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• Dietmar KÜGLER - Die Deutschen in Amerika - 1983 •

 

Die Deutschen in der
Nordamerikanischen Wirtschaft

 

Seite 1

 

»Heute gibt es in der Tat kaum einen Geschäftszweig, in welchem die Deutschen nicht stark vertreten sind. Gewisse Zweige des Großhandels und der Wareneinfuhr beherrschen sie nahezu ausschließlich; im Kleinhandel und Handwerk, soviel von letzterem bei den alles aufsaugenden und monopolisierenden Bestrebungen der Trusts übriggeblieben ist, prosperieren sie entschieden mehr als die Amerikaner und Irländer.
Es liegt in der Natur der Sache, daß die meisten in die Vereinigten Staaten einwandernden Deutschen klein und bescheiden anfangen und sich bemühen, durch kluges, vorsichtiges Ausnutzen der Gelegenheiten, durch Fleiß und Sparsamkeit größere Geschäfte aufzubauen. Sie sind weniger zu gewagten Unternehmungen bereit als die Amerikaner, die es lieben, durch kühne Spekulationen mit einem Schlage Reichtümer zu gewinnen.« 
Rudolf Cronau, Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika, 1909


Johann Jacob Astor aus Waldorf war der größte Pelzhändler Amerikas und einer der reichsten Männer der Welt.

Wenn Johann Jacob Astor sich als Kind auf dem Heuboden des Bauern, dessen Hof neben der heruntergekommenen Metzgerei seines Vaters lag, ein Nachtlager bereitete und das Knurren seines Magens mit einem trockenen Stück Brot zu stillen versuchte, träumte er von einem besseren Leben. Er ging barfuß zur Dorfschule, wo er mühsam lesen und schreiben und »Summen zusammenzählen« lernte, trug die zerlumpte und oft geflickte Kleidung seiner älteren Brüder auf, und oft war sein Rücken grün und blau unterlaufen, weil sein Vater betrunken einen Stock auf ihm zertrümmert hatte. Seine Brüder waren längst aus dem Elternhaus geflohen. Einer war sogar im Söldnerheer, das deutsche Fürsten der englischen Krone für den Krieg in Amerika zur Verfügung gestellt hatten, in die Neue Welt gezogen und nicht mehr zurückgekehrt. Eines Tages, das wußte der Junge, würde auch er gehen, und er würde seinen Traum wahrmachen.

Obwohl er in Enge und Bedrückung heranwuchs, entwickelte er einen offenen, weiten Blick. Am 17. Juli 1763 war Johann Jacob Astor in Waldorf geboren worden. Mit 17 Jahren verließ auch er sein Heimatdorf und ging zunächst nach England, wo er bei einem seiner Brüder Unterschlupf fand und die englische Sprache lernte.
Astor war sicher, mit eiserner Sparsamkeit sein Ziel erreichen zu können. Da er unter bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen war, fiel es ihm nicht schwer, seine persönlichen Bedürfnisse auf das Nötigste zu beschränken. 1783 schiffte er sich nach Amerika ein. Auf dem Schiff, das ihn in die Neue Welt brachte, lernte er einen Landsmann kennen, der ihm riet, ins Pelzgeschäft einzusteigen. Astor nahm sich diesen Rat zu Herzen. Er ging zunächst nach Baltimore, zog von hier aus aber bald nach New York weiter, wo er bei einem Kürschner in die Lehre ging und den Umgang und den Handel mit Pelzen von der Pike auf erlernte.

1786 eröffnete er mit seinen Ersparnissen ein eigenes Geschäft und unternahm selbst Reisen zu den Handelsplätzen der Trapper, um Pelze aufzukaufen. Er zog Jahr um Jahr bis nach Montreal hinauf und schaffte seine Felle selbst nach England, wo er Handelswaren für Amerika einkaufte und mit vollbeladenen Schiffen zurückkehrte.
Seine Anspruchslosigkeit in seiner persönlichen Lebensführung, seine Bescheidenheit, sein Geschick und seine Zuverlässigkeit machten ihn bald zu einem gesuchten Handelspartner in New York und London. Astor heiratete 1790. Im Jahre 1800 war er bereits einer der vermögendsten Männer der Vereinigten Staaten. Der Traum des kleinen Jungen war Wirklichkeit geworden. Er hatte nicht nur Cent auf Cent und Dollar auf Dollar gelegt, sondern einen untrüglichen Instinkt für lohnende Geschäfte bewiesen. Er gründete eine Reederei, baute eigene Schiffe und transportierte seine Pelzwaren nun selbst nach Europa.

Rudolf Cronau schrieb:
Astors Vermögen wuchs. Er kaufte riesige Ländereien und sann Tag und Nacht darüber nach, welche Möglichkeiten es noch für ihn gab, seine Geschäfte auszuweiten. Stagnation war für ihn gleichbedeutend mit Rückschritt. Als einer der ersten erkannte er die Bedeutung des fernen Westens. Astor beschloß, in Konkurrenz zur »Hudson's Bay Company«, der größten Pelzhandelsfirma auf dem Kontinent, zu treten. Im Jahre 1809 gründete er die »American Fur Company«. Sein Plan war es, quer durch den noch unerschlossenen Kontinent kleine Handelsstationen zu errichten, wo Trapper und Indianer ihre Pelze abliefern und Tauschhandel treiben konnten. Die Waren sollten in eine Niederlassung am Pacific geschafft werden, von wo aus eine direkte Schiffsverbindung nach China eingerichtet werden sollte.

Die Station wurde 1811 an der Mündung des Columbia River gebaut und erhielt den Namen »Astoria«. Trotzdem scheiterte das ungewöhnlich kühne Projekt zunächst. Astor hatte seine Möglichkeiten, vom sicheren New York aus den weiten Westen zu erschließen, über dessen wahre Ausdehnung und Lebensbedingungen zu jener Zeit nur ungenaue Vorstellungen existierten, überschätzt. Außerdem bereitete ihm der Ausbruch des Krieges zwischen Amerika und England zwischen 1812 und 1814 die größten Schwierigkeiten.
Dennoch wurde die »American Fur Company« nach einem holprigen Start ein gewaltiger finanzieller Erfolg. Ab 1822 residierte sie in St. Louis am Missouri, dem wichtigsten Pelzumschlagplatz im Westen, und beherrschte den Pelzhandel der USA mit Methoden, die mehrfach heftige öffentliche Kritik hervorriefen. Kleine Firmen wurden auf rabiate Weise aus dem Geschäft gedrängt und liquidiert. Die Agenten der Pelzkompanie scheuten sich nicht, hohe Politiker zu korrumpieren, um die Gesetzgebung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Die »Amerikanische Pelzkompanie« wurde zum Monopol.
Durch die Vertreter der Pelzkompanie wurde billiger Alkohol in die entlegendsten Indianergebiete geschafft und rücksichtslos eingesetzt: Nicht nur den Bibern, auch den Indianern wurde das Fell über die Ohren gezogen.

In den 1830er Jahren zog sich Astor, der den Westen nie gesehen, der aber durch seine geschäftliche Energie und seinen Weitblick zur Erschließung des wilden Landes beigetragen hatte, von vielen Geschäften zurück. Als er am 29. März 1848 starb, war er der reichste Mann der Vereinigten Staaten. Trotz seines nebukadnezerhaften Reichtums, der ihm weitreichenden Einfluß in Staat und Gesellschaft gesichert hatte, war er der Junge geblieben, der oft gehungert hatte, der wußte, was Armut war: Die feine Gesellschaft der Ostküste schockierte er bis zum Schluß, indem er sich nach dem Essen mit dem Tischtuch den Mund abwischte und ungeniert in der Nase bohrte. Während seine Kinder bereits die Gewohnheiten des Geldadels Amerikas angenommen hatten, blieb er bis zu seinem Tode der einfache, anspruchslose Mann. Gleichzeitig aber erwies sich der notorische Geizhals, der in seinem Haus mit dem Cent knauserte, als großzügiger Mäzen:
Vier Jahre lang, von 1841 bis 1845, war er Vorsitzender der »Deutschen Gesellschaft« von New York und unterstützte sie finanziell. Er stiftete dem Staat New York die »Astor-Bibliothek«, die von seinen Nachfahren bedeutend erweitert wurde, und hinterließ in seinem Testament seinem Heimatdorf Waldorf 50`000 Dollar zum Bau eines Waisen- und Armenhauses. Weiter wurden in seinem Nachlaß die »Deutsche Gesellschaft« mit 30`000 Dollar und die »Astor-Bibliothek« mit 460`000 Dollar bedacht. Er gründete einen Damenstift und unterstützte Blindenanstalten, Waisenhäuser und die Deutschreformierte Kirche.

Während er in New York über seinen Büchern saß und Zahlenkolonnen addierte und noch als alter Mann die Lagerhäuser seiner Firma aufsuchte, um persönlich die Motten aus den Pelzen zu schlagen, streiften Tag für Tag in seinem Auftrag Jäger und Händler durch die Weiten des amerikanischen Westens, saßen an den Lagerfeuern der roten Stämme und tauschten billige Glasperlen, Waffen und Alkohol gegen wertvolles Pelzwerk ein oder standen stundenlang in eiskaltem Wasser, um Biberfallen auszulegen.

Einer dieser kühnen Männer, die Tod und Teufel nicht fürchteten, war Friedrich Adolf Wislizenus, der 1839 in die Dienste der »St. Louis Pelzkompanie« trat und mit Handelsexpeditionen bis in die Wind-River-Berge zog. Wislizenus war im Jahre 1810 in Königsee, Thüringen, als Sohn eines Pfarrers geboren worden. Er besuchte die Universitäten in Jena, Göttingen und Würzburg und studierte Medizin. Er beendete sein Studium in der Schweiz, arbeitete an Krankenhäusern in Paris und wanderte 1834 nach New York aus, wo er sich als Arzt niederließ. Zwei Jahre später zog er nach Westen und blieb zunächst in St. Louis. Von hier aus zog er mit Pelzhändlern in den fernen Westen. In den Wind-River-Bergen trennte Wislizenus sich von der Expedition und begleitete eine Gruppe von Nez-Perce-Indianern über die Rocky Mountains bis ins heutige Utah. Wislizenus sah den Westen noch nahezu unberührt und in scheinbar ewiger, wilder und berückender Schönheit. Noch waren die Flüsse nicht von Goldsuchern aufgewühlt, noch waren die Büffetherden nicht abgeschlachtet.

Wislizenus kehrte nach St. Louis zurück, richtete eine Arztpraxis ein und kehrte 1846 der Zivilisation wieder den Rücken: Mit einer Handelskarawane zog er nach Santa Fe und ins nördliche Mexiko. Hier wurde er vom Beginn des Krieges zwischen den USA und Mexiko überrascht. Anrückende Truppen der »westlichen Armee« retteten Wislizenus vor den Mexikanern, die ihn gefangengesetzt hatten. Ihm blieb jedoch nichts anderes übrig, als selbst die Uniform anzuziehen und als Militärarzt den Feldzug durch Mexiko mitzumachen. Ende 1847 war er wieder in St. Louis und schrieb ein Buch mit dem Titel »Memoirs of a Tour to Northern Mexico«, das als wichtige geographische Arbeit zur Aufklärung über das Leben im fernen Westen großen Anklang fand. Auch die folgenden Jahre brachte Wislizenus, der immer nur kurzfristig als Arzt praktizierte, mit ausgedehnten Reisen zu. Er zog noch einmal durch Europa, besuchte dann Südamerika und Kalifornien und ließ sich schließlich endgültig in St. Louis nieder, um sich seinen naturwissenschaftlichen Forschungen zu widmen.

Er gehörte zu den Gründern der »Academy of Science« und anderer wissenschaftlicher Gesellschaften. Er war kein Schreibstubengelehrter, sondern ein Mann der Tat, der bereits zu seiner Zeit als einer der bedeutendsten Erforscher des amerikanischen Westens galt. Der ferne Westen nahm ihn gefangen - aber er kehrte immer wieder in die Zivilisation zurück. Darin unterschied er sich von anderen, denen der Westen zum Schicksal wurde. Viele Jäger und Händler, die im Auftrag der Pelzhandelsfirmen in die Wildnis zogen, blieben verschollen. Die Jagd auf den Biber und andere wertvolle Pelztiere war gefährlich und aufreibend. Die meisten Trapper, die sich dem Leben in der Einsamkeit verschrieben hatten, gingen zugrunde, als die Zivilisation sie einholte. Die wenigsten waren für ein Leben in beiden Welten geeignet.
Als Astor starb, waren die Biber nahezu ausgerottet. Längst hatte sich die Mode anderen Fellen und Tierhäuten zugewandt, und der große Treck nach Westen hatte eingesetzt. Dort wo Astors Trapper einst die ersten und einzigen gewesen waren, fraßen sich die Spuren der endlosen Planwagentrecks durch die Prärie.

Levi Strauss,
der bayerische Tuchhändler, der im kalifornischen Goldrausch zum Erfinder der »Jeans« wurde.
Die »Levi's Hosen« sind noch heute das berühmteste Kleidungsstück der Welt.

Wenn die bärtigen, abgerissenen Abenteurer, die durch die Bäche Kaliforniens wateten oder mit Spitzhacken dem steinigen Boden zuleibe rückten, ihren Traum vom großen Goldfund träumten, trugen sie in den 1850er Jahren meist blaue Hosen aus derbem Segeltuch, deren Nähte mit Metallnieten verstärkt waren.
Abgewetzt und ausgeblichen, speckig und verdreckt aber ungemein robust, gehörten »Levi's Hosen« zur Ausrüstung eines jeden Goldsuchers. Von Kalifornien aus wurden die blauen Hosen im gesamten amerikanischen Westen verbreitet. Bergarbeiter und Cowboys, Farmer und Pony-Express-Reiter, Eisenbahnbauer und Postkutscher - alle trugen die unverwüstlichen Canvas-Hosen, die als »Blue Jeans« kaum hundert Jahre später auf der ganzen Welt bekannt sein sollten: Der bayerische Tuchhändler Levi Strauss hatte nichts als ein paar Ballen Baumwolle besessen, als er 1850 in Kalifornien an Land gegangen war. Als er starb, gehörte er zu den erfolgreichsten Unternehmern Amerikas.

Sein Name war, genauso wie die Markenbezeichnungen »Colt« und »Winchester«, in die Umgangssprache eingegangen.
Als Sohn des jüdischen Uhrmachers Hiram Strauss war Levi 1829 in Windsheim geboren worden. 1843, im Alter von 14 Jahren, reiste er allein nach Amerika. In New York besaßen seine älteren Brüder bereits ein gutgehendes Geschäft. Levi aber hielt sich nicht lange in der großen Stadt auf. Er zog weiter nach Kentucky und arbeitete fünf Jahre lang auf einer Farm. 1848 kehrte er nach New York zurück und absolvierte im Geschäft seiner Brüder eine Lehre als Tuchhändler. Von Anfang an stand für ihn fest, daß diese Zeit nur die Grundlage für seine eigene Selbständigkeit sein sollte.
Levi wurde vom fernen Westen wie magisch angezogen. Die Nachrichten von den Goldfunden in Kalifornien regten seine Phantasie an. 1850 schließlich erreichte der junge Mann San Francisco. Nahezu bettelarm, aber mit einem sicheren Instinkt für Geschäfte und unkonventionellen Ideen setzte er sich mit seinen »Levi's Hosen« nach einigen schweren, deprimierenden Monaten durch. Die blauen Hosen wurden zum Verkaufsschlager.

Als Strauss am 26. September 1902 starb, hieß es in einer Erklärung der Handelskammer von San Francisco:

»Mr. Strauss stand fast ein halbes Jahrhundert lang in der vordersten Reihe des Wirtschaftslebens von San Francisco und war als hervorragender und beliebter Kaufmann allgemein geehrt. Da unser dahingegangener Freund ein eingetragenes Mitglied der Handelskammer von San Francisco war, an deren Angelegenheiten er ein eifriges und ständiges Interesse bezeigte und bei deren Mitgliedern er allgemein beliebt und geschätzt war, und da Mr. Strauss in hohem Maß die edlen Eigenschaften der Großzügigkeit und des Mitgefühls für die leidende Menschheit besaß, die sein Lebenswerk so außerordentlich erfolgreich machten, und da ihm ein so bedeutender Anteil am Aufbau unserer großen Gemeinschaft zukommt, und da er sich in all seinen Beziehungen zu seinen Mitmenschen durch Höflichkeit und Zurückhaltung sowie vorzügliche Umgangsformen auszeichnete und sein starker Gerechtigkeitssinn und sein Pflichtgefühl vorbildlich waren, stellen wir hierdurch fest, daß der Staat Kalifornien durch den Tod von Levi Strauss einen bedeutenden, fähigen und weitblickenden Mitbürger verliert... Es sei festgehalten, daß die großen Anliegen der Erziehung und der Wohltätigkeit durch das Hinscheiden von Strauss ebenfalls einen unersetzlichen Verlust erleiden; seine großzügigen Zuwendungen an die Universität von Kalifornien legen davon Zeugnis ab.«

Strauss war nicht der einzige, der während des kalifornischen Goldrausches reich wurde, ohne jemals nach Gold suchen zu müssen. 1848 brachte das Ende des Krieges zwischen den USA und Mexiko den Vereinigten Staaten einen immensen territorialen Zugewinn. Unter anderem fiel auch das Gebiet von Kalifornien an die Amerikaner. Wenig später wurden die ersten Goldfunde gemacht. Eine beispiellose Westwärts-Bewegung kam in Gang.
Überall in Europa und in den östlichen Gebieten der USA ließen zahllose Menschen alles stehen und liegen und machten sich auf den Weg in den »goldenen Staat«, in dem - der Legende zufolge - das Gold auf der Straße lag. Ab 1849 bewegten sich endlose Trecks durch die Prärie. Gleichzeitig umrundete Schiff um Schiff die Südspitze Südamerikas. In der Bucht von San Francisco gingen Scharen von Glücksrittern und Abenteurern, die das Goldfieber erfaßt hatte, an Land. Städte schossen über Nacht aus dem Boden. Träume wurden wahr - viel öfter aber wurde der Traum vom Gold zum Alptraum. In Dreck, Elend und Verzweiflung gingen unzählige Menschen namenlos zugrunde.
Über die Zustände in San Francisco, das bis zum Beginn des Goldrausches ein schäbiges Nest gewesen war, schrieb der Hamburger Seemann Adolphus Windeler, der mit einigen anderen deutschen Seeleuten sein Schiff verließ und selbst - erfolglos - nach Gold suchte, am 6. Dezember 1849 in sein Tagebuch: -
»San Francisco bietet den Anblick einer ziemlich erbärmlichen Stadt. Kleine Holzhütten und dreckige, schlammige Straßen. Das alles erinnert eher an ein Soldatencamp als an eine Stadt. Viele Menschen hausen in Erdlöchern, die sie in die Hügel am Rande des Ortes gegraben haben. Dabei sieht man überall unerhörte Mengen von Geld. In diesen Drecklöchern wird sehr viel Geld verdient, aber die Lebenshaltungskosten sind entsprechend hoch.
Ein Bett in einem Boardinghouse kostet zwischen 12 und 28 Dollar in der Woche. Der Tageslohn eines Handwerkers beträgt zwischen 12 und 16 Dollar.
Die Miete für ein Haus kostet im Monat bis zu 200 Dollar. Für eine einzige Kartoffel werden 4 Cents verlangt, und ein Pfund Salzfleisch kostet 35 Dollar.«
Das war nur der Anfang. Binnen weniger Monate verdoppelten und verdreifachten sich die Preise. Dabei kamen die immer gewaltiger werdenden Goldfunde immer nur sehr wenigen zugute. Die hohen Preise für den Lebensunterhalt zehrten die bescheidenen Erträge der meisten Goldsucher sofort wieder auf.

Der Aufstieg von Levi Strauss in dieser, im Goldfieber taumelnden Gesellschaft, war der Niedergang eines anderen Deutschen:
Johann August Sutter, (im Volksmund »Kaiser von Kalifornien«)

oft als Schweizer bezeichnet, stammte tatsächlich aus der kleinen Gemeinde Kandern in Baden, wo er am 28. Februar 1803 geboren worden war. Er besuchte die Kadettenschule in Thun in der Schweiz und ließ sich in Burgdorf als Kaufmann nieder. Sutter lebte über seine Verhältnisse. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als vor seinen Gläubigern zu flüchten. Er ließ seine Familie zurück, ging über die Grenze und tauchte 1834 in St. Louis auf.
Ein abenteuerlicher Lebensweg begann: Drei Jahre lang zog Sutter mit den Trecks der Händler durch die Wildnis nach Santa Fe, der Metropole der Trapper, Indianer und Pelzhändler im schwach besiedelten Südwesten. 1838 kehrte er nicht mehr nach St. Louis zurück, sondern ritt mit einigen Jägern über die Rocky Mountains nach Oregon. Von hier aus reiste er nach Hawaii weiter, rüstete eine Handelsexpedition nach Alaska aus, damals noch eine Provinz des zaristischen Rußland, und gelangte 1840 nach Kalifornien, wo er der mexikanischen Verwaltung selbstbewußt Kolonisationspläne unterbreitete.

Er hatte Erfolg: Der mexikanische Gouverneur übereignete ihm ein großes Stück Land, und Sutter errichtete dort, wo sich heute Sacramento,
die Hauptstadt Kaliforniens, befindet, seine Kolonie Neu-Helvetia, deren Mittelpunkt eine Festung wurde. Werkstätten entstanden, Felder wurden angelegt, bald standen Viehherden auf den saftigen Weiden. Sutters Kolonie wurde zum pulsierenden Zentrum für Siedler, Kaufleute und Handelsagenten von den Schiffen, die an der kalifornischen Küste landeten. Sutter, der verkrachte deutsche Kaufmann, wurde zu einem erfolgreichen und wohlhabenden Kolonisator. Er war der wichtigste Mann nach dem Gouverneur, der »Kaiser von Kalifornien«.

Als beim Bau einer Sägemühle am 19. Januar 1848 das erste Gold gefunden wurde, begann sein Abstieg. Sutter ahnte, was die Goldfunde auslösen würden und versuchte, die Nachricht geheimzuhalten. Es gelang nicht. Es kam, wie es kommen mußte:
Zunächst brach unter den Bewohnern der sorgsam aufgebauten Kolonie ein Chaos aus. Dann strömten die ersten Glücksritter ins Land. Heinrich Lienhard, ein enger Mitarbeiter Sutters, schrieb: »Es kam einem vor, als ob das ganze Volk den Verstand verloren hätte.« Die geordneten Verhältnisse in Neu-Helvetia änderten sich grundlegend.

Lienhard bemerkte in seinem Lebensbericht:
»Spiel, Betrug, Raub, Sauferei und selbst Mord schien bald zur Tagesordnung im Fort zu werden, von Gesetz und Ordnung blieb kaum noch ein Schatten übrig. Viele der ersten Goldgräber waren entlaufene Matrosen, Soldaten oder Vagabunden, welche früher vielleicht nie 100 Dollars zu eigen hatten, daher schien ihnen ihr Reichtum, wenn sie mehrere Hundert oder gar Tausend Dollars besaßen, fast unerschöpflich.«

Ganze Heere von Goldsuchern besetzten Sutters Land. Seine verbrieften Ansprüche wurden nicht anerkannt. Binnen weniger Wochen blieben von seiner blühenden Kolonie nur Trümmer: Goldgräber hatten seine Felder zertrampelt, seine Straßen und Wege aufgerissen und die Bäche umgeleitet. Sutter begann einen verzweifelten und vergeblichen Kampf um sein Recht. Eine endlose Kette von Prozessen laugte den energischen und visionären Mann aus. Seine mexikanischen Besitztitel wurden verworfen, Entschädigungen zunächst abgelehnt. Sutter verließ den »goldenen Staat«.
In Washington lief er mit seinen Petitionen die Türen der Behörden ein und bombardierte Kongreßabgeordnete und Senatoren mit Forderungen. Im Gegensatz zur Legende starb er allerdings nicht verarmt und verelendet auf den Stufen des Kapitols. Sutter verlor zwar seinen großen Reichtum, war aber keineswegs ruiniert.
Seine kolonisatorischen Verdienste waren nicht vergessen.

Schon John C. Fremont schrieb, als er 1844 nach Kalifornien kam:
»Durch diese Niederlassungen haben die Vereinigten Staaten stillschweigend Besitz von Nord-Kalifornien ergriffen, und die mexikanische Regierung ist außerstande, diese friedliche Eroberung ihnen streitig machen zu können.«
Im Krieg gegen Mexiko sollte es sich erweisen, daß diese Beschreibung richtig war: Sutters Kolonie bot der einmarschierenden amerikanischen Armee Rückhalt und trug entscheidend dazu bei,
daß Kalifornien amerikanisches Gebiet wurde.
Sutter lebte seit 1857 mit einer ansehnlichen Pension in einer Kleinstadt bei Washington. Er starb am 18. Juni 1888 in einem Zimmer von Made's Hotel in der Bundeshauptstadt. Seiner Frau wurde die vom Kongreß noch zu Lebzeiten Sutters bewilligte Entschädigung von 50`000 Dollar ausgezahlt. Kalifornien vergaß ihn nicht, ging aber über ihn hinweg. Karrieren wurden - überall im Westen - gemacht und verspielt. Vermögen wurden über Nacht gewonnen und genauso schnell durchgebracht.

Als Kalifornien am 9. September 1850 als 31. Staat in die USA aufgenommen wurde, waren es die deutschen Künstler Karl Christian und Hugo Nahl aus Kassel, die Staatswappen und -flagge des neuen Bundesstaates entwarfen, nachdem sie, mit Zeichenfeder und Papier ausgerüstet, vorher schon zu Bildchronisten des Goldrausches geworden waren. Der Hamburger Karl Maria Weber, der 1836 in die USA gekommen war, zog schon 1841 nach Kalifornien und stand zeitweise in Sutters Dienst. Er gründete die Stadt Stockton und verstand es, den Goldrausch in seinem Distrikt unter Kontrolle zu halten. Er sorgte für den stetigen Ausbau von Straßen und Bewässerungsanlagen, so daß Stockton auch während des heftigsten Goldfiebers eine geordnete Entwicklung nahm.
Ebenfalls glücklicher als Sutter war der 1822 geborene Heinrich Taschemaeher, der 1842 in das verschlafene Yerba Buena kam, jenes Nest, aus dem das prosperierende San Francisco entstehen sollte. Von 1859 bis 1861 stand er dem Stadtrat vor und wurde 1862, als das Amt des Bürgermeisters von San Francisco geschaffen wurde, für weitere 2 Jahre Stadtoberhaupt.


Die Schlitz-Brauerei in Milwaukee, Wisconsin, 1849 von Joseph Schlitz gegründet.

 

George Washington war hoch erfreut, als ihm auf seinem Landsitz Mount Vernon von einer prächtig gekleideten Delegation zwei herrliche Kristallpokale, in die sein Wappen eingeschliffen worden war, überreicht wurden. Die Delegation wurde von dem Bremer Pfarrer Johann Friedrich Amelung geleitet. Amelung war im Jahre 1784 mit einer zwischen 300 und 400 Personen umfassenden deutschen Auswanderergruppe - Bäcker, Schuhmacher, Schmiede, Tischler und Glasbläser - nach Amerika gekommen. Amelung ließ am Benetts Creek die erste große Glasfabrik in Nordamerika, die hohle Glaswaren herstellte, errichten, deren Erzeugnisse sehr bald auch die Aufmerksamkeit des Präsidenten erregten.
Washington schrieb in einem Brief an Thomas Jefferson: »Am Monocacy-Fluß, unweit Frederick in Maryland, ist eine Glasfabrik großen Stils errichtet worden. Man hat mir gesagt, daß dort in diesem Jahr Glaswaren aller Art im Werte von 10`000 Pfund hergestellt werden sollen.«
Nachdem die deutschen Glasbläser ihn mit einigen ausgesuchten Stücken aus ihrer Produktion beschenkt hatten, konnte er sich selbst von der Qualität ihrer Arbeit überzeugen. Die Freimaurerloge von Alexandria, deren Meister Washington war, erteilte der Fabrik Amelungs danach sofort einen größeren Auftrag, und auch die Holland-Loge in New York bestellte in der deutschen Glasfabrik Karaffen, Gläser und Spiegel, die teilweise noch heute aufbewahrt werden.

 

 


Die Pabst-Brauerei in Milwaukee entstand 1844 aus der Brauerei von Jacob Best
und wurde später von Friedrich und Gustav Pabst zu einer der größten Brauereien der USA gemacht.

 

1796 verlegte Amelung seine Produktion nach Baltimore. Dieses frühe Beispiel industrieller Aktivitäten von Deutschen in der Neuen Welt ist beliebig erweiterbar. Die deutschen Einwanderer, sehr oft sogar solche, die nur mit geringen Mitteln in Amerika angelangt waren, erkannten sehr schnell die großen Chancen, die dieses, sich noch in vollster Entwicklung befindende Land jedem bot, der Phantasie, Ideen und Arbeitskraft besaß. Johann Jacob Astor, Levi Strauss oder auch die Rockefellers, deren Vorfahren 1733 aus Deutschland eingewandert waren, gehören zu den bekanntesten Beispielen.
An Fleiß hatte es den Deutschen nie gefehlt. Die spekulative Art des Geldgewinns war nicht ihre Sache. Die meisten Unternehmen, die von deutschstämmigen Einwanderern gegründet wurden, beruhten nicht auf Börsenmanipulationen, sondern auf harter Arbeit und eiserner Sparsamkeit. Traumkarrieren »vom Tellerwäscher zum Millionär« entsprachen zwar gelegentlich wirklich dem Werdegang deutscher Industrieller, kamen aber insgesamt gesehen viel seltener vor als gemeinhin angenommen. Tatsächlich wurde es auch im »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer schwieriger, ohne eigenes Grundkapital zu Vermögen zu kommen. Mindestvoraussetzung für den Erfolg waren gründliche Fachkenntnisse.

Der Publizist Richard O'Connor schrieb: »Als Unternehmer verfuhren die Deutsch-Amerikaner ganz allgemein nach der gleichen Methode. Es war typisch für sie alle, daß sie sich zunächst eine solide Basis schufen und alle Einzelheiten ihrer künftigen geschäftlichen Unternehmungen sehr genau prüften, bevor sie ihre Energien einsetzten, um diese Pläne zu verwirklichen.«
Sie verließen sich nicht auf ein zweifelhaftes, launisches Glück. Bei manchem dauerte der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufstieg daher etwas länger als bei vergleichbaren anderen Unternehmungen amerikanischer Geschäftsleute, hatte dafür aber in der Regel ein gesünderes Fundament. Bestimmte Fabrikationen in der Neuen Welt wurden von Anfang an von Unternehmern deutscher Herkunft beherrscht, dazu gehörten neben der Glasfabrikation der Wagenbau, die Kunst- und Möbeltischlerei, der Instrumentenbau, die Pharmazie, die Zuckersiederei und die Bierbrauerei. Eine starke Rolle spielten die Deutschen auch bei der Herstellung von Konserven und in der Textilbranche.

 

 



1857 gründete Eberhard Anheuser in St. Louis eine Brauerei.
1865 trat Adolphus Busch in das Geschäft ein. Die Anheuser & Busch-Brauerei war geboren.
Um die Jahrhundertwende war das Unternehmen die größte Brauerei der Welt,
hatte die Herstellung von Flaschenbier entscheidend verbessert und intensiviert,
unterhielt eigene Eis- und Glasfabriken, Faß-, Wagen- und Maschinenwerkstätten und eine eigene Eisenbahn.

 


Die Brauereien »Anheuser & Busch«. »Pabst«, »Schlitz« und »Blatz« wurden in den Pionierjahren Amerikas gegründet und existieren noch heute.
Das deutsche Bier wurde auch in der Neuen Welt zu einem Volksgetränk.

 

 

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