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• Dietmar KÜGLER - Die Deutschen in Amerika - 1983 •

 

Die Deutschen in der
Nordamerikanischen Wirtschaft

 

Seite 2

 

 

 

Eine Erfindung, die die Drucktechnik auf der ganzen Welt revolutionierte, machte der deutsche Uhrmacher Ottmar Mergenthaler. Seine Setzmaschine - die Linotype - war, wie ein Zeitgenosse enthusiastisch schrieb, »die Neuerfindung der Druckerkunst«.

Ottmar Mergenthaler aus Hachtel bei Bad Mergentheim erfand in Amerika die Linotype und revolutionierte damit die Drucktechnik.

Mergenthaler wurde am 11. Mai 1854 in Hachtel bei Mergentheim als Sohn eines Lehrers geboren. In Bietigheim absolvierte er eine Uhrmacherlehre. 1872 wanderte er nach Amerika aus und fand Arbeit in einer Fabrik für elektrische Geräte. Ab 1876 arbeitete er an seiner Setzmaschine, deren Grundtyp er von einem anderen Erfinder übernommen hatte, der mit seiner Entwicklung nicht weitergekommen war.

1884 gelang ihm, nach vielen Fehlschlägen, der Durchbruch. Ein Augenzeuge berichtete:

»Der Tag, an dem die Maschine ausprobiert werden sollte, wurde festgesetzt, und wenigstens ein Dutzend von interessierten Zuschauern füllte den kleinen Arbeitsraum in Bank Lane. Die Zuschauer waren zu früh gekommen. Mergenthaler mußte die letzten Vorbereitungen in Gegenwart einer Gesellschaft von mehr oder weniger aufgeregten Aktionären und deren Freunden treffen. Er fühlte sich des Erfolges sicher, benahm sich ruhig und gemessen, wie er es bei weniger wichtigen Gelegenheiten gewöhnt war. Endlich schien alles fertig zu sein.

Er setzte eine Zeile auf dem Tastbrett, drehte dann die Antriebsscheibe mit der Hand, beobachtete jede Verrichtung der Maschine, bis sie jede Leistung ausgeführt hatte und hörte auf. Alles war in Ordnung. Mergenthaler ersuchte nun um die Anwendung der Dampfkraft, setzte wieder eine Zeile, entfernte den Stöpsel von der Metallpumpe und berührte die Zeilentaste. Ruhig und leise glitten die Matrizen an die für sie bestimmten Plätze, wurden festgehalten und ausgerichtet, die Pumpe entleerte sich, eine fertige Zeile, wie Silber scheinend, fiel aus der Maschine, und die Matrizen kehrten an ihre normalen Plätze zurück. All dies war die Arbeit von nur 15 Sekunden. Einige solche Zeilen wurden nun von Mergenthaler auf diese Art angefertigt.«

Die Skepsis war groß, und es war für Mergenthaler besonders bitter, daß die Bedeutung seiner Erfindung zunächst in der alten Heimat herabgewürdigt wurde. Er ließ sich nicht entmutigen: Am 3. Juli 1886 wurde die erste Mergenthaler-Linotype in der Druckerei der »New York Tribune« aufgestellt. Der Siegeszug von Mergenthalers Erfindung hatte begonnen.

Eine ganz andere Branche vertrat Ferdinand Schumacher aus Celle, 1822 geboren und 1850 in die USA eingewandert. Er arbeitete zunächst auf einer Farm, eröffnete dann in Akron, Ohio, einen Saloon und pachtete wenige Jahre darauf eine Getreidemühle. Das war der Anfang der »German Mills«, eines Mühlengroßbetriebes, der bald Mehl, Haferflocken, Graupen und Farina für mehr als 2 Millionen Dollar jährlich erzeugte. Als Schumacher sich um die Jahrhundertwende aus dem Geschäft zurückzog, war er mehrfacher Millionär. Er starb 1908 in Akron.

Bernhard G. Amend

wurde im Dezember 1821 in Darmstadt geboren, erhielt eine Ausbildung als Pharmazeut und kam 1848 nach Amerika. 1851 erwarb er eine Apotheke in New York, tat sich mit seinem Jugendfreund Charles Eimer zusammen und begründete mit ihm eines der größten pharmazeutischen Geschäfte New Yorks.

Er repräsentierte damit einen Industriezweig, der in den USA in starkem Maß ein Betätigungsfeld deutscher Einwanderer war. In Amends Betrieb wurden Patentmedizinen und Chemikalien jeglicher Art hergestellt und in alle Teile der USA vertrieben. Amend handelte mit medizinischen Gerätschaften, unterhielt eine eigene Fabrikation von Laborapparaturen und eine große Drogerie.

Die größte Spitzenweberei der Vereinigten Staaten entstand in Philadelphia aus einer kleinen Handweberei, die Wilhelm Horstmann aus Hessen-Kassel, der 1815 in die USA gekommen war, eingerichtet hatte. Da er zunächst kein eigenes Kapital hatte, erfand und baute er seine Maschinen selbst. Neben der Familie Studebaker, die nicht nur der größte Frachtwagenhersteller der Vereinigten Staaten war, sondern auch zu den ersten gehörte, die ins Automobilgeschäft einstiegen, baute der deutsche Wagenmacher Martin Brill eine der größten Werkstätten Amerikas auf. Er war im Februar 1846 in Kassel geboren worden und gründete 1868 mit seinem Vater in Philadelphia in einem windschiefen Schuppen eine Werkstatt, in der er Straßenbahnwaggons herstellte. Wenige Jahre später besaß er die größte Straßenbahnwagenfabrik Amerikas, kaufte kleinere Betriebe in anderen Städten auf und errichtete auch in England Fabriken. Allein seine amerikanischen Betriebe stellten um die Jahrhundertwende einen Wert von 58 Millionen Dollar dar. Brill starb im Jahre 1908.

Einer der reichsten Männer der Vereinigten Staaten war der bescheiden und zurückhaltend lebende »Holzkönig Amerikas« Friedrich Weyerhäuser. 1834 wurde er in Niederfaulheim, Rheinhessen, geboren und kam 1852 mit seinen Geschwistern und seiner Mutter nach Amerika. Die Familie ließ sich in Illinois nieder, wo Weyerhäuser eine Lehre in einer Sägemühle begann. Nach sechs Monaten war der unermüdlich arbeitende Weyerhäuser bereits Chef des Betriebes, und ein weiteres halbes Jahr später konnte er das Unternehmen zusammen mit einem Freund kaufen.
1864 begann er mit dem Erwerb von Waldland in Wisconsin. Sein Besitz wuchs schnell. Holz war eine gefragte Ware. Millionen von Eisenbahnschwellen verließen die Sägemühlen des deutschen Einwanderers, gewaltige Ladungen Bauholz wurden nach Westen transportiert. Weyerhäuser verfügte 1872 über ein Firmenkonsortium, das als »Weyerhäuser Syndikat« bekannt war. Der Besitz dieser Firmengruppe belief sich auf mehr als 120 Millionen (!) Hektar Waldland. Fast jeder Baum, der in den USA geschlagen wurde, stammte aus dem Besitz Weyerhäusers, der unauffällig und nahezu unbekannt in einem einfachen Haus in St. Paul, Minnesota, lebte.
Der deutsch-amerikanische Journalist Walter Woehlke nannte ihn in einem Bericht für den deutschen »Germania«-Kalender von 1909 den »reichsten Mann der Welt« und schrieb:

»Weyerhäuser ist der unbestrittene »König des Waldes« der Vereinigten Staaten. Kolossale Forsten, die sich von dem Gebiet der Großen Seen über die Felsengebirge und die Küste des Stillen Ozean entlang von Kalifornien bis nach Kanada erstrecken, nennt er sein Eigen. Urwälder, in die nur selten ein Jäger oder Trapper eindringt, gehören ihm. Das Waldland, dessen Besitzes sich dieser bescheidene Graubart erfreut, kommt an Größe vielleicht dem Flächeninhalt der 3 Staaten Indiana, Illinois und Iowa gleich, und seine Sägemühlen, deren hungriger Stahl jahraus, jahrein tiefer in das Herz der Wildnis schneidet, könnten den gesamten Holzbedarf Deutschlands decken.«

Weyerhäusers Betrieb existiert noch heute. In seiner Art zu leben war er typisch für die meisten deutsch-amerikanischen Unternehmer: Ihr Lebensstil blieb bei allem Reichtum bescheiden. Sie vergaßen nicht, in welcher Not sie einmal gelebt hatten.
Sie zeigten bei geschäftlichen Entscheidungen zwar Mut und Entschlußkraft, scheuten sich aber, unkalkulierbare Risiken einzugehen. Konjunkturelle Schwankungen brachten ihnen daher weniger Probleme als anderen. Ihre Kinder waren meist schon amerikanisiert und pflegten einen anderen Lebensstil. Aber auch sie verstanden es in fast allen Fällen, das ererbte Vermögen zu bewahren.
Solide Ausbildung, die Fixierung auf erreichbare Ziele, Beharrlichkeit, Arbeitseifer, Kreativität, geschäftliche Korrektheit, Zuverlässigkeit und Vernunft zeichneten die deutsch-amerikanischen Unternehmer aus. Sie waren immer ein stabiles und verläßliches Element der amerikanischen Wirtschaft.


Johann August Roebling aus Mühlhausen in Thüringen, der größte amerikanische Brückenbauer des 19. Jahrhunderts.

Zeitgenossen nannten seine Brücken »technische Weltwunder«. Tatsächlich waren sie zwar das Ergebnis eines kühnen Geistes, beruhten aber auf soliden Berechnungen. Er galt im 19. Jahrhundert als der größte Brückenbauer Amerikas, doch als Johann August Roebling amerikanischen Boden betrat, hatte er alles Mögliche im Sinn, nur nicht den Bau von Brücken und Straßen. Farmer wollte er werden, ein einfaches Leben auf dem Land wollte er führen, gemäß christlichen und naturphilosophischen Grundsätzen.

Am 12. Juni 1806 wurde er in Mühlhausen in Thüringen geboren, besuchte das Gymnasium, studierte Philosophie und Mathematik und wurde Ingenieur, ohne mit diesem Beruf besonders glücklich zu sein. Während er zwischen 1827 und 1831 als Assistent beim Bau von Militärstraßen in Preußen arbeitete, dachte er an die philosophischen Vorlesungen Hegels, denen er in Berlin voll Begeisterung gelauscht hatte. Als sich in Mühlhausen mehrere Akademiker zu einer Auswanderungsgesellschaft zusammenschlossen, um der politischen und geistigen Bedrängnis Europas zu entrinnen, war Roebling dabei.

Auch er hatte die Schriften Gottfried Dudens gelesen, die in jenen Jahren zahlreiche Intellektuelle nach Amerika lockten, wo sie in der Wildnis die »lateinischen Settlements« gründeten. Roebling und sein Bruder reisten 1831 im Auftrage der Mühlhausener Gesellschaft in die Vereinigten Staaten, um ein geeignetes Stück Land für eine Kolonie zu erwerben. Sie wählten ein Gebiet im Beaver County, Pennsylvania, aus. Hier sollte eine Siedlung entstehen, in der man nach den Regeln von Humanität und Brüderlichkeit leben wollte, die Keimzelle einer besseren Welt.

Die landwirtschaftlich unerfahrenen Idealisten scheiterten kläglich. Roebling gelangte zu der Überzeugung, daß er kein Farmer war und nie einer werden würde. Er wandte sich seinem erlernten Beruf wieder zu und begann mit Drahtseilen zu experimentieren. In einer kleinen Werkstatt in Saxonburg begründete er 1840 seine Drahtseilproduktion. Gleichzeitig entwarf er Hängebrückenkonstruktionen und wurde 1846 bekannt, als er bei Pittsburgh eine Hängebrücke über den Monongahela-Fluß baute. Sie war 500 Meter lang und wurde von nur 8 Drahtseilen gehalten. Roebling erhielt sofort weitere Aufträge und baute Brücken über den Delaware und den Hudson.

 

Aus kleinsten Anfängen entstand die riesige Fabrik von Johann Roebling in Trenton,
New Jersev, wo der deutsch-amerikanische Ingenieur die Drahtseile für seine kühnen Brückenkonstruktionen herstellte.

 

 

 

 

 

Von 1852 bis 1855 baute er für 400000 Dollar eine Hängebrücke über den Niagara-Fluß, unmittelbar unterhalb der gewaltigen Wasserfälle, und erlangte damit endgültig in ganz Amerika Anerkennung. Es handelte sich um eine 266 Meter lange, zweistöckige Konstruktion an 4 Drahtseilen, auf deren unterer Ebene Fußgänger und Wagen in 80 Meter Höhe den schäumenden Fluß überqueren konnten, während über ihnen die Eisenbahn hinwegdonnerte. Diese scheinbar zierlich wirkende und doch so stabile Konstruktion wurde ihrerseits zur Sehenswürdigkeit. Sie war 42 Jahre in Betrieb und mußte nur deshalb ausgewechselt werden, weil das Gewicht der Eisenbahnen um die Jahrhundertwende größer wurde.

Die East-River-Brücke zwischen New York und Brooklyn.
Zu ihrer Zeit - sie wurde 1883 eingeweiht - galt sie als technisches Wunderwerk.

Sie war die größte Brückenkonstruktion Johann Roeblings. Er erlebte ihre Fertigstellung nicht mehr mit. Sein Sohn führte das gewaltige Werk zu Ende.
An 2 Drahtseilen hing die mehr als 350 Meter lange Brücke, die Roebling bei Cincinnati über den Ohio baute.

Ein zeitgenössischer Chronist schrieb:
»Gleich der Niagara-Brücke erregt sie des sachverständigen Beschauers Staunen, ebensowohl durch ihre Dauerhaftigkeit als durch die Kühnheit und Eleganz ihrer gleich zarten Fäden gespannten Linien.«

1842 hatte Roebling seine Fabrik nach Trenton, New Jersey, verlegt. Das Werk wuchs binnen weniger Jahre zu einem gewaltigen Unternehmen heran, das mehr als 2000 Tonnen Drahtseil jährlich herstellte.

Die Vollendung seines größten Bauwerks erlebte er nicht mehr: Roebling begann 1859 mit der Planung der East-River-Brücke, einer gewaltigen Konstruktion, die New York und Brooklyn miteinander verbinden sollte. Zehn Jahre lang plante und rechnete er, um den Umfang der mächtigen Stahltrossen und das mögliche Gewicht der Fahrbahnen zu bestimmen. Er kämpfte mit Behörden und Banken, die seinen Plan für unausführbar hielten. 1867 wurde eigens eine »New York Bridge Company« gegründet, um die Finanzierung des Projekts sicherzustellen. Zwei Jahre später begannen die Bauarbeiten, die Roebling selbst überwachte. Da wurde er von einem herabfallenden Balken verletzt und starb am 20. Juni 1869. Sein Sohn Washington Roebling übernahm die Fortführung des Werkes. Es wurde eine der gigantischsten technischen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Die mächtigen Stahltrossen wurden an Ort und Stelle aus Tausenden von Drähten in schwindelnder Höhe über dem East River geflochten. Zahllose schwere Unfälle begleiteten die Arbeiten.
Am 24. Mai 1883 endlich konnte das Bauwerk eingeweiht werden, eine Brücke von über 2`500 Meter Länge und knapp 30 Meter Breite. Die 4 Drahtseile, die die Konstruktion tragen, wiegen 48`800 Tonnen. Die Brücke überspannt den East River in 40 Meter Höhe. Die Einweihungsfeier, der mehr als 50`000 Zuschauer beiwohnten, darunter der amerikanische Präsident, wurde zum nationalen Ereignis mit Salutschüssen, Glockengeläut und Feuerwerk.

Die East-River-Brücke war eines der größten Bauwunder Amerikas im vorigen Jahrhundert. Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens wurde sie nahezu 9 Millionen mal passiert, zwanzig Jahre später hatte sich diese Zahl verzehnfacht.Es gibt Dinge, von denen man glaubt, es habe sie schon immer gegeben, von denen man sich nicht vorstellen kann, daß sie von irgend jemandem irgendwann einmal erfunden worden sind: So verhält es sich mit dem Würfelzucker. Schon kurz nach seiner Einführung war er so sehr zur Selbstverständlichkeit geworden, daß niemand mehr wußte, wo er eigentlich hergekommen war. Tatsächlich war er das Produkt eines findigen Hannoveraners, der in Kalifornien die größten Zuckerfabriken der Vereinigten Staaten aus dem Boden stampfte.

Claus Spreckel, 1828 in Lamstedt bei Hannover geboren,

ging als Achtzehnjähriger nach Amerika. Als er 1846 in South Carolina den Boden der Neuen Welt betrat, hatte er 3 Dollar und einen Zuckerhut aus heimischer Erzeugung in der Tasche. Er erhielt sofort Arbeit in einer Drogerie, verdiente zunächst 4 Dollar in der Woche und fand, als er besser Englisch konnte, einen Arbeitgeber, der ihm das Doppelte bezahlte. Anderthalb Jahre nach seiner Ankunft in Amerika hatte der mittellose junge Mann soviel Geld verdient, daß er sich ein eigenes Geschäft einrichten konnte.
1855 verkaufte er seinen Besitz mit Gewinn und ging nach New York, hier schiffte er sich nach Kalifornien ein, nach jenem verheißungsvollen »Goldland« am Pacific. Von San Francisco aus zog er in die Goldfelder und eröffnete einen Gemischtwarenladen. Einige Jahre später kaufte er für 50´000 Dollar eine Brauerei in San Francisco und verkaufte sie nach ein paar Jahren mit 25´000 Dollar Gewinn.

Die ganze Zeit über hatte Spreckel Erkundigungen über andere Branchen eingezogen und war zu der Überzeugung gelangt, daß die besten geschäftlichen Möglichkeiten, vor allem was die Zukunftschancen anging, in der Zuckerraffinerie lagen. Spreckel kaufte sich 1863 in eine kleine Zuckersiederei ein und war nach kurzer Zeit Alleinbesitzer. Er verbesserte zwar die Maschinen, war aber mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Er sah ein, daß er lernen mußte, wenn er Erfolg haben wollte. Spreckel reiste nach Deutschland und ging als Hilfsarbeiter in eine Zuckersiederei in Magdeburg.

Binnen sechs Wochen machte er sich mit den europäischen Arbeitstechniken und Maschinen vertraut, die den amerikanischen weit voraus waren. Unter anderem lernte er die Verarbeitung von Zuckerrüben; in Amerika wurde zu dieser Zeit ausschließlich Zuckerrohr als Rohstoff verwendet. Spreckel kehrte nach San Francisco zurück, modernisierte seine Fabrik und entwickelte eine Methode, mit der es möglich war, die zu dieser Zeit übliche Verarbeitungszeit des Zuckerrohrs von 3 Wochen auf 24 Stunden zu reduzieren. Zu dieser Zeit waren in Amerika lediglich die bekannten Zuckerhüte im Handel. Spreckel suchte nach einer Möglichkeit, den Zucker praktischer anzubieten, besser zu portionieren und den Verbrauch zu erleichtern. Als erster in Amerika begann er, Zucker fein zu mahlen. Von durchschlagendem Erfolg aber war seine Idee, kleine Zuckerwürfel herzustellen.

Zucker wurde Spreckels Leben: Seine Energie war unermüdlich, sein Tatendrang nicht zu bremsen, seine Ideen schier unerschöpflich.
Die Produktion seiner Siedereien stieg so stark an, daß er sich nach neuen, möglichst billigen Rohstofflieferanten umsehen mußte. Er segelte selbst auf die Hawaiianischen Inseln, von denen er das Zuckerrohr für seine Fabriken importierte, schloß mit einem Kanakenhäuptling einen Vertrag ab und traf Vereinbarungen mit den weißen Pflanzern auf den Inseln. Gleichzeitig begann er, eine eigene Plantage auf der Insel Maui anzulegen, die zur damals größten Zuckerrohrpflanzung der Welt wurde. Während sich Spreckel ungestört zum Beherrscher der Zuckerindustrie am Pacific hochgearbeitet hatte, war östlich der Rocky Mountains der amerikanische Zuckertrust entstanden, der Herstellung und Verkauf von Zucker in den gesamten Vereinigten Staaten zu kontrollieren versuchte.

Auch Spreckel geriet in das Visier des Trusts, der ebenfalls von einem Deutsch-Amerikaner, Henry 0. Havemeyer, geführt wurde. Doch der dickköpfige Spreckel dachte nicht daran, sich unter die Herrschaft fremder Wirtschaftshaie zu begeben. Daraufhin begann ein erbitterter Preiskrieg: Der Trust transportierte Zucker von der Ostküste nach Kalifornien und verschleuderte ihn zu Spottpreisen, um Spreckel zu ruinieren. Spreckel nahm den Kampf mit der ihm eigenen Energie auf. Er schickte Vertreter nach Philadelphia und erbaute dort mit einem Aufwand von 5 Millionen Dollar die seinerzeit größte Zuckersiederei der Welt, um massiv in den Zuckerhandel an der Ostküste eingreifen zu können. Der Zuckertrust hatte die finanziellen Möglichkeiten Spreckels unterschätzt.
Es geschah etwas Einmaliges: Claus Spreckel, der Einzelkämpfer, zwang den allgewaltigen Trust in die Knie. Mehr als das: Er brachte ihn sogar dazu, die Siederei in Philadelphia aufzukaufen und die Garantie zu geben, in Zukunft nicht mehr an der Westküste der USA aufzutauchen. Der große Sieg beflügelte Spreckels Aktivität. Sein Ehrgeiz war es, noch schneller und noch preisgünstiger zu produzieren. Er hielt die Zeit für reif, in Kalifornien mit dem Anbau von Zuckerrüben zu beginnen.

1888 arbeitete seine Rübenzuckerfabrik in Watsonville bereits mit Gewinn. Spreckel reiste abermals nach Deutschland - obwohl inzwischen Multimillionär und nicht mehr jung - und studierte die neuesten Methoden der Rübenzuckerherstellung. Nach seiner Rückkehr begann er in Salinas mit dem Bau der größten Rübenzuckerfabrik der Welt. Sie kostete knapp 3 Millionen Dollar und verarbeitete pro Tag 3´000 Tonnen Zuckerrüben. Spreckel baute eigene Elektrizitätswerke. Er gründete eine Gasgesellschaft, eine Eisenbahnlinie und eine Reederei, deren Schiffe zwischen Kalifornien, Hawaii, Australien und Neuseeland verkehrten.
Der »Spreckel Building« war der erste Wolkenkratzer San Franciscos.

Die Persönlichkeit des »Zuckerkönigs« erdrückte alle Menschen in seiner Nähe; als er jedoch seinen Söhnen ebenso rigoros seinen Willen aufzwingen wollte wie seinen Angestellten und Konkurrenten, scheiterte er. Zwei seiner Söhne trennten sich von ihm und gingen ihre eigenen Wege. Die Energie ihres Vaters hatten sie allerdings geerbt. Sie brachten es ohne seine Hilfe selbst zu Millionären und kehrten 1905 in den Schoß der Familie zurück. Als Claus Spreckel im Dezember 1908 starb, hinterließ er ein Vermögen von mehr als 50 Millionen Dollar.
Spreckel war ein Mann mit nie erlahmender Tatkraft, der sich nie zu schade war, auch noch als vielfacher Millionär, selbst Hand anzulegen.
Eigenwillig und dickköpfig ging er seinen Weg, ließ sich nicht beirren und blieb sich immer selbst treu. Am Ende hat ihm der Erfolg recht gegeben.


Heinrich Steinweg, der geniale Klavierbauer aus dem Harz, gründete in New York die berühmteste Klavierfabrik der Welt. »Steinway & Sons« genoß schon zu seinen Lebzeiten legendären Ruhm.


»Es gibt Eigennamen, die mit der Zeit eine Bedeutung weit über ihren engeren Begriff hinaus errungen haben, die typisch geworden sind. Zu diesen möchten wir in hervorragendem Grade den Namen Steinway zählen - hat er doch eine weltweite Bedeutung gewonnen, ist er doch überall, wo Musik und die Liebe zur Musik zu Hause sind, heimisch und von vertrautem Klange, nicht nur in dem großen Gesamtgebiet der Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt. Die Geschichte der Entstehung und Entwicklung des Hauses Steinway & Sons... zeigt, wie starke Willenskraft, unbeugsame Energie und gediegenes Wissen zu jeder Zeit und an jedem Ort sich Geltung zu verschaffen wissen.«  
Theodor Lemke, Geschichte des Deutschtums von New York, 1891

 

Wenn auf irgendeiner Bühne der Welt ein Pianist an sein Instrument geht - mag er nun Klassik oder Unterhaltungsmusik spielen -, so kann man fast sicher sein, daß es ein Steinway-Flügel ist, dem er die Melodien entlockt, mit denen er seine Zuhörer begeistert. Keiner klingt perfekter. Begonnen hat die Geschichte dieses schon legendären Instruments 1853 in Amerika, und jene Klavierbauer, deren Name Musikgeschichte gemacht hat, kamen aus dem kleinen Städtchen Seesen im Harz, wo man ihrer bis auf den heutigen Tag mit großem und berechtigtem Stolz gedenkt.

Am Anfang stand Heinrich Steinweg, der am 15. Februar 1797 als Sohn eines wohlhabenden Bauern in dem Dorf Wolfshagen geboren wurde. 1812 wurden Heinrichs Vater und drei seiner Brüder bei der Arbeit im Wald vom Blitz erschlagen. Im selben Jahr fielen seine anderen Brüder als Soldaten im Heer Napoleons.
Heinrich Steinweg stand plötzlich allein auf der Welt. Sein Vormund ging mit dem väterlichen Besitz ziemlich leichtfertig um, und als Heinrich 1818 aus dem Freiheitskrieg zurückkehrte, war sein Erbe verwirtschaftet. Heinrich wandte sich dem Tischlerberuf zu und begann sich schon in seiner Lehrzeit für den Instrumentenbau zu interessieren, für den er ein natürliches Talent entwickelte.

Nach Abschluß seiner Tischlerlehre ging Heinrich Steinweg nach Goslar, um sich zum Instrumentenbauer ausbilden zu lassen. Er hatte seine Berufung gefunden: Besondere Begabung zeigte er beim Bau von Orgeln und Klavieren. 1825 kehrte er in den Harz zurück und gründete in Seesen eine eigene Werkstatt. Im selben Jahr heiratete er. Aus der Ehe gingen 8 Kinder - 5 Söhne und 3 Töchter - hervor.

Schon 1839 erhielt ein von Steinweg hergestelltes Klavier anläßlich einer Ausstellung in Braunschweig einen Preis. Der beginnende wirtschaftliche Erfolg des kleinen Unternehmens wurde 1843 jäh durch die Gründung des deutschen Zollvereins beendet. Da sich nicht alle deutschen Kleinstaaten dem Verein anschlossen, wurden an einigen Landesgrenzen hohe Zölle für die Ein- und Ausfuhr von Waren erhoben. Das Klaviergeschäft der Steinwegs in der kleinen Enklave Seesen, die vom Königreich Hannover umgeben war, das dem Zollverein nicht beitrat, hielt diesen Belastungen nicht stand. Heinrich Steinweg faßte den Entschluß, nach Amerika auszuwandern. Es war eine kühne Entscheidung, denn in allen einschlägigen Auswandererhandbüchern wurde Musikern und Instrumentenbauern von einer Übersiedlung in die Vereinigten Staaten abgeraten. Traugott Bromme schrieb:
»Sowohl Holz- als auch Blechinstrumentenmacher können nicht leicht auf Beschäftigung rechnen, da einen Teils die Fabrikation dieser Gegenstände hier nur erst sehr schwach betrieben wird, welches wohl seinen Hauptgrund darin findet, daß der Sinn für Musik beim amerikanischen Volke noch nicht allgemein und nicht in dem Maße erwacht ist, als z. B. in unserem Deutschland.«

Andererseits nahm der Klavierbau eine Sonderstellung ein. Das Kulturbedürfnis vieler vermögender Amerikaner wuchs, und in vielen amerikanischen Haushalten wurde das Klavier zu einem unverzichtbaren Möbelstück - selbst wenn manchmal die Besitzer gar nicht darauf spielen konnten.
So hieß es auch bei Traugott Bromme:
»Die Fortepiano-Fabrikation hat sich seit einigen Jahren ungemein gehoben, da es seit dieser Zeit angefangen hat zum guten Ton zu gehören, im Empfangszimmer ein Instrument zu haben; denn daß die Amerikanerinnen wirklich Lust und Liebe zum Spiel hätten oder die Schönheit der Musik überhaupt hätten schätzen lernen - nicht doch! Nur die Mode machen sie mit, wenn sie Unterricht im Klavierspiel nehmen, und für hinreichend vollkommene Künstlerinnen halten sie sich, wenn sie nur ein paar Quadrillen und den Yankee Doodle klimpern können.«

Dieses Urteil war ein wenig hart und bezog sich wohl auf Einzelfälle. Das Risiko erschien den Steinwegs immerhin noch groß genug, so daß sie zunächst einen der Söhne vorausschickten, der 1849 in New York eintraf, um die Verhältnisse in Amerika zu studieren. Schon 1850 folgten Heinrich Steinweg und drei weitere Söhne. Sein ältester Sohn Theodor blieb zunächst in Seesen zurück, um das kleine Geschäft weiterzuführen. Die Steinwegs suchten in Amerika erst einmal Arbeit bei verschiedenen Klavierbauern, um sich mit den amerikanischen Fertigungsmethoden, Werkzeugen und Holzarten vertraut zu machen. Am 5. März 1853 eröffneten sie ihre eigene Werkstatt. Ihr Ziel war es, nicht ein Maximum an Instrumenten zu bauen, sondern besonders hochwertige Klaviere herzustellen. Sie ersonnen Verbesserungen, die die Instrumente widerstandsfähiger gegen Witterungseinflüsse machten und ihre Klangfülle erhöhten. Schon ein Jahr später erhielten sie die ersten Preise für ihre Pianos, und binnen kurzer Zeit war der Name der deutschen Familie, die sich jetzt Steinway nannte, ein fester Begriff in der Musikwelt.

William Steinway,

der jüngste Sohn Heinrich Steinwegs, führte die Klavierfabrik mit großem Erfolg weiter.
Gleichzeitig gehörte er zu den bedeutendsten Vertretern der Deutsch-Amerikaner in New York, wurde mehrfach in öffentliche Ehrenämter berufen und bewies starkes soziales und kulturelles Engagement. Er ließ für die Familien seiner Arbeiter Schulen, Badeanstalten, Kindergärten und Bibliotheken errichten und förderte Kunst und Wissenschaft und zahlreiche wohltätige Einrichtungen in großzügiger Weise.

 

1888 machte ihn seine Heimatstadt Seesen im Harz zum Ehrenbürger.

 

 


15 Jahre nach der Gründung der kleinen Werkstatt leiteten die Steinways eine Fabrik mit mehr als 800 Arbeitern und stellten wöchentlich 60 Klaviere und Flügel her.
Nach wie vor war es ihr Bestreben, die Qualität der Instrumente trotz der Massenanfertigung stetig zu erhöhen. Gleichzeitig entwickelten sie einen gesunden Geschäftssinn. Ihre Werbemethoden waren außerordentlich zugkräftig. Sie bauten die »Steinway Hall«, ein repräsentatives Ladengeschäft, und errichteten eine Konzerthalle mit 2´500 Sitzplätzen, die ideale akustische Verhältnisse bot. Hier veranstalteten die Steinways große Konzerte, hier gastierten die besten Pianisten der Welt. Sie spielten natürlich auf Steinway-Instrumenten, und bald hatte es den Anschein, als gäbe es keine anderen Klaviere mehr als die Steinway-Pianos.

Auch in Europa traten die Instrumente der Familie einen wahren Siegeszug an. Schon auf der Weltausstellung in London, 1862, hatten sie Aufsehen erregt. 1867, auf der Weltausstellung in Paris, erhielten sie gleich 3 Goldmedaillen. Von nun an waren Steinway-Flügel in den Schlössern europäischer Monarchen genauso anzutreffen wie in den Palästen des Geldadels. Theodor Steinway, der älteste Sohn, war inzwischen von Seesen nach Braunschweig übergesiedelt und hatte auch dort ein Geschäft eröffnet, das ebenfalls florierte.
In diesen Jahren entstand in der Nähe New Yorks eine riesige Arbeitersiedlung, in der den Angestellten der Steinway-Fabriken gute und billige Wohnungen angeboten wurden. Daneben wurden Sägemühlen, Eisengießereien und andere Zulieferbetriebe für die Pianowerke gebaut. 1872 fertigten die Steinway-Werke bereits 80 Klaviere pro Woche. Mit einem Jahresumsatz von über 1,5 Millionen Dollar hatten sie alle anderen Instrumentenbauer in Amerika - größtenteils auch geborene Deutsche - weit hinter sich gelassen. Am 7. Februar 1871 starb Heinrich Steinway. Er hatte sein Lebenswerk noch aufblühen sehen.

Die Leitung übernahm nun Theodor, sein ältester Sohn, der 1865 aus Braunschweig in die USA übergesiedelt war, nachdem zwei seiner Brüder überraschend gestorben waren. Theodor Steinway, der die Fabrikation überwachte, und sein jüngster Bruder William, der für die geschäftliche Verwaltung zuständig war, führten das Unternehmen mit wahrhaft gigantischem Erfolg weiter. Heinrich Steinway hatte noch erlebt, daß sein Name gleichsam zu einem Markenzeichen geworden war. Daran sollte sich nichts ändern. Theodor Steinway, ein genauso begnadeter Klavierbauer wie sein Vater, bildete die Söhne seiner verstorbenen Brüder aus und bereitete sie auf die Übernahme des Unternehmens vor. 1883 kehrte er nach Braunschweig zurück und kümmerte sich weiter um die europäischen Filialen der Firma. Sein jüngster Bruder William, der den New Yorker Betrieb bis zu seinem Tode leitete, wurde 1888 Ehrenbürger von Seesen.

Obwohl »Steinway & Sons« heute einem großen Konzern gehört, hat die Firma sich den Charakter eines Familienbetriebes bewahrt. Die direkten Nachkommen der Steinway-Gründer, die nach wie vor Filialen auf der ganzen Welt kontrollieren, arbeiten noch immer im Betrieb. Sie sitzen im Aufsichtsrat und haben ihre Schreibtische mitten unter ihren Angestellten in den Großraumbüros stehen. Sie beraten die größten und besten Musiker der Welt und sorgen dafür, daß der Name Steinway und die damit verbundenen Klaviere nichts von ihrem Glanz verlieren.

 

 

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