine Truppen am Aquia Creek auszuschiffen und nach Fredericksburg
zu führen. Traf diese Nachricht zu, dann war „Stonewall"
Jackson in höchster Gefahr.
Offenbar wollten
die Yankees im nördlichen Virginia zur Offensive übergehen
und nicht im Südosten von Richmond. Lee wollte wenigstens einen
Teil seiner Armee in Marsch setzen, um dieser Bedrohung sogleich zu
begegnen, doch noch am selben Tag meldete seine Kavallerie, daß
Einheiten der Potomac-Armee auf Richmond vorrückten.
Drei konföderierte
Divisionen marschierten am 6. August den Unionstruppen entgegen, die
den Kamm des Malvern Hill besetzt hatten. Alles deutete auf eine Schlacht
am nächsten Morgen hin, aber bei Tagesanbruch waren nur noch
einige Vorposten der Nordstaatler zu sehen. Die Haupttruppe war bereits
auf dem Rückweg ins Feldlager von Harrison's Landing.
Das Verhalten der Nordstaatler war äußerst merkwürdig,
und Lee schloß daraus, daß auf diese Weise Burnsides Abmarsch
ins Landesinnere gedeckt werden sollte. Seine Truppen konnten möglicherweise
die Strecke der „Virginia-Central"-Eisenbahn zwischen Gordonsville
und Hanover Junction unterbrechen. Um dies zu verhindern, mußte
„Stonewall" Jackson die Virginia-Armee angreifen. Pope
würde sicher Burnside um Unterstützung bitten. Da aber McClellan
erneut auf Richmond vorrücken konnte, war es unmöglich,
Jacksons Einheiten zu verstärken. „Old jack" war ganz
auf sein Können angewiesen.
Mosbys Information
stimmte tatsächlich. Burnside hatte am 1. August den Befehl erhalten,
mit seinen Truppen nach Fredericksburg zu marschieren, neun Tage nachdem
Henry W. Halleck neuer Generalstabschef geworden war. Lincoln und
Halleck waren Ende Juli zu der Ansicht gelangt, die Potomac-Armee
vom james abzuziehen und mit Popes Truppen zu vereinen. McClellan
war wie vom Donner gerührt, als er davon erfuhr. Vergeblich suchte
er Halleck zu überzeugen, daß Richmond das Herz der Rebellen
sei und dort der entscheidende Schlag gegen die Südstaatler geführt
werden müsse:
„Hier liegt die wahre Verteidigung von Washington. Hier,
an den Ufern des james, wird das Schicksal der Union entschieden werden."
Der Generalstabschef ließ sich nicht erweichen. Am 7. August
wurde der Befehlshaber der Potomac-Armee angewiesen, in aller Eile
die Truppenverlegungen vorzunehmen. McClellan fügte sich, seiner
Gattin schrieb er aber:
„Man begeht einen verhängnisvollen Fehler, indem man
mich von hier abzieht, und die Zukunft wird es zeigen. Ich glaube,
das Ergebnis dieser Machenschaft wird so aussehen, daß Pope
innerhalb von 10 Tagen fürchterlich geschlagen sein wird, und
daß man sehr froh sein wird, die Wiedergutmachung dieser Angelegenheit
mir zu überlassen."
Cedar
Mountain
Generalmajor
Pope, der in der Zwischenzeit die einzelnen Kavallerieabteilungen
seiner Armee wie bei den Konföderierten zu einem Kavalleriekorps
zusammengefaßt hatte, war sich der Gefahr bewußt, daß
Lee den Vorteil der inneren Linie ausnutzen und während der Verlegung
der Potomac-Armee ihn mit allen verfügbaren Einheiten angreifen
könnte. Äußerlich blieb er aber ganz ruhig.
Bedenklich war zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf jeden Fall die
Aufsplitterung seiner Truppen. Mehr als ein Drittel von McDowells
Korps lag unter Brigadegeneral Rufus King bei Fredericksburg, und
die Divisionen von Banks und Sigel waren noch nicht zusammengezogen.
Einen Kampf mit „Stonewall" Jacksons Streitmacht glaubte
Pope ohne weiteres zu bestehen. 
US-General
Nathaniel Prentiss Banks
Die
gleiche Ansicht vertrat sein Korpskommandeur Banks.
Hocherfreut setzte dieser daher am 8. August auf Popes Anordnung seine
zwei Divisionen nach Süden in Marsch, da die Konföderierten
den Rapidan überquert hatten. Banks sollte den Vormarsch der
Südstaatler verzögern, bis Pope seine restlichen Truppen
zusammengezogen hatte, um jackson die offenbar gewünschte Schlacht
zu liefern.
Am nächsten Morgen fand acht Meilen südwestlich von Culpeper
die erste Feindberührung statt. Konföderierte Artillerie
nahm die anrückenden Unionstruppen von den Abhängen eines
einzelnen Berges namens Cedar Mountain unter Feuer. Rasch trieb Banks
seine Männer voran und entdeckte, daß nördlich des
Berges starke Einheiten der Rebellen standen.
Banks scheute nicht die Attacke, doch angesichts seiner 8000 Soldaten,
die wahrscheinlich einer dreifachen Übermacht gegenüberstanden,
wollte er nicht eigenmächtig den Angriffsbefehl erteilen. Kurz
darauf erschien ein Stabsoffizier mit einer Nachricht von Pope, die
Banks zum sofortigen Angriff ermächtigte. Zwar war der Wortlaut
dieser Botschaft nicht ganz eindeutig, doch eingedenk Popes kampflustiger
Reden ließ Banks seine Einheiten auf ganzer Linie angreifen.
„ Stonewall" Jackson wußte von seiner Kavallerie,
daß die gegnerischen Truppen verstreut hinter dem Rapidan standen.
Die Gelegenheit war also günstig, einen Teil der Unionsarmee
zu schlagen und rasch den Rückzug anzutreten, bevor Pope sich
gegen ihn konzentrieren konnte. Wie üblich behielt „Old
Jack" seine Absicht für sich, ein Verhalten, das Hill zunehmend
irritierte.
Als
die Konföderierten am 7. August die Eisenbahnstation Orange erreichten,
sollte der Vormarsch am nächsten Tag in der Reihenfolge Ewell,
Hill, Winder vonstatten gehen. In der Nacht änderte Jackson jedoch
diesen Plan und ließ Ewells Truppen eine andere Straße
nehmen. Hill, der davon nichts wußte, wartete am Morgen außerhalb
von Orange auf Ewell, damit dieser die Führung übernähme.
Dort fand ihn Jackson vor.
Verärgert über die Verzögerung, erteilte er Hill einen
Verweis und ließ Brigadegeneral Charles S. Winders Truppen an
der Spitze marschieren. Daraus ergab sich eine erneute Verspätung,
so daß Ewell bis Sonnenuntergang kaum acht Meilen zurücklegte,
Winder ungefähr die Hälfte und Hill nicht einmal zwei Meilen.
„Stonewall" Jackson tobte, Hill war ebenso wütend,
und Ewell ärgerte sich maßlos. Winder lag mit Fieber in
einem Ambulanzwagen ungeachtet der Anordnung seines Arztes, das Kommando
ganz niederzulegen. Verdrießlich schrieb „Old Jack"
am nächsten Morgen an Lee:
„ Ich komme nichtgut voran.... Heute erwarte ich nicht viel
hehr als aufzuschließen und die Gegend um die Versorgungswagen
von feindlicher Kavallerie zu säubern. Ich fürchte, daß
das Unternehmen infolge meines säumigen Vormarsches nicht viel
einbringen wird."
Gegen Mittag erreichte die Vorhut der Konföderierten den Cedar
Mountain. Weiter nördlich waren zwischen mehreren Waldflecken
die Staubwolken marschierender Truppen zu sehen. Eine Erkundung der
gegnerischen Stärke hielt Jackson nicht für nötig und
beschloß auf Hill zu warten, bevor er vorging. Ewell wurde angewiesen,
seine Artillerie und Infanterie an der Nordseite des Berges zu postieren
und die anrückenden Nordstaatler ein wenig zu beschäftigen.
Weiter links sollten Winders Truppen Aufstellung nehmen, um dann die
Yankees zu überflügeln. Eile war nicht geboten. „Old
Jack" begab sich auf die Veranda einer nahegelegenen Farm und
hielt ein Nickerchen.
Banks'
Artilleristen erwiderten das Feuer der konföderierten Batterien,
und die Infanterie ging durch Waldabschnitte gedeckt gegen die Südstaatler
vor. Winder ignorierte den Protest seines Arztes und verließ
den Ambulanzwagen, um seine Truppen in Linie zu bringen und das Feuer
seiner Kanoniere zu leiten.
Mittlerweile war es 16 Uhr.
CS-General
Charles Sidney Winder
Zwei
Offiziere waren neben Winder bereits von Granatsplittern getötet
worden, als der Brigadegeneral - den Feldstecher vor den Augen - am
linken Arm von einer Granate getroffen wurde. Winder schlug der Länge
nach hin und wurde nach hinten gebracht. Bei Sonnenuntergang tat er
seinen letzten Atemzug.
Kurz nach Winders schwerer Verwundung durchbrachen Banks' Infanteristen
die Linie der Konföderierten an mehreren Stellen. „Stonewall"
Jackson wurde von dem heftigen Gewehrfeuer aus seinem Schlummer gerissen
und galoppierte unverzüglich an die Front. Fliehende Männer
hasteten ihm entgegen, die beim Infanterieangriff der Blauröcke
voller Panik ihre Stellungen verlassen hatten.
„Old Jack" zog seinen Säbel, schwang ihn über
dem Kopf und schrie mit heiserer Stimme:
„ Sammelt euch, ihr Tapferen, und drängt vorwärts!
Euer General wird euch führen. Jackson wird euch führen!
Folgt mir!"
Jacksons Anblick war genauso überraschend wie der Ansturm
der Yankees zuvor. Die Männer verhielten und begannen sich unter
den Rufen ihrer Offiziere wieder zu sammeln. Kurz darauf traf Hill
mit seinen Truppen ein. Seine Soldaten öffneten ihre Reihen,
ließen die Ausreißer durch und warfen sich auf die Angreifer,
die in der nun einsetzenden Dämmerung weit zurückgetrieben
wurden. Hill hatte zu seiner Genugtuung ein mögliches Desaster
verhindert.
Auch
Jackson war für die Rettung dankbar, aber keineswegs zufrieden.
Banks sollte ihm so nicht davonkommen. Da der Vollmond am Himmel genügend
Licht gab, ordnete „Old Jack" die Verfolgung der Unionstruppen
an. 400 Nordstaatler gerieten dabei in Gefangenschaft.
Insgesamt hatte Banks in der Schlacht am Cedar Mountain 2381 Tote,
Verwundete und Gefangene zu beklagen. Die Verluste der Konföderierten
betrugen 1365 Mann. Etwa sechs Meilen südlich von Culpeper endete
die Verfolgungsjagd der Südstaatler, da frische Unionstruppen
Banks zu Hilfe eilten.
Der Morgen des 10. August setzte mit der gleichen Hitze wie an den
Vortagen ein. Vor allem die Verwundeten litten unter der starken Sonnenstrahlung.
Die Schlacht fortzusetzen schied für die Konföderierten
aus, da McDowell und Sigel inzwischen mit Sicherheit Pope verstärkt
hatten.
Am Nachmittag schlug das Wetter um. Donnergrollen war zu vernehmen,
dann fing es an zu regnen. Jackson ließ die Verwundeten versorgen
und Waffen sowie Munition auf dem Schlachtfeld einsammeln.
Am nächsten Morgen erbat der Offizier einer Abteilung Unionskavallerie
einen Waffenstillstand, um die eigenen Verwundeten fortzuschaffen.
„Old Jack" willigte sogleich ein. Auf diese Weise gewann
er zusätzliche Zeit für den ohnehin notwendigen Rückzug.
Als es dunkel wurde, zündeten die Südstaatler zahlreiche
Lagerfeuer an und setzten sich im Schutz der Feuer ungehindert über
den Rapidan ab.
Für
„Stonewall" Jackson war Cedar Mountain ein eindeutiger
Sieg. Banks hatte höhere Verluste als er erlitten, und die Konföderierten
hatten zwei Tage nach der Schlacht das Feld behauptet. Andere Offiziere
waren aber von der Unzweideutigkeit des Sieges nicht so ganz überzeugt.
Die linke Flanke war beinahe überflügelt worden, während
„Old Jack" auf einer Veranda ein Nickerchen gehalten hatte.
Hatte ihr Kommandeur womöglich sein unglaubliches Einfühlungsvermögen
verloren?
Ebenfalls zufrieden mit dem Ausgang der Schlacht war Generalmajor
John Pope, da sich Banks gegenüber einem zahlenmäßig
überlegenen Gegner gut geschlagen hatte. Zunächst war er
allerdings ein wenig beunruhigt gewesen, da Banks seine mündliche
Nachricht falsch verstanden hatte, und er in aller Eile seine acht
Divisionen - einschließlich Kings Truppen, die am Montagabend
eingetroffen waren - zusammenziehen mußte.
Noch während sich die Konföderierten hinter den Rapidan
zurückzogen, hatte Pope an Halleck telegrafiert:
„Der Feind wurde den ganzen Tag über verstärkt....
Ich bin mir ziemlich sicher, daß wir am Morgen angegriffen werden.
Wir werden unseren bestmöglichen Kampf liefern."
US-General
Henry W. Halleck
von März
bis Juli 1862 KomGen. der Mississippi-Armee. Old Brains Halleck, als
Militärtheoretiker ein hervorragender Bürokrat, erweist
sich als entscheidungsschwacher Armeeführer.
Das
klang nicht besonders kämpferisch für einen Befehlshaber,
der für seine grimmigen Reden bekannt war. Und als ihm der Rückzug
der Konföderierten gemeldet wurde, folgte er den Südstaatlern
in sicherer Entfernung bis zum Nordufer des Rapidan. Dort verfiel
er wieder in seine alte Zuversicht und verkündete verheißungsvoll:
„Mit Sicherheit kann man voraussagen, daß Cedar Mountain
nur der erste in einer Reihe von Siegen ist, die die Virgina-Armee
im Land berühmt machen werden."
Unbill
am Rapidan
Robert E.
Lee war mit dem Zurückschlagen von Banks' Vormarsch
zufrieden, doch Jacksons Rückzug nach Gordonsville ließ erneut
die Strecke der „Virginia Central" ungeschützt. Schon
am folgenden Tag schickte er deswegen Generalmajor James Longstreet
mit zehn Brigaden nach Gordonsville.
Zugleich wurde Brigadegeneral John Bell Hood mit einer halben Division
nach Hanover Junction entsandt, um einen Vorstoß der Union von
Fredericksburg her zu verhindern. Sollte Burnside versuchen, sich mit
Pope zu vereinigen, konnte Hood seinen Marsch anpassen und zu „Stonewall" Jackson
stoßen.
Bedrohlich blieben nach wie vor McCellans Truppen, doch am 13. August
- Longstreets Soldaten bestiegen gerade die Züge nach Gordonsville
- berichtete ein Deserteur der Potomac-Armee, daß Teile von McClellans
Einheiten auf Transportschiffe verladen würden.
Einen Tag später bestätigten konföderierte Kundschafter
die Nachricht: Fitz John Porters Korps sei bereits abgezogen. Lee war
nun überzeugt, daß zumindest ein Teil der Potomac-Armee
Pope verstärken sollte. McClellan bedrohte ihn nicht länger.
Jetzt ging es darum, Pope zu schlagen, bevor der noch mehr Truppen
erhielt.
Lee besprach sich am 15. August mit Longstreet und Jackson. Die Gelegenheit,
Pope vernichtend zu schlagen, war mehr als günstig, da die Virginia-Armee
zwischen dem Rapidan und dem Rappahannock stand. Die Infanterie der
Konföderierten sollte hinter dem Clark Mountain südlich des
Rapidan in Stellung gehen, während die Kavallerie im Schutz der
Dunkelheit den Strom durchqueren und die Eisenbahnbrücke bei Rappahannock
Station zerstören sollte, um Popes Versorgungslinie zu unterbrechen
und gleichzeitig einen sicheren Fluchtweg abzublocken. Dann sollten
die Fußtruppen den Rapidan überschreiten und die Virginia-Armee
von vorn angreifen. Jackson und Longstreet erklärten sich einverstanden,
obwohl „Old
Pete" die Unionstruppen lieber von rechts her attackiert hätte.
Da die Kavallerie noch nicht aus Richmond eingetroffen war, wurde die
Operation um einen Tag verschoben.
Doch
dann ging bei der Kavallerie einiges schief. Generalmajor J. E. B.
Stuart verfügte über zwei Brigaden.

CS-General
William Henry Fitzhugh Lee
Eine
war unter Wade Hampton hei Richmond zurückgelassen worden, die
andere - kommandiert von Fitzhugh Lee, einem Neffen des Oberbefehlshabers
- stand bei Hanover Junction. Östlich des Clark Mountain wollten
sich Stuart und Fitzhugh Lee hinter dem Raccoon Ford treffen. Mitternacht
rückte immer näher, doch Fitzhugh Lee ließ sich nicht
blicken.
Stuart
und seine Stabsoffiziere beschlossen daher, auf der Veranda eines
an der Landstraße gelegenen Hauses etwas zu schlafen. Kurz vor
Sonnenaufgang war plötzlich in einiger Entfernung Hufschlag zu
vernehmen, und zwei Offiziere ritten den Ankömmlingen entgegen.
Jäh krachten mehrere Karabiner. Nicht Fitzhugh Lee und seine
Begleiter, sondern Unionskavalleristen preschten auf die überraschten
Südstaatler zu. Stuart und seine Männer gelangten gerade
noch auf ihre Pferde und flohen in einem Kugelhagel. Zurück auf
der Veranda blieben der federgeschmückte Hut und der Umhang des
Generalmajors - eine willkommene Beute für die blauuniformierten
Reiter, die Generalmajor Pope ausgeschickt hatte, um Erkundigungen
einzuziehen.
Im
nachhinein stellte sich heraus, daß Brigadegeneral Robert A.
Toombs - er wäre beinahe Präsident der Konföderation
geworden - die Furt nicht hatte bewachen lassen. Toombs wurde aufgrund
dieses Versäumnisses arretiert, doch der setzte sich über
die Vorschriften hinweg, indem er seinen Säbel umschnallte und
vor seiner Brigade eine temperamentvolle Rede hielt. Daraufhin wurde
Toombs seines Kommandos enthoben.
Da Fitzhugh Lee nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen war, mußte
der geplante Angriff um einen Tag verschoben werden. Außerdem
waren auch noch nicht alle Infanteriebrigaden hinter dem Clark Mountain
in Stellung gegangen. Lees Neffe erklärte später, daß
seine Befehle nicht zur Eile gemahnt hätten, und er folglich
über Louisa gezogen sei, um sich mit Lebensmitteln und Munition
zu versorgen. Sein Umweg erforderte eine erneute Verschiebung des
Angriffstermins.
Ein Nachteil schien daraus nicht zu erwachsen, denn die Virginia-Armee
verhielt sich ruhig. Lee konnte sogar eine zusätzliche Division
aus Richmond heranholen. Am Abend des 18. August brachen Popes Truppen
aber überraschend ihr Feldlager ab und zogen sich nach Culpeper
zurück. Lee sah am nächsten Morgen selbst, daß die
langen Zeltreihen verschwunden waren und unzählige Planwagen
nach Norden rollten. Nach einem tiefen Seufzer wandte er sich an Longstreet,
der neben ihm stand, und sagte voller Bedauern: „General,
wir haben kaum daran gedacht, daß der Feind uns seinen Rücken
so früh auf diesem Feldzug zuwenden könnte."
Einen
Tag später überquerte
die Nord-Virginia-Armee den Rapidan.
Weiter konnten die Konföderierten
aber nicht vorrücken,
da Popes Truppen hinter dem Rappahannock
in Stellung gegangen waren. Zwei Tage
lang versuchte Lee einen Übergang
zu erzwingen, doch jedesmal vereitelten
die Nordstaatler seine Bemühungen.
Generalstabschef Halleck hatte Pope
per Telegraf folgende Anweisung erteilt:
„Verteidigen Sie jeden Inch
Boden, und kämpfen Sie wie der
Teufel, bis wir Sie verstärken
können. Noch 48 Stunden und wir
können Sie stark genug machen."
Bestärkt durch diese Nachricht und das erfolgreiche Abblocken
der Südstaatler, versicherte Pope seinem Vorgesetzten:
„ Kein
Grund zur Besorgnis, da ich glaube, daß auf
mich einige Tage lang keine Auswirkung
erzielt werden kann."
Robert E. Lee beabsichtigte aber nicht
nur das durchzuführen,
was sein Gegner „Auswirkung" nannte, sondern mußte
es rasch zustande bringen, da sonst das Spiel verloren war. Aus Richmond
wußte er, daß sich die ganze
Potomac-Armee auf dem Weg zum Rappahannock
befand und sich
Burnsides Truppen
bereits
mit Popes
Armee vereinigt hatten.
Lee schätzte die Stärke der Virginia-Armee nunmehr auf 70´000
Mann. Diese Zahl würde sich bei McClellans Eintreffen verdoppeln.
Die Konföderierten hatten 55´000 Mann im Feld, in Richmond
befanden sich noch 17´000. Pope mußte auf jeden Fall aufgeschreckt
werden.
Um
dies zu erreichen, beorderte Lee Stuart in den Rücken der Virginia-Armee.
Stuart hatte den gleichen Gedanken. Seit dem Verlust seines Hutes
am Raccoon Ford litt der Generalmajor unter dem Gespött seiner
Kameraden und bat Lee daher, ihn so bald wie möglich loszuschicken.
Am Morgen des 22. August überquerte Stuart mit 1´500 Reitern
und zwei Geschützen den Rappahannock im Westen der Unionsstellungen
und zog über Warrenton nordwärts. Sein Ziel war Catlett's
Station an der „Orange-&-Alexandria"-Eisenbahnlinie.
Die Kolonne umging das Quellgebiet des Cedar Run und wandte sich dann
nach Südosten. Bei Sonnenuntergang brach ein starker Sturm auf,
doch Stuart trieb seine Reiter weiter.
Kurz vor Catlett's Station nahmen sie eine Ordonnanz gefangen, die
offensichtlich Generalmajor Pope nicht besonders leiden konnte und
die Südstaatler zum Zeltlager des Kommandeurs der Virginia-Armee
führte. Stuarts Reiter umzingelten das gut beleuchtete Zeltlager
und griffen in gestrecktem Galopp an. Die Überraschung gelang
vollständig.
Inmitten der Panik machten die Konföderierten 200 Gefangene,
fast genauso viele Pferde fielen ihnen in die Hände. In Popes
Zelt - der Generalmajor befand sich zum Zeitpunkt des Überfalls
auf einer Inspektionsreise - erbeuteten Stuarts Männer ein Depeschenbuch
mit Kopien aller Nachrichten der letzten Wochen aus dem Hauptquartier
und eine Kiste mit 350´000 Dollar Sold.
Die Eisenbahnbrücke über dem Cedar Run - das eigentliche
Ziel des Unternehmens - widerstand allerdings allen Versuchen, sie
zu zerstören. Das Holz war zu naß, um Feuer zu fangen,
und zu hart, um zerhackt zu werden. Kurz vor Tagesanbruch brachen
Stuarts Reiter wieder auf und schlugen dieselbe Route ein, auf der
sie gekommen waren. Stuart war wieder in bester Stimmung.
US-General
Fitz John Porter
In der Schlacht
von Manassas umstritten, wird Porter vor ein Militärgericht
gestellt und aus der Armee entlassen.
Aus
dem erbeuteten Depeschenbuch ging die Aufstellung der Unionstruppen
hinter dem Rappahannock klar hervor. Von größter Wichtigkeit
war die Nachricht, daß Fitz John Porters Korps vor drei Tagen
am Aquia Creek ausgeladen worden und am nächsten Tag nach Falmouth
marschiert war, sich also in unmittelbarer Nähe von Popes linkem
Flügel befand. Dicht hinter Porter war Generalmajor Samuel P.
Heintzelmans Korps im Anmarsch. Die Union schien den Wettlauf mit
der Zeit zu gewinnen.
Sorgfältig studierte Lee seine Landkarten, um sich aus dem Schlamassel
zu lösen. Der einzige Ausweg bestand nur noch darin, Pope nach
Nordosten zu locken, um so die Entfernung zwischen der Virginia-Armee
und den vom Aquia Creek anrückenden Einheiten zu vergrößern.
Zweimal hatte Lee versucht, die Strecke der „Orange-Alexandria"-Eisenbahn
zu unterbrechen, aber beide Versuche waren fehlgeschlagen. Diesmal
würde der Schlag noch weiter nördlich erfolgen. Ausführen
sollte ihn „Stonewall" Jacksons Infanterie.
Im
Rücken der Virginia-Armee
Generalmajor
Longstreet fiel dabei eine Aufgabe zu, die er allen anderen vorzog
und die er am besten konnte: Seine vier Divisionen sollten die Stellung
am Rappahannock gegen mögliche Angriffe der Virginia-Armee halten.
Jackson sollte unterdessen in einem weiten Bogen an Pope vorbeimarschieren.
Anschließend sollten seine Truppen über den Paß im
Süden der Bull Run Mountains südostwärts vorstoßen
und die Virginia-Armee vom Nachschub abschneiden. Ein größeres
Gefecht sollte „Old Jack" nach Möglichkeit vermeiden.
Sobald Pope vom Rappahannock abzog, sollten sich beide Heeresgruppen
der Nord-Virginia-Armee bei Manassas wieder vereinen.
Unverzüglich ging „Stonewall" Jackson an die Vorbereitung
des Marsches. Er wies seine Männer an, die Tornister abzulegen
und nur die Waffen mitzunehmen. Kein Ambulanz- oder Versorgungswagen
sollte mitgeführt werden. Ewell sollte die Vorhut übernehmen,
gefolgt von Hill. Den Schluß der Kolonne sollte Winders Division
bilden, die inzwischen Brigadegeneral William B. Taliaferro übernommen
hatte.
Während der Nacht wurden Jacksons Geschütze, die bislang
am Rappahannock standen, durch Longstreets Artillerie ersetzt. Lee
blieben noch 32´000 Mann einschließlich Stuarts Kavallerie,
die einen Tag später zu Jacksons Einheiten stoßen sollte.
Der Aufbruch der 23´000 Konföderierten am 25. August mußte
unter allen Umständen vor Pope geheimgehalten werden.
„Old
Jack" gönnte sich nur ein paar Stunden Schlaf, dann war
er bereits wieder auf den Beinen. Nach einer kurzen Mitteilung an
seine Frau schwang er sich in den Sattel und ritt an den Reihen seiner
Männer entlang, das graue Käppi tief in die Stirn gezogen.
Wie üblich kannten seine Soldaten nicht das Ziel ihres bevorstehenden
Marsches.
Die lange Kolonne zog über Jeffersonton nach Amissville, überquerte
den Rapidan und hielt abends bei Salem, einer Station der „Manassas-Gap"-Eisenbahn
an. Der 25 Meilen lange Marsch hatte die Männer erschöpft,
doch als sie ihren Kommandeur auf einem Felsbrocken neben der Straße
stehen sahen, jubelten sie ihm sogleich zu. Jackson protestierte überrascht
und ließ durch einen Offizier anordnen, jeden Lärm zu vermeiden,
um nicht die Aufmerksamkeit der Yankees zu erwecken.
Seinem Stab sagte „Old Jack": „Wer könnte
mit solchen Truppen wie diesen keinen Sieg erringen?"
Am nächsten Morgen war den Soldaten klar, daß sie nicht
ins Shenandoah-Tal zogen, denn von Salem ging der Marsch nach Osten
an der Eisenbahnlinie entlang. Vom Himmel stach unbarmherzig die Sonne,
aber die Männer marschierten unverdrossen weiter. Als sie sich
dem Paß südlich der Bull Run Mountains näherten, verdoppelten
sie ihr Marschtempo, denn nun wurde es kritisch.
Ausbildungslager
der Potomac-Armee vor den Toren von Washington.
Bewachten
Nordstaatler den Gebirgsübergang, war es mit dem Überraschungsmoment
vorbei, und es mußte gekämpft werden. Bald ging die Nachricht
durch die Kolonne, von Ewells Männern zu Hills und zu Taliaferros:
Kein einziger Yankee war in Sicht! Die Konföderierten drängten
weiter, nach Osten zu, nach Hay Market. Danach wandten sie sich nach
Südosten. Das Ziel ihres Marsches war kein Geheimnis mehr. Man
stand weit im Rücken der Virginia-Armee.
Kurz
vor Gainesville holte Stuart mit seinen Kavalleristen die staubbedeckte
Kolonne ein. „Old Jack" schickte die Reiter als Flankenschutz
nach rechts und hielt nunmehr auf Bristoe Station zu, wo die „Orange-&-Alexandria"-Eisenbahnstrecke
den Broad Run überquerte. Die Männer waren inzwischen fast
am Ende ihrer Kräfte, nachdem sie über 50 Meilen zurückgelegt
und sich praktisch nur von Äpfeln und grünem Mais ernährt
hatten. Mitleidlos trieb aber „Stonewall" Jackson seine
Soldaten vorwärts.
In
der Zwischenzeit war Generalmajor Pope der Abmarsch der Konföderierten
am Rappahannock keineswegs entgangen. Seine Kundschafter hatten schätzungsweise
20´000 Südstaatler gesichtet, die vermutlich in Richtung
Fort Royal vorrückten. Pope sah jedoch keinen Grund zur Beunruhigung.
Er wollte Lee angreifen, aber die versprochenen Verstärkungen
waren noch nicht eingetroffen. Außerdem lagen aus Washington
keine konkreten Anweisungen vor.
Irvin McDowell erfuhr am 26. August aus Berichten des Befehlshabers
seiner Kavallerie, daß die Konföderierten nicht mehr in
Richtung Fort Royal marschierten, sondern sich nach Osten gewandt
hatten. Brigadegeneral James B. Ricketts, der sich mit seiner Division
auf dem äußersten rechten Flügel der Virginia-Armee
befand, wurde sogleich gewarnt.
Ein Kavallerieregiment aus Pennsylvania beobachtete die Paßstraße
südlich der Bull Run Mountains, ritt aber beim Erscheinen der
Südstaatler eiligst davon. Niemand informierte Pope von diesem
Vorfall.
Die führende Brigade von Jacksons Truppen erreichte Bristoe Station
bei Sonnenuntergang. Mit Gebrüll überrannten die Südstaatler
die überraschten Wachen und besetzten die Eisenbahnstation, als
sich von Süden her ein Zug näherte. In aller Eile legten
die Männer Schwellen auf das Gleis und versuchten fieberhaft,
eine Schiene herauszureißen. Aber es war zu spät: Der Zug
donnerte heran, schleuderte die aufgehäuften Schwellen zur Seite
und brauste weiter.
Die Enttäuschung wich jedoch, als die Soldaten erfuhren, daß
um diese Zeit lediglich leere Versorgungszüge von Popes Depots
bei Warrenton nach Manassas und Alexandria fuhren.
Als der nächste Zug erschien, waren die Südstaatler vorbereitet.
Die Lokomotive wurde unter Gewehrfeuer genommen, dann fuhr der Zug
mit vollem Tempo über eine falsch gestellte Weiche in ein Nebengleis
und kippte mit der Hälfte der Wagen den Bahndamm hinunter. Kurz
darauf war das Pfeifen eines dritten Zuges zu hören. Der Lokführer
bemerkte zu spät die Gefahr und prallte mit voller Wucht auf
die stehengebliebenen Wagen des vorherigen Zuges.
Wenig später brauste ein vierter Zug heran, doch dieser konnte
rechtzeitig bremsen und fuhr sogleich wieder zurück. Mit geschüttelten
Fäusten verfluchten nicht wenige Südstaatler die Wachsamkeit
des Lokführers.
Auch „Stonewall" Jackson registrierte mit Genugtuung den
angerichteten Schaden, wies seine Männer aber gleich an, die
Eisenbahnbrücke über den Broad Run zu zerstören. Während
dies geschah, fragte er einen Lokführer aus, der das Unglück
unverletzt überstanden hatte.
Die Befragung ergab, daß sich Popes Hauptdepot, das nur leicht
bewacht wurde, vier Meilen weiter nördlich bei Manassas befand.
Da die Eisenbahner des ersten Güterzuges ohne Frage die Behörden
vom Auftauchen der Konföderierten bei Bristoe Station informieren
würden, mußte umgehend gehandelt werden, um das Hauptlager
bei Manassas zu plündern.
Noch in der Nacht wurden zwei Regimenter aus Ewells Division unter
Brigadegeneral Isaac R. Trimble zusammen mit Stuarts Reitern nach
Manassas mit dem Auftrag geschickt, die sehr wahrscheinliche Entsendung
von Truppen aus Alexandria abzublocken.
Südstaatliche Schanzen bei Manassas
Die
Hauptmacht der Konföderierten brach am frühen Morgen des
27. August nach Manassas auf. Zurück am Broad Run blieb Ewell
mit seinen restlichen Regimentern, um Jackson den Rücken frei
zu halten.
Als die ausgehungerten und zerlumpten Südstaatler das riesige
Depot bei Manassas sahen, trauten sie kaum ihren Augen. Vor ihnen
erhoben sich zahlreiche Lagerhäuser, die offenbar zum Bersten
gefüllt waren. Auf zwei Nebengleisen der Hauptstrecke standen
mehr als hundert geschlossene Güterwagen. Unzählige Marketenderwagen
ergänzten den paradiesischen Anblick.
Jauchzend
stürmten die Soldaten los, doch „Stonewall" Jackson
hatte eine solche Reaktion vorausgesehen und durch Trimbles Männer
eine Absperrkette bilden lassen. Die wurde jedoch mühelos durchbrochen,
und eine Unmenge Konföderierter fiel über das Depot her.
Feldflaschen wurden mit Sirup aufgefüllt, Brotbeutel mit Kaffee.
In unzähligen Taschen verschwanden Zigarren, Klappmesser, Taschentücher
und Briefpapier. Hauptziel der Suche war aber Whiskey.
Dies
hatte auch „Old Jack" geahnt und deswegen die Fässer
und Korbflaschen zerschlagen lassen. Der begehrte Alkohol versickerte
in der Erde. Mancher enttäuschte Soldat tröstete sich aber
mit eingemachten Austern und Hummer aus Dosen. Mit Rotwein wurden
die Leckerbissen hinuntergespült.
Östlich des Depots feuerte immer wieder eine Unionsbatterie,
ohne großen Schaden anzurichten. Jackson ließ schließlich
den Beschuß durch seine Artillerie erwidern. Zur selben Zeit
traf die Meldung ein, daß feindliche Infanterie die Eisenbahnbrücke
am Bull Run überquert hatte und sich zum Angriff formierte. Rasch
wurde der Großteil von Hills Division nach vorn beordert, um
die Bedrohung abzuwehren.
Bei den gegnerischen Truppen handelte es sich um eine Brigade, die
sich aus vier Regimentern aus New Jersey zusammensetzte. Die Brigade
war per Bahn aus Alexandria bis zur Brücke, am Bull Run transportiert
worden, doch ihr Kommandeur, Brigadegeneral George W. Taylor, ließ
seine unerfahrenen Soldaten weiter vorrücken, um die Südstaatler
aus dem Depot von Manassas zu jagen. Irrtümlich hielt Taylor
die Konföderierten für Kavalleristen. Die Unionssoldaten
rückten voller Elan an, ohne zu wissen, daß ihnen die größte
und wahrscheinlich kampfkräftigste Division aus Lees Armee gegenüberstand.
„Old Jack" eröffnete den Kampf mit seiner Artillerie,
doch die Nordstaatler stürmten ungeachtet ihrer Verluste mit
aufgepflanztem Bajonett vorwärts. Daraufhin tat Jackson etwas
sehr Merkwürdiges. Er wies seine Kanoniere an, das Feuer einzustellen,
ritt den Angreifern mit einem weißen Tuch entgegen und forderte
sie auf, sich zu ergeben. Die Antwort bestand aus einer Kugel, die
„Old Jack" knapp verfehlte.
Erbost sprengte Jackson zu seinen Reihen zurück und ließ
wieder feuern. Die Yankees waren mittlerweile nahe genug heran und
erkannten nun die Gefahr. Hastig nahmen sie Reißaus. Etwa 200
gerieten in Gefangenschaft, 135 waren gefallen oder verwundet. Ihr
tödlich verwundeter Kommandeur erlag am 1. September in Alexandria
seinen Verletzungen.
Die Konföderierten steckten nach dem kurzen Gefecht die Eisenbahnbrücke
über dem Bull Run in Brand und kehrten nach Manassas zurück,
wo inzwischen wieder Ordnung eingekehrt war. Alle Ambulanz- und Vorratswagen
wurden mit notwendigen Gütern beladen, vor allem mit Medikamenten.
Alles andere verbrannte in einem Flammenmeer.
„Stonewall"
Jackson brauchte jetzt eine sichere Stellung, um die Ankunft von Longstreet
und Lee abzuwarten. Ewell hatte schon anmarschierende Unionstruppen
aus Bristoe Station gemeldet. Bei Einbruch der Nacht marschierten
die Südstaatler los.
Generalmajor Pope wußte unterdessen, was im Rücken seiner
Armee vorgefallen war, und daß Lee seine Truppen geteilt hatte.
Die Gelegenheit, die beiden Heeresgruppen der Südstaatler getrennt
zu schlagen, war einmalig günstig. Der Kommandeur der Virginia-Armee
hatte 40 Brigaden zu seiner Verfügung - weitere Einheiten waren
im Anmarsch -, während Lee keine 30 Brigaden hatte, die zudem
aufgeteilt waren. Für Pope war Lee dabei, taktischen Selbstmord
zu begehen.

US-General Samuel P. Heintzelmann, dessen
Vorfahren aus Augsburg nach Pennsylvania eingewandert sind, führt
das III. Korps der Potomac-Armee, taktiert jedoch zu vorsichtig und
verliert nach Manassas sein Kommando.
Pope
eilte nach Bristoe Station, wo sich Brigadegeneral Joseph Hookers
Division - sie gehörte zum Korps Heintzelman - erfolgreiche Scharmützel
mit Ewells Männern geliefert hatte. Hooker hatte zu seinem Leidwesen
das Geplänkel aus Munitionsmangel abbrechen müssen. Pope
beschloß, sechs weitere Divisionen heranzuführen und mit
ihnen Jackson noch vor dem morgigen Sonnenuntergang zu schlagen. Die
Vernichtung des großen Depots erschien im Vergleich mit der
sich bietenden Möglichkeit nebensächlich.
Bald trafen Meldungen ein, die von konföderierten Einheiten an
verschiedenen Orten westlich von Manassas berichteten. Pope sichtete
die Berichte und gelangte schließlich zu dem Schluß, daß
Jacksons Divisionen bei der Ortschaft Centreville stehen müßten.
Sogleich wurden neue Befehle hinausgeschickt, um die Truppen in diese
Richtung in Marsch zu setzen.
Pope war nach wie vor guter Dinge, doch die Soldaten in den Marschkolonnen
litten bereits unter der glühenden Augustsonne. Außerdem
begannen die Vorräte knapp zu werden. Schneller Ersatz war nach
der Zerstörung des großen Depots nicht möglich.
Am
Abend des 28. August traf Pope an der Spitze von zwölf Divisionen
ein, doch die Konföderierten waren spurlos verschwunden. Allmählich
wurde die Situation unerquicklich, Pope plagten die ersten Zweifel.
Die Chance, Lees Flügel einzeln zu schlagen, wurde immer geringer.
Kurz nach Einsetzen der Dunkelheit trafen jedoch zwei Meldungen ein,
die Pope in Hochstimmung versetzten. Die erste besagte, daß
Longstreets Kolonne beim Vorstoß auf den Gebirgsübergang
südlich der Bull Run Mountains zurückgeworfen worden sei.
In der anderen Meldung hieß es, daß am Spätnachmittag
eine von McDowells Divisionen auf dem Weg nach Centreville Jacksons
Konföderierte in den Wäldern neben der Straße nach
Warrenton entdeckt und aufgescheucht hätte.
Entschlossen,
den Gegner nicht entwischen zu lassen, gingen sogleich Befehle an
die Korpskommandanten hinaus: McDowell und Sigel sollten mit 30´000
Mann bei Tagesanbruch von Süden und Westen angreifen, um so einen
möglichen Rückzug über die Straße südlich
der Bull Run Mountains zu verhindern, während Heintzelman, Porter
und Reno mit ebenfalls 30´000 Mann von Osten her zum Angriff
übergehen sollten.
Klar befahl Pope seinen Untergebenen: „Greift beim ersten Tageslicht
energisch an!"
Groveton
Popes
Plan war vernünftig, doch der Kommandeur der Virginia-Armee war
das Opfer eines Mißverständnisses und einer Falschmeldung.
„Stonewall" Jackson saß keineswegs in der Falle -
er befand sich dort, wo er sein wollte und hoffte sogar auf einen
Angriff der Nordstaatler. Dabei war nach dem Abmarsch aus Manassas
einiges schiefgelaufen, da die drei Divisionen in der Dunkelheit die
Marschroute nach Groveton, ihr Ziel, nicht einhalten konnten.
Taliaferros Männern erging es noch am besten, während Hill
bis nach Centreville marschierte und sich erst dann nach Westen wandte.
Ewell folgte Hill einige Zeit, überquerte dann den Bull Run am
Blackburn Ford, um danach den Fluß auf einer Brücke wieder
zu überschreiten.
Am Morgen waren die Einheiten weit auseinandergezogen und konnten
sich erst mittags bei Groveton konzentrieren. Letztlich hatte sich
aber dieses Durcheinander als Vorteil erwiesen, denn es hatte die
widersprüchlichen Berichte der Unionskavallerie über den
Verbleib der Konföderierten zur Folge, die Pope zu seiner mißlichen
Suche veranlaßten.
Jackson hatte den Sammelpunkt seiner Divisionen mit Bedacht ausgesucht.
Eigentlich hätten sich die Konföderierten über die
Paßstraße der Bull Run Mountains zurückziehen sollen,
doch dies war nicht nach „Old Jacks" Geschmack. Longstreet
mußte in Kürze den Gebirgsübergang passieren, und
bei Groveton gab es eine ausgezeichnete Verteidigungsstellung.
Als gegen Mittag die Einheiten wieder beisammen waren, ließ
Jackson die Männer nördlich der Landstraße nach Gainesville
hinter einem Hügelkamm in einem Wald lagern. Die Soldaten legten
ihre Gewehre ab und machten es sich bequem. Musik durfte nicht gemacht
werden, auch lautes Rufen war untersagt.
Ein
Südstaatler erinnerte sich:
„Lachen und Unterhaltungen waren nicht verboten ... und der
Wald hörte sich wie das Summen eines Bienenstockes im warmen
Sonnenschein an."
„Old Jack" selbst blieb auf dem Hügelkamm, von dem
aus die Landstraße gut zu überblicken war. Als ein Vorposten
meldete, daß aus Gainesville Nordstaatler anrückten, wurden
Ewell und Taliaferro mit ihren Truppen zwei Meilen weiter westlich
in die Wälder entlang der Landstraße geschickt. Doch es
fand kein Gefecht statt. Die feindliche Kolonne schwenkte nach Manassas
ab.
Jackson war darüber überhaupt nicht erfreut. Mit mürrischem
Gesicht ritt er den Hügelkamm auf und ab. Die Stabsoffiziere
kannten die Stimmung ihres Kommandeurs nur zu gut und hielten sich
diskret zurück.
Am Abend tauchte dann aber eine neue Marschkolonne der Nordstaatler
auf. Jackson ritt den Hügel hinunter und ließ sein Pferd
in Schußweite der Blauröcke hin und her traben, um sich
einen guten Überblick zu verschaffen. Dem einsamen Reiter wurde
keine Aufmerksamkeit geschenkt. Auf dem Hügelkamm beobachteten
die Offiziere fasziniert ihren Befehlshaber.
Einer äußerte sich später:
„An seinen Bewegungen konnten wir beinahe seine Gedanken lesen.
Gelegentlich hielt er an, dann trabte er munter weiter, hielt erneut,
wendete sein Pferd und ritt wieder an der Flanke der marschierenden
Kolonne entlang. "
Als „Stonewall" Jackson wieder Seite an Seite mit den vordersten
Unionssoldaten war, riß er sein Pferd herum und galoppierte
zu seinen Offizieren zurück. Wenige Minuten später wurden
drei Batterien in Stellung gebracht und die Kolonne der Nordstaatler
unter Feuer genommen. Taliaferros Männer stürmten brüllend
mit entrollten Schlachtfahnen den Hügel hinunter.
US-General
Rufus King
Doch
die überraschten Unionssoldaten - sie gehörten zu Rufus
Kings Division - gerieten nicht in Panik. In aller Ruhe erwarteten
sie den Ansturm der Südstaatler und gaben gezielte Salven ab.
Vor allem John Gibbons Brigade, die sich aus drei Wisconsin-Regimentern
und einem Regiment aus Indiana zusammensetzte, zeigte sich unerschütterlich.
Verstärkt durch zwei Regimenter aus Abner Doubledays Brigade,
wehrten Brigadegeneral Gibbons Männer die Übermacht der
Konföderierten ab.
Jackson ließ weiterhin stur angreifen, um durch seine zahlenmäßige
Überlegenheit die Entscheidung zu erzwingen. Zwei Stunden lang
wütete der Kampf, dann ließ gegen 21 Uhr das Gewehrfeuer
nach. Die Unionstruppen zogen sich über die Landstraße
zurück. Von den 3000 Soldaten waren mehr als ein Drittel getötet
oder verwundet worden. Im 2. Wisconsin-Regiment, das zu Beginn des
Gefechtes eine Stärke von 500 Mann hatte, waren nur noch 202
Soldaten am Leben. Gibbons vier Regimenter sollten im Verlauf des
Bürgerkrieges als Eiserne Brigade berühmt werden.
Im
Augenblick wußten Doubleday und Gibbon jedoch nicht so recht,
welche Anordnungen sie treffen sollten. Ihr Befehl lautete, nach Centreville
zu marschieren, aber allem Anschein nach war der Weg dorthin von den
Konföderierten blockiert. Beide Generale besprachen sich mit
Rufus King, der krank in einem Ambulanzwagen lag. Wo sich Korpskommandant
Irvin McDowell befand, wußte niemand. McDowell sollte erst am
nächsten Morgen wieder zu seinen Truppen stoßen, da er
in der Dunkelheit vom Weg abgekommen war und sich in den Wäldern
verirrt hatte. Gibbon und Doubleday beschlossen schließlich,
auf Manassas zurückzugehen.
Die
Konföderierten hatten ebenfalls hohe Verluste erlitten. Im 27.
Virginia-Regiment waren keine dreißig Soldaten unverletzt geblieben,
und im 2. virginischen Regiment gab es nur noch zwei Offiziere. Zwei
Generale hatten schwere Verwundungen erlitten: Taliaferro, der Winders
Nachfolge in der Schlacht am Cedar Mountain angetreten hatte, war
dreimal verwundet worden. Erst als er nicht mehr stehen konnte, wurde
er nach hinten gebracht. Sein Nachfolger wurde Brigadegeneral William
E. Starke, ein ehemaliger Baumwollkaufmann aus New Orleans.

CS-General
Richard Stoddert Ewell
Der andere
Schwerverwundete war Richard Ewell. Er wurde nach Beendigung des Kampfes
bewußtlos auf dem Schlachtfeld gefunden. Eine Kugel hatte ein
Knie zerschmettert. Die Feldärzte amputierten sogleich das Bein.
Brigadegeneral Alexander R. Lawton, der von Jackson als nicht besonders
kompetent eingeschätzt wurde, trat seine Nachfolge an.
„Old Jack" schien der Ausfall der beiden Generale nicht
zu bekümmern. Er hatte Popes Aufmerksamkeit erregt und hoffte
nun, ihn so lange hinhalten zu können, bis Lee mit Longstreet
eintraf, um dann richtig offensiv zu werden.
Auch bezüglich der Konföderierten unter Longstreet irrte
sich Generalmajor Pope. Die Südstaatler waren nämlich keineswegs
beim Vorstoß auf die Paßstraße der Bull Run Mountains
zurückgeworfen worden, und Longstreet war näher, als „Stonewall"
Jackson ahnte. Bis zum 26. August hatten die Konföderierten am
Rappahannock mit Artilleriefeuer versucht, den Abmarsch von „Old
Jack" und seinen Truppen zu verschleiern, doch gegen Mittag vermehrten
sich die Anzeichen, daß Popes Armee nach Norden abzog.
Generalmajor
Richard H. Andersons Division blieb zur Sicherung der Furten am Rappahannock
zurück, und die verbliebenen drei Divisionen - Hoods Division
war inzwischen durch eine Brigade aus South Carolina verstärkt
worden - brachen am Nachmittag nach Orlean auf und schlugen denselben
Weg ein, den Jacksons Truppen vor 36 Stunden genommen hatten.
Unterwegs trafen zwei Kuriere ein. Der erste kam von „Old Jack"
und meldete die Einnahme von Bristoe Station und Manassas. Der zweite
Meldereiter brachte eine Nachricht von Präsident Jefferson Davis:
Wade Hamptons Kavalleriebrigade und zwei Infanteriedivisionen unter
Harvey Hill und Lafayette McLaws waren als Verstärkung losgeschickt
worden.
Robert E. Lee hatte nun einige Sorgen weniger. 17´000 zusätzliche
Infanteristen bedeuteten eine nicht unerhebliche Steigerung der Kampfkraft.
Im Morgengrauen des nächsten Tages traf ein weiterer Kurier von
„Old Jack" ein und meldete den Rückzug der Konföderierten
von Manassas und die geplante Konzentrierung bei Groveton.
Bei Sonnenaufgang brachen Longstreets Veteranen auf, um den letzten
Abschnitt ihres Marsches zurückzulegen. Als Hindernis konnte
sich nur noch die Paßstraße der Bull Run Mountains erweisen,
falls Unionstruppen in ausreichender Anzahl den Gebirgsübergang
besetzt hatten. Das war allerdings unwahrscheinlich, da Jacksons Kurier
ungehindert über diese Straße geritten war.
Gegen
15 Uhr gelangte der Paß in Sicht, und die vorderste Division
marschierte zügig vorwärts. Wenig später war Gewehrfeuer
zu hören. Der Gebirgsübergang war von Nordstaatlern besetzt,
sogar auf dem Bergrücken daneben befanden sich Yankees. John
Pope war es offenbar in letzter Minute gelungen, die beiden konföderierten
Heeresgruppen auseinanderzuhalten.
Longstreet ließ sich jedoch nicht beirren und befahl den Brigadegeneralen
David R. Jones und James L. Kemper mit ihren Einheiten direkt anzugreifen.
Währenddessen sollte Hood an der Flanke der Nordstaatler attackieren.
Brigadegeneral Cadmus M. Wilcox erhielt den Befehl, drei Meilen weiter
nördlich den Hopewell-Paß zu nehmen. Die Verteilung der
Truppen nahm einige Zeit in Anspruch, aber sie lohnte sich.
CS-General
John B. Hood
Hoods
Männer fanden einen Weg neben der Paßstraße und griffen
die Unionssoldaten in der Flanke an, woraufhin sich die Blauröcke
zurückzogen. Bei den Unionstruppen handelte es sich um eine Division
von McDowell, die der Generalmajor aus eigener Initiative zu der Paßstraße
geschickt hatte, bevor er während des Gefechts bei Groveton in
der Dunkelheit vom Weg geriet.
Jones und Kemper überquerten den Paß und schlossen sich
auf dem östlichen Bergrücken Hood an, um auf Wilcox zu warten,
der unbehindert über den Hopewell-Paß marschiert war. Nachdem
sich alle Truppen im Osten der Paßstraße befanden, wurde
Jackson per Kurier von der erfolgreichen Paßüberschreitung
informiert.
Am Freitagmorgen, dem 29. August, übernahmen Hoods Truppen die
Führung und marschierten so rasch vorwärts, daß Longstreet
dreimal einen Halt befehlen mußte, da die anderen Einheiten
nicht zu folgen vermochten. Eile war jedoch geboten. In einiger Entfernung
war das Grollen von Artilleriefeuer zu vernehmen, und weißer
Rauch stand am blauen, drückend heißen Himmel
Hoods
Texaner eilten durch Hay Market und Gainesville und wandten sich dann
nach Nordosten. Um 10 Uhr stießen sie auf „Old Jacks"
rechten Flügel. Nördlich der Landstraße nach Warrenton
ließ Hood seine Männer in Stellung gehen. Die folgenden
Divisionen nahmen südlich von ihm in Richtung der „Manassas-Gap"-Eisenbahnstrecke
Aufstellung. Die Nord-Virginia-Armee war wieder vereint. Anderson,
der am Rappahannock zurückgeblieben war, sollte am Abend eintreffen.
Auf
dem alten Schlachtfeld
„Stonewall"
Jackson hatte im Morgengrauen des 29. August seine drei Divisionen
hinter dem Bahndamm einer noch nicht zu Ende gebauten Strecke Deckung
nehmen lassen. Als die Männer von der Ankunft ihrer Kameraden
in der Nähe ihres rechten Flügels hörten, sprangen
sie ungeachtet des feindlichen Artilleriefeuers, das seit Sonnenaufgang
andauerte, auf und jubelten lauthals.
Nach der Aussage eines Kavalleristen waren die Ankömmlinge so
mit Staub bedeckt, daß man meinen mochte, sie wären mit
einer einzigen Farbe bemalt worden. Longstreets Truppen trafen ein,
als die Kanonade allmählich abklang. Die Infanterie der Union
formierte sich zum Angriff.
Generalmajor Popes Plan, Jacksons Truppen gleichzeitig an den Flanken
anzugreifen, konnte allerdings nicht verwirklicht werden, da Fitz
John Porters Anmarsch durch die Nacht verzögert worden war, und
zwei von McDowells drei Divisionen nach dem Gefecht bei Groveton und
der Feindberührung an der Paßstraße der Bull Run
Mountains auf Manassas zurückgegangen waren.
Pope blieb nach wie vor zuversichtlich, obwohl er sich über McDowell
ärgerte: „Gott verfluche McDowell, er ist niemals dort,
wo ich ihn haben möchte."
Zur Verfügung standen Sigel, Reno und Heintzelman, die rasch
in Marsch gesetzt wurden, um einen Rückzug der Konföderierten
zu verhindern. Um 6.30 Uhr ließ Sigel seine Kanoniere das Feuer
eröffnen. Etwas später ging Heintzelmans 3. Korps weiter
rechts in Stellung. Die Lücke zu Sigels Truppen schloß
Generalmajor Jesse L. Renos 9. Korps. Generalmajor Franz Sigel, der
das Kommando führte, ließ Regimenter und Brigaden immer
wieder gegen den Bahndamm anrennen, wo die Bajonette der Südstaatler
glitzerten, doch die einzelnen Angriffe scheiterten.
Quäker-Kanonen
(Atrappen) der Südstaatler bei Centreville, Virginia, nach der
zweiten Schlacht am Bull Run.
Lediglich
am linken Flügel von Jacksons Truppen, wo einige Waldflecken
den Angreifern Deckung boten, sah es eine Zeitlang aus, als könnten
die Nordstaatler einen Durchbruch erzielen. Verteidigt wurde dieser
Abschnitt von Hills Division. Eine Brigade aus South Carolina unter
dem Kommando von Maxcy Gregg bildete den äußersten Flügel.
Generalmajor Philip Kearnys Division drängte hier so weit vor,
daß es zum Bajonettkampf mit den Konföderierten kam.
Brigadegeneral
Gregg schritt unbeirrt hinter seinen kämpfenden Männern
auf und ab, wobei er sie lauthals zum Durchhalten aufforderte. Greggs
Konföderierte hielten die Stellung unter hohen Verlusten, und
die Unionssoldaten mußten sich wieder zurückziehen.
Hill
glaubte jedoch nicht an einen endgültigen Rückzug und ließ
„Old Jack" wissen, daß seine Männer einen zweiten
Ansturm wohl kaum abwehren könnten. Jackson ritt daraufhin selbst
zu dem bedrohten Frontabschnitt und munterte Hill auf:
„General, Ihre Männer haben sich großartig geschlagen.
Wenn Sie wieder angegriffen werden, werden Sie den Feind zurückwerfen."
Einige Augenblicke später stürmten die Nordstaatler erneut
aus den Wäldchen hervor, doch der Angriff brach im Feuer der
Verteidiger zusammen. Lächelnd nahm „Stonewall" Jackson
den erfolgreichen Abwehrkampf zur Kenntnis.
Generalmajor Pope beteiligte sich nicht aktiv an den Kämpfen.
Gegen Mittag traf er auf dem Schlachtfeld ein und schlug sein Hauptquartier
auf einem kleinen Hügel westlich des Bull Run auf. Anweisungen
erteilte er nicht.
Das 5. Korps der Potomac-Armee hatte nach dem Abmarsch aus Bristoe
Station gegen 10 Uhr Manassas erreicht. Dort erhielt der Korpskommandeur
Fitz John Porter - ein Freund von McCellan - Popes Anweisung, nach
Gainesville zu marschieren statt nach Centreville. Eine halbe Stunde
später befahl Pope McDowell und Porter, mit ihren Truppen vorzurücken.
Allerdings war die Anweisung nicht besonders eindeutig formuliert.
McDowell marschierte jedenfalls mit seinem 3. Korps los, doch Porter
blieb etwa zweieinhalb Meilen südlich der Kämpfe in Wartestellung.
Vor ihm wirbelte J.E.B. Stuarts Kavallerie den Staub auf, um eine
größere Truppenkonzentration vorzutäuschen. Porter
unternahm keinen Versuch, die Stärke des Gegners feststellen
zu lassen. 12´000 Unionssoldaten saßen untätig herum.
Am Nachmittag ritt Pope die Schlachtreihe entlang, in der Erwartung,
McDowells und Porters Truppen auftauchen zu sehen. Um 16.30 Uhr überbrachten
zwei Offiziere Porter den Befehl, sofort in die Kampfhandlungen einzugreifen.
Pope wußte immer noch nicht, daß Longstreets Truppen in
der Nähe von Jacksons Einheiten in Stellung gegangen waren. Porter
ignorierte einfach den Befehl seines Vorgesetzten, indem er erklärte,
daß es für eine Durchführung bereits zu spät
wäre.
Derweil schlug Lee Longstreet vor, mit seinen Truppen vorzugehen,
um Jacksons erschöpfte Männer am Bahndamm zu entlasten.
Doch „Old Pete" zögerte, da Anderson noch nicht eingetroffen
war und er noch nicht ausreichend Zeit für eine Erkundung des
Geländes gehabt hatte. Außerdem hatte J. E. B. Stuart im
Südosten eine größere Truppenansammlung gemeldet,
deren Stärke noch festgestellt werden mußte.
Lee schien nicht ganz überzeugt, fügte sich aber Longstreets
Auffassung. „Old Pete" unternahm selbst einen Erkundungsritt,
kehrte aber schnell zurück, da sich von Süden starke Unionseinheiten
näherten.
Wenig später erschien „Stonewall" Jackson - staubbedeckt
und ermattet - bei Lee und Longstreet. Erneut schlug Lee ein Vorrücken
vor, doch „Old Pete" sprach sich abermals gegen das Ansinnen
aus. Als J. E. B. Stuart schließlich die Nachricht brachte,
daß es sich bei den Unionstruppen im Süden um Porters Korps
handle, schloß Longstreet wegen der einsetzenden Dämmerung
ein Vorgehen nochmals aus. Hood sollte aber mit seinen Texanern in
die Richtung der Landstraße nach Warrenton vorstoßen und
das Gelände erkunden.
Bei Sonnenuntergang rückten Hoods Männer vor und stießen
im Halbdunkel prompt auf Rufus Kings Division, die von Manassas kam.
In dem folgenden Getümmel, das eine halbe Stunde dauerte, konnten
die Texaner das Feld behaupten und die Nordstaatler zurückschlagen.
Ein Major der Union geriet dabei in Gefangenschaft, als er versuchte
eine Truppeneinheit zu sammeln, die sich als das 2. Mississippi-Regiment
erwies.
Hood erstattete Lee und Longstreet Meldung und empfahl, seine Truppen
in die Ausgangsstellung zurückzuführen. Von einem Angriff
auf den Gegner in dieser Richtung am nächsten Morgen riet er
ab. Longstreets vorsichtiges Taktieren hatte sich als richtig erwiesen.
Lee erlaubte Hood, den Rückmarsch anzutreten, und die Texaner
marschierten sogleich ab. In der Dunkelheit stießen sie mit
Andersons Männern zusammen, die über die Paßstraße
der Bull Run Mountains gekommen waren und ohne den Zusammenprall blindlings
in die Reihen der Union marschiert wären.
„Stonewall" Jacksons Männer hatten noch nie einen
so langen Abwehrkampf ohne Unterstützung führen müssen.
Vor dem Bahndamm lagen Hunderte von toten und verwundeten Unionssoldaten.
Aber auch die Konföderierten hatten hohe Verluste erlitten, vor
allem dort, wo Nahkämpfe stattgefunden hatten. In Starkes Division
am rechten Flügel wurde keine einzige Brigade mehr von einem
Offizier im Generalsrang kommandiert. Als Isaac Trimble verwundet
worden war, hatte seine Brigade eine Zeitlang ein Captain befehligt.
Einem Soldaten war der Tag so lang erschienen, daß er in den
wenigen Kampfpausen flehte, die rote, stechende Sonne möge endlich
untergehen.
Als ein Stabsarzt voller Stolz meinte, daß der Tag durch hartes
Kämpfen entschieden worden sei, erwiderte der fromme Presbyterianer
„Stonewall" Jackson pathetisch:
„Er wurde nur durch die Gnade und den Schutz der Vorsehung
entschieden."
Das
Matthew House auf dem Manassas-Schlachtfeld
In
seinem Hauptquartier westlich des Bull Run glaubte Generalmajor Pope
einen Sieg errungen zu haben. Der Kommandeur der Virginia-Armee war
nach wie vor davon überzeugt, daß die Südstaatler
nur ein Rückzugsgefecht geführt hätten. Die Truppen
wurden angewiesen, die Nacht über in ihren Stellungen zu bleiben.
Weder Feldwachen noch Späher beobachteten den Gegner. Erheblichen
Ärger bereitete Pope das Verhalten von Fitz John Porter. Durch
sein Säumen fühlte er sich um einen vollständigen Sieg
gebracht.
Übelgelaunt
schrieb Pope in seinem offiziellen Bericht:
„Von General Porter war nichts gehört worden ... und
seine Truppen nahmen an den Kampfhandlungen nicht teil, sondern mußten
es ertragen, in Sicht- und Hörweite der Schlacht den ganzen Tag
müßig herumzuliegen. Soweit ich weiß, bemühte
er sich nicht, meinen Befehlen nachzukommen und in den Kampf einzugreifen.
Ich zögere nicht zu sagen, daß wenn er seine Pflicht erfüllt
hätte und wie erwartet und befohlen den Feind stürmisch
angegriffen hätte, wir jederzeit bis 20 Uhr den größten
Teil von jacksons Streitmacht vernichtet oder gefangengenommen hätten,
bevor er möglicherweise verstärkt worden wäre, um wirksam
Widerstand zu leisten. "
Porter
argumentierte später, daß ein Eingreifen seines Korps bedeutet
hätte, seine Truppen dem Längsfeuer von Longstreets Einheiten
auszusetzen, die seiner Ansicht nach gegen Mittag Jacksons Soldaten
erreicht hatten.
Pope erfuhr erst um 19 Uhr, daß sich Longstreet mit Jackson
vereint hatte. Heintzelman, McDowell und Hooker konnten Pope nur mit
Mühe davon abhalten, Porter auf der Stelle festnehmen zu lassen.
Um 20.50 Uhr erhielt Porter einen eisigen Befehl:
„GENERAL: Sofort nach Erhalt dieses Befehls werden Sie die
genaue Stunde der Annahme bestätigen, Ihr Kommando auf das heutige
Schlachtfeld führen und bei mir persönlich Befehle entgegennehmen.
Es wird von Ihnen erwartet, daß Sie diesen Befehl strikt befolgen
und innerhalb von drei Stunden nach seiner Annahme oder nach Anbruch
des morgigen Tages auf dem Schlachtfeld anwesend sein werden."
Ungeachtet seiner Probleme mit Porter, gab Pope im Morgengrauen des
30. August in einem Telegramm an Generalstabschef Halleck einen positiven
Lagebericht durch:
„Gestern schlugen wir eine furchtbare Schlacht mit den vereinten
Truppen des Gegners, die mit andauernder Heftigkeit von Tagesanbruch
bis zum Dunkelwerden tobte, jenem Zeitpunkt, an dem der Feind vom
Schlachtfeld, das wir jetzt besetzen, verjagt wurde. Der Gegner befindet
sich noch vor unserer Front, aber schwer angeschlagen.... Er nahm
eine direkte Verteidigungsstellung ein, und jeder Angriff wurde von
uns geführt, unsere Truppen schlugen sich großartig. "
Kurz darauf erhielt Pope die Meldung, daß sich die Konföderierten
in Richtung der Berge zurückzögen. Der Kommandeur der Virginia-Armee
überprüfte selbst vom Hügel seines Hauptquartiers aus
die Neuigkeit. Dort, wo am Vortag noch die Bajonette hinter dem Bahndamm
geglitzert hatten, herrschte Ruhe. Nur wenige Südstaatler feuerten
ab und zu einige Schüsse ab, offenbar um den Rückzug ihrer
Kameraden zu verschleiern.
Da sich Hoods Texaner nach dem Gefecht in der Dämmerung abgesetzt
hatten, war Jackson wohl auf den gleichen Gedanken verfallen. Rasch
erteilte Pope seine Befehle, um den Gegner zu verfolgen. Porters Korps
und zwei von McDowells Divisionen sollten direkt auf der Landstraße
nach Warrenton vorgehen, Heintzelmanns Korps - unterstützt durch
McDowells andere Division - sollte die Straße nach Hay Market
nehmen.
Diese Maßnahmen erforderten natürlich einige Zeit, doch
Pope war überzeugt,
daß er trotzdem die Rebellen stellen würde. Als um 14 Uhr
alle Vorbereitungen getroffen waren, gab Generalmajor Pope das Zeichen
zum Aufbruch.
Die vorgesehene
Verfolgung sollte sich jedoch in Kürze als Irrtum erweisen. „Stonewall"
Jackson hatte keinen Augenblick an einen Rückzug gedacht, sondern
seine Truppen lediglich eine kurze Strecke in die Wälder der
Sudley Mountains zurückgeführt, um ihnen mehr Ruhe zu gönnen.
Eine Schützenlinie hielt nach wie vor den Bahndamm. Zwar bezweifelte
er ein erneutes Anrennen der Nordstaatler nach den hohen Verlusten
des Vortages, aber er war bereit, sie gebührend zu empfangen.
Auch Longstreet, der inzwischen alle fünf Divisionen zur Verfügung
hatte, wartete gespannt darauf, was Pope anordnen würde. Da Porters
Korps vom Südosten ins Zentrum verlegt worden war, konnte einem
direkten Angriff in aller Ruhe begegnet werden. Robert E. Lee hielt
einen erneuten Ansturm der Unionsarmee für unwahrscheinlich und
stellte schon Überlegungen an, den Bull Run oberhalb von Sudley
Springs zu überqueren, um dem Gegner in den Rücken zu fallen.
Doch gegen Mittag brachte J. E. B. Stuart eine interessante Information.
Einer seiner Männer hatte von einem hohen Walnußbaum aus
dichte Infanteriereihen vor Jacksons Front entdeckt. Sogleich warnte
Lee durch einen Kurier „Old Jack". Die Truppen wurden in
Alarmbereitschaft versetzt, aber sie blieben noch in den Wäldern.
Kurz vor 15 Uhr erschienen urplötzlich die Infanteriekolonnen
der Nordstaatler. Die konföderierten Hornisten am Bahndamm gaben
Alarm, und die aufgeschreckten Soldaten rannten zu ihrer Verteidigungsstellung.
Der Ansturm der Yankees erfolgte mit solcher Heftigkeit, daß
wenig später Jackson um Verstärkungen an der ganzen Front
gebeten wurde. An manchen Abschnitten ging den Verteidigern die Munition
aus, an einer Stelle konnten die Blauröcke nur mit einem Steinhagel
abgewehrt werden. Als „Old Jack" erkannte, daß seine
Front nicht mehr lange bestehen würde, tat er etwas, was er niemals
zuvor getan hatte: Er bat Lee dringend um Unterstützung.
Company
C, 41. New York Infantry (Carl Bornemanns Regiment) nach der Schlacht
von Manassas. In der 41. dienten fast nur deutsche Freiwillige aus
New York City.
Auch in den
Reihen der Unionssoldaten herrschte Bestürzung, da von einer
Verfolgung der Südstaatler überhaupt keine Rede war. Trotzdem
kämpften die Männer hartnäckig weiter und versuchten,
die Verteidiger zu überrennen. Auf einem Hügel in unmittelbarer
Nähe von Jacksons Front studierte Longstreet aufmerksam das Kampfgeschehen.
Achtzehn Geschütze eines Artilleriebataillons unter dem Kommando
von Oberst Stephen D. Lee, das am Morgen eingetroffen war, waren an
dieser Stelle aufgefahren. Seit einer Stunde beobachteten die Artilleristen
angespannt den Ansturm der Nordstaatler, die sich im Schußbereich
ihrer Kanonen befanden.
Als Lee Jacksons Bitte um Unterstützung an Longstreet weiterleitete
und den Einsatz einer Division vorschlug, ließ „Old Pete"
die Artillerie feuern. Der Ansturm der Nordstaatler brach in der Kanonade,
die eine halbe Stunde dauerte, völlig zusammen. Die von dem Flankenfeuer
überraschten und entsetzten Unionssoldaten flüchteten nach
hinten.
Als
„Stonewall" Jackson die Anfrage einer Signalstation nach
weiterer Unterstützung mit einem Nein beantworten ließ,
befahl Lee den Gegenangriff, doch der Befehl war unnötig, da
Longstreets Infanteristen bereits losstürmten und es bei „Old
Jacks" Männern auch kein Halten mehr gab.
Die volle Wucht von Longstreets Angriff traf den linken Flügel
von Porters Korps. Der hatte vorsichtshalber zwei New Yorker Zuavenregimenter
- die beiden einzigen Freiwilligenregimenter in Brigadegeneral George
Sykes' Division - gegen etwaige Überraschungen auf der linken
Seite postiert. Das 5. Regiment, das Hoods Texanern entgegentrat,
wurde schnell überrannt, doch die Zuaven des 10. New Yorker Regiments
leisteten zusammen mit einer Artilleriebatterie auf einem kleinen
Hügel den Angreifern erbitterten Widerstand. Erst als 124 Männer
getötet und 223 verwundet waren, setzten sich die New Yorker
ab.
Die bunten Uniformen der gefallenen Zuaven stimmten am nächsten
Morgen einen von Hoods Männern melancholisch:
„Der westliche Abhang des kleinen Hügels erschien mir
wie ein Hang in Texas, der im Frühjahr mit Blumen verschiedenster
Farben wie mit einem Teppich belegt ist."
Der tapfere Kampf der Zuaven hatte Pope genug Zeit verschafft, vom
rechten Flügel Verstärkungen heranzubringen, die nun versuchten,
den Ansturm der Südstaatler aufzuhalten. Einem der Unionssoldaten
erschienen die Konföderierten wie Dämonen, die sich aus
der Erde erhoben hatten.
Am Henry Hill, wo vor dreizehn Monaten „Stonewall" Jackson
seinen neuen
Beinamen erworben hatte, gelang es Sykes' Regulären schließlich
zusammen mit Brigadegeneral John F. Reynolds Division den Angriff
der Konföderierten in der Dämmerung zum Erliegen zu bringen.
Ohne Frage war bei vielen Truppenteilen Panik ausgebrochen, doch war
diese nicht mit jener Panik in der ersten Schlacht am Bull Run zu
vergleichen. Sigels Freiwillige und Renos Männer leisteten an
mehreren Stellen geordneten Widerstand, während sich die restlichen
Einheiten in einem plötzlich einsetzenden Sprühregen über
die Steinbrücke des Bull Run zurückzogen.
Als
McDowell sah, daß John Gibbons Männer unerschütterlich
einen wichtigen Hügelkamm hielten, übertrug
er Gibbon das Kommando über die Nachhut
und wies ihn an, die Brücke zu
sprengen, nachdem seine Leute sie überquert
hatten.
Zwei Meilen weiter westlich formulierte Robert
E. Lee unterdessen eine Meldung, um sie Präsident Davis telegrafisch übermitteln
zu lassen:
„Diese Armee erzielte heute auf der Ebene von Manassas einen
Sieg mit Signalwirkung über die vereinten Truppen der Generale
McClellan und Pope. Wir beklagen den Verlust unserer tapferen Toten,
zugleich nimmt unsere Dankbarkeit gegenüber dem Allmächtigen
für seine Gnade jeden Tag zu. Ihm und dem Mut unserer Truppen
kommt die Dankbarkeit der Nation zu.
US-General
William B. Franklin
Die Meldung war natürlich nicht ganz zutreffend,
da viele Einheiten der Potomac-Armee nicht zur Virginia-Armee gestoßen
waren. So hatte das 6. Korps unter Generalmajor William B. Franklin
auf Geheiß von McClellan den Vormarsch kurz nach Alexandria
eingestellt, um angeblich einen sicheren Marsch durch Vienna zu ermöglichen
- McClellans Taktieren gegenüber Pope war unglaublich. In der
Nord-Virginia-Armee waren im Verlauf der zweitägigen Schlacht
1481 Mann gefallen, 7627 verwundet und 89 vermißt. Auf der Seite
der Union waren 1724 Mann getötet und über 8000 verwundet
worden. Als vermißt galten 5958 Soldaten. Den Großteil
von ihnen hatten die Konföderierten gefangengenommen.
Lees
erfolgreiche Offensive im Norden Virginias war sogar beeindruckender
als die siegreiche Sieben-Tage-Schlacht um die konföderierte
Hauptstadt, da sich vor einem Monat die Potomac-Armee nur zwanzig
Meilen von Richmond entfernt befunden hatte. Mit halb so vielen Truppen
wie die seiner Gegner Pope und McClellan hatte erden Krieg in die
unmittelbare Nähe von Washington getragen. Ein Angriff auf die
gut befestigte Hauptstadt der Union war allerdings unmöglich.
Lee beschloß, seine Truppen nach Maryland zu führen, um
auf diese Weise den Norden zum Frieden zu zwingen.
Während
der Befehlshaber der Nord-Virginia-Armee die Benachrichtigung für
Präsident Davis schrieb, erfuhr Generalmajor Pope, daß
Franklin und sein Korps gerade in Centreville eingetroffen waren.
Fluchend wies Pope Franklin an, vor der Ortschaft eine Verteidigungsstellung
einzunehmen. Pope selbst traf gegen 21 Uhr in Centreville ein und
telegrafierte an Generalstabschef Halleck:
„Heute haben wir wieder eine furchtbare Schlacht geschlagen.
Am Morgen griff der Feind, erheblich verstärkt, unsere Stellung
an. Bis 16 Uhr behaupteten wir das Feld, als der Feind unsere linke
Flanke massiert angriff und diesen Flügel ungefähr eine
halbe Meile zurücktrieb. Diese Stellung hielten wir bei Einbruch
der Dunkelheit. ... Der Feind ist schwer angeschlagen, und wir werden
es schon durchstehen. Seien Sie unbesorgt. Wir werden uns hier im
Zaume halten."
Halleck ließ das Telegramm Abraham Lincoln bringen, der es am
Morgen des 31. August las. John Hay, der Sekretär des Präsidenten,
erinnerte sich an Lincolns Kommentar:
„Nun, John, ich fürchte, daß wir wieder geschlagen
sind. Der Feind verstärkte sich vor Pope und trieb seinen linken
Flügel zurück. Pope zog sich nach Centreville zurück,
wo er imstande sein wird, seine Männer im Zaume zu halten. Mir
gefällt dieser Ausdruck nicht. Mir gefällt nicht, daß
er bekennt, seine Männer müssen im Zaume gehalten werden."
Den ganzen 31. August erwarteten Pope und seine Truppen weitere Angriffe
der Konföderierten. Auf McClellans Veranlassung traf schließlich
das 2. Korps der Potomac-Armee unter Generalmajor Edwin V. Sumner
ein.
Am selben Tag schrieb McClellan an Halleck:
„Ich habe kein Vertrauen in die getroffenen Aufstellungen,
so wie ich es sehe. Um offen zu sein - und die Situation macht es
nötig -, scheint es völlig an Verstand zu mangeln, und ich
befürchte die völlige Vernichtung der Armee.... Ich bin
der Ansicht, die Interessen der Nation erfordern es, daß Pope
heute nacht, falls möglich, zurückmarschieren sollte. Kein
einziger Augenblick sollte verloren werden."
Ähnliche Befürchtungen schien mittlerweile auch Pope zu
hegen.
Er bangte um
die Sicherheit von Washington, doch Halleck sprach sich gegen einen
Rückzug in die Hauptstadt aus.
In Washington herrschte nach der Bekanntgabe der Niederlage ein unbeschreibliches
Durcheinander. Kriegsminister Edwin M. Stanton rief Freiwillige auf,
nach Centreville zu fahren und die Verwundeten zu versorgen. Viele
Regierungsangestellte und andere Zivilisten meldeten sich, aber ein
Teil von ihnen erwies sich als völlig unbrauchbar. Einige waren
betrunken, als sie die Front erreichten und bestachen mehrere Ambulanzfahrer
mit Whiskey, um anstelle der Verwundeten nach Washington zu gelangen.
Zahlreiche Krankenschwestern unter der Leitung von Clara Barton kümmerten
sich aber rastlos um die verwundeten Soldaten.
Clara Barton schrieb einige Tage später über die Arbeit
ihrer Mitarbeiterinnen, die die Verwundeten auf Heu neben dem Gleis
nach Washington gebettet hatten:
„Gegen Mitternacht müssen dreitausend hilflose Männer
auf dem Heug elegen haben. . . . Die ganze Nacht über machten
wir Kompressen und Binden und verbanden und wuschen Wunden, als wir
Wasser erhalten konnten, gaben zu essen, was wir hatten, und legten
in dieser Dunkelheit Meilen zwischen diesen armen, hilflosen Kerlen
zurück, immer in der Angst, daß jemand eine Kerze in das
Heu fallen lassen würde und alle verbrennen würden."
Am 1. September wußte Pope, daß die Konföderierten
nördlich der Landstraße nach Warrenton Truppen zusammenzogen,
um ihn zu überflügeln. Zwei Brigaden aus Sumners Korps wurden
zur Aufklärung vorgeschickt und bestätigten die Massierung
von Südstaatlern bei Germantown im Osten von Centreville. Pope
wies das 3. und 9. Korps an, die Konföderierten aufzuhalten,
während die restlichen Truppen der Virginia-Armee sich in Richtung
Washington in Bewegung setzten. Um 13 Uhr gingen Heintzelmans und
Stevens Einheiten zum Angriff über und stießen bei Chantilly
auf konföderierte Vorposten.
„ Stonewall" Jackson, der gerade seine Truppen Aufstellung
neh-men ließ, war von dem plötzlichen Erscheinen der Yankees
völlig überrascht. Sogleich entwickelten sich harte Kämpfe,
die den ganzen Nachmittag bei Regenschauern und Gewitter andauerten.
Die Verluste der Nordstaatler betrugen an die tausend Mann.
Unter den Gefallenen
befanden sich
Brigadegeneral Isaac Ingallis Stevens, der die Fahne
des 79. New Yorker Regiments ergriffen hatte, um die Männer persönlich
zu führen

und.....
Generalmajor
Philip Kearny,
der bei Einbruch der Dunkelheit die Anrufe konföderierter
Soldaten nicht beachtet hatte und aus dem Sattel geschossen worden
war.
Sein Leichnam wurde am nächsten Morgen auf Lees Anweisung den
Nordstaatlern übergeben.
Das unentschiedene
Gefecht von Chantilly endete in der Dämmerung, unter deren Schutz
sich die Unionssoldaten absetzen konnten. Jackson befahl keine Verfolgung.
Unterdessen zogen sich Popes restliche Streitkräfte nach Fairfax
zurück, keine fünfzehn Meilen von Washington entfernt. Der
Rückzug nahm Pope den letzten Rest seiner früheren Unverzagtheit.
Ein Militärarzt, der Pope im Hauptquartier sah, erinnerte sich:
„Mit dem Stuhl gegen die Wand gekippt, saß er da,
die Hände hinter dem Kopf verschränkt, der nach vorn geneigt
war, sein Kinn berührte die Brust. Als seine Generale eintrafen,
schien er sie nicht zu bemerken, sondern war ganz in düstere
Gedanken versunken. Er tat mir leid."
Ausklang

US-General
George B. McClellan
Am selben Tag
übernahm George B. McClellan das Kommando über die Befestigungen
von Washington. Lincoln ließ ihn wissen, daß er von der
nicht gerade erfreulichen Zusammenarbeit zwischen der Potomac-Armee
und Generalmajor Pope gehört habe, woraufhin McClellan umgehend
seinem Freund Porter schrieb:
„Ich bitte Dich, mir, des Landes und der alten Potomac-Armee
zuliebe, daß Du und alle meine Freunde mit General Pope in allen
bevorstehenden Operationen voll und offen zusammenarbeiten. Das Schicksal
unseres Landes, die Ehre unserer Waffen stehen jetzt auf dem Spiel,
und alles hängt jetzt von der erquicklichen Zusammenarbeit aller
im Feld ab. Diese Woche ist die Krise unseres Schicksals. Erzähle
genau dasselbe meinen Freunden in der Potomac-Armee.... Ich habe jetzt
das Kommando über die Befestigungen von Washington und tue alles,
was ich kann, um Euch einen sicheren Rückzug zu ermöglichen,
falls dies notwendig werden sollte."
Unterdessen
unterrichtete Pope Halleck vom wahren Zustand seiner Truppen:
„Sobald der Gegner seine Streitkräfte
heranführt, wird er sich wieder gegen mich wenden. Wenn ich kann,
werde ich kämpfen. Sie sollten herkommen und die Truppen sehen.
Sie waren stark demoralisiert, als sie zu mir stießen, Offiziere
wie Gemeine, und sie sind von der fixen Idee besessen, hinter die
Befestigungen zu gelangen. . . In den Regimentern von der Peninsula
wird unglaublich gebummelt. Wenn dieser Armee kein Format beigebracht
werden kann, wird sie dahinschwinden, bevor Sie es erfahren."
Halleck befahl Pope sogleich, in die Washingtoner Befestigungsanlagen
zu marschieren und sich bei ihm persönlich zu melden. Um 16 Uhr
trafen McDowell und Pope, die an der Spitze der Kolonnen ritten, kurz
vor Washington auf McClellan und seine Eskorte.
Brigadegeneral
Jacob D. Cox schrieb in seinen Erinnerungen über die Zusammenkunft:
„Ihre Uniformen und die des ganzen Kommandos waren mit Staub
bedeckt, ebenso ihre Bärte; sie sahen erschöpft und ernst
aus, aber wachsam und selbstbeherrscht. Beide Seiten grüßten
einander, und der Reiterzug zog weiter. . . . Hatch befand sich in
der Nähe von Pope, als McClellan das Kommando übernahm,
und ritt sofort zur Spitze seiner Kolonne. Er rief: Jungs, McClellan
hat wieder das Kommando,- ein dreifaches Hoch!'
Begeistert wurde hurra gerufen, die Rufe setzten sich bis zum Schluß
der Kolonne fort. Obgleich ich ein enger Freund von McClellan war,
genierte ich mich wegen des unnötigen Affronts gegenüber
dem glücklosen Kommandeur dieser Armee. Niemand sagte etwas.
Pope grüßte mit seinem Hut McClellan, und ritt ruhig mit
seiner Eskorte weiter. "Präsident
Lincoln versicherte Pope am 3. September, daß er sich gut geschlagen
hätte und McClellan nur für eine Weile in Washington das
Kommando innehabe. Lincoln gab Pope zu verstehen, daß er bald
eine neue Feldarmee kommandieren würde.
Noch vor Popes Ankunft in Washington wußten Lincolns Minister
von Porters Verhalten und Franklins Saumseligkeit. Finanzminister
Samuel Chase forderte die umgehende Entlassung von McClellan, doch
Präsident Lincoln unterstützte Generalstabschef Halleck,
der McClellan das Kommando über die Washingtoner Befestigungsanlagen
verliehen hatte. Die meisten Kabinettsmitglieder traten für Pope
ein, gaben jedoch widerstrebend zu, daß er nicht länger
Kommandeur der Virginia-Armee bleiben sollte.
Marineminister Gideon Welles vermerkte in seinem Tagebuch:
„Die allgemeine Überzeugung ist die, daß er versagt
hat. Alle glauben und geben zu, daß er von McClellan, Franklin,
Fitz John Porter und vielleicht einigen anderen nicht unterstützt
und entlastet wurde, wie es hätte sein sollen. Persönliche
Eifersüchteleien und berufliche Rivalitäten, der Ruin und
Fluch aller Armeen, sind tief in unsere eingedrungen."
Am 4. September beendete Pope einen vorläufigen Bericht, in dem
er McClellan, Porter und Franklin als Verschwörer der Demokratischen
Partei für die Niederlage am Bull Run verantwortlich machte.
Einen Tag später besprachen Präsident Lincoln und seine
Kabinettsmitglieder Popes Bericht. Aufgrund der augenblicklichen Krise
- am Vortag hatte Lees Armee den Potomac nordwestlich von Washington
überschritten und war in Maryland eingefallen - beschlossen sie
einstimmig, den Report nicht zu veröffentlichen.
Noch am selben Tag ordnete Lincoln an, von einem Untersuchungsausschuß
Porters Verhalten prüfen zu lassen. McDowell hatte bereits eine
gleichartige Kommission für seinen Fall gefordert, um Gerüchte
zu widerlegen, die ihm verräterisches Verhalten vorwarfen. Gegen
McClellan konnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ermittelt
werden, da alle Hoffnungen mittlerweile auf ihm ruhten. Fitz John
Porter wurde schließlich nach einem Gerichtsverfahren im Januar
1863 aus der Armee ausgestoßen, konnte sich aber 1886 in einer
neuen Verhandlung wieder rehabilitieren, da ehemalige konföderierte
Offiziere die Bedrohung durch Longstreet bestätigten.

US-General Irvin McDowell
Irvin McDowell
wurde von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen freigesprochen und
nach eineinhalb Jahren relativer Untätigkeit am 1. Juli 1864
zum Kommandeur des Pazifik-Distrikts ernannt.
Unmittelbar ins Exil geschickt wurde Generalmajor John Pope, der vergeblich
ein neues Feldkommando erhoffte. Nach Präsident Lincolns Ansicht
hatte er sich zwar als Befehlshaber der Virginia-Armee gut geschlagen,
doch die Armee wäre ihm gegenüber voreingenommen. Pope erhielt
mit sofortiger Wirkung die Position des Kommandanten im neuen Nordwest-Distrikt,
der die Bundesstaaten lowa, Minnesota und Wisconsin sowie die Territorien
Dakota und Nebraska umfaßte.
Kriegsminister
Stantons Anweisungen lauteten:
„Feindselige
Indianer erfordern die Aufmerksamkeit eines hochrangigen Offiziers,
in dessen Fähigkeit und Tatkraft die Regierung Vertrauen hat.
Aus diesem Grund sind Sie für dieses wichtige Kommando ausgesucht
worden. Sie werden sich sofort in Ihren Distrikt begeben, in St. Paul,
Minnesota, Ihr Hauptquartier errichten und rasche und energische Maßnahmen
von der Art ergreifen, die die Feindseligkeiten unterdrücken
sowie Frieden, Sicherheit und Schutz der Bevölkerung vor indianischen
Feindseligkeiten gewähren."
Generalmajor
Pope bestieg am 7. September den Zug nach St. Paul, um seinen Dienst
im Nordwest-Distrikt anzutreten. Der Aufstand der Santee-Sioux wurde
rasch niedergeschlagen, doch war dieser Krieg in keinerlei Hinsicht
mit den Kämpfen im Bürgerkrieg zu vergleichen. John Pope
wußte, daß man ihn in die Verbannung geschickt hatte.
Die Hoffnung, vielleicht doch noch in einem Feldzug gegen die Konföderierten
ein Kommando zu erhalten, erfüllte sich nicht.
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