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Die Indianer Seite - 9 -
Die Schlacht auf den Plains
Im Jahre 1874
berichtete George Custer, der mit seiner Kavallerie auf einem Erkundungsritt
war, von Goldfunden in den Black Hills, der letzten Festung der kriegerischen
Sioux. Die Agenten schickten Läufer durch den Schnee, um die Stammeshäuptlinge benachrichtigen zu lassen. Aber die Häuptlinge weigerten sich, mit ihrem Volk umzusiedeln. Im Frühjahr hatten sich viele Sioux-Gruppen zu einem einzigen beweglichen Verband von 1’500 bis 2’500 Kriegern zusammengeschlossen. Gemeinsam - noch immer frei und in kämpferischer Stimmung - würden sie den Weißen ein für allemal zeigen, was es bedeutete, ein indianischer Krieger zu sein.
Medizinmann
Sitting Bull, der die Sioux am Little Bighorn befehligt haben soll,
kämpfte in Wirklichkeit nicht selbst mit,
Der ruhmreiche Sieg eines kühnen Kriegers
Custer. Sitting
Bull. Die Schlacht am Little Bighorn. Diese Namen haben sich seit
einem Jahrhundert jedem geschichtsbewußten Amerikaner eingeprägt.
Trotzdem basiert die allgemein verbreitete Darstellung auf Mißverständnissen
und Erfindungen. Die Schlacht am Little Bighorn war kein indianischer
Hinterhalt; sie war eine indianische Verteidigung gegen einen Angriff
weißer Soldaten. Sitting Bull war an diesem Tag nicht am Kampf
beteiligt.
- - Aber es ist verlockend und vielleicht auch zulässig, diesen schicksalhaften Tag zu rekonstruieren, wie ihn der berühmteste Krieger der westlichen Sioux gesehen haben könnte - - . Er war jung für einen „alten" Häuptling, noch Anfang Dreißig, ungefähr 1,70 Meter groß, nicht so hochgewachsen wie viele seiner Stammesbrüder, aber schlank und sehnig, ruhig und würdig, mit einem nachdenklichen, melancholischen Gesicht. Als er aufstand, um zu gehen, schwiegen die Männer in der Ratsversammlung, falls er noch ein Schlußwort anzufügen habe. Aber inzwischen war schon alles gesagt worden. Einige der älteren Männer neigten dazu, ewig weiterzureden, aber die Kriegshäuptlinge würden nicht mehr lange bleiben, nachdem er gegangen war. Es war ein
heißer Mittag, obwohl Schönwetterwolken am Himmel standen.
Hätte er einen der Hügel am Talrand bestiegen, hätte
er weit im Süden verschwommen die mit Schnee gesprenkelten Gipfel
der Bighorn Mountains, um die sich Wolken auftürmten, sehen können.
Auf dem Talboden wechselten Sonnenflecken mit Wolkenschatten ab: eine
herrliche Landschaft in diesem frühsommerlichen Juni - von den
Indianern „Monat, der fett macht" genannt. Der Fettes-Gras-Fluß,
dessen Ufer an einigen Stellen bewaldet waren, schlängelte sich
die Ostseite des Tals entlang. Ein Junge von sechs oder sieben Wintern
konnte einen Stein hinüberwerfen. An den Furten reichte er nur
bis zu den Steigbügeln eines Pferdes, aber die Indianer liebten
es, in seinem kühlen Wasser zu schwimmen und zu baden. An den
Außenseiten der Flugbiegungen waren Steilufer entstanden - an
einigen Stellen kahle braune Erdwälle, an anderen mit wildwachsenden
Pflanzen wie Rosenranken, die jetzt zartrosa blühten, überwuchert.
Auf den grauen Hügeln blühten die Yuccas, deren Stengel
dicht mit grünweißen Blütenblättern besetzt waren.
Hier und dort verrieten blaue Blüten den nach Prärierüben
grabenden Frauen, wo sich die Suche lohnte. In dieser friedlichen
Landschaft waren die kreisförmigen Lager aufgeschlagen: mindestens
sechs größere und kleinere der Sioux und eines der Cheyenne.
Insgesamt bedeckten sie einen fast fünf Kilometer langen Uferstreifen.
Zu den vielen Weiden- und Strauchhütten der Lager kamen noch
die Wickiups unabhängiger Krieger, die am Flug entlang verstreut
waren. Die meisten dieser Krieger waren hierher gekommen, weil sie
auf ihre Häuptlinge und auf ihre alte Überzeugung vertrauten,
daß Tapferkeit und kämpferische Fähigkeiten alle Probleme
lösen konnten. „Schickt nach allen Frauen, die auf den Hügeln graben; sie sollen in ihre Tipis zurückkommen! Treibt alle Pferdeherden in den Lagerkreis! Frauen, haltet euch bereit, rasch aufzubrechen, aber bleibt ruhig! Ihr werdet beschützt! Krieger, macht euch zum Kampf bereit!" Stromabwärts in den anderen Lagern wiederholten andere Ausrufer die gleichen Anweisungen: „Die Pferdeherden in den Lagerkreis! Frauen, bleibt ruhig! Ihr werdet beschützt! Krieger, macht euch kampfbereit!" Das Lager war riesig - viel zu groß, um längere Zeit an einem Ort existieren zu können, weil die zahllosen Pferde alles Gras abweideten. Aber es war gut, daß hier viele Indianer versammelt waren. Unter Umständen kamen die wasichus noch an diesem Tag. Späher der Sioux hatten etwa 650 von ihnen einen halben Tagesritt weit entfernt beobachtet, als sie über die Wasserscheide vom Rosebud Creek herüberkamen. Viele der Häuptlinge hielten die Kolonne nur für eine starke Aufklärungsabteilung; andererseits konnte niemand beurteilen, was im Kopf eines wasichu-Kriegshäuptlings vorging. Vielleicht waren die Blauröcke die Militäreinheit, die bei den wasichus als 7`h Cavalry bezeichnet wurde - unter Befehl Langhaars, der bei den Weißen Custer hieß. Er war der Mann, der die Eisenbahnvermesser am Yellowstone River beschützt und die Goldgräber ins Land gebracht hatte. Er und seine Männer hatten den Cheyenne-Häuptling Black Kettle unten im Süden am Washita River erschossen. Falls sie jetzt kamen, solange das große Lager noch zusammenhielt und bevor die Gruppen sich wieder trennen mußten, war dies ein guter Tag und ein guter Ort für eine Schlacht: hier am schönen Fettes-Gras-Flug, den ihre Feinde, die verhaßten Crow, die gelegentlich den wasichus geholfen hatten, Little Bighorn nannten. Bei den Oglala-Sioux
waren jetzt die meisten Pferde in den großen Lagerkreis getrieben
worden, wo sie von den Jungen gehütet wurden. Crazy Horse schlüpfte
durch den Eingang des Tipis und kniff im Halbdunkel die Augen ein
wenig zusammen, um Black Shawl, seine Frau, und ihre alte Verwandte,
die bei ihnen lebte, besser sehen zu können. Black
Shawl war eine gute Frau. Sie hatte ihm vor einigen Jahren ein Kind
geboren, ein kleines Mädchen, das gerade lange genug gelebt hatte,
um lachen und tanzen und sprechen zu können. Dann hatte es die
Krankheit bekommen, die bei den Weißen Keuchhusten hieß,
und war daran gestorben. Ihr gemeinsames Leid hatte Black Shawl und
Crazy Horse noch enger zusammengeführt. Die Kämpfe
hatten im zeitigen Frühjahr begonnen - vor über drei Monden,
als die nördlichen Plains noch immer vor Kälte erstarrt
gewesen waren. Nachdem die Weißen den arroganten, unmöglich
auszuführenden Befehl erteilt hatten, alle Indianer müßten
mitten im Winter in ihre Reservationen zurückkehren, hatten sie
in der Nacht ein Sioux- und Cheyenne-Lager am Powder River überfallen.
Erst vor acht Tagen hatte Crazy Horse einen Angriff auf eine weitere
Abteilung weißer Soldaten befehligt, die am Rosebud Creek nach
Indianern gesucht hatten. Nach einem ganztägigen Gefecht hatten
die Soldaten den Rückzug angetreten. Seitdem fühlten die
Indianer sich sehr stark. Crazy Horse
malte sich einen Blitzstrahl auf die Wange, zeichnete Hagelspuren
auf seinen Körper und befestigte den Balg des Rotbugbussards
in seinem Haar. Dann verließ er das Tipi, fischte draußen
ein kleines Stück gekochtes Fleisch aus dem Kochtopf und begann
zu essen. Die Häuptlinge und Unterhäuptlinge der Oglala-Sioux
kamen, um mit ihm zu sprechen. Er erinnerte sie daran, dag die wasichus
nicht wie Indianer kämpfen würden, falls sie auf einen Kampf
aus waren. Sie würden besiegen und töten wollen. Und deshalb
mußten die Indianer diesmal auf gleiche Weise kämpfen.
Es genügte nicht, nur Coups zu zählen, sondern die Krieger
mußten ihre Gegner auch töten.
Die Verteidiger
jubelten Häuptling Crazy Horse zu, als er zwischen ihnen erschien,
weil sie glaubten, er werde einen Ausfall anführen. Aber er winkte
ihnen nur zu und ritt nach links unter die Bäume, wo er Black
Moon (Schwarzer Mond) und einige der anderen Häuptlinge sah.
Sie hielten einen hastigen Kriegsrat ab, während über ihnen
Kugeln durch die Pappeln pfiffen. Black Moon hatte den Angriff beobachtet.
Die Blauröcke hatten angegriffen, aber ihr Vorrücken war
unvermittelt zum Stehen gekommen, als die Indianer sich zum Kampf
gestellt hatten. Er trieb seinen Schecken an, ritt hinter dem durchgehenden Pferd her, stieg schrille Schreie aus, um sein eigenes Tier zu schnellerer Gangart anzutreiben und war sich darüber im klaren, daß viele Blauröcke ihn im Visier hatten. Er holte den anderen Reiter ein und schlug einmal mit seiner schweren Streitkeule zu. Sein Gegner sank mit eingeschlagenem Schädel zusammen. Crazy Horse schwenkte ab und überließ es anderen, das erschrockene Tier einzufangen und dem leblosen blauen Sack, der eben noch ein Mensch gewesen war, Waffen und Munition abzunehmen.Jetzt ritt er auf dem hellbraunen Schecken im Zickzack zwischen den Stellungen entlang, lieg das Pferd Schwenkungen machen und beugte sich im Sattel weit nach vorn, um ein kleines Ziel zu bieten. Unterwegs konnte er den Feind studieren: die knienden Kavalleristen; die Pferdeburschen mit jeweils vier Pferden hinter ihnen; die verhaßten Ree-Späher. Aber der Feind wich bereits zurück; Black Moon rollte die Front von der Flanke her auf.
Crazy Horse
entfernte sich von der Front, bis er außer Schußweite
war, und ritt in einem weiten Bogen zu den Bäumen zurück,
unter denen einige Häuptlinge warteten. Auch Gall, ein Hunkpapa-Häuptling,
stieg dort zu ihnen. Die Blauröcke
traten endgültig den Rückzug an; sie bestiegen ihre Pferde
und jagten Hals über Kopf auf eine schlechte Furt zu, wo das
Ostufer und die dahinter liegenden Hügel steil waren. Die Sioux
verfolgten sie, als sie flohen, erschlugen einige im Wasser und überschütteten
sie mit einem Hagel von Pfeilen und Kugeln, während die Pferde
der Zurückweichenden sich die grauen Hügel zu einer Verteidigungsstellung
hinauf quälten. Die flüchtenden Weißen ließen
mindestens 30 Tote oder Sterbende zurück. Die Sioux erkannten
zwei der Feinde, die nie wieder kämpfen würden: einen Ree-Späher
namens Bloody Knife und einen weißen Späher, der bei den
Soldaten als Lonesome Charley Reynolds bekannt gewesen war. Crazy
Horse hielt viele seiner Oglala-Krieger zurück und wartete; er
beriet sich mit anderen Häuptlingen, schickte Boten aus und erhielt
Meldungen. Dann wurden seine Vorsicht und Geduld belohnt. Ostlich
des Flusses postierte Späher gaben mit Decken und Spiegeln Signale;
hinter den Hügeln war eine weitere Kavallerieabteilung nach Norden
unterwegs jetzt zog auch Gall sich zurück und ließ nur
so viele Krieger da, daß die Blauröcke auf ihrem Hügel
östlich des Flusses gefangen blieben.
Diese mit
Habichtfedern besetzte indianische Standarte war das Eigentum eines
unbekannten Sioux-Häuptlings.
Nun war es Zeit
für den traditionellen Schlachtruf. Er reckte sein Gewehr in
die Luft und rief:
Da sein Vater
sich Sorgen um die Sicherheit der Pferde machte, wies er den Jungen
an, eines mit einer langen Leine laufen zu lassen, damit es leicht
einzufangen war; mit Hilfe dieses Pferdes liegen sich dann die übrigen
zusammentreiben. Er forderte den Jungen auf, die Pferde schleunigst
heimzubringen, falls irgend etwas passierte. Als die Weißen die Flucht ergriffen, folgte Black Elk ihnen im Kielwasser des Gegenangriffs. Ein Sioux zeigte auf einen Soldaten in blauer Uniform, der im Todeskampf zuckend auf der Erde lag. „Steig' ab und skalpier' ihn, Junge", wies er ihn an. Black Elk stieg ab und machte sich an die Arbeit, aber er war ungeschickt und hatte ein stumpfes Messer. Als der Sterbende mit den Zähnen knirschte, schoß der Junge ihm mit seinem Revolver in die Stirn und löste dann die Kopfhaut ab. Black Elk bestieg wieder sein rehbraunes Pferd und ritt bald geradewegs zu seinem Tipi im Oglala-Lager zurück, um seiner Mutter den Skalp zu zeigen. Als sie den Skalp sah, stieg sie einen schrillen Triumphschrei aus, bei dem sie sich mit der flachen Hand gegen die Lippen schlug. An diesem Tag wurde Black Elk nicht wegen seines Ungehorsams getadelt oder bestraft. Seine Familienangehörigen waren stolz auf ihn. Schließlich hatte er mit 13 Jahren seinen ersten Skalp erbeutet. Iron Hawk (Eiserner
Habicht) war ein Hunkpapa-Sioux, ein Junge von 14 Jahren. Er war fast
die ganze Nacht aufgeblieben, um den Tanzenden zuzusehen, hatte den
Morgen verschlafen und aß eben seine, erste Mahlzeit des Tages,
als die Ausrufer vor den herankommenden weißen Soldaten warnten.
Iron Hawk lief zu den Pferden seiner Familie hinaus und fing sein
Pferd ein. Aber die übrigen Pferde gingen wegen des Gefechtslärms
durch, und Iron Hawk und sein Bruder brauchten einige Zeit, um sie
ins Lager der Hunkpapa zu treiben.
„Die Soldaten kamen auf der Spur der Sioux und griffen die am weitesten flußaufwärts stehenden Tipis der Unkpapa an." Diese Zeichnung von Major Renos Einheit zeigt das Vorrücken der Kavallerie in noch disziplinierten Kolonnen
Ein weiterer junger Verteidiger war Wooden Leg (Hölzernes Bein), ein 18jähriger Cheyenne, dessen Name keineswegs bedeutete, daß er körperbehindert war, sondern sich auf seine baumstarken Gliedmaßen bezog. Er hatte in der Nacht zuvor viel getanzt und war mit anderen jungen Männern in einem Sioux-Lager gewesen, wo die Mädchen sie zum Tanz aufgefordert hatten, wie es bei den Sioux üblich war. Der junge Krieger, der bereits über 1,80 Meter groß war, war bei den Mädchen sehr beliebt; er tanzte bis zum Morgengrauen und kehrte dann müde heim. Um seine Angehörigen in dem Tipi nicht zu stören, streckte er sich davor auf dem Boden aus und schlief ein paar Stunden. Dann ging er mit seinem Bruder zum Fluß. Die beiden suchten sich einen Platz unter einem schattenspendenden Baum am Ufer, um noch etwas Schlaf nachzuholen. Sie wachten von dem Gefechtslärm auf, als der Kampf weit flußaufwärts von ihnen begann. Der
alte Vater von Wooden Leg hatte bereits das Lieblingspferd seines
Kriegersohns gesattelt, so daß der junge Mann sich nur noch
auf die Schlacht vorzubereiten brauchte. Er zog seine besten Leggings,
ein gutes Stoffhemd und mit Glasperlen bestickte Mokassins an. Dann
malte er einen blauschwarzen Kreis um sein Gesicht und füllte
ihn vollständig mit Rot und Gelb aus. Falls die Große Medizin
ihn an diesem Tag zu sich rief, wollte er entsprechend gekleidet sein.
Er hätte sich am liebsten noch das Haar geflochten, aber sein
Vater forderte ihn auf, sich zu beeilen, deshalb band er es nur mit
einem Hirschlederriemen. Wooden Leg war mit einem alten Revolver bewaffnet;
er nahm seine Zündhütchen, die Kugeln und das Pulverhorn
mit und ritt flußaufwärts in Richtung Schlachtfeld.
„Jetzt
griffen alle Sioux die Soldaten an und trieben sie in großer
Verwirrung über den Fluß zurück." Red Horse
stellt dar, wie die Kavallerie über ihre eigenen Hufabdrücke
zurückreitet, Später ritt
Wooden Leg an das Westufer des Flusses zurück und half mit, das
rauchende, schwelende Unterholz nach dort versteckten Feinden abzusuchen.
Er fand etwas Tabak in den Taschen eines gefallenen Soldaten und schnallte
sich den Patronengürtel des Toten um; in den Satteltaschen eines
toten Pferdes entdeckte er zwei kleine Schachteln mit jeweils 20 Patronen,
die in seinen neuen Gürtel und das erbeutete Gewehr paßten.
In diesem Augenblick fühlte er sich sehr tapfer, wie er sich
später erinnerte. Während Crazy
Horse flußabwärts durch die Lager sprengte und immer mehr
Krieger hinter sich versammelte, begann er die Taktik des Feindes
zu begreifen: Das Südende der Indianerlager sollte mit schwachen
Kräften angegriffen werden, um die Krieger in diese Richtung
zu locken; danach sollte das unverteidigte Lager stromabwärts
mit der Hauptmasse der Blauröcke angegriffen werden. Aber die
Weißen mußten sich über pferdeschindende Hügel
vorwärtsquälen, während er den Talboden für sich
hatte. Innerhalb weniger Minuten war er an den Lagern vorbei, schwenkte
nach Osten und durchquerte den Fluß. Dann führte er seine
Krieger eine breite Schlucht hinauf, in der sie außer Sicht
des Feindes waren.
Die Zeichnung von Red Horse stellt den Höhepunkt der Schlacht dar. Er berichtete
darüber: „Die Sioux griffen die Soldaten an und zersprengten
sie völlig;
Es fiel Crazy Horse leicht, das Schlachtfeld zu finden. Gall und seine Streitmacht hatten bereits angegriffen. Hinter einem Hügelrücken stieg eine graue Staubwolke auf, und Crazy Horse hielt aus der Schlucht darauf zu. Der kastanienbraune Wallach nahm den steilen Hang fast mühelos. Der Häuptling hob die Hand, um die Reiterkolonne hinter sich zum Stehen zu bringen, bevor er gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer Häuptlinge zum Grat hinaufritt - gerade so weit, daß sie das Schlachtfeld überblicken konnten. Von dieser Stelle aus reichte ihr Blick etwa drei Kilometer weit bis zum Deep Coulee und zum Medicine Tail Coulee dahinter.
Eineinhalb Kilometer
rechts von ihnen schlängelte sich der Fettes-Gras-Fluß
dahin. Crazy Horse konnte
die Offiziere ausmachen, die sich miteinander berieten und ihre Männer
anbrüllten. Sie wußten, daß sie in der Klemme steckten.
Wenn er rasch angriff, bevor sie einen Entschluß fassen konnten,
mußte es möglich sein, sie ganz zu besiegen. Er führte sein eigenes Pferd nur durch Schenkeldruck und hielt sein Gewehr und seine Streitkeule mit dem Steinkopf hoch; er war das Symbol aller Tapferkeit der Sioux, als er seine Krieger gegen den Feind führte.
Die
Soldaten wehrten diesen neuen Angriff nicht entschlossen ab; manche
von ihnen bemerkten ihn erst zu spät, weil sie sich nur auf Galls
Krieger konzentrierten, die aus der entgegengesetzten Richtung angriffen.
Crazy Horse lenkte seinen trittsicheren Braunen mitten ins Zentrum
des Feindes, geradewegs in die Mündungen der feindlichen Gewehre.
Hinter sich konnte er die anderen auf ihren schrillen Kriegspfeifen
pfeifen und wie Kojoten jaulen hören. Die Schüsse aus den Gewehren und Karabinern hallten gelegentlich sekundenlang von den stark gegliederten Hügeln wider. Crazy Horse begann einhändig zu schießen. Die Soldaten wichen unter diesem Angriff auf zwei Fronten zurück, und ihre scheuenden Pferde machten genaues Zielen unmöglich. Und Galls Krieger kamen aus ihren Deckungen hervor, um die Verwirrung des Feindes zu nutzen.
Die Pferde
der Weißen übertönten den Kampfeslärm mit ihren
schrillen Schreien. Sie mühten sich die grauen Hänge hinauf;
sie stöhnten, wenn sie von Pfeilen und Kugeln getroffen wurden.
Sie waren an Hals, Brust und Seiten schweißnaß und hatten
blutigen Schaum am Maul, wo die Soldaten wild an der Kandare gerissen
hatten. Red Horse
zeichnete auch dieses Bild, auf dem tote Pferde um die Bataillonsfahne
herum am Boden liegen. Man kann sich Crazy Horse gegen Ende des Kampfes auf seinem müden Braunen sitzend vorstellen: auf einer Anhöhe, von der aus er beobachten konnte, wie der letzte Widerstand der Weißen gebrochen wurde. Bald würden die wehklagenden Frauen kommen, um die verwundeten Krieger heimzuholen, die Soldaten auszuplündern und voll ohnmächtiger Wut auf die Leichen einzustechen oder einzuschlagen. Dieser Augenblick gehörte dem Sioux-Häuptling. Custer lag still am Boden; sein Wille und seine Energie waren vernichtet. Crazy Horse muß zutiefst bewegt gewesen sein. Sicherlich wußte er, daß dieser Sieg nicht entscheidend war - daß er eine Schlacht, aber keinen Krieg gewonnen hatte. Vielleicht hatte er instinktiv das Gefühl, recht gehandelt zu haben, und hätte nicht viel darüber reden wollen; vielleicht hätte er gesagt: „Wenn du mit einem weisen alten Medizinmann reden willst, mußt du gehen und Sitting Bull suchen, der irgendwo betet, oder in der Reservation mit Red Cloud und seinen weißen Freunden sprechen. Ich habe getan, was ich getan habe."
Was uns Menschen betrifft, die wir erst Jahrzehnte nach dieser Schlacht geboren sind, scheinen wir jenen blutigen Tag nicht vergessen zu können. Schriftsteller vermehren die Zahl der darüber erschienenen Monographien und Bücher; sie erforschen die damaligen Ereignisse und bemühen sich, sie auszuloten. Manche vertreten die Auffassung, die Schlacht am Little Bighorn - mit Crazy Horse als stolzem Sieger und Custer inmitten der Gefallenen seines Eliteregiments tot im Staub - sei ein Symbol gewesen, um das die Indianer sich im Kampf gegen ihre weißen Feinde hätten scharen können. Diese Auffassung ist anfechtbar. Die Crow und Arikara standen auf Custers Seite. Hätten die Crow ihre Erbfeindschaft mit den Sioux, die Traditionen ihrer Vorväter vergessen sollen, um sich hinter die Sioux zu scharen, die einen Sieg gegen die Weißen erkämpft hatten? Wenn sie einig gewesen wären, hätten die Prärie-Indianer sich länger gegen die weißen Eindringlinge zur Wehr setzen können. Aber sie waren nicht einig.
„Die
Sioux nahmen keinen einzigen Soldaten gefangen", berichtete Red
Horse, „sondern töteten alle; keiner blieb auch nur für
wenige Minuten am Leben. Diese Soldaten schossen sehr wenig.
Die am wenigsten umstrittene Bedeutung dieser Schlacht lag vermutlich darin, daß die Prärie-Indianer noch immer ihre Würde besaßen und bereit waren, um ihre Freiheit zu kämpfen. Sie würden den Krieg verlieren, aber sie konnten noch immer eine Schlacht gewinnen - besonders unter diesen Voraussetzungen. Daß der weiße Befehlshaber das nicht erfaßt hatte, war sein großer Fehler gewesen. Durch seine Handlungsweise hatte Custer behauptet: Ich kämpfe nach euren Spielregeln gegen euch, lasse euch die zahlenmäßige Überlegenheit und schlage euch trotzdem. Er hätte die Möglichkeit gehabt, Gatling-Geschütze und weitere Soldaten mitzubringen, aber er hatte darauf verzichtet. Er hätte einen Tag auf Verstärkung durch weitere Einheiten warten können, aber er hatte darauf verzichtet. Er forderte seine Gegner auf der Grundlage von Männlichkeit, wie er sie verstand, auf der Basis von Tapferkeit, von Reitkunst, von Kampfgeist und von vollständiger, blinder Hingabe an die eigene Sache heraus. An diesem schicksalhaften Sonntag, dem 25. Juni 1876, verleugnete Custer die Vorteile seiner militärischen Ausbildung, weil er die Indianer um so vernichtender besiegen wollte.
Als Crazy Horse in diesem Augenblick das Schlachtfeld von einem Hügel aus betrachtete, könnte er sich voller Genugtuung gesagt haben: „Heute habt ihr euch geirrt, weiße Soldaten. Aber es war ein guter Tag zum Sterben!"
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