Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes und Abbildungen von:
© • Alabama Department of Archives and History, Montgomery • Herb Peck jr. • Library of Congress •
© • Miller´s Photographic History of the Civil War • Lightfoot Collection •
© • Veröffentlichungen der Smithsonian Institution sowie Staatlicher Museen des Bürgerkriegs •
© • Marcus Junkelmann — NACH DEM STURM — Schweizer Verlagshaus •

 

Die Restauration

 

 

 


 

 

»Schlimmer als Sklaverei«:

 

So kommentiert 1874 Thomas Nast die allmähliche Restauration der weißen Macht in den Südstaaten.

Stolz reichen sich ein »Mitglied des Ku-Klux-Klan« und ein Angehöriger der »Weißen Liga« die Hände über einem Wappenschild, das eine terrorisierte schwarze Familie zeigt, die ABC-Fibel liegt am Boden, im Hintergrund schwelen die Trümmer des Schulhauses.

Über dem Ganzen heißt es:

« Die Union, wie sie war - Dies ist eine Regierung des weißen Mannes -
Die verlorene Sache. «

 

 

 

 

 


»Der moderne Samson«.    

Das Wahlrecht für die Schwarzen war die zentrale politische Frage im Süden während der Rekonstruktion.
Auf Thomas Nasts Karikatur aus dem Wahlkampf von 1868 hat gerade die als »südstaatlerische Demokratie» bezeichnete Delila dem schwarzen Samson die Haare abgeschnitten, die seine Stärke ausmachen, nämlich das Wahlrecht.
Schon stürmen die Philister in Gestalt der ehemaligen Konföderierten und ihrer demokratischen Bundesgenossen aus dem Norden heran.
Man erkennt ganz links die beiden Kavalleriegeneräle Wade Hampton und Forrest, die mit ihren Fackeln die Bücher und Geräte anzünden, mit denen der Schwarze sich bilden wollte. Es folgen (im Profil) General Lee und die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Seymour und Blair.
Seymour schwingt eine konföderierte Fahne mit Aufschriften wie »Sklaverei und die verlorene Sache zurückgewonnen», »New Orleans und Memphis» (zwei Massaker an Farbigen, 1866), »New Yorker Ausschreitungen« (Tumulte 1863, bei denen Schwarze gelyncht wurden), »Fort Pillow» (Massaker der konföderierten Kavallerie unter Forrest an gefangenen schwarzen Soldaten, 1864), »Gesetz der Straße«, »Ku-Klux-Klan«, »Demokraten«.
Rechts thront als Mosesstatue Präsident Johnson, auf den Gebotstafeln steht groß »Veto«, das Mittel, mit dem er immer wieder gegen Gesetzesvorlagen des Kongresses einschritt.

Nachdem Tennessee bereits 1866 wieder in die Union aufgenommen worden war, erreichten zwischen 1868 und 1871 auch die anderen zehn Staaten der ehemaligen Konföderation ihre Wiederzulassung als Bundesstaaten. Aber sie blieben nach wie vor besetzt und wurden vom republikanischen »Carpetbagger-Regime« beherrscht. „Carpetbagger“ war eine verächtliche Bezeichnung für skrupellose und korrupte Nordstaatler, die nur mit einer Reisetasche (carpet-bag) in den Süden kamen, die politische und wirtschaftliche Kontrolle übernahmen und sich häufig - nach Meinung der Südstaatler - unrechtmäßig bereicherten. Ein Zustand, den die Masse der weißen Bevölkerung als um so demütigender und unerträglicher empfand, jeweiter Krieg und Niederlage in die Ferne rückten.
Man nennt die Rekonstruktionszeit (Zeit der Wiederherstellung der Einheit) im Süden oft die »tragische Ära«, wegen des Hasses und der Erbitterung, die sie in diesem Landesteil zurückgelassen hat. Sieht man von den Indianern ab, waren die Südstaatler die einzigen Amerikaner, die je die Folgen einer Niederlage im eigenen Land auskosten mußten. Das darf aber den Blick nicht verstellen dafür, daß diese Folgen, gemessen an der Schwere des vorangegangenen Krieges und der Schärfe des ideologischen Konflikts, ausgesprochen milde waren.

Die ehemaligen Konföderierten galten in den Augen der Nordstaatler immerhin als Verfassungsbrecher und Rebellen, die meisten ihrer politischen und militärischen Führer konnten als ehemalige Beamte, Abgeordnete und Soldaten der USA des Hochverrats beschuldigt werden. Man kann sich kaum ein Land der Erde vorstellen,
in dem es in einer vergleichbaren Situation nicht zu Schauprozessen, Massenhinrichtungen und Deportationen gekommen wäre.
Der einzige, der in Amerika der Volkswut geopfert wurde, war der unglückselige Captain Wirz, der Kommandeur des berüchtigten Gefangenenlagers von Andersonville, den man nach einem höchst fragwürdig verlaufenen Prozeß an den Galgen brachte. Die Mitglieder der konföderierten Regierung wurden bald nach ihrer Verhaftung wieder auf freien Fuß gesetzt, lediglich Präsident Davis blieb zwei Jahre lang eingesperrt, bis man zu dem Schluß gekommen war, daß es keinen Sinn hatte, ihm den Prozeß zu machen. Die Generäle hatte man nach ihrer Kapitulation ohnehin sofort und in allen Ehren nach Hause entlassen.
Einige wenige konföderierte Anführer, wie Davis' bedeutendster Minister, Judah Benjamin, gingen ins Exil, doch war dies eine völlig freie Entscheidung.

Gewiß, die meisten von ihnen waren durch Krieg, Inflation und Sklavenbefreiung um ihren Wohlstand gekommen, und vielen sprach man mehr oder weniger lang das Wahlrecht und die Möglichkeit, Ämter zu bekleiden, ab, doch hatte das nichts damit zu tun, daß man sie persönlich zur Verantwortung gezogen hätte.
Schon gar nicht wurden sie mundtot gemacht, vielmehr konnten sie alle ganz ungehindert ihr restliches Leben damit zubringen, Reden zu halten und dicke Bücher zu schreiben, in denen sie ihr Verhalten rechtfertigten und die Sieger mit allen nur denkbaren Vorwürfen überschütteten.

Aber das Gefühl, bitteres Unrecht und unerträgliche Demütigungen zu erleiden, ist subjektiv und von der konkreten Situation abhängig. Und die ebenso selbstbewußten wie aggressiven Südstaatler, aus ihren stolzen Träumen gerissen, waren ganz zweifellos der Ansicht, daß ihr Schicksal unzumutbar hart sei. Es dauerte nicht lange, und sie begannen sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Das wurde ihnen sehr erleichtert durch die Tatsache, daß der siegreiche Norden sofort die Masse seiner Truppen nach Hause geschickt hatte und auch in den folgenden Jahren die Stärke der kleinen Berufsarmee von einem sparsamen und militärfeindlichen Kongreß fortlaufend reduziert wurde.

Da die Armee gleichzeitig im Westen mit der Niederwerfung der Indianer beschäftigt war, blieben als Besatzungsmacht für den ganzen Süden bald nur mehr 20 000 Mann übrig. Das reichte zwar, um die ehemaligen Rebellen so weit einzuschüchtern, daß sie alles vermieden, was zu einer direkten Konfrontation mit der regulären Armee und der Schaffung eines regelrechten Kriegszustandes geführt hätte, aber es war ganz unmöglich, mit dieser Truppenzahl die Vorgänge in einem riesigen Gebiet zu kontrollieren, das von widersetzlichen Elementen nur so wimmelte.
Die republikanischen Gouverneure, die sich nur zu gut der Tatsache bewußt waren, daß sie ohne den Schutz der Bajonette nicht einen Tag würden weiterregieren können, griffen verschiedentlich zu dem Hilfsmittel, Miliztruppen aufzustellen, die sich naturgemäß zum größten Teil aus Schwarzen rekrutierten. Man kam davon aber immer mehr ab, weil es den Haß der Weißen in einem solchen Maße steigerte, daß ein regelrechter Rassenkrieg befürchtet werden mußte. Zudem waren diese Milizen ihren weißen Gegnern, die größtenteils aus konföderierten Veteranen bestanden, hoffnungslos unterlegen und wurden bei Zusammenstößen immer wieder erbarmungslos massakriert.

Der gewaltsame Widerstand der Südstaatler setzte schon im Winter 1865/66 ein, als klar wurde, daß die Radikalen das Schwarzenwahlrecht mit allen seinen befürchteten Folgen durchzusetzen gedachten.
Damals entstand in Tennessee die bekannteste - aber keineswegs einzige - Kampforganisation der Weißen, der berühmt berüchtigte Ku-Klux-Klan (K. K. K.).

Der Große Hexenmeister des Unsichtbaren Imperiums:

Nathan Bedford Forrest aus Tennessee (1821-1877), hier noch in konföderierter Uniform, übernahm 1866 die Führung des KuKlux-Klan.
Der Selfmademan und Autodidakt war vor dem Krieg als Pflanzer und vielseitiger Geschäftsmann - auch Sklavenhändler -
zu großem Reichtum gekommen, hatte sich dann als Gemeiner zur Armee gemeldet und war bis Kriegsende zum Generalleutnant aufgestiegen.
»Ich ging zur Armee, 1,5 Millionen Dollar wert, ich verließ sie als Bettler.«
Der hünenhafte Reitergeneral, den Joe Johnston einmal als die größte militärische Begabung des Bürgerkrieges bezeichnet hat, brachte es im Eisenbahngeschäft aber alsbald wieder zu beachtlichem Wohlstand.

Seine Rolle beim KuKlux-Klan hat man ihm zu Lebzeiten nicht sicher nachweisen können, sie dürfte mittlerweile jedoch als gesichert gelten.


Ein Kapuzenmann des Klan vor der Kamera:

Das Bild zeigt einen gefangenen Angehörigen des Geheimbundes in typischer Ausstaffierung.
Die Aufnahme entstand im Dezember 1871 in Holly Springs, Mississippi.


In rasendem Tempo breitete sich der Geheimbund, der seine Maskerade und sein Zeremoniell teils der Ritterromantik, teils freimaurerischen Traditionen entlehnt hatte, über den ganzen Süden aus. Auf dem Höhepunkt seiner Macht, Ende der 60er Jahre, scheint seine Gefolgschaft in die Hunderttausende gegangen zu sein.
Die Aktivitäten des Klans und anderer Widerstandsorganisationen richteten sich gegen Kollaborateure (»Scalawags«), eingereiste Nordstaatler (»Carpetbaggers«) und, natürlich, gegen aufsässige Schwarze. Ein besonderer Dorn im Auge war dem Klan das Schulprogramm für Farbige. Systematisch wurden in vielen Landesteilen die Lehrer bedroht und auch mißhandelt, die Schulhäuser angezündet. Die größten und gewalttätigsten Anstrengungen des Klans zielten aber auf die Grundlage der Macht der Radikalen, auf das Schwarzenwahlrecht. Die Erfolge waren beeindruckend. So verwandelte sich 1868 in Louisiana eine republikanische Mehrheit von 58 % bei den Staatswahlen vom April in eine demokratische Mehrheit von 71 % bei den Präsidentschaftswahlen im November.
In 21 Gemeinden, in denen es im April noch 28 814 Stimmen für die Republikaner gegeben hatte, waren es ein halbes Jahr später nur mehr 501, in 7 anderen sank der republikanische Anteil gar von 4707 Stimmen auf Null. Um dieses Ziel zu erreichen, hatten der Klan und andere Organisationen in diesen wenigen Monaten und in diesem einzigen Staat über 1000 Menschen umgebracht und ein Vielfaches dieser Zahl ausgepeitscht oder sonstwie mißhandelt. Der größte Teil der Opfer waren Schwarze.

Oft wird die Vermutung geäußert, der Klan sei nur von den armen Weißen, die die Konkurrenz der Schwarzen fürchteten, getragen worden. Das ist unzutreffend.
Der K. K. K. und die weißen Milizen erhielten Zulauf aus allen Gesellschaftsschichten, und die Anführer entstammten meist der traditionellen weißen Elite.
Dieser Kampfbund konzentrierte sich während der Rekonstruktionszeit in den Südstaaten ganz auf die Aufgabe, die radikalen Regierungen in den Staaten zu stürzen und so viel von der urprünglichen Gesellschaftsstruktur zu erhalten, wie nur möglich war. Und das waren Ziele, die der weißen Führungsschicht noch mehr am Herzen lagen als den Armen.


Weißer Terror:

Drohung und Einschüchterung waren die Hauptmethoden des Ku-Klux-Klan und ähnlicher Vereinigungen im Süden. Der Drohbrief links wurde am 1. September 1868 im »Independent Monitor« von Tuscaloosa, Alabama, abgedruckt. Das mit den Initialen des Klan versehene Maultier läuft davon und läßt zwei Männer an einem Ast baumeln, von denen einer durch seine Reisetasche mit Aufschrift »Ohio« als Carpetbagger gekennzeichnet ist.

 

 

Im Text darunter heißt es:
»Hängt, Verfluchte, hängt! Ihre Gesichter sind vollendete Galgengesichter.
Sei unbeirrbar, gutes Glück, und lasse sie hängen! Wenn sie nicht dafür geboren sind, gehängt zu werden, dann ist unsere Sache eine elende! Obiger Holzschnitt stellt das Schicksal dar, das auf die beiden großen Pestbeulen der südstaatlerischen Gesellschaft wartet, den Carpetbagger und den Scalawag, sollten sie sich nach Tagesanbruch des 4. März nächsten Jahres noch in Dixie's Land finden lassen.«

In vielen Tausenden von Fällen blieb es nicht bei bloßen Drohungen.
Dieses Bild zeigt die Erfahrungen eines Nordstaatlers beim Ku-Klux«, veröffentlicht in Hartford, Connecticut, 1872.

 

 

 

Die blutigen Exzesse, von denen die Südstaaten vornehmlich während der Wahlkämpfe heimgesucht wurden, riefen im Norden natürlich Abscheu hervor.
1870 und 1871 ergingen mehrere Gesetze, die die Unterdrückung des Ku-Klux-Klan zum Ziel hatten. Sie ermächtigten den Präsidenten, in besonders übel heimgesuchten Gebieten die Armee mit Kriegsrecht gegen den Geheimbund vorgehen zu lassen. Es gab Tausende von Verhaftungen, aber fast durchweg äußerst milde Urteile. Die Aktivitäten des Klan kamen nach 1871 zwar fast völlig zum Erliegen, dafür aber traten als Schützenvereine oder Blaskapellen getarnte paramilitärische Vereinigungen wie die Rothemden South Carolinas auf, die ihrerseits eine Art Kriegsrecht verhängten.

 

Grants Bürde:

Eine Horde von kläffenden Pinschern - die amerikanische Presse - hat sich an die Fersen des Präsidenten geheftet, der wie ein Atlas schwer an der Last der vielen Probleme und Krisen seiner zweiten Amtszeit zu tragen hat - Finanzkrise, Korruptionsskandale, außenpolitische Querelen, Widerstand im Süden.
Columbia, die Verkörperung der USA, wendet sich weinend ab.
»Und sie sagen: »Er will noch eine dritte Amtszeit« lautet der ironische Kommentar unter Nasts Karikatur von 1874.

Während die Demokraten des Südens die Wahlen durch Terror zu manipulieren versuchten, verfolgten die Republikaner das gleiche Ziel mit dem Mittel des Betruges.
In schamlosester Weise wurden Wahlzettel gefälscht, Wähler zu mehrfacher Stimmabgabe von Lokal zu Lokal gefahren und Prüfungskommissionen eingesetzt, die mißIiebige Wahlergebnisse einfach für ungültig erklärten. In den 70er Jahren wurde es für die radikalen Regierungen allmählich zum mit allen Mitteln verfolgten Selbstzweck, an der Macht zu bleiben. Der ursprünglich vorhandene Schwung und Idealismus hatten zynischer Ernüchterung, Opportunismus und nackter Angst Platz gemacht.
Gemäßigt konservative Südstaatler, die zunächst kooperationswillig gewesen waren, zogen sich zurück und schwenkten ins Lager der Opposition ab.

Der gleiche Prozeß der Desillusionierung ließ sich auch auf nationaler Ebene beobachten. Die Erregung des Krieges war vorüber, und man war es leid, immer wieder mit neuen Krawallen aus dem Süden belästigt zu werden. Erst wenn die Radikalen aufhörten, die Südstaatler zu reizen, war zu hoffen, daß endlich einmal Ruhe einkehren würde. Ein wirkliches Interesse am Wohlergehen der Schwarzen hatten ohnehin die wenigsten.

Eine versöhnliche Stimmung erfaßte selbst so überzeugte Parteigänger der Radikalen wie Horace Greeley, Carl Schurz und Charles Summer. Letzterer hatte sich ohnehin zu einem geradezu fanatischen Gegner der Grant-Regierung und all ihrer innen- und außenpolitischen Maßnahmen entwickelt. Was diesen rigorosen Moralisten am meisten abstieß, war die geradezu ungeheuerliche Korruption, die in einer nicht enden wollenden Reihe von Skandalen offenbar wurde.
Grant selbst war zweifellos ein integrer Mann, aber bar jeder Menschenkenntnis duldete er selbst in seinem engsten Vertrautenkreis Leute, die Betrügereien und Korruption in einer fast schon imponierenden Größenordnung betrieben, und in falsch verstandener Loyalität stellte er sich dann auch noch schützend vor sie.

Die von der Entwicklung ihrer Partei enttäuschten Republikaner spalteten sich schließlich ab und gründeten die Liberale Republikanische Partei. Gemeinsam mit den Demokraten nominierten sie 1872 Horace Greeley zum Präsidentschaftskandidaten, eine unglückliche Wahl, da Greeley mit seinem unberechenbaren idealistischen Reformeifer den Demokraten suspekt war. Grant siegte mit 3 597 000 Stimmen gegen 2 834 00 überlegen, und die Liberalen Republikaner, die eine reine Protestpartei ohne positives Programm gewesen waren, verschwanden wieder von der Bildfläche.

Die zweite Amtszeit Grants war noch unglücklicher als die erste. Die Korruptionsskandale rissen nicht ab, und 1873 brach eine schwere, jahrelang anhaltende Wirtschaftskrise aus. Die Wahlen von 1874 brachten dann eine böse Niederlage für die Regierungspartei.

Die Demokraten errangen eine Mehrheit von 70 Sitzen im Repräsentantenhaus, im Senat verfehlten sie nur knapp die Majorität. Die radikalen Positionen waren am Zerbröckeln.
In diesem Klima war die Neigung unwiderstehlich, sich die Südstaatenprobleme vom Hals zu schaffen, indem man die Bundestruppen abzog und die Konsequenz hinnahm, daß mit der »Home Rule« die Demokraten wieder ans Ruder kamen und die im Stich gelassenen Schwarzen auf »ihre Plätze« verwiesen wurden.

Der Pyrrhussieg:

1874 hatte Nast zum erstenmal den Elefanten als Symboltier für die republikanische Wählerschaft und dann bald auch für die Partei benutzt.

Nach der Präsidentschaftswahl von 1876 sitzt der Elefant bekränzt
- aber schwer angeschlagen am Grab des demokratischen Tigers -
(den Esel als Gegenstück zum Elefanten erfand Nast erst 1879).

»Noch ein solcher Sieg, und ich bin erledigt«, steht darunter.

1876 standen nur mehr in Louisiana, Florida und South Carolina Besatzungstruppen. Die Wahlen dieses Jahres sollten zum abschließenden Drama der Rekonstruktionsära werden.

Erstmals seit dem Krieg sahen sich die Demokraten mit ihrem Kandidaten Samuel Tilden in der Rolle der Favoriten, in den umkämpften Südstaaten herrschte eine Stimmung des «Jetzt oder nie«. Überall im Süden erwachten die paramilitärischen Schützenvereine zu voller Aktivität, in South Carolina, wo gleichzeitig der konföderierte Kavallerieheld Wade Hampton für das Gouverneursamt kandidierte, zog unter anderen der »Hampton-und-Tilden-Musikklub mit zwölf vierpfündigen Flöten« in den Wahlkampf. Die zwölf Flöten waren natürlich Kanonen.

 

 

Der Wahltag schien mit einem klaren Sieg für Tilden zu enden, der eine Mehrheit von über 250 000 Stimmen hatte und zusätzlich zu sämtlichen Südstaaten noch New York, New Jersey, Connecticut, Oregon und Indiana gewonnen hatte. Aber die Republikaner fochten die Ergebnisse in South Carolina, Florida, Louisiana und Oregon an. Die unter ihrer Kontrolle stehenden Prüfungskommissionen korrigierten die Ergebnisse so, daß nun ihr Kandidat Rutherford Hayes der Wahlsieger war.
Da die Demokraten das nicht zu akzeptieren gedachten, kam es zu einem Streit, für den es keine Verfassungsregelung gab. Eine Schiedskommission, auf die man sich einigte, entschied mit einer Stimme Mehrheit zugunsten von Hayes. Die Demokraten gingen zum Filibuster über, das heißt, sie blockierten durch endlose Reden eine endgültige Abstimmung.

 

 

 

 

Das Ende der Rekonstruktion:

Mit Erleichterung reagierte die Mehrheit der Nordstaatler, als Hayes die Bundestruppen aus dem Süden abzog und die ehemaligen Rebellen ihrer »Home Rule« überließ. Rechts schleppt die in Ketten gelegte Verkörperung des »soliden Südens« unter Bewachung vor Besatzungssoldaten eine gewaltige, die »Carpetbagger-und Bajonett-Herrschaft« symbolisierende Tasche, auf der der ehemalige Präsident Grant thront.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Links hat der neue Präsident Schwerter zu Pflugscharen gemacht
und pflügt die Tasche ein und mit ihr die »Bajonettherrschaft«
und das »blutige Hemd«, das die rachedürstenden Radikalen zu schwenken pflegten.

Auf dem Pflug steht: »Laßt-sie in-Ruhe-Politik.«

 

 

 

 

 

Die Lösung brachte schließlich ein mündlich ausgehandelter Kompromiß. Hayes wurde Präsident, als Gegenleistung waren die letzten Bundestruppen abzuziehen,
ein Südstaatler ins Kabinett aufzunehmen und wirtschaftsfördernde Maßnahmen für den Süden zu beschließen. Wie zu erwarten, brachen die republikanischen Regierungen in Louisiana, Florida und South Carolina mit einem Schlag zusammen, kaum daß die Besatzungssoldaten abmarschiert waren.

Als Wade Hampton am 24. April 1877 in den Gouverneurspalast von South Carolina, dem Staat, in dem die Sezession und der Krieg begonnen hatten, einzog,
war die Rekonstruktion im Süden beendet und hatte sich zur Restauration gewandelt.

 

 

Machtwechsel in South Carolina:

Das Resultat der Gouverneurswahlen im Ausgangsstaat der Sezession war 1876 nicht weniger umstritten als das der Präsidentschaftswahlen im gleichen Jahr. Der Abzug der Besatzungstruppen im Frühjahr 1877 klärte die Lage.

Mit dem ehemaligen konföderierten Kavalleriegeneral Wade Hampton (1818-1902), der einst einer der größten Sklavenbesitzer im Süden gewesen war, übernahmen die Konservativen nach 12 Jahren Carpetbagger-Herrschaft wieder die Regierung, die Ära der Rekonstruktion war beendet.

 

 

 

 

 

 


Der Neue Süden:

Auch Thomas Nast begann nach 1876 die Südstaaten mit etwas freundlicheren Augen zu betrachten. Vor allem setzte er seine Hoffnung auf die zunehmende Industrialisierung, die die letzten Reste des alten Feudalsystems beseitigen würde.

 

 

»Die Königin der Industrie oder der Neue Süden« steht fleißig an der Baumwollspinnmaschine, oben wird die finstere Tyrannei des sklavenhaltenden »King Cotton« von 1861 mit der glückverheißenden Industrie-Landschaft von 1882 kontrastiert.

Auf der anderen Zeichnung defilieren «Nord« und »Süd«, durch zwei Bürgerkriegsveteranen verkörpert, einträchtig Arm in Arm vor dem Präsidenten. »Industrie«, »Kapital« und »Arbeit« haben das Wunder ermöglicht.

 

 

 

 

 

 

Startseite