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Die Deutschen und die Eroberung des Westens
»Im
19. Jahrhundert hat Deutschland den Vereinigten Staaten einen stärkeren
Bevölkerungszuwachs geliefert als irgendein anderes Land. Die große
Hauptmasse der Einwanderer floß dem sich mehr und mehr entwickelnden
Westen zu. Das Bestreben, das dieser Bewegung zugrunde lag, war das
gleiche, das sich schon während des 18. Jahrhunderts erkennen ließ.
Scheinbar
endlose Siedlertrecks rollten in den fernen Westen Amerikas. Besonders
viele deutsche Neubürger waren dabei. Sie wurden die besten Farmer
des Mittelwestens.
Der Mittelwestgürtel der USA wurde zu einem bevorzugten Ziel deutscher Siedler. Ihre Eigenart wurde - was bisher nur wenige Historiker erkannt haben, was sich aber anhand von Statistiken beweisen läßt - zu einem der prägenden Elemente bei der Zivilisierung dieser Region. Trotzdem blieben
auch ihnen bittere Erfahrungen nicht erspart: Die Legende von der Eroberung
des Westens nennt nur die Sieger. Tatsächlich gingen unzählige
jener Pioniere, die das Wagnis auf sich nahmen, in der Wildnis eine
neue Welt zu bauen, erbärmlich zugrunde. Noch bis in die zweite
Hälfte des 19. Jahrhunderts hielt sich in Amerika hartnäckig
die Meinung, der Westen sei eine einzige »große Wüste«,
obwohl schon in den 1840er Jahren Bemühungen eingesetzt hatten,
dieses negative Bild zu korrigieren. Die immensen Goldfunde in Kalifornien
und anderen Teilen jenes - trotz einiger topographischer Expeditionen
- nach wie vor geheimnisvollen Landes, das die Phantasie so vieler Menschen
anregte, schufen mehr und mehr Raum für ganz gegenläufige
Vorstellungen. Der Westen erhielt aus der Perspektive von Industriellen
und Politikern, die an der Besiedelung der unermeßlichen Weiten
westlich des Mississippi interessiert waren, um dieses Land vor dem
Zugriff Englands oder Mexikos zu bewahren, einen geradezu paradiesischen
Charakter. Noch unsicher
betrachten sie ihre neue Heimat im Westen Amerikas:
Zu diesem - ebenfalls verzerrten - Bild trug besonders John C. Fremont bei, ein ehrgeiziger, begabter, visionärer Emporkömmling, der im Auftrag des Kriegsministeriums mehrere Expeditionen in den Westen unternahm und mit seinen Berichten eine Welle schwärmerischer Begeisterung für den fernen Westen auslöste. Er schrieb von kristallklaren Quellen, tiefen Wäldern mit unerschöpflichem Wildreichtum, gewaltigen Büffelherden, die sich auf prächtigen, mit Wildblumen übersäten Prärien bewegten, und jungfräulichem Boden, in dessen Schoß unabschätzbare Reichtümer schlummerten.
Wesentlich zum
Erfolg von Fremonts Expeditionen trug ein außerordentlich talentierter
und sachkundiger Kartograph namens Charles Preuss bei, ein gebürtiger
Deutscher. 1847 erstellte
Preuss im Auftrag des amerikanischen Kongresses eine der besten Landkarten
von Kalifornien und Oregon, die es zu dieser Zeit gab, und versah sie
mit einer geographischen Denkschrift, die der Publizist Victor von Hagen
als »einen der topographischen Meilensteine der amerikanischen
Geschichte« bezeichnete. Doch das Paradies, das nach Fremonts
Berichten im Westen liegen sollte, entpuppte sich für jene, die
sich westlich des Mississippi eine Existenz aufbauen wollten und die,
mit lockenden Flugblättern versehen, auf denen goldene Berge versprochen
wurden, in die Wildnis aufbrachen, als Hölle. Inmitten der
grenzenlosen Einsamkeit dieser Urgewalt ausstrahlenden Landschaft, waren
die Pioniere vollauf damit beschäftigt, sich am Leben zu erhalten.
Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang brachen sie die Scholle, brachten
Saat in den Boden, gruben Brunnen, legten Bewässerungsgräben
an und wurden meist nur von ihrem eigenen Schatten begleitet. Die einzige
menschliche Stimme, die sie hörten, war ihre eigene. Sie verloren
nach und nach jeden Bezug zur Zivilisation. Sie streiften die Fesseln
gesellschaftlicher Konventionen ab. Sie verwilderten, paßten sich
dem alles erdrückenden, alles verschlingenden Land an, um darin
zu überleben. Das Foto zeigt den deutschen Einwanderer Fritz Renz mit seiner Frau vor der winzigen Holzhütte ihrer kleinen Farm. Hier im Mittelwesten
entstand »der Amerikaner«, wenn es ihn in dieser Pauschalität
überhaupt gibt. Gehärtet, geschlagen und herausgefordert durch
das Land, in dem alles, was schwach war, unterging, wuchs ein neuer
Menschenschlag heran; selbstbewußt, stark, ausgestattet mit eisernem
Beharrungsvermögen. Argwöhnisch, eigenwillig, nur sich selbst
vertrauend und von aggressivem Individualismus und ausgeprägtem
Freiheitsbewußtsein. Die Erschließung
der großen Ebenen, jenes als Wüste verschrienen Gebietes
für die Landwirtschaft, war in starkem Maße ein Verdienst
der deutschen Einwanderer. Friedrich Gerstäcker, der deutsche Abenteurer und Reiseschriftsteller, der immer wieder der europäischen Zivilisation entfloh und zu Fuß und auf dem Pferderücken den amerikanischen Westen erforschte. Er arbeitete als Jäger und Goldsucher und begeisterte mit seinen Schriften die Deutschen in der alten Heimat. Er bemühte sich um die Verbreitung genauer Informationen über die Lebensverhältnisse in der Neuen Welt. Gerstäcker starb 1872 in Braunschweig, wo er auch begraben liegt. Nachdem der Arzt Gottfried Duden 1824 die USA bereist und ein schwärmerisches Buch über den Westen veröffentlicht hatte, zog es viele Intellektuelle, die der trockenen Wissenschaft überdrüssig waren, in die Neue Welt. In Illinois, Wisconsin, Missouri und Texas entstanden die »lateinischen Settlements«, eine etwas spöttische Bezeichnung für Siedlungen, in denen mehr romantische Träumereien als landwirtschaftliche Kenntnisse vorherrschten. In Texas war Sisterdale, in Illinois St. Clair und in Missouri Belleville besonders bekannt. Nach den Unruhen
von 1830 und der Revolution von 1848 erhielten diese »Lateinsiedlungen«
besonderen Zulauf durch die politischen Emigranten aus der Alten Welt.
Hier traf man ehemalige Mediziner, Juristen, Theologen, Professoren
und Schuldirektoren, die im Schweiße ihres Angesichts die Wildnis
rodeten und sich am Abend in ihren einfachen Holzhütten zu Klavierkonzerten
oder literarischen Diskursen zusammenfanden. Balduin Möllhausen,
der als »deutscher Cooper« bekannt gewordene Reiseschriftsteller,
Maler und Ethnograph, Als Trapper in die Wildnis zog auch der ehemalige Stadtschreiber Eugen Schranz, der 1849 nach der gescheiterten Revolution aus Schwaben nach Amerika geflüchtet war. Zusammen mit einem schottischen Jäger namens McGlure ging er in die Berge von Nord-Dakota. Sein Bruder Jakob, der ebenfalls in die USA geflüchtet war, blieb als Verkäufer in einem Gemischtwarenladen in New York zurück.Eugen Schranz verließ die Wildnis nur noch selten. Er zog sich vor der immer weiter vordringenden Zivilisation immer tiefer nach Westen zurück und nahm sich eine junge Indianerin zur Frau.
Von der Härte
des Lebens in den Bergen und Wäldern des Nordwestens legen die
Briefe an seinen Bruder Zeugnis ab. Im Frühjahr 1863 beteiligte
er sich als Führer einer Armeepatrouille an der Suche nach einer
verschollenen Expedition aus Geologen und anderen Wissenschaftlern.
Führer dieser Expedition war ein gewisser Fillers gewesen. Eugen
Schranz ging später verschollen. Sein Bruder Jakob kehrte nach
Deutschland zurück. Sein Sohn reiste in den 1870 Jahren in die
USA und forschte nach seinem Onkel, bekam ihn jedoch nicht mehr zu Gesicht. Ein geringeres Problem als die erbarmungslose Natur waren für die deutschen Siedler die Indianer. Die Deutschen lebten im allgemeinen friedlich neben den roten Stämmen und bemühten sich, mit ihnen auszukommen, was auch der Friedensvertrag zeigte, den die Deutsch-Texaner bereits 1847 mit den Comanchen abschlossen. Sie ließen sich weniger von den Vorurteilen, die im amerikanischen Osten gehegt, und den Greuelmärchen, die mit missionarischem Eifer verbreitet wurden, beeinflussen, sondern vertrauten lieber auf ihre eigenen Erfahrungen. Der Trapper Eugen Schranz schrieb: »Alles,
was ich von den Indianern gehört habe, scheint nicht zu stimmen.
Wir machen uns da ein falsches Bild. Natürlich sind sie auch nicht
so wie diese Individuen, die mir im Osten begegnet sind. Das sind welche,
die der Schnaps schon halb umgebracht hat. Ich meine die in der Freiheit.
Sie sind als wild und gewalttätig verschrien, aber was ich von
ihnen gesehen habe, war bei Gott etwas anderes. Es war vor einem Monat,
da sind McGlure und ich gegen Abend, als wir gerade die Fallen abgegangen
sind, auf eine Gruppe jagender Indianer gestoßen. Sie waren gerade
dabei, einen Wapitihirsch abzuhäuten. Als wir uns ihnen näherten,
zeigten sie keine Furcht, auch keine Feindseligkeit.«
John Xaver
Beidler, Sohn deutscher Eltern aus Pennsylvania, war eine der grimmigsten
Gestalten des »Wilden Westens«.
Doch es gab Ausnahmen: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde im Ohio-Tal ein Deutscher namens Ludwig Wetzel als Indianerjäger bekannt. Die Familie Wetzel stammte aus der Rheinpfalz. Ludwig war 13 Jahre alt, als Indianer die elterliche Farm überfielen und die Familie bis auf Ludwig und seinen Bruder Jakob töteten. Die beiden Jungen wurden mitgeschleppt und konnten in der folgenden Nacht aus dem Indianerlager flüchten. Dabei nahmen sie zwei Flinten und ein Jagdmesser mit. Sie kehrten zur niedergebrannten Farm ihrer Eltern zurück und schworen über den skalpierten Leichen blutige Rache. Ludwig wuchs, erfüllt von nie erlöschendem Haß, heran.
In den folgenden
Jahren tötete Wetzel allein in der Umgebung von Wheeling 27 Indianer
und nahm ihnen den Skalp. Wochenlang streifte er durch die Wälder
und erschlug jeden Indianer, den er zu Gesicht bekam. Er setzte seinen
blutigen Rachefeldzug auch fort, als 1789 ein Friedensvertrag abgeschlossen
wurde. Die englischen Behörden setzten ihn daraufhin gefangen.
Unter dem Druck der Siedler an der Indianergrenze, die in Wetzel einen
Kämpfer für ihre Sicherheit sahen, wurde er freigelassen und
zog tiefer in den Süden, wo er bald wieder als Indianerschlächter
von sich reden machte. Als Eroberer
des Westens waren die Deutschen nicht die Streiter mit dem Gewehr.
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