Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© William C. Davis, SOLDATEN DES US-BÜRGERKRIEGES 1861-1865
Veröffentlichungen und Originalfotos des Center of Military History der U.S. Army,
der Kongreßbibliothek (LOC) und des US Nationalarchivs (NARA)



Unionssoldaten geniessen den Blick vom Chattanooga-Aussichtspunkt.


 

Der ”endlose” Marsch von Billy Yank und Johnny Reb

 

 

Für die überwiegende Mehrheit der jungen Soldaten, die selten - wenn überhaupt - ihre Heimat verlassen hatten, war der Krieg auch eine Gelegenheit, mehr von der Welt zu entdecken. So mancher Hinterwäldler sah Dinge, die er sich nie hätte träumen lassen.
Selbst die modernen Transportmittel waren »Wunder« für sie, denn viele hatten noch nie Lokomotiven oder Dampfschiffe gesehen, geschweige denn benutzt. Als ein junger Soldat aus Wisconsin den Transport von Madison nach La Crosse mit der Eisenbahn zurücklegte, mußte er gestehen, daß »es eine neue Erfahrung für ihn war«. Er wachte die gesamte Reise hindurch. »Ich hatte Angst, daß wir vom Weg abkommen würden, wenn es über eine Weiche ging oder über einen Fluß«. Andere, die mit dem Schiff reisten, schlossen wegen der seltsamen Geräusche und stampfenden Maschinen der Raddampfer kein Auge.

Als sie ihren Bestimmungsort erreicht hatten, konnten die Jungen ihrem Kameraden aus Ohio nur zustimmen, der nach Hause schrieb: »Seit ich Dich das letzte Mal traf, habe ich den Elefanten gesehen«. Nach einem Tag und einer Nacht auf dem Dampfschiff und einem weiteren Tag auf der Schiene schrieb er: »Wir kamen durch die gottverlassensten Gegenden, die je ein Sterblicher zu Gesicht bekommen hat«. Einige »gottverdammte Berge« fand er »so schwarz wie die tiefsten Plätze in der Hölle«. Als sie durch einen langen Tunnel fuhren, stieß der Zug gegen einen schweren Felsblock auf den Schienen und »wenn die Maschine nicht so stabil gewesen wäre, wären wir alle zur Hölle gefahren... oder zu einem anderen Hafen«.
Die Farmersburschen und Bürgersöhnchen, die noch nie von zu Hause fortgekommen waren, hatten viel zu "verdauen".

 


Eine Kompanie Unions-Infanterie ist irgendwo in Mississippi zum Fotografen-Termin angetreten.

Doch schon vor der Reise durchlebten die Jungen ein Wechselbad der Gefühle. Der Begeisterung der patriotischen Abschiedszeremonien konnte sich so leicht keiner entziehen. Musikkapellen, jubelnde Bürger, zündende und auch endlos eintönige Reden von Politikern, euphorische Mädchen, die mit dem Taschentuch winkten und so fort. Und während des Bahn- und Schiffstransports immer wieder dasselbe.
»In den Städten stürmten die Mädchen die Bahnsteige, um nach Bildern von den Jungen zu fragen und den hübschesten zu küssen«, erinnerte sich ein Yankee.

 

 

Ein kleiner Franzose bekam die meisten Küsse, indem seine Kameraden ihn beim Herauslehnen aus dem Fenster an den Beinen hielten, während andere Soldaten die Damen auf den Bahnsteigen reihenweise zu ihm hochhielten. »Wir hatten trotzdem unsern Spaß«, meinte ein Kamerad.
Die Soldaten der Union bekamen im allgemeinen mehr von Land und Leuten zu sehen als ihre konföderierten Kameraden; besonders die Jungen aus Ohio oder Illinois, die schon zu Beginn des Krieges an die Front nach Virginia zogen. In Chicago, Pittsburgh, Philadelphia, Baltimore und Washington schnupperten sie erstmals etwas vom »Duft der großen, weiten Welt«.
In Philadelphia wurden sie im Cooper’s Shop untergebracht, einer Freiwilligenunterkunft, die im ersten Jahr mehr als 87.000 Soldaten beherbergte. Pittsburgh wurde berühmt für den heißen Kaffee, der die Truppenzüge erwartete. Alle Städte waren in ihrer Größe und Geschäftigkeit überwältigend. Für viele war es zuviel. Ein Junge vom ländlichen Staat New York war von den Großstädten entsetzt: »Als ich New York verließ war alles neu, aber ich kann nur sagen, errette mich von den Städten«.'

Seltsamerweise waren die meisten Yankees von ihrer Hauptstadt Washington enttäuscht, obwohl fast jeder Soldat die Stadt sehen wollte. Hier standen die großen Regierungsgebäude und das Kapitol, das noch unvollendete Washington-Monument und der Marinehafen mit seinen mächtigen Kriegsschiffen. Hier sammelten sich Zehntausende junger Männer zum Kampf gegen die Rebellen. Und mit etwas Glück konnte man sogar den Präsidenten Abraham Lincoln sehen, wenn er durch die Straßen der Hauptstadt schritt oder die neuen Regimenter inspizierte. »Wir schlenderten von einem Ende der Stadt zum anderen«, schrieb ein Junge aus Boston. Er besuchte das Kapitol, durchstreifte die Gemäldegalerie, stieg die Treppe zur Kuppel hoch und »hatte einen wunderschönen Blick über Washington und seine Umgebung. Aber ich war entsetzt über das schäbige Aussehen des Stadtkerns von Washington, mit Ausnahme der Regierungsviertel«. Voller Enttäuschung vermerkte er, »daß es kein Gebäude in der ganzen Stadt gab, das man als gut bezeichnen könnte, verglichen mit den Geschäften und Wohnhäusern von Boston«.
Die Soldaten der Konföderierten machten ähnliche Erfahrungen. Aufgrund der bescheideneren Transporteinrichtungen des Südens reisten die meisten konföderierten Soldaten in Viehwaggons zu den Kriegsschauplätzen. Respektlos schlugen sie Löcher in die Holzwände, um für Lüftung zu sorgen und die vorbeifliegende Landschaft beobachten zu können. Zivilisten, die die Züge vorbeirollen sahen, verglichen die Güterwagen mit den herausragenden Köpfen mit Transportkäfigen für Hühner.

 

 


Auch viele konföderierte Soldaten hatten noch nie den engeren Umkreis ihrer Heimat verlassen.
Es gab Burschen aus Mississippi, die noch nie das Meer oder eine Palme gesehen hatten.

Biwak bei Pensacola in Florida, April 1861.

 

Für die Jungs aus dem Süden waren der Mississippi und die Städte Memphis, New Orleans, Atlanta, Charleston und natürlich Richmond die großen Wunder. Sie legten ähnliche Entfernungen zurück wie die Unionstransporte, aber häufig dauerte die Reise wegen der ungenügenden Bahnverbindungen und des fehlenden Schiffsraums viel länger.
Eine Kompanie aus Texas brauchte einen ganzen Monat von San Augustine nach Richmond.
Die Rebellen trafen auch begeisterte Mengen, die sie anspornten und mit Geschenken, Kuchen und Süßigkeiten und vielen Küssen überhäuften. Wie ihr Feind im Norden mußten auch sie feststellen, daß die Begeisterung nachließ, je länger der Krieg dauerte.

 

Bald warfen viele Zivilisten böse Blicke auf die vorbeifahrenden Soldaten, denn sie wurden nun als Konkurrenten für die knapper werdenden Versorgungsreserven betrachtet. Aber 1861 war noch alles frisch und fröhlich. »Ich habe viele schöne Dinge auf der Welt gesehen, seitdem ich von zu Hause fort bin«, schrieb einer aus Buncombe County in Nordcarolina an seinen Vater, »aber ich habe vorher auch noch nichts anderes wie Buncomb und Umgebung gesehen«.
Auch viele Konföderierte waren nicht von allem begeistert, was sie in Richmond sahen, besonders wenn sie Vergleiche mit ihren Heimatstädten anstellten. Aber auf viele wirkten die neuen Eindrücke so stark, daß sie ihre Brüder und Freunde daheim überredeten, sich ebenfalls zu melden, damit sie die große weite Welt sehen und erleben konnten. In den Krieg zu ziehen, oder den »Elefanten« zu sehen, war eine Lebenserfahrung, die man nicht versäumen durfte.

Die grundlegenden Erfahrungen von Billy Yank und Jonny Reb unterschieden sich also kaum, wenn es auch eine Rolle spielte, daß die Nordstaatler überwiegend die Eindringlinge waren und die Konföderierten in ihrer Heimat kämpften. Doch trotz der Tatsache, daß sie in Gebieten operierten, die ihnen wohlgesonnen waren, mußten die Rebellen mit mancherlei Härten und Gefahren beim Marsch zur Front rechnen. Gleichgültig, ob nun Unionstruppen oder konföderierte Einheiten quer durch die Südstaaten zogen, die Straßen war gleich schlecht, der Schlamm gleich zäh und die Pfützen ebenso tief. Erst das verbesserte Eisenbahnnetz des Nordens hatte ironischerweise zur Folge, daß die Züge der Yankees verläßlicher in die Südstaaten fuhren, als die Transporte der Konföderierten selbst.
In der Tat blieb die Fahrt mit der Eisenbahn für jeden Soldaten ein kleines Abenteuer und die damit verbundenen Unfälle und Mißgeschicke boten dauernden Gesprächsstoff. Als eine Abteilung der Konföderierten im September 1862 mit dem Zug von Jackson in Mississippi nach Meridian verlegte, hüpfte ein Wagen aus dem Gleis. Überzeugt davon, daß der ganze Zug gleich aus dem Gleis springen würde, sprang Oberst Thomas Hunt von der 9. Kentucky-Infanterie aus seinem Wagen, obwohl er noch von einer Wunde genesen mußte.
Sein Ordonnanzoffizier folgte ihm, ebenso eine ganze Reihe einfacher Soldaten. Der Zug hielt kurz an, um den Wagen wieder aufs Gleis zu bringen. Vom Zug bot sich ein seltsamer Anblick: Die Abgesprungenen liefen etwa 100 Meter hinter der Eisenbahn lachend auf den Gleisen umher, andere legten sich hin oder kamen benommen wieder auf die Beine, wobei sie ihre Köpfe, Arme und Beine nach Brüchen und Kratzern absuchten.

 


» Bummer«, Army of the Tennessee, USA
Trotz aller Unterschiede zwischen den Unionstruppen, die auf den östlichen und westlichen Kriegsschauplätzen kämpften, gab es keinen Soldaten-Typ, der sich so unverwechselbarer seiner Armee und Region zuordnen ließ wie der verwitterte »Vagabund« der Tennessee-Armee.

Seine Uniform und sein Erscheinungsbild verrieten die Hunderte an Meilen, die er mehr marschieren mußte, die größeren Klima- und Wetterunterschiede, denen er ausgesetzt war und die Schwierigkeiten, welche die Versorgung der sich ständig bewegenden Armee mit sich brachte.
Typisch war der verbeulte, breitkrempige Hut, den der »Bummer« im Gegensatz zu den sonst üblichen Käppis trug. Zudem schleppte er nur wenig Gepäck mit sich herum.
Seine Ausrüstung war auf das Notwendigste beschränkt; alles andere, was er brauchte, holte er sich als Meister im »Organisieren« aus dem Land.

Im nächsten Sommer mußte die Abteilung die Route noch einmal nehmen. Als der Zug Montgomery in Alabama verließ, wunderten sich die Zuschauer, daß »alle so fröhlich waren und lachten und wie die Teufel schrien«. Sie kannten die Ursache nicht: Auf der Strecke nach Montgomery waren am Tag zuvor fast zwei ganze Regimenter verschwunden. Auf der steilen Gefällsstrecke bei Wartrace in Tennessee geriet der Zug außer Kontrolle und rollte in rasender Geschwindigkeit abwärts, wobei er in den Kurven fast aus den Gleisen sprang. Ein Soldat der 9. Kentucky schätzte, daß sie die sieben Meilen in knapp vier Minuten zurücklegten. »Wir dachten jeden Moment, daß der Wagen gegen einen Felsen schleudern und zerschellen würde oder daß wir eine der Klippen hinunterstürzten und nichts mehr von uns übrig bliebe«, schrieb ein Rebell.

 

 

Er hatte auf dieser wilden Fahrt nur den Blick nach oben frei. Ab und zu tauchte der Mond in den Oberlichtern auf und er glaubte ernsthaft, daß dieses Bild sein letztes sein würde. Die Soldaten, die auf dem Dach mitfuhren, hatten keine Zeit für derartige Betrachtungen. Sie mußten sich mit Händen und Füßen festhalten, um nicht heruntergeschleudert zu werden. Schließlich brach der letzte Wagen auseinander und übersäte die Gleise mit Holz und Eisenteilen. Dabei katapultierte es einen Soldaten vom Dach über eine Telegraphenleitung direkt in einen Brombeerbusch. »Da ich keine anderen Verletzungen abbekommen hatte außer mächtigen Kratzern« - so sein Selbstzeugnis - gesellte er sich dankbar wieder zu den anderen Insassen, die neben den Gleisen lagerten, um den nächsten Zug abzuwarten. Es war ein Wunder, daß alle nur mit dem Schrecken davongekommen waren.
Die rasante Fahrt blieb die Ausnahme. Schon zu Beginn des Krieges legten die Züge der Konföderierten höchstens ein paar Meilen in der Stunde zurück, ständig gab es Unterbrechungen wegen gebrochenen Gleisen, entgleisten Waggons oder kaputten Lokomotiven. Als im Juli 1861, kurz vor Bull Run, einige Abteilungen von General Joseph E. Johnston aus dem Shenandoah-Tal verlegen wollten, stand ihnen nur ein einziger Zug zur Verfügung. So mußten die Abteilungen nacheinander abrücken. Um zu vermeiden, daß die lebenswichtige Lokomotive keinen Schaden nahm, ließ sie der Lokführer nicht schneller als 4 Meilen in der Stunde laufen.

 

 

 

Die CSS General Bragg tat als Flußdampfer Dienst, bevor sie die Konföderierten als Kanonenboot und bewaffneten Truppentransporter einsetzten, der Hunderte von Soldaten in die Kampfgebiete beförderte.

 

»Den ganzen langen Tag holperten wir langsam dahin«, schrieb ein Mann aus Virginia. Der Transport legte 30 Meilen in acht Stunden zurück. Die nächste Brigade brauchte die ganze Nacht, doch die folgenden Transporte kamen wieder schneller vorwärts.
Wenn der Zug von Zeit zu Zeit hielt, sprangen die Männer aus den Wagen und suchten die Bahndämme nach Brombeeren ab. Oft brauchten die Offiziere eine halbe Stunde und mehr, um sie wieder einzusammeln.
Als die letzten Truppen den Zug bestiegen, konnte die alte Lok nicht mehr. Kurz nach der Abfahrt streikte sie einfach. Einige dachten, sie wäre gegen irgendein Hindernis gestoßen, aber niemand wußte etwas genaues. Vor lauter Ärger über die Verzögerung und im Glauben, das Schlachtfeld nicht mehr rechtzeitig zu erreichen, bildeten die Offiziere ein Standgericht. Sie warfen dem Lokomotivführer vor, er sei ein Verräter, der die Fahrt absichtlich verzögert hätte. Das Gericht hielt ihn der Bestechung und des Verrats schuldig. Ein Erschießungskommando vollstreckte das Urteil an Ort und Stelle.Schiffstransporte verliefen meist nicht so tragisch. Sie konnten den Männern im Gegenteil auch eine Menge Spaß bereiten, besonders den Rebellen und Yankees, die von den westlichen Staaten des Mississippi kamen und schon einige Erfahrung bei der Schiffahrt gesammelt hatten. Im September des Jahres 1862 ging eine konföderierte Brigade in Alabama an Bord von zwei alten Dampfern, der Waverly und der R.B. Taney, um von Mobile nach Montgomery zu schippern. Die Waverly war ein alter Baumwollkahn, während die Taney früher als eleganter Passagierdampfer oder Paketboot fungierte.

Sofort nachdem die Männer an Bord waren, stichelten sie sich gegenseitig hoch und machten einander die Schiffe lächerlich. Schließlich wurde aus den Spötteleien eine Herausforderung zu einer Wettfahrt. Die Waverly kam zunächst nicht vom Fleck, der Dampfdruck war unten und die Taney zog mit Leichtigkeit vorbei. Die Männer an Bord jubelten und schrieen, eine Kapelle spielte und der Kapitän ließ siegesgewiß die Dampfpfeife schrillen. Aber sie freuten sich zu früh.

Die meisten Soldaten an Bord der Waverly waren erfahrene Dampferleute und es gab nichts, daß sie mehr herausfordern konnte, als von einem piekfeinen Boot geschlagen zu werden. Jetzt übernahmen sie das Steuer. Infanteristen standen mit nacktem Oberkörper im Heizraum und wechselten sich beim Heizen der Kessel ab, wobei sie alles verfeuerten, was sie nur finden konnten. In wenigen Minuten stand die Waverly unter Dampf und legte an Geschwindigkeit zu. Sie glitt über die Wellen wie eine Yacht. Schnell holte sie die Taney ein. Die Begeisterung auf beiden Schiffen war so groß, daß keiner bemerkte, daß ein Sergeant Bartholomew Sullivan von der 4. Kentucky über Bord ging und nie wieder gesehen wurde. Alle Augen waren auf die Dampfdruckmesser und den Bug des Schiffes gerichtet. Schließlich drehte sich die Taney an einer schmalen Stelle zur Seite, um die Durchfahrt zu versperren, aber das alte Baumwollschiff schoß trotzdem an ihr vorbei.

 

 


Viele nahmen - wie dieser konföderierte Infanterist - die Gelegenheit wahr, sich unterwegs von örtlichen Fotografen porträtieren zu lassen, die mit Spruchtafeln patriotischen Inhalts für das entsprechende Ambiente sorgten.

Im Delta und im Auengebiet der Flüsse wurde oft Jagd auf Wasserwild und Alligatoren gemacht. Andere Soldaten verkürzten sich die zeitraubende Reise mit einer guten Flasche. »Whisky floß in Strömen«, schrieb ein einfacher New Yorker Soldat nach einer Dampferfahrt im Jahre 1863. »Ich war in einem Loch unter Deck mit einem halbbetrunkenen Mann untergebracht, während die anderen vollbesoffen und bis in die Puppen lustig und vergnügt waren.«
Das Saufen an Bord erklärt, warum so viele Männer einfach über Bord fielen. Ein Sergeant aus Connecticut hielt ein nächtliches Erlebnis schriftlich fest, als ein Soldat »mit dem schrecklichsten Lärm und Fuchteleien, die ich je gesehen hatte, verrückt spielte.« Fünf Mann konnten den Betrunkenen schließlich überwältigen.

Andererseits hätten viele Männer in den zugigen Waggons oder feuchten Decks bestimmt noch einen oder mehrere Schnäpse vertragen können, um den Transport gesund zu überstehen. Mit wenigen Ausnahmen waren die Waggons, mit denen sie unterwegs waren, nicht mehr als Güterwagen, in die einige Bänke eingebaut waren. Im Winter fror die Truppe meist wie die Schneider; im Sommer verwandelte die Sonne die Wagen in Backöfen. Dazu kam das ständige Rütteln, das die Knochen richtig durchschüttelte. Außerdem waren die Waggons so vollgestopft, daß keiner sich zurücklehnen, geschweige denn schlafen konnte. Kein Wunder, daß die Männer bei jeder Gelegenheit den Zug verließen. Am Ende einer Fahrt war es durchaus nicht ungewöhnlich, daß sich ein ganzes Regiment auf den Bahnsteig legte und einschlief.

 

Die Schiffsreisen waren nicht viel bequemer, zumal es sich bei den meisten Pötten um umgewandelte Fährschiffe, Baumwoll- oder Viehtransporter handelte. Ein Yankee aus Maine fand auf einer Reise in den Süden »Männer so dicht gedrängt in einen widerlichen Pferch, daß sie sich kaum hinlegen konnten,« und viele von ihnen so betrunken, daß sie den Rest wach hielten. »Wir waren eher wie ein Rudel Schweine wie als Menschen untergebracht,« beschrieb ein New Yorker die Reise.
Er mußte auf dem Deck schlafen und wurde mit Essensrationen abgespeist, die so verdorben waren, daß er und andere sie kaum hinunter bekommen konnten.
»Das Wasser war sehr schmutzig«, klagte er, »aber wir waren froh, daß wir genug davon bekamen.«

Es konnte noch schlimmer kommen, besonders für die Yankees, die auf dem Seeweg zu den Enklaven der Union in Südcarolina, Florida oder der Golfküste verlegt wurden. Ein Mann aus Maine hielt eine grauenhafte Reise nach Ship Island vor der Mündung des Mississippi fest: »Wir haben mindestens 300 Mann an Bord, mehr als das Schiff anständig unterbringen kann, morgens war die Luft und der Dreck in den Zwischendecks so dick, daß es einem Hund schlecht werden konnte.« Schon am ersten Tag der Reise zählte er 300 Seekranke und »eine ganze Menge total Besoffener.«"
Auf einer 29tägigen Reise starben viele Soldaten an der Seekrankheit. Die Männer konnten nicht schlafen, weil sie die Hitze in den überfüllten Laderäumen nicht aushalten konnten. Sie hatten keinen Platz, um ihr Essen richtig zuzubereiten. Außerdem war der Wasservorrat so gering, daß er rationiert werden mußte. Bestattungszeremonien wurden zur Gewohnheit. »Ein trauriger Anblick heute abend«, schrieb ein anderer Billy Yank, »ein armer alter Vater gibt seinem Sohn eine Seebestattung.« Bald wurde jeder gepackt. »Ich bin auch krank«, schrieb ein Soldat in sein Tagebuch auf dem Weg nach Ship Island. »Oh je, ich bin schrecklich krank, seekrank und habe das Meer satt«. Die Läuse quälten die Männer im Schlaf, die Luft war Tag und Nacht zum Schneiden und schlimmer noch, viele Schiffe gerieten in Stürme und Orkane. »Der Sturm hat uns mit solcher Kraft gepackt,« schrieb ein Yankee am 4. März 1862, »niemand konnte gehen oder stehen ohne sich mit beiden Händen festzuhalten.« Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten, notierte er: »Wir schrien und jubelten wie verrückt«."

 

 

Der Transport mit der Eisenbahn konnte gefährlicher sein als mit dem Dampfer, besonders wenn sich feindliche Streitkorps in der Nähe der Schienenstrecke herumtrieben. Trupps wie dieser waren ständig unterwegs, um zerstörte Gleise zu reparieren.

Ein Junge aus Pennsylvanien gewann auf der Fahrt nach Südcarolina ähnliche Eindrücke, als seine Kameraden reihenweise seekrank wurden. »Um Gotteswillen, was für eine Zeit. Viele Männer beteten, andere fluchten und einige gaben einfach auf und wollten über Bord geworfen werden«.
Auf dem Marsch zu den Hauptarmeen blieb wohl keinem Soldaten die Bekanntschaft dieser schauderhaften Zustände auf den Transportmitteln erspart. Zu Beginn des Krieges sangen enthusiastische Yankees noch das Lied von »John Brown's body«, dessen Körper im Grab verfaulte, während seine Seele weitermarschierte. Sie sangen es beim Marschieren.
Denn trotz aller Züge und Schiffstransporte legten Billy Yank und Johnny Reb Tausende von Kilometern auf Schusters Rappen zurück. Während verschiedene Einheiten - besonders diejenigen, die bestimmte Posten besetzt hielten oder zum permanenten Garnisonsdienst verurteilt waren - kaum verlegt wurden, gab es andere, deren Soldaten buchstäblich mehrere Schuhpaare durchmarschierten.
Dies galt besonders für die Regimenter westlich der Appalachen, in den Weiten von Kentucky und Tennessee, dem tiefen Süden oder dem Trans-Mississippi-Gebiet. Im Laufe eines Jahres mochten einige dieser Einheiten einiges über 2000 Kilometer zurückgelegt haben. In den elf Monaten vom Beginn des Atlanta-Feldzuges im Mai 1864 bis zum Ende des berühmten Marsches zur Küste legten Shermans Truppen eine Strecke zurück, die allein schon in der Luftlinie über 1000 Kilometer betrug.

 

 

Hinzu kamen dauernde Flankenbewegungen und Umwege. Und die Konföderierten marschierten jeden Schritt mit - und sogar noch weiter. Marschieren war ein natürlicher, ermüdender und strapaziöser Bestandteil des Krieges. Zu Beginn waren die wenigsten Soldaten darauf vorbereitet. Gleich im ersten großen Feldzug mußte sich die Truppe nicht nur mit ungewohnten Tagesstrecken, sondern mit der drückenden Juli-Hitze und Luftfeuchtigkeit herumplagen, die im nördlichen Virginia herrschten. Für die Unionssoldaten begann der Krieg verhältnismäßig angenehm. Nachdem sie die Bereitstellungsräume um Washington verlassen hatten, marschierten sie am ersten Tag nur ein paar Meilen, um dann bei Einbruch der Dunkelheit zu rasten. »Unter dem freien Himmel übersät mit Sternen, die über einem wachten und ihre endlosen Bahnen zogen«, schrieb ein Yankee, »schliefen wir den Schlaf von Soldaten«."
Aber am nächsten Tag fiel ihnen das Marschieren schon etwas schwerer und am übernächsten waren sie müde und schmutzig und hatten Blasen an den Füßen. Die Stimmung war dahin. Die heiße, staubige Landstraße hatte dem Krieg den Glanz genommen. Die Sonne, ein ständiger Begleiter in den Sommermonaten, forderte hier die ersten Opfer. Auf beiden Seiten erlagen Unzählige dem Sonnenstich und der Überhitzung, die Durst und Erschöpfung mit sich brachten. Die gelegentlichen schweren Gewitter brachten keine Erleichterung, denn sie verwandelten die unbefestigten Wege des Südens in einen einzigen Morast, der den Soldaten Stiefel und Schuhe von den Füßen zog und die schweren Woll- oder Baumwolluniformen durchnäßte. Elf Mann der 22. Virginia wurden im Mai 1864 gar vom Blitz erschlagen.

 

 

Obwohl im Bürgerkrieg erstmals größere Truppentransporte auf der Schiene abliefen, blieben dem Infanteristen Hunderte von Kilometern auf Schusters Rappen nicht erspart. Die Aufnahme zeigt einen feldmarschmäßig gerüsteten Unions-Infanteristen.


Vielleicht war die Öde der Märsche, gemischt mit der stets gegenwärtigen Gefahr ein Grund dafür, daß die Männer auf beiden Seiten jede Gelegenheit zu kleineren »Ausflügen« nutzten. Wann immer die Offiziere halten ließen, lösten sich die Männer aus den Reihen und pflückten Beeren, brühten Kaffee auf, spielten Karten oder rannten fort, um in der nächsten Siedlung oder einem naheliegenden Gehöft ihre Verpflegung »aufzubessern«. Mit der Disziplin nahmen es die Freiwilligen nie so genau und kein Offizier schaffte es, sie völlig unter Kontrolle zu bringen.
Dies wurde schon auf dem Marsch nach Bull Run offensichtlich, als Sherman, damals Oberst und Brigade-Befehlshaber, ständig auf und ab reiten mußte, um seinen Männern zuzurufen: »Ihr müßt aufschließen, ihr könnt (jetzt) nicht Schweine und Hühner jagen«. Es hat wenig gefruchtet. Sherman stellte einen Soldaten zur Rede, der ein Stück Hammelfleisch über der Schulter trug. »Weißt Du nicht, daß derartige Überfälle verboten sind?« fragte er ihn. »Jawoll, aber ich war hungrig«, kam als Antwort, »und es war sowieso ein Rebellen-Hammel«.
Aufsässige Männer schrieen ihre Offiziere sogar an: »Sagen Sie Oberst Sherman, daß wir soviel Wasser, Schweine und Hühner bekommen, wie wir wollen!« Die Soldaten plünderten häufig und meist war es ihnen egal, ob bei Feind oder Freund. Die Route nach Bull Run führte das 1. Massachusetts-Regiment durch das Städtchen Vienna in Virginia. Dort fielen die Männer wie Heuschrecken über den Lebensmittelladen her. Sie ließen nichts übrig, nicht einmal die Mahlsteine oder die Fässer mit Melasse. Es war überall dasselbe.

Die konföderierten Kentucky-Kavalleristen des John Hunt Morgan organisierten bei jeder Gelegenheit Whisky, manchmal beschlagnahmten sie ihn sogar »offiziell« in den Läden. Als der Stab den Männern der Kentucky »Waisen-Brigade« untersagte, die Zäune der Farmer als Brennholz zu verheizen, fand jemand ein Hintertürchen. Denn der Befehl sprach nur von »ganzen« Zäunen. Die Soldaten befolgten den Befehl wörtlich und zerbrachen jeden Zaun fortan in kleine Stücke. Manche Einheiten erwarben sich durch ihre Verwüstungen auf den Märschen einen besonders üblen Ruf. Schon auf das bloße Gerücht, daß sie unterwegs waren, versteckten sämtliche Anrainer der Marschroute ihre sämtliche Habe, von den Hühnern bis zum Tafelsilber.

Kurz vor Kriegsende, als die 2. Kentucky-Infanterie durch Südcarolina zog, traf ein Offizier auf einen alten Sklaven. Er hatte mitansehen müssen, wie konföderierte Truppen seine kleinen Erdnußfelder total geplündert hatten. Der Oberst war nicht an den Nüssen interessiert, sondern wollte wissen, ob sich zufällig einige französische Immigranten in dieser Gegend niedergelassen hatten. »Sagen Sie, Onkel«, rief er dem Schwarzen zu, »gibt es hier in der Gegend Hugenotten?«
»Woher seit Ihr denn?« fragte der Sklave zurück.
»Vom Norden aus dem alten Kentucky.«
»Nun, das habe ich mir schon gedacht,« sagte der Neger. »Denn in Tennessee nennen sie sie Erdnüsse, in Georgia heißen sie 'Goobers', in Alabama 'Penders', hier in Südcarolina nennen wir sie 'Grunderbsen', und ihr Kerle aus dem fernen Kentucky nennt sie 'Hugenuts' (nut = Nuß). Da fällt mir nichts mehr ein«.»
Tatsächlich blieben auch Sklaven nicht vor Überfällen verschont; gleichgültig ob es sich um Truppen aus dem Süden oder dem Norden handelte. Ein Regiment der Konföderierten hatte einen Mohawk-Indianer namens Konshattountzchette in seinen Reihen, der sich selbst »Fliegende Wolke« nannte. Eine Kugel der Yankees hatte ihm fast die ganze Oberlippe weggerissen und nun sah er ziemlich übel aus; ein Anblick, der durch seine stechenden schwarzen Augen und seine dunkle Hautfarbe nicht gemildert wurde. Aus irgendwelchen Gründen fanden ihn die Sklaven in Südcarolina besonders furchterregend und seine weißen Waffenbrüder hatten bald heraus, wie sie sich diese Tatsache am besten zu Nutze machen konnten.

Wenn sie einen Überfall machen wollten, schickten sie ihn zu einer Sklavenhütte. Dort gab er einige Schlachtrufe von sich und danach x-beliebige Ausdrücke. »Bohnen«, rief er einmal vor einer Hütte. Während die Frauen und Kinder in Angst und Schrecken davonliefen, holten die Männer schnell das Essen hervor, das sie versteckt hatten. »Hier, hier, Boss«, stotterten sie unterwürfig, worauf »Fliegende Wolke« wieder freundlicher dreinschaute und ihnen versicherte: »Ich Dir nichts tun ... koche Bohnen schnell«.

 



Pioniere schlugen im Sommer 1863 diese gemischte Balken-/Pontonbrücke über einen Nebenarm des Mississippi.
Abseits der Hauptmarschrouten mußten die Truppen freilich mit Booten übersetzen oder kleinere Flußläufe durchwaten.


Trotz aller Gemeinsamkeiten bestand ein grundlegender Unterschied zwischen den Soldaten, der ihre Meinung über das, was sie sahen und erlebten, beeinflußte. Der konföderierte Soldat verbrachte den gesamten Krieg innerhalb der Konföderationsgrenzen. Er befand sich in seiner Heimat und gleichgültig, wie viel besondere Verbundenheit er für seinen Heimatstaat empfinden mochte, fühlte er diese auch in unterschiedlichem Maße dem Süden als Ganzem gegenüber. Je mehr sich der Krieg zu Ungunsten des Südens entwickelte, desto bedrückter zogen die konföderierten Soldaten von Schlachtfeld zu Schlachtfeld. Niedergebrannte oder verlassene Farmen und Plantagen, die Felder mit Unkraut überwuchert, verwüstete Fabriken, zerstörte Brücken, verlassene oder mit Flüchtlingen überfüllte Städte belasteten die Stimmung des Südstaatlers, stärkten aber gleichzeitig seine Entschlossenheit. Denn die Ursache für all dieses Elend war nach einfacher Soldatenlogik der Feind.
Am schwierigsten war die Situation für die Konföderierten aus Missouri, Kentucky, Maryland oder Tennessee, denn ihre Heimat hielten Unionstruppen für die meiste Zeit des Krieges besetzt.
Die Soldaten, die keine Möglichkeit hatten, im Urlaub nach Hause zu fahren und oft nicht einmal Nachricht von Freunden oder der Familie erhielten, machten sich besonders große Sorgen. Folglich drängten sie nach vorne, wenn sich die Truppe in Richtung Heimat bewegte, und rissen ihre Kameraden mit.

Als im Herbst 1862 die Konföderierten mit einer unglücklichen Offensive versuchten, Kentucky zurückzuerobern, wurde die sogenannte Waisen-Brigade von Mississippi abgezogen. Auf dem Weg nach Kentucky baute sich ein Hindernis nach dem anderen vor ihr auf. Auf dem letzten Teilstück des Marsches in Richtung Heimat zogen die Soldaten mächtig an. »Alle marschierten mit einem beschwingten Schritt,« schrieb einer; »unsere Herzen schlugen bis zum Hals vor Sehnsucht«. Endlich kamen die Berge um Cumberland Gap in Sicht; das Tor nach Kentucky lag nur noch 20 Meilen entfernt. Am nächsten Tag sollten sie endlich wieder ihren »Bluegrass State« betreten können. Aber die Armee in Kentucky war geschlagen worden und befand sich mitten im Rückzug. Am nächsten Morgen bekamen sie Befehl, wieder in die andere Richtung kehrt zu machen. »Das Schweigen in den Reihen, das (diesem Befehl) folgte, war das ernste mannhafte Schweigen bitterer Enttäuschung«, vermerkte ein Soldat in seinem Tagebuch«. Als sie losmarschierten, ging ein Aufschrei durch die Reihen der ganzen Brigade. Dann setzten sie ihren Weg schweigend fort.

 



Die Marschgepflogenheiten waren verschieden, aber die meisten Offiziere ließen ihre Männer nach 50 Minuten Marsch zehn Minuten rasten.
Wann immer ein Halt befohlen wurde, brauten sich die Soldaten schnell einen Kaffee oder holten Karten und Pfeifen vor.

 

Den Unionssoldaten blieben derartig frustrierende Erlebnisse auch nicht erspart. Besonders in Virginia, wo die Armeen drei Jahre lang immer wieder in denselben Landstrichen aufeinanderstießen, kamen die eindringenden Yankees häufig an Stellen vorbei, die sie von früheren Feldzügen her kannten. Als Unionstruppen im Mai 1864 nach Süden ins Shenandoah-Tal marschierten, führte ihr Weg an den Gräbern der Gefallenen früherer Kämpfe vorbei. Ein Yank notierte: »Es gab vielleicht nicht eine Meile auf der ganzen Strecke, an der wir vorbeikamen, ohne daß wir das Grab eines Soldaten sahen«? Auf dem alten Schlachtfeld von Winchester lagen noch die Toten von der Schlacht im Juni 1863. Die konföderierten Sieger hatten sie regelrecht verscharrt, so daß bei vielen Arme und Beine aus der Erde ragten.
Diese düsteren Schauplätze der Zerstörung waren für die nachdenklicheren Yankees ebenso entmutigend wie für die Konföderierten. Es gab aber auch Leute, die auf eine perverse Art stolz auf die Früchte der US-Kriegsmaschine waren und sie als gerechte Strafe für den Süden ansahen, der mit der Beschießung von Fort Sumter den Krieg begonnen hatte.
Neben den traurigen Szenen gab es für die Yankees auf dem Marsch allerei Neues und Merkwürdiges zu entdecken. Für die Jungs aus New York oder Maine waren Staaten wie Virginia eine neue Welt, die sich in vielfacher Hinsicht von der nördlichen Heimat unterschied. Für Yankees, die den anderen Teil Nordamerikas nur aus Zeitungen oder den Reden kleinkarierter Politiker kannten, war der »Ausflug« in den Süden das Abenteuer ihres Lebens. An die zwei Millionen Nordstaatler besichtigten quasi als Militärtouristen die Staaten der Konföderation.


Als Billy Yank in den für ihn unbekannten und feindlichen Süden zog, kam er gleichzeitig als Soldat und Tourist. Stätten wie Falls Church, wo Washington Gottesdienste abgehalten hatte, zogen viele Nordstaatler an.

Mit der typisch selbstgefälligen Art des Neuengländers erklärte ein Soldat aus Maine, daß Virginia »in den Händen von Leuten aus Neu England in einen Garten verwandelt werden könnte«. In den Händen seiner jetzigen Bewohner jedoch, darin stimmten die meisten Yankees überein, war es im besten Fall ein bedauernswertes Land.

»Das Land hinkt der Zeit 100 Jahre hinterher«, vermerkte ein Yank, und ein anderer bestätigte: »Alles ist 100 Jahre zurückgeblieben«. Ein Witzbold schrieb seinen Leuten nach Hause »es gibt eine Menge in diesem Teil der Welt, was der liebe Gott noch nicht ganz fertig gemacht hat«.

Von Louisiana berichtete er, daß der Allmächtige »gewollt hat, daß die Schlangen und Krokodile das Land noch ein oder zweitausend Jahre besetzt halten, bevor die Menschen kommen können um es in Besitz zu nehmen«. Im großen und ganzen waren die Yankees vom Süden nicht besonders beeindruckt.
Kaum einer der Nordlichter war auf das heiße Klima der Südstaaten vorbereitet. Anstatt zu bemerken, daß die Landschaft in Virginia ihn an Neu-England erinnern könnte, stellte ein Yank eher fest, daß ihn »das Klima mehr an die Hölle erinnert, wenn ich sie auch noch nicht gesehen, aber schon oft von ihr gehört habe«. Viele klagten, daß die Luft ihre Kehlen auf dem Weg zur Lunge versengte. Das dauernde Marschieren und Kämpfen in diesem Klima machte Tausende lethargisch und brachte sie an den Rand der totalen Erschöpfung.

Die Vorurteile, die für das Land galten, galten auch für seine Bewohner. Die meisten Nordstaatler hielten sie für ungebildet. »Ich glaube nicht, daß die Bewohner überhaupt wissen, was für ein Wochentag ist,« schrieb ein Unionssoldat in die Heimat. Und die Frauen fanden sie im allgemeinen derb und unattraktiv. »Ihnen fehlt der rosenfarbene Hauch der Gesundheit und Schönheit, der unsere Schönen im Norden ziert«, meinte ein Soldat. »Sie sehen eher wie Bohnenstangen aus, als wie etwas anderes«, stellte ein anderer fest, »die Frauen haben hier im allgemeinen Figuren wie lattenartige, scheußliche, flache, langhaarige Exemplare der Menschheit. Ich würde eher einen getrockneten Kabeljau küssen, als eine von ihnen«. Die tollste Beschreibung stammt von einem Yankee, der die Mädchen in Mississippi als »spitznasige, tabakkauende, rotznasige, flachsköpfige, Verbrecher-gesichtige, gelbäugige, bleichhäutige, mit Baumwolle bekleidete, flachbrüstige, kahlköpfige, lang taillierte, buckelige, kurzhalsige, großfüßige, spreizzehige, Reibeisen-häutige, dünnlippige, mit laternenartiger Kinnlade ausgestattete, dumme Mädchen« nannte."

 


Das schwülheiße Sommerklima des Südens machte den Nordstaatlern besonders zu schaffen. Auch diese Yankees in Tennessee lernten schnell, jede Gelegenheit wahrzunehmen, um im Schatten »Siesta« zu halten.

Viele Yanks glaubten, daß die Frauen des Südens es mit der Moral nicht so ernst nähmen. Sie tranken in Kneipen, fluchten »wie Kutscher« und schienen ständig schwanger zu sein. Natürlich kam Billy Yank vorwiegend mit der Unterschicht zusammen. Die Mittel- und Oberschicht der Südstaatler war rechtzeitig geflohen.
Trotz all ihrer Schimpferei und ihrer Nörgelei mußten die Unionssoldaten zugeben, daß es auch vieles gab, was ihnen gefiel. »Dieses Land ist so wunderschön, ich wäre gern hier geboren«, schrieb einer von Virginia. Und dem Zauber einiger Küstenstriche Floridas oder den Gegenden im mittleren Tennessee konnte sich so leicht keiner entziehen. Dasselbe galt wohl auch für einige Frauen, die garnicht so »flachbrüstig« oder »spitznasig« gewesen sein müssen.

Ein Soldat schrieb aus Kentucky: »Ich glaube, daß ich mich in Paducah verliebt habe, als ich dort war und ich glaube, ich laß mich dort nieder, wenn der Krieg vorüber ist. Ich habe nie so viele hübsche Frauen in meinem Leben gesehen.« Aus nicht wenigen solcher Bekanntschaften wurden Ehen, die den ganzen Krieg über hielten und auch den Frieden überstanden. Die Rebs hatten viel weniger Gelegenheit, etwas Neues kennenzulernen. Nur einmal, vor der Schlacht von Gettysburg 1863, stieß eine konföderierte Armee ziemlich weit in Unions-Gebiet vor, obwohl auch 1863 und 1864 größere Streifzüge von Kavallerie- und Infanterieeinheiten nach Ohio, Indiana und Pennsylvanien stattfanden. Staaten, die beide Seiten für sich beanspruchten, wie etwa Maryland, Kentucky und Missouri, mußten ein paar größere Feldzüge über sich ergehen lassen. Freilich kannten viele Rebellen diese Gebiete recht gut, zumal es ihre Heimat war.

 

 


Soldat, Co. E. 23rd Virginia Infantry, CSA


In vier Jahren harter Kämpfe wurde die 23.Virginia-Infanterie zu Schlacke gebrannt, so daß am Ende nur noch eine Handvoll verwendungsfähiger Männer in ihren Reihen stand. Bei seiner ersten Musterung zählte das Regiment an die 800 Mann. Als es sich bei Appomattox der Armee von Nordvirginia ergab, bestand es noch aus 57 Offizieren und Mannschaften.
Die Einheit hatte in den Schlachten im Shenandoah, bei den »Seven Days«, bei Cedar Mountain, in der zweiten Schlacht von Manassas, bei Chancellorville, Gettysburg, Cedar Creek und anderen Orten einen hohen Blutzoll ent-richtet. Das war für Einheiten, die 1861 aufgestellt wurden, keinesfalls außergewöhnlich.
Die 23.Virginia-Infanterie setzte sich hauptsächlich aus Kompanien zusammen, die sich an einzelnen Orten gebildet hatten; wie etwa die »Brooklyn Grays« oder »Louisa Grays«. Die Soldaten trugen graue Jacken und Hosen mit blauen oder schwarzen Säumen und auffälligen Kragenspiegeln. Ihr Koppelzeug und ihre Ausrüstung war ursprünglich weiß, aber im Dienst verschmutzte sie schnell. Einige trugen die Buchstaben »B.G.« für »Brooklyn Grays« auf ihren Käppis.


Im Feindesland verboten die Generäle der Konföderierten in der Regel Überfälle und Plünderungen, aber meist ohne Erfolg. »Ich hatte Mitleid mit den Farmern«, schrieb Robert Stiles, »einige versteckten sogar ihre Pferde in den Wohnhäusern oder besser gesagt, sie versuchten, sie zu verstecken, denn wir wurden zu wahren Spürhunden, wenn es um Pferde ging«. Ein paar Konföderierte behaupteten, daß die Farmer von Maryland und Pennsylvanien recht freigebig zu ihnen gewesen seien. »Viele baten uns, vom Geflügel, der Milch, dem Gemüse und dem Obst, Honig, Brot und was immer wir zum Essen wollten, selbst zu nehmen«, erinnerte sich John Caldwell. Manchmal bezahlten sie ihr Essen mit erbeuteten US-Geldscheinen und häufiger noch mit Besatzungsgeld (Anleihen), die natürlich in der Union wertlos waren. Aber meistens nahmen sie einfach, was sie brauchten.
Auch wenn sie ihren unfreiwilligen Wirten nicht gleich die Pistole auf die Brust setzten, halfen sie deren Freigebigkeit meist etwas nach. »Von Soldaten, die so hungrig wie die Konföderierten waren, konnte nicht erwartet werden, daß sie es ausschlugen, wenn ihnen Essen angeboten wurde«, schrieb ein Witzbold von einer Texas-Brigade, »selbst wenn sie annehmen mußten, daß solche Angebote durch unbegründete Furcht vor Mißhandlung gemacht wurden«.

Das Ergebnis dieser pädagogischen Bemühungen konnte sich sehen lassen. Als ein Texaner am Vorabend der Schlacht von Gettysburg in ein Lager bei Chambersburg kam, staunte er nicht schlecht: »Jeder Quadratmeter, der nicht von schlafenden oder stehenden Soldaten besetzt war, war bedeckt mit einer Menü-Auswahl für die Hungrigen. Hühner, Truthähne, Enten und Gänse gackerten, quakten, kollerten und zischten in harmonischer Eintracht, als geschickte und energische Hände sie ergriffen, um sie zu schlachten, kaum abwarteten, bis sie tot waren und sie zu rupfen begannen, daß die Federn in alle Himmelsrichtungen flogen; und überall verstreut in verwirrendem Durcheinander und verschwenderischer Fülle lagen Brotlaibe und Stücke von Corned Beef, Schinken und Speckscheiben, Käse, Töpfe mit Apfelbutter, Gelee, Marmelade, Pickles und Eingemachtes, Töpfe mit gelber Butter, bauchige Korbflaschen mit Buttermilch und anderes Eßbares, zu vielfältig, um aufgeführt werden zu können«. Die Männer schliefen mit Brotlaiben als Kopfkissen und umarmten Schinken, als wären es ihre Frauen.

 



Links:
Kein Soldat, der in seine Nähe kam, versäumte es, den berühmten Aussichtspunkt auf dem Lookout Mountain in Tennessee zu besuchen.
Viele ließen sich vor dem grandiosen Landschaftsszenario ablichten, so auch dieser Fahnenträger.

 

 

 

 

Rechts:
Kamerad Tod marschierte immer mit. Gräber säumten allenthalben die Wege und Straßen zu den Kampfgebieten.  Auch dieses liebevoll gestaltete Grab am Straßenrand gab Zeugnis vom Leben und Sterben eines Soldaten, der nicht mehr nach Hause zurückkehrte.

 

 

 

 

 

 

 

Der konföderierte Soldat hat während des Krieges nie besser gespeist als in den wenigen Tagen des Pennsylvanien-Feldzugs und er genoß den Anblick der runden und rotwangigen Bauernmädchen am Weg.
Er wußte viel schmeichelhafteres über sie zu sagen, als seine Yankee-Pendants über die Mädchen der Südstaaten.
Aber neben diesen Unterschieden sahen die Männer in Blau und Grau die meiste Zeit dasselbe, hörten die gleichen Geräusche, rochen dieselben Düfte während sie durch die Landschaft in den Krieg zogen.

Der Boden des von Schlachten gezeichneten Kontinents war für Yank und Reb gleich hart zum Schlafen und alle sahen die Not und das Leid, das der Krieg über das Land brachte, während sie in Schritt und Tritt ihres Weges zogen.


 

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