Mit freundlicher Unterstützung
Der ”endlose” Marsch von Billy Yank und Johnny Reb
Für die
überwiegende Mehrheit der jungen Soldaten, die selten - wenn überhaupt
- ihre Heimat verlassen hatten, war der Krieg auch eine Gelegenheit,
mehr von der Welt zu entdecken. So mancher Hinterwäldler sah Dinge,
die er sich nie hätte träumen lassen. Als sie ihren
Bestimmungsort erreicht hatten, konnten die Jungen ihrem Kameraden aus
Ohio nur zustimmen, der nach Hause schrieb: »Seit ich Dich das
letzte Mal traf, habe ich den Elefanten gesehen«. Nach einem Tag
und einer Nacht auf dem Dampfschiff und einem weiteren Tag auf der Schiene
schrieb er: »Wir kamen durch die gottverlassensten Gegenden, die
je ein Sterblicher zu Gesicht bekommen hat«. Einige »gottverdammte
Berge« fand er »so schwarz wie die tiefsten Plätze
in der Hölle«. Als sie durch einen langen Tunnel fuhren,
stieß der Zug gegen einen schweren Felsblock auf den Schienen
und »wenn die Maschine nicht so stabil gewesen wäre, wären
wir alle zur Hölle gefahren... oder zu einem anderen Hafen«.
Doch schon vor
der Reise durchlebten die Jungen ein Wechselbad der Gefühle. Der
Begeisterung der patriotischen Abschiedszeremonien konnte sich so leicht
keiner entziehen. Musikkapellen, jubelnde Bürger, zündende
und auch endlos eintönige Reden von Politikern, euphorische Mädchen,
die mit dem Taschentuch winkten und so fort. Und während des Bahn-
und Schiffstransports immer wieder dasselbe.
Ein kleiner Franzose
bekam die meisten Küsse, indem seine Kameraden ihn beim Herauslehnen
aus dem Fenster an den Beinen hielten, während andere Soldaten
die Damen auf den Bahnsteigen reihenweise zu ihm hochhielten. »Wir
hatten trotzdem unsern Spaß«, meinte ein Kamerad. Seltsamerweise
waren die meisten Yankees von ihrer Hauptstadt Washington enttäuscht,
obwohl fast jeder Soldat die Stadt sehen wollte. Hier standen die großen
Regierungsgebäude und das Kapitol, das noch unvollendete Washington-Monument
und der Marinehafen mit seinen mächtigen Kriegsschiffen. Hier sammelten
sich Zehntausende junger Männer zum Kampf gegen die Rebellen. Und
mit etwas Glück konnte man sogar den Präsidenten Abraham Lincoln
sehen, wenn er durch die Straßen der Hauptstadt schritt oder die
neuen Regimenter inspizierte. »Wir schlenderten von einem Ende
der Stadt zum anderen«, schrieb ein Junge aus Boston. Er besuchte
das Kapitol, durchstreifte die Gemäldegalerie, stieg die Treppe
zur Kuppel hoch und »hatte einen wunderschönen Blick über
Washington und seine Umgebung. Aber ich war entsetzt über das schäbige
Aussehen des Stadtkerns von Washington, mit Ausnahme der Regierungsviertel«.
Voller Enttäuschung vermerkte er, »daß es kein Gebäude
in der ganzen Stadt gab, das man als gut bezeichnen könnte, verglichen
mit den Geschäften und Wohnhäusern von Boston«.
Biwak bei Pensacola in Florida, April 1861.
Für die
Jungs aus dem Süden waren der Mississippi
und die Städte Memphis, New Orleans, Atlanta, Charleston und natürlich
Richmond die großen Wunder. Sie legten ähnliche Entfernungen
zurück wie die Unionstransporte, aber häufig dauerte die Reise
wegen der ungenügenden Bahnverbindungen und des fehlenden Schiffsraums
viel länger.
Bald warfen viele
Zivilisten böse Blicke auf die vorbeifahrenden Soldaten, denn sie
wurden nun als Konkurrenten für die knapper werdenden Versorgungsreserven
betrachtet. Aber 1861 war noch alles frisch und fröhlich. »Ich
habe viele schöne Dinge auf der Welt gesehen, seitdem ich von zu
Hause fort bin«, schrieb einer aus Buncombe County in Nordcarolina
an seinen Vater, »aber ich habe vorher auch noch nichts anderes
wie Buncomb und Umgebung gesehen«. Die grundlegenden
Erfahrungen von Billy Yank und Jonny Reb unterschieden sich also kaum,
wenn es auch eine Rolle spielte, daß die Nordstaatler überwiegend
die Eindringlinge waren und die Konföderierten in ihrer Heimat
kämpften. Doch trotz der Tatsache, daß sie in Gebieten operierten,
die ihnen wohlgesonnen waren, mußten die Rebellen mit mancherlei
Härten und Gefahren beim Marsch zur Front rechnen. Gleichgültig,
ob nun Unionstruppen oder konföderierte Einheiten quer durch die
Südstaaten zogen, die Straßen war gleich schlecht, der Schlamm
gleich zäh und die Pfützen ebenso tief. Erst das verbesserte
Eisenbahnnetz des Nordens hatte ironischerweise zur Folge, daß
die Züge der Yankees verläßlicher in die Südstaaten
fuhren, als die Transporte der Konföderierten selbst.
Seine Uniform
und sein Erscheinungsbild verrieten die Hunderte an Meilen, die er mehr
marschieren mußte, die größeren Klima- und Wetterunterschiede,
denen er ausgesetzt war und die Schwierigkeiten, welche die Versorgung
der sich ständig bewegenden Armee mit sich brachte. Im nächsten Sommer mußte die Abteilung die Route noch einmal nehmen. Als der Zug Montgomery in Alabama verließ, wunderten sich die Zuschauer, daß »alle so fröhlich waren und lachten und wie die Teufel schrien«. Sie kannten die Ursache nicht: Auf der Strecke nach Montgomery waren am Tag zuvor fast zwei ganze Regimenter verschwunden. Auf der steilen Gefällsstrecke bei Wartrace in Tennessee geriet der Zug außer Kontrolle und rollte in rasender Geschwindigkeit abwärts, wobei er in den Kurven fast aus den Gleisen sprang. Ein Soldat der 9. Kentucky schätzte, daß sie die sieben Meilen in knapp vier Minuten zurücklegten. »Wir dachten jeden Moment, daß der Wagen gegen einen Felsen schleudern und zerschellen würde oder daß wir eine der Klippen hinunterstürzten und nichts mehr von uns übrig bliebe«, schrieb ein Rebell.
Er hatte auf
dieser wilden Fahrt nur den Blick nach oben frei. Ab und zu tauchte
der Mond in den Oberlichtern auf und er glaubte ernsthaft, daß
dieses Bild sein letztes sein würde. Die Soldaten, die auf dem
Dach mitfuhren, hatten keine Zeit für derartige Betrachtungen.
Sie mußten sich mit Händen und Füßen festhalten,
um nicht heruntergeschleudert zu werden. Schließlich brach der
letzte Wagen auseinander und übersäte die Gleise mit Holz
und Eisenteilen. Dabei katapultierte es einen Soldaten vom Dach über
eine Telegraphenleitung direkt in einen Brombeerbusch. »Da ich
keine anderen Verletzungen abbekommen hatte außer mächtigen
Kratzern« - so sein Selbstzeugnis - gesellte er sich dankbar wieder
zu den anderen Insassen, die neben den Gleisen lagerten, um den nächsten
Zug abzuwarten. Es war ein Wunder, daß alle nur mit dem Schrecken
davongekommen waren.
Die CSS General Bragg tat als Flußdampfer Dienst, bevor sie die Konföderierten als Kanonenboot und bewaffneten Truppentransporter einsetzten, der Hunderte von Soldaten in die Kampfgebiete beförderte.
»Den ganzen
langen Tag holperten wir langsam dahin«, schrieb ein Mann aus
Virginia. Der Transport legte 30 Meilen in acht Stunden zurück.
Die nächste Brigade brauchte die ganze Nacht, doch die folgenden
Transporte kamen wieder schneller vorwärts. Sofort nachdem die Männer an Bord waren, stichelten sie sich gegenseitig hoch und machten einander die Schiffe lächerlich. Schließlich wurde aus den Spötteleien eine Herausforderung zu einer Wettfahrt. Die Waverly kam zunächst nicht vom Fleck, der Dampfdruck war unten und die Taney zog mit Leichtigkeit vorbei. Die Männer an Bord jubelten und schrieen, eine Kapelle spielte und der Kapitän ließ siegesgewiß die Dampfpfeife schrillen. Aber sie freuten sich zu früh. Die meisten Soldaten an Bord der Waverly waren erfahrene Dampferleute und es gab nichts, daß sie mehr herausfordern konnte, als von einem piekfeinen Boot geschlagen zu werden. Jetzt übernahmen sie das Steuer. Infanteristen standen mit nacktem Oberkörper im Heizraum und wechselten sich beim Heizen der Kessel ab, wobei sie alles verfeuerten, was sie nur finden konnten. In wenigen Minuten stand die Waverly unter Dampf und legte an Geschwindigkeit zu. Sie glitt über die Wellen wie eine Yacht. Schnell holte sie die Taney ein. Die Begeisterung auf beiden Schiffen war so groß, daß keiner bemerkte, daß ein Sergeant Bartholomew Sullivan von der 4. Kentucky über Bord ging und nie wieder gesehen wurde. Alle Augen waren auf die Dampfdruckmesser und den Bug des Schiffes gerichtet. Schließlich drehte sich die Taney an einer schmalen Stelle zur Seite, um die Durchfahrt zu versperren, aber das alte Baumwollschiff schoß trotzdem an ihr vorbei.
Im Delta und
im Auengebiet der Flüsse wurde oft Jagd auf Wasserwild und Alligatoren
gemacht. Andere Soldaten verkürzten sich die zeitraubende Reise
mit einer guten Flasche. »Whisky floß in Strömen«,
schrieb ein einfacher New Yorker Soldat nach einer Dampferfahrt im Jahre
1863. »Ich war in einem Loch unter Deck mit einem halbbetrunkenen
Mann untergebracht, während die anderen vollbesoffen und bis in
die Puppen lustig und vergnügt waren.« Andererseits hätten viele Männer in den zugigen Waggons oder feuchten Decks bestimmt noch einen oder mehrere Schnäpse vertragen können, um den Transport gesund zu überstehen. Mit wenigen Ausnahmen waren die Waggons, mit denen sie unterwegs waren, nicht mehr als Güterwagen, in die einige Bänke eingebaut waren. Im Winter fror die Truppe meist wie die Schneider; im Sommer verwandelte die Sonne die Wagen in Backöfen. Dazu kam das ständige Rütteln, das die Knochen richtig durchschüttelte. Außerdem waren die Waggons so vollgestopft, daß keiner sich zurücklehnen, geschweige denn schlafen konnte. Kein Wunder, daß die Männer bei jeder Gelegenheit den Zug verließen. Am Ende einer Fahrt war es durchaus nicht ungewöhnlich, daß sich ein ganzes Regiment auf den Bahnsteig legte und einschlief.
Die Schiffsreisen
waren nicht viel bequemer, zumal es sich bei den meisten Pötten
um umgewandelte Fährschiffe, Baumwoll- oder Viehtransporter handelte.
Ein Yankee aus Maine fand auf einer Reise in den Süden »Männer
so dicht gedrängt in einen widerlichen Pferch, daß sie sich
kaum hinlegen konnten,« und viele von ihnen so betrunken, daß
sie den Rest wach hielten. »Wir waren eher wie ein Rudel Schweine
wie als Menschen untergebracht,« beschrieb ein New Yorker die
Reise. Es konnte noch
schlimmer kommen, besonders für die Yankees, die auf dem Seeweg
zu den Enklaven der Union in Südcarolina, Florida oder der Golfküste
verlegt wurden. Ein Mann aus Maine hielt eine grauenhafte Reise nach
Ship Island vor der Mündung des Mississippi fest: »Wir haben
mindestens 300 Mann an Bord, mehr als das Schiff anständig unterbringen
kann, morgens war die Luft und der Dreck in den Zwischendecks so dick,
daß es einem Hund schlecht werden konnte.« Schon am ersten
Tag der Reise zählte er 300 Seekranke und »eine ganze Menge
total Besoffener.«"
Der Transport mit der Eisenbahn konnte gefährlicher sein als mit dem Dampfer, besonders wenn sich feindliche Streitkorps in der Nähe der Schienenstrecke herumtrieben. Trupps wie dieser waren ständig unterwegs, um zerstörte Gleise zu reparieren. Ein Junge aus
Pennsylvanien gewann auf der Fahrt nach Südcarolina ähnliche
Eindrücke, als seine Kameraden reihenweise seekrank wurden. »Um
Gotteswillen, was für eine Zeit. Viele Männer beteten, andere
fluchten und einige gaben einfach auf und wollten über Bord geworfen
werden«.
Hinzu kamen dauernde
Flankenbewegungen und Umwege. Und die Konföderierten marschierten
jeden Schritt mit - und sogar noch weiter. Marschieren war ein natürlicher,
ermüdender und strapaziöser Bestandteil des Krieges. Zu Beginn
waren die wenigsten Soldaten darauf vorbereitet. Gleich im ersten großen
Feldzug mußte sich die Truppe nicht nur mit ungewohnten Tagesstrecken,
sondern mit der drückenden Juli-Hitze und Luftfeuchtigkeit herumplagen,
die im nördlichen Virginia herrschten. Für die Unionssoldaten
begann der Krieg verhältnismäßig angenehm. Nachdem sie
die Bereitstellungsräume um Washington verlassen hatten, marschierten
sie am ersten Tag nur ein paar Meilen, um dann bei Einbruch der Dunkelheit
zu rasten. »Unter dem freien Himmel übersät mit Sternen,
die über einem wachten und ihre endlosen Bahnen zogen«, schrieb
ein Yankee, »schliefen wir den Schlaf von Soldaten«."
Obwohl im Bürgerkrieg erstmals größere Truppentransporte auf der Schiene abliefen, blieben dem Infanteristen Hunderte von Kilometern auf Schusters Rappen nicht erspart. Die Aufnahme zeigt einen feldmarschmäßig gerüsteten Unions-Infanteristen.
Die konföderierten Kentucky-Kavalleristen des John Hunt Morgan organisierten bei jeder Gelegenheit Whisky, manchmal beschlagnahmten sie ihn sogar »offiziell« in den Läden. Als der Stab den Männern der Kentucky »Waisen-Brigade« untersagte, die Zäune der Farmer als Brennholz zu verheizen, fand jemand ein Hintertürchen. Denn der Befehl sprach nur von »ganzen« Zäunen. Die Soldaten befolgten den Befehl wörtlich und zerbrachen jeden Zaun fortan in kleine Stücke. Manche Einheiten erwarben sich durch ihre Verwüstungen auf den Märschen einen besonders üblen Ruf. Schon auf das bloße Gerücht, daß sie unterwegs waren, versteckten sämtliche Anrainer der Marschroute ihre sämtliche Habe, von den Hühnern bis zum Tafelsilber. Kurz vor Kriegsende,
als die 2. Kentucky-Infanterie durch Südcarolina zog, traf ein
Offizier auf einen alten Sklaven. Er hatte mitansehen müssen, wie
konföderierte Truppen seine kleinen Erdnußfelder total geplündert
hatten. Der Oberst war nicht an den Nüssen interessiert, sondern
wollte wissen, ob sich zufällig einige französische Immigranten
in dieser Gegend niedergelassen hatten. »Sagen Sie, Onkel«,
rief er dem Schwarzen zu, »gibt es hier in der Gegend Hugenotten?« Wenn sie einen Überfall machen wollten, schickten sie ihn zu einer Sklavenhütte. Dort gab er einige Schlachtrufe von sich und danach x-beliebige Ausdrücke. »Bohnen«, rief er einmal vor einer Hütte. Während die Frauen und Kinder in Angst und Schrecken davonliefen, holten die Männer schnell das Essen hervor, das sie versteckt hatten. »Hier, hier, Boss«, stotterten sie unterwürfig, worauf »Fliegende Wolke« wieder freundlicher dreinschaute und ihnen versicherte: »Ich Dir nichts tun ... koche Bohnen schnell«.
Als im Herbst 1862 die Konföderierten mit einer unglücklichen Offensive versuchten, Kentucky zurückzuerobern, wurde die sogenannte Waisen-Brigade von Mississippi abgezogen. Auf dem Weg nach Kentucky baute sich ein Hindernis nach dem anderen vor ihr auf. Auf dem letzten Teilstück des Marsches in Richtung Heimat zogen die Soldaten mächtig an. »Alle marschierten mit einem beschwingten Schritt,« schrieb einer; »unsere Herzen schlugen bis zum Hals vor Sehnsucht«. Endlich kamen die Berge um Cumberland Gap in Sicht; das Tor nach Kentucky lag nur noch 20 Meilen entfernt. Am nächsten Tag sollten sie endlich wieder ihren »Bluegrass State« betreten können. Aber die Armee in Kentucky war geschlagen worden und befand sich mitten im Rückzug. Am nächsten Morgen bekamen sie Befehl, wieder in die andere Richtung kehrt zu machen. »Das Schweigen in den Reihen, das (diesem Befehl) folgte, war das ernste mannhafte Schweigen bitterer Enttäuschung«, vermerkte ein Soldat in seinem Tagebuch«. Als sie losmarschierten, ging ein Aufschrei durch die Reihen der ganzen Brigade. Dann setzten sie ihren Weg schweigend fort.
Den Unionssoldaten
blieben derartig frustrierende Erlebnisse auch nicht erspart. Besonders
in Virginia, wo die Armeen drei Jahre lang immer wieder in denselben
Landstrichen aufeinanderstießen, kamen die eindringenden Yankees
häufig an Stellen vorbei, die sie von früheren Feldzügen
her kannten. Als Unionstruppen im Mai 1864 nach Süden ins Shenandoah-Tal
marschierten, führte ihr Weg an den Gräbern der Gefallenen
früherer Kämpfe vorbei. Ein Yank notierte: »Es gab vielleicht
nicht eine Meile auf der ganzen Strecke, an der wir vorbeikamen, ohne
daß wir das Grab eines Soldaten sahen«? Auf dem alten Schlachtfeld
von Winchester lagen noch die Toten von der Schlacht im Juni 1863. Die
konföderierten Sieger hatten sie regelrecht verscharrt, so daß
bei vielen Arme und Beine aus der Erde ragten.
Mit der typisch selbstgefälligen Art des Neuengländers erklärte ein Soldat aus Maine, daß Virginia »in den Händen von Leuten aus Neu England in einen Garten verwandelt werden könnte«. In den Händen seiner jetzigen Bewohner jedoch, darin stimmten die meisten Yankees überein, war es im besten Fall ein bedauernswertes Land. »Das Land hinkt der Zeit 100 Jahre hinterher«, vermerkte ein Yank, und ein anderer bestätigte: »Alles ist 100 Jahre zurückgeblieben«. Ein Witzbold schrieb seinen Leuten nach Hause »es gibt eine Menge in diesem Teil der Welt, was der liebe Gott noch nicht ganz fertig gemacht hat«. Von Louisiana
berichtete er, daß der Allmächtige »gewollt hat, daß
die Schlangen und Krokodile das Land noch ein oder zweitausend Jahre
besetzt halten, bevor die Menschen kommen können um es in Besitz
zu nehmen«. Im großen und ganzen waren die Yankees vom Süden
nicht besonders beeindruckt. Die Vorurteile, die für das Land galten, galten auch für seine Bewohner. Die meisten Nordstaatler hielten sie für ungebildet. »Ich glaube nicht, daß die Bewohner überhaupt wissen, was für ein Wochentag ist,« schrieb ein Unionssoldat in die Heimat. Und die Frauen fanden sie im allgemeinen derb und unattraktiv. »Ihnen fehlt der rosenfarbene Hauch der Gesundheit und Schönheit, der unsere Schönen im Norden ziert«, meinte ein Soldat. »Sie sehen eher wie Bohnenstangen aus, als wie etwas anderes«, stellte ein anderer fest, »die Frauen haben hier im allgemeinen Figuren wie lattenartige, scheußliche, flache, langhaarige Exemplare der Menschheit. Ich würde eher einen getrockneten Kabeljau küssen, als eine von ihnen«. Die tollste Beschreibung stammt von einem Yankee, der die Mädchen in Mississippi als »spitznasige, tabakkauende, rotznasige, flachsköpfige, Verbrecher-gesichtige, gelbäugige, bleichhäutige, mit Baumwolle bekleidete, flachbrüstige, kahlköpfige, lang taillierte, buckelige, kurzhalsige, großfüßige, spreizzehige, Reibeisen-häutige, dünnlippige, mit laternenartiger Kinnlade ausgestattete, dumme Mädchen« nannte."
Viele Yanks glaubten,
daß die Frauen des Südens es mit der Moral nicht so ernst
nähmen. Sie tranken in Kneipen, fluchten »wie Kutscher«
und schienen ständig schwanger zu sein. Natürlich kam Billy
Yank vorwiegend mit der Unterschicht zusammen. Die Mittel- und Oberschicht
der Südstaatler war rechtzeitig geflohen. Ein Soldat schrieb aus Kentucky: »Ich glaube, daß ich mich in Paducah verliebt habe, als ich dort war und ich glaube, ich laß mich dort nieder, wenn der Krieg vorüber ist. Ich habe nie so viele hübsche Frauen in meinem Leben gesehen.« Aus nicht wenigen solcher Bekanntschaften wurden Ehen, die den ganzen Krieg über hielten und auch den Frieden überstanden. Die Rebs hatten viel weniger Gelegenheit, etwas Neues kennenzulernen. Nur einmal, vor der Schlacht von Gettysburg 1863, stieß eine konföderierte Armee ziemlich weit in Unions-Gebiet vor, obwohl auch 1863 und 1864 größere Streifzüge von Kavallerie- und Infanterieeinheiten nach Ohio, Indiana und Pennsylvanien stattfanden. Staaten, die beide Seiten für sich beanspruchten, wie etwa Maryland, Kentucky und Missouri, mußten ein paar größere Feldzüge über sich ergehen lassen. Freilich kannten viele Rebellen diese Gebiete recht gut, zumal es ihre Heimat war.
Das Ergebnis dieser pädagogischen Bemühungen konnte sich sehen lassen. Als ein Texaner am Vorabend der Schlacht von Gettysburg in ein Lager bei Chambersburg kam, staunte er nicht schlecht: »Jeder Quadratmeter, der nicht von schlafenden oder stehenden Soldaten besetzt war, war bedeckt mit einer Menü-Auswahl für die Hungrigen. Hühner, Truthähne, Enten und Gänse gackerten, quakten, kollerten und zischten in harmonischer Eintracht, als geschickte und energische Hände sie ergriffen, um sie zu schlachten, kaum abwarteten, bis sie tot waren und sie zu rupfen begannen, daß die Federn in alle Himmelsrichtungen flogen; und überall verstreut in verwirrendem Durcheinander und verschwenderischer Fülle lagen Brotlaibe und Stücke von Corned Beef, Schinken und Speckscheiben, Käse, Töpfe mit Apfelbutter, Gelee, Marmelade, Pickles und Eingemachtes, Töpfe mit gelber Butter, bauchige Korbflaschen mit Buttermilch und anderes Eßbares, zu vielfältig, um aufgeführt werden zu können«. Die Männer schliefen mit Brotlaiben als Kopfkissen und umarmten Schinken, als wären es ihre Frauen.
Links:
Rechts:
Der konföderierte
Soldat hat während des Krieges nie besser gespeist als in den wenigen
Tagen des Pennsylvanien-Feldzugs und er genoß den Anblick der
runden und rotwangigen Bauernmädchen am Weg. Der Boden des von Schlachten gezeichneten Kontinents war für Yank und Reb gleich hart zum Schlafen und alle sahen die Not und das Leid, das der Krieg über das Land brachte, während sie in Schritt und Tritt ihres Weges zogen.
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