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Die Wegbereiter
Lockruf der Wildnis
Anfang des 19. Jahrhunderts waren die weiten Gebiete westlich des Mississippi für die meisten Amerikaner eine geheimnisvolle Terra incognita. Aber im Jahre 1803 schloß Präsident Thomas Jefferson den Vertrag über den Kauf von Louisiana - und öffnete dadurch den Westen für jeden, der neugierig und mutig genug war, um ihn zu erforschen. In den nächsten 75 Jahren gaben über fünf Millionen Quadratkilometer Land ihre Geheimnisse einer Armee von Jägern, Soldaten, Naturforschern und anderen Abenteurern preis. Die meisten Amerikaner bekamen dieses wilde Land jedoch erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zu sehen: durch die Augen einiger kühner Maler, von denen mehrere Europäer waren. Trotzdem war die dramatische Vielfalt des Westens so groß, daß die Erforscher jeder neuerschlossenen Region auf Landschaften stießen, die die wildesten Phantasien der Künstler noch weit übertrafen.
Der Schweizer Karl Bodmer malte den Citadel Rock (später in Cathedral Rock umbenannt) in Montana wie eine Burgruine am Rhein. Den Rocky Mountains verlieh Bodmer das düstere, drohende Aussehen der Berge seiner Heimat Europa.
Dieses
Porträt aus dem Jahre 1801 zeigt Thomas Jefferson vor dem Hintergrund
der Natura Bridge in Virginia.
Vorstoss zum Pazifik
Am
18. Januar 1803 übermittelte Präsident Thomas Jefferson
dem Kongreß eine vertrauliche Botschaft, in der es hieß:
„Der Fluß Missouri & die an ihm lebenden Indianer
sind nicht so gut bekannt, wie es ihreVerbindung mit dem Mississippi
& folglich mit uns wünschenswert erscheinen läßt
... Ein intelligenter Offiziermit zehn oder zwölf ausgesuchten
Männern könnte das ganze Gebiet - sogar bis zum Westlichen
Ozean - erforschen ..."Dieser Gruppe, In
dieser ersten, nur 1´300 Wörter langen Ankündigung
ließ Jefferson die Art des gedachten Auftrags verständlicherweise
im ungewissen. Schließlich verlangte er auf seine raffinierte
Weise, der Kongreß solle einen militärischen Erkundungsvorstoß
in ein weites, buchstäblich unbekanntesGebiet billigen, das von
den beiden Großmächten Frankreich und England beansprucht
wurde, während eine dritte, Spanien, den Süden und Fernen
Westen besetzt hielt. Jefferson wußte, daß die Abgeordneten
vor solch einem riskanten Vorschlag zurückschrecken würden;
die oppositionelle Federalist Party sprach sich ohnehin gegen fast
allesaus, was er vorschlug. Er wählte deshalb eine Ausdrucksweise,
die darauf angelegt war, die Risiken zu verharmlosen und den Köder
unwiderstehlich zu machen. Er vermied dasWort „Militär"
und betonte statt dessen die Möglichkeit, „den Außenhandel
der US auszuweiten". Am
28. Februar 1803 genehmigte der Kongreß das Unternehmen. Jefferson
jubelte im stillen. Seit über zwei Jahrzehnten bekleidete er
öffentliche Ämter, und er hatte von Anfang an Pläne
zur Erforschung der unbekannten Weiten jenseits des Mississippi geschmiedet,
um dort eine amerikanische Präsenz zu erreichen. Schon lange
vor seiner Wahl zum Präsidenten hatte Jefferson, der Wissenschaftler
und brillanter Geopolitiker zugleich war, mindestens zwei vergebliche
Versuche unternommen, seine Neugier als Wissenschaftler zu befriedigen
und gleichzeitig das Tor zum Westen für die USA zumindest einen
Spalt weit aufzustoßen. Daraufhin
schrieb Jefferson Ledyard ab, nicht jedoch seinen eigenen Wissensdurst
noch seine Bestrebungen. Als er einige Jahre später Außenminister
war, fand er einen weiteren Kandidaten für die Durchquerung des
Fernen Westens. Dieser neue Mann war Andre Michaux, ein französischer
Emigrant, der sich in Carolina als Grundbesitzer niedergelassen hatte
und einen gewissen Ruf als Botaniker und Forschungsreisender genoß.
Michaux behauptete, vom Missouri aus einen Weg zum Pazifik finden
zu können. Jefferson, der von seinen wissenschaftlichen Leistungen
beeindruckt war, gab ihm den Auftrag, diese Forschungsreise durchzuführen.
Aber wie sich dann herausstellte, war Michaux ein Spion - ein Agent
provocateur im Dienst des berüchtigten, Unruhe stiftenden französischen
Botschafters, Bürger Edmond Charles Genet. Michaux war erst bis
Kentucky gekommen, als er zurückgerufen und nachdrücklich
aufgefordert wurde, sich wieder auf seine Botanik zu konzentrieren. Noch
schwieriger wurde die Sache durch den bevorstehenden Krieg zwischen
Frankreich und England, und der Präsident ahnte, daß dessen
zerstörerische Wirkungen vielleicht bis nach Nordamerika reichen
würden. ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Eine
Glanzleistung und keine Ovationen ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Als Jefferson in seiner Botschaft an den Kongreß feststellte, der Westen sei „nicht so gut bekannt, wie es ... wünschenswert" erscheine, hatte er gewaltig untertrieben. In Wirklichkeit waren die Gebiete westlich des Mississippi ein pays inconnu, wie die französischen Händler sie nannten, ein unbekanntes Land. Die besten Karten, die Jefferson für das Entdeckerkorps beschaffen konnte, enthielten alle möglichen geographischen Informationen, die in über 200 Jahren hier und dort zusammengetragen worden waren: Sie boten kaum mehr als vage Überblicke und Raum für Vermutungen. Oberhalb von St. Louis war der Missouri nur bis zu den Mandandörfern im Dakotagebiet kartiert. Englische, russische und spanische Forschungsreisende hatten einige Punkte der Pazifikküste nördlich von Kalifornien erreicht, aber keiner von ihnen hatte den Columbia River über seine Mündung hinaus kartiert. Kein Weißer wußte, wie groß die Entfernung zwischen der Dakotaregion und dem Columbia war - und erst recht nicht, was dazwischen lag. Aus
diesem Informationsmangel waren die phantastischsten Geschichten entstanden.
Manche basierten wenigstens halbwegs auf Tatsachen; andere waren frei
erfunden. Alle jedoch wurden oft erzählt und waren nicht zu widerlegen
und galten deshalb im Lauf der Zeit als verbürgt wahr. Der Westen
sollte von seltsamen und erstaunlichen Lebewesen bewohnt sein. Dazu
gehörten ein Stamm männerhassender, bogenschießender
Amazonen, die sich jeweils die rechte Brust amputieren liegen, um
den Bogen besser spannen zu können, und ein Stamm walisisch sprechender
Indianer, die von einem Waliser abstammten, der Amerika lange vor
Kolumbus erreicht hatte. Eine besonders bizarre Geschichte besagte,
in einem unheimlichen Gebiet namens Les Cötes Brülees (die
verbrannten Klippen) lebten Teufel in Menschenform, die nur einen
halben Meter groß seien. Als
1794 die Whiskeyrebellion ausbrach, trat Lewis als Freiwilliger in
die Armee ein. Er hatte es bereits bis zum Captain gebracht, als Jefferson
1801 Präsident wurde. Nach seinem Amtsantritt forderte Jefferson
Lewis auf, sein Privatsekretär zu werden, und die beiden Freunde
arbeiteten an langen Abenden ihren Plan für einen Vorstoß
zum Pazifik aus. Diese detaillierte Planung, auf der das Abenteuer
basierte, sollte das Unternehmen auszeichnen. Auf dieser Landkarte aus dem Jahre 1650 ist Kalifornien als Insel dargestellt. Die Pazifikküste, von Cape Mendocino, nördlich von San Francisco, bis zu dem Gebiet südlich von San Diego ist zwar richtig dargestellt, aber es dauerte noch lange, bis die Kartographen Kalifornien als Teil des Festlands zeigten.
Ab
Mitte April 1803 unterzog Lewis sich eineinhalb Monate lang einer
intensiven Fortbildung. Der Mathematiker Robert Patterson unterrichtete
ihn in astronomischer Ortsbestimmung. Andere berühmte Wissenschaftler
wieder Naturforscher Benjamin Smith Barton, der Anatom Caspar Wistar
und der Arzt Dr. Benjamin Rush unterwiesen ihn in ihren jeweiligen
Fachgebieten. Dr. Rush bat ihn, die Indianer über die Themenkreise
Mord und Selbstmord, Bestattungssitten, Ernährung, Arzneimittel,
Menstruation, Stillen von Säuglingen, Baden, Fasten, Lebenserwartung
und religiöse Bräuche zu befragen. Lewis sollte insbesondere
auf etwaige Parallelen
zwischen Indianerreligionen und Judentum achten, weil in manchen Kreisen
die Auffassung vertreten wurde, die amerikanischen Indianer könnten
die Nachkommen der verschollenen Stämme wandernder Juden sein.
Die beiden Männer
machten sich gemeinsam an die schwierige Aufgabe, ihre Mannschaft
zusammenzustellen. Bei der Auswahl von Freiwilligen nahmen sie sich
vor allem vor „Gentlemensöhnen" in acht, die nur ein
Abenteuer erleben wollten. „Wir müssen gegenüber allen
derartigen Bewerbern standhaft bleiben und sie so freundschaftlich
wie möglich ablehnen", stellte Lewis fest. „Sie sind
für unsere Zwecke ungeeignet." Statt dessen waren die beiden
Expeditionsführer sich darüber einig, daß sie solide
Frontiersmen brauchten: charakterfest, selbständig und trotzdem
bereit, sich der strengen Disziplin zu unterwerfen, die die Umstände
ihnen auferlegen würden, selbst wenn die Führer es nicht
taten. Außerdem sollten die Männer zahlreiche Fertigkeiten
beherrschen, denn das Entdeckerkorps brauchte Jäger, die es mit
Fleisch versorgten, Bootsmänner, die sich auf Flüssen auskannten,
Zimmerer, die Winterquartiere bauten, und Schmiede, die Gerätschaften
reparierten. Die Expedition bestand schließlich aus 30 Leuten:
17 Soldaten, 11 Freiwilligen, einem Mischling als Dolmetscher, Clarks
riesenhaftem schwarzen Diener York - und Lewis' Hund, einem Neufundländer
namens Scannon. Lewis und Clark hatten keine Haltlosen, Trinker, Neurotiker
oder Romantiker ausgewählt. Ein Beweis für ihre Urteilsfähigkeit
war die Tatsache, daß nur zwei der Männer auf ihrem 12´372
Kilometer langen Zug durch gefährliche Wildnisse in Streßsituationen
versagten. In Pittsburgh
bestellte Lewis das Haupttransportmittel des Entdeckerkorps - ein
18 Meter langes Kielboot. Da er anspruchsvoll und ungeduldig war,
wenn es sich um Beschaffungen für die Expedition handelte, ärgerte
er sich über den Bootsbauer, der ein Trinker war, und schrieb
Jefferson, er sei „durch unverzeihliche Nachlässigkeit
... höchst schandbar aufgehalten worden". Lewis überwand
diese Schwierigkeiten ohne die Hilfe des Präsidenten, aber Jefferson
wirkte in allen Fragen, die Vorbereitung und Ausrüstung betrafen,
begeistert als enger Berater mit. Nachdem das Louisiana
Territory offiziell in amerikanischen Besitz übergegangen war,
war das Entdeckerkorps im Frühjahr 1804 zum Aufbruch bereit.
Nun würde all die sorgfältige Planung in der Wildnis auf
die Probe gestellt werden: Jeffersons jahrzehntelange politische und
diplomatische Manöver, sein kühner Weitblick und seine Beherrschung
aller Details, sein Geschick in der Auswahl des richtigen Führers
dieser Expedition und vor allem sein Instinkt, der ihm sagte, daß
die Zukunft der Vereinigten Staaten im Westen lag. Am 14. Mai 1804
brach die Expedition den Missouri entlang auf. Lewis und Clark
machten ihre Aufzeichnungen während der gesamten Expedition,
so daß erstaunlich detaillierte und farbige Reisetagebücher
entstanden. Auch andere Teilnehmer führten ähnliche
Tagebücher. Neben wissenschaftlichen Angaben und persönlichen
Aufzeichnungen enthalten sie auch zahllose Klagen. Die Männer
lernten bald, den sich dahinschlängelnden Missouri mit seinen
unterspülten Ufern und den tückischen Sandbänken zu
verabscheuen. Noch lästiger waren die Schwärme von Gnitzen,
die ihnen in die Augen flogen, und Stechmücken, die jedes unbedeckte
Stückchen Haut fanden. Lewis bemerkte, daß die Stechmücken
„uns weiterhin so sehr zusetzen, daß wir's kaum aushalten
können; ich selbst werde durch sie mindestens für drei Viertel
meiner Zeit auf mein Lager geworfen." Nach
elf Wochen stieß das Entdeckerkorps erstmals auf Indianer, die
Oto. Nachdem Lewis diesen freundlichen Stamm reichlich mit Geschenken
und Friedensmedaillen bedacht hatte, hielt er eine Rede, die mitbestimmend
war für die offizielle Politik der Vereinigten Staaten gegenüber
den Indianern des amerikanischen Westens: Auf
diesem niederländischen Gemälde aus dem 16. Jahrhundert
verteidigen Indianer aus dem Südwesten mit Felsbrocken und mittelalterlichen
Spießen und Bogen eine Festung gegen spanische Soldaten (rechts).
Einer der Expeditionsteilnehmer
beschrieb diese Szene: „Captain Lewis schoß sein Luftgewehr
ab, erklärte ihnen, es enthalte eine starke Medizin und werde
großen Schaden anrichten. Alle staunten über das seltsame
Ding, und sobald er ein paarmal geschossen hatte, liefen sie hastig
hin, um die Kugellöcher in einem Baum zu sehen, und wunderten
sich laut über diese starke Medizin." Noch während
Floyd auf dem Totenbett lag, hatte Lewis die erste und schlimmste
Disziplinarkrise der Expedition zu bewältigen. Einige Tage zuvor
hatte Moses Reed, ein Freiwilliger, auf seine Bitte hin die Erlaubnis
erhalten, ins vorige Lager zurückzukehren, um dort ein verlorenes
Messer zu suchen. Als er nicht zurückkam, erkannte Lewis, daß
Reed anscheinend desertieren wollte. Er schickte rasch eine Gruppe
hinter ihm her und gab ihr den „Befehl, ihn zu erschießen,
falls er sich nicht friedlich ergebe". Reed wurde bei den Oto
aufgegriffen. Er versuchte, einen Bewacher dazu zu überreden,
ihn fliehen zu lassen, der aber blieb hart. Die Führer
der Expedition mußten nur noch einmal - inzwischen hatten sie
weitere 650 Kilometer flußaufwärts zurückgelegt -
hart durchgreifen, um einen Übeltäter zu bestrafen. Diesmal
war der Schuldige ein gewisser John Newman, einer der Soldaten; er
wurde zu 75 Peitschenhieben verurteilt und aus dem Entdeckerkorps
ausgestoßen (und später nach St. Louis zurückgeschickt).
Der Vollzug der Prügelstrafe wurde von Indianern beobachtet.
Clark berichtete über die Reaktion ihres Häuptlings: „Die
heutige Bestrafung regte den Indianerhäuptling sehr auf, er weinte
laut (oder gab zu weinen vor)." Clark erläuterte dem Häuptling
die Notwendigkeit, ein Exempel zu statuieren, um die Disziplin zu
wahren; der Indianer stimmte zu, daß Disziplin notwendig sei,
aber „seine Nation schlug nicht einmal ihre Kinder, von klein
auf nicht". Als Clark sich erkundigte, wie der andere in diesem
Fall ein Exempel statuiert hätte, wußte der Häuptling
sofort Rat: Umbringen! In der Nähe des Ortes, an dem sich diese
bedauerliche Episode ereignete, wurde die Standhaftigkeit der Korpsführer
auf eine ganz andere Probe gestellt. Auf der Fahrt flußaufwärts
hatten Lewis und Clark mit einiger Sorge an eine mögliche Konfrontation
mit den Teton-Sioux gedacht, die einen großen Teil des Missouri-Oberlaufs
beherrschten und als kriegerisch und arrogant galten. Lewis und Clark
versuchten, verbindlich und diplomatisch zu sein, und luden die Häuptlinge
in ihr Kielboot ein. Der
Maler Charles Willson Peale, der diese zusammengehörigen Porträts
der beiden berühmten Forscher Im
Bild Meriwether Lewis spiegelt sich die Verträumtheit des häufig
Stimmungen unterworfenen, idealistischen Führers wider. Captain Lewis, der diese gefährliche Entwicklung von dem Kielboot aus beobachtet hatte, ließ seine Männer ihre Waffen schußbereit machen. Unterdessen spannten auch einige Sioux ihre Bogen; sie zögerten jedoch noch, weil sie die Geschütze und alle Gewehre an Bord auf sich gerichtet sahen. In diesem Augenblick entließ Clark ruhig seine eigenen Männer und schickte sie zu dem Boot zurück. Er selbst blieb allein am Ufer stehen und wartete, bis Lewis ihm Verstärkung schickte.
Sobald die zusätzlichen Männer an Land kamen, zogen die Indianer sich ein kurzes Stück zurück. Clark machte auf dem Absatz kehrt und ging zum Kanu, ohne sich noch einmal nach ihnen umzusehen. Einige der auf diese Weise völlig überrumpelten Indianer baten daraufhin, zu neuen Verhandlungen an Bord kommen zu dürfen. Clark erfüllte ihnen diesen Wunsch, aber er war noch immer aufgebracht. Obwohl die Teton-Sioux im Grunde genommen feindselig blieben, bedrohten sie das Entdeckerkorps danach nie mehr ernstlich. Der Stamm war sichtlich verwirrt, aber zugleich von diesen energischen Weißen beeindruckt, bettelte sie jetzt an und bot den Forschern Indianerinnen an. „Bei ihnen herrscht der seltsame Brauch", schrieb Clark, „Männern, denen sie ihre Dankbarkeit beweisen wollen, hübsche Squaws zu geben." Diese Angebote wurden nicht immer ausgeschlagen - weder hier noch später. Lewis stellte fest, bei den Arikara seien die Frauen „hübsch und lebhaft und zu Zärtlichkeiten neigend". Clark vertraute seinem Tagebuch an, er habe noch nie freundlichere und hartnäckigere Indianerinnen gesehen; sie seien „ganz versessen darauf, unsere Männer zu liebkosen". Bei einer anderen Gelegenheit rückte ein Krieger jedoch bei näherer Überlegung von diesem Brauch ab; nachdem er seine Frau für die Nacht einem Expeditionsteilnehmer überlassen hatte, wurde er so wütend, als sie bei dem Entdeckerkorps zu bleiben versuchte, daß er sie umzubringen drohte. Die Frau wurde prompt zurückgegeben und der wütende Ehemann mit Geschenken besänftigt. Lewis hielt es für besser, seinen Männern diese Liebschaften mit Indianerinnen zu gestatten. Aber als die Expedition den Pazifik erreichte, wo die Indianer bereits mit anderen weißen Abenteurern und ihren Krankheiten in Berührung gekommen waren, warnte er vor engeren Kontakten mit Frauen. Trotzdem steckten sich mehrere Männer an - einer von ihnen bei einer Indianerin, die sich auf einem Arm den Namen eines früheren weißen Verehrers hatte eintätowieren lassen: „J. Bowman". Im Herbst 1804 erreichte das Entdeckerkorps die Mündung des Knife River im zukünftigen Staat North Dakota und beschloß, ihr Winterlager bei den dort ansässigen Mandan-Indianern aufzuschlagen. Die Männer errichteten ein Fort: einstabiles Blockhaus am Flug, das durch den Wald und die Uferfelsen vor dem Wind geschützt war. Auch hier machten sich Vorsicht und Gründlichkeit bezahlt, denn der Winter 1804/05 war besonders streng; Lewis maß Temperaturen bis -43° C und beobachtete an einem wirklich kalten Tag, daß Whiskey im Freien innerhalb einer Viertelstunde zu Eis wurde. Trotzdem gelang es den findigen Kommandeuren, diesen langen Zwangsaufenthalt gut zu nutzen. In den fünf Monaten in Fort Mandan, wie sie ihr Winterquartier nannten, fand Clark den Häuptling Big White, der behauptete, einen Großteil der vor ihnen liegenden Strecke zu kennen. Clark war viele Stunden lang damit beschäftigt, nach den in den Sand geritzten primitiven Skizzen des Häuptlings eine Karte des oberen Missouri und seiner Nebenflüsse zu zeichnen. Eine Behauptung, die Big White und andere Mandan aufstellten, war besonders erregend. Sie „teilen uns mit, daß der Missouri bis fast zur Quelle schiffbar ist", schrieb Lewis, „und daß ... in einer Entfernung, die einen halben Tagesmarsch nicht überschreitet, ein großer Fluß von Süden nach Norden strömt ... Wir glauben, daß dieser Fluß der südliche Hauptarm des Columbia River ist." Ihm war bekannt, daß der Columbia in den Pazifik mündete. Während Clark
sich mit Geographie befaßte, pflegte Lewis die Freundschaft
zu den Indianern. In seiner Doppelrolle als Diplomat und erster amerikanischer
Eigner dieser seit kurzem zu den Vereinigten Staaten gehörenden
Gebiete wies Lewis seinen Schmied an, den Indianern bei der Reparatur
von Ackergeräten und Streitäxten zu helfen, und stiftete
Teile eines durchgebrannten Eisenofens für die Herstellung neuer
Werkzeuge und Waffen. Er verschenkte sogar eine eiserne Getreidemühle,
um den Indianerinnen dadurch die Arbeit zu erleichtern. Aber die Krieger
fanden einen anderen Verwendungszweck dafür: Sie zertrümmerten
die Mühle und schliffen die Splitter als Pfeilspitzen zu. Sacajawea (Lewis und Clark bezeichneten sie im allgemeinen nur als „die Indianerin", weil sie ihren Namen nicht schreiben konnten) war eine Shoshoni. Sie war mit etwa elf Jahren von den Minnetaree entführt und später als Sklavin an Charbonneau verkauft worden. Die inzwischen 16jährige war jetzt mit ihm verheiratet und hochschwanger. Wahrscheinlich hoffte sie, ihr eigenes Volk wiederzusehen, und schien aus diesem Grund großen Wert darauf zu legen, die Expedition flußaufwärts begleiten zu dürfen. Lewis war einverstanden, weil er glaubte - in guter Voraussicht, wie sich später herausstellte -, Sacajawea werde ihnen gute Dienste erweisen können, falls sie später tatsächlich auf Shoshoni stoßen sollten. Als im Februar die Geburt bevorstand, litt Sacajawea unter langen, schmerzhaften Wehen. Obwohl Lewis' medizinische Kenntnisse unterdessen größer waren (er hatte erfrorene Zehen erfolgreich amputiert), war er natürlich kein Geburtshelfer. Zum Glück empfahl ein die Mandan besuchender Pelzhändler eine Dosis Klapperschlangenrasseln als geeignete Therapie. „Da ich zufällig die Rassel einer Schlange bei mir hatte, gab ich sie ihm, und er verabreichte der Frau zwei in kleine Stücke zerbrochene Ringe", berichtete Lewis. „Wie ich erfuhr, dauerte es danach keine zehn Minuten mehr, bis sie gebar." Am 7. April 1805
packte das Entdeckerkorps seine Ausrüstung zusammen und brach
erneut nach Westen auf. Lewis stellte verblüfft fest, dag in
diesem jungfräulichen Land die Biber am hellichten Tag in den
Flüssen schwammen, ohne die geringste Angst zu zeigen. Bei anderer
Gelegenheit lief ihm ein Bisonkalb wie ein Hund nach. Am Flußufer
sah er zum erstenmal Abdrücke der riesigen Tatzen des „weißen
Bären" - des gefürchteten Grislybären. Die Zeichnungen auf diesen Seiten erschienen in dem ersten Bericht über die Lewis-und-Clark-Expedition, den Reisetagebüchern des Sergeant Patrick Gass. Der unbekannte Illustrator scheint eine seltsame Auffassung von der Reise gehabt zu haben. Der
auf dem Baum sitzende Mann ist der Jäger Hugh McNeal und das
zu ihm aufblickende zottige, hundeähnliche Tier soll einen Grislybären
darstellen. In der Wirklichkeit scheute McNeals Pferd beim Anblick
des Grislys und warf seinen Reiter ab.
Auf
dieser Abbildung kentert ein Kanu:
„Diese
Gipfel der Rocky Mountains waren mit Schnee bedeckt und so von der
Sonne beschienen, daß ich sie wunderbar deutlich sehen konnte.
Während ich diese Berge betrachtete, empfand ich ein heimliches
Vergnügen bei dem Gedanken, mich so nahe an der Quelle des bisher
für endlos gehaltenen Missouri zu befinden; als ich jedoch überlegte,
welche Schwierigkeiten diese verschneite Barriere mir höchstwahrscheinlich
auf meinem Weg zum Pazifik bringen würde und welche Leiden und
Entbehrungen ich und meine Begleiter dort würden erdulden müssen,
wurde die Freude, die ich beim ersten Anblick empfunden hatte, ein
bißchen getrübt. Aber da ich es stets für ein Verbrechen
gehalten habe, überall mit dem Schlimmsten zu rechnen, werde
ich mir die Route als eine bequeme Straße vorstellen, bis die
Wirklichkeit mich vom Gegenteil überzeugt." Aber Lewis und
Clark waren noch keineswegs überzeugt und bewiesen in dieser
Situation eine weitere wichtige Führereigenschaft: Sie weigerten
sich, das Offensichtliche zu akzeptieren, und vermuteten statt dessen,
das klare Wasser des südlichen Flusses lasse auf einen Ursprung
in den Rocky Mountains schließen. Um sich Gewißheit zu
verschaffen, brachen beide Männer mit nur wenigen Begleitern
auf, um die Flugarme zu erforschen. Lewis übernahm die Erkundung
des schlammigen Wasserlaufs. Als sich herausstellte, daß sich
dieser Flug weiterhin nordwärts dahinschlängelte, gelangte
Lewis zu der Überzeugung, dies sei nicht der Hauptarm, sondern
wenn die Expedition ihm folge, werde sie nur auf die endlosen kanadischen
Plains gelangen. Aus einer Augenblickslaune heraus nannte er diesen
Nebenfluß Maria's River (später Marias geschrieben) nach
einer Freundin, wobei er erklärend hinzufügte, daß
„die Färbung des Wassers dieses turbulenten und reißenden
Flusses sich nur schlecht mit den himmlisch reinen Tugenden und liebenswerten
Eigenschaften dieser lieblichen Schönen verträgt". Lewis freute sich
besonders darüber, daß die Männer trotz ihrer Zweifel
in bezug auf den südlichen Fluß so bereit waren, auf das
Urteil ihrer Führer zu vertrauen. Bei
Verhandlungen mit Indianern zu Beginn der Expedition spricht der allzu
prächtig gekleidete Lewis zu allzu spärlich bekleideten
Oto- und Missouri-Indianern. Er erklärte ihnen wie allen übrigen
Stämmen, die am Missouri angesiedelt waren, sie müßten
jetzt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, dem „Großen
Häuptling", gehorchen. Die Portage um die Wasserfälle herum war 29 Kilometer lang und führte über felsiges Gelände, das 'mit Kakteen bewachsen war. Ihre Stacheln peinigten die Füße der Männer, obgleich sie doppelt besohlte Mokassins trugen. Um die schweren Lasten befördern zu können, ließ Lewis primitive Karrenräder aus einem Pappelstamm mit über einem halben Meter Durchmesser herstellen. Diese Räder, schrieb er in seinem Reisetagebuch, „ließen sich mit Achsen, Riemen und Aufbauten ... dazu verwenden, entweder ohne Aufbau unsere Kanus oder mit Aufbau unser Gepäck zu transportieren". Sie wurden für beide Zwecke eingesetzt, aber dieser Transport um die Großen Fälle herum dauerte trotzdem 24 Tage und erschöpfte das Entdeckerkorps völlig. Aber die Männer waren bald wieder „unterwegs - sehr zu meiner Freude", wie Lewis schrieb. Nun befanden sie sich in dem Hochland, das die Heimat der Shoshoni war; hier hatte Sacajawea die ersten elf Jahre ihres Lebens verbracht, bevor sie nach einem Überfall von den Minnetaree verschleppt worden war. Die Indianerin hatte ihren großen Mut und ihre Geistesgegenwart bereits bewiesen, als ihr Mann, der nicht schwimmen konnte und den Lewis als den „vielleicht ängstlichsten Bootsfahrer der Welt" bezeichnete, eines der kleineren Boote beinahe in einer Bö kentern ließ und dann vor Angst wie gelähmt am Steuer sitzenblieb. Das Boot schwankte so heftig, daß leichtere Ausrüstungsgegenstände über Bord fielen. Während Charbonneau „seinen Schöpfer um Barmherzigkeit anflehte", fischte Sacajawea behend die Gegenstände aus dem Wasser. Lewis schilderte dankbar ihre „Standhaftigkeit und Entschlossenheit". Als
die Expedition sich der Missouriquelle näherte, bewies Sacajawea
erst ihren ganzen Wert. Sie erkannte Orientierungspunkte wieder und
half dem Entdeckerkorps, den richtigen Weg ins Gebirge zu finden.
Die Expedition kam rasch voran und erreichte den Dachfirst des Kontinents
Nordamerika - die Kontinentalwasserscheide. Kurz davor stellte Hugh
McNeal, einer der Expeditionsteilnehmer, sich breitbeinig über
einen Bach, den er für den Oberlauf des Flusses hielt, dem sie
3´900 Kilometer weit gefolgt waren (die wirkliche Missouriquelle
lag am Ende eines anderen Baches). In seinem Tagebuch vermerkte Lewis,
McNeal habe „seinem Schöpfer dafür gedankt, hier über
dem mächtigen & bisher für endlos gehaltenen Missouri
stehen zu dürfen". Bei einem auf der Rückreise ausbrechendem Kampf mit Indianern schießt Lewis auf einige Piegan-Blackfoot, die mehrere Gewehre gestolen hatten und die Pferde der Expedition wegzutreiben versuchten. Bei diesem Kampf - dem einzigen während der Reise - erschoß Lewis einen Indianer. Er ist hier wieder von dem Künstler in Paradeuniform dargestellt; obwohl er tatsächlich seinen Rock kurz zuvor gegen ein Kanu eingetauscht hatte. Das
beruhigte die Shoshoni etwas, so daß sie zu formellen Verhandlungen
bereit waren. Dann lief Sacajawea zur allgemeinen Überraschung
auf den Häuptling Cameahwait zu und umarmte ihn: Sie hatte ihn
soeben als ihren Bruder erkannt. Nach diesem glücklichen Auftakt
kamen die Verhandlungen mit den Indianern gut voran, und der Häuptling
erklärte sich schließlich bereit, den Weißen Pferde
zu liefern. Ende August brach das Entdeckerkorps wieder auf. Sacajawea
schloß sich ihm erneut an. Sie, ihr Mann und ihr kleiner Sohn
blieben bei der Expedition, bis sie 13 Monate später in das Minnetareedorf
zurückkamen. Am
7. Dezember 1805 hatten die Männer ihr Lager am Südufer
des Columbia in der Nähe der Flußmündung aufgeschlagen.
Von dieser Stelle aus konnten sie den wogenden Pazifik beobachten
und etwa vorbeisegelnden Schiffen Signale geben. Präsident Jefferson,
der an alles gedacht zu haben schien, hatte mit der Möglichkeit
gerechnet, daß das Entdeckerkorps wegen der höchst gefährlichen
Route auf dem Seeweg heimkehren und zu diesem Zweck ein Handelsschiff
an der Westküste anhalten müsse. Deshalb hatte er Lewis
einen Kreditbrief mitgegeben, der ihm das Recht gab, bei allen amerikanischen
Auslandsvertretungen Geld abzuheben - auch auf Java, der Insel Mauritius
und am Kap der Guten Hoffnung. Diese Möglichkeit, praktisch unbegrenzt
über staatliche Mittel zu verfügen, war vielleicht der größte
Vertrauensbeweis des Präsidenten für den jungen Führer
der Expedition. Angehörige
des Entdeckerkorps, feierlich mit Zylindern ausgestattet, bereiten
sich auf den Winter 1805/05 vor, indem sie an einem etwas wackelig
dargestellten Gebäude arbeiten, das später den Namen Fort
Mandan erhielt. Diesmal kannte das Entdeckerkorps die Route - und, was noch wichtiger war, die Männer wußten, daß es wirklich einen gangbaren Weg gab. Aber die körperlichen Anstrengungen waren ebensogroß wie auf dem Hinweg. Außerdem kam es auf der Heimreise zu zwei Zwischenfällen, die die einzigen Gewalttaten im Zusammenhang mit der Expedition bleiben sollten. An beiden war Lewis beteiligt, der sich mit sechs Mann von Clark getrennt hatte, um unbekannte Landstriche zu erkunden. In einem gemeinsamen Lager mit scheinbar freundlichen Blackfoot-Indianern schrak Lewis von einem Alarmruf auf und entdeckte, daß die Indianer den schlafenden Weißen die Gewehre stehlen wollten. Bei der nun folgenden Auseinandersetzung wurde ein Blackfoot erstochen und ein weiterer durch einen Schuß verwundet. Obwohl Lewis strenggenommen schuldlos war, bestand nun keine Hoffnung mehr auf die Entwicklung friedlicher Beziehungen mit den Blackfoot-Indianern. Dieser Stamm überfiel noch jahrzehntelang Pioniere, die auf Lewis' und Clarks Spuren nach Westen kamen. Der andere Vorfall betraf ebenfalls eine Schießerei - deren Opfer Lewis selbst war. Ein Expeditionsteilnehmer, der nur ein Auge hatte, verwechselte Lewis auf der Jagd mit einem Wapiti oder Bären und schoß ihm ins Gesäß. Lewis hatte wochenlang starke Schmerzen und mußte auf einer Tragbahre befördert werden. Lewis traf Mitte August in der Nähe der Mündung des Yellowstone wieder mit Clark zusammen und litt noch immer an seiner Schußverletzung, als das Entdeckerkorps am 20. September 1806 weit flußabwärts am Missouri das von französischen Siedlern gegründete Dorf La Charette passierte - das erste Anzeichen für eine weiße Zivilisation, das die Männer seit fast zweieinhalb Jahren gesehen hatten. „Wir sahen einige Kühe am Ufer", vermerkte Clark in seinem Reisetagebuch, „die ein erfreulicher Anblick für uns alle waren und einen Freudenschrei auslösten." Dieser Schrei
drückte Jubel, Erleichterung, Stolz und Triumph aus. Sie waren
aus der Wildnis heimgekehrt. Sie lebten und waren gesund. Sie hatten
das Vertrauen und die Urteilskraft ihres Präsidenten gerechtfertigt.
Mit Kraft, Ausdauer, Disziplin, einem eisernen Willen und ungewöhnlich
viel gesundem Menschenverstand war es ihnen gelungen, das Tor zu einem
halben Kontinent aufzustoßen. Außerdem waren sie ins Unbekannte
vorgedrungen, hatten Wissen zurückgebracht und hatten die amerikanischen
Ansprüche auf Gebiete untermauert, durch die sich die Größe
der Vereinigten Staaten verdoppelte.
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