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• Dietmar KÜGLER - Die Deutschen in Amerika - 1983 •

 

Die Deutschen Gesellschaften in Amerika

 

 

»Wohl darf jetzt, da aller Blicke über das Sehfeld eines Jahrhunderts rückwärts schweifen, auch die Deutsche Gesellschaft auf das entrollte Blatt ihrer Geschichte hinweisen. Sie hat eine edle Aufgabe während eines langen Zeitraumes ehrenvoll erfüllt, und ihr zweites Jahrhundert nicht mit Anzeichen greisenhaften Verfalles,
sondern kräftiger und zur Arbeit gerüsteter als je, angetreten... Mit der Geschichte unserer Gesellschaft ist ein gutes Stück der Einwanderungsgeschichte,
namentlich der älteren, verwoben, und Tatsachen kommen zur Sprache, die ein Gefühl der Scham und des Unwissens hervorrufen müssen, dagegen auch dem Bewußtsein Halt geben, daß sich der Fortschritt des Jahrhunderts im Einwanderungswesen nicht minder offenbart als in allen anderen Erscheinungen des Kulturlebens.
Der »Deutschen-Handel«, wie Schlözer mit bitterem Anklang an Sklavenhandel das ehemalige Transport- und Verbindungssystem der Emigranten bezeichnete,
liegt weit hinter uns, wie so manche Unehre vergangener Zeiten.«         
Oswald Seidensticker, Geschichte der Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien, 1876.

Das Haus der Deutschen Gesellschaft in Philadelphia

Die erste »Deutsche Gesellschaft« in der Neuen Welt entstand im Jahre 1764 in Philadelphia. Anstoß für ihre Gründung waren die seit Jahrzehnten unverändert anhaltenden menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen Auswanderer aus der alten Heimat nach Amerika transportiert wurden.
Auf Seelenverkäufern zu Hunderten zusammengepfercht, allein gelassen in Schmutz und Krankheit, in Angst und Not, hungernd, frierend und leidend, starben viele bereits während der Überfahrt. Menschen, die zu lebender Ware, zu Handelsobjekten degradiert worden waren, rechtlos, gedemütigt, betrogen und ausgenutzt.
Denn diejenigen, die das verheißungsvolle Neuland erreichten, wurden in den meisten Fällen Opfer der »weißen Sklaverei«, dem sogenannten Redemptionisten-Unwesen, das die verarmten Auswanderer zwang, für denjenigen, der ihre Überfahrt bezahlt hatte, unter erniedrigenden Bedingungen, über jede angemessene Frist hinaus, viele Jahre, vergleichbar nur mit dem Status der absoluten Leibeigenschaft, zu arbeiten, ohne die erhoffte Freiheit zu bekommen.

 

 

Das Geschäft mit den Einwanderern unterlag fast keiner Beschränkung. Die Neuankömmlinge waren in den seltensten Fällen der Sprache ihrer neuen Heimat mächtig. Als verelendete Untertanen hatten sie Europa verlassen, als hilflose Beute von skrupellosen Profitjägern erreichten sie Amerika. Zwar war 1750 in Pennsylvania ein Gesetz zum Schutz von Einwanderern erlassen worden. Aber es konnte die bestehenden Mißstände nicht beheben, nicht einmal wirklich mildern. Zu diesem Zeitpunkt hatte besonders unter den im Lande ansässigen Deutschen die Empörung über die Behandlung ihrer Landsleute einen Höhepunkt erreicht.
Die deutschen Kirchengemeinden und wohlhabende Geschäftsleute deutscher Herkunft versuchten Jahr für Jahr, die Not der Neuankömmlinge zu lindern.
Aber diese Einzelhilfen erreichten nur einen Bruchteil der Bedürftigen.

Als im Herbst des Jahres 1764 nach schweren Stürmen über dem Atlantik wiederum mehrere Auswandererschiffe voll von Kranken und Sterbenden in Philadelphia anlegten, äußerte sich die Aufregung vieler Deutscher, die Zeuge dieses Elends wurden, öffentlich.
Am 19. November erschien in der deutschen Zeitung »Der Staatsbote« eine Meldung, in der der Zustand der soeben in Philadelphia eingetroffenen deutschen Auswanderer beschrieben wurde. Es war darin von »lebendigen Leichen« die Rede, »von welchen nichts als ihr Gewinsel und die tränenden Augen zu erkennen gaben, daß die Seelen noch in ihren verwesenden Leibern seien«.
Heinrich Miller, der Herausgeber des »Staatsboten«, fügte dieser Meldung einen Spendenaufruf an, der starke Beachtung fand. Geld, Kleidungsstücke, Möbel und Lebensmittel wurden binnen weniger Tage für die Unglücklichen gesammelt.

Mehrere führende Persönlichkeiten der deutschen Gemeinden in Pennsylvania trafen aufgrund dieser Sammlungsaktion mehrfach zusammen, um die Spenden ordnungsgemäß zu verwalten und gerecht zu verteilen. Ihr gemeinsamer Wille, die Not der neuen Einwanderer zu lindern, wurde die Basis für weitere Zusammenkünfte und den Entschluß, eine Vereinigung ins Leben zu rufen, um eine dauernde und planmäßige Hilfe für ihre Landsleute aus der alten Heimat zu gewährleisten.
Mit Zeitungsanzeigen und Flugblättern machten sie ihren Entschluß bekannt. Am 26. Dezember 1764 trat die konstituierende Versammlung der »Deutschen Gesellschaft von Philadelphia« im lutherischen Schulhaus der Stadt zusammen. An diesem Tage traten 65 Deutsche der Gesellschaft bei. Der Rechtsanwalt Ludwig Weiß wurde zum Justitiar gewählt und legte einen Satzungsentwurf vor, der einstimmig angenommen wurde. Es wurden die wohltätigen Ziele der Vereinigung hervorgehoben und ein Mitgliedsbeitrag von 20 Schillingen pro Jahr festgesetzt. Zum ersten Präsidenten wurde Johann Heinrich Keppele gewählt.

Keppele war am 1. August 1716 in Treschklingen (Baden) als Sohn des ritterschaftlichen Amtmannes Leonhard Keppele geboren worden. Im Jahre 1738 entschloß er sich zur Auswanderung nach Amerika, wobei er am eigenen Leibe erfuhr, in welcher Weise Auswandereragenten, Reedereien und Schiffskapitäne mit Emigranten umgingen. Auf dem Schiff, mit dem er in die Neue Welt fuhr, starben während der Überfahrt 250 Menschen. Keppele war einer der wenigen, die nicht verarmt, sondern mit einigen Ersparnissen in Amerika eintrafen. Er eröffnete in Philadelphia ein Importgeschäft, konnte bald ein eigenes Schiff erwerben und gehörte binnen weniger Jahre zu den angesehensten Bürgern Philadelphias. Dabei war er nicht nur als erfolgreicher und kluger Geschäftsmann, sondern auch für seine Menschenfreundlichkeit und seine stetige Hilfsbereitschaft für weniger begünstigte Landsleute bekannt.
Heinrich Keppele war eines der aktivsten Mitglieder der Michaelis-Kirche und gehörte ab 1743 zu den Kirchenältesten dieser Gemeinde. Im selben Jahr, als er Präsident der »Deutschen Gesellschaft« wurde, war er bereits in das Parlament von Pennsylvania gewählt worden.

Die Abbildung zeigt das Deutsche Hospital in Philadelphia.
Deutsche Krankenhäuser gab es in vielen amerikanischen Städten.

Mit Entschiedenheit ging die Gesellschaft daran, die Verabschiedung von Gesetzen und Verordnungen zu betreiben, die die Verbesserung der Bedingungen der Einwanderer, sowohl während der Überfahrt als auch nach der Ankunft in der Neuen Welt, zum Ziel hatten. Bereits am 11. Januar 1765 lagen die dringendsten Forderungen der »Deutschen Gesellschaft« dem Parlament von Pennsylvania zur Beratung vor.

Darin wurde gefordert, daß dem beamteten Inspektor für die Passagierschiffe ein deutscher Dolmetscher an die Seite gestellt werden sollte;
daß die Kapitäne verpflichtet werden sollten, den Passagieren Quittungen für das in Verwahrung genommene Eigentum auszustellen, damit die Einwanderer davor geschützt waren, die Passagekosten ein zweitesmal bezahlen zu müssen, nachdem sie bereits ihr Eigentum als Entgelt für die Überfahrt hergegeben hatten;
daß für ausreichende Lebensmittelversorgung und ärztliche Pflege auf den Schiffen Sorge zu tragen sei; daß bei der Vermietung von Passagieren, die ihre Passagekosten bei Kaufleuten in den Kolonien abarbeiten mußten, Familien nicht mehr getrennt werden und diese Einwanderer von ihren Dienstherren nicht wie Schlachtvieh in andere Provinzen verkauft werden durften. Nach langen Debatten und einigen Änderungen wurde das Gesetz zum Schutze der Einwanderer am 18. Mai 1765 angenommen.

Die »Deutsche Gesellschaft« hatte einen ersten bedeutsamen Erfolg erzielt. So war beispielsweise die Größe der Schlafplätze der Passagiere auf den Auswandererschiffen - bisweilen geringer als die Innenmaße eines Sarges - erweitert worden. Es war den Kapitänen ab sofort untersagt, zwei Passagieren, die jeder für sich das volle Passagegeld bezahlt hatten, nur eine Schlafstätte zuzuweisen. Regelmäßige Reinigungen der Transporträume während der Überfahrt wurden genauso zur Pflicht gemacht wie die Anstellung von Ärzten. Allein die nun beschlossenen Verbote, die vielen als geradezu revolutionäre Verbesserungen erschienen, warfen ein bezeichnendes Licht auf die Zustände, die in jener Zeit auf Auswanderschiffen herrschten.


»Da bereits aus verschiedenen letztern Stücken der deutschen Zeitungen erhellet, wie viele mitleidige Deutsche sich den erbärmlichen Zustand ihrer im letzten Jahre in großer Anzahl angekommener Landsleute zu Herzen gehen lassen und das solches eine »Deutsche Gesellschaft« veranlasset hat, die sich besonders der Not dieser Leute zu unterziehen gedenket und auf Mittel bedacht ist, wie denen, bisher von manchen, mit deutschen Leuten Handlung treibenden Kaufleuten und Schiffs-Capitäns an solchen Menschen verübten Gewalttätigkeiten und Unrechte gesetzmäßig abgeholfen werden könne:
So haben daher verschiedene deutsche Einwohner und Bürger dieser Stadt zu dem Zweck eine Bittschrift bey der jetzt allhier sitzenden achtbaren Landratsversammlung eingegeben, worin sie untertänigst vorstellen, wie höchst nötig es sey, diese Art von Handelschaft zum Besten der Provinz unter solche Einschränkungen und Ordnung zu bringen, vermöge welcher allen, bisher geübten Gewalttätigkeiten durch die gesetzgebende Gewalt kräftigst gesteuert werden möge. Sie stellen in neun Punkten die mancherlei Arten der Vervorteilungen, des Betrugs, der Unbilligkeit, Härte und schnöden Behandlungen vor, so diese armen, neu ankommenden Deutschen bisher erlidten und schlagen Mittel und Wege vor, wie allen den Arten der Ungerechtigkeit gesetzmäßig vorgebeuget und solche verbrechlich gemacht werden können.
Ihre übergebene Bittschrift ist dem Hause zweymal vorgelesen und beschlossen worden, daß den Bittenden verstattet werden sollte,
den ersten Aufsatz eines sich hierauf beziehenden Landesgesetzes zu machen.«                                                                               
  »Der Staatsbote«, Philadelphia, 25. Januar 1765

Der Bankier und Industrielle Gustav Schwab war einer der führenden Deutsch Amerikaner New Yorks.
Er wurde am 23. November 1822 in Stuttgart geboren, kam 1844 nach New York und wurde sofort Mitglied der Deutschen Gesellschaft der Stadt, der er später jahrelang als Direktor, Präsident und Schatzmeister vorstand.
Unter seiner Leitung entstand das deutsche Hospital von New York. Er starb im Jahre 1888.

Die Mitgliederzahl der »Deutschen Gesellschaft von Philadelphia« stieg bald auf 100. Ebenso erhöhten sich die finanziellen Möglichkeiten der Gesellschaft. Aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden sammelten sich Überschüsse. Zahllosen deutschen Neuankömmlingen konnte in vielfältiger Weise geholfen werden; neben Geldzuwendungen, wurden sie über ihre Rechte in Amerika beraten und bei Krankheit in Hospitäler vermittelt und versorgt.
Nach einigen Jahren erwarb die »Deutsche Gesellschaft« ein eigenes Grundstück und plante den Bau eines Vereinshauses. Der Unabhängigkeitskrieg unterbrach die Arbeit der Vereinigung für einige Jahre. Mehrere Mitglieder mußten aus der Stadt flüchten, als die britischen Truppen einrückten.
Das Eigentum vieler Deutscher wurde geplündert. Heinrich Millers Druckerei, in der der »Staatsbote« erschien, wurde verwüstet, ebenso zahlreiche andere Geschäfte von Deutschen, die den Briten als tatkräftige Unterstützer der Revolution bekannt waren. Auch das bereits vorhandene Baumaterial, das auf dem Gelände der »Deutschen Gesellschaft« lagerte,
wurde gestohlen. Ab 1781 verstärkten sich die Aktivitäten der Gesellschaft wieder.

Unter dem Vorsitz von Ludwig Weiß, dem vormaligen Justitiar,  einem gebürtigen Berliner, bemühte sie sich um Anerkennung als gemeinnützige Körperschaft. Zahlreiche Deutsch-Amerikaner, die während der Revolutionsjahre bekannt geworden waren, gehörten nun zu den führenden Männern der »Deutschen Gesellschaft«. Darunter die Brüder Mühlenberg und auch Christoph Ludwig, der Proviantmeister der Kontinentalarmee.
Am 20. September 1781 wurde der Gesellschaft die gewünschte Anerkennung vom Parlament zuteil.

»Der Freibrief wies der Gesellschaft, neben den alten Aufgaben, noch ein neues Feld der Wirksamkeit an, nämlich das der Erziehung. Als die Einwanderung während der Revolution aufhörte, suchte sich der Wohltätigkeitssinn der Gesellschaft ein neues Ziel und fand es in der Sorge für Erziehung deutscher Kinder, so wie in der Pflege geistiger Interessen überhaupt. Diesen Zweck hebt der Freibrief auf's bestimmteste hervor. >Die Einkünfte(, heißt es im 8. Abschnitte, )sollen verwendet werden zum Beistande armer notleidender deutscher Einwanderer, die über See hier anlangen, zur Einrichtung und Erhaltung von Schulen, einer oder mehrerer Bibliotheken in diesem Staate, zur besseren Erziehung und Unterweisung von Kindern und Jünglingen deutscher Geburt und Abstammung, zur Erbauung, Ausbesserung und zum Unterhalt von Schulanstalten und anderen zu obigen Zwecken nötigen Häusern, zur Besoldung von Schulmeistern und Lehrern.«
                                                                                                                                       Oswald Seidensticker, Geschichte der Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien, 1876


In den folgenden Jahren übernahmen nacheinander die Brüder Peter und Friedrich August Mühlenberg den Vorsitz. Unter ihrer Führung wurde zeitweise ein Preis für jene geschaffen, die sich um »Aufrechterhaltung und Ausbreitung der deutschen Sprache in Pennsylvania« besonders verdient machten.
Damit betrat die »Deutsche Gesellschaft« ein neues Betätigungsfeld, das über den Schutz der Neueinwanderer weit hinausging. Die »Deutschen Gesellschaften« in Pennsylvania und in anderen Bundesstaaten begannen sich nach dem Unabhängigkeitskrieg auch als Träger deutscher Kultur und deutscher Tradition zu profilieren.
Sie versuchten, eine Repräsentanz des Deutschtums in der Neuen Welt darzustellen.
Ihnen war daran gelegen, das deutsche Element in Amerika, das in den zurückliegenden Jahrzehnten und vor allem im Unabhängigkeitskrieg Beträchtliches geleistet hatte, als eigenständige Kraft zusammenzufassen und zu kanalisieren, um den Beitrag der Deutschen beim Aufbau des neuen Staates deutlich zu machen und gegen das Vormachtstreben anderer Volksgruppen zu behaupten. Obwohl diese Bestrebungen berechtigt waren und hoffnungsvoll begannen, war die »Deutsche Gesellschaft« nicht imstande, ihre Ziele zu realisieren. Das ehrgeizige Vorhaben scheiterte im wesentlichen am Desinteresse der deutschen Bevölkerung Pennsylvanias selbst.
Zwar war im Jahre 1806 die Einrichtung einer Bibliothek ins Auge gefaßt worden; zwar nahm die deutsche Einwanderung nach Pennsylvania zu, entstanden deutsche Vereine und wurden deutsche Zeitungen gegründet - aber die Mitgliedschaft der »Deutschen Gesellschaft« sank. Und obwohl zu diesem Zeitpunkt fast ein Drittel der Bürgerschaft von Philadelphia deutschstämmig war, ging die Pflege der deutschen Sprache so weit zurück, daß die Protokolle der Gesellschaft in Englisch verfaßt wurden. Die Einwandererbetreuung dagegen wurde mit unvermindertem Erfolg weitergeführt.

 

Der Juwelenhändler Philip Bissinger, 1827 in Flehingen/Baden geboren,

gehörte zu den führenden Deutsch-Amerikanern New Yorks. Sein Leben lang setzte er sich mit aller Kraft für die Belange von Neueinwanderern ein. Er gehörte zu den Gründern des deutschen Hospitals, der »Deutschen Sparbank« und der »Germania Lebensversicherung« in New York. Er war zeitweise Präsident der Deutschen Gesellschaft, richtete ein Arbeitsbeschaffungsbüro für Neubürger ein und amtierte als Einwanderungskommissar. Unermüdlich kämpfte er dafür, daß die kriminelle Übervorteilung der Einwanderer beendet wurde.
Ab 1818 richtete die Gesellschaft eine kostenlose medizinische Versorgung von Einwanderern durch deutsche Ärzte ein. 1843 konstituierte sich kurzfristig eine »Einwanderungs-Gesellschaft«, die ebenfalls aus Deutsch-Amerikanern bestand, Forderungen aufstellte, die die »Deutsche Gesellschaft« bislang vernachlässigt hatte und sich 1847 wieder auflöste, nachdem die »Deutsche Gesellschaft« eine »Einwanderer-Agentur« mit festangestelltem Personal eingerichtet hatte. Erst in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts wuchs die Attraktivität der kulturpolitischen Komponente der »Deutschen Gesellschaft« wieder.

Ein neuer Zustrom von Deutschen, vor allem auch von Männern und Frauen, die nach der Revolution von 1848 Europa verlassen mußten, sorgte für neue Impulse. Die Protokolle wurden wieder in deutscher Sprache geführt. Die Mitgliederzahl stieg. Entsprechend wuchsen auch die Einnahmen, so daß die Arbeitsmöglichkeiten der Gesellschaft vergrößert wurden. 1869 wurde ein ständiges Komitee eingesetzt, das sich ausschließlich um den Rechtsschutz für Einwanderer kümmerte. Im selben Jahr wurden Abendschulkurse eingerichtet, um deutsche Einwanderer mit der englischen Sprache und den amerikanischen Verhältnissen vertraut zu machen.

»Am 19. März 1873 wurde von der General-Versammlung der Deutschen Gesellschaft die vom Verwaltungsrat eingesetzte Einwanderungs-Commission bestätigt.
Unter dem Vorsitz des Vize-Präsidenten, Herrn Lorenz Herbert, und der tätigen Beihilfe des Agenten haben deren Mitglieder der Landung aller Dampfer der zwei neuen Dampferlinien, welche zwischen Liverpool und Antwerpen seit Beginn dieses Jahres in Gang gebracht wurden, beigewohnt und ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Behandlung der deutschen Einwanderer gerichtet, sowohl an Bord der Schiffe, wie am Landungsplatz und bei deren Weiterbeförderung und auch deren Aufenthalt in Antwerpen. Am Landungsplatz selbst waren sie bemüht, allen Rat und Beistandsbedürftigen sofortige Beihilfe zu leisten; auch war stets ein Arzt der Deutschen Gesellschaft zugegen, um sich der Kranken anzunehmen.«
                                                                                                                                                                     Oswald Seidensticker, Geschichte der Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien, 1876

Die Bemühungen der »Deutschen Gesellschaften« wurden allgemein anerkannt. Die Vorstände der Filialen deutscher Handelshäuser in Amerika waren meist Mitglieder in den Gesellschaften, so daß der Einfluß der Vereinigungen bis in die deutschen Hafenstädte reichte und den Deutschen, die ihre alte Heimat verlassen wollten, bereits vor der Einschiffung zugute kam. In Amerika gelang die Durchsetzung von Verordnungen, nach denen Neuankömmlinge zunächst isoliert wurden, um sie vor dem Zugriff betrügerischer Einwanderungsagenten zu schützen.
Trotz der umfangreichen Aktivitäten blieb das Wirken der »Deutschen Gesellschaften« zwangsläufig regional begrenzt. 1766 war in Charleston, South Carolina, die »Deutsche freundschaftliche Gesellschaft« entstanden, in der Michael Kalteisen, der im Unabhängigkeitskrieg Offizier wurde, eine führende Rolle spielte.
Beide Gesellschaften, in Charleston und in Philadelphia, hatten jedoch - schon aufgrund der großen Entfernungen - nur losen Kontakt untereinander.
Zu einer echten Zusammenarbeit kam es nicht.

Verstärkt wurden die Bestrebungen, die deutschen Organisationen zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen, nach Gründung der »Deutschen Gesellschaft von New York« am 23. August 1784. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte Colonel Heinrich Emanuel Lutterloh, Generalquartiermeister der Kontinentalarmee.
Zum ersten Präsidenten wurde Friedrich Wilhelm von Steuben gewählt, der bereits 1783 zum Ehrenmitglied der »Deutschen Gesellschaft von Philadelphia« ernannt worden war. Die New Yorker Gesellschaft nahm die Verpflichtung zu gemeinsamem Handeln für die »deutsche Nation in Amerika« in ihre Satzungen auf.
Aber in der Praxis scheint die tatsächliche Zusammenarbeit sich auf den Austausch von guten Wünschen und Gemeinsamkeitsappellen beschränkt zu haben. Gemeinsamkeit - ja oder nein? Diese Frage war im Grunde lange Zeit nur ein Randproblem. Die Gründung weiterer »Deutscher Gesellschaften« in den großen Hafenstädten der USA war zunächst wichtiger. Aus Deutschland strömten die Einwanderer nur so herbei, und die meisten bedurften der Hilfe und des Beistands.

In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts erreichten in einem einzigen Monat manchmal zwischen 12`000 und 15`000 Deutsche nur den Hafen von New York.
Selbst in New Orleans, einem weniger bevorzugten Ziel deutscher Neuankömmlinge, landeten beispielsweise in der Zeit zwischen dem Juni 1851 und dem Mai 1852 über 25`000 Deutsche. Die Betreuung all dieser Neubürger war eine drängende und manchmal kaum zu bewältigende Aufgabe, für die den »Deutschen Gesellschaften« ein relativ kleiner Büroapparat zur Verfügung stand. Wenige festangestellte Mitarbeiter und sehr viele ehrenamtliche Helfer leisteten häufig Übermenschliches, um, wie die »Deutsche Gesellschaft von St. Louis«, gegründet 1847, es den Einwanderern zurief, »euch vor Unbilden jeglicher Art zu schützen, euch vor Betrug zu wahren und zu warnen, kurz, euch nützlich zu sein, wo immer es möglich und nötig ist, ohne alle Vergütung oder Belohnung.«

In einem in New York verbreiteten Rundschreiben hieß es 1850:

»Die Deutsche Gesellschaft in New York ist ein Wohltätigkeitsverein, dessen Wirkungskreis sich anfänglich nur auf die Unterstützung hier ansässiger Deutscher, die durch Krankheit oder Unglück zurückgekommen, beschränkte, der aber, seit die Einwanderung so bedeutend zunahm, sich auch das Ziel vorsteckte, den Einwanderer möglichst gegen Betrügereien, denen er namentlich bei seiner Ankunft so sehr ausgesetzt ist, zu schützen und ihm durch guten Rat und Anweisung zu seinem Fortkommen behilflich zu sein. Keineswegs aber ist die Deutsche Gesellschaft im Stande, dem Einwanderer auch das zu seiner Reise ins Innere oder zu seinem ersten Unterhalte nötige Geld zu geben, da der Fond der Gesellschaft auch jetzt noch nur dem ersten Zweck, der Unterstützung hier ansässiger, notleidender Deutscher gewidmet werden kann und dazu nur in beschränktem Maße ausreicht.«

Diese Einschränkungen mußten auch bald von anderen »Deutschen Gesellschaften« veröffentlicht werden, da vielfach in Europa dem Auswanderungswilligen falsche Angaben über die Vermögensverhältnisse der »Deutschen Gesellschaften« gemacht wurden und er mit der Vorstellung in Amerika anlangte, von den Vereinigungen der Deutschen mit genügend Startkapital für den Neuanfang versehen zu werden.
Tatsächlich reichten die Geldmittel der Gesellschaften gerade für die kostenlose juristische Unterstützung von Neubürgern und die Versorgung von Kranken und Waisen. Die »Deutsche Gesellschaft von Baltimore« in Maryland, im Jahre 1817 entstanden, unterstützte beispielsweise im Jahre 1850 über 1600 erkrankte Landsleute. In einer offiziellen Mitteilung hieß es: »Die Zahl der von ihren fünf Apothekern angefertigten Rezepte belief sich auf beinahe 2000.«
In Cincinnati entstand - als »Allgemeiner-Einwanderungs-Verein« - 1854 eine »Deutsche Gesellschaft«, in Chicago erfolgte die Gründung 1855.
Weitere große Städte folgten.
Bereits 1837 hatte es in Pittsburg ein Treffen mehrerer deutscher Vereine gegeben. Die »Deutschen Gesellschaften« aber trafen sich erst im Oktober 1858 zum erstenmal in New York zu einer gemeinsamen Konferenz. Weitere Zusammenkünfte dieser Art fanden 1868 in Baltimore und 1870 in Minneapolis statt, bei denen auch Vertreter von Auswanderervereinen aus Europa anwesend waren.
Beharrlich wurde Einfluß auf Parlament und Regierung genommen, um die Schutzbestimmungen für Neubürger zu verbessern. Weitere Gesellschaften entstanden in Allentown (Pennsylvania), Milwaukee (Wisconsin), Boston (Massachusetts), Kansas City (Missouri), San Francisco (Kalifornien), Portland (Oregon) und Seattle (Washington).

Der Publizist Rudolf Cronau bezeichnete schon zur Jahrhundertwende die Gesellschaften als »Urheber der heutigen Einwanderungsgesetze«.
Tatsächlich hatte die unermüdliche Arbeit der »Deutschen Gesellschaften« ein stetiges Abnehmen der hemmungslosen Geschäftemacherei mit jenen Menschen,
die eine neue Heimat suchten, zur Folge.
Neben den »Deutschen Gesellschaften« wurden zahlreiche andere Schutzvereinigungen der Deutschen gegründet oder von den »Deutschen Gesellschaften« initiiert.
So half die New Yorker Gesellschaft 1861 bei der Einrichtung eines Deutschen Hospitals mit. 1875 wurde ein »Arbeitsnachweisbureau« eröffnet, das Neuankömmlingen unentgeltlich Arbeitsplätze vermittelte. Eine Bankabteilung war den Neubürgern, aber auch den bereits im Lande ansässigen Deutsch-Amerikanern,
bei allen Geldgeschäften und Erbschaftsangelegenheiten behilflich.

1876 bildete sich unter dem Vorsitz von Charles K. Lexow in New York der »Deutsche Rechtsschutzverein«, der bereits im ersten Jahr seines Bestehens 212 bedürftige Personen unentgeltlich vor Gericht vertrat. Im Jahre 1890 wurde er zu einem allgemeinen Rechtsschutzverein für Bedürftige jedweder Herkunft umgewandelt.
Eine der bemerkenswertesten deutschen Selbsthilfevereinigungen entstand im März 1884:
Die Brüder Otto, Christian, Johannes, Riewert und George Jappen und die Brüder Simon und Johannes Hansen, Auswanderer von der nordfriesischen Insel Föhr, gründeten in Brooklyn, New York, den »Föhrer Kranken-Unterstützungs-Verein«, der neben seinen wohltätigen Zwecken auch die Pflege der Erinnerung an die friesische Heimat zum Ziel hatte. Er besteht bis auf den heutigen Tag.

Auch in anderen Städten der USA entstanden neben deutschen Vereinen zu gesellschaftlichen und kulturellen Zwecken deutsche Wohltätigkeitsvereine, die neben dem Schutz der Einwanderer die Einrichtung deutscher Krankenhäuser, deutscher Altersheime, deutscher Waisenhäuser und Armenasyle zum Ziel hatten.
Der Einheitsgedanke der deutschen Organisationen in den USA wurde dabei nie aus den Augen verloren.
Aber erst anläßlich des »Deutschen Tages« am 6. Oktober 1901 wurde in Philadelphia der »Deutsch-Amerikanische Nationalbund« aus der Taufe gehoben.

Vorsitzender wurde
Dr. Charles John Hexamer

In den Grundsätzen des neuen Bundes hieß es: »Der Bund erstrebt das Einheitsgefühl in der Bevölkerung deutschen Ursprungs in Amerika zu wecken und zu fördern, zu nützlicher gesunder Entwicklung der, wenn zentralisiert, ihr innewohnenden Macht, zum gemeinsamen energischen Schutz solcher berechtigter Wünsche und Interessen, die dem Gemeinwohle des Landes und den Rechten und Pflichten guter Bürger nicht zuwider sind;
zur Abwehr nativistischer Übergriffe; zur Pflege und Sicherung guter, freundschaftlicher Beziehungen Amerikas zu dem alten deutschen Vaterlande.

Was die deutsche Einwanderung zur Förderung der geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung dieses Landes beigetragen und ferner beizutragen berufen ist, wie sie allzeit in Freud und Leid treu zu ihm stand, das beweist und lehrt die Geschichte.
Der Bund fordert deshalb volle, ehrliche Anerkennung dieser Verdienste und bekämpft jedweden Versuch zur Schmälerung derselben. Allzeit treu dem Adoptivvaterlande, stets bereit, das Höchste einzusetzen für dessen Wohlfahrt, aufrichtig und selbstlos in der Ausübung der Bürgerpflichten, den Gesetzen untertan - bleibt auch ferner die Losung!« Die Gründung war der Versuch, einen Traum zu realisieren, eine Einheit unter den Deutsch-Amerikanern herzustellen, wie andere Volksgruppen in der Neuen Welt sie längst praktizierten.



Aber auch hier stand einem wirklichen Erfolg dieser an sich richtigen Bestrebungen die traditionelle deutsche Zurückhaltung in öffentlichen Angelegenheiten entgegen. Die im 19. Jahrhundert verfolgten Ideen deutscher Kolonien in Nordamerika waren untergegangen. Die Zusammenschlüsse deutscher Organisationen in den Vereinigten Staaten konnten und sollten kein Surrogat dafür sein. Die Ansprüche der deutschen Vereine waren bescheidener geworden. Sie wollten ihren Landsleuten Stütze sein und ihre Traditionen vor dem Vergessen bewahren.
Ein »Deutsch-Amerika«, das manche der frühen Einwanderer noch im Sinn gehabt haben mochten, war nicht mehr ihre Sache.
Prophetisch und resümierend zugleich bemerkte Rudolf Cronau bereits 1909: »Das Amerikanertum der Zukunft wird einen neuen Menschenschlag darstellen.« Die Deutschen sollten ihren Anteil an dieser Entwicklung haben.

 

 

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