General Robert E. Lee
Nach dem Fall von Fort
Sumter erließ Präsident Lincoln am 15. April 1861 einen
Truppenaufruf für 75´000 Mann. Dies war nicht nur eine Verteidigungsmaßnahme,
sondern auch ein Test, um festzustellen, welche Staaten im Grenzbereich
zum Süden noch treu zur Fahne der Union standen.
Die Südstaaten riefen 100´000 Mann zu den Waffen, was aber zunächst
einmal nur Papier blieb. Der Riß, der durch
das Land ging, trennte auch die kleine reguläre
Armee, in erster Linie das Offizierskorps. Gleichwohl besaß der Norden
die wichtigsten Basen, während der Süden vor einem totalen Neuaufbau
stand. Dabei bildete das Milizsystem der Einzelstaaten die Grundlage.
Illoyalität war nicht zu befürchten, da die Bürger des Südens in ihrem
politischen Empfinden der Union stets fern gestanden und sich immer
in erster Linie an ihren Heimatstaat gebunden gefühlt hatten.Die allgemeine
Wehrpflicht, im Frühjahr 1862 eingeführt - in der Bevölkerung wenig
populär -, und der Verlauf des Krieges führten zu einem Zusammenrücken
der unterschiedlichen Staatstruppen.
Tatkräftige Männer mit politischem oder wirtschaftlichem Einfluß
organisierten auf beiden Seiten, teilweise auf eigene Kosten, Truppenteile.
Schon bald aber schälten sich die zahlenmäßigen Unterschiede immer deutlicher
heraus: Die Südarmee war den Unionstruppen stets in einem Verhältnis
von 1 zu 3 unterlegen.
Zwischen 1861 und 1865 dienten nach Angaben von E. B. Long insgesamt
ungefähr 750´000 Mann in der Konföderierten Armee, aber knapp 2 Millionen
in den Unionsstreitkräften (4-5 % der Konföderierten Soldaten waren
fremdgeboren, überwiegend Iren und Deutsche). Diese zahlenmäßige
Differenz bedeutete zunächst wenig.
In den ersten Schlachten kämpften die Südstaatler mit ungleich größerer
Entschlossenheit und wirkungsvollerem soldatischem Einsatz. Der preußische
Kriegsbeobachter Major Justus Scheibert schrieb:
"Die
Energie des Wiederstandes der Conföderierten, der sich in Richmond
repräsentierte, imponierte mir fast ebenso sehr als später
die großen Anstrengungen der Armee, das Feld gegen einen übermächtigen
Gegner zu behaupten."
Die
offizielle Geschichtsschreibung hat sich unverständlicherweise fast
ausschließlich mit dem am Ende siegreichen Norden beschäftigt und
damit einer sehr einseitigen militärhistorischen Sicht Vorschub geleistet.
Als Erklärung mag gelten,
daß die Unionsarmee für den in die Zukunft blickenden Militärhistoriker
interessanter war, weil sie mit einiger Berechtigung als wegweisend
für die Entwicklung im Militärwesen allgemein angesehen werden kann.
Unbestritten wurden im Norden charakteristische Erscheinungen der
Kriege des 20. Jahrhunderts vorweggenommen. Gerade deshalb aber verdient
die Armee der Südstaaten Interesse. Denn der zu dieser Zeit ungemein
„modernen" Armee des Nordens stellte der Süden eine Streitmacht
gegenüber, die nach wie vor dem traditionellen Militärverständnis
des 19. Jahrhunderts entsprach - von einigen Eigenheiten der speziellen
amerikanischen Situation abgesehen.
"Es
war ein Faktum, daß der Bürgerkrieg ein moderner Krieg
und ein allumfassender Krieg war, wie diese Generation ihn verstand,
in dem alles, was eine Nation hat und tut in die Waagschale geworfen
werden muß,
mit Soll und Haben. Militärische Macht in einem solchen Krieg
ist im Endeffekt gestützt, wird bedingt und begrenzt durch die
physischen Möglichkeiten und durch die Vitalität der ökonomischen
Basis.
Nur Mut und Hingebung kann nie genug sein, um zu siegen, wenn der
Krieg sich erst einmal in ein bestimmtes Stadium entwickelt hat. Für
so einen Krieg war der Norden vorbereitet, der Süden nicht. Vorbereitet
nicht in dem Sinn, daß er für den Krieg als solchen bereit
war - keine Seite war überhaupt darauf vorbereitet -, aber was
die zur Verfügung wehenden Ressourcen anging. Der Norden konnte
einen modernen Krieg gewinnen,
der Süden nicht.Sich festklammernd an einer Gesellschaftsform,
die auf einer so vollständig archaischen Institution wie der
Sklaverei basierte, hatte der Süden für eine ganze Generation
den mutigen Versuch unternommen, die industrielle Revolution zu verdrängen,
und dieser Versuch war letztendlich in einen Krieg eingemündet,
in dem die industrielle Revolution der entscheidende Faktor wurde."
Bruce Catton, PICTURE HISTORY OF THE CIVIL WAR, 1960

General Ambrose Powell HILL
Der
Südstaatensoldat verkörperte im altertümlichen Sinn den „Krieger",
ein soldatisches Individuum - soweit es das überhaupt geben kann. In
den Nordstaaten dagegen entwickelte sich das kollektivistische Soldatentum
des beginnenden Industriezeitalters, in dem der Einzelne mit seinem
Mut, seiner Furcht, seinen Emotionen in einer Massenorganisation unterging.
Von diesem Soldatenbild bis zum heutigen militärischen Techniker
ist es nur ein kurzer Schritt.
Um so erstaunlicher war, daß die
Südstaatenarmee jahrelang mit beträchtlichem Erfolg einem Gegner
widerstand, der zahlenmäßig, waffentechnisch, industriell und
materiell in jeder Hinsicht so enorm überlegen war, daß er
für
einen Blitzsieg wie geschaffen schien.
Am
Anfang des Bürgerkrieges standen militärische Fehleinschätzungen auch bei den
unbeteiligten Mächten: In Europa mit seiner alten Militärtradition wurde der
sich anbahnende Konflikt in der Neuen Welt zunächst eher spöttisch beurteilt.
General von Moltke bemerkte, er sehe keinen Sinn darin, sich näher mit den
Scharmützeln eines bewaffneten Mobs zu beschäftigen. Im Laufe des Krieges
waren aber gerade Beobachter deutscher Militärakademien in Amerika
anzutreffen.
Dennoch
stimmte der erste Eindruck: Schlecht vorbereitet traten die gegnerischen
Parteien an. Vor allem
im Mannschaftsbereich fehlten häufig die primitivsten militärischen
Kenntnisse. Größtes Problem der Truppenführer war, daß die
Milizen im Frieden niemals in größerer Formation als in Kompaniestärke
aufgetreten waren. Bereits bei der Zusammenfassung zu Regimentern hatten
diese Einheiten die größten Schwierigkeiten, sich einzufügen. Bei den
Offizieren war die Beurteilung grundsätzlich anders, aber auch für sie waren
die Truppenmassen, die sich im Amerikanischen Bürgerkrieg gegenübertraten,
eine völlig neue Erfahrung.
Selbst die erfahrensten amerikanischen Offiziere
hatten selten Truppenkörper von 10´000 Mann Stärke und mehr auch nur gesehen,
geschweige denn kommandiert.
Gewaltige
Militärmassen,
wie das 19. Jahrhundert sie nie vorher auf Schlachtfeldern gesehen hatte,
traten im Verlauf des Krieges auf, geführt von Offizieren, die in ihrer
Mehrheit - jedenfalls im Norden - allenfalls durchschnittliche Qualitäten
aufwiesen und ihre begrenzten strategischen Fähigkeiten mit dem Einsatz von
scheinbar unerschöpflicher Verstärkung und immer neuer Verstärkung, von
Materialeinsatz und immer weiterem Materialeinsatz wettmachten.
Fest steht - dies gilt für beide Seiten -, daß die
erste Schlacht am Bull Run (21. Juni 1861) militärisch ein Fiasko war: Für
den Norden, der blamabel verlor, und für den Süden, der nicht in der Lage
war, seinen Sieg auszunutzen.
Gleichwohl war diese erste Schlacht entscheidend: Den Nordstaaten wurde
schlagartig klar, daß sie ihren Gegner ernst zu
nehmen hatten. Die Südstaaten gaben sich leichtsinniger Siegesgewißheit auch
für die Zukunft hin.
Die Offiziere hatten mit erschreckender Deutlichkeit erfahren, welche Mängel
ihre unausgebildeten Truppen hatten, die im Kampf kaum zusammengehalten und
zu geschlossenem Vorgehen veranlaßt werden konnten,
die zu einem geordneten Rückzug überhaupt nicht in der Lage waren und die nur
mit größter Mühe in Formation bewegt werden konnten. Insofern brachte der
erste Zusammenstoß wichtige Erkenntnisse für die künftige Ausbildung und
Organisation. Es traten auch bereits Offiziere auf, die auf Anhieb mit der
neuen Situation fertig wurden und im Verlauf des Krieges an Bedeutung
gewannen, wie der legendäre „Stonewall" Jackson.
Bei
der Formung der Armeen bildete sich im Süden nicht nur ein individuelles Verantwortungsbewußtsein des
einzelnen Soldaten heraus - bis in die untersten Mannschaftsdienstgrade
-, sondern auch ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Soldaten und
Offizieren, was in den Nordstaaten nur selten anzutreffen war.
Gestützt auf dieses Vertrauen, entwickelten die konföderierten Offiziere eine
erstaunliche Feldherrnkunst, die bis zuletzt die Schlachten des
Amerikanischen Bürgerkrieges prägte.
"Hatte
die Union in vornehmer Geringschätzung ihres Gegners zu Anfang
des Krieges nur einen Teil ihrer militärischen Streitkräfte
aufgeboten, so zersplitterte dieselbe, nachdem sie die Mißerfolge
dieses taktischen Fehlers eingesehen, späterhin ihre Kräfte
durch einen wenig durchdachten, weit angelegten, jeder Einheitlichkeit
entbehrenden Kriegsplan, indem sie zwecklos die Grenze an verschiedenen
Stellen überschritt und es zu keinem unternehmenden Schlage brachte.
Dagegen hatten die Konföderierten, von Anfang an im Besitz hervorragend
geschulter Feldherren und Offiziere, ihre militärischen Streitkräfte
weise konzentriert und ihre Truppen zweckmäßig verteilt.
Sie hatten auf diese Weise in den ersten Jahren des Krieges über
den mächtigen Gegner eine Reihe kühner und glänzender
Siege erfochten, welche ihnen in der alten wie in der neuen Welt die
beg rtste Anerkennung und lauteste Bewunderung namentlich der militärischen
Kreise eintrug."
Heros
von Borcke, EIN REIS VON ALTEM STAMM, 1895
Zur
Organisationsbasis der Konföderierten Armee ist ein Aspekt besonders
hervorzuheben, der in der Regel wenig beachtet wird:
Die Gründer der Konföderierten Staaten von Amerika sahen in ihrer
militärischen Planung zwei separate Armeeteile vor.
Beabsichtigt war die Schaffung einer „Friedensarmee", die als
stehendes Heer, gebildet aus Berufssoldaten, geplant war.
Diese sollte die Bezeichnung „Armee der Konföderierten Staaten (C. S.
A.) erhalten. Zusätzlich sollte eine Freiwilligen-Truppe organisiert werden,
die den Namen „Provisorische Armee der Konföderierten Staaten" (P.
A. C. S.) tragen sollte. Letztere bildete die „Kriegsarmee".

General Joseph E. Johnston
Es
ist ein weitverbreiteter Irrtum, wenn im historischen Schrifttum
die Konföderierte Armee als „C. S. A." abgekürzt erscheint
- auch wenn entsprechende Stempelungen und Prägungen von Uniformteilen,
Gürtelschnallen, etc. dies zu belegen scheinen. Diese Initialen stehen
für „Confederates States
of America", nicht für „Confederates
States Army".
Militärhistorisch korrekt für die Beschreibung der Konföderierten
Armee ist die Abkürzung P. A. C. S.
Eine reguläre Konföderierte Armee (C. S. A.) hat es nur in der Planung
gegeben. Lediglich 6 aller konföderierten Generäle, die im Planungsstadium
als Generäle der regulären Armee vorgesehen waren, wurden vor
Organisierung der Provisorischen Konföderierten Armee ernannt und
vom konföderierten Senat bestätigt. Es waren dies die Generäle:
Samuel Cooper, A. S. Johnston, Robert E. Lee, Joseph E.
Johnston, P. G. T. Beauregard, und Braxton
Bragg.
Wenn in der Literatur hinter ihrem Rang die Abkürzung „C.
S. A." genannt wird, ist dies korrekt, aber nur bei
ihnen.
Die
anderen höchsten Generalsränge, die E. K. Smith
oder J. B. Hood, erreichten, wurden für die
Provisorische Armee verliehen.
Generell blieben Ernennungen für die reguläre Armee theoretischer Natur,
da während des Krieges keine „regulären" Regimenter in Dienst
genommen wurden -
dies war für die Zeit nach dem Krieg vorgesehen, gelangte aber nie zur
Ausführung.
Der Sold des konföderierten Soldaten war niedrig. Ein Gemeiner der Infanterie
oder Artillerie erhielt monatlich $ 11 , der
Kavallerie $ 12.
Ein Sergeant Major kam auf $ 21,
ein First Sergeant auf $
20, ein Corporal auf $
13. Die Dienstränge der Ingenieurtruppen wurden etwas höher besoldet.
Am 9. Juni 1864 genehmigte Präsident Davis eine generelle Erhöhung des
Soldes um $ 7 für jeden Mann.
Zu diesem Zeitpunkt aber hatte die Inflation in den Südstaaten schwindelnde
Höhen erreicht, und das konföderierte Geld hatte kaum noch den Wert
des Papiers, auf dem es gedruckt war. Aber selbst dieses Geld war inzwischen
selten: Manche Truppenteile erhielten in den letzten zwei Kriegsjahren
monatelang überhaupt keine Zahlung mehr.
Die
Offiziere
„Es
ist ein allgemeines Mißverständnis, daß der Krieg
größtenteils von bewaffneten Mobs ausgefochten wurde, und
von Advokaten, Politikern und Händlern, die zu Offizieren gemacht
worden waren, obwohl ihnen die elementarsten militärischen Kenntnisse
fehlten. Die Tatsachen widersprechen einer solchen Theorie. Der größte
Teil der Offiziere in den höheren Rängen war professionell."
Ezra J. Warner,
GENERALS IN GRAY, 1959
Im
Offizierskorps, das zu Beginn des Krieges die blaue Uniform der US-Armee
trug, zeigte sich die Spaltung des Landes, die bis tief durch viele
Familien ging, besonders deutlich. (Zahlreiche bekannte konföderierte
Offiziere hatten Verwandte im Offiziersrang in blauer Uniform, und
US-Offiziere standen Brüdern, Schwagern und anderen Angehörigen in Grau auf dem Schlachtfeld
gegenüber.)
Zugleich gilt es auch hier, eine Legende zu beseitigen, die da besagt,
daß die überwiegende Zahl der Offiziere der Vorkriegs-US-Armee in den Süden ging.
Eine Statistik vom 30. Juni 1860 wies insgesamt 1098 Offiziere der
US-Armee aus, vom 2nd Lieutenant an aufwärts.
Werden die Offiziere des medizinischen Bereichs ausgeklammert, ergibt
sich, daß von dem vorhandenen Offizierskorps 555 aus „freien
Staaten", 395 aus sklavenhaltenden
Staaten kamen.
Beurteilt man das Zahlenverhältnis nach Waffengattungen, zeigt sich,
daß die Südstaaten lediglich im Bereich der Kavallerieoffiziere
ein Übergewicht besaßen,
nämlich 104 Reiteroffiziere aus dem Süden gegenüber 72 aus dem Norden.
Bei Artillerie und Infanterie stammte die weitaus überwiegende Zahl
der Offiziere
aus den Nordstaaten. 286 Offiziere reichten den Abschied ein und stellten
sich der neugebildeten Südstaatenkonföderation
zur Verfügung.

General P. G. T. Beauregard
In
der Tat waren unter diesen viele der besten Absolventen der Militärakademie
West Point (187). Zwei waren sogar zeitweise Direktoren der Akademie
gewesen: Robert E. Lee und
P. G. T. Beauregard - letzterer allerdings nur für
wenige Tage.
Lee hatte inzwischen das Angebot Präsident Abraham Lincolns,
Oberkommandierender der Nordarmee zu werden - auf Empfehlung des greisen
höchsten Offiziers der US-Armee, General Winfield Scott.
Lee schien den Gedanken zunächst für nicht unmöglich zu halten. Erst
als sein Heimatstaat Virginia aus der Union ausschied, schlug Lee das Angebot
Lincolns aus und entschied sich für den Süden.
(Andere Offiziere, die in den Südstaaten geboren worden waren, blieben zunächst
durchaus loyal. Der spätere konföderierte General Edmund Kirby Smith verweigerte in Texas die Übergabe des Forts
Colorado an die Texas-Miliz, folgte aber schließlich ebenfalls seinem
Heimatstaat Florida, als dieser sich der Konföderation anschloß.)
Man muß sich vor Augen halten, daß für diese Männer
an dem Tag, da sie sich entscheiden mußten,
ob sie sich mehr den Vereinigten Staaten zugehörig fühlen oder sich dem Staat
ihrer Geburt anschließen sollten, eine Lebensperspektive zerbrach:
Sie waren Berufsoffiziere, hatten West Point besucht und waren in die
US-Armee eingetreten, um in der blauen Uniform, im Dienst der Vereinigten
Staaten Karriere zu machen. Die Wahl, vor die sie sich gestellt sahen, war
schwierig und wurde keineswegs leichten Herzens getroffen. Dies galt für die
älteren Offiziere besonders, die bereits wichtige Positionen in der US-Armee
innehatten - P. G. T. Beauregard etwa verzichtete
schließlich auf den Posten des Superintendenten von West Point, Joseph E.
Johnston war General-Quartiermeister der US-Armee -, dies betraf aber auch
viele jüngere, für die die Konföderation ein ungewisses Abenteuer darstellte.
Es galt zwischen rationalen und ideellen Gründen abzuwägen.

Wie sich eine solche Entscheidung und ein solcher Übertritt vollzog,
hat der spätere konföderierte
Generalleutnant James Longstreet in seinem Buch „FROM
MANASSAS TO APPOMATTOX" 1896 beschrieben:
„Ich war in Albuqerque,
New Mexico, als Zahlmeister der US-Armee stationiert, als die Wolken
des Krieges im Osten aufzogen. Offiziere aus den nördlichen und
südlichen Staaten hofften, daß der Sturm vorbeiziehen oder
sich legen würde, und bei vielen Gelegenheiten wurde uns von
jenen, die behaupteten, in die Zukunft sehen zu können, versichert,
daß die Staatsmänner die Situation meistern und das Vertrauen
des Volkes wiederherstellen würden ...
Die Situation verdüsterte sich zunehmend, und zuletzt erreichte
uns die Nachricht vom Angriff auf Fort Sumter durch konföderierte
Truppen. Das beendete die Spekulationen und zog die lange befürchtete
Trennungslinie.
Eine Anzahl von Offizieren kam, um mich zu überreden, im Dienst
der Union zu bleiben. Captain Gibbs von den Mounted Rifles war der
Hauptredner, und nach einer langen aber freundlichen Diskussion fragte
ich ihn, wie er sich verhalten würde, wenn sein Staat sich der
Sezession anschließen und ihn zur Verteidigung rufen würde.
Er gab zu, daß er diesem Ruf ebenfalls folgen würde.
Es war ein trauriger Tag, als wir von unseren langjährigen Kameraden
Abschied nahmen und nach 20 Jahren unseren Dienst aufgaben. Weder
die Unionsoffiziere noch ihre Familien gaben sich Mühe, ihre
Gefühle und ihr tiefes Bedauern zu verbergen. Als wir aus dem
Fort ritten, gaben uns mehrere Offiziere das Geleit, was den letzten
Abschied nur noch schwerer machte.
Als wir Fort Craig passierten,
schlugen wir unser Camp für die Nacht auf der anderen Seite des
Rio Grande auf. Ein Sergeant der Mounted Rifles kam herüber,
um mir zu sagen, daß er aus Virginia sei und hoffe, mit uns
in seinen Heimatstaat ziehen zu können. Gleichzeitig erbat er
die Erlaubnis für mehrere andere Soldaten, die in ihre Staaten
zurückzukehren wünschten, als meine Eskorte mitgehen zu
dürfen.
Ich erklärte ihm, daß Mannschaftsdienstgrade nicht ohne
Erlaubnis des Kriegsministeriums gehen dürften, im Unterschied
zu den Offizieren, die ihren Abschied nehmen konnten und von militärischer
Autorität befreit waren, wenn dieser Abschied akzeptiert wurde.
Er und seine Kameraden aber hatten sich für einen bestimmten
Zeitraum verpflichtet und waren durch ihren Eid für diese Zeit
gebunden ...
Wir überquerten die Grenze von Texas. Entgegen düsteren
Vorhersagen alter Freunde hatten wir in El Paso den Eindruck, in eine
andere Welt zu kommen. Überall war Begeisterung und Erregung,
und Lieder über „Dixie" und den Süden erfüllten
die Luft ... Auf jeder Bahnstation versammelten sich alte Männer,
Frauen und Kinder, klatschten Beifall und winkten mit Taschentüchern,
um die Passagiere nach Richmond zu grüßen. Beim Überqueren
der Virginia-Grenze schienen die Gefühle geradezu überzuschäumen.
Die Fenster und Türen jedes Farmhauses und jedes Dorfes waren
besetzt, und die Menschen riefen herzliche Grüße, um uns
auf unserem Weg nach Richmond zu ermutigen.Am 29. Juni 1861 meldete
ich mich im Kriegsministerium von Richmond ...
Am 1. Juli erhielt ich meine Ernennung zum Brigadegeneral mit dem
Befehl, mich in Manassas Junction bei General Beauregard zu melden
. . . "
Es
war keineswegs so, daß alle Offiziere, die in den Südstaaten geboren worden
waren, sich nach Trennung des Landes dem Süden anschlossen.
Tatsächlich blieben sogar sehr viele geborene Südstaatler nach Beginn
des Krieges als Offiziere in der US-Armee.
Einige der bekanntesten waren Lieutenant
General Winfield Scott, Admiral David Farragut,
Major General George H. Thomas (der „Fels von Chickamauga")
und Major General John Gibbon, der zwei Brüder als Offiziere in der
Konföderierten Armee hatte.
Dafür gingen aber auch einige Offiziere aus den Nordstaaten in den
Süden, um gegen die Union zu kämpfen.
Diese Männer bildeten den Grundstock, wobei die schnelle Heranbildung
eines schlagkräftigen Offizierskorps im Süden zweifellos durch das
herrschende Gesellschaftssystem begünstigt wurde. Die Plantagenbesitzer,
die großen Pflanzer und auch ihre Verwalter waren für Offiziersstellen,
zur Führung von Menschen und zur Organisation besonders befähigt.
Es ist nicht übertrieben zu behaupten, daß
sie ihren Mannschaften näher waren als die Unions-Offiziere,
die sich häufig mehr darauf konzentrierten, in der heimatlichen Presse
als Kriegsheld zu erscheinen und eine mögliche politische Karriere
nach dem Krieg vorzubereiten,
als ihre Kräfte für die Führung der ihnen anvertrauten Truppen einzusetzen.
Das Vertrauensverhältnis zwischen Mannschaften und Offizieren war
im Süden festgefügt und hielt bis zum Schluß unerschütterlich stand.
Die meisten der Soldaten kannten ihre Führer aus dem heimatlichen
Bezirk, hatten vor dem Krieg vielleicht sogar für sie gearbeitet.

Konföderierter
Infanterist
Obwohl ihre Führung
nie in Zweifel gezogen wurde, gab es keinen künstlichen autoritären
Abstand. Ohne zu murren, teilten konföderierte Offiziere das
oft erbärmliche Leben ihrer schlecht ausgerüsteten und schlecht
versorgten Truppen und verlangten keinen Einsatz, ohne sich nicht
selbst einzusetzen. Opferbereitschaft wurde nicht nur erwartet, sondern
vorgeführt: Von insgesamt 425 konföderierten Generalen fielen
über
25 % dem Krieg zum Opfer: 126. In den niedrigeren Rängen waren
die Verluste noch größer.
Einige der bekanntesten Opfer unter den Offizieren waren Generalleutnant
„Stonewall” Jackson, Generalleutnant A. P.
Hill, General Albert S. Johnston, Generalleutnant Leonidas
Polk und Generalmajor J. E. B. Stuart.
Die Offiziere des Südens waren in ihrer überwiegenden Mehrheit
militärisch geschult. Von den 425 Südstaaten-Generälen
hatten 146 eine abgeschlossene West-Point-Ausbildung vorzuweisen.
Mindestens 10 weitere waren als Kadett in West Point gewesen. 19 hatten
schon als Offiziere in der Vorkriegsarmee der USA gedient, 51 waren
Veteranen aus dem Krieg gegen Mexiko.
Mehr als 20 Generäle hatten ihre Ausbildung in anderen Militärakademien
absolviert, wie dem Virginia Military Institute oder der South Carolina
Military Academy.
Einige andere hatten militärische Erfahrungen in den Indianerkriegen
oder dem texanischen Unabhängigkeitskrieg gesammelt. Auch Absolventen
europäischer Militärschulen waren unter ihnen zu finden.
Eine Untersuchung des Historikers Ezra J. Warner weist aus, daß
fast 2/3 aller konföderierten Generäle solide militärische
Fachleute waren. Aber auch andere, die als ihren Beruf Rechtsanwälte,
Politiker, Geschäftsleute oder Farmer angaben, waren nicht einfach
als Zivilisten anzusehen,
denen kurzerhand militärische Ränge verliehen worden waren:
Fast alle hatten irgendwann einmal eine militärische Ausbildung
genossen oder in den Milizen ihrer Heimatstaaten militärische
Erfahrung gesammelt.
Am Offizierskorps
der Südstaaten dokumentierte sich besonders - wie ein Historiker
schrieb -, daß es „ein Krieg der jungen Männer"
war.
Viele der im Norden ausgebildeten Offiziere, die 1861 die graue Uniform
anzogen, waren noch sehr jung und wurden rasch mit hohen Kommandostellen
betraut.
So erreichte John B. Hood bereits mit 33 Jahren den höchsten
Generalsrang - er war als Oberleutnant der US-Kavallerie, 29 Jahre
alt, in den Süden gegangen.
Der Reiterführer J. E. B. Stuart wurde mit 28 Jahren Brigadegeneral
und mit 29 Generalmajor; er war 31 Jahre alt, als er fiel.
Mit Idealismus
und erstaunlicher Anpassungsbereitschaft an die neuen Gegebenheiten
der Kriegsführung, entwickelten sie über Jahre hinweg eine
strategische Überlegenheit, die ein frühzeitiges Scheitern
der Konföderation verhinderte: Als General Lee im Zusammenwirken
mit „Stonewall" Jackson mit nur etwa 60.000 Mann
die 134´000 Mann starke Unionsarmee unter General Hooker bei
Chancellorsville vernichtend schlug, war dies ein Meilenstein auf
dem Weg der Südstaatenarmee.
Sämtliche Hoffnungen der Bevölkerung des Südens konzentrierten
sich im letzten Kriegsjahr denn auch auf die Führung der Armee.
Nicht mehr die Hauptstadt Richmond, nicht mehr das Parlament und die
politische Führung unter Jefferson Davis waren am Ende das Herz
der Konföderation,
sondern die Hauptarmee der Südstaaten, die Armee von Nord-Virginia
unter General Robert E. Lee.
Auch für den Kommandeur der Unionsarmee, General U. S. Grant,
wurde die Einnahme der südlichen Hauptstadt zweitrangig:
Die konföderierte Regierung war längst geflüchtet,
als Lee noch immer seine täglich kleiner werdende, halb verhungerte
Armee gegen den Norden führte,
in der Hoffnung, bessere Kapitulationsbedingungen zu erkämpfen.
Die Unterwerfung dieser Armee war schließlich der eigentliche
Sieg des Nordens über den Süden
.