Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© Benjamin Capps 1973 "Die Indianer"
sowie Veröffentlichungen der Kongreßbibliothek der USA (LOC) und des US Nationalarchiv (NARA)


Dakota-Sioux-Häuptling "Many Horns"

 

Die Indianer

Seite - 9 -

 

 

 

Die Schlacht auf den Plains

 

Im Jahre 1874 berichtete George Custer, der mit seiner Kavallerie auf einem Erkundungsritt war, von Goldfunden in den Black Hills, der letzten Festung der kriegerischen Sioux.
Goldgräber strömten scharenweise ins Indianerland, und aufgebrachte Krieger belästigten und überfielen weiße Siedlungen. Im Dezember 1875 übersandte der Kommissar für Indianerfragen
den Agenten in den Sioux-Reservaten  westlich des Missouri schließlich ein Ultimatum. Ein Auszug daraus lautete:
„Sir, auf Anordnung des Hon. Secretary of the Interior weise ich Sie an, die Gruppe von Sitting Bull und anderen wilden und gesetzlosen Gruppen von Sioux,  die außerhalb der Grenzen ihrer Reservation leben und das westliche Dakota und östliche Montana durchstreifen, davon in Kenntnis zu setzen, daß sie, sofern sie nicht bis zum 31. Januar nächsten Jahres in die Grenzen  ihrer Reservation zurückkehren (und dort verbleiben), als feindlich betrachtet und von den militärischen Einheiten dementsprechend behandelt werden sollen."

Die Agenten schickten Läufer durch den Schnee,  um die Stammeshäuptlinge benachrichtigen zu lassen. Aber die Häuptlinge weigerten sich, mit ihrem Volk umzusiedeln. Im Frühjahr hatten sich viele Sioux-Gruppen zu einem einzigen beweglichen Verband  von 1’500 bis 2’500 Kriegern zusammengeschlossen. Gemeinsam - noch immer frei und in kämpferischer Stimmung - würden sie den Weißen ein für allemal zeigen, was es bedeutete, ein indianischer Krieger zu sein.

Medizinmann Sitting Bull

Medizinmann Sitting Bull, der die Sioux am Little Bighorn befehligt haben soll, kämpfte in Wirklichkeit nicht selbst mit,
sondern blieb in den Hügeln zurück, um Medizin zu machen.

 

 

Der ruhmreiche Sieg eines kühnen Kriegers

 

Custer. Sitting Bull. Die Schlacht am Little Bighorn. Diese Namen haben sich seit einem Jahrhundert jedem geschichtsbewußten Amerikaner eingeprägt. Trotzdem basiert die allgemein verbreitete Darstellung auf Mißverständnissen und Erfindungen. Die Schlacht am Little Bighorn war kein indianischer Hinterhalt; sie war eine indianische Verteidigung gegen einen Angriff weißer Soldaten. Sitting Bull war an diesem Tag nicht am Kampf beteiligt.
Der Indianer, der den Sieg davontrug, war ein Kriegshäuptling der Sioux, ein brillanter Taktiker und tapferer Krieger namens Crazy Horse. Und er nannte den Flug nicht einmal Little Bighorn.
Für ihn war er der Fettes-Gras-Flug. Niemand kann beurteilen, was Crazy Horse während der Schlacht dachte oder empfand; die Geschichtsbücher wurden von Weißen geschrieben.

 

 

- - Aber es ist verlockend und vielleicht auch zulässig, diesen schicksalhaften Tag zu rekonstruieren, wie ihn der berühmteste Krieger der westlichen Sioux gesehen haben könnte - - .

Er war jung für einen „alten" Häuptling, noch Anfang Dreißig, ungefähr 1,70 Meter groß, nicht so hochgewachsen wie viele seiner Stammesbrüder, aber schlank und sehnig, ruhig und würdig, mit einem nachdenklichen, melancholischen Gesicht. Als er aufstand, um zu gehen, schwiegen die Männer in der Ratsversammlung, falls er noch ein Schlußwort anzufügen habe. Aber inzwischen war schon alles gesagt worden. Einige der älteren Männer neigten dazu, ewig weiterzureden, aber die Kriegshäuptlinge würden nicht mehr lange bleiben, nachdem er gegangen war.

Es war ein heißer Mittag, obwohl Schönwetterwolken am Himmel standen. Hätte er einen der Hügel am Talrand bestiegen, hätte er weit im Süden verschwommen die mit Schnee gesprenkelten Gipfel der Bighorn Mountains, um die sich Wolken auftürmten, sehen können. Auf dem Talboden wechselten Sonnenflecken mit Wolkenschatten ab: eine herrliche Landschaft in diesem frühsommerlichen Juni - von den Indianern „Monat, der fett macht" genannt. Der Fettes-Gras-Fluß, dessen Ufer an einigen Stellen bewaldet waren, schlängelte sich die Ostseite des Tals entlang. Ein Junge von sechs oder sieben Wintern konnte einen Stein hinüberwerfen. An den Furten reichte er nur bis zu den Steigbügeln eines Pferdes, aber die Indianer liebten es, in seinem kühlen Wasser zu schwimmen und zu baden. An den Außenseiten der Flugbiegungen waren Steilufer entstanden - an einigen Stellen kahle braune Erdwälle, an anderen mit wildwachsenden Pflanzen wie Rosenranken, die jetzt zartrosa blühten, überwuchert. Auf den grauen Hügeln blühten die Yuccas, deren Stengel dicht mit grünweißen Blütenblättern besetzt waren. Hier und dort verrieten blaue Blüten den nach Prärierüben grabenden Frauen, wo sich die Suche lohnte.CUSTER und sein Scout BLOODY KNIFE

In dieser friedlichen Landschaft waren die kreisförmigen Lager aufgeschlagen: mindestens sechs größere und kleinere der Sioux und eines der Cheyenne. Insgesamt bedeckten sie einen fast fünf Kilometer langen Uferstreifen. Zu den vielen Weiden- und Strauchhütten der Lager kamen noch die Wickiups unabhängiger Krieger, die am Flug entlang verstreut waren. Die meisten dieser Krieger waren hierher gekommen, weil sie auf ihre Häuptlinge und auf ihre alte Überzeugung vertrauten, daß Tapferkeit und kämpferische Fähigkeiten alle Probleme lösen konnten.
Im Lager der Brille-Sioux machte ein Ausrufer seine Runde und verkündete die von der Ratsversammlung erlassenen Anordnungen:

„Schickt nach allen Frauen, die auf den Hügeln graben; sie sollen in ihre Tipis zurückkommen! Treibt alle Pferdeherden in den Lagerkreis! Frauen, haltet euch bereit, rasch aufzubrechen, aber bleibt ruhig! Ihr werdet beschützt! Krieger, macht euch zum Kampf bereit!" Stromabwärts in den anderen Lagern wiederholten andere Ausrufer die gleichen Anweisungen: „Die Pferdeherden in den Lagerkreis! Frauen, bleibt ruhig! Ihr werdet beschützt! Krieger, macht euch kampfbereit!"

Das Lager war riesig - viel zu groß, um längere Zeit an einem Ort existieren zu können, weil die zahllosen Pferde alles Gras abweideten. Aber es war gut, daß hier viele Indianer versammelt waren. Unter Umständen kamen die wasichus noch an diesem Tag. Späher der Sioux hatten etwa 650 von ihnen einen halben Tagesritt weit entfernt beobachtet, als sie über die Wasserscheide vom Rosebud Creek herüberkamen. Viele der Häuptlinge hielten die Kolonne nur für eine starke Aufklärungsabteilung; andererseits konnte niemand beurteilen, was im Kopf eines wasichu-Kriegshäuptlings vorging.

Vielleicht waren die Blauröcke die Militäreinheit, die bei den wasichus als 7`h Cavalry bezeichnet wurde - unter Befehl Langhaars, der bei den Weißen Custer hieß. Er war der Mann, der die Eisenbahnvermesser am Yellowstone River beschützt und die Goldgräber ins Land gebracht hatte. Er und seine Männer hatten den Cheyenne-Häuptling Black Kettle unten im Süden am Washita River erschossen. Falls sie jetzt kamen, solange das große Lager noch zusammenhielt und bevor die Gruppen sich wieder trennen mußten, war dies ein guter Tag und ein guter Ort für eine Schlacht: hier am schönen Fettes-Gras-Flug, den ihre Feinde, die verhaßten Crow, die gelegentlich den wasichus geholfen hatten, Little Bighorn nannten.

Bei den Oglala-Sioux waren jetzt die meisten Pferde in den großen Lagerkreis getrieben worden, wo sie von den Jungen gehütet wurden. Crazy Horse schlüpfte durch den Eingang des Tipis und kniff im Halbdunkel die Augen ein wenig zusammen, um Black Shawl, seine Frau, und ihre alte Verwandte, die bei ihnen lebte, besser sehen zu können. Black Shawl war eine gute Frau. Sie hatte ihm vor einigen Jahren ein Kind geboren, ein kleines Mädchen, das gerade lange genug gelebt hatte, um lachen und tanzen und sprechen zu können. Dann hatte es die Krankheit bekommen, die bei den Weißen Keuchhusten hieß, und war daran gestorben. Ihr gemeinsames Leid hatte Black Shawl und Crazy Horse noch enger zusammengeführt.
Der Krieger schritt wortlos auf sein Kriegsbündel zu. Er zog sein Hirschlederhemd aus, streifte die Leggings ab und kniete sich auf ein Bisonfell. Er knotete das Kriegsbündel auf, legte die Farben zurecht und dachte dabei an die vielen Toten, die es dieses Jahr bereits gegeben hatte.

Die Kämpfe hatten im zeitigen Frühjahr begonnen - vor über drei Monden, als die nördlichen Plains noch immer vor Kälte erstarrt gewesen waren. Nachdem die Weißen den arroganten, unmöglich auszuführenden Befehl erteilt hatten, alle Indianer müßten mitten im Winter in ihre Reservationen zurückkehren, hatten sie in der Nacht ein Sioux- und Cheyenne-Lager am Powder River überfallen. Erst vor acht Tagen hatte Crazy Horse einen Angriff auf eine weitere Abteilung weißer Soldaten befehligt, die am Rosebud Creek nach Indianern gesucht hatten. Nach einem ganztägigen Gefecht hatten die Soldaten den Rückzug angetreten. Seitdem fühlten die Indianer sich sehr stark.
Als Crazy Horse sich jetzt auf den Kampf vorbereitete, erinnerte er sich an den Traum, den Sitting Bull gehabt hatte. Bei dem Sonnentanz im Frühjahr hatte der große Medizinmann ein schmerzvolles Opfer gebracht. Aus beiden Armen waren ihm je 50 Hautfetzen herausgeschnitten worden; danach hatte er zwei Tage lang getanzt und die Sonne angestarrt, bis er vor Erschöpfung bewußtlos zusammengebrochen war. Nach dem Erwachen hatte er seine Vision geschildert.
Viele Soldaten würden das Lager überfallen. Vielleicht ging sein Traum jetzt in Erfüllung.

Crazy Horse malte sich einen Blitzstrahl auf die Wange, zeichnete Hagelspuren auf seinen Körper und befestigte den Balg des Rotbugbussards in seinem Haar. Dann verließ er das Tipi, fischte draußen ein kleines Stück gekochtes Fleisch aus dem Kochtopf und begann zu essen. Die Häuptlinge und Unterhäuptlinge der Oglala-Sioux kamen, um mit ihm zu sprechen. Er erinnerte sie daran, dag die wasichus nicht wie Indianer kämpfen würden, falls sie auf einen Kampf aus waren. Sie würden besiegen und töten wollen. Und deshalb mußten die Indianer diesmal auf gleiche Weise kämpfen. Es genügte nicht, nur Coups zu zählen, sondern die Krieger mußten ihre Gegner auch töten.
Crazy Horse hatte selbst schon viele Coups erzielt, ohne sie zu zählen oder sich auch nur an sie zu erinnern. Hätte er seinen Kopfschmuck für jeden Feind, den er berührt hatte, mit einer Adlerfeder geschmückt, hätte man den Mann vor lauter Federn nicht mehr gesehen. Aber dies war nicht der rechte Zeitpunkt, um an die großen Taten der Vergangenheit zu denken.
Während sie noch sprachen, hörten sie plötzlich stromaufwärts Gewehrfeuer. Die Schüsse knatterten wie ein Präriebrand, der sich mit rasender Geschwindigkeit durch dürres Unterholz frißt. Sie sahen die von galoppierenden Pferden aufgewirbelten Staubwolken jenseits des äußersten Lagerkreises, den die Tipis der Hunkpapa-Sioux bildeten. Crazy Horse bestimmte rasch eine Gruppe von Kriegern, die ihn begleiten sollte. Er nahm keinen Schild, sondern nur seinen Bogen, einen Köcher mit Pfeilen, eine Streitkeule und ein Gewehr mit; um seinem Hals hing seine Kriegspfeife aus dem Flügelknochen eines Adlers.
Er galoppierte an der Spitze seiner Krieger zwischen den Lagern talaufwärts. Die Menschen waren jetzt aufgeregt und besorgt. Sie erkannten ihn, als er vorbeiritt, und riefen fast ekstatisch: „Crazy Horse! Crazy Horse!"
Er beobachtete das Gefecht vor ihnen an einer Biegung des Flusses: die jede Deckung geschickt ausnützenden Krieger, die quer durchs Tal und auf den Anhöhen verteilt waren. Die ersten Schüsse mußten gefallen sein, sobald der Feind in die Nähe der am Flug verstreuten Wickiups gekommen war. Die Angreifer hatten in Gewehrschußweite vor dem Hunkpapa-Lager halt gemacht.

George A. Custer
George A. Custer, der im Bürgerkrieg als 23jähriger zum Brevetgeneral ernannt worden war
(das heißt ohne die entsprechenden Bezüge), hatte 1876 das Gefühl, sein Ruf als „militärisches Wunderkind" schwinde dahin.
Er hoffte, ihn durch einen Sieg über die Sioux wiederherstellen zu können.

 

Die Verteidiger jubelten Häuptling Crazy Horse zu, als er zwischen ihnen erschien, weil sie glaubten, er werde einen Ausfall anführen. Aber er winkte ihnen nur zu und ritt nach links unter die Bäume, wo er Black Moon (Schwarzer Mond) und einige der anderen Häuptlinge sah. Sie hielten einen hastigen Kriegsrat ab, während über ihnen Kugeln durch die Pappeln pfiffen. Black Moon hatte den Angriff beobachtet. Die Blauröcke hatten angegriffen, aber ihr Vorrücken war unvermittelt zum Stehen gekommen, als die Indianer sich zum Kampf gestellt hatten.
Crazy Horse ritt nach vorn zu einer Stelle, von der aus er die Front besser überblicken konnte. In diesem Augenblick ereignete sich etwas Merkwürdiges. Aus den Reihen der weißen Soldaten kam ein Pferd geradewegs auf die Indianer zugelaufen. Einige der Indianer hielten das für eine Demonstration tollkühner Tapferkeit, aber Crazy Horse sah das durchgehende Tier - mit rollenden Augen, den Kampflärm nicht gewöhnt - und den entsetzten Reiter, der sich verzweifelt bemühte, im Sattel zu bleiben und das Pferd wieder in seine Gewalt zu bekommen.

Er trieb seinen Schecken an, ritt hinter dem durchgehenden Pferd her, stieg schrille Schreie aus, um sein eigenes Tier zu schnellerer Gangart anzutreiben und war sich darüber im klaren, daß viele Blauröcke ihn im Visier hatten. Er holte den anderen Reiter ein und schlug einmal mit seiner schweren Streitkeule zu. Sein Gegner sank mit eingeschlagenem Schädel zusammen. Crazy Horse schwenkte ab und überließ es anderen, das erschrockene Tier einzufangen und dem leblosen blauen Sack, der eben noch ein Mensch gewesen war, Waffen und Munition abzunehmen.Jetzt ritt er auf dem hellbraunen Schecken im Zickzack zwischen den Stellungen entlang, lieg das Pferd Schwenkungen machen und beugte sich im Sattel weit nach vorn, um ein kleines Ziel zu bieten. Unterwegs konnte er den Feind studieren: die knienden Kavalleristen; die Pferdeburschen mit jeweils vier Pferden hinter ihnen; die verhaßten Ree-Späher. Aber der Feind wich bereits zurück; Black Moon rollte die Front von der Flanke her auf.

 

Crazy Horse entfernte sich von der Front, bis er außer Schußweite war, und ritt in einem weiten Bogen zu den Bäumen zurück, unter denen einige Häuptlinge warteten. Auch Gall, ein Hunkpapa-Häuptling, stieg dort zu ihnen.
Während Crazy Horse einige Minuten Pause machte, damit sein Tier wieder zu Atem kam, beobachtete er den Kampf. Er hatte den Eindruck, dort draußen seien zu wenige Soldaten, als daß sie ein so großes Indianerlager allein hätten angreifen können. Vielleicht lauerten irgendwo noch weitere Blauröcke. Dieser Angriff konnte ein Täuschungsmanöver sein. Die anderen Häuptlinge waren der gleichen Meinung. Die Soldaten würden sich nicht lange gegen so viele Krieger halten können. Unterdessen mußten die Indianer sich vorsehen, um nicht aus anderer Richtung angegriffen und überrumpelt zu werden.
Diese Weißen wurden bald in die Flucht geschlagen und zogen sich zuerst an den Flug zurück, wo sie zwischen Krüppelweiden und Büffelbeerendickichten Deckung fanden. Aber der Wind begünstigte die Sioux. Sie legten in dem trockenen Unterholz Feuer, das die Deckung der Soldaten vernichtete und einen Rauchschleier über das Tal zog.

Die Blauröcke traten endgültig den Rückzug an; sie bestiegen ihre Pferde und jagten Hals über Kopf auf eine schlechte Furt zu, wo das Ostufer und die dahinter liegenden Hügel steil waren. Die Sioux verfolgten sie, als sie flohen, erschlugen einige im Wasser und überschütteten sie mit einem Hagel von Pfeilen und Kugeln, während die Pferde der Zurückweichenden sich die grauen Hügel zu einer Verteidigungsstellung hinauf quälten. Die flüchtenden Weißen ließen mindestens 30 Tote oder Sterbende zurück. Die Sioux erkannten zwei der Feinde, die nie wieder kämpfen würden: einen Ree-Späher namens Bloody Knife und einen weißen Späher, der bei den Soldaten als Lonesome Charley Reynolds bekannt gewesen war. Crazy Horse hielt viele seiner Oglala-Krieger zurück und wartete; er beriet sich mit anderen Häuptlingen, schickte Boten aus und erhielt Meldungen. Dann wurden seine Vorsicht und Geduld belohnt. Ostlich des Flusses postierte Späher gaben mit Decken und Spiegeln Signale; hinter den Hügeln war eine weitere Kavallerieabteilung nach Norden unterwegs jetzt zog auch Gall sich zurück und ließ nur so viele Krieger da, daß die Blauröcke auf ihrem Hügel östlich des Flusses gefangen blieben.
Crazy Horse und Gall ritten das Tal entlang. Gall und seine Krieger sollten flußabwärts galoppieren, sich zwischen die Hauptstreitmacht des Feindes. und die Indianerlager schieben und den Flug überschreiten, bevor der Feind angreifen konnte. Crazy Horse würde geradeaus durch die Lager weiterreiten, Hunderte von Kriegern mitnehmen und den Flug hinter den Blauröcken überschreiten, um ihnen in den Rücken fallen zu können.
Er lenkte seinen müde werdenden Schecken durch die fast fünf Kilometer langen Lager und gab den noch dort wartenden Kriegern Zeichen, sich ihm anzuschließen. Bis er sein eigenes Oglala-Lager erreicht hatte, folgten ihm Scharen
von Sioux-Kriegern, die jubelten und durcheinanderschrien. Black Shawl hielt sein zweites Kriegspferd, den Braunen, für ihn bereit.
Er schwang sich auf das ausgeruhte Pferd.
indianische Standarte

 

 

Diese mit Habichtfedern besetzte indianische Standarte war das Eigentum eines unbekannten Sioux-Häuptlings.
Im Kampf war sie ein Sammelpunkt für seine Krieger sowie ein Symbol für die Tapferkeit ihres Trägers.

 

Nun war es Zeit für den traditionellen Schlachtruf. Er reckte sein Gewehr in die Luft und rief:
„Hoka-hey, Lakota! Heute ist ein guter Tag zum Sterben!"
„Hoka-hey!" antworteten die Krieger. „Heute ist ein guter Tag zum Sterben!"
Er führte sie im Galopp nach Norden das Tal entlang und nahm unterwegs noch Cheyenne-Krieger als Verstärkung mit. Rechts von sich hatte er eine Kavallerieabteilung am Medicine Tail Coulee gesehen. Aber die Furt wurde gut verteidigt, und Gall ritt mit seinen Kriegern genau auf diese Stelle zu. Die Hufschläge der Pferde seiner eigenen Krieger klangen wie Donner, der das Tal entlangrollte. Endlich stand der Entscheidungskampf unmittelbar bevor.
An diesem Tag, an dem die amerikanische Regierung ihr berühmtestes Kavallerieregiment - unter Befehl ihres draufgängerischsten Indianerbekämpfers - das große Indianerlager angreifen ließ, befanden sich dort viele Gruppen der West-Sioux gemeinsam mit Sioux aus dem Osten, Cheyenne aus dem Norden, einigen Süd-Cheyenne und befreundeten Arapaho. Im Lager gab es nicht nur Häuptlinge und Krieger; Frauen, alte Männer und Kinder lebten ebenfalls dort.
Manche standen am Rand des Lagers: aufgeregt, jubelnd, furchtsam. Andere zogen zu den niedrigen Hügeln im Westen hinaus, um notfalls fliehen zu können. Zu den in den Kampf reitenden Kriegern gehörten an diesem Tag drei Jungen zwischen 13 und 18 Jahren. Alle drei überlebten die Schlacht und konnten später als alte Männer erzählen, wie sie als Jungen jenen Tag am Little Bighorn erlebt hatten. Ihre Berichte sind ebenso Bestandteil dieses Tages wie der Sieg des Häuptlings Crazy Horse. Black Elk (Schwarzer Wapiti), ein Oglala-Sioux und der Cousin von Crazy Horse, war in diesem Sommer 13 Jahre alt. Er war am Abend zuvor in den anderen Lagern gewesen, wo getanzt wurde, und fortgeblieben,
bis er müde geworden war; dann war er heimgegangen. Sein Vater hatte ihn bei Tagesanbruch geweckt, damit er ihm helfen konnte, die Pferde auf die Weide zu treiben.

 

Da sein Vater sich Sorgen um die Sicherheit der Pferde machte, wies er den Jungen an, eines mit einer langen Leine laufen zu lassen, damit es leicht einzufangen war; mit Hilfe dieses Pferdes liegen sich dann die übrigen zusammentreiben. Er forderte den Jungen auf, die Pferde schleunigst heimzubringen, falls irgend etwas passierte.
Als der Tag heißer wurde, war das klare Wasser des Flusses zu verlockend für Black Elk; er lieg die Herde in der Obhut eines jüngeren Cousins zurück und ging mit einigen anderen Jungen schwimmen. Während sie im Wasser planschten, brachte der Cousin die Pferde an dieser Stelle zur Tränke. In diesem Augenblick verkündete der Ausrufer des Hunkpapa-Lagers: „Die Kavallerie kommt! Die Kavallerie kommt!" Black Elks älterer Bruder lief in die Richtung, aus der die Angreifer kamen, ohne auch nur eine Waffe mitzunehmen. Wenig später kam der Vater der Jungen und brachte Waffen für beide Söhne. Black Elk sollte eines der Gewehre seinem Bruder bringen und dann heimkommen. Aber als Black Elk den Verteidigungsabschnitt erreichte, wo Black Moon und die anderen den ersten, als Ablenkung gedachten Angriff abwehrten, mußte er einfach bleiben. Als Crazy Horse angeritten kam, war der Junge stolz auf die Begeisterung, mit der sein mutiger Cousin begrüßt wurde.

Als die Weißen die Flucht ergriffen, folgte Black Elk ihnen im Kielwasser des Gegenangriffs. Ein Sioux zeigte auf einen Soldaten in blauer Uniform, der im Todeskampf zuckend auf der Erde lag. „Steig' ab und skalpier' ihn, Junge", wies er ihn an. Black Elk stieg ab und machte sich an die Arbeit, aber er war ungeschickt und hatte ein stumpfes Messer. Als der Sterbende mit den Zähnen knirschte, schoß der Junge ihm mit seinem Revolver in die Stirn und löste dann die Kopfhaut ab. Black Elk bestieg wieder sein rehbraunes Pferd und ritt bald geradewegs zu seinem Tipi im Oglala-Lager zurück, um seiner Mutter den Skalp zu zeigen. Als sie den Skalp sah, stieg sie einen schrillen Triumphschrei aus, bei dem sie sich mit der flachen Hand gegen die Lippen schlug. An diesem Tag wurde Black Elk nicht wegen seines Ungehorsams getadelt oder bestraft. Seine Familienangehörigen waren stolz auf ihn. Schließlich hatte er mit 13 Jahren seinen ersten Skalp erbeutet.

Iron Hawk (Eiserner Habicht) war ein Hunkpapa-Sioux, ein Junge von 14 Jahren. Er war fast die ganze Nacht aufgeblieben, um den Tanzenden zuzusehen, hatte den Morgen verschlafen und aß eben seine, erste Mahlzeit des Tages, als die Ausrufer vor den herankommenden weißen Soldaten warnten. Iron Hawk lief zu den Pferden seiner Familie hinaus und fing sein Pferd ein. Aber die übrigen Pferde gingen wegen des Gefechtslärms durch, und Iron Hawk und sein Bruder brauchten einige Zeit, um sie ins Lager der Hunkpapa zu treiben.
Dann lief Iron Hawk in das Tipi seiner Familie, um sich für den Kampf umzuziehen. Seine Hände zitterten so sehr, dag es ihm schwerfiel, die Adlerfeder in sein Haar zu flechten und sein Gesicht rot zu bemalen. Er griff nach Köcher und Bogen, bestieg sein Pferd und ritt los.
Der erste Angriff war bereits zurückgeschlagen, und die Indianer ritten alle zu der Furt, die der Lagermitte gegenüberlag. Iron Hawk folgte den anderen und stieß unterwegs Kriegsrufe aus, um sich Mut zu machen. Er durchquerte den Fettes-Gras-Flug und ritt auf die Stelle zu, wo am Fuß der Hügel Staub- und Rauchwolken aufstiegen. Ihm erschien alles sehr verwirrend. Er sah die Kämpfenden, Indianer und Weiße, durcheinanderlaufen, beritten oder zu Fuß angreifen, tapfere Taten vollbringen, Risiken eingehen, fallen. Er selbst griff erst in den Kampf ein, als ein kleiner Trupp Soldaten in seine Richtung kam. Dann riß er Pfeile aus dem Köcher und schoß auf sie.

Zeichnung von Major Renos Einheit

„Die Soldaten kamen auf der Spur der Sioux und griffen die am weitesten flußaufwärts stehenden Tipis der Unkpapa an." Diese Zeichnung von Major Renos Einheit zeigt das Vorrücken der Kavallerie in noch disziplinierten Kolonnen


Schon einer der ersten Schüsse traf einen Kavalleristen: Die Pfeilspitze ragte auf einer Seite aus dem Körper, und die Befiederung war auf der anderen zu sehen. Der Soldat schrie auf, sein Kopf sank nach vorn, und der Körper schwankte. Der Junge holte mit seinem Bogen aus und traf ihn mit einem gewaltigen Schlag im Nacken. Daraufhin stürzte der Uniformierte aus dem Sattel. Der Junge sprang vom Pferd und begann, mit dem Bogen auf den Mann einzuschlagen; er schlug und schlug sogar noch, als sein Gegner bereits tot war. Bei jedem Schlag stieg er einen schrillen Schrei aus, weil er, wie er später sagte, wütend war, wenn er an die Frauen und kleinen Kinder dachte, die ängstlich im Lager durcheinanderliefen. Andererseits ist es natürlich möglich, daß Iron Hawk sich so rasend gebärdete, weil er selbst Angst hatte.

Ein weiterer junger Verteidiger war Wooden Leg (Hölzernes Bein), ein 18jähriger Cheyenne, dessen Name keineswegs bedeutete, daß er körperbehindert war, sondern sich auf seine baumstarken Gliedmaßen bezog. Er hatte in der Nacht zuvor viel getanzt und war mit anderen jungen Männern in einem Sioux-Lager gewesen, wo die Mädchen sie zum Tanz aufgefordert hatten, wie es bei den Sioux üblich war. Der junge Krieger, der bereits über 1,80 Meter groß war, war bei den Mädchen sehr beliebt; er tanzte bis zum Morgengrauen und kehrte dann müde heim. Um seine Angehörigen in dem Tipi nicht zu stören, streckte er sich davor auf dem Boden aus und schlief ein paar Stunden. Dann ging er mit seinem Bruder zum Fluß. Die beiden suchten sich einen Platz unter einem schattenspendenden Baum am Ufer, um noch etwas Schlaf nachzuholen. Sie wachten von dem Gefechtslärm auf, als der Kampf weit flußaufwärts von ihnen begann.

Der alte Vater von Wooden Leg hatte bereits das Lieblingspferd seines Kriegersohns gesattelt, so daß der junge Mann sich nur noch auf die Schlacht vorzubereiten brauchte. Er zog seine besten Leggings, ein gutes Stoffhemd und mit Glasperlen bestickte Mokassins an. Dann malte er einen blauschwarzen Kreis um sein Gesicht und füllte ihn vollständig mit Rot und Gelb aus. Falls die Große Medizin ihn an diesem Tag zu sich rief, wollte er entsprechend gekleidet sein. Er hätte sich am liebsten noch das Haar geflochten, aber sein Vater forderte ihn auf, sich zu beeilen, deshalb band er es nur mit einem Hirschlederriemen. Wooden Leg war mit einem alten Revolver bewaffnet; er nahm seine Zündhütchen, die Kugeln und das Pulverhorn mit und ritt flußaufwärts in Richtung Schlachtfeld.
Wooden Leg erreichte es in dem Augenblick, in dem die Kavallerie von ihrer linken Flanke aus aufgerollt wurde, und schloß sich einigen Sioux-Kriegern an, die einen weiten Bogen um die Weißen beschrieben. Tausende von Pfeilen und viele Kugeln flogen zum Feind hinüber, der dieses Feuer heftig erwiderte. Als die Soldaten aus den Büschen und Bäumen, zwischen denen sie Schutz gesucht hatten, ausbrachen, geriet Wooden Leg ihnen in die Quere. Er trieb sein Pferd an und flüchtete; dann erkannte er, daß die Weißen flohen, und kehrte um, um sie zu verfolgen. Er schoß viermal mit seinem Revolver, ohne ein Ergebnis zu sehen. Dann ritt er hinter den Soldaten her, deren Pferde sehr ermüdet waren, holte einen Uniformierten ein und schlug mit dem Hirschhorngriff seiner Reitpeitsche auf ihn ein. Als der Verwundete vom Pferd fiel, entriß Wooden Leg ihm sein Gewehr. Dann schloß er sich den übrigen Kriegern an, die den Feind bis zum Fluß verfolgten, wo er mit seiner neuen Waffe auf die fliehenden Weißen einschlug.

Zeichnung einer Kavallerie-Einheit

„Jetzt griffen alle Sioux die Soldaten an und trieben sie in großer Verwirrung über den Fluß zurück."  Red Horse stellt dar, wie die Kavallerie über ihre eigenen Hufabdrücke zurückreitet,
und deutet auf diese Weise den Rückzug an

Später ritt Wooden Leg an das Westufer des Flusses zurück und half mit, das rauchende, schwelende Unterholz nach dort versteckten Feinden abzusuchen. Er fand etwas Tabak in den Taschen eines gefallenen Soldaten und schnallte sich den Patronengürtel des Toten um; in den Satteltaschen eines toten Pferdes entdeckte er zwei kleine Schachteln mit jeweils 20 Patronen, die in seinen neuen Gürtel und das erbeutete Gewehr paßten. In diesem Augenblick fühlte er sich sehr tapfer, wie er sich später erinnerte.
Er ritt durch die Lager zu seinem Tipi zurück, um sich ein frisches Pferd zu holen. Den Tabak gab er seinem Vater, der ihm erklärte, er sei an diesem Tag schon tapfer genug gewesen und solle nicht mehr an der Schlacht in den Hügeln im Osten teilnehmen. Aber Wooden Leg wollte weiterkämpfen. Sein Vater sattelte ihm ein frisches Pferd und machte die Medizin, die es beschützen sollte. Aber er erinnerte Wooden Leg daran, daß sein älterer Bruder bereits dort mitkämpfte; er wollte nicht riskieren, beide Söhne zu verlieren. Deshalb wies er seinen jüngeren Sohn an, sich so weit wie möglich von den Soldaten fernzuhalten. Wooden Leg ritt nach Osten auf die eigentliche Schlacht zu, blieb jedoch in einiger Entfernung, wie sein Vater ihn aufgefordert hatte. Der junge Krieger schoß sein Gewehr ab und beobachtete den Kampf von weitem.

Während Crazy Horse flußabwärts durch die Lager sprengte und immer mehr Krieger hinter sich versammelte, begann er die Taktik des Feindes zu begreifen: Das Südende der Indianerlager sollte mit schwachen Kräften angegriffen werden, um die Krieger in diese Richtung zu locken; danach sollte das unverteidigte Lager stromabwärts mit der Hauptmasse der Blauröcke angegriffen werden. Aber die Weißen mußten sich über pferdeschindende Hügel vorwärtsquälen, während er den Talboden für sich hatte. Innerhalb weniger Minuten war er an den Lagern vorbei, schwenkte nach Osten und durchquerte den Fluß. Dann führte er seine Krieger eine breite Schlucht hinauf, in der sie außer Sicht des Feindes waren.
Die graubraunen Hügel waren hier draußen mit Beifuß gesprenkelt: jede Pflanze wie ein winziger Baum, dessen krummer Stamm kaum groß genug war, um einem Kaninchen Deckung zu bieten. An einigen Stellen gediehen auch Spanische Bajonette, die ihre zartgrünen Blütenstacheln in die Höhe reckten; an anderen blühten einzelne Disteln wie lavendelfarbene Puderquasten. Aber auf weiten Flächen war das von der Sonne ausgedörrte Erdreich nicht mit Pflanzen bedeckt und so der Abtragung durch Regen, Wind und Pferdehufe schutzlos preisgegeben. Weiter flußaufwärts waren die Einschnitte mit Wacholderbüschen und Wildkirschen bewachsen, aber hier waren die meisten nur kahle Erosionsrinnen.
Es gab dort weder Klippen noch Steilwände noch bizarre Felsformationen. Das Land schien gigantische Runzeln zu haben, aber die Hänge waren steil genug, um die Pferde gewaltig anzustrengen. In gewisser Beziehung war es passend,
daß dieses Land so kahl und bloß war. Wenn Männer sich versammelten, um einander zu töten - warum dann nicht in dieser unbarmherzigen Umgebung?

Zeichnung von Red Horse

Die Zeichnung von Red Horse stellt den Höhepunkt der Schlacht dar.

Er berichtete darüber: „Die Sioux griffen die Soldaten an und zersprengten sie völlig;
diese Soldaten wurden närrisch - viele von ihnen warfen ihre Waffen weg, hoben die Hände und sagten:
Sioux, habt Mitleid mit uns; nehmt uns gefangen."

 

Es fiel Crazy Horse leicht, das Schlachtfeld zu finden. Gall und seine Streitmacht hatten bereits angegriffen. Hinter einem Hügelrücken stieg eine graue Staubwolke auf, und Crazy Horse hielt aus der Schlucht darauf zu. Der kastanienbraune Wallach nahm den steilen Hang fast mühelos.

Der Häuptling hob die Hand, um die Reiterkolonne hinter sich zum Stehen zu bringen, bevor er gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer Häuptlinge zum Grat hinaufritt - gerade so weit, daß sie das Schlachtfeld überblicken konnten. Von dieser Stelle aus reichte ihr Blick etwa drei Kilometer weit bis zum Deep Coulee und zum Medicine Tail Coulee dahinter.

 

 

Eineinhalb Kilometer rechts von ihnen schlängelte sich der Fettes-Gras-Fluß dahin.
Die nächsten Weißen waren nur eine Pfeilschußweite von Crazy Horse entfernt, aber die Soldaten bildeten eine etwa 800 Meter lange Front, die sich über einen Hügelrücken und in eine Schlucht hinunter erstreckte. Da sie von zwei Seiten angegriffen wurden, versuchten sie, sich neu zu formieren. Ein Hornsignal, das mehrmals wiederholt wurde, forderte dringend zum Sammeln auf, aber die Kavalleristen schienen zum Teil den Befehl zum Absitzen bekommen zu haben, denn viele von ihnen knieten in Schützenlinien vor ihren Pferden.

Crazy Horse konnte die Offiziere ausmachen, die sich miteinander berieten und ihre Männer anbrüllten. Sie wußten, daß sie in der Klemme steckten. Wenn er rasch angriff, bevor sie einen Entschluß fassen konnten, mußte es möglich sein, sie ganz zu besiegen.
Eine Abteilung Krieger ritt weiter die Schlucht hinauf, um den Gegner zu umzingeln. Dann gab Crazy Horse den übrigen Kriegern mit einem sehnigen braunen Arm das Zeichen, die Mitte der weit auseinandergezogenen Front der U.S. Cavalry anzugreifen. Er setzte die Pfeife an die Lippen, stieg einen schrillen Pfiff aus und trieb sein Pferd über den Grat. Zwei Atemzüge lang hörte er nicht einmal die Reiter hinter sich, denn die Pferde kamen bergauf nur langsam voran, und ihre Hufe gruben sich fast lautlos ins Erdreich ein; aber als die Pferde das sanft abfallende Gelände jenseits des Grates erreichten, wurden ihre Hufschläge zu einem Donnergrollen.

Er führte sein eigenes Pferd nur durch Schenkeldruck und hielt sein Gewehr und seine Streitkeule mit dem Steinkopf hoch; er war das Symbol aller Tapferkeit der Sioux, als er seine Krieger gegen den Feind führte.

Zeichnung von Red Horse
Obwohl die Indianer die Schlacht gewannen, hatten auch sie Gefallene und Verwundete zu beklagen. Red Horse zeichnete diese toten Sioux und sagte: „Nun hatten die Sioux viele Tote. Die Soldaten erschossen 136 und verwundeten 160 Sioux."

Die Soldaten wehrten diesen neuen Angriff nicht entschlossen ab; manche von ihnen bemerkten ihn erst zu spät, weil sie sich nur auf Galls Krieger konzentrierten, die aus der entgegengesetzten Richtung angriffen. Crazy Horse lenkte seinen trittsicheren Braunen mitten ins Zentrum des Feindes, geradewegs in die Mündungen der feindlichen Gewehre. Hinter sich konnte er die anderen auf ihren schrillen Kriegspfeifen pfeifen und wie Kojoten jaulen hören.
Jetzt stiegen dichte Staubwolken auf und vermischten sich mit dem dunkleren, schmutzigen Pulverdampf.
Die Nachmittagssonne verdunkelte sich, und unter dieser Wolke blitzte Mündungsfeuer wie Leuchtkäfer auf.

Die Schüsse aus den Gewehren und Karabinern hallten gelegentlich sekundenlang von den stark gegliederten Hügeln wider. Crazy Horse begann einhändig zu schießen. Die Soldaten wichen unter diesem Angriff auf zwei Fronten zurück, und ihre scheuenden Pferde machten genaues Zielen unmöglich. Und Galls Krieger kamen aus ihren Deckungen hervor, um die Verwirrung des Feindes zu nutzen.

 

Die Pferde der Weißen übertönten den Kampfeslärm mit ihren schrillen Schreien. Sie mühten sich die grauen Hänge hinauf; sie stöhnten, wenn sie von Pfeilen und Kugeln getroffen wurden. Sie waren an Hals, Brust und Seiten schweißnaß und hatten blutigen Schaum am Maul, wo die Soldaten wild an der Kandare gerissen hatten.
Militärische Führungskunst besteht auch daraus, trotz Gefechtslärm und Kampfesgetümmel den Uberblick zu behalten. Crazy Horse dachte nicht daran, einzelne flüchtende Soldaten zu verfolgen. Er und seine Krieger griffen Ansammlungen von Weißen an und zwangen sie dazu, zurückzuweichen und sich aufzuteilen. Sie drängten die Kavalleristen von ihren Pferden ab und brachten die Tiere mitsamt der Munition in ihren Satteltaschen zum Durchgehen. Ihr Angriff glich einem großen Keil, der durch die feindlichen Reihen getrieben wurde. Und als Crazy Horse nach dieser Attacke anhielt, herrschte in den Reihen der Uniformierten heilloses Durcheinander.
Am Rande des Schlachtfeldes verfolgte eine kleine Gruppe von Sioux einen einzelnen Soldaten; er flüchtete in seiner Verzweiflung fast eineinhalb Kilometer weit, erkannte dann die Aussichtslosigkeit und jagte sich eine Kugel durch den Kopf. Für die Weißen gab es kein Sammeln, keine organisierte Verteidigung, kein Entkommen mehr. Die Indianer hielten ringsum die günstigeren Stellungen besetzt. Die Soldaten fanden nur hinter kleinen Geländeunebenheiten oder Pferdekadavern etwas Deckung. Es kam zu kurzen Angriffen und Verfolgungen. Zum Schlug wurden hauptsächlich Lanzen oder Streitkeulen benützt, als die Karabiner der Weißen aus Munitionsmangel schwiegen.
Dieser Schlußakt war in wenigen Minuten zu Ende.

Zeichnung von Red Horse

Red Horse zeichnete auch dieses Bild, auf dem tote Pferde um die Bataillonsfahne herum am Boden liegen.
Die Tiere sind an den Schweifen als Kavalleriepferde zu erkennen;
Indianer pflegten ihren Kriegspferden die Schweife hochzubinden.

Man kann sich Crazy Horse gegen Ende des Kampfes auf seinem müden Braunen sitzend vorstellen: auf einer Anhöhe, von der aus er beobachten konnte, wie der letzte Widerstand der Weißen gebrochen wurde. Bald würden die wehklagenden Frauen kommen, um die verwundeten Krieger heimzuholen, die Soldaten auszuplündern und voll ohnmächtiger Wut auf die Leichen einzustechen oder einzuschlagen. Dieser Augenblick gehörte dem Sioux-Häuptling.

Custer lag still am Boden; sein Wille und seine Energie waren vernichtet. Crazy Horse muß zutiefst bewegt gewesen sein. Sicherlich wußte er, daß dieser Sieg nicht entscheidend war - daß er eine Schlacht, aber keinen Krieg gewonnen hatte. Vielleicht hatte er instinktiv das Gefühl, recht gehandelt zu haben, und hätte nicht viel darüber reden wollen; vielleicht hätte er gesagt: „Wenn du mit einem weisen alten Medizinmann reden willst, mußt du gehen und Sitting Bull suchen, der irgendwo betet, oder in der Reservation mit Red Cloud und seinen weißen Freunden sprechen. Ich habe getan, was ich getan habe."

 

Was uns Menschen betrifft, die wir erst Jahrzehnte nach dieser Schlacht geboren sind, scheinen wir jenen blutigen Tag nicht vergessen zu können. Schriftsteller vermehren die Zahl der darüber erschienenen Monographien und Bücher; sie erforschen die damaligen Ereignisse und bemühen sich, sie auszuloten. Manche vertreten die Auffassung, die Schlacht am Little Bighorn - mit Crazy Horse als stolzem Sieger und Custer inmitten der Gefallenen seines Eliteregiments tot im Staub - sei ein Symbol gewesen, um das die Indianer sich im Kampf gegen ihre weißen Feinde hätten scharen können. Diese Auffassung ist anfechtbar. Die Crow und Arikara standen auf Custers Seite. Hätten die Crow ihre Erbfeindschaft mit den Sioux, die Traditionen ihrer Vorväter vergessen sollen, um sich hinter die Sioux zu scharen, die einen Sieg gegen die Weißen erkämpft hatten? Wenn sie einig gewesen wären, hätten die Prärie-Indianer sich länger gegen die weißen Eindringlinge zur Wehr setzen können. Aber sie waren nicht einig.

Zeichnung von Red Horse

 

„Die Sioux nahmen keinen einzigen Soldaten gefangen", berichtete Red Horse, „sondern töteten alle; keiner blieb auch nur für wenige Minuten am Leben. Diese Soldaten schossen sehr wenig.
Ich nahm zwei toten Soldaten ein Gewehr und zwei Gürtel ab."
Seine Zeichnung stellt die toten Kavalleristen dar.

 

 

Die am wenigsten umstrittene Bedeutung dieser Schlacht lag vermutlich darin, daß die Prärie-Indianer noch immer ihre Würde besaßen und bereit waren, um ihre Freiheit zu kämpfen. Sie würden den Krieg verlieren, aber sie konnten noch immer eine Schlacht gewinnen - besonders unter diesen Voraussetzungen.

Daß der weiße Befehlshaber das nicht erfaßt hatte, war sein großer Fehler gewesen. Durch seine Handlungsweise hatte Custer behauptet: Ich kämpfe nach euren Spielregeln gegen euch, lasse euch die zahlenmäßige Überlegenheit und schlage euch trotzdem.

Er hätte die Möglichkeit gehabt, Gatling-Geschütze und weitere Soldaten mitzubringen, aber er hatte darauf verzichtet. Er hätte einen Tag auf Verstärkung durch weitere Einheiten warten können, aber er hatte darauf verzichtet. Er forderte seine Gegner auf der Grundlage von Männlichkeit, wie er sie verstand, auf der Basis von Tapferkeit, von Reitkunst, von Kampfgeist und von vollständiger, blinder Hingabe an die eigene Sache heraus.

An diesem schicksalhaften Sonntag, dem 25. Juni 1876, verleugnete Custer die Vorteile seiner militärischen Ausbildung, weil er die Indianer um so vernichtender besiegen wollte.

 

Als Crazy Horse in diesem Augenblick das Schlachtfeld von einem Hügel aus betrachtete, könnte er sich voller Genugtuung gesagt haben:

„Heute habt ihr euch geirrt, weiße Soldaten. Aber es war ein guter Tag zum Sterben!"

 

 

 

 

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