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Die
Deutschen in der
Seite 2
Eine Erfindung,
die die Drucktechnik auf der ganzen Welt revolutionierte, machte der
deutsche Uhrmacher Ottmar Mergenthaler. Seine Setzmaschine - die Linotype
- war, wie ein Zeitgenosse enthusiastisch schrieb, »die Neuerfindung
der Druckerkunst«. Ottmar Mergenthaler aus Hachtel bei Bad Mergentheim erfand in Amerika die Linotype und revolutionierte damit die Drucktechnik. Mergenthaler wurde am 11. Mai 1854 in Hachtel bei Mergentheim als Sohn eines Lehrers geboren. In Bietigheim absolvierte er eine Uhrmacherlehre. 1872 wanderte er nach Amerika aus und fand Arbeit in einer Fabrik für elektrische Geräte. Ab 1876 arbeitete er an seiner Setzmaschine, deren Grundtyp er von einem anderen Erfinder übernommen hatte, der mit seiner Entwicklung nicht weitergekommen war. 1884 gelang ihm, nach vielen Fehlschlägen, der Durchbruch. Ein Augenzeuge berichtete: »Der Tag, an dem die Maschine ausprobiert werden sollte, wurde festgesetzt, und wenigstens ein Dutzend von interessierten Zuschauern füllte den kleinen Arbeitsraum in Bank Lane. Die Zuschauer waren zu früh gekommen. Mergenthaler mußte die letzten Vorbereitungen in Gegenwart einer Gesellschaft von mehr oder weniger aufgeregten Aktionären und deren Freunden treffen. Er fühlte sich des Erfolges sicher, benahm sich ruhig und gemessen, wie er es bei weniger wichtigen Gelegenheiten gewöhnt war. Endlich schien alles fertig zu sein. Er setzte eine Zeile auf dem Tastbrett, drehte dann die Antriebsscheibe mit der Hand, beobachtete jede Verrichtung der Maschine, bis sie jede Leistung ausgeführt hatte und hörte auf. Alles war in Ordnung. Mergenthaler ersuchte nun um die Anwendung der Dampfkraft, setzte wieder eine Zeile, entfernte den Stöpsel von der Metallpumpe und berührte die Zeilentaste. Ruhig und leise glitten die Matrizen an die für sie bestimmten Plätze, wurden festgehalten und ausgerichtet, die Pumpe entleerte sich, eine fertige Zeile, wie Silber scheinend, fiel aus der Maschine, und die Matrizen kehrten an ihre normalen Plätze zurück. All dies war die Arbeit von nur 15 Sekunden. Einige solche Zeilen wurden nun von Mergenthaler auf diese Art angefertigt.« Die Skepsis war groß, und es war für Mergenthaler besonders bitter, daß die Bedeutung seiner Erfindung zunächst in der alten Heimat herabgewürdigt wurde. Er ließ sich nicht entmutigen: Am 3. Juli 1886 wurde die erste Mergenthaler-Linotype in der Druckerei der »New York Tribune« aufgestellt. Der Siegeszug von Mergenthalers Erfindung hatte begonnen. Eine ganz andere
Branche vertrat Ferdinand Schumacher aus Celle, 1822 geboren und 1850
in die USA eingewandert. Er arbeitete zunächst auf einer Farm,
eröffnete dann in Akron, Ohio, einen Saloon und pachtete wenige
Jahre darauf eine Getreidemühle. Das war der Anfang der »German
Mills«, eines Mühlengroßbetriebes, der bald Mehl,
Haferflocken, Graupen und Farina für mehr als 2 Millionen Dollar
jährlich erzeugte. Als Schumacher sich um die Jahrhundertwende
aus dem Geschäft zurückzog, war er mehrfacher Millionär.
Er starb 1908 in Akron. Bernhard G. Amend wurde im Dezember 1821 in Darmstadt geboren, erhielt eine Ausbildung als Pharmazeut und kam 1848 nach Amerika. 1851 erwarb er eine Apotheke in New York, tat sich mit seinem Jugendfreund Charles Eimer zusammen und begründete mit ihm eines der größten pharmazeutischen Geschäfte New Yorks. Er repräsentierte damit einen Industriezweig, der in den USA in starkem Maß ein Betätigungsfeld deutscher Einwanderer war. In Amends Betrieb wurden Patentmedizinen und Chemikalien jeglicher Art hergestellt und in alle Teile der USA vertrieben. Amend handelte mit medizinischen Gerätschaften, unterhielt eine eigene Fabrikation von Laborapparaturen und eine große Drogerie. Die größte Spitzenweberei der Vereinigten Staaten entstand in Philadelphia aus einer kleinen Handweberei, die Wilhelm Horstmann aus Hessen-Kassel, der 1815 in die USA gekommen war, eingerichtet hatte. Da er zunächst kein eigenes Kapital hatte, erfand und baute er seine Maschinen selbst. Neben der Familie Studebaker, die nicht nur der größte Frachtwagenhersteller der Vereinigten Staaten war, sondern auch zu den ersten gehörte, die ins Automobilgeschäft einstiegen, baute der deutsche Wagenmacher Martin Brill eine der größten Werkstätten Amerikas auf. Er war im Februar 1846 in Kassel geboren worden und gründete 1868 mit seinem Vater in Philadelphia in einem windschiefen Schuppen eine Werkstatt, in der er Straßenbahnwaggons herstellte. Wenige Jahre später besaß er die größte Straßenbahnwagenfabrik Amerikas, kaufte kleinere Betriebe in anderen Städten auf und errichtete auch in England Fabriken. Allein seine amerikanischen Betriebe stellten um die Jahrhundertwende einen Wert von 58 Millionen Dollar dar. Brill starb im Jahre 1908. Einer der reichsten
Männer der Vereinigten Staaten war der bescheiden und zurückhaltend
lebende »Holzkönig Amerikas« Friedrich Weyerhäuser.
1834 wurde er in Niederfaulheim, Rheinhessen, geboren und kam 1852
mit seinen Geschwistern und seiner Mutter nach Amerika. Die Familie
ließ sich in Illinois nieder, wo Weyerhäuser eine Lehre
in einer Sägemühle begann. Nach sechs Monaten war der unermüdlich
arbeitende Weyerhäuser bereits Chef des Betriebes, und ein weiteres
halbes Jahr später konnte er das Unternehmen zusammen mit einem
Freund kaufen. »Weyerhäuser ist der unbestrittene »König des Waldes« der Vereinigten Staaten. Kolossale Forsten, die sich von dem Gebiet der Großen Seen über die Felsengebirge und die Küste des Stillen Ozean entlang von Kalifornien bis nach Kanada erstrecken, nennt er sein Eigen. Urwälder, in die nur selten ein Jäger oder Trapper eindringt, gehören ihm. Das Waldland, dessen Besitzes sich dieser bescheidene Graubart erfreut, kommt an Größe vielleicht dem Flächeninhalt der 3 Staaten Indiana, Illinois und Iowa gleich, und seine Sägemühlen, deren hungriger Stahl jahraus, jahrein tiefer in das Herz der Wildnis schneidet, könnten den gesamten Holzbedarf Deutschlands decken.« Weyerhäusers
Betrieb existiert noch heute. In seiner Art zu leben war er typisch
für die meisten deutsch-amerikanischen Unternehmer: Ihr Lebensstil
blieb bei allem Reichtum bescheiden. Sie vergaßen nicht, in
welcher Not sie einmal gelebt hatten. Zeitgenossen nannten seine Brücken »technische Weltwunder«. Tatsächlich waren sie zwar das Ergebnis eines kühnen Geistes, beruhten aber auf soliden Berechnungen. Er galt im 19. Jahrhundert als der größte Brückenbauer Amerikas, doch als Johann August Roebling amerikanischen Boden betrat, hatte er alles Mögliche im Sinn, nur nicht den Bau von Brücken und Straßen. Farmer wollte er werden, ein einfaches Leben auf dem Land wollte er führen, gemäß christlichen und naturphilosophischen Grundsätzen. Am 12. Juni 1806 wurde er in Mühlhausen in Thüringen geboren, besuchte das Gymnasium, studierte Philosophie und Mathematik und wurde Ingenieur, ohne mit diesem Beruf besonders glücklich zu sein. Während er zwischen 1827 und 1831 als Assistent beim Bau von Militärstraßen in Preußen arbeitete, dachte er an die philosophischen Vorlesungen Hegels, denen er in Berlin voll Begeisterung gelauscht hatte. Als sich in Mühlhausen mehrere Akademiker zu einer Auswanderungsgesellschaft zusammenschlossen, um der politischen und geistigen Bedrängnis Europas zu entrinnen, war Roebling dabei. Auch er hatte die Schriften Gottfried Dudens gelesen, die in jenen Jahren zahlreiche Intellektuelle nach Amerika lockten, wo sie in der Wildnis die »lateinischen Settlements« gründeten. Roebling und sein Bruder reisten 1831 im Auftrage der Mühlhausener Gesellschaft in die Vereinigten Staaten, um ein geeignetes Stück Land für eine Kolonie zu erwerben. Sie wählten ein Gebiet im Beaver County, Pennsylvania, aus. Hier sollte eine Siedlung entstehen, in der man nach den Regeln von Humanität und Brüderlichkeit leben wollte, die Keimzelle einer besseren Welt. Die landwirtschaftlich
unerfahrenen Idealisten scheiterten kläglich. Roebling gelangte
zu der Überzeugung, daß er kein Farmer war und nie einer
werden würde. Er wandte sich seinem erlernten Beruf wieder zu
und begann mit Drahtseilen zu experimentieren. In einer kleinen Werkstatt
in Saxonburg begründete er 1840 seine Drahtseilproduktion. Gleichzeitig
entwarf er Hängebrückenkonstruktionen und wurde 1846 bekannt,
als er bei Pittsburgh eine Hängebrücke über den Monongahela-Fluß
baute. Sie war 500 Meter lang und wurde von nur 8 Drahtseilen gehalten.
Roebling erhielt sofort weitere Aufträge und baute Brücken
über den Delaware und den Hudson.
Aus kleinsten
Anfängen entstand die riesige Fabrik von Johann Roebling in Trenton,
Von 1852 bis
1855 baute er für 400000 Dollar eine Hängebrücke über
den Niagara-Fluß, unmittelbar unterhalb der gewaltigen Wasserfälle,
und erlangte damit endgültig in ganz Amerika Anerkennung. Es
handelte sich um eine 266 Meter lange, zweistöckige Konstruktion
an 4 Drahtseilen, auf deren unterer Ebene Fußgänger und
Wagen in 80 Meter Höhe den schäumenden Fluß überqueren
konnten, während über ihnen die Eisenbahn hinwegdonnerte.
Diese scheinbar zierlich wirkende und doch so stabile Konstruktion
wurde ihrerseits zur Sehenswürdigkeit. Sie war 42 Jahre in Betrieb
und mußte nur deshalb ausgewechselt werden, weil das Gewicht
der Eisenbahnen um die Jahrhundertwende größer wurde. Die East-River-Brücke
zwischen New York und Brooklyn. Sie war die
größte Brückenkonstruktion Johann Roeblings. Er erlebte
ihre Fertigstellung nicht mehr mit. Sein Sohn führte das gewaltige
Werk zu Ende. Ein zeitgenössischer
Chronist schrieb: 1842 hatte Roebling seine Fabrik nach Trenton, New Jersey, verlegt. Das Werk wuchs binnen weniger Jahre zu einem gewaltigen Unternehmen heran, das mehr als 2000 Tonnen Drahtseil jährlich herstellte. Die Vollendung
seines größten Bauwerks erlebte er nicht mehr: Roebling
begann 1859 mit der Planung der East-River-Brücke, einer gewaltigen
Konstruktion, die New York und Brooklyn miteinander verbinden sollte.
Zehn Jahre lang plante und rechnete er, um den Umfang der mächtigen
Stahltrossen und das mögliche Gewicht der Fahrbahnen zu bestimmen.
Er kämpfte mit Behörden und Banken, die seinen Plan für
unausführbar hielten. 1867 wurde eigens eine »New York
Bridge Company« gegründet, um die Finanzierung des Projekts
sicherzustellen. Zwei Jahre später begannen die Bauarbeiten,
die Roebling selbst überwachte. Da wurde er von einem herabfallenden
Balken verletzt und starb am 20. Juni 1869. Sein Sohn Washington Roebling
übernahm die Fortführung des Werkes. Es wurde eine der gigantischsten
technischen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Die mächtigen Stahltrossen
wurden an Ort und Stelle aus Tausenden von Drähten in schwindelnder
Höhe über dem East River geflochten. Zahllose schwere Unfälle
begleiteten die Arbeiten. Die East-River-Brücke
war eines der größten Bauwunder Amerikas im vorigen Jahrhundert.
Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens wurde sie nahezu 9 Millionen
mal passiert, zwanzig Jahre später hatte sich diese Zahl verzehnfacht.Es
gibt Dinge, von denen man glaubt, es habe sie schon immer gegeben,
von denen man sich nicht vorstellen kann, daß sie von irgend
jemandem irgendwann einmal erfunden worden sind: So verhält es
sich mit dem Würfelzucker. Schon kurz nach seiner Einführung
war er so sehr zur Selbstverständlichkeit geworden, daß
niemand mehr wußte, wo er eigentlich hergekommen war. Tatsächlich
war er das Produkt eines findigen Hannoveraners, der in Kalifornien
die größten Zuckerfabriken der Vereinigten Staaten aus
dem Boden stampfte. Claus Spreckel, 1828 in Lamstedt bei Hannover geboren, ging als Achtzehnjähriger
nach Amerika. Als er 1846 in South Carolina den Boden der Neuen Welt
betrat, hatte er 3 Dollar und einen Zuckerhut aus heimischer Erzeugung
in der Tasche. Er erhielt sofort Arbeit in einer Drogerie, verdiente
zunächst 4 Dollar in der Woche und fand, als er besser Englisch
konnte, einen Arbeitgeber, der ihm das Doppelte bezahlte. Anderthalb
Jahre nach seiner Ankunft in Amerika hatte der mittellose junge Mann
soviel Geld verdient, daß er sich ein eigenes Geschäft
einrichten konnte. Die ganze Zeit über hatte Spreckel Erkundigungen über andere Branchen eingezogen und war zu der Überzeugung gelangt, daß die besten geschäftlichen Möglichkeiten, vor allem was die Zukunftschancen anging, in der Zuckerraffinerie lagen. Spreckel kaufte sich 1863 in eine kleine Zuckersiederei ein und war nach kurzer Zeit Alleinbesitzer. Er verbesserte zwar die Maschinen, war aber mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Er sah ein, daß er lernen mußte, wenn er Erfolg haben wollte. Spreckel reiste nach Deutschland und ging als Hilfsarbeiter in eine Zuckersiederei in Magdeburg. Binnen sechs Wochen machte er sich mit den europäischen Arbeitstechniken und Maschinen vertraut, die den amerikanischen weit voraus waren. Unter anderem lernte er die Verarbeitung von Zuckerrüben; in Amerika wurde zu dieser Zeit ausschließlich Zuckerrohr als Rohstoff verwendet. Spreckel kehrte nach San Francisco zurück, modernisierte seine Fabrik und entwickelte eine Methode, mit der es möglich war, die zu dieser Zeit übliche Verarbeitungszeit des Zuckerrohrs von 3 Wochen auf 24 Stunden zu reduzieren. Zu dieser Zeit waren in Amerika lediglich die bekannten Zuckerhüte im Handel. Spreckel suchte nach einer Möglichkeit, den Zucker praktischer anzubieten, besser zu portionieren und den Verbrauch zu erleichtern. Als erster in Amerika begann er, Zucker fein zu mahlen. Von durchschlagendem Erfolg aber war seine Idee, kleine Zuckerwürfel herzustellen. Zucker wurde
Spreckels Leben: Seine Energie war unermüdlich, sein Tatendrang
nicht zu bremsen, seine Ideen schier unerschöpflich. Auch Spreckel
geriet in das Visier des Trusts, der ebenfalls von einem Deutsch-Amerikaner,
Henry 0. Havemeyer, geführt wurde. Doch der dickköpfige
Spreckel dachte nicht daran, sich unter die Herrschaft fremder Wirtschaftshaie
zu begeben. Daraufhin begann ein erbitterter Preiskrieg: Der Trust
transportierte Zucker von der Ostküste nach Kalifornien und verschleuderte
ihn zu Spottpreisen, um Spreckel zu ruinieren. Spreckel nahm den Kampf
mit der ihm eigenen Energie auf. Er schickte Vertreter nach Philadelphia
und erbaute dort mit einem Aufwand von 5 Millionen Dollar die seinerzeit
größte Zuckersiederei der Welt, um massiv in den Zuckerhandel
an der Ostküste eingreifen zu können. Der Zuckertrust hatte
die finanziellen Möglichkeiten Spreckels unterschätzt. 1888 arbeitete
seine Rübenzuckerfabrik in Watsonville bereits mit Gewinn. Spreckel
reiste abermals nach Deutschland - obwohl inzwischen Multimillionär
und nicht mehr jung - und studierte die neuesten Methoden der Rübenzuckerherstellung.
Nach seiner Rückkehr begann er in Salinas mit dem Bau der größten
Rübenzuckerfabrik der Welt. Sie kostete knapp 3 Millionen Dollar
und verarbeitete pro Tag 3´000 Tonnen Zuckerrüben. Spreckel
baute eigene Elektrizitätswerke. Er gründete eine Gasgesellschaft,
eine Eisenbahnlinie und eine Reederei, deren Schiffe zwischen Kalifornien,
Hawaii, Australien und Neuseeland verkehrten. Die Persönlichkeit
des »Zuckerkönigs« erdrückte alle Menschen in
seiner Nähe; als er jedoch seinen Söhnen ebenso rigoros
seinen Willen aufzwingen wollte wie seinen Angestellten und Konkurrenten,
scheiterte er. Zwei seiner Söhne trennten sich von ihm und gingen
ihre eigenen Wege. Die Energie ihres Vaters hatten sie allerdings
geerbt. Sie brachten es ohne seine Hilfe selbst zu Millionären
und kehrten 1905 in den Schoß der Familie zurück. Als Claus
Spreckel im Dezember 1908 starb, hinterließ er ein Vermögen
von mehr als 50 Millionen Dollar.
Wenn auf irgendeiner Bühne der Welt ein Pianist an sein Instrument geht - mag er nun Klassik oder Unterhaltungsmusik spielen -, so kann man fast sicher sein, daß es ein Steinway-Flügel ist, dem er die Melodien entlockt, mit denen er seine Zuhörer begeistert. Keiner klingt perfekter. Begonnen hat die Geschichte dieses schon legendären Instruments 1853 in Amerika, und jene Klavierbauer, deren Name Musikgeschichte gemacht hat, kamen aus dem kleinen Städtchen Seesen im Harz, wo man ihrer bis auf den heutigen Tag mit großem und berechtigtem Stolz gedenkt. Am Anfang stand
Heinrich Steinweg, der am 15. Februar 1797 als Sohn eines
wohlhabenden Bauern in dem Dorf Wolfshagen geboren wurde. 1812 wurden
Heinrichs Vater und drei seiner Brüder bei der Arbeit im Wald
vom Blitz erschlagen. Im selben Jahr fielen seine anderen Brüder
als Soldaten im Heer Napoleons. Nach Abschluß seiner Tischlerlehre ging Heinrich Steinweg nach Goslar, um sich zum Instrumentenbauer ausbilden zu lassen. Er hatte seine Berufung gefunden: Besondere Begabung zeigte er beim Bau von Orgeln und Klavieren. 1825 kehrte er in den Harz zurück und gründete in Seesen eine eigene Werkstatt. Im selben Jahr heiratete er. Aus der Ehe gingen 8 Kinder - 5 Söhne und 3 Töchter - hervor. Schon 1839
erhielt ein von Steinweg hergestelltes Klavier anläßlich
einer Ausstellung in Braunschweig einen Preis. Der beginnende wirtschaftliche
Erfolg des kleinen Unternehmens wurde 1843 jäh durch die Gründung
des deutschen Zollvereins beendet. Da sich nicht alle deutschen Kleinstaaten
dem Verein anschlossen, wurden an einigen Landesgrenzen hohe Zölle
für die Ein- und Ausfuhr von Waren erhoben. Das Klaviergeschäft
der Steinwegs in der kleinen Enklave Seesen, die vom Königreich
Hannover umgeben war, das dem Zollverein nicht beitrat, hielt diesen
Belastungen nicht stand. Heinrich Steinweg faßte den Entschluß,
nach Amerika auszuwandern. Es war eine kühne Entscheidung, denn
in allen einschlägigen Auswandererhandbüchern wurde Musikern
und Instrumentenbauern von einer Übersiedlung in die Vereinigten
Staaten abgeraten. Traugott Bromme schrieb: Andererseits
nahm der Klavierbau eine Sonderstellung ein. Das Kulturbedürfnis
vieler vermögender Amerikaner wuchs, und in vielen amerikanischen
Haushalten wurde das Klavier zu einem unverzichtbaren Möbelstück
- selbst wenn manchmal die Besitzer gar nicht darauf spielen konnten.
Dieses Urteil
war ein wenig hart und bezog sich wohl auf Einzelfälle. Das Risiko
erschien den Steinwegs immerhin noch groß genug, so daß
sie zunächst einen der Söhne vorausschickten, der 1849 in
New York eintraf, um die Verhältnisse in Amerika zu studieren.
Schon 1850 folgten Heinrich Steinweg und drei weitere Söhne.
Sein ältester Sohn Theodor blieb zunächst in Seesen zurück,
um das kleine Geschäft weiterzuführen. Die Steinwegs suchten
in Amerika erst einmal Arbeit bei verschiedenen Klavierbauern, um
sich mit den amerikanischen Fertigungsmethoden, Werkzeugen und Holzarten
vertraut zu machen. Am 5. März 1853 eröffneten sie ihre
eigene Werkstatt. Ihr Ziel war es, nicht ein Maximum an Instrumenten
zu bauen, sondern besonders hochwertige Klaviere herzustellen. Sie
ersonnen Verbesserungen, die die Instrumente widerstandsfähiger
gegen Witterungseinflüsse machten und ihre Klangfülle erhöhten.
Schon ein Jahr später erhielten sie die ersten Preise für
ihre Pianos, und binnen kurzer Zeit war der Name der deutschen Familie,
die sich jetzt Steinway nannte, ein fester Begriff in der Musikwelt. William Steinway, der jüngste
Sohn Heinrich Steinwegs, führte die Klavierfabrik mit großem
Erfolg weiter.
1888 machte ihn seine Heimatstadt Seesen im Harz zum Ehrenbürger.
15 Jahre nach
der Gründung der kleinen Werkstatt leiteten die Steinways eine
Fabrik mit mehr als 800 Arbeitern und stellten wöchentlich 60
Klaviere und Flügel her. Auch in Europa
traten die Instrumente der Familie einen wahren Siegeszug an. Schon
auf der Weltausstellung in London, 1862, hatten sie Aufsehen erregt.
1867, auf der Weltausstellung in Paris, erhielten sie gleich 3 Goldmedaillen.
Von nun an waren Steinway-Flügel in den Schlössern europäischer
Monarchen genauso anzutreffen wie in den Palästen des Geldadels.
Theodor Steinway, der älteste Sohn, war inzwischen von Seesen
nach Braunschweig übergesiedelt und hatte auch dort ein Geschäft
eröffnet, das ebenfalls florierte. Die Leitung übernahm nun Theodor, sein ältester Sohn, der 1865 aus Braunschweig in die USA übergesiedelt war, nachdem zwei seiner Brüder überraschend gestorben waren. Theodor Steinway, der die Fabrikation überwachte, und sein jüngster Bruder William, der für die geschäftliche Verwaltung zuständig war, führten das Unternehmen mit wahrhaft gigantischem Erfolg weiter. Heinrich Steinway hatte noch erlebt, daß sein Name gleichsam zu einem Markenzeichen geworden war. Daran sollte sich nichts ändern. Theodor Steinway, ein genauso begnadeter Klavierbauer wie sein Vater, bildete die Söhne seiner verstorbenen Brüder aus und bereitete sie auf die Übernahme des Unternehmens vor. 1883 kehrte er nach Braunschweig zurück und kümmerte sich weiter um die europäischen Filialen der Firma. Sein jüngster Bruder William, der den New Yorker Betrieb bis zu seinem Tode leitete, wurde 1888 Ehrenbürger von Seesen. Obwohl »Steinway & Sons« heute einem großen Konzern gehört, hat die Firma sich den Charakter eines Familienbetriebes bewahrt. Die direkten Nachkommen der Steinway-Gründer, die nach wie vor Filialen auf der ganzen Welt kontrollieren, arbeiten noch immer im Betrieb. Sie sitzen im Aufsichtsrat und haben ihre Schreibtische mitten unter ihren Angestellten in den Großraumbüros stehen. Sie beraten die größten und besten Musiker der Welt und sorgen dafür, daß der Name Steinway und die damit verbundenen Klaviere nichts von ihrem Glanz verlieren.
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