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Die Geschichte
der Vereinigten Staaten von Amerika wird immer zu einem bedeutenden
Teil die Geschichte der europäischen Auswanderung sein. Erst die
Emigranten aus allen Teilen der Alten Welt ermöglichten die vehemente
Entwicklung der USA zur gegenwärtigen Macht. Der amerikanische
Historiker Marcus Lee Hansen schrieb schon 1948: »Die Auswanderung
nach den Vereinigten Staaten war ein Abschnitt einer Weltbewegung.« Zwischen 1815 und 1914 verließen 50 Millionen Europäer ihre Heimat. Davon wandten sich 35 Millionen den USA zu. Allein aus den deutschen Staaten zogen zwischen 1820 und 1900 weit über 5 Millionen Menschen in die Neue Welt. Sie waren aber nicht die ersten Deutschen, die Nordamerika betraten. Als der britische Hauptmann John Smith im Jahre 1607 in Amerika eintraf, um die Kolonie Jamestown zu gründen, waren unter seinen 105 Begleitern auch 3 deutsche Handwerker. Der Offizier gewann bald den Eindruck, daß seine englischen Landsleute als Kolonisten untauglich waren. Daher schrieb er nach England, man möge ihm noch mehr von den »verdammten Deutschen« schicken. Diese Bezeichnung für die unerschrockenen, hartköpfigen und arbeitsamen Männer war anerkennend gemeint. Nur hundert Jahre später brauchte niemand mehr deutsche Männer und Frauen zu bitten, nach Amerika auszuwandern. Seit 1683 die erste deutsche Auswanderergruppe bei Philadelphia die Stadt Germantown gegründet hatte, kamen die »verdammten Deutschen« von allein, und sie kamen in immer größerer Zahl. Im 19. Jahrhundert erreichte diese Bewegung einen Höhepunkt. In den deutschen Staaten gab es zeitweise ein regelrechtes »Amerika-Fieber«. Das Interesse an dem »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« war zu dieser Zeit größer als heute, da die Bundesrepublik Deutschland die engsten wirtschaftlichen, politischen und militärischen Beziehungen mit den USA unterhält, die je zwischen Deutschen und Amerikanern bestanden haben. Abenteurer und Reiseschriftsteller wie Friedrich Gerstäcker, Balduin Möllhausen und andere bemühten sich, mit ihren Schriften ein genaues Amerika-Bild zu verbreiten. Auswandererhandbücher erlebten hohe Auflagen. Die Auswanderung wurde zu einer regelrechten Industrie, von der besonders die Hansestädte Hamburg und Bremen sowie zahllose Auswandereragenturen profitierten. Auswanderervereine wurden gegründet. Enthusiasten, die zwar naiv aber durchaus einflußreich waren, träumten von einem Deutsch-Amerika oder wenigstens von amerikanischen Gebieten als deutsche Kolonien. Der von deutschen Adeligen gegründete »Texas-Verein« transportierte zu diesem Zweck in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts Tausende deutscher Familien nach Texas. Dabei war das Amerika-Bild der Deutschen immer von sehr gegensätzlichen Vorstellungen geprägt. Die gesellschaftliche Oberschicht hatte ein gespaltenes, in ihrer Mehrheit negatives Bild von diesem fernen Land, dessen legendäre Schätze und dessen unbeschreibliche natürliche Reichtümer zwar ihre Phantasie anregten, dessen republikanische Staatsform und dessen weitreichende bürgerliche Freiheiten bei ihr aber Furcht und Abneigung erzeugten. Für die intellektuelle Elite der Deutschen waren die Vereinigten Staaten Gegenstand schwärmerischer Verklärung, wie Johann Wolfgang von Goethes Ausruf »Amerika, du hast es besser!« bewies. Die unteren Klassen sahen Amerika als Heimstatt für alle Bedrängten, mochten sie nun religiöse, wirtschaftliche oder politische Gründe haben, das Land ihrer Geburt zu verlassen. So hieß es in einem Volkslied um 1848: »Sie ziehn's dahin auf blauen Meereswogen. Warum verlassen sie ihr Heimatland? Man hat sie um ihr Leben schwer betrogen, die Armut trieb sie aus dem Vaterland.« Aber auch kleine Geschäftsleute und Handwerker, die in der angestammten Heimat an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen waren, Freigeister, die in der Alten Welt als Phantasten abgetan wurden, politische Idealisten und Wissenschaftler, deren Kreativität im Aktenstaub europäischer Amtsstuben erstickt wurde, brachen zu neuen Ufern auf und versuchten in den Vereinigten Staaten ihr Glück. Meist mit Erfolg. Für die
meisten ging der amerikanische Traum von der Freiheit des Menschen,
von seinem Recht auf Individualität und Glück, auf freie Entfaltung
aller schöpferischen und geistigen Fähigkeiten in Erfüllung,
der zu diesem Zeitpunkt längst ein »deutsch-amerikanischer
Traum« geworden war. Auf
dem Weg ins Glück? Deutsche Auswanderer verlassen ihre alte Heimat
Daß diese Sorgen zu recht bestanden, erwies sich spätestens 1775, als deutsche Siedler sich nach Ausbruch der amerikanischen Revolution als erste zur Unabhängigkeitsarmee der Amerikaner meldeten. Zu diesem Zeitpunkt lebten bereits weit über 225´000 Deutsche in den verschiedenen Provinzen. Sie waren tragendes Element des Kampfes gegen England. Der Preuße
Friedrich Wilhelm von Steuben schuf als Generalinspekteur von
Washingtons Kontinentalarmee die militärischen Grundlagen für
den Erfolg des jungen Staatenbundes. Deutschstämmige Offiziere
wie Peter Mühlenberg, Nikolaus Herckheimer, Johann von Kalb,
Heinrich Lutterloh, Bartholomäus van Heer und andere gehörten
zu den bedeutendsten Führern des amerikanischen Heeres. Aber
obwohl neben dem angelsächsischen Bevölkerungsteil keine Volksgruppe
in Nordamerika mehr zur Erlangung der Unabhängigkeit und zur Gründung
der Vereinigten Staaten beigetragen hatte als die Deutschen, war das
Verhältnis zwischen ihnen und ihren übrigen amerikanischen
Mitbürgern nicht immer nur von Harmonie bestimmt. Das Wort von
den »verdammten Deutschen« machte noch öfter die Runde.
Tatsächlich gibt es im Zusammenhang mit der Auswanderung von Deutschen in die USA nur ein wirkliches Ärgernis, nämlich die Tatsache, daß Geschichte und Leistung der Deutsch-Amerikaner in Amerika weitgehend verdrängt und in Deutschland nahezu völlig vergessen sind. Daher ist noch heute uneingeschränkt einer Beurteilung zuzustimmen, die bereits 1909 von Rudolf Cronau, einem der bedeutendsten deutsch-amerikanischen Chronisten, getroffen wurde, als er schrieb: »Fragte
man die in der Heimat Zurückgebliebenen, was aus ihren nach Millionen
zählenden ausgewanderten Landsleuten in der Fremde geworden, so
vermöchten gewiß nur sehr wenige eine befriedigende Auskunft
zu geben. Man verhielt sich in Deutschland gegenüber dem Schicksal
seiner ausgewanderten Söhne bisher recht gleichgültig. Man
betrachtete sie als Faktoren, mit welchen man nicht länger rechnen
dürfe. Man weiß nicht, was sie da draußen erlebten
und verrichteten, ob sie im Elend verkamen oder es verstanden, eine
achtunggebietende Stellung zu erringen. Und die Ausgewanderten selbst?
- Obwohl sie die Erfolge vieler ihrer Brüder vor Augen sehen, so
sind auch sie über das, was die Gesamtmasse der Deutschen in Amerika
leistete, doch nur oberflächlich unterrichtet. Weder sie, noch
die neben ihnen wirkenden Amerikaner anderer Abstammung wissen, wie
ungeheuer viel die großartig entwickelten Vereinigten Staaten
von Amerika der rastlosen Arbeit, dem unermüdlichen Fleiß
und der Intelligenz der Deutschen verdanken.« Ein „Sechserzug“ mit einem Conestoga-Planwagen Die Deutschen
behielten ihre alte Heimat im Herzen und wurden gleichzeitig Amerikaner
- und zwar die besten, die man sich vorstellen kann. Die Deutschen spielten in der nationalen Vielfältigkeit Amerikas eine Rolle, die ihnen eine weitgefächerte Entfaltung ihres nationalen Charakters gestattete: Bienenfleißig, voller Energie, zäh, manchmal starrköpfig und sentimental. In öffentlichen Angelegenheiten dagegen waren sie relativ zurückhaltend und bescheiden, aber immer bereit, ihre Pflicht zu tun. Seit den Tagen des Unabhängigkeitskrieges standen Deutsch-Amerikaner in jedem Konflikt treu zur Fahne ihrer neuen Heimat. Sie bewiesen in einer Zeit, die teilweise von hemmungslosem Egoismus geprägt wurde, Gemeingefühl, Verantwortung und Augenmaß. Zwischen 1861
und 1865 kämpften fast 200000 Deutsche im amerikanischen Bürgerkrieg
unter dem Sternenbanner. Generäle wie Blenker, Steinwehr, Bohlen,
Sigel, oder auf seiten der Südstaaten der Kavallerieoffizier
Heros von Borcke, waren bedeutende militärische Führer.
1877 stieg der bedeutendste Führer der Deutsch-Amerikaner, Carl Schurz, zum Innenminister der USA auf. Vieles davon ist vergessen. Dies ist besonders unverständlich, da die Bundesrepublik sich seit Ende des 2. Weltkrieges in einer engen Partnerschaft mit den USA befindet. Unkenntnis der Traditionen und geschichtlichen Entwicklungen hat - hüben und drüben - zu Mißverständnissen und Vorurteilen geführt, die zu verschiedenen Zeiten immer wieder Ursache von Anti-Gefühlen gewesen sind. Dabei sind die Gemeinsamkeiten größer als gemeinhin angenommen. Insgesamt 5 Jahren kriegerischer Auseinandersetzungen (ein Jahr 1. Weltkrieg und vier Jahre 2. Weltkrieg) stehen weit über 300 Jahre fruchtbarer, guter Beziehungen und gemeinsamer Geschichte gegenüber. Als vor einigen
Jahren das Schlagwort umging, die Deutschen seien dabei, ihre Geschichte
neu zu entdecken, wurden - wie schon so oft Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme der deutschen Auswanderung.
Die Deutschen in der Kolonialzeit
»In
frühester Zeit schon mögen sich Deutsche auf den englischen
und französischen Ansiedlungen in Nordamerika zerstreut und Gewerbefleiß
und bessere Sitten dort belebt haben. Eigene Gemeinden gründeten
sie aber erst unter der Anführung der Holländer. Seitdem es
sich von Spanien Iosgekämpft hatte, war Holland der Sammelplatz
aller Bedrängten, mochte politisches oder religiöses Meinen
und Handeln, was damals ineinander spielte, ihnen ihre Heimat verleiden.
Besonders die Westfalen und die übrigen Niedersachsen hatten einen
lebhaften Verkehr nach den Niederlanden hin, welche damals noch dieselbe
Sprache mit ihnen hatten und zum Reiche gehörten wie sie... Wenn
nun schon Haufen von Deutschen mit den Holländern nach dem Vorgebirge
der guten Hoffnung, nach Westindien und Südamerika zogen, so gingen
noch mehr nach den holländischen Ansiedlungen in Nordamerika, wo
ihnen Luft und Land am zuträglichsten war. Die Deutschen saßen
namentlich auf Long Island und in den unteren Landen am Hudson. Mehrere
der älteren, jetzt schon lange englisch gewordenen lutherischen
Gemeinden mögen schon in jenen frühesten Zeiten der holländischen
Herrschaft sich gesammelt haben. Wo immer eine lutherische Gemeinde
ist, da ist sie von deutscher Herkunft.« Die ersten Deutschen,
die amerikanischen Boden betraten, standen meist im Dienst fremder Herren.
Als der Wikinger Leif Ericson im Jahre 1000 mit seinen Drachenbooten
die Neue Welt erreichte und das sagenhafte Vinland fand, begleitete
ihn ein Deutscher mit Namen Tyrker. 600 Jahre später gehörten
deutsche Handwerker zu den Ansiedlern, die der britische Captain John
Smith in die Neue Welt brachte, um die Kolonie Jamestown zu gründen. Peter Minnewit aus Wesel, Gouverneur von New Holland und Gründer der Kolonie New Sweden. Die Darstellung zeigt ihn bei den Kaufverhandlungen mit Indianern, die zum Erwerb der Insel Manhattan führten. Im Mai 1626 übernahm
der Rheinländer Peter Minnewit, 1590 in Wesel geboren, im Dienste
der Holländer als Gouverneur die Regierung von New Holland mit
Sitz in Neu-Amsterdam, dem späteren New York. Seine Tätigkeit
war von großem Erfolg begleitet. Für lediglich 60 holländische
Gulden gelang es ihm, den Indianern die Insel Manhattan - ein Gebiet
von 22`000 Morgen - abzukaufen; eines der besten Landgeschäfte
der Geschichte. Einer der ersten, der sich gegen die kolonialistischen Anmaßungen Großbritanniens mehrte, war der Kaufmann Jacob Leisler aus Frankfurt am Main, zeitweilig Gouverneur von New York. Unter der Anklage des Hochverrats wurde er von den Briten hingerichtet. Die Abbildung zeigt das Gebäude, in dem der Leisler-Prozeß stattfand. Jahre später wurde der erste Märtyrer der amerikanischen Freiheitsbewegung völlig rehabilitiert. Im Jahre 1660
traf der ehemalige Soldat im Dienste Hollands Jacob Leisler aus Frankfurt
am Main in New York ein. Er ließ sich in Fort Oranien, dem späteren
Albany, nieder, begann Handel mit den Indianern zu treiben und war dabei
so erfolgreich, daß er bald zu den reichsten Männern der
Kolonie und den führenden Persönlichkeiten gehörte. Er
siedelte nach New York über, das Holland inzwischen an England
abgetreten hatte. 1683 wurde er zum Mitglied des Admiralitätsgerichts
ernannt. Als die latenten
Feindseligkeiten zwischen Holländern und Briten 1689 offen aufbrachen
und die englische Verwaltung in New York gestürzt wurde, wurde
Jacob Leisler am 8. Juni 1689 zum Gouverneur von New York gewählt.
Am 20. März 1691 ergriff der englische Colonel Henry Sloughter
als neuer Gouverneur wieder Besitz von New York, ließ Leisler
in den Kerker werfen und am 16. Mai 1691 gemeinsam mit seinem Schwiegersohn
öffentlich hinrichten. Nur ein Jahr später gelang es Leislers
Sohn, den beschlagnahmten Besitz der Familie zurückzuerhalten.
1698 hob das britische Parlament den Schuldspruch gegen Leisler auf
und erklärte, daß sein Vorgehen als zeitweiliger Gouverneur
von New York gerechtfertigt gewesen war. Neu-Amsterdam, das spätere New York, im Jahre 1650. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es zahlreiche deutschstämmige Kolonisten in der Neuen Welt. Der Naturwissenschaftler
und Kartograph Johann Lederer aus Hamburg führte im Auftrag des
Gouverneurs von Virginia in den Jahren 1669 und 16711 drei Expeditionen
durch. Er bereiste das noch unbesiedelte Gebiet des heutigen Nord- und
Süd-Carolina und fertigte Kartenwerke und genaue Beschreibungen
über Flora und Fauna an. Das nächste Mal, das Deutsche in
fremdem Dienst Amerika betraten, war 1776. Es handelte sich um Söldner
aus deutschen Kleinstaaten, die in britischem Sold standen und versuchten,
die aufständischen Amerikaner zu unterwerfen. Ihnen gegenüber
standen in diesen Kämpfen nur zu oft ebenfalls Männer deutscher
Herkunft, die erbittert für die Freiheit ihrer neuen Heimat fochten;
denn in den zurückliegenden Jahrzehnten hatten sehr viele Deutsche
den Versuch unternommen, unabhängig von fremden Herren Amerika
zu erreichen und sich hier anzusiedeln. Sie hatten Erfolg dabei gehabt. »Ungleich
besser als den Deutschen im Staate New York ging es denen, die nach
Pennsylvanien zogen, dem Staate, der von Anfang an eine seltene Freistätte
religiöser Duldung gewesen und dessen Leitung meist in den Händen
von Männern gelegen, die ein warmes Herz für die Einwanderer
hatten. Pennsylvanien wurde deswegen in hervorragendem Maße das
Ziel der wegen ihrer religiösen Ansichten Verfolgten.« William Penn,
der Gründer Pennsylvanias. Er holte deutsche Mennoniten als Kolonisten
in die Neue Welt.
Am 4. März
1681 erhielt Penn die Besitzurkunde für das waldreiche Gebiet am
Delaware, das er Pennsylvania nannte. Die Frankfurter Pietisten, vor
denen Penn gepredigt und bei denen er einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen
hatte, gründeten daraufhin eine Gesellschaft mit dem Ziel, ein
großes Siedlungsgebiet in Pennsylvania zu erwerben und mit Gleichgesinnten
in dieses Land der religiösen Toleranz und der Menschenfreundlichkeit
auszuwandern. Im Auftrag der Frankfurter Gesellschaft begab sich Pastorius, nach eigenen Worten »begierig in die Neue Welt zu segeln und dort ein still und christlich Leben zu führen«, zunächst nach Kriegsheim bei Worms, wo eine kleine Quäkergemeinde ein trauriges Dasein fristete und seit William Penns erster Deutschlandreise im Jahre 1671 auf Hilfe hoffte. Mit den Vorstehern der Gemeinde, Peter Schuhmacher und Gerhard Hendricks, traf Pastorius Vorbereitungen für die Auswanderung der Quäker. Von Kriegsheim aus fuhr er den Rhein abwärts und suchte im April 1683 die Mennonitengemeinde in Krefeld auf. Auch hier war die Bereitschaft, die große Reise über den Ozean zu wagen, um der ständigen Bedrückung durch die Obrigkeit und die großen Amtskirchen zu entgehen und fortan in Frieden leben zu können, groß. Pastorius machte sich unverzüglich auf den Weg nach Pennsylvania. Am 20. August 1683 landete er mit dem Schiff »America«, begleitet von einigen wenigen deutschen Siedlern, in Philadelphia, das zu diesem Zeitpunkt lediglich aus einigen Blockhütten und morastigen, noch nicht befestigten Straßen bestand. Viele Kolonisten hausten in Erdhöhlen, und die windschiefen Holzhäuser hatten statt Glasfüllungen Pergamentpapier in den Fensteröffnungen. Unmittelbar hinter der primitiven Ansiedlung begann dichtes Waldland. Am 6. Oktober 1683 erreichte ein Schiff mit Namen »Concord« die Küste der Neuen Welt. Von Bord gingen 13 mennonitische Familien aus Krefeld, insgesamt 33 Personen. Sie wurden von Pastorius und William Penn in Empfang genommen. Ihr Eintreffen
datiert den Beginn der deutschen Gruppenauswanderung nach Amerika, einer
Bewegung, die von da an nie mehr abriß. Durch die Erwerbungen
der Frankfurter Gesellschaft und zusätzliche Landkäufe der
Mennoniten aus Krefeld besaßen die Deutschen Ansprüche auf
mehr als 40000 Acres Land (1 Acre = 4.047 qm). Unverzüglich ging
Pastorius mit den Neuankömmlingen daran, ein geeignetes Stück
Land auszuwählen. Die Entscheidung fiel zugunsten eines Landstrichs
am Schuylkill-Fluß, sechs Meilen entfernt von Philadelphia. Eine
verheißungsvolle, aber undurchdringlich erscheinende Wildnis,
in der die Deutschen zunächst darangehen mußten, sich Unterkünfte
zu schaffen. Das Leben in
der Neuen Welt entsprach ganz und gar den Vorstellungen, die die Deutschen
sich in der alten Heimat gemacht hatten. Sie lebten in Frieden und Toleranz,
und Ordnungswidrigkeiten, die vom städtischen Gericht geahndet
werden mußten, kamen fast nie vor. Sie hatten ein neues Arkadien
- Arkadien galt im antiken Griechenland als Land der guten Sitten und
des Friedens - gefunden. In diesem bescheidenen Haus in Germantown tagte der Stadtrat, dem Pastorius zeitweise als Bürgermeister vorstand. Hier wurde am 18. Februar 1688 der erste schriftliche Protest gegen die Sklaverei in Amerika verfaßt. Pastorius selbst wurde 1692, 1696 und 1697 als Bürgermeister wiedergewählt. In den dazwischenliegenden Jahren amtierte er als Stadtschreiber, nachdem er 1687 und 1691 Abgeordneter des Parlaments von Pennsylvania gewesen war. In seine Verantwortung
fällt eines der wichtigsten Dokumente der Deutsch-Amerikaner in
der Kolonialzeit, der erste schriftliche Protest gegen Sklavenhaltung
und Sklavenhandel in der Neuen Welt überhaupt. Seit der Resolution
der Deutschen waren 42 Jahre vergangen. »Nüchtern,
rechtschaffen, weise und fromm, ein Mann von allgemein geachtetem und
unbescholtenem Namen.« »Wer
die Geschichte der ersten deutschen Masseneinwanderung nach den Vereinigten
Staaten liest, dem erscheint alles, was spätere Einwanderer erlitten,
als Kinderspiel. Die Pfälzer, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts
zu Tausenden, ja, zu Zehntausenden ihre Heimat verließen, taten
dies nicht mehr um ihres Gottes willen, wie die Mennoniten und sonstigen
Sektierer, die in Pennsylvanien eine zweite Heimat gefunden hatten.
Man kann auch nicht sagen, daß sie um des Geldes willen
auswanderten. Für das eine wie das andere waren sie viel zu elend
und ärmlich. Es war die nackte Not, die sie forttrieb, der Hunger
und die Verzweiflung. Im Jahre 1708
erreichte eine Gruppe von 53 Männern, Frauen und Kindern, abgerissen
und ausgehungert, mit kaum mehr Besitz als dem, was sie auf dem Leibe
trugen, den Hafen von London. Es handelte sich um protestantische Rheinpfälzer,
die vor dem Elend geflüchtet waren, das der Spanische Erbfolgekrieg
in ihrer Heimat angerichtet hatte. Sie wurden geführt von Josuah
von Kocherthal, einem Prediger und vielseitig gebildeten Mann. Unter den Siedlern,
die 1710 Amerika erreichten, befand sich auch Johann Konrad Weiser mit
seiner Familie aus Astädt, Amtsbezirk Herrenberg in Württemberg.
Neben Kocherthal gehörte Johann Konrad Weiser zu den entschiedensten
Sachwaltern der verarmten Pfälzer, die von der Kolonialverwaltung
in New York wie rechtlose Sklaven behandelt wurden. Einige zogen
zum Mohawk-Fluß, wo sich die deutschen Ansiedlungen bald ausweiteten
und als »German Flats« bekannt wurden. 33 andere Familien
folgten Weisers Rat und siedelten 1723 ins Berks Countie, Pennsylvania,
über, wo sie anstandslos Besitztitel auf unbesiedelte Ländereien
erhielten. Ihnen folgten weitere 50 Familien. Sein Vater Johann
Konrad starb im Jahre 1746. Konrad Weiser folgte ihm am 17. Juli 1760. Dies änderte sich erst, als der Pastor Heinrich Melchior Mühlenberg aus Eimbeck bei Hannover, der jahrelang Waisenhäusern in Halle und der Oberlausitz vorgestanden hatte, 1741 in Amerika eintraf. Es hatte schon vor ihm protestantische Pastoren in einigen deutschen Gemeinden gegeben. Mühlenberg aber wurde sehr schnell zum energischen, charismatischen und allgemein anerkannten Führer der deutschen Protestanten. Heinrich Melchior
Mühlenberg aus Einbeck bei Hannover
Im Spätherbst
des Jahres 1726 rumpelte ein schwerbeladenes Fuhrwerk auf Germantown
zu. Es brachte die Familie Saur aus Laasphe (Wittgenstein) in Westfalen,
die seit zwei Jahren in Amerika ansässig war, und war vollbeladen
mit Stoffballen, Werkzeugen, Büchern, botanischen Sammlungen, Medikamenten,
Kräutern und Saatgut.
Saurs Eintreffen
in Germantown sollte den Deutschen in der Neuen Welt neue Horizonte
weisen. Saur eröffnete zunächst eine Schneiderwerkstatt, entwickelte
jedoch bald weiterreichende vielfältige geschäftliche Aktivitäten
und richtete 1738 eine Druckerei ein. Christoph
Saurs Haus in Germantown. Im Sommer 1743
erschien in Saurs Druckerei die erste deutschsprachige Bibel Amerikas.
Es war die erste Bibel in einer europäischen Sprache, die überhaupt
in Amerika gedruckt wurde. Erst um 1780 wurde eine englische Bibel in
der Neuen Welt verlegt. Christoph Saur starb am 25. September 1758.
Im
Jahre 1826 reiste Prinz Bernhard von Weimar durch die Vereinigten Staaten
und machte dabei auch in Lancaster, Pennsylvania, Station. Er schrieb
später: »Lancaster steht in dem Rufe, daß hier die
besten Rifles - Kugelbüchsen - in den Vereinigten Staaten gemacht
werden. Ich kaufte mir eine für elf Dollars, um sie als Kuriosität
mit nach Hause zu nehmen.« Was das bedeutet,
kann nur der erfassen, der weiß, welche Rolle Waffen in der amerikanischen
Geschichte gespielt haben. Die Bedeutung der Waffentechnik für
die amerikanische Zivilisation ist bis heute nicht zur Gänze untersucht.
Im 18. Jahrhundert war allein die Tatsache des Rechts auf Waffenbesitz
für jedermann eine Revolution; denn in Europa war das Recht auf
den Besitz von Waffen auf die Aristokratie beschränkt. Der Besitz
einer Waffe charakterisierte daher in Amerika den freien Mann. Diese
Tatsache nahm im Verlauf der Besiedelung der westlichen Gebiete des
Kontinents beinahe ideologische Züge an.
Den Gewehren
kam dabei eine Sonderstellung zu: Es entstand die typische Kentucky Rifle. Ein Gewehr von durchschnittlich 1,50 m Länge, sehr schlank, mit gezogenem Lauf und englischem Pistolenschloß.
Sie wurde zunächst
in dem Verwaltungsdistrikt Lancaster gefertigt, in dem sich viele deutsche
Büchsenmacher niedergelassen hatten. Energie, Zielstrebigkeit
und Einfallsreichtum bei der Zivilisierung, Weiterentwicklung und Vermehrung
des Wohlstandes der Kolonien zeigten auch die zahlreichen industriellen
Gründungen deutscher Siedler in der Kolonialzeit. Peter Hasenclever,
der 1716 in Remscheid geboren worden war, erreichte 1765 die Neue Welt.
Mit Hilfe englischer Teilhaber erwarb er auf dem Nordufer des Mohawk-Flusses,
unweit der German Flats, Ländereien, die für den Abbau von
Eisenerzen vielversprechende Bedingungen boten. Er ließ 550 Bergleute
und Schmiede in Deutschland anwerben, ließ 200 Hütten für
sie bauen, errichtete Holzkohlenbrennereien, ein Stampfwerk, Schmelzöfen,
Schmieden und Potaschesiedereien, baute Brücken und Transportwege
und war bereits ein halbes Jahr nach Beginn der Arbeiten in der Lage,
Eisen nach England zu liefern. Deutsche Handwerker waren außerordentlich geachtet, und die Schulen, die in den meisten deutschen Ansiedlungen sehr bald ins Leben gerufen wurden, besaßen hohes Ansehen. Die Kolonialzeit sah den deutschen Ansiedler in der Neuen Welt als anpassungsfähigen, energischen, unermüdlichen, soliden Kolonisator, der die wirtschaftlichen und geistigen Chancen und Freiheiten, die ihm die Auswanderung aus der alten Heimat gebracht hatte, bewußt wahrnahm und verteidigte. An der Grenze zur Wildnis angesiedelt, waren es häufig Deutsche, die für die verfehlte Indianerpolitik der britischen Verwaltung oder für die Auseinandersetzungen zwischen Briten und Franzosen, in denen nicht selten Indianerstämme zur Kriegführung mißbraucht wurden, den Blutzoll zu zahlen hatten. Die in London verfolgte Absicht, die deutschen Kolonisten als Puffer zwischen der britischen Bevölkerung und den Indianerstämmen einzusetzen, war - zum Leidwesen der Deutschen - nur zu oft ein »voller Erfolg«. Es nimmt nicht Wunder, daß die Deutschen die britischen Absichten bald durchschauten und ihre Sympathien für die englische Verwaltung äußerst gering waren. Verbittert schrieb Reverend F. J. E. Schantz in Band 10 der Proceedings of the German Historical Society of Pennsylvania: Es
war die traditionelle Politik der Regierung, die Deutschen an die Grenzen
zu schicken, an die Stellen der Gefahr. Laßt der Wahrheit ihr
Recht, so wie die Geschichtsschreiber rühmten, das Verfahren der
Quäker den Indianern gegenüber sei so mild und edel gewesen,
daß infolgedessen nie ein Tropfen Quäkerblut von Indianern
vergossen worden sei. Soll ich sagen warum? Weil der Gürtel der
Quäkerniederlassungen in einem Halbkreis von 50 Meilen von Philadelphia
lag.
Die Deutschen, die in der alten Heimat rechtlose und nur zu oft verelendete Untertanen gewesen waren, die der religiösen Bedrückung und der dauernden wirtschaftlichen Not entflohen waren, wurden in der Neuen Welt zu selbstbewußten Bürgern, deren Fleiß und Eifer Früchte trug. In den kritischen Jahren des Beginns der scharfen Auseinandersetzungen zwischen den Kolonien und dem Mutterland, die schließlich in den erbitterten Krieg um die Unabhängigkeit Amerikas einmündeten, erwiesen sie sich als ein zuverlässiges, tragendes Element der sich bildenden amerikanischen Gesellschaft.
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