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VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© Paul Clancy, Susan Feller, Mark M. Steele, Lydia Preston, - 1978 - " Die Glücksspieler"
sowie Veröffentlichungen der Kongreßbibliothek der USA (LOC) und des US Nationalarchiv (NARA)

 

Saloon im Südwesten um 1886

 

 

Die Glücksspieler

 

 

 

Das Wetten -
eine bei den Indianern weitverbreitete Passion

 

Chippewa-Indianer

 

Diese Darstellung zeigt Chippewa-Indianer in Fort Snelling, Minnesota, die in ein Brettspiel vertieft sind.
Die hohen Einsätze, unter anderem eine Pfeife und Waffen, lassen darauf schließen, daß die Spieler dem Wettkampf große Bedeutung beimessen.


Das Glücksspiel war im Westen Amerikas so verbreitet wie Sandstürme, Cowboys oder ein plötzliches Ende.
Schon lange bevor der weiße Mann in Erscheinung trat,  waren die indianischen Ureinwohner versessen auf Wetten bei Glücksspielen.
Für sie war das Wetten ein Bestandteil ihrer religiösen Riten, eine Beschäftigung, der sie mit so großer Ernsthaftigkeit nachgingen,
daß die Folgen bisweilen tödlich waren.

Die Einwanderer, die in den Westen kamen - nicht nur die europäischen, sondern auch die mexikanischen und chinesischen -, setzten diese Tradition fort. Gewöhnlich riskierten sie ihr restliches Geld und manchmal alles, was sie besaßen, in Geschicklichkeitsspielen, beim Kartenspiel oder in Wetten um bloße Meinungsverschiedenheiten.
Das erste Geschichtsbuch der Stadt San Francisco, "The Annals of San Francisco", stellt begeistert fest, daß Anfang der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts das Glücksspiel allgegenwärtig war. „Jeder spielte.
Es war das populärste Vergnügen und in allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen beliebt. Richter und Geistliche, Ärzte und Advokaten, Kaufleute und Verkäufer, Händler, Handwerker und Arbeiter, Goldsucher und Farmer,
alle auf ihre Weise Abenteurer. Jeder bahnte sich seinen Weg zum Spieltisch und warf, ohne zu erröten, seinen goldenen oder silbernen Einsatz hin."
Diese Beschreibung trifft eigentlich auf jedes Goldsucher-Camp, jede schmutzige Rinderzucht-Stadt oder jedes Eisenbahner-Camp mit seiner rauhen Atmosphäre zu.

 

In Santa Fe, New Mexico, berichtete der reisende Reporter der Bostoner Zeitung Journal im Jahre 1859, daß die Eingeborenen spanischer Herkunft „eingefleischte Spieler" seien. „Bald nachdem die Kinder laufen lernen,  setzen sie ihren ersten Penny aufs Spiel. Und alte Männer riskieren noch kurz vor ihrem Tod ihren einzigen Mantel oder ihren letzten Dollar beim Glücksspiel.
Auch die Amerikaner stürzen sich mit der ihnen eigenen Unbekümmertheit in das Spielvergnügen. Obgleich zu dieser Zeit eine Flaute herrschte, lebten in der Stadt 50 amerikanische Sporting Men,  wie die berufsmäßigen Spieler höflich genannt werden. Im Santa Fe Hotel sah ich häufig drei Monte-Tische in einem einzigen Raum von frühmorgens bis spät in die Nacht in Betrieb. Eine bunt gemischte Gruppe von Indianern, Mexikanern und Weißen stand um die Tische herum und vernebelte dabei den Raum mit Tabakrauch. Die Stille wurde nur durch das Klingeln der Münzen und das unterdrückte Atmen der Spieler unterbrochen. Enorme Haufen von Silbermünzen lasteten auf den Tischen, und oftmals wechselten innerhalb von zehn Minuten 10’000 Dollar den Besitzer."

 

Bei seinen Beobachtungen stellte der Reporter fest, daß unter den Spielern in Santa Fe Reiche wie Arme, Leichtsinnige wie Vorsichtige zu finden waren. „Geschäftsmänner verloren oder gewannen vor den Augen aller 1000 Dollar mit der größten Gleichgültigkeit. An einem Abend sah ich einen Verkäufer, der mit nur fünf Dollar in das Spiel einstieg. Innerhalb einiger Stunden hatte er 1000 dazugewonnen. Aber noch bevor der Morgen anbrach, besaß er keinen Penny mehr.
Ein junger Aufseher verließ den Spieltisch, nachdem er 1200 Dollar gewonnen hatte, mit den Worten: ,Wenn du etwas Gutes hast, halte es fest.
Die Einsätze mußten aber nicht so hoch sein, um an einem Spiel teilnehmen zu können. In den meisten Saloons lagen sie im Durchschnitt unter fünf Dollar. Zu den bescheidensten Einsätzen, die es je im Westen gegeben hat, gehören sicherlich die von drei Indianern in Austin, Nevada. Eine Lokalzeitung, die Reveille aus Reese River, druckte folgenden Bericht: „Gegenüber dem Cosmopolitan Saloon spielten gestern abend drei kräftige Piute ein indianisches Pokerspiel,
in dem Kaugummi als Spieleinsatz diente. Jeder der Beteiligten biß etwas von dem Kaugummistück in seinem Mund ab und legte es in einen Topf. Der mit dem besten Blatt durfte sich die drei Stücke in seinen Mund stecken."
In Dodge City, Kansas, beobachtete 1878 ein Reporter des Globe, daß die Spieler, ebenso wie die Cowboys und die Rinder, in brüllenden Herden von Süden her kamen.
„Genau 403 901 (?) Spieler (großen und kleinen Kalibers) sind schon in Dodge, bereit, das überschüssige Geld dieses Sommers in ihren Besitz zu bringen."
Das Fragezeichen sollte offenbar dem Leser deutlich machen, daß der Reporter eine witzig übertriebene Anzahl aus der Luft gegriffen hatte. Klar ist aber, worum es ihm geht.

In Truckee, einer Holzfällerstadt an der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien, wurden die Waldarbeiter in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht in Geld ausgezahlt, sondern in Gutscheinen der Handelsgesellschaft.
Wenn sie nach einem Monat Waldarbeit in die Stadt zurückkehrten, strömten sie sofort in die Spielhallen. Dort tauschten sie die Gutscheine in Chips ein, die sie bald wieder verloren. Danach kehrten sie in die Wälder zurück,
während die Stadtbewohner um das Geld, das die Holzfäller zurückgelassen hatten, weiterspielten.
Das Glücksspiel war überall im Westen verbreitet: in den Goldgräber- und Eisenbahnstädten, im Gebirge und auf dem flachen Land. Selbst auf den Flüssen wurde ausgelassen, leidenschaftlich und ohne Unterbrechung gespielt.
Als die junge Ehefrau eines Advokaten, Betsy Taliaferro, einmal auf einem Raddampfer den Mississippi bereiste, beklagte sie sich über die nächtlichen Störungen durch die Spieler in den Männerkabinen.
„Sie spielen die ganze Nacht - ich kann kaum Atem holen - und hab' Angst, die Türen zu öffnen", schrieb Betsy aufgebracht. „Eine fürchterliche Eintönigkeit - nichts als das Klirren jener unentwegten Spieler, Tag und Nacht."
In der nächsten Nacht vertraute sie ihrem Tagebuch wieder eine bekümmerte Bemerkung an: „Die Spieler stritten sich laut in der Herrenkabine. Oh, dieses abscheuliche Laster, wo soll das hinführen!"

Lacrosse spielende Sioux-Indianer

 

Lacrosse spielende Sioux-Indianer schlagen auf diesem 1851 entstandenen Bild eifrig nach dem Ball. Ein weißer Beobachter berichtete, daß viele dieser Indianer sogar häufig ihre letzte Habe riskierten.


Niemals in der Geschichte der Vereinigten Staaten war das Glücksspiel so verbreitet und gesellschaftlich anerkannt wie in den Tagen der Frontier. Die Bewohner des amerikanischen Westens spielten begeistert Poker, trag,  euchre, all fours, Boston, seven-up und pitch.
Andere beliebte Spiele waren Roulette, chuck-a-luck, vingt-et-un, rouge et noir, Cassino, Spanisch und Drei-Karten-Monte, Faro, Whist und Keno. 
Verbreitet waren auch Hahnen-, Preis- und
Hundekämpfe, Pferderennen und Dampfschiff-Wettfahrten, Billard und Taschenspielerei. Die Frontiersmen waren verrückt nach Lotterien,  spekulierten mit Aktien der Goldminen und Grundstücken in den Städten. Wo immer sich die Gelegenheit bot, eine Wette abzuschließen, traten die Glücksspieler alsbald auf den Plan.
Ein Grund für die große Verbreitung des Glücksspiels liegt in der Härte, Einsamkeit und Langeweile des Frontier Lebens. Viele Männer im Wilden Westen, besonders in den Camps der Goldgräber, waren jung.

Und junge Menschen - weit weg vom Elternhaus - haben ganz besonders das Bedürfnis, unter Menschen zu kommen und sich zu amüsieren. Nach einer Zeit sehr harter Arbeit in der Prärie, im Wald, beim Eisenbahnbau oder in der Mine brauchte ein junger, unverheirateter Mann Entspannung und etwas Nervenkitzel. Wenn er mit solcher Erwartung in die Stadt kam, fand er das alles in den Saloons, wo sich die professionellen Spieler gewöhnlich aufhielten.
Fast jeder Saloon hatte seinen hauseigenen Sporting Man. Und irgendwo in der Nähe, vielleicht sogar im selben Haus, hielten sich meistens ein oder zwei Sporting Girls auf, die dort als Prostituierte arbeiteten. Ohne die Unterhaltung, die die Wirte der Saloons, die Prostituierten und die Spieler boten, wären sicherlich viele Männer in ihre Heimat zurückgekehrt oder einfach verzweifelt.

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Die Männer des Wilden Westens spielten wegen des Nervenkitzels, den das Risiko eines hohen Einsatzes mit sich bringt, oder einfach zum Zeitvertreib. Für einige war der Spieltisch ein Ersatz für die Goldmine, die Möglichkeit, im Handumdrehen reich zu werden. Für die Profispieler war das Spielen ein Beruf, der ein sehr unregelmäßiges Einkommen mit sich brachte, ein fortwährendes Auf und Ab. Sie waren nicht gerade Ehrenmänner. Genaugenommen waren viele von ihnen habgierige Banditen, die kaum zu verhehlende Betrügereien inszenierten und nach der Devise handelten, kleinere Betrüger nicht zum Zuge kommen zu lassen.
Es gab im Wilden Westen natürlich auch Gegner des Glückspiels - Männer und Frauen, die darin den Untergang ihrer Gemeinden sahen. Sie bekämpften es mit aller Kraft und forderten die Achtung derer,- die vom Spiel nicht loskamen
und damit sich und ihre Familien zugrunde richteten. Bereits 1848 gelang es aktiven Gegnern des Glücksspiels in San Francisco, Gesetze durchzusetzen, die das öffentliche Spielen verboten. Aber derartige Gesetze, auch wenn sie die Schließung der Spielhallen bewirkten, führten nur dazu, daß die Spieler im Untergrund weiterhin ihrer Leidenschaft nachgingen.

Castanoa-Indianer

 

Castanoa-Indianer würfeln um ein kleines Tier. Sie gehörten zu den wenigen Indianer-Stämmen, bei denen die Männer Bärte trugen.

 

Die moralischen und gesetzlichen Einwände des weißen Mannes hatten auf die ursprünglichen Spieler des Westens, die Indianer, keinen Einfluß. Die Indianer hatten schon immer ihre freie Zeit mit Geschicklichkeits- und Glücksspielen verbracht. Teilweise trug ihre Spielneigung religiöse Züge: Beim Pfeilschießen oder Würfeln ahmten sie die Handlungen der mythischen Helden ihrer geistigen Welt nach.

Beispielsweise gehörten die göttlichen Zwillinge zu den Schöpfungsmythen vieler Stämme. Einer dieser Götter, die einst der Sonne entsprangen, lebte im Osten und herrschte am Tage und im Sommer; der andere, der im Westen lebte, beherrschte die Nacht und den Winter.

So konkurrierend wie ihre gegensätzlichen Machtbereiche sagten die Zwillinge das Schicksal der Menschen voraus und spielten, einem Zuni-Mythos zufolge, „zum bloßen Zeitvertreib in göttlichen Wettkämpfen um das Glück ganzer Nationen". Man hielt sie für die ursprünglichen Glücksspieler. Sie waren die Götter des Wettens, und es waren ihre Spiele, die die Sterblichen nachahmten. Die den göttlichen Zwillingen geweihten Gegenstände unterschieden sich kaum von denen, die die Indianer täglich bei ihren Wettspielen benutzten, außer in ihrer künstlerischen Ausführung.

Bei manchen Stämmen war die Verbindung des Glücksspiels mit Mythen von sehr großer Bedeutung. So spielte beispielsweise der Wichita-Stamm Glücks- und Geschicklichkeitsspiele nur im Zusammenhang mit Zeremonien. Das war allerdings die Ausnahme. Die meisten Indianer spielten, wann immer sie Zeit hatten und irgend etwas besaßen, das sie aufs Spiel setzen konnten. Ob ein Indianer spielte, damit es regnete oder um sich einfach die Zeit zu vertreiben
- fast immer versuchte er, seinen Gegner um dessen gesamte Habe zu bringen. Mit dieser Absicht wetteiferten die Indianer in verschiedenen Spielen. Einige verlangten mehr Geschicklichkeit, andere - etwa Würfelspiele - waren reine Glücksspiele. Die Würfel der Indianer hatten wenig Ähnlichkeit mit den sechsseitigen Elfenbein-Würfeln, die die Weißen benutzten. Schon seit vorgeschichtlicher Zeit hatte der indianische Würfel nur zwei Seiten. Sie waren aus verschiedenen Materialien hergestellt. Eine der beiden Seiten war bemalt, geschnitzt oder mit bunten Muschelstücken dekoriert. Bei einigen Spielen wurden die Würfel in einer Schale oder einem Korb geschüttelt, bei anderen wurden sie einfach in die Luft geworfen. Als Unterlage diente eine Decke oder ein Fell. Je nachdem, welche der Seiten des Würfels nach oben zeigte, wurden dann Punkte an die Spieler vergeben.

Edwin Denig, ein Pelzhändler, war einer der ersten weißen Männer, die Einzelheiten über die Würfelspiele der Indianer niederschrieben. In einem 1854 entstandenen Bericht an den Gouverneur des Territoriums Washington schrieb Denig, daß die Assiniboin-Indianer aus North Dakota eine flache, polierte Holzschale benutzten, in der 25 Würfel auf einmal geschüttelt wurden. Einige dieser Würfel waren Krähenkrallen, die auf der einen Seite rot, auf der anderen Seite schwarz angemalt waren. Andere bestanden aus Pflaumenkernen, blauen Porzellanscherben, Westenknöpfen und Messingstiften. Wenn beispielsweise eine Kralle mit der roten Seite nach oben landete, gewann derjenige, der gewürfelt hatte, fünf Punkte. Zeigte die schwarze Seite nach oben, so erhielt er keinen Punkt. Bohrte die Kralle sich in den Boden, wurde das mit 25 Punkten belohnt. Ein äußerst seltener, vollkommener Wurf sämtlicher 25 Würfel ergab 100 Punkte. Trotz der Vielzahl der Würfel und Werte wurde das Spiel sehr schnell gespielt. Denig war erstaunt darüber, daß die Indianer, „aufgrund ihrer Übung", die Gesamtpunktzahl mit einem Blick erkennen konnten.
Im allgemeinen dauerten die Würfelspiele der Indianer weitaus länger als die der Weißen, da der Gewinner in bestimmten Situationen dem Verlierer die Hälfte des Einsatzes zurückgab und dieser somit die Möglichkeit hatte, seine Position im Spiel wieder zu verbessern. Diese Verlängerung des teilweise schmerzlichen Vergnügens war von großer Bedeutung für die Assiniboin, für die das Glücksspiel der eigentliche Lebensinhalt zu sein schien.
Bisweilen endete es sogar tödlich.

 

Wettläufe um Reichtümer, Regen und das Wohlwollen der Götter

 

Wettläufe - ob kurze, präparierte Strecken oder kilometerweite Staffelläufe über den steinigen Prärieboden - waren bei den Indianern beliebte Anlässe zum Wetten.
Die Höhe der Einsätze schwankte zwischen so geringen Werten wie etwa einer Decke und enormen Reichtümern. Um 1890 berichtete ein Reporter über einen Wettlauf bei den Zuni: „Geld, silberne Gürtel, Armbänder, Ringe, Türkise,
Pferde - alles, was einen Wert hat, wird von ihnen auf ihre Favoriten gesetzt." Ein Papago erzählte, daß seine Stammesbrüder „um alles wetten.
Manchmal besaßen sie nach einem Spiel weder einen Topf noch einen Korb und mußten aus diesem Grunde Löcher in den Boden graben, um darin ihre Nahrung zu bereiten."
Neben der sportlichen kam den Rennen auch religiöse Bedeutung zu. So veranstalteten die Hopi Rennen, um die mächtige Natur zu verehren. Bei den Zuni gehörten Wettläufe zu den Frühjahrsbräuchen,
die für die keimende Saat ausreichend Regen garantieren sollten.
So hatten diese Rennen zweierlei Bedeutung: Einerseits konnte der einzelne seinen Besitz vergrößern; andererseits sollte das eigentliche Rennen dazu dienen, die Gunst der Götter zu gewinnen, und damit dem Stamm zugute kommen.

Läufer während der Flötenzeremonie

 

Während der Flötenzeremonie beobachten Hopi - Priester hinter ihren federgeschmückten Gebetsstöcken drei Läufer,
die über den verdörrten Wüstenboden rennen.


„Den   größten Teil ihrer freien Zeit verbringen sie mit den verschiedenen Spielen", schrieb Denig.
„Die Spielsucht ist so ausgeprägt, daß sie nicht selten Elend und Verarmung der Familien zur Folge hat und oft zu Streitigkeiten führt.
Wir wissen von einem Indianer, der vor einigen Jahren einen anderen tötete, weil der nicht bereit war, seine Frau als Spielpfand einzusetzen."
Zur Illustration der langen Spieldauer und der Bereitschaft der Spieler, ihre ganze Habe einzusetzen, beschrieb Denig eine mögliche Spielsituation zwischen zwei Männern. Das Spiel beginnt damit, daß jeder der beiden Männer ein Messer bietet. Danach würfeln sie abwechselnd, bis einer von ihnen 100 oder mehr Punkte gesammelt hat und auf diese Weise die beiden Messer gewinnt. Für die nächste Runde, wiederum um 100 Punkte, setzt der Verlierer sein Hemd, das im Wert den beiden Messern entspricht.

Dieses Spiel um das Doppelte-oder-Nichts wird fortgesetzt, bis die Einsätze sehr hoch sind, ein ansehnlicher Haufen verschiedener Gegenstände gegen ein wertvolles Gewehr beispielsweise. Wenn der Verlierer in diesem Moment des Spiels siegreich ist, bekommt er alles, was er vorher verloren hat, zurück. Wenn aber die Glückssträhne des Gewinners anhält, behält dieser allerdings nur das Gewehr.

Alle anderen Dinge, die er vorher schon gewonnen hat, gibt er in einer Geste der Versöhnung zurück. Denig wies darauf hin, daß das Spiel „häufig ohne Unterbrechung - außer zum Essen - zwei bis drei Tage und Nächte fortgeführt wurde, bis schließlich eine Partei geschlagen war. Wir wissen von Indianern, die alles verloren, ihr Pferd, ihre Hunde, Kochutensilien, ihre Hütte und ihre Frau, ja sogar ihre Bekleidung. Das ging so weit, daß der Verlierer darauf angewiesen war, von irgend jemandem ein altes Fell geschenkt zu bekommen, um sich zu bedecken und bei Verwandten Unterkunft zu finden".

Frauen, die von ihren Ehemännern beim Spiel verloren wurden, durften sich dazu nicht äußern, sondern mußten schlichtweg in das Haus des Gewinners umziehen. Denig zufolge führte die Niederlage im Spiel nie zum Selbstmord des Verlierers. „Vielmehr wurde versucht, durch kriegerische Feldzüge oder auf eine andere Weise Besitz zu erwerben, um dann wieder spielen zu können und seine Verluste wieder gutzumachen. Es gibt einige, die immerzu verlieren und ihr Leben lang arm sind. Nach dem Verlust seines Gewehrs kann ein Mann ehrenvoll dem Glücksspiel abschwören. Wenn er sein Pferd verloren hat, hat er noch einmal die Möglichkeit aufzuhören. Wenn aber zwischen zwei Wettkämpfern ein richtiger Streit aufkommt, endet das gewöhnlich wie oben dargestellt."
Das Würfelspiel der Assiniboin hatte im Vergleich zu anderen indianischen Wettspielen besonders komplizierte Regeln. Normalerweise setzten sowohl die Spieler als auch die Zuschauer etwas aus ihrem Besitz ein. Daraufhin bot die andere Seite sofort einen gleichwertigen Gegenstand. Gelegentlich wurden die jeweiligen Spieleinlagen zusammengebunden, so daß jeder erkennen konnte, welchen Teil er zum Gewinntopf beigetragen hatte. Häufiger wurden die Spieleinsätze jedoch einfach auf einen Haufen geworfen. Ein Medizinmann sollte dann aufpassen, daß keine der beiden Parteien den Topf verzauberte, um sich dadurch einen Vorteil im Spiel zu verschaffen. In Gruppenwetten dieser Art gab es am Ende immer mehrere Sieger, die sich den Gewinn untereinander teilen mußten.

Läufer vom Navajo-Stamm

 

Die Gesichter der Läufer vom Navajo-Stamm sind gezeichnet von dem anstrengenden Rennen unter der sengenden Sonne des Südwestens. Angehörige setzen bei derartigen Kämpfen alles mögliche aufs Spiel - von Werkzeugen bis zu Haustieren.

Die Dakota-Indianer spielten ein gespenstisches Würfelspiel mit einem Toten, bei dem der Lebende nichts, der Verstorbene aber alles verlor. Das Spiel, das mit den indianischen Beerdigungsriten zusammenhängt, fand nach dem Tod eines Indianers statt. Seine Verwandten teilten seinen Nachlaß auf und luden dann Stammesangehörige ein, mit dem Geist des Verstorbenen darum zu spielen.

„Ein Indianer wird ausgewählt, um den Geist darzustellen", berichtet eine Veröffentlichung von 1881. „Er spielt gegen alle anderen, die nichts dazu beisteuern müssen, sondern nur eingeladen sind, an der Zeremonie teilzunehmen. Schauplatz dieses Ereignisses ist gewöhnlich die Hütte des Verstorbenen. Die Teilnehmer spielen der Reihe nach gegen den Vertreter des Toten.

Wenn ein Gast gewonnen hat, nimmt er sich einen Teil aus dem Nachlaß und verläßt dann den Raum. Daraufhin wird der nächste zum Spiel eingeladen. Das geht so lange weiter, bis der gesamte Nachlaß verteilt ist." 

Im Gegensatz zu den Würfelspielen, die reine Glücksspiele sind, ging es in einigen indianischen Ratespielen - beispielsweise dem hand game (Handspiel) - darum, den Spielgegner geschickt zu täuschen. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts beobachtete ein Ethnologe namens James Mooney erregte Arapaho-Indianer bei diesem Spiel.
„Häufig treffen sich zwischen 20 und 30 Männer in einem Tipi zum Spiel. Ihr Gesang ist weit über das Lager hinaus zu hören", schrieb Mooney. „Die Spieler sitzen im Kreis um das Tipi-Feuer herum, jede Partei auf einer Seite. Beide Gruppen benötigen zum Spiel einen kleinen hölzernen Knopf, der eine ist rot, der der anderen Seite schwarz gefärbt. Der Anführer der einen Partei nimmt den Knopf und versucht, ihn möglichst unauffällig von der einen Hand in die andere zu wechseln oder ihn einem Mitspieler zu übergeben. Die Gegenspieler müssen jetzt durch sehr genaue Beobachtung versuchen herauszufinden, in welcher Hand der Knopf versteckt ist. Diejenigen, die den Knopf haben, versuchen durch Täuschungsmanöver, ihre Gegner zu verwirren, indem sie eine Hand über die andere halten, ihre Arme verschränken oder ihre Hände hinter den Rücken legen. Dort geben sie den Knopf dann an einen Mitspieler weiter. Während der ganzen Zeit bewegen sich die Spieler rhythmisch zu einem Lied, das alle zusammen so laut, wie sie nur können, singen."
Dieser Gesang der Spieler erregte Mooneys Interesse. „Das Lied ist ganz außergewöhnlich und eigentlich nicht zu beschreiben. Meistens, allerdings nicht immer, sagt es nichts aus und springt, bricht ab und schwankt ganz unerwartet,
aber immer im Takt zu den Bewegungen der Hände und Arme der Sänger. Während der ganzen Zeit beobachtet die gegnerische Seite die Hände der Spieler oder sieht ihnen direkt ins Gesicht, um verräterische Mimik zu entdecken.
Wenn einer glaubt, er habe herausgefunden, in wessen Hand sich der Knopf befindet, zeigt er mit seinem Daumen darauf und ruft laut: Diese ist es!' Wenn er recht hat, erhält seine Gruppe eine bestimmte Anzahl Stöckchen, nimmt ihren Knopf und stimmt ein neues Lied an. Stellt die Vermutung sich als falsch heraus, so müssen die Verlierer entsprechend viele Holzstöckchen abgeben. So wird bis in die frühen Morgenstunden weitergespielt. Es geht dabei immer um Gewinne, die bisweilen sehr hoch sind."Crow-Indianer

 

Im Jahre 1910 bereiten sich drei Crow-Indianer auf den Start zu einem Querfeldeinrennen vor.
Zwei von Ihnen sind barfuß, einer trägt zum Schutz seiner Füße leichte Mokassins.

 

Hohe Einsätze machten auch ein anderes langwieriges, ganz ähnliches Spiel reizvoll, das in der Nähe von Renton, Washington, gespielt wurde. Dort nahm eine Gruppe von Black-River- und Cedar-River-Indianern es 1894 mit einigen Puyallup auf. Das Spiel war in dieser Gegend mehr als
30 Jahre lang nicht gespielt worden. Jüngere Leute, die bis dahin nichts als die abgenutzten Kartenspiele aus dem Osten des Kontinents kannten, verfolgten staunend den Wettkampf zwischen den alten Indianern. Der Schiedsrichter war ein alter Puyallup-Indianer namens Seatcum, dessen Alter mit 101 Jahren angegeben wurde. „Man sieht ihm sein Alter wirklich an", bemerkte ein Reporter, der das Ereignis für die Post-Intelligencer aus Seattle verfolgte. „Er ähnelt einer ägyptischen Mumie, die nach tausend Jahren wieder zum Leben erwacht ist." Der Reporter berichtete weiter: „Die ganze Angelegenheit hatte eine schreckliche Wirkung; der düstere Klang der Trommeln und der Gesang der bemalten, federgeschmückten Indianer, der einem das Blut zum Stocken brachte, verbreiteten im Umkreis von 3 Kilometern eine unheimliche Atmosphäre."

Die Wetteinsätze bestanden aus 40 Pferden, schweren Wagen, Einspännern, Sätteln, Decken, Schmuck, Gewehren, Bettdecken, Schals, Kleidung und 150 Dollar barem Geld - praktisch das gesamte Hab und Gut dieser verarmten Stämme. Sogar die Nahrungs- und Kleidungsvorräte für den Winter wurden eingesetzt. Die Puyallup-Indianer hatten immerhin noch ein Reservat, in das sie zurückkehren konnten, falls sie die Wette verloren. Den Black-River- und den Cedar-River-Indianern dagegen - sollten sie verlieren - drohte der Hungertod, wenn nicht die weißen Einwohner von Renton Mitleid mit ihrer Notlage haben und ihnen das Nötigste zum Überleben geben würden.
Glücklicherweise kam es nie dazu. Die Indianer sangen und spielten fünf Tage und Nächte lang ununterbrochen. Um das Spiel zu gewinnen, mußte eine der beteiligten Parteien 66 Punkte mehr haben als die andere. Im Verlauf des Spiels übernahm mal die eine, mal die andere Partei die Führung. Die Puyallup kamen dem Ziel mit 53 Punkten am nächsten, verloren ihren Vorsprung aber schließlich wieder. Die Indianer waren so vertieft in ihr Spiel, daß sie es nicht einmal unterbrachen, als eine der Frauen, Mrs. Moses, „plötzlich wie besessen schien". Und während der Medizinmann den bösen Geist aus Mrs. Moses' Körper in ein Wasserfäßchen trieb und entsprechende Tänze und Gesänge die Austreibung begleiteten, dauerte das Spiel unvermindert an.

Aus völliger Erschöpfung wurde es letztlich doch beendet und für unentschieden erklärt. Die Spieler waren mittlerweile so übermüdet, daß sie „nicht einmal von ihren Plätzen wichen, sondern eng aneinanderrückten, und schon 15 Minuten später ertönte statt der Trommeln und der Gesänge ein lautes Schnarchen".

Das Handspiel wurde in verschiedenen Versionen gespielt. Manchmal stellten sich die Spieler in einer Reihe auf und hielten mit den Zähnen eine Wolldecke fest, hinter der sie den Knopf von Hand zu Hand wandern ließen. Dann wieder banden sie Fell- oder Stoffstücke um Handgelenke und Finger und wedelten damit, um von dem Knopf abzulenken, der währenddessen weitergegeben wurde. Von Stamm zu Stamm wurden unterschiedliche Gegenstände als Knöpfe verwendet: Kieselsteine, Bohnen, geschliffene Knochen, Kugeln, Stöcke oder andere kleine Dinge. Wenn zwei Stämme um hohe Einsätze spielten, etwa um Gewehre oder Pferde, wurden bisweilen die Medizinmänner als Mitspieler herangeholt. Diese beherrschten eine große Anzahl von Taschenspielertricks. Ein wichtiger Teil ihrer magischen Kunst war ihre außerordentliche Geschicklichkeit, und sobald einer von ihnen zur Spielerrunde gehörte, war es, als ob ein Professioneller auf Amateure trifft.
In einem berühmt gewordenen Wettstreit der Kiowa-Apache gegen die Cheyenne wurde der Medizinmann der Kiowa-Apache, Däveko genannt, eiligst herbeigerufen, um seinen verlierenden Stammesbrüdern Hilfe zu leisten. Er muß die Geschicklichkeit eines hochbegabten Variete-Künstlers gehabt haben. Ein Zuschauer berichtete folgendes: „Er krempelte seine Ärmel auf, so daß seine nackten Arme sichtbar wurden. Alle dachten, er hätte die Bohne in seiner Hand, aber er schüttelte allen die Hand - und seine war leer. Wieder schüttelte er allen die Hand - und auf einmal war die Bohne da. Die Cheyenne tippten daraufhin noch einmal auf Däveko, er aber hatte die Bohne wieder nicht. Schließlich griff er ins Feuer und holte die Bohne da heraus." In Anbetracht eines solchen Gegners waren die Cheyenne klug genug, sich aus dem Spiel zurückzuziehen.

Paiute-Indianer beim Knochenspiel

 

In einem Spiel, das ne ang-puki oder auch kill-the-hone genannt wird, versucht ein Paiute zu erraten,
in welcher Hand sein Gegner einen markierten Knochen versteckt hält.
Die zwischen den Spielern liegenden Stöckchen zeigen den Spielstand.


Sogar die Heilung von Krankheiten konnte von einem Handspiel abhängen. Die Pomo-Indianer aus Kalifornien glaubten daran, daß einige ihrer Krankheiten von feindlichen Stämmen durch Zauberei hervorgerufen würden. Diese Art von Krankheit konnte ein weiser Medizinmann mit seinen magischen Kräften heilen. Da eine erfolgreiche Behandlung aber teuer war, war sie den Reicheren vorbehalten. Um für die Heilung eines Kranken Geld zu gewinnen, spielten Mitglieder der betroffenen Familie gegen die feindliche Sippe; diese wiederum hoffte, der Wirksamkeit ihrer schwarzen Magie Nachdruck zu verleihen, indem sie ihrerseits den Gewinn einstrich.
Ein anderes Ratespiel, das bei den Zuni in New Mexico üblich war, nannte sich Versteckter Ball, hidden ball. Bei diesem Spiel kam es darauf an, zu raten, unter welchem von vier Stöcken, die in einem Sandhügel steckten, ein Ball vergraben war. Der Ethnologe Frank Cushing, der sich besonders für indianische Glücks- und Geschicklichkeitsspiele interessierte, hat beschrieben, wie hidden ball in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gespielt wurde:

„Es begann damit, daß viele Menschen zusammenkamen. Es wurden immer mehr, und der Lärm schwoll an; schließlich war es eine wogende, lärmende, dunkle Menschenmasse. Allmählich wurden Gegenstände zu zwei großen Haufen aufgetürmt - Gefäße, silberne Schmuckstücke, Halsketten, Stickereien, kleine Nachbildungen von Pferden, Rindern und Schafen. Frauen sammelten sich rundherum auf den Dächern und holten immer mehr Wettgegenstände heraus."
Sobald die eine Partei den Ball versteckt hatte, „wurden drei der gegnerischen vier Spieler nacheinander aufgefordert zu raten, unter welchem der Stöcke der Ball versteckt war. Nach jedem Tip erhob sich auf der gegnerischen Seite ein ohrenbetäubendes Geschrei, und ihre spielerischen Kämpfe wurden so heftig wie Kämpfe um Leben und Tod. Mit dem vierten und letzten Tip fand man den Ball, der zusammen mit den Stöcken zum eigenen Hügel herübergetragen wurde. Zehn Punkte waren gewonnen".

Dies jedoch war erst der Anfang. Gewonnen war das Spiel erst, wenn eine der Parteien 100 Punkte gesammelt hatte. „Die Tänzer wurden immer lauter", fuhr Cushing fort, „ihre Lieder und Schimpfereien immer beleidigender und verächtlicher, bis sie förmlich die Zähne fletschten. Der nächste Tag begann, und der Kampf war noch immer unentschieden. Erst als die Sonne wieder im Westen stand, verstummten die rauhen, immer noch herausfordernden Stimmen allmählich, und die siegreiche Partei zog mit den Bergen göttlicher Geschenke' davon."
Indianische Glücksspiele verliefen nicht immer so ruhig wie Würfel- und Ratespiele. Auch bei physischen Wettkämpfen wettete man mit Leidenschaft und bisweilen derart heftig, daß dieses Kräftemessen an kriegerische Auseinandersetzungen erinnerte. Wenn Der Himmel als Grenze, sky's-the-limit, gespielt wurde, bei dem die gewetteten Einsätze oft sehr hoch waren, gab es regelmäßig blutige Nasen und gebrochene Schienbeine.

Um 1830 trafen sich die Choctaw-Indianer im heutigen Oklahoma zu einem Spiel, das sie einfach „Ballspiel" nannten. Dieses Spiel war eine wildere und verworrenere Art von Lacrosse. Der berühmte Künstler George Catlin, der sich mit Dörfern, Spielen, Zeremonien und Gesichtern der Indianer im Westen Amerikas zwischen 1829 und 1838 befaßte, beobachtete einmal dieses Spiel. Um nichts zu versäumen, kam er bereits am Nachmittag vor dem Spiel auf den Platz und sah zu, wie die gegnerischen Parteien die Tore bauten. Jedes bestand aus zwei senkrecht stehenden Pfosten von etwa 8 Metern Höhe, die etwa 2 Meter voneinander entfernt standen. Über beiden lag ein dritter Pfosten quer.
Die Mitte zwischen beiden Toren, die etwa 250 Meter entfernt voneinander standen, wurde mit einem weiteren Pfahl markiert. Genau dort sollte das Spiel beginnen.

Dann zogen Stammesälteste, die die Arbeit überwacht hatten, eine Markierungslinie. Sie hatte dieselbe Funktion wie Wettschalter an Rennstrecken.
Sobald diese Linie gezogen war, wurde sie nach Catlins Darstellung „geradezu überschwemmt von Frauen und alten Männern, Jungen und Mädchen, Hunden und Pferden. Man wettete jenseits der Linie. Zum größten Teil waren es Frauen, die von allem, was sie im Haus und auf dem Feld besagen, etwas aufzubieten schienen. Besitztümer jeder Art - Messer, Kleider, Decken, Töpfe und Kessel, Hunde und Pferde und sogar Gewehre -, all dies wurde den Verwahrern der Wetteinsätze anvertraut, die die Güter die ganze Nacht an Ort und Stelle bewachten". Bei derart hohen Spieleinsätzen war es nicht gerade verwunderlich, daß alle Spieler wild entschlossen waren, das Ballspiel zu gewinnen.
Am nächsten Morgen versammelten sich die gegnerischen Parteien. Catlin berichtete, es hätten sich an die 700 Teilnehmer - alle kräftige junge Kämpfer - auf dem Spielfeld versammelt. Jeder trug zwei schlägerähnliche Stöcke,
die „am Ende zu einem ovalen Ring gebogen sind, der mit einer Art Netz aus kleinen Riemen bespannt ist. Dadurch wird verhindert, daß der Ball hindurchfällt. Die Spieler halten in jeder Hand einen dieser Schläger.
Sie springen in die Luft und fangen den Ball mit den beiden Netzen und schlagen ihn dann weiter, ohne ihn zu berühren oder mit den Händen aufzufangen". Die Männer auf dem Spielfeld trugen keine Mokassins oder sonstige Schutzkleidung. Der Lendenschurz, Perücken und Schwänze aus gefärbtem Pferdehaar waren ihre einzige Bekleidung.

Zu Beginn des Spiels wurde der Ball unter den Teilnehmern, die um den Pfosten in der Mitte des Feldes versammelt waren, hin- und hergeworfen, und das Handgemenge begann. „Es kommt vor, daß, sobald der Ball eingeworfen wird, die Spieler sich in einem wilden Durcheinander auf ihn stürzen und ihre Schläger zusammenschlagen, ohne daß einer von ihnen auch nur die Chance hat, den Ball zu treffen oder zu sehen. Der Staub, den alle aufwirbeln, ist viel zu dicht.
Selbst die Zuschauer werden bei diesem Gefecht in Mitleidenschaft gezogen. Das Durcheinander von Schlägern, Schienbeinen und blutigen Nasen bewegt sich über das ganze Spielfeld - manchmal eine Viertelstunde lang."
Am späten Nachmittag war das Spiel schließlich beendet, als eine der Parteien 100 Punkte gesammelt hatte. Die Spieler brauchten dringend eine Erfrischung, von medizinischer Versorgung ganz zu schweigen. Sie hatten sich ihren Whiskey schon mitgebracht. Aber es war ihnen wichtiger, sich zunächst um die Wettgewinne zu kümmern; erst dann griffen sie zur Flasche. Der Whiskey „versetzte alle in eine ausgelassene Stimmung, machte aber niemanden betrunken".
Bei den Mandan-Indianern vom oberen Missouri beobachtete Catlin einen Wettbewerb im Bogenschießen. Das war ein weitaus weniger anstrengendes sportliches Ereignis. Bei diesem Spiel ging es allerdings nicht um Genauigkeit oder darum, ein weit entferntes Ziel zu treffen. Da die Mandan-Indianer gewöhnlich Büffel und feindliche Indianer von galoppierenden Pferden herab aus nächster Nähe töteten, kam es für sie mehr darauf an, schnell zu schießen, als aus weiter Entfernung genau zu zielen.
Lederschild

 

Bei den Indianern dienten manchmal sogar Menschen als Spieleinsatz. Diese Darstellung auf einem Lederschild allerdings,
bei der es um eine gefangene weiße Frau geht, entstammt wahrscheinlich der Phantasie eines weißen Künstlers.

 

Daher war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen das sogenannte Pfeilspiel. Nach Catlins Darstellung „versammeln sich diejenigen jungen Männer, die das Schießen am besten beherrschten, draußen in der Prärie, etwas abseits vom Dorf. Sobald sie ihren Eintrittspreis` - etwa einen Schild, ein Gewand, eine Pfeife oder einen anderen Gegenstand - bezahlt haben, treten sie nacheinander vor und schießen ihre Pfeile ab. Jeder ist bestrebt, möglichst viele Pfeile gleichzeitig in der Luft zu haben". Bei einem Wettbewerb, den Catlin als Zuschauer verfolgte, gewann ein junger Mann, der die bemerkenswerte Anzahl von acht Pfeilen abschoß, noch ehe der erste wieder zu Boden fiel.
In den Plains stellte jeder Indianer gewöhnlich seine Pfeile selbst her. Dennoch fand man in den Pfeiltaschen gefallener Krieger bisweilen Pfeile mit fremden Initialen. Dieser offensichtliche Widerspruch verwirrte die Weißen, bis sie schließlich herausfanden, daß die Krieger diese Pfeile bei Glücksspielen gewonnen hatten. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts beobachtete John B. Dunbar, einer der ersten, die die indianischen Kulturen erforschten,
ein Spiel des Pawnee-Stammes, das zeigt, wie die Pawnee um Pfeile spielten. „Einer schoß einen Pfeil ab, der in 40 bis 60 Schritt Entfernung zu Boden fiel", schrieb Dunbar. „Dann versuchten nacheinander alle Mitspieler, ihre Pfeile so abzuschießen, daß sie unmittelbar neben dem ersten zu Boden gingen. Wer das schaffte, gewann alle abgeschossenen Pfeile."

Bei den Stämmen im Westen waren Pfeilspiele jedoch nicht so weit verbreitet wie Ring und Stock, hoop and pole. Es wurde von Stamm zu Stamm unterschiedlich gespielt. Bei allen Varianten dieses Wettspiels ging es jedoch darum, speerähnliche Stöcke durch einen Ring zu schleudern, der vom Werfenden wegrollte. Häufig waren diese Ringe mit Netzen oder Speichen durchzogen, so daß sie rollenden Zielscheiben glichen. Die Punkte wurden danach vergeben, in welchem Bereich die Pfeile den Ring durchdrangen. Ein Zuschauer, der im Jahre 1889 ein hoop-and-pole-Spiel beobachtete, meinte, daß es sehr schwierig sei und Treffer nur verhältnismäßig selten vorkämen.
Die Apache spielten eine noch schwierigere Version von hoop and pole: Sie verkleinerten den Ring und verlängerten außerdem die Wurfgeschosse. Im Jahre 1868 wurde Colonel John Cremony Zeuge eines solchen Spiels bei den Mescalero Apache in New Mexico. Die Länge des Wurfspießes betrug bei diesem Wettkampf 3 Meter, der Durchmesser des Ringes nur 15 Zentimeter.
Den Frauen der Apache war es nicht erlaubt, dem Spiel zuzusehen, geschweige denn, mitzuspielen. Ein alter Apache begründete das damit, daß sie „durch ihr parteiisches Verhalten ständig Unruhe, Verwirrung und Uneinigkeit unter den Spielern stiften".

Die Männer, ob Mitspieler oder Zuschauer, sollten dem Spiel unbewaffnet beiwohnen. Der alte Apache erklärte weiter, daß die Leute bei Glücksspielen halb außer sich geraten und leicht streitsüchtig werden. „Hoop and pole ist das aufregendste Spiel, das wir kennen. Da die Teilnehmer ihre gesamte Habe bei der Wette einsetzen, neigen die Verlierer dazu, sehr wütend zu werden. Daraus sind häufig gewalttätige Kämpfe entstanden, bei denen etliche umgekommen sind. Um das zu verhindern, wurde vor langer Zeit beschlossen, daß keiner der Teilnehmer Waffen bei sich haben oder in unmittelbarer Nähe bereithalten darf."
Die indianischen Frauen waren zwar von hoop and pole ausgeschlossen; sie hatten aber ihre eigenen Wettspiele, bei denen sie genauso hart kämpften und leichtsinnig wetteten wie die Männer, wenn auch in beschränktem Rahmen. Manchmal verboten die Männer der Assiniboin ihren Frauen zu spielen, jedoch ohne Erfolg. Selbst die Androhung von Prügel hielt die Frauen davon nicht ab. Sobald die Männer zur Jagd waren, begannen die Frauen ihr Spiel.
Die Frauen des Papago-Stammes in Arizona schätzten Doppelball, double ball, über alles. Bei diesem Feldspiel benutzen die Spieler gekrümmte Stöcke dazu, ein zusammengebundenes Ballpaar in das gegnerische Tor zu schlagen. Mythen der Papago berichten sogar davon, daß Frauen ihre Kinder im Stich ließen und von Dorf zu Dorf zogen, ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Erst kurz vor der Jahrhundertwende sollen katholische Nonnen die Spielstöcke hin und wieder konfisziert und verbrannt haben, um die Aufmerksamkeit der Frauen wieder auf ihre häuslichen Pflichten zu lenken.
Wenn es im Winter zu kalt war, um im Freien double ball zu spielen, vergnügten sich die jungen Papago-Frauen gewöhnlich mit einem Würfelspiel, stick dice.

Sie wetteten dann um Kleidungsstücke oder Gegenstände, die sie selbst hergestellt hatten. Eine alte Frau erzählte einem Anthropologen, wie sie einmal einen Schal und eine Kette gewonnen hatte. Daraufhin forderte ihre Gegenspielerin, die ihre verlorenen Gegenstände wiederzugewinnen hoffte, sie zu einem Wettlauf heraus. Das war sowohl bei den indianischen Frauen als auch bei den Männern eine beliebte Art, seine Kräfte zu messen.
Ehe der Lauf begann, holte die Herausforderin alles hervor, was sie nur einsetzen konnte - eine Schlafmatte, einen Korb und ein großes Gefäß. „Wir gingen zusammen zur Rennstrecke. Alle unsere Verwandten begleiteten uns und schlossen ebenfalls untereinander Wetten ab. Nachdem jede von uns einen ihrer männlichen Verwandten zum Schiedsrichter bestimmt hatte, wurden der Anfang und das Ende der Strecke mit Seilen markiert. Dann gaben die Männer das Startzeichen. Alle feuerten uns lautstark an. Aber schon bald hörten ihre Verwandten auf zu rufen; sie war langsamer. Ich lief als erste durchs Ziel. Daraufhin wurde ihr gesamter Wetteinsatz in mein Haus gebracht. In der darauffolgenden Nacht hörte ich sie draußen in der Wüste weinen, weil sie ihre gesamte Habe verloren hatte."
Gewöhnlich spielten indianische Frauen und Männer ihre eigenen Spiele um ihre eigenen Besitztümer. Die Ausnahme bildete ein Spiel der Teton-Dakota-Indianer. Bei diesem Wettkampf wurden durchlöcherte Hufe hochgeworfen und beim herunterfallen auf einen Stock gespießt. Obwohl Männer und Frauen getrennt spielten, war es ihnen egal, wessen Eigentum sie verwetteten. Frauen riskierten, wenn sie dieses Spiel spielten, den Besitz ihrer Männer, ohne daß diese davon wußten. Manchmal verloren sie dann alles. Aber auch die Männer setzten bisweilen den Besitz ihrer Frauen aufs Spiel und verloren gelegentlich alles.

Die Weißen hatten kaum Anteil an der umfangreichen und vielfältigen Wettspieltradition der Indianer des amerikanischen Westens. Diejenigen, die darin Erfahrungen gesammelt hatten, konnten sich als besonders privilegiert betrachten. Einer von ihnen war George Belden, ein Kavalleriesoldat, der in den 60er Jahren an einem Spiel zwischen Dakota-Indianern teilnahm. In dem Spiel, shinny genannt, ging es darum, einen Ball mit einem keulenförmigen Stock um ein Feld herumzuschlagen. White Bear und Little Dog Soldier, die Häuptlinge der Dakota, organisierten den Wettbewerb. Nachdem sich jeder von ihnen einige Dutzend Kämpfer für seine Mannschaft ausgewählt hatte, wurden die Wetten abgeschlossen. Beldens Bericht zufolge konnten die Spieler entweder direkt miteinander wetten oder aber ihre Einsätze auf einen Haufen werfen, der dann der ganzen Mannschaft gehörte. „Sofort wurde von den Schiedsrichtern dafür gesorgt, daß auf den Haufen der gegnerischen Partei ein Gegenstand mit entsprechendem Wert geworfen wurde. Ich riskierte ein Jagdmesser, ein halbes Pfund Schießpulver, ein Paar Mokassins und einen kleinen Handspiegel. Die Gegenseite bot entsprechend gleichwertige Gegenstände."

An beiden Enden eines holprigen Feldes wurden nun Torpfosten aufgestellt. Die Spieler mußten versuchen, einen Ball - ein kugelförmiges Lumpenbündel, das mit Wildleder bezogen war und etwa die Größe einer Apfelsine hatte - mit ihren Stöcken in das Tor zu zielen. Nach einem langen blutigen Handgemenge, bei dem der Ball häufig zwischen Grasbüscheln verschwand, bemerkte Beiden plötzlich, daß
ein gegnerischer Spieler versuchte, ihn unter seinem Fuß zu verstecken. Beiden rannte „mit einer derartigen Kraft von hinten gegen diesen Spieler, daß er zu Boden stürzte", und schlug dann den Ball über das Feld zu einem Mannschaftskameraden, der den Ball dann mit Leichtigkeit ins gegnerische Tor zielte und damit das Spiel beendete.

„Ich wurde zum Sieger erklärt", erzählt Beiden, „und Little Dog Soldier gratulierte mir zu meinem Erfolg. Danach rauchten wir zusammen und gingen dann zu den Gewinnen hinüber, um sie zu verteilen. Als Sieger stand mir der größte Teil zu. Aber ich lehnte zugunsten des jungen Indianers ab, der mir geholfen hatte, den Ball ins Tor zu zielen. Da er den Ball zuletzt geschlagen und somit zwischen die Torpfosten plaziert hatte, kam meiner Meinung nach ihm und nicht mir das eigentliche Verdienst zu. „Dieses Argument erhielt viel Beifall von den alten Männern; und den jungen Kämpfer, der mir eine Zeitlang nicht besonders wohlgesinnt war, rührte meine Großzügigkeit so, daß er zu mir kam, mir dankte und freimütig sagte: ,Nicht ich, du hast das Spiel gewonnen.' Ich drängte ihn aber, den größten Teil des Gewinns zu nehmen - einen Sattel, ein halbes Pfund Schießpulver, eine etwa fünfeinhalb Meter lange Kette aus Muschelgeld und eine wunderschön verzierte Messerscheide." Obwohl es insgesamt nur wenige Weiße gab, die es mit Indianern in deren Wettspielen aufnehmen konnten, lieferten sie sich in Spielen, die in beiden Kulturen beliebt waren, heftige Wettkämpfe mit den Eingeborenen. Ein Beispiel dafür ist die Begeisterung fürs Schießen und für Feuerwaffen, die im Winter 1861 zu einem Wettkampf zwischen einem Weißen und einem Indianer führte.
Eine Gruppe von Farmspekulanten, die in dem Camp American Fork in den Bergen im westlichen Montana lebte, veranstaltete ein Wettschießen zwischen einem ihrer Leute und einem Indianer namens Pushigan. Der junge Meisterschütze der Weißen, Granville Stuart, hatte einen neuen Maynard-Hinterlader-Karabiner, Kaliber 0.50, der Messingpatronen abfeuerte. Pushigan, der beste Schütze aus einer Gruppe von Bannock-, Shoshoni- und Trukuarika-Indianern, war mit einem altersschwachen Vorderlader, der über 25 Pfund wog, ausgerüstet.Shoshoni-Frauen beim Kartenspiel

Dieses Photo zeigt Shoshoni-Frauen beim Kartenspiel.
Indianische Frauen spielten genauso gerne wie die Männer,
allerdings im allgemeinen nicht um Pferde oder Waffen,
sondern um Perlen oder Haushaltsgegenstände.

„Er hat ein Stück Eisen von einem alten Reif genommen und daraus ein behelfsmäßiges Visier hergestellt, indem er das Ende leicht gebogen und dann eine Kerbe hineingefeilt hat", schrieb einer der anwesenden weißen Männer. „Diese primitive Vorrichtung wurde am Gewehrlauf mit Wildlederriemen befestigt, und mit Hilfe eines kleinen hölzernen Keils konnte das Visier ganz nach Belieben höher oder tiefer gestellt werden." Am Tage des Wettkampfes erschien die gesamte weiße Bevölkerung von American Fork beim Schießplatz. Sie brachten Perlen, Gewänder, Decken, Schlachtmesser, Pferde und Geld mit, um alles auf Stuart zu setzen. Gleichzeitig tauchte eine Horde Indianer auf, die Pushigan favorisierte. An einer Wagentür wurde eine Zielscheibe aus Papier angebracht und in etwa 100 Meter Entfernung eine Markierung für die Schützen. Den vorher abgemachten Spielregeln zufolge sollte die Zielscheibe nach jeder Runde 100 Meter weiter gestellt werden, bis der Abstand zwischen Schütze und Ziel einen Kilometer betrug.
Die Weißen wußten, daß der Indianer über geringe Entfernungen ein guter Scharfschütze war, sie waren aber ebenso davon überzeugt, daß Granville Stuarts besseres Gewehr und sein beträchtliches Können sich bei größerer Entfernung durchsetzen würden. Deshalb wetteten sie am Anfang nur mit sehr kleinen Einsätzen.

In der ersten Runde trat Pushigan an die Schußlinie, erhob seinen riesigen, alten Vorderlader und traf mitten ins Ziel. Stuart schoß als nächster; er verfehlte aber nicht nur die Zielscheibe, sondern traf nicht einmal die Tür. Einer seiner Anhänger bemerkte ruhig, wenn auch mit ironischem Unterton, daß „in Anbetracht der geringen Entfernung vom Ziel das Ergebnis nicht gerade ermutigend" sei.

 

Das Spiel ging weiter. Auch als der Abstand zwischen Scharfschützen und Ziel größer wurde, durchlöcherten Pushigans Schüsse fortwährend die Scheibe, wohingegen Stuart sie jedesmal verfehlte. Aber dann, als die Entfernung 600 Meter betrug, traf Stuart. Ein Berichterstatter schrieb: „Bis jetzt hatten wir alle sehr wenig gesetzt, aber urplötzlich hatten wir unser Vertrauen wiedergefunden und wetteten nun hoch."
Ein Optimist setzte zwei Pferde gegen eines; andere riskierten alles, was sie hatten.

Aber bei 700 Metern Entfernung schoß Stuart wieder daneben, auch bei 800 und 900, während Pushigan unverdrossen ruhig und sicher traf. Die Zielscheibe wurde in diesem Spiel gar nicht erst bis zu den vorgesehenen 1000 Metern entfernt, weil bis dahin „alle unsere Leute total ,blank` waren, wir besaßen weder ein Pony noch eine Decke und auch kein Messer mehr. Wir mußten zu Fuß ins Camp zurückgehen; spätabends kamen wir müde und hungrig dort an; wir waren einerseits trauriger, andererseits aber auch klüger geworden, seit wir morgens gutgelaunt aufgebrochen waren". Entgegen den gängigen Vorstellungen waren es diesmal die Indianer, die fröhlich heimzogen, wenn nicht klüger, so doch auf jeden Fall reicher.
Zu spät bemerkte Stuart, daß er das Opfer seiner eigenen Nachlässigkeit geworden war. Einige seiner Patronen hatte er mit zuviel Schießpulver gefüllt, andere mit zuwenig. Infolgedessen schoß er entweder viel zu weit oder längst nicht weit genug, und sein einziger Treffer bei 600 Metern war ein reiner Zufallstreffer gewesen. Diese Erklärung brachte seinen Freunden jedoch nur wenig Trost, und einer von ihnen bemerkte bissig:
„Zu dumm, daß du nicht dein Gewehr bei dieser Wette verloren hast."

Die Indianer waren nicht nur ausgesprochene Meisterschützen, sie hatten auch sehr viel für schnelle Pferde übrig. Den Indianern der Plains war ein einziges Rennpferd ebensoviel wert wie mehrere normale Pferde. Der Künstler George Catlin schrieb, daß Pferderennen „zu den spannendsten Vergnügungen und den ausgefallendsten Glücksspielen der Indianer" gehörten. Catlin erfuhr am eigenen Leib, daß ein indianisches Pferderennen außergewöhnliche Anforderungen an einen Neuling aus Pennsylvanien stellte.
Als Catlin einmal ein Dorf der Minataree besuchte, beschloß er, in einem Pferderennen gegen einen einheimischen Reiter anzutreten, der in zwei vorangegangenen Läufen schwere Niederlagen hatte einstecken müssen. Großmütig wählte der Maler absichtlich ein langsames Pony aus, um dem enttäuschten Indianer die Möglichkeit zu geben, seine Verluste wieder wettzumachen.
Am Start lernte Catlin zunächst zwei Spielregeln, die ihn entsetzten: Erstens sollte er ohne Sattel reiten und zweitens - wie der Indianer - ohne Kleidung. „Verehrter Leser! Man stelle sich vor, wie ich aussah", schrieb er in seinem Buch über die nordamerikanischen Indianer, „mit meinem kleinen, zitternden Pferd unter mir, umgeben von einer Atmosphäre der Ablehnung, und das schon in dem Moment, als wir starteten. Obwohl mein kleiner Pegasus zu schießen schien, ließ mich mein rothäutiger Gegner gleich so weit zurück, daß von einem Wettrennen keine Rede mehr sein konnte." So kehrte Catlin kleinlaut zum Start und zu seinen Kleidern zurück und enttäuschte hiermit eine Menge Frauen und Kinder, die sich an der Ziellinie versammelt hatten, um seine Niederlage mitzuerleben.
Wenn schon ein solches Pferderennen Catlins viktorianischen Sinn für das Maßvolle zutiefst erschüttert hat, so hätte bei bestimmten indianischen Pferderennen, die Weißen absolut selbstmörderisch erscheinen mußten, sein Selbsterhaltungstrieb ihn wahrscheinlich daran gehindert mitzumachen. Bei solchen Rennen stürmten die indianischen Reiter geradewegs auf ein unbewegliches Objekt zu - wer es zuerst berührte, hatte gewonnen. In einem dieser Kämpfe sollen - so Colonel Richard Dodge, der als Soldat indianische Bräuche erforschte - die Teilnehmer auf einen schweren Balken losgerast sein, der „in etwa 2 Meter Höhe waagerecht auf fest eingerammten Gabeln lag. Wenn der Reiter nur einen Moment zu früh abbremst, verfehlt er den Pfosten; tut er es jedoch einen Augenblick zu spät, läuft das Pferd darunter hindurch, der Reiter bleibt über dem Balken hängen oder wird zu Boden geworfen".

Es gab bei den Indianern noch andere Pferderennen, an denen ein Weißer sich beteiligen konnte, ohne sein Leben oder seine Knochen zu riskieren. Er nahm jedoch eine erhebliche Verletzung seiner Selbstachtung in Kauf, da diese Pferderennen ein beträchtliches Reitvermögen und oft genug auch speziell ausgebildete Ponys voraussetzten. Bei einem dieser Rennen wurden zwei Streifen Büffelleder auf dem Boden ausgebreitet, der Zwischenraum betrug zwei bis drei Meter, die Entfernung vom Start etwa 200 Meter. „Das Spiel", beschrieb Colonel Dodge weiter, „besteht darin, so schnell wie möglich zu galoppieren, zwischen die Hautstücke zu springen, das Pferd herumzureißen und zum Start zurückzukehren. Das Pferd, dem es nicht gelingt, mit allen vier Beinen hinter dem ersten Stück Haut zu landen, oder das auch nur mit einem Bein über das zweite hinaus gerät, hat verloren, auch wenn es die beste Zeit erreicht."
Genauso bereitwillig, wie die Indianer die Idee des Pferderennens aufnahmen, erweiterten sie ihr Glücksspiel-Repertoire um das Kartenspiel.

Pferde wie auch Spielkarten lernten die Indianer des Westens von den spanischen Eroberern kennen. 1795 schon beklagte sich ein spanischer Missionar bei seinem Vorgesetzten, der bei friedfertigen Apache im heutigen Arizona lebte, daß die Spanier mit ihren Kartenspielen die Eingeborenen gründlich verdorben hätten. „Ich hatte mit ihnen für den Nachmittag ein Treffen vereinbart, als ich dort zu Besuch war", berichtete Bruder Pedro de Arriquibar. „Als ich dann mit ihnen ein Glücksspiel spielte (von denen vor allem die Knaben, aber auch die Frauen geradezu abhängig sind), erzählten sie, daß dieses ebenso wie andere Kartenspiele das erste gewesen sei, was sie von den Christen gelernt hätten, und daß es bei ihnen auch vorher so etwas nicht gegeben hätte."Ute-Indianer aus Colorado


Ute-Indianer aus Colorado drängen sich um einen Kartengeber beim mexikanischen Monte.
Der Maler dieses Bildes, Frederic Remington, war erstaunt darüber, daß so frei und offen gespielt wurde: „Man vergißt fast, daß Spielen ein Laster ist."

Schon bald lernten die Indianer, ihre eigenen Spielkarten aus Baumrinde herzustellen und auszumalen, so daß sie mehr oder weniger so aussahen wie die Karten der Weißen. Von mindestens einem Kartenblatt ist bekannt, daß es aus weit exotischerem Material war als Baumrinde. Es war Captain E. M. Kingsbury in die Hände gefallen, der als Händler in der Indianer-Reservation San Carlos in Arizona arbeitete. Jede Karte hatte auf der hellen Vorderseite kleine Punkte. Wären die Karten nicht so dünn gewesen, hätte man das Material auf den ersten Blick für Kuh- oder Pferdehaut halten können. Dieses Rätsel wurde schließlich erst gelöst, als der Captain im Reservat erfuhr, daß die Karten - und das stimmte wohl - aus gegerbter Menschenhaut, die von Weißen stammte, gefertigt worden waren.
Obwohl es die Spanier waren, die die Spielkarten eingeführt hatten, wurde das Kartenspiel, das die Indianer am höchsten schätzten, um 1800 von Auswanderern aus New Orleans nach Westen mitgebracht. Es war Poker.

 

Etwa 30 Jahre später berichtete George Catlin, daß die Indianer Spaß daran hätten, ihre Karten aus Baumrinde wie die weißen Pokerspieler auszuspielen, obwohl sie keine klaren Vorstellungen von den Spielregeln hatten. Aber auch diese erlernten sie allmählich. Reisende, die in den siebziger Jahren bei irgendeiner Haltestelle der gerade fertiggestellten transkontinentalen Eisenbahn in Nevada ausstiegen, wurden gewöhnlich von dem Anblick einer Gruppe heruntergekommener, ehemaliger Krieger begrüßt, die mit ihren schmierigen Karten so aufmerksam Poker oder pedro spielten, daß sie um sich herum alles vergaßen.

Zu dieser Zeit pokerten die Indianer ständig. Einige beherrschten das Spiel vortrefflich. Einer der besten war ein Eingeborener aus dem pazifische.. Nordwesten, dessen indianischer Name soviel bedeutete wie Weiße-Gänseschnattern-auf-dem-Wasser. Die Weißen tauften ihn Poker-Jim. Als lernbegieriger und bedächtiger Philosoph des Spiels formulierte Poker-Jim einmal einen Grundsatz, wonach Pokerspieler überall auf der Welt, die versucht sind, eine große Summe Geld auf ein unbedeutendes Blatt zu setzen, dies nur zu ihrem eigenen Schaden täten. Poker-Jims schlichte Feststellung lautete: „Zwei Paar nicht sehr gut."

Über das weitere Schicksal Poker-Jims ist wenig bekannt; es gab aber noch einen anderen eingefleischten indianischen Spieler, dessen Name dagegen überall genannt wurde. Während seiner mehrjährigen Gefangenschaft in Fort Sill in Oklahoma verbrachte der große Kriegshäuptling der Apache, Geronimo, sehr viel Zeit mit Karten- und anderen Glücksspielen. Dabei ging es oftmals so hitzig zu wie bei kriegerischen Auseinandersetzungen.
Elbridge Burbank, ein junger Künstler, der 1897 nach Fort Sill kam, um Geronimo zu porträtieren, erinnerte sich lebhaft an ein Spiel zur Feier des amerikanischen Unabhängigkeitstages am 4. Juli. Beim Monte-Spiel verteilte der alte
Mann die Karten mit der Raffinesse eines Berufsspielers auf einem Flugdampfer. Wenn er seine Gewinne einstrich, jubelte er in den höchsten Tönen.
Jede Darstellung der indianischen Spiele im Wilden Westen bliebe unvollständig ohne einige Bemerkungen über das Betrügen. Wenn die Indianer unter sich spielten und wetteten, scheint Fairneß die Regel gewesen zu sein. Nichtsdestoweniger nahmen sicherlich auch die Indianer, ebenso wie die weißen Spieler, die Gelegenheit zum Mogeln wahr, wenn sich dadurch im Wettkampf ein Vorteil bot. Bei Wettläufen oder Pferderennen beispielsweise waren Fehlstarts üblich, weil jeder Teilnehmer den möglicherweise entscheidenden halben Schritt Vorsprung anstrebte.
Wenn Rivalitäten zwischen den Stämmen mit im Spiel waren, konnte die Versuchung zu betrügen bisweilen unwiderstehlich groß sein. In den siebziger Jahren war die Anzahl der Paiute und Shoshoni, die in der Nähe von Austin in Nevada lebten, etwa gleich. Eine hitzige Konkurrenz kam zwischen ihnen auf. Die Stämme spielten häufig gegeneinander. Eines Tages wurde der Herausgeber der Reese River Reveille von einem Shoshoni aufgesucht, der um Anleitung für die Fertigung von Spielkarten bat.

„Warum?" fragte der Herausgeber der Reveille, und der Shoshoni antwortete: „Meine Leute schlagen die PaiuteTeufelsbrut in Austin!"
Wie sich herausstellte, schlugen die Paiute die Shoshoni in deren eigenem Spiel. Einige Wochen später berichtete die Reveille über die ganze Angelegenheit. „Kürzlich kauften einige Paiute in einem Laden in der Hauptstraße den gesamten Spielkartenbestand auf. Sie nahmen die Karten mit in ihr Camp, markierten sie unauffällig und brachten sie in den Laden zurück. Mit einer Leidensmiene, wie nur Indianer sie aufsetzen können, baten sie, die Karten für ein Viertel des ursprünglichen Preises zurückzunehmen. Die Karten wurden unter diesen Umständen zurückgenommen und anschließend Stück für Stück an die Shoshoni verkauft.
„Den Paiute war bekannt, daß die Shoshoni in diesem Laden einzukaufen pflegten. Die arglosen Shoshoni bemerkten die Manipulation nicht und spielten Poker gegen die gerissenen Paiute, ohne zu durchschauen, daß das Spiel nicht ,astrein` war. Das Ergebnis waren Heulen und Zähneklappern im Lager der Shoshoni."
Die Entwicklung der indianischen Spielweise vom religiös begründeten Ritual zur betrügerischen List war langwierig. Sie wurde in ihrem späteren Verlauf zweifellos beschleunigt durch das Beispiel raffinierter Pokerspieler aus dem Osten
- wie jener durchtriebenen Ganoven auf den Flußdampfern, die unachtsame Passagiere in einem einzigen Spiel bis aufs Hemd ausziehen.

 

 

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