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Die Restauration
»Schlimmer als Sklaverei«:
So kommentiert 1874 Thomas Nast die allmähliche Restauration der weißen Macht in den Südstaaten. Stolz reichen sich ein »Mitglied des Ku-Klux-Klan« und ein Angehöriger der »Weißen Liga« die Hände über einem Wappenschild, das eine terrorisierte schwarze Familie zeigt, die ABC-Fibel liegt am Boden, im Hintergrund schwelen die Trümmer des Schulhauses. Über dem Ganzen heißt es: «
Die Union, wie sie war - Dies ist eine Regierung des weißen Mannes
-
Nachdem
Tennessee bereits 1866 wieder in die Union aufgenommen worden war, erreichten
zwischen 1868 und 1871 auch die anderen zehn Staaten der ehemaligen
Konföderation ihre Wiederzulassung als Bundesstaaten. Aber sie
blieben nach wie vor besetzt und wurden vom republikanischen »Carpetbagger-Regime«
beherrscht. „Carpetbagger“ war eine verächtliche
Bezeichnung für skrupellose und korrupte Nordstaatler, die nur
mit einer Reisetasche (carpet-bag) in den Süden kamen,
die politische und wirtschaftliche Kontrolle übernahmen und sich
häufig - nach Meinung der Südstaatler - unrechtmäßig
bereicherten. Ein Zustand, den die Masse der weißen Bevölkerung
als um so demütigender und unerträglicher empfand, jeweiter
Krieg und Niederlage in die Ferne rückten. Die
ehemaligen Konföderierten galten in den Augen der Nordstaatler
immerhin als Verfassungsbrecher und Rebellen, die meisten ihrer politischen
und militärischen Führer konnten als ehemalige Beamte, Abgeordnete
und Soldaten der USA des Hochverrats beschuldigt werden. Man kann sich
kaum ein Land der Erde vorstellen, Gewiß,
die meisten von ihnen waren durch Krieg, Inflation und Sklavenbefreiung
um ihren Wohlstand gekommen, und vielen sprach man mehr oder weniger
lang das Wahlrecht und die Möglichkeit, Ämter zu bekleiden,
ab, doch hatte das nichts damit zu tun, daß man sie persönlich
zur Verantwortung gezogen hätte. Aber das Gefühl, bitteres Unrecht und unerträgliche Demütigungen zu erleiden, ist subjektiv und von der konkreten Situation abhängig. Und die ebenso selbstbewußten wie aggressiven Südstaatler, aus ihren stolzen Träumen gerissen, waren ganz zweifellos der Ansicht, daß ihr Schicksal unzumutbar hart sei. Es dauerte nicht lange, und sie begannen sich dagegen zur Wehr zu setzen. Das wurde ihnen sehr erleichtert durch die Tatsache, daß der siegreiche Norden sofort die Masse seiner Truppen nach Hause geschickt hatte und auch in den folgenden Jahren die Stärke der kleinen Berufsarmee von einem sparsamen und militärfeindlichen Kongreß fortlaufend reduziert wurde.
Das reichte zwar, um die ehemaligen Rebellen so weit einzuschüchtern, daß sie alles vermieden, was zu einer direkten Konfrontation mit der regulären Armee und der Schaffung eines regelrechten Kriegszustandes geführt hätte, aber es war ganz unmöglich, mit dieser Truppenzahl die Vorgänge in einem riesigen Gebiet zu kontrollieren, das von widersetzlichen Elementen nur so wimmelte. Die republikanischen Gouverneure, die sich nur zu gut der Tatsache bewußt waren, daß sie ohne den Schutz der Bajonette nicht einen Tag würden weiterregieren können, griffen verschiedentlich zu dem Hilfsmittel, Miliztruppen aufzustellen, die sich naturgemäß zum größten Teil aus Schwarzen rekrutierten.
Man kam davon aber immer mehr ab, weil es den Haß der Weißen in einem solchen Maße steigerte, daß ein regelrechter Rassenkrieg befürchtet werden mußte. Zudem waren diese Milizen ihren weißen Gegnern, die größtenteils aus konföderierten Veteranen bestanden, hoffnungslos unterlegen und wurden bei Zusammenstößen immer wieder erbarmungslos massakriert. Der
gewaltsame Widerstand der Südstaatler setzte schon im Winter 1865/66
ein, als klar wurde, daß die Radikalen das Schwarzenwahlrecht
mit allen seinen befürchteten Folgen durchzusetzen gedachten.
Der Große Hexenmeister des Unsichtbaren Imperiums: Nathan
Bedford Forrest aus Tennessee (1821-1877), hier noch in konföderierter
Uniform, Seine Rolle beim KuKlux-Klan hat man ihm zu Lebzeiten nicht sicher nachweisen können, sie dürfte mittlerweile jedoch als gesichert gelten.
Ein Kapuzenmann des Klan vor der Kamera: Das
Bild zeigt einen gefangenen Angehörigen des Geheimbundes in typischer
Ausstaffierung.
Die
größten und gewalttätigsten Anstrengungen des Klans
zielten aber auf die Grundlage der Macht der Radikalen, auf das Schwarzenwahlrecht.
Die Erfolge waren beeindruckend. So verwandelte sich 1868 in Louisiana
eine republikanische Mehrheit von 58 % bei den Staatswahlen vom April
in eine demokratische Mehrheit von 71 % bei den Präsidentschaftswahlen
im November. Oft
wird die Vermutung geäußert, der Klan sei nur von den armen
Weißen, die die Konkurrenz der Schwarzen fürchteten, getragen
worden. Das ist unzutreffend.
Weißer Terror: Drohung und Einschüchterung waren die Hauptmethoden des Ku-Klux-Klan und ähnlicher Vereinigungen im Süden. Der Drohbrief links wurde am 1. September 1868 im »Independent Monitor« von Tuscaloosa, Alabama, abgedruckt. Das mit den Initialen des Klan versehene Maultier läuft davon und läßt zwei Männer an einem Ast baumeln, von denen einer durch seine Reisetasche mit Aufschrift »Ohio« als Carpetbagger gekennzeichnet ist.
Im
Text darunter heißt es: In
vielen Tausenden von Fällen blieb es nicht bei bloßen Drohungen.
Die
blutigen Exzesse, von denen die Südstaaten vornehmlich während
der Wahlkämpfe heimgesucht wurden, riefen im Norden natürlich
Abscheu hervor.
Grants Bürde: Eine
Horde von kläffenden Pinschern - die amerikanische Presse - hat
sich an die Fersen des Präsidenten geheftet, der wie ein Atlas
schwer an der Last der vielen Probleme und Krisen seiner zweiten Amtszeit
zu tragen hat - Finanzkrise, Korruptionsskandale, außenpolitische
Querelen, Widerstand im Süden.
Der gleiche Prozeß der Desillusionierung ließ sich auch auf nationaler Ebene beobachten. Die Erregung des Krieges war vorüber, und man war es leid, immer wieder mit neuen Krawallen aus dem Süden belästigt zu werden. Erst wenn die Radikalen aufhörten, die Südstaatler zu reizen, war zu hoffen, daß endlich einmal Ruhe einkehren würde. Ein wirkliches Interesse am Wohlergehen der Schwarzen hatten ohnehin die wenigsten. Eine
versöhnliche Stimmung erfaßte selbst so überzeugte Parteigänger
der Radikalen wie Horace Greeley, Carl Schurz und Charles Summer. Letzterer
hatte sich ohnehin zu einem geradezu fanatischen Gegner der Grant-Regierung
und all ihrer innen- und außenpolitischen Maßnahmen entwickelt.
Was diesen rigorosen Moralisten am meisten abstieß, war die geradezu
ungeheuerliche Korruption, die in einer nicht enden wollenden Reihe
von Skandalen offenbar wurde. Die von der Entwicklung ihrer Partei enttäuschten Republikaner spalteten sich schließlich ab und gründeten die Liberale Republikanische Partei. Gemeinsam mit den Demokraten nominierten sie 1872 Horace Greeley zum Präsidentschaftskandidaten, eine unglückliche Wahl, da Greeley mit seinem unberechenbaren idealistischen Reformeifer den Demokraten suspekt war. Grant siegte mit 3 597 000 Stimmen gegen 2 834 00 überlegen, und die Liberalen Republikaner, die eine reine Protestpartei ohne positives Programm gewesen waren, verschwanden wieder von der Bildfläche. Die zweite Amtszeit Grants war noch unglücklicher als die erste. Die Korruptionsskandale rissen nicht ab, und 1873 brach eine schwere, jahrelang anhaltende Wirtschaftskrise aus. Die Wahlen von 1874 brachten dann eine böse Niederlage für die Regierungspartei. Die
Demokraten errangen eine Mehrheit von 70 Sitzen im Repräsentantenhaus,
im Senat verfehlten sie nur knapp die Majorität. Die radikalen
Positionen waren am Zerbröckeln.
Der Pyrrhussieg: 1874 hatte Nast zum erstenmal den Elefanten als Symboltier für die republikanische Wählerschaft und dann bald auch für die Partei benutzt. Nach
der Präsidentschaftswahl von 1876 sitzt der Elefant bekränzt »Noch ein solcher Sieg, und ich bin erledigt«, steht darunter.
1876 standen nur mehr in Louisiana, Florida und South Carolina Besatzungstruppen. Die Wahlen dieses Jahres sollten zum abschließenden Drama der Rekonstruktionsära werden. Erstmals seit dem Krieg sahen sich die Demokraten mit ihrem Kandidaten Samuel Tilden in der Rolle der Favoriten, in den umkämpften Südstaaten herrschte eine Stimmung des «Jetzt oder nie«. Überall im Süden erwachten die paramilitärischen Schützenvereine zu voller Aktivität, in South Carolina, wo gleichzeitig der konföderierte Kavallerieheld Wade Hampton für das Gouverneursamt kandidierte, zog unter anderen der »Hampton-und-Tilden-Musikklub mit zwölf vierpfündigen Flöten« in den Wahlkampf. Die zwölf Flöten waren natürlich Kanonen.
Der
Wahltag schien mit einem klaren Sieg für Tilden zu enden, der eine
Mehrheit von über 250 000 Stimmen hatte und zusätzlich zu
sämtlichen Südstaaten noch New York, New Jersey, Connecticut,
Oregon und Indiana gewonnen hatte. Aber die Republikaner fochten die
Ergebnisse in South Carolina, Florida, Louisiana und Oregon an. Die
unter ihrer Kontrolle stehenden Prüfungskommissionen korrigierten
die Ergebnisse so, daß nun ihr Kandidat Rutherford Hayes der Wahlsieger
war.
Das Ende der Rekonstruktion: Mit
Erleichterung reagierte die Mehrheit der Nordstaatler, als Hayes die
Bundestruppen aus dem Süden abzog und die ehemaligen Rebellen ihrer
»Home Rule« überließ.
Links
hat der neue Präsident Schwerter zu Pflugscharen gemacht Auf dem Pflug steht: »Laßt-sie in-Ruhe-Politik.«
Die
Lösung brachte schließlich ein mündlich ausgehandelter
Kompromiß. Hayes wurde Präsident, als Gegenleistung waren
die letzten Bundestruppen abzuziehen, Als
Wade Hampton am 24. April 1877 in den Gouverneurspalast von South Carolina,
dem Staat, in dem die Sezession und der Krieg begonnen hatten, einzog,
Machtwechsel in South Carolina: Das Resultat der Gouverneurswahlen im Ausgangsstaat der Sezession war 1876 nicht weniger umstritten als das der Präsidentschaftswahlen im gleichen Jahr. Der Abzug der Besatzungstruppen im Frühjahr 1877 klärte die Lage. Mit dem ehemaligen konföderierten Kavalleriegeneral Wade Hampton (1818-1902), der einst einer der größten Sklavenbesitzer im Süden gewesen war, übernahmen die Konservativen nach 12 Jahren Carpetbagger-Herrschaft wieder die Regierung, die Ära der Rekonstruktion war beendet.
Der Neue Süden: Auch Thomas Nast begann nach 1876 die Südstaaten mit etwas freundlicheren Augen zu betrachten. Vor allem setzte er seine Hoffnung auf die zunehmende Industrialisierung, die die letzten Reste des alten Feudalsystems beseitigen würde.
»Die Königin der Industrie oder der Neue Süden« steht fleißig an der Baumwollspinnmaschine, oben wird die finstere Tyrannei des sklavenhaltenden »King Cotton« von 1861 mit der glückverheißenden Industrie-Landschaft von 1882 kontrastiert. Auf der anderen Zeichnung defilieren «Nord« und »Süd«, durch zwei Bürgerkriegsveteranen verkörpert, einträchtig Arm in Arm vor dem Präsidenten. »Industrie«, »Kapital« und »Arbeit« haben das Wunder ermöglicht.
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