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Die Deutschen
in der
Seite 1
»Heute
gibt es in der Tat kaum einen Geschäftszweig, in welchem die Deutschen
nicht stark vertreten sind. Gewisse Zweige des Großhandels und
der Wareneinfuhr beherrschen sie nahezu ausschließlich; im Kleinhandel
und Handwerk, soviel von letzterem bei den alles aufsaugenden und monopolisierenden
Bestrebungen der Trusts übriggeblieben ist, prosperieren sie entschieden
mehr als die Amerikaner und Irländer. Wenn Johann Jacob Astor sich als Kind auf dem Heuboden des Bauern, dessen Hof neben der heruntergekommenen Metzgerei seines Vaters lag, ein Nachtlager bereitete und das Knurren seines Magens mit einem trockenen Stück Brot zu stillen versuchte, träumte er von einem besseren Leben. Er ging barfuß zur Dorfschule, wo er mühsam lesen und schreiben und »Summen zusammenzählen« lernte, trug die zerlumpte und oft geflickte Kleidung seiner älteren Brüder auf, und oft war sein Rücken grün und blau unterlaufen, weil sein Vater betrunken einen Stock auf ihm zertrümmert hatte. Seine Brüder waren längst aus dem Elternhaus geflohen. Einer war sogar im Söldnerheer, das deutsche Fürsten der englischen Krone für den Krieg in Amerika zur Verfügung gestellt hatten, in die Neue Welt gezogen und nicht mehr zurückgekehrt. Eines Tages, das wußte der Junge, würde auch er gehen, und er würde seinen Traum wahrmachen. Obwohl er in
Enge und Bedrückung heranwuchs, entwickelte er einen offenen, weiten
Blick. Am 17. Juli 1763 war Johann Jacob Astor in Waldorf geboren worden.
Mit 17 Jahren verließ auch er sein Heimatdorf und ging zunächst
nach England, wo er bei einem seiner Brüder Unterschlupf fand und
die englische Sprache lernte. 1786 eröffnete
er mit seinen Ersparnissen ein eigenes Geschäft und unternahm selbst
Reisen zu den Handelsplätzen der Trapper, um Pelze aufzukaufen.
Er zog Jahr um Jahr bis nach Montreal hinauf und schaffte seine Felle
selbst nach England, wo er Handelswaren für Amerika einkaufte und
mit vollbeladenen Schiffen zurückkehrte. Rudolf Cronau
schrieb: Die Station wurde
1811 an der Mündung des Columbia River gebaut und erhielt den Namen
»Astoria«. Trotzdem scheiterte das ungewöhnlich kühne
Projekt zunächst. Astor hatte seine Möglichkeiten, vom sicheren
New York aus den weiten Westen zu erschließen, über dessen
wahre Ausdehnung und Lebensbedingungen zu jener Zeit nur ungenaue Vorstellungen
existierten, überschätzt. Außerdem bereitete ihm der
Ausbruch des Krieges zwischen Amerika und England zwischen 1812 und
1814 die größten Schwierigkeiten. In den 1830er
Jahren zog sich Astor, der den Westen nie gesehen, der aber durch seine
geschäftliche Energie und seinen Weitblick zur Erschließung
des wilden Landes beigetragen hatte, von vielen Geschäften zurück.
Als er am 29. März 1848 starb, war er der reichste Mann der Vereinigten
Staaten. Trotz seines nebukadnezerhaften Reichtums, der ihm weitreichenden
Einfluß in Staat und Gesellschaft gesichert hatte, war er der
Junge geblieben, der oft gehungert hatte, der wußte, was Armut
war: Die feine Gesellschaft der Ostküste schockierte er bis zum
Schluß, indem er sich nach dem Essen mit dem Tischtuch den Mund
abwischte und ungeniert in der Nase bohrte. Während seine Kinder
bereits die Gewohnheiten des Geldadels Amerikas angenommen hatten, blieb
er bis zu seinem Tode der einfache, anspruchslose Mann. Gleichzeitig
aber erwies sich der notorische Geizhals, der in seinem Haus mit dem
Cent knauserte, als großzügiger Mäzen: Während er in New York über seinen Büchern saß und Zahlenkolonnen addierte und noch als alter Mann die Lagerhäuser seiner Firma aufsuchte, um persönlich die Motten aus den Pelzen zu schlagen, streiften Tag für Tag in seinem Auftrag Jäger und Händler durch die Weiten des amerikanischen Westens, saßen an den Lagerfeuern der roten Stämme und tauschten billige Glasperlen, Waffen und Alkohol gegen wertvolles Pelzwerk ein oder standen stundenlang in eiskaltem Wasser, um Biberfallen auszulegen. Einer dieser kühnen Männer, die Tod und Teufel nicht fürchteten, war Friedrich Adolf Wislizenus, der 1839 in die Dienste der »St. Louis Pelzkompanie« trat und mit Handelsexpeditionen bis in die Wind-River-Berge zog. Wislizenus war im Jahre 1810 in Königsee, Thüringen, als Sohn eines Pfarrers geboren worden. Er besuchte die Universitäten in Jena, Göttingen und Würzburg und studierte Medizin. Er beendete sein Studium in der Schweiz, arbeitete an Krankenhäusern in Paris und wanderte 1834 nach New York aus, wo er sich als Arzt niederließ. Zwei Jahre später zog er nach Westen und blieb zunächst in St. Louis. Von hier aus zog er mit Pelzhändlern in den fernen Westen. In den Wind-River-Bergen trennte Wislizenus sich von der Expedition und begleitete eine Gruppe von Nez-Perce-Indianern über die Rocky Mountains bis ins heutige Utah. Wislizenus sah den Westen noch nahezu unberührt und in scheinbar ewiger, wilder und berückender Schönheit. Noch waren die Flüsse nicht von Goldsuchern aufgewühlt, noch waren die Büffetherden nicht abgeschlachtet. Wislizenus kehrte nach St. Louis zurück, richtete eine Arztpraxis ein und kehrte 1846 der Zivilisation wieder den Rücken: Mit einer Handelskarawane zog er nach Santa Fe und ins nördliche Mexiko. Hier wurde er vom Beginn des Krieges zwischen den USA und Mexiko überrascht. Anrückende Truppen der »westlichen Armee« retteten Wislizenus vor den Mexikanern, die ihn gefangengesetzt hatten. Ihm blieb jedoch nichts anderes übrig, als selbst die Uniform anzuziehen und als Militärarzt den Feldzug durch Mexiko mitzumachen. Ende 1847 war er wieder in St. Louis und schrieb ein Buch mit dem Titel »Memoirs of a Tour to Northern Mexico«, das als wichtige geographische Arbeit zur Aufklärung über das Leben im fernen Westen großen Anklang fand. Auch die folgenden Jahre brachte Wislizenus, der immer nur kurzfristig als Arzt praktizierte, mit ausgedehnten Reisen zu. Er zog noch einmal durch Europa, besuchte dann Südamerika und Kalifornien und ließ sich schließlich endgültig in St. Louis nieder, um sich seinen naturwissenschaftlichen Forschungen zu widmen. Er gehörte
zu den Gründern der »Academy of Science« und anderer
wissenschaftlicher Gesellschaften. Er war kein Schreibstubengelehrter,
sondern ein Mann der Tat, der bereits zu seiner Zeit als einer der bedeutendsten
Erforscher des amerikanischen Westens galt. Der ferne Westen nahm ihn
gefangen - aber er kehrte immer wieder in die Zivilisation zurück.
Darin unterschied er sich von anderen, denen der Westen zum Schicksal
wurde. Viele Jäger und Händler, die im Auftrag der Pelzhandelsfirmen
in die Wildnis zogen, blieben verschollen. Die Jagd auf den Biber und
andere wertvolle Pelztiere war gefährlich und aufreibend. Die meisten
Trapper, die sich dem Leben in der Einsamkeit verschrieben hatten, gingen
zugrunde, als die Zivilisation sie einholte. Die wenigsten waren für
ein Leben in beiden Welten geeignet. Levi Strauss,
Wenn die bärtigen,
abgerissenen Abenteurer, die durch die Bäche Kaliforniens wateten
oder mit Spitzhacken dem steinigen Boden zuleibe rückten, ihren
Traum vom großen Goldfund träumten, trugen sie in den 1850er
Jahren meist blaue Hosen aus derbem Segeltuch, deren Nähte mit
Metallnieten verstärkt waren. Sein Name war,
genauso wie die Markenbezeichnungen »Colt« und
»Winchester«, in die Umgangssprache eingegangen. Als Strauss am 26. September 1902 starb, hieß es in einer Erklärung der Handelskammer von San Francisco: »Mr. Strauss stand fast ein halbes Jahrhundert lang in der vordersten Reihe des Wirtschaftslebens von San Francisco und war als hervorragender und beliebter Kaufmann allgemein geehrt. Da unser dahingegangener Freund ein eingetragenes Mitglied der Handelskammer von San Francisco war, an deren Angelegenheiten er ein eifriges und ständiges Interesse bezeigte und bei deren Mitgliedern er allgemein beliebt und geschätzt war, und da Mr. Strauss in hohem Maß die edlen Eigenschaften der Großzügigkeit und des Mitgefühls für die leidende Menschheit besaß, die sein Lebenswerk so außerordentlich erfolgreich machten, und da ihm ein so bedeutender Anteil am Aufbau unserer großen Gemeinschaft zukommt, und da er sich in all seinen Beziehungen zu seinen Mitmenschen durch Höflichkeit und Zurückhaltung sowie vorzügliche Umgangsformen auszeichnete und sein starker Gerechtigkeitssinn und sein Pflichtgefühl vorbildlich waren, stellen wir hierdurch fest, daß der Staat Kalifornien durch den Tod von Levi Strauss einen bedeutenden, fähigen und weitblickenden Mitbürger verliert... Es sei festgehalten, daß die großen Anliegen der Erziehung und der Wohltätigkeit durch das Hinscheiden von Strauss ebenfalls einen unersetzlichen Verlust erleiden; seine großzügigen Zuwendungen an die Universität von Kalifornien legen davon Zeugnis ab.« Strauss war nicht
der einzige, der während des kalifornischen Goldrausches reich
wurde, ohne jemals nach Gold suchen zu müssen. 1848 brachte das
Ende des Krieges zwischen den USA und Mexiko den Vereinigten Staaten
einen immensen territorialen Zugewinn. Unter anderem fiel auch das Gebiet
von Kalifornien an die Amerikaner. Wenig später wurden die ersten
Goldfunde gemacht. Eine beispiellose Westwärts-Bewegung kam in
Gang. Der Aufstieg
von Levi Strauss in dieser, im Goldfieber taumelnden Gesellschaft, war
der Niedergang eines anderen Deutschen: oft als Schweizer
bezeichnet, stammte tatsächlich aus der kleinen Gemeinde Kandern
in Baden, wo er am 28. Februar 1803 geboren worden war. Er besuchte
die Kadettenschule in Thun in der Schweiz und ließ sich in Burgdorf
als Kaufmann nieder. Sutter lebte über seine Verhältnisse.
Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als vor seinen
Gläubigern zu flüchten. Er ließ seine Familie zurück,
ging über die Grenze und tauchte 1834 in St. Louis auf. Er hatte Erfolg:
Der mexikanische Gouverneur übereignete ihm ein großes Stück
Land, und Sutter errichtete dort, wo sich heute Sacramento, Als beim Bau
einer Sägemühle am 19. Januar 1848 das erste Gold gefunden
wurde, begann sein Abstieg. Sutter ahnte, was die Goldfunde auslösen
würden und versuchte, die Nachricht geheimzuhalten. Es gelang nicht.
Es kam, wie es kommen mußte: Lienhard bemerkte
in seinem Lebensbericht: Ganze Heere von
Goldsuchern besetzten Sutters Land. Seine verbrieften Ansprüche
wurden nicht anerkannt. Binnen weniger Wochen blieben von seiner blühenden
Kolonie nur Trümmer: Goldgräber hatten seine Felder zertrampelt,
seine Straßen und Wege aufgerissen und die Bäche umgeleitet.
Sutter begann einen verzweifelten und vergeblichen Kampf um sein Recht.
Eine endlose Kette von Prozessen laugte den energischen und visionären
Mann aus. Seine mexikanischen Besitztitel wurden verworfen, Entschädigungen
zunächst abgelehnt. Sutter verließ den »goldenen Staat«.
Schon John C.
Fremont schrieb, als er 1844 nach Kalifornien kam: Als Kalifornien
am 9. September 1850 als 31. Staat in die USA aufgenommen wurde, waren
es die deutschen Künstler Karl Christian und Hugo Nahl aus Kassel,
die Staatswappen und -flagge des neuen Bundesstaates entwarfen, nachdem
sie, mit Zeichenfeder und Papier ausgerüstet, vorher schon zu Bildchronisten
des Goldrausches geworden waren. Der Hamburger Karl Maria Weber, der
1836 in die USA gekommen war, zog schon 1841 nach Kalifornien und stand
zeitweise in Sutters Dienst. Er gründete die Stadt Stockton und
verstand es, den Goldrausch in seinem Distrikt unter Kontrolle zu halten.
Er sorgte für den stetigen Ausbau von Straßen und Bewässerungsanlagen,
so daß Stockton auch während des heftigsten Goldfiebers eine
geordnete Entwicklung nahm.
George Washington
war hoch erfreut, als ihm auf seinem Landsitz Mount Vernon von einer
prächtig gekleideten Delegation zwei herrliche Kristallpokale,
in die sein Wappen eingeschliffen worden war, überreicht wurden.
Die Delegation wurde von dem Bremer Pfarrer Johann Friedrich Amelung
geleitet. Amelung war im Jahre 1784 mit einer zwischen 300 und 400 Personen
umfassenden deutschen Auswanderergruppe - Bäcker, Schuhmacher,
Schmiede, Tischler und Glasbläser - nach Amerika gekommen. Amelung
ließ am Benetts Creek die erste große Glasfabrik in Nordamerika,
die hohle Glaswaren herstellte, errichten, deren Erzeugnisse sehr bald
auch die Aufmerksamkeit des Präsidenten erregten.
1796 verlegte
Amelung seine Produktion nach Baltimore. Dieses frühe Beispiel
industrieller Aktivitäten von Deutschen in der Neuen Welt ist beliebig
erweiterbar. Die deutschen Einwanderer, sehr oft sogar solche, die nur
mit geringen Mitteln in Amerika angelangt waren, erkannten sehr schnell
die großen Chancen, die dieses, sich noch in vollster Entwicklung
befindende Land jedem bot, der Phantasie, Ideen und Arbeitskraft besaß.
Johann Jacob Astor, Levi Strauss oder auch die Rockefellers, deren Vorfahren
1733 aus Deutschland eingewandert waren, gehören zu den bekanntesten
Beispielen. Der Publizist
Richard O'Connor schrieb: »Als Unternehmer verfuhren die Deutsch-Amerikaner
ganz allgemein nach der gleichen Methode. Es war typisch für sie
alle, daß sie sich zunächst eine solide Basis schufen und
alle Einzelheiten ihrer künftigen geschäftlichen Unternehmungen
sehr genau prüften, bevor sie ihre Energien einsetzten, um diese
Pläne zu verwirklichen.«
Die Brauereien
»Anheuser & Busch«. »Pabst«, »Schlitz«
und »Blatz« wurden in den Pionierjahren Amerikas gegründet
und existieren noch heute.
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