Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© Bil Gilbert, Jay Brennan, William Frankel, Adrian Allen, Carole Kismaric, - 1973 - " Die Wegbereiter "
sowie Veröffentlichungen der Kongreßbibliothek der USA (LOC) und des US Nationalarchiv (NARA)

" Mountain Men "

 

Die Wegbereiter

 

 

   

Lockruf der Wildnis

Rocky MountainFür diese romantisierte Darstellung des Gebiets am Wind River machte der deutschstämmige Albert Bierstadt im Jahr 1859 auf seiner Reise durch diesen einzigartigen Teil der Rocky Mountains eine Reihe von Skizzen.
Nach seiner Rückkehr in den Osten verwandte er sie zu einer dramatischen Darstellung und ergänzte die tatsächliche Landschaft um einen Wasserfall und eine veränderte Perspektive, die die Szenerie noch eindrucksvoller erscheinen ließen.

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die weiten Gebiete westlich des Mississippi für die meisten Amerikaner eine geheimnisvolle Terra incognita. Aber im Jahre 1803 schloß Präsident Thomas Jefferson den Vertrag über den Kauf von Louisiana - und öffnete dadurch den Westen für jeden, der neugierig und mutig genug war, um ihn zu erforschen.

In den nächsten 75 Jahren gaben über fünf Millionen Quadratkilometer Land ihre Geheimnisse einer Armee von Jägern, Soldaten, Naturforschern und anderen Abenteurern preis. Die meisten Amerikaner bekamen dieses wilde Land jedoch erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zu sehen: durch die Augen einiger kühner Maler, von denen mehrere Europäer waren.

Trotzdem war die dramatische Vielfalt des Westens so groß, daß die Erforscher jeder neuerschlossenen Region auf Landschaften stießen, die die wildesten Phantasien der Künstler noch weit übertrafen.

 

 

 

" Cathedral Rock "

 

 

Der Schweizer Karl Bodmer malte den Citadel Rock (später in Cathedral Rock umbenannt) in Montana wie eine Burgruine am Rhein.

Den Rocky Mountains verlieh Bodmer das düstere, drohende Aussehen der Berge seiner Heimat Europa.

 


 

Thomas Jefferson

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Porträt aus dem Jahre 1801 zeigt Thomas Jefferson vor dem Hintergrund der Natura Bridge in Virginia.
Symbolisch weist die Brücke auf Jeffersons außerordentlich große Begeisterung für die natürlichen Ressourcen der Vereinigten Staaten.

 


 

 

 

 

 

Vorstoss zum Pazifik

 

Am 18. Januar 1803 übermittelte Präsident Thomas Jefferson dem Kongreß eine vertrauliche Botschaft, in der es hieß: „Der Fluß Missouri & die an ihm lebenden Indianer sind nicht so gut bekannt, wie es ihreVerbindung mit dem Mississippi & folglich mit uns wünschenswert erscheinen läßt ... Ein intelligenter Offiziermit zehn oder zwölf ausgesuchten Männern könnte das ganze Gebiet - sogar bis zum Westlichen Ozean - erforschen ..."Dieser Gruppe,
die als Lewis-und-Clark-Expedition oder Entdeckerkorps bezeichnet wurde, gelang das am sorgfältigsten vorbereitete, am brillantesten geführte und wahrscheinlich bis dahin gewinnbringendste Unternehmen in der Geschichte der Erschließung des amerikanischen Westens.

In dieser ersten, nur 1´300 Wörter langen Ankündigung ließ Jefferson die Art des gedachten Auftrags verständlicherweise im ungewissen. Schließlich verlangte er auf seine raffinierte Weise, der Kongreß solle einen militärischen Erkundungsvorstoß in ein weites, buchstäblich unbekanntesGebiet billigen, das von den beiden Großmächten Frankreich und England beansprucht wurde, während eine dritte, Spanien, den Süden und Fernen Westen besetzt hielt. Jefferson wußte, daß die Abgeordneten vor solch einem riskanten Vorschlag zurückschrecken würden; die oppositionelle Federalist Party sprach sich ohnehin gegen fast allesaus, was er vorschlug. Er wählte deshalb eine Ausdrucksweise, die darauf angelegt war, die Risiken zu verharmlosen und den Köder unwiderstehlich zu machen. Er vermied dasWort „Militär" und betonte statt dessen die Möglichkeit, „den Außenhandel der US auszuweiten".
Jefferson sprach verlockend von „großen Vorräten an Fellen & Pelzen", die man den Indianern abhandeln könne - sie hatten sie bisher nur an die britische Hudson's Bay Company und die kanadische North West Company verkauft. Entscheidend war, daß er das Projekt billig anpries und nur 2´500 Dollar für die Finanzierung anforderte (die Gesamtkosten beliefen sich dann allerdings auf  38´722,25 Dollar).

Am 28. Februar 1803 genehmigte der Kongreß das Unternehmen. Jefferson jubelte im stillen. Seit über zwei Jahrzehnten bekleidete er öffentliche Ämter, und er hatte von Anfang an Pläne zur Erforschung der unbekannten Weiten jenseits des Mississippi geschmiedet, um dort eine amerikanische Präsenz zu erreichen. Schon lange vor seiner Wahl zum Präsidenten hatte Jefferson, der Wissenschaftler und brillanter Geopolitiker zugleich war, mindestens zwei vergebliche Versuche unternommen, seine Neugier als Wissenschaftler zu befriedigen und gleichzeitig das Tor zum Westen für die USA zumindest einen Spalt weit aufzustoßen.
Als Botschafter in Frankreich hatte er 1786 die Bekanntschaft eines Abenteurers namens John Ledyard gemacht. Jefferson schilderte ihn als „einen Mann von hoher Intelligenz mit einigen wissenschaftlichen Kenntnissen, draufgängerischem Mut ... und unstetem, ruhelosen Charakter". Er redete ihm zu, sich dem amerikanischen Westen auf einer ungewöhnlichen Route zu nähern: durch Europa und Asien nach Ostsibirien, über die Beringstraße nach Vancouver Island, die Pazifikküste entlang und landeinwärts bis zum Missouri. Begeistert ließ sich Ledyard auf das herausfordernde Unternehmen ein und marschierte 5´000 Kilometer weit nach Sibirien, bis "Katharina die Große" von ihm hörte und als vermeintlichen Spion nach Polen zurückbringen ließ.

Daraufhin schrieb Jefferson Ledyard ab, nicht jedoch seinen eigenen Wissensdurst noch seine Bestrebungen. Als er einige Jahre später Außenminister war, fand er einen weiteren Kandidaten für die Durchquerung des Fernen Westens. Dieser neue Mann war Andre Michaux, ein französischer Emigrant, der sich in Carolina als Grundbesitzer niedergelassen hatte und einen gewissen Ruf als Botaniker und Forschungsreisender genoß. Michaux behauptete, vom Missouri aus einen Weg zum Pazifik finden zu können. Jefferson, der von seinen wissenschaftlichen Leistungen beeindruckt war, gab ihm den Auftrag, diese Forschungsreise durchzuführen. Aber wie sich dann herausstellte, war Michaux ein Spion - ein Agent provocateur im Dienst des berüchtigten, Unruhe stiftenden französischen Botschafters, Bürger Edmond Charles Genet. Michaux war erst bis Kentucky gekommen, als er zurückgerufen und nachdrücklich aufgefordert wurde, sich wieder auf seine Botanik zu konzentrieren.
Jefferson behielt sein Ziel im Auge, bis er ins Weiße Haus gewählt wurde, und von dieser höheren Warte aus erkannte er noch klarer, wie notwendig es war, daß die Vereinigten Staaten jenseits des Mississippi Fuß faßten. Inzwischen hatten die Engländer bereits den Kontinent durchquert: Der Pelzhändler Alexander Mackenzie war 1793 durch den Nordwesten Kanadas zum Pazifik vorgedrungen, und es war anzunehmen, daß er es wieder versuchen würde - diesmal unter Umständen auf dem Columbia River.

Noch schwieriger wurde die Sache durch den bevorstehenden Krieg zwischen Frankreich und England, und der Präsident ahnte, daß dessen zerstörerische Wirkungen vielleicht bis nach Nordamerika reichen würden.
Im Jahre 1802 entsandte Napoleon zwei mächtige Armeen in die neue Welt. Die erste war nach San Domingo unterwegs, um den schwarzen Revolutionär Toussaint L'Ouverture zu vertreiben und die Karibikinsel wieder unter französische Kontrolle zu bringen. Die zweite, die heimlich zusammengezogen worden war, sollte in Louisiana stationiert werden. Aber Gelbfieber und L'Ouvertures Guerillataktik vernichteten die erste Armee auf San Domingo, und Napoleon ließ sie durch die zweite ersetzen.  Auch sie wurde rasch dezimiert und gelangte nie nach Louisiana.
Napoleon, der an zu vielen Fronten kämpfen mußte und dringend Geld für seine Kriegsmaschine brauchte, verhandelte nun in Paris mit Jeffersons Abgesandten über den Verkauf der französischen Besitzungen in Amerika. Im April 1803 einigten die beiden Seiten sich über die Abtretung Louisianas, die den Vereinigten Staaten 2 072 000 Quadratkilometer Land zwischen Mississippi und Rocky Mountains einbrachte. Nun brauchte Jefferson die Erschließung des Westens nicht mehr heimlich oder listig zu betreiben: Als Präsident war es seine Pflicht, die neuen Gebiete begutachten zu lassen.
Dazu war er nur allzu gern bereit. Als Louisiana in amerikanischen Besitz überging, hatte Jeffersons Sekretär, der junge Captain Meriwether Lewis, schon die ganze Ausrüstung für das Entdeckerkorps beschafft, und sein Stellvertreter, Second Lieutenant William Clark, hielt sich bereits an der Missourimündung auf, bildete die Männer aus und beschaffte zusätzliche Ausrüstungsgegenstände für die große Expedition in die Wildnis. Am 9. März 1804 erschien Captain Lewis in seiner besten Uniform - zum letztenmal für mehr als zwei Jahre - im Government House in St. Louis. Dort unterzeichnete er als Zeuge das Dokument, das die große Landabtretung besiegelte - und beseitigte damit das letzte formale Hindernis, das seinem Abenteuer noch entgegengestanden hätte. Lewis, Clark und ihre Männer sollten die ersten Amerikaner sein, die den Westen bis zum Pazifik durchquerten; sie waren die Pfadfinder für eine ganze Nation. Nach ihnen kamen Jäger, Goldgräber, Viehzüchter, Farmer, Eisenbahnbauer und Stadtgründer - Generationen eines wachsenden Imperiums.

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Eine Glanzleistung und keine Ovationen


Im Sommer 1803 war Meriwether Lewis in Pittsburgh, um den Bau eines Kielboots für die große Expedition zum Pazifik zu überwachen, als er einen Brief von Präsident Thomas Jefferson erhielt. Er begann mit dem Satz: „Sehr geehrter Herr/Gestern abend haben wir den Vertrag über die Abtretung Louisianas aus Paris erhalten ..." Das war eine Sensation: Die Größe der Vereinigten Staaten hatte sich mit einem Schlag verdoppelt. Für Lewis und seinen Partner William Clark war noch wichtiger, daß ihre inoffizielle Erkundung eines ausländischen Territoriums nun zu einer kühnen Besitznahme amerikanischen Grundes und Bodens wurde.
Außerdem war alles völlig überraschend gekommen, denn Amerika hatte anfangs nur versucht, Frankreich den Hafen New Orleans abzukaufen. Die Verhandlungen waren zunächst nicht recht vorangekommen.
Als Napoleons Außenminister Talleyrand dann eines Tages verkündete, die USA könnten New Orleans haben, wenn sie ganz Louisiana kauften, wollte der amerikanische Botschafter deshalb seinen etwas tauben Ohren nicht trauen. Jefferson war noch verblüffter und boxte den Vertrag, dessen
Verfassungsmäßigkeit angezweifelt wurde, schnell im Kongreß durch. Aber seine politischen Gegner, die Föderalisten, behaupteten, es sei die „wildeste Schimäre eines verblendeten Gehirns", bares Geld, selbst wenn es nur 15 Millionen Dollar seien, für ein Gebiet auszugeben, das niemand kannte. Mit diesem letzten Argument hatten die Föderalisten recht: Obwohl in dem Vertrag von einem Gebiet mit 2 355 000 Quadratkilometern die Rede war, wußte niemand, ob das stimmte (tatsächlich waren es 2 072 000 Quadratkilometer). Gewiß war nur, daß das Gebiet im Westen bis zur großen Kontinentalwasserscheide reichte - aber auch deren Lage war nicht genau bekannt. Da Lewis und Clark nun freie Bahn hatten, würde Jefferson bald mehr wissen. Der 1803 geschlossene Vertrag über den Kauf Louisianas vergrößerte die Vereinigten Staaten um das Gebiet westlich des Mississippi, das im Norden an englische und im Südwesten an spanische Gebiete grenzte. Der Verlauf der Wasserscheide wurde durch spätere Expeditionen wie oben dargestellt festgelegt; im Jahre 1803 war er noch unbekannt. Richtig vermutet wurde jedoch, daß die Nordwestgrenze Louisianas mit dem unerforschten Oregon Country zusammentraf, auf das die Vereinigten Staaten vage Ansprüche erhoben, seit die Mündung des Columbia 1792 von einem amerikanischen Schiff entdeckt worden war. Zusammen würden beide Gebiete einen breiten Landkorridor zum Pazifik bilden.

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Als Jefferson in seiner Botschaft an den Kongreß feststellte, der Westen sei „nicht so gut bekannt, wie es ... wünschenswert" erscheine, hatte er gewaltig untertrieben. In Wirklichkeit waren die Gebiete westlich des Mississippi ein pays inconnu, wie die französischen Händler sie nannten, ein unbekanntes Land. Die besten Karten, die Jefferson für das Entdeckerkorps beschaffen konnte, enthielten alle möglichen geographischen Informationen, die in über 200 Jahren hier und dort zusammengetragen worden waren: Sie boten kaum mehr als vage Überblicke und Raum für Vermutungen. Oberhalb von St. Louis war der Missouri nur bis zu den Mandandörfern im Dakotagebiet kartiert. Englische, russische und spanische Forschungsreisende hatten einige Punkte der Pazifikküste nördlich von Kalifornien erreicht, aber keiner von ihnen hatte den Columbia River über seine Mündung hinaus kartiert. Kein Weißer wußte, wie groß die Entfernung zwischen der Dakotaregion und dem Columbia war - und erst recht nicht, was dazwischen lag.

Aus diesem Informationsmangel waren die phantastischsten Geschichten entstanden. Manche basierten wenigstens halbwegs auf Tatsachen; andere waren frei erfunden. Alle jedoch wurden oft erzählt und waren nicht zu widerlegen und galten deshalb im Lauf der Zeit als verbürgt wahr. Der Westen sollte von seltsamen und erstaunlichen Lebewesen bewohnt sein. Dazu gehörten ein Stamm männerhassender, bogenschießender Amazonen, die sich jeweils die rechte Brust amputieren liegen, um den Bogen besser spannen zu können, und ein Stamm walisisch sprechender Indianer, die von einem Waliser abstammten, der Amerika lange vor Kolumbus erreicht hatte. Eine besonders bizarre Geschichte besagte, in einem unheimlichen Gebiet namens Les Cötes Brülees (die verbrannten Klippen) lebten Teufel in Menschenform, die nur einen halben Meter groß seien.
Jefferson konnte nicht beurteilen, wie zutreffend die meisten dieser Bericht waren; tatsächlich hatte er in seiner Botschaft an den Kongreß von mutmaßlichen geographischen Wundern gesprochen, zu denen auch ein ganz aus Salz bestehender Berg gehören sollte. Er war entschlossen, durch das Entdeckerkorps feststellen zu lassen, wie es dort draußen in der Wildnis aussah. Und Meriwether Lewis, der ihm Bericht erstatten sollte, war kein Träumer oder Intrigant wie Ledyard oder Michaux. Im Gegenteil, Lewis dachte genau wie der Präsident; was seine guten Gründe hatte: Jefferson hatte ihn seit Jahren protegiert.
Meriwether Lewis' Familie war im Albemarle County, Virginia, ein Nachbar der Jeffersons gewesen. Nach dem Tod von Lewis' Vater heiratete seine Mutter zum zweitenmal, und die Familie zog nach Georgia. Lewis verbrachte seine Kindheit und frühe Jugend unmittelbar an der Grenze der amerikanischen Wildnis. Als er als junger Mann nach Virginia zurückkehrte, um den Grundbesitz seines Vater zu verwalten, hatte er sich eine für Forschungsreisende wichtige Fähigkeit angeeignet: Er konnte in der Wildnis überleben. Der Politiker und sein junger Nachbar wurden schnell Freunde; wenn Jefferson sich unterhalten wollte, rief er Lewis durch Blinksignale mit einem Spiegel zu sich.
Während dieser Gespräche vertraute Jefferson Lewis seinen großen Plan an, und der junge Mann erbot sich schon 1792, als er erst 18 war, durch die Wildnis zu ziehen. Obwohl Jefferson damals Michaux vorzog, beeindruckte ihn die Kühnheit seines jungen Nachbarn. Der Präsident erinnerte sich später: „Ich erklärte ihm, es sei vorgesehen, daß der Reisende nur einen Begleiter mitnehme, damit die Indianer nicht beunruhigt würden. Das störte ihn nicht."

Als 1794 die Whiskeyrebellion ausbrach, trat Lewis als Freiwilliger in die Armee ein. Er hatte es bereits bis zum Captain gebracht, als Jefferson 1801 Präsident wurde. Nach seinem Amtsantritt forderte Jefferson Lewis auf, sein Privatsekretär zu werden, und die beiden Freunde arbeiteten an langen Abenden ihren Plan für einen Vorstoß zum Pazifik aus. Diese detaillierte Planung, auf der das Abenteuer basierte, sollte das Unternehmen auszeichnen.
Bei der Aufstellung des Entdeckerkorps kam es Jefferson zunächst darauf an, die richtigen Männer zu finden. Lewis war der ideale Führer: in der Wildnis erfahren, von kräftigem Wuchs, wissensdurstig, entschlossen und auch in gefährlichen Lagen kaum aus der Ruhe zu bringen. In der ganzen Geschichte der Erschließung des amerikanischen Westens gab es nur einen Mann, der ihm nahekam. Dieser Mann war Joe Walker. Er sollte eines Tages König der sogenannten Mountain Men werden, aber im Jahre 1802 war er noch ein kleiner junge auf einer Farm in Tennessee.
Aber Führereigenschaften allein genügten nicht. Jefferson fand, der ideale Mann für diesen Auftrag müsse Kenntnisse in „Botanik, Naturwissenschaften, Mineralogie & Astronomie" besitzen. So entsandte er Lewis nach Philadelphia, wo er sich an der University of Pennsylvania und bei der American Philosophical Society, damals der führenden wissenschaftlichen Gesellschaft Amerikas, bilden sollte.
Landkarte von Kalifornien

Auf dieser Landkarte aus dem Jahre 1650 ist Kalifornien als Insel dargestellt. Die Pazifikküste, von Cape Mendocino, nördlich von San Francisco, bis zu dem Gebiet südlich von San Diego ist zwar richtig dargestellt, aber es dauerte noch lange, bis die Kartographen Kalifornien als Teil des Festlands zeigten.

 

Ab Mitte April 1803 unterzog Lewis sich eineinhalb Monate lang einer intensiven Fortbildung. Der Mathematiker Robert Patterson unterrichtete ihn in astronomischer Ortsbestimmung. Andere berühmte Wissenschaftler wieder Naturforscher Benjamin Smith Barton, der Anatom Caspar Wistar und der Arzt Dr. Benjamin Rush unterwiesen ihn in ihren jeweiligen Fachgebieten. Dr. Rush bat ihn, die Indianer über die Themenkreise Mord und Selbstmord, Bestattungssitten, Ernährung, Arzneimittel, Menstruation, Stillen von Säuglingen, Baden, Fasten, Lebenserwartung und religiöse Bräuche zu befragen. Lewis sollte insbesondere auf etwaige Parallelen zwischen Indianerreligionen und Judentum achten, weil in manchen Kreisen die Auffassung vertreten wurde, die amerikanischen Indianer könnten die Nachkommen der verschollenen Stämme wandernder Juden sein.
Dr. Rush gab Lewis nicht nur Fragen über die medizinischen Gebräuche der Indianer mit, sondern stellte auch recht unpraktische Gesundheitsregeln für die Expedition auf, in denen beispielsweise von einem Weitermarsch abgeraten wurde, wenn die Männer „das geringste Unwohlsein" verspürten. Außerdem sorgte er dafür, daß Lewis einen großen Vorrat von „Doktor Rushs Pillen" gegen Verstopfung mitnahm. Lewis und Clark, die den Expeditionsarzt des Entdeckerkorps ersetzen mußten, verordneten später dieses Mittel gegen fast alle Krankheiten - auch gegen Durchfall.
Während dieses Bildungsmarathons überlegte Lewis sich eingehend, wen er als seinen Stellvertreter bestimmen solle. Er entschied sich schließlich für einen Frontiersman aus Kentucky, der mit ihm in der Armee gedient hatte: William Clark, der jüngere Bruder des Revolutionshelden General George Rogers Clark. Sein alter Kamerad nahm dieses Angebot mit Begeisterung an: „Ich bin gern bereit mitzumachen", schrieb er. „Mein Freund, ich versichre Dir, daß es keinen Mann gibt, mit dem ich solch eine Reise lieber als mit Dir unternehmen würde."
Lewis revanchierte sich seinerseits mit einigen Komplimenten und erklärte Clark gleichzeitig, sie seien in jeder Beziehung gleichberechtigte Befehlshaber. Er versprach seinem Freund die Beförderung zum Captain (und war später sehr verbittert, als das Verteidigungsministerium Clark diese Beförderung verweigerte).

 

Die beiden Männer machten sich gemeinsam an die schwierige Aufgabe, ihre Mannschaft zusammenzustellen. Bei der Auswahl von Freiwilligen nahmen sie sich vor allem vor „Gentlemensöhnen" in acht, die nur ein Abenteuer erleben wollten. „Wir müssen gegenüber allen derartigen Bewerbern standhaft bleiben und sie so freundschaftlich wie möglich ablehnen", stellte Lewis fest. „Sie sind für unsere Zwecke ungeeignet." Statt dessen waren die beiden Expeditionsführer sich darüber einig, daß sie solide Frontiersmen brauchten: charakterfest, selbständig und trotzdem bereit, sich der strengen Disziplin zu unterwerfen, die die Umstände ihnen auferlegen würden, selbst wenn die Führer es nicht taten. Außerdem sollten die Männer zahlreiche Fertigkeiten beherrschen, denn das Entdeckerkorps brauchte Jäger, die es mit Fleisch versorgten, Bootsmänner, die sich auf Flüssen auskannten, Zimmerer, die Winterquartiere bauten, und Schmiede, die Gerätschaften reparierten. Die Expedition bestand schließlich aus 30 Leuten: 17 Soldaten, 11 Freiwilligen, einem Mischling als Dolmetscher, Clarks riesenhaftem schwarzen Diener York - und Lewis' Hund, einem Neufundländer namens Scannon. Lewis und Clark hatten keine Haltlosen, Trinker, Neurotiker oder Romantiker ausgewählt. Ein Beweis für ihre Urteilsfähigkeit war die Tatsache, daß nur zwei der Männer auf ihrem 12´372 Kilometer langen Zug durch gefährliche Wildnisse in Streßsituationen versagten.
Lewis hatte es übernommen, ihre Ausrüstung auszuwählen. Er reiste schon frühzeitig nach Harpers Ferry, West Virginia, da das dortige Arsenal die Bewaffnung der Expedition stellen sollte. Die Treffgenauigkeit des Kentucky Long Rifle beeindruckte ihn, aber er hielt das Gewehr für zu wenig gebrauchstüchtig und konstruierte es so gut um, daß Lewis' „Harpers Ferry Rifle" das Standardgewehr und die erste in Serie gefertigte Infanteriewaffe der U.S. Army wurde. Als schwere Bewaffnung gab er Geschütze auf Schwenklafetten in Auftrag. Und aus einer Laune heraus beschloß er, eine neue Erfindung mitzunehmen, die eigentlich fast ein Spielzeug war: ein Luftgewehr.

In Pittsburgh bestellte Lewis das Haupttransportmittel des Entdeckerkorps - ein 18 Meter langes Kielboot. Da er anspruchsvoll und ungeduldig war, wenn es sich um Beschaffungen für die Expedition handelte, ärgerte er sich über den Bootsbauer, der ein Trinker war, und schrieb Jefferson, er sei „durch unverzeihliche Nachlässigkeit ... höchst schandbar aufgehalten worden". Lewis überwand diese Schwierigkeiten ohne die Hilfe des Präsidenten, aber Jefferson wirkte in allen Fragen, die Vorbereitung und Ausrüstung betrafen, begeistert als enger Berater mit.
Der Präsident äußerte sich zufrieden über die Reiseapotheke und ihren Inhalt, zu dem auch Opium und Laudanum gehörten. Er war auch der Meinung, daß die Expedition ein „billiges, leichtes Mikroskop", mehrere Hydrometer, ein von Lewis erfundenes Faltkanu mit eisernem Gestell und ein Suppenkonzentrat brauchte, das Lewis gemeinsam mit einem Koch aus Philadelphia entwickelt hatte. (Die Männer lernten diese Suppe später hassen.)
Damit das Entdeckerkorps mit den Indianern Freundschaft schließen konnte, einigten Lewis und Jefferson sich auf eine reichhaltige Auswahl an Geschenken. Tatsächlich waren die 669,50 Dollar für Geschenke der größte Einzelposten für die Ausrüstung. Es gab Glasperlen, Kattunhemden, Taschentücher, Spiegel, Glocken, Nadeln, Fingerhüte, Bänder, Teekessel und Messingringe. Lewis nahm auch Dutzende von Friedensorden mit. Einige davon schmückten auf der einen Seite ein Kopf, der dem von Präsident Jefferson ähnelte, und auf der anderen zwei verschlungene Hände.

Nachdem das Louisiana Territory offiziell in amerikanischen Besitz übergegangen war, war das Entdeckerkorps im Frühjahr 1804 zum Aufbruch bereit. Nun würde all die sorgfältige Planung in der Wildnis auf die Probe gestellt werden: Jeffersons jahrzehntelange politische und diplomatische Manöver, sein kühner Weitblick und seine Beherrschung aller Details, sein Geschick in der Auswahl des richtigen Führers dieser Expedition und vor allem sein Instinkt, der ihm sagte, daß die Zukunft der Vereinigten Staaten im Westen lag. Am 14. Mai 1804 brach die Expedition den Missouri entlang auf.
Die nächsten zwei Jahre, vier Monate und zehn Tage lang waren die Forscher nun gänzlich auf sich allein gestellt, da sie buchstäblich über den Rand der bekannten Welt hinausgerudert, - gepaddelt, - marschiert und - geritten waren.
Sie hatten die bekannten Gebiete am Unterlauf des Missouri kaum verlassen, als ihre beiden Führer bereits Wunderbares entdeckten. „Der Reiz dieser ohnehin sehr angenehmen und schönen Szenerie wurde weiterhin durch riesige Herden von Bisons, Wapitis und Gabelböcken gesteigert, die wir überall auf Hügeln und Ebenen weiden sahen", schrieb Lewis. „Ich glaube nicht, daß ich übertreibe, wenn ich die Zahl der Bisons, die gleichzeitig zu sehen waren, auf 3´000 schätze." Später sollten sie Herden mit weit über 10´000 Bisons sehen, die „von ihren Hirten, den Wölfen, begleitet wurden" oder gemeinsam mit anderen Wildtieren „auf einer endlosen Weide" grasten. „Die Wapitis, Bisons und Gabelböcke sind so zahm, daß wir an ihnen vorbeiziehen, während sie gemächlich grasen, und wenn wir ihre Auf merksamkeit erregen, kommen sie häufig näher heran, um festzustellen, was wir sind."

Lewis und Clark machten ihre Aufzeichnungen während der gesamten Expedition, so daß erstaunlich detaillierte und farbige Reisetagebücher entstanden. Auch andere Teilnehmer führten ähnliche Tagebücher. Neben wissenschaftlichen Angaben und persönlichen Aufzeichnungen enthalten sie auch zahllose Klagen. Die Männer lernten bald, den sich dahinschlängelnden Missouri mit seinen unterspülten Ufern und den tückischen Sandbänken zu verabscheuen. Noch lästiger waren die Schwärme von Gnitzen, die ihnen in die Augen flogen, und Stechmücken, die jedes unbedeckte Stückchen Haut fanden. Lewis bemerkte, daß die Stechmücken „uns weiterhin so sehr zusetzen, daß wir's kaum aushalten können; ich selbst werde durch sie mindestens für drei Viertel meiner Zeit auf mein Lager geworfen."
Lewis wäre seine wissenschaftliche Neugier anfangs beinahe zum Verhängnis geworden. Er analysierte Mineralablagerungen nach ihrem Geschmack, indem er Alaun,
Kobalt und andere Stoffe mit der Zunge testete. Das führte dazu, daß er durch Arsen oder ein anderes metallisches Gift schmerzhaft erkrankte. Aber eine große Dosis Glaubersalz kurierte ihn schließlich wieder.

Nach elf Wochen stieß das Entdeckerkorps erstmals auf Indianer, die Oto. Nachdem Lewis diesen freundlichen Stamm reichlich mit Geschenken und Friedensmedaillen bedacht hatte, hielt er eine Rede, die mitbestimmend war für die offizielle Politik der Vereinigten Staaten gegenüber den Indianern des amerikanischen Westens:
„Kinder! Der große Häuptling der 17 großen Nationen Amerikas hat uns aus väterlicher Sorge um seine neu angenommenen Kinder an den reißenden Wassern ausgeschickt, um uns den Weg bahnen zu lassen ... (Er) hat uns, seinen Kriegshäuptlingen, diese lange Reise befohlen ... Ihr sollt mit allen weißen Männern in Frieden leben, denn sie sind seine Kinder; ebensowenig sollt ihr Krieg gegen die roten Männer führen, denn auch sie sind seine Kinder, die er zu schützen hat. Verletzt keinen Händler, der vielleicht zu euch kommen wird ... Tut diese Dinge, die euch der große Vater befiehlt, und werdet glücklich. Meidet die Ratschläge übler Gesellen; wendet euch von ihnen ab, wie ihr euch von einer steilen Felsklippe abwenden würdet ..., damit nicht ein falscher Schritt eurer Nation das Mißfallen eures großen Vaters einbringt ..., der euch verzehren könnte, wie das Feuer das Gras auf den Ebenen verzehrt."Indianer verteidigen eine Festung gegen SpanierObgleich Lewis auf ausdrückliche Anweisung Jeffersons wesentlich diplomatischer als viele der Nachfolgenden war, nahm er den Indianern gegenüber eine strenge Grundhaltung ein. Seid friedfertig, warnte er sie, sonst werdet ihr's bereuen.
Lewis stellte fest, daß sein Luftgewehr ein ausgezeichnetes Hilfsmittel zur Durchsetzung dieser aggressiven Diplomatie war.

Auf diesem niederländischen Gemälde aus dem 16. Jahrhundert verteidigen Indianer aus dem Südwesten mit Felsbrocken und mittelalterlichen Spießen und Bogen eine Festung gegen spanische Soldaten (rechts).
Trotz der Ausschmückungen stellt das Gemälde die tatsächliche Erstürmung eines Zufii-Pueblos im Jahre 1540 dar, bei der der Konquistador Francisco Coronado mit einer Beule im Helm davonkam.

Einer der Expeditionsteilnehmer beschrieb diese Szene: „Captain Lewis schoß sein Luftgewehr ab, erklärte ihnen, es enthalte eine starke Medizin und werde großen Schaden anrichten. Alle staunten über das seltsame Ding, und sobald er ein paarmal geschossen hatte, liefen sie hastig hin, um die Kugellöcher in einem Baum zu sehen, und wunderten sich laut über diese starke Medizin."
120 Kilometer nach dem Treffpunkt mit den Oto hatte das Entdeckerkorps seinen ersten und einzigen Toten zu beklagen. Viele der Männer litten unter Geschwüren und Magenbeschwerden, die Lewis auf das schlammige Missouriwasser zurückführte. Aber Sergeant Charles Floyds Symptome wirkten besonders bedrohlich. Als die Expedition am 19. August ihr Lager in der Nähe der jetzigen Sioux City, Iowa, aufgeschlagen hatte, hatte Floyd heftigen Brechdurchfall. Die beiden Führer wußten nicht, was sie ihm dagegen verordnen sollten. Am nächsten Tag rief der kranke Sergeant Clark zu sich und sagte: „Ich gehe fort. Ich möchte, daß Sie einen Brief für mich schreiben." Aber bevor Clark sein Schreibzeug holen konnte, war der Sergeant gestorben. Als Todesursache wurde „Gallenkolik" angegeben.

Noch während Floyd auf dem Totenbett lag, hatte Lewis die erste und schlimmste Disziplinarkrise der Expedition zu bewältigen. Einige Tage zuvor hatte Moses Reed, ein Freiwilliger, auf seine Bitte hin die Erlaubnis erhalten, ins vorige Lager zurückzukehren, um dort ein verlorenes Messer zu suchen. Als er nicht zurückkam, erkannte Lewis, daß Reed anscheinend desertieren wollte. Er schickte rasch eine Gruppe hinter ihm her und gab ihr den „Befehl, ihn zu erschießen, falls er sich nicht friedlich ergebe". Reed wurde bei den Oto aufgegriffen. Er versuchte, einen Bewacher dazu zu überreden, ihn fliehen zu lassen, der aber blieb hart.
Nachdem er ins Expeditionslager zurückgebracht worden war, wurde Reed auf eine Art und Weise für seine versuchte Flucht bestraft, die einen bleibenden Eindruck auf seine Kameraden machte. Clark schilderte die Verurteilung und Bestrafung mit knappen Worten: „Als nächstes folgte die Verhandlung gegen Reed; er gestand, Desertiert zu sein & ein staatliches Gewehr, Schießpulver & Kugeln gestohlen zu haben', und bat uns, ihn so milde zu beurteilen, wie wir mit unserem Eid vereinbaren könnten - was wir auch taten, indem wir ihn nur zu viermaligem Spießrutenlaufen durch die Truppe verurteilten, wobei jeder Mann ihn mit neun Gerten züchtigen sollte. Außerdem würde er in Zukunft als nicht mehr zu unserer Gruppe gehörig gelten."

Die Führer der Expedition mußten nur noch einmal - inzwischen hatten sie weitere 650 Kilometer flußaufwärts zurückgelegt - hart durchgreifen, um einen Übeltäter zu bestrafen. Diesmal war der Schuldige ein gewisser John Newman, einer der Soldaten; er wurde zu 75 Peitschenhieben verurteilt und aus dem Entdeckerkorps ausgestoßen (und später nach St. Louis zurückgeschickt). Der Vollzug der Prügelstrafe wurde von Indianern beobachtet. Clark berichtete über die Reaktion ihres Häuptlings: „Die heutige Bestrafung regte den Indianerhäuptling sehr auf, er weinte laut (oder gab zu weinen vor)." Clark erläuterte dem Häuptling die Notwendigkeit, ein Exempel zu statuieren, um die Disziplin zu wahren; der Indianer stimmte zu, daß Disziplin notwendig sei, aber „seine Nation schlug nicht einmal ihre Kinder, von klein auf nicht". Als Clark sich erkundigte, wie der andere in diesem Fall ein Exempel statuiert hätte, wußte der Häuptling sofort Rat: Umbringen! In der Nähe des Ortes, an dem sich diese bedauerliche Episode ereignete, wurde die Standhaftigkeit der Korpsführer auf eine ganz andere Probe gestellt. Auf der Fahrt flußaufwärts hatten Lewis und Clark mit einiger Sorge an eine mögliche Konfrontation mit den Teton-Sioux gedacht, die einen großen Teil des Missouri-Oberlaufs beherrschten und als kriegerisch und arrogant galten. Lewis und Clark versuchten, verbindlich und diplomatisch zu sein, und luden die Häuptlinge in ihr Kielboot ein.
Die Indianer blieben jedoch unfreundlich und wurden schließlich von Clark und einigen Männern ans Ufer gerudert. Dort versuchte ein streitsüchtiger junger Häuptling, die Weißen zu provozieren. Clark schilderte die Episode in seinem Reisetagebuch: „(Der Indianer) war in Worten & Gesten äußerst beleidigend (spielte den Betrunkenen & und torkelte gegen mich), wollte mir verbieten, weiterzugehen, und behauptete, er habe von uns nicht genügend Geschenke erhalten. Seine Gebärden waren so persönlich, daß ich mich verpflichtet fühlte, meinen Degen zu ziehen (und dem Boot signalisierte, sich auf einen Kampf vorzubereiten)."William ClarkMeriwether Lewis
 

Der Maler Charles Willson Peale, der diese zusammengehörigen Porträts der beiden berühmten Forscher
für sein Naturgeschichtliches Museum in Philadelphia malte, stellte William Clark als vitalen energischen Mann dar.

Im Bild Meriwether Lewis spiegelt sich die Verträumtheit des häufig Stimmungen unterworfenen, idealistischen Führers wider.
Clark und Lewis bereicherten Peales Museum durch Kunstschätze aus dem W
esten.

Captain Lewis, der diese gefährliche Entwicklung von dem Kielboot aus beobachtet hatte, ließ seine Männer ihre Waffen schußbereit machen. Unterdessen spannten auch einige Sioux ihre Bogen; sie zögerten jedoch noch, weil sie die Geschütze und alle Gewehre an Bord auf sich gerichtet sahen. In diesem Augenblick entließ Clark ruhig seine eigenen Männer und schickte sie zu dem Boot zurück. Er selbst blieb allein am Ufer stehen und wartete, bis Lewis ihm Verstärkung schickte.

 

 

Sobald die zusätzlichen Männer an Land kamen, zogen die Indianer sich ein kurzes Stück zurück. Clark machte auf dem Absatz kehrt und ging zum Kanu, ohne sich noch einmal nach ihnen umzusehen. Einige der auf diese Weise völlig überrumpelten Indianer baten daraufhin, zu neuen Verhandlungen an Bord kommen zu dürfen. Clark erfüllte ihnen diesen Wunsch, aber er war noch immer aufgebracht.

Obwohl die Teton-Sioux im Grunde genommen feindselig blieben, bedrohten sie das Entdeckerkorps danach nie mehr ernstlich. Der Stamm war sichtlich verwirrt, aber zugleich von diesen energischen Weißen beeindruckt, bettelte sie jetzt an und bot den Forschern Indianerinnen an. „Bei ihnen herrscht der seltsame Brauch", schrieb Clark, „Männern, denen sie ihre Dankbarkeit beweisen wollen, hübsche Squaws zu geben." Diese Angebote wurden nicht immer ausgeschlagen - weder hier noch später. Lewis stellte fest, bei den Arikara seien die Frauen „hübsch und lebhaft und zu Zärtlichkeiten neigend". Clark vertraute seinem Tagebuch an, er habe noch nie freundlichere und hartnäckigere Indianerinnen gesehen; sie seien „ganz versessen darauf, unsere Männer zu liebkosen". Bei einer anderen Gelegenheit rückte ein Krieger jedoch bei näherer Überlegung von diesem Brauch ab; nachdem er seine Frau für die Nacht einem Expeditionsteilnehmer überlassen hatte, wurde er so wütend, als sie bei dem Entdeckerkorps zu bleiben versuchte, daß er sie umzubringen drohte. Die Frau wurde prompt zurückgegeben und der wütende Ehemann mit Geschenken besänftigt. Lewis hielt es für besser, seinen Männern diese Liebschaften mit Indianerinnen zu gestatten. Aber als die Expedition den Pazifik erreichte, wo die Indianer bereits mit anderen weißen Abenteurern und ihren Krankheiten in Berührung gekommen waren, warnte er vor engeren Kontakten mit Frauen. Trotzdem steckten sich mehrere Männer an - einer von ihnen bei einer Indianerin, die sich auf einem Arm den Namen eines früheren weißen Verehrers hatte eintätowieren lassen: „J. Bowman".

Im Herbst 1804 erreichte das Entdeckerkorps die Mündung des Knife River im zukünftigen Staat North Dakota und beschloß, ihr Winterlager bei den dort ansässigen Mandan-Indianern aufzuschlagen. Die Männer errichteten ein Fort: einstabiles Blockhaus am Flug, das durch den Wald und die Uferfelsen vor dem Wind geschützt war. Auch hier machten sich Vorsicht und Gründlichkeit bezahlt, denn der Winter 1804/05 war besonders streng; Lewis maß Temperaturen bis -43° C und beobachtete an einem wirklich kalten Tag, daß Whiskey im Freien innerhalb einer Viertelstunde zu Eis wurde. Trotzdem gelang es den findigen Kommandeuren, diesen langen Zwangsaufenthalt gut zu nutzen. In den fünf Monaten in Fort Mandan, wie sie ihr Winterquartier nannten, fand Clark den Häuptling Big White, der behauptete, einen Großteil der vor ihnen liegenden Strecke zu kennen. Clark war viele Stunden lang damit beschäftigt, nach den in den Sand geritzten primitiven Skizzen des Häuptlings eine Karte des oberen Missouri und seiner Nebenflüsse zu zeichnen. Eine Behauptung, die Big White und andere Mandan aufstellten, war besonders erregend. Sie „teilen uns mit, daß der Missouri bis fast zur Quelle schiffbar ist", schrieb Lewis, „und daß ... in einer Entfernung, die einen halben Tagesmarsch nicht überschreitet, ein großer Fluß von Süden nach Norden strömt ... Wir glauben, daß dieser Fluß der südliche Hauptarm des Columbia River ist." Ihm war bekannt, daß der Columbia in den Pazifik mündete.

Während Clark sich mit Geographie befaßte, pflegte Lewis die Freundschaft zu den Indianern. In seiner Doppelrolle als Diplomat und erster amerikanischer Eigner dieser seit kurzem zu den Vereinigten Staaten gehörenden Gebiete wies Lewis seinen Schmied an, den Indianern bei der Reparatur von Ackergeräten und Streitäxten zu helfen, und stiftete Teile eines durchgebrannten Eisenofens für die Herstellung neuer Werkzeuge und Waffen. Er verschenkte sogar eine eiserne Getreidemühle, um den Indianerinnen dadurch die Arbeit zu erleichtern. Aber die Krieger fanden einen anderen Verwendungszweck dafür: Sie zertrümmerten die Mühle und schliffen die Splitter als Pfeilspitzen zu.
In diesem Winter bei den Mandan ergänzte Lewis das Entdeckerkorps um zwei neue Teilnehmer aus einem Nachbardorf, in dem der Minnetaree-Stamm lebte. Einer erwies sich als lästiger Feigling; die andere war geradezu unbezahlbar wertvoll. Der Lästige war Toussaint Charbonneau, ein Frankokanadier, den Lewis als Dolmetscher anheuerte; die Unbezahlbare war seine Frau Sacajawea - ein Name, den spätere Generationen von Schulkindern als den der schönen und mutigen Indianerprinzessin kennenlernen sollten, die zur Erschließung des amerikanischen Westens in großem Maße beigetragen hatte.

Sacajawea (Lewis und Clark bezeichneten sie im allgemeinen nur als „die Indianerin", weil sie ihren Namen nicht schreiben konnten) war eine Shoshoni. Sie war mit etwa elf Jahren von den Minnetaree entführt und später als Sklavin an Charbonneau verkauft worden. Die inzwischen 16jährige war jetzt mit ihm verheiratet und hochschwanger. Wahrscheinlich hoffte sie, ihr eigenes Volk wiederzusehen, und schien aus diesem Grund großen Wert darauf zu legen, die Expedition flußaufwärts begleiten zu dürfen. Lewis war einverstanden, weil er glaubte - in guter Voraussicht, wie sich später herausstellte -, Sacajawea werde ihnen gute Dienste erweisen können, falls sie später tatsächlich auf Shoshoni stoßen sollten. Als im Februar die Geburt bevorstand, litt Sacajawea unter langen, schmerzhaften Wehen. Obwohl Lewis' medizinische Kenntnisse unterdessen größer waren (er hatte erfrorene Zehen erfolgreich amputiert), war er natürlich kein Geburtshelfer. Zum Glück empfahl ein die Mandan besuchender Pelzhändler eine Dosis Klapperschlangenrasseln als geeignete Therapie. „Da ich zufällig die Rassel einer Schlange bei mir hatte, gab ich sie ihm, und er verabreichte der Frau zwei in kleine Stücke zerbrochene Ringe", berichtete Lewis. „Wie ich erfuhr, dauerte es danach keine zehn Minuten mehr, bis sie gebar."

Am 7. April 1805 packte das Entdeckerkorps seine Ausrüstung zusammen und brach erneut nach Westen auf. Lewis stellte verblüfft fest, dag in diesem jungfräulichen Land die Biber am hellichten Tag in den Flüssen schwammen, ohne die geringste Angst zu zeigen. Bei anderer Gelegenheit lief ihm ein Bisonkalb wie ein Hund nach. Am Flußufer sah er zum erstenmal Abdrücke der riesigen Tatzen des „weißen Bären" - des gefürchteten Grislybären.Jäger Hugh McNeal

Die Zeichnungen auf diesen Seiten erschienen in dem ersten Bericht über die Lewis-und-Clark-Expedition, den Reisetagebüchern des Sergeant Patrick Gass. Der unbekannte Illustrator scheint eine seltsame Auffassung von der Reise gehabt zu haben.

Der auf dem Baum sitzende Mann ist der Jäger Hugh McNeal und das zu ihm aufblickende zottige, hundeähnliche Tier soll einen Grislybären darstellen. In der Wirklichkeit scheute McNeals Pferd beim Anblick des Grislys und warf seinen Reiter ab.
McNeal zertrümmerte sein Gewehr auf dem Bärenschädel, erkletterte hastig den Baum und hielt dort oben drei Stunden lang aus, bis der Bär die Belagerung aufgab und sich davontrollte.

 

 

 

Männer in Abendkleidung

       

Auf dieser Abbildung kentert ein Kanu:
Zwei Männer in Abendkleidung versinken mit ihren Pferden, die anscheinend ebenfalls an Bord des Bootes noch Platz gefunden hatten.

 


Einige Wochen später war Lewis auf der Jagd und erlegte einen Bison. Während er den Todeskampf des Tieres beobachtete und nicht daran dachte, sein Gewehr nachzuladen, kam ein Grisly bis auf 20 Schritt an ihn heran, bevor Lewis ihn sah. Später schilderte er dieses schreckliche Erlebnis:
„Ich befand mich auf einer freien, ebenen Fläche, auf der es in meilenweitem Umkreis keinen Busch gab, und der nächste Baum war mindestens dreihundert Meter entfernt ... das Flußufer fiel ab ... kurzum, es gab keinen Ort, an dem ich mich vor diesem Ungeheuer hätte verstecken können ... Der Bär näherte sich mir mit aufgerissenem Rachen in voller Geschwindigkeit; ich lief etwa 80 Meter weit und stellte fest, daß er mich rasch einholte. Daraufhin stürzte ich mich ins Wasser, weil mir eingefallen war, ich könnte mich in so tiefes Wasser zurückziehen, daß er schwimmen müsse, und mich ... mit meiner Saufeder [einem altertümlichen Kurzspeer, auf den Lewis sein Gewehr beim Schießen stützte] verteidigen ... Sobald ich diese Verteidigungshaltung einnahm, warf er sich plötzlich herum ..., weigerte sich, unter so ungleichen Voraussetzungen zu kämpfen, und zog sich mit ebenso großer Eile zurück, wie er mich unmittelbar zuvor verfolgt hatte."

Am 26. Mai konnte Lewis den ersten Blick auf eine der größten Sehenswürdigkeiten auf ihrer Reise werfen. Er bestieg einen Hügel am jetzigen Cow Creek in Montana und sah von dort aus eine Bergkette am Horizont. Später vertraute er seinem Tagebuch seine Empfindungen an.

„Diese Gipfel der Rocky Mountains waren mit Schnee bedeckt und so von der Sonne beschienen, daß ich sie wunderbar deutlich sehen konnte. Während ich diese Berge betrachtete, empfand ich ein heimliches Vergnügen bei dem Gedanken, mich so nahe an der Quelle des bisher für endlos gehaltenen Missouri zu befinden; als ich jedoch überlegte, welche Schwierigkeiten diese verschneite Barriere mir höchstwahrscheinlich auf meinem Weg zum Pazifik bringen würde und welche Leiden und Entbehrungen ich und meine Begleiter dort würden erdulden müssen, wurde die Freude, die ich beim ersten Anblick empfunden hatte, ein bißchen getrübt. Aber da ich es stets für ein Verbrechen gehalten habe, überall mit dem Schlimmsten zu rechnen, werde ich mir die Route als eine bequeme Straße vorstellen, bis die Wirklichkeit mich vom Gegenteil überzeugt."
Auf diesen Gegenbeweis sollte Lewis nicht lange warten müssen. Als die Expedition stromaufwärts weiterruderte, kam sie an eine Fluggabelung, die nicht recht zu der Karte paßte, die Clark bei den Mandan gezeichnet hatte. Hier flossen zwei offenbar gleich große Wasserläufe zusammen. Welcher von ihnen war der Missouri? Die meisten Teilnehmer meinten, es sei der nördliche Fluß. Aus triftigem Grund: Er war so schmutzigbraun und allgemein unattraktiv wie der restliche Missouri. Der südliche Wasserlauf strömte klar dahin.

Aber Lewis und Clark waren noch keineswegs überzeugt und bewiesen in dieser Situation eine weitere wichtige Führereigenschaft: Sie weigerten sich, das Offensichtliche zu akzeptieren, und vermuteten statt dessen, das klare Wasser des südlichen Flusses lasse auf einen Ursprung in den Rocky Mountains schließen. Um sich Gewißheit zu verschaffen, brachen beide Männer mit nur wenigen Begleitern auf, um die Flugarme zu erforschen. Lewis übernahm die Erkundung des schlammigen Wasserlaufs. Als sich herausstellte, daß sich dieser Flug weiterhin nordwärts dahinschlängelte, gelangte Lewis zu der Überzeugung, dies sei nicht der Hauptarm, sondern wenn die Expedition ihm folge, werde sie nur auf die endlosen kanadischen Plains gelangen. Aus einer Augenblickslaune heraus nannte er diesen Nebenfluß Maria's River (später Marias geschrieben) nach einer Freundin, wobei er erklärend hinzufügte, daß „die Färbung des Wassers dieses turbulenten und reißenden Flusses sich nur schlecht mit den himmlisch reinen Tugenden und liebenswerten Eigenschaften dieser lieblichen Schönen verträgt".
Dann kehrte er ins Lager zurück, wo sich herausstellte, daß Clark zu den gleichen Schlußfolgerungen gekommen war. Sie entschieden sich für den südlichen Flugarm - eine sorgsam erwogene Entscheidung, von der das Schicksal des Entdeckerkorps abhing. Eine Fehlentscheidung, schrieb Lewis, „würde uns nicht nur diesen ganzen Sommer kosten, sondern die Teilnehmer wahrscheinlich so entmutigen, daß die ganze Expedition in Frage gestellt wäre".

Lewis freute sich besonders darüber, daß die Männer trotz ihrer Zweifel in bezug auf den südlichen Fluß so bereit waren, auf das Urteil ihrer Führer zu vertrauen.
Das nächste Hindernis, in der Tat eine gewaltige Barriere, stellte sich dem Entdeckerkorps in Form der Großen Missourifälle in den Weg. Der Anblick dieser tosenden Wasserfälle verblüffte Captain Lewis. Nachdem er festgestellt hatte, daß sie 300 Meter breit und mindestens 25 Meter hoch waren, schrieb er: „Nach dem Sturz in die Tiefe prallt das Wasser gegen die Felsen ..., auf denen ich stehe, und scheint zurückgeworfen zu werden, bis es dann doch davonströmt und zu nur halb ausgebildeten Wogen von großer Höhe anschwillt."Oto- und Missouri-Indianern

Bei Verhandlungen mit Indianern zu Beginn der Expedition spricht der allzu prächtig gekleidete Lewis zu allzu spärlich bekleideten Oto- und Missouri-Indianern. Er erklärte ihnen wie allen übrigen Stämmen, die am Missouri angesiedelt waren, sie müßten jetzt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, dem „Großen Häuptling", gehorchen.
Die Indianer antworteten, sie seien mit dieser neuen Regelung durchaus zufrieden.

Die Portage um die Wasserfälle herum war 29 Kilometer lang und führte über felsiges Gelände, das 'mit Kakteen bewachsen war. Ihre Stacheln peinigten die Füße der Männer, obgleich sie doppelt besohlte Mokassins trugen. Um die schweren Lasten befördern zu können, ließ Lewis primitive Karrenräder aus einem Pappelstamm mit über einem halben Meter Durchmesser herstellen. Diese Räder, schrieb er in seinem Reisetagebuch, „ließen sich mit Achsen, Riemen und Aufbauten ... dazu verwenden, entweder ohne Aufbau unsere Kanus oder mit Aufbau unser Gepäck zu transportieren". Sie wurden für beide Zwecke eingesetzt, aber dieser Transport um die Großen Fälle herum dauerte trotzdem 24 Tage und erschöpfte das Entdeckerkorps völlig. Aber die Männer waren bald wieder „unterwegs - sehr zu meiner Freude", wie Lewis schrieb. Nun befanden sie sich in dem Hochland, das die Heimat der Shoshoni war; hier hatte Sacajawea die ersten elf Jahre ihres Lebens verbracht, bevor sie nach einem Überfall von den Minnetaree verschleppt worden war. Die Indianerin hatte ihren großen Mut und ihre Geistesgegenwart bereits bewiesen, als ihr Mann, der nicht schwimmen konnte und den Lewis als den „vielleicht ängstlichsten Bootsfahrer der Welt" bezeichnete, eines der kleineren Boote beinahe in einer Bö kentern ließ und dann vor Angst wie gelähmt am Steuer sitzenblieb. Das Boot schwankte so heftig, daß leichtere Ausrüstungsgegenstände über Bord fielen. Während Charbonneau „seinen Schöpfer um Barmherzigkeit anflehte", fischte Sacajawea behend die Gegenstände aus dem Wasser. Lewis schilderte dankbar ihre „Standhaftigkeit und Entschlossenheit".

Als die Expedition sich der Missouriquelle näherte, bewies Sacajawea erst ihren ganzen Wert. Sie erkannte Orientierungspunkte wieder und half dem Entdeckerkorps, den richtigen Weg ins Gebirge zu finden. Die Expedition kam rasch voran und erreichte den Dachfirst des Kontinents Nordamerika - die Kontinentalwasserscheide. Kurz davor stellte Hugh McNeal, einer der Expeditionsteilnehmer, sich breitbeinig über einen Bach, den er für den Oberlauf des Flusses hielt, dem sie 3´900 Kilometer weit gefolgt waren (die wirkliche Missouriquelle lag am Ende eines anderen Baches). In seinem Tagebuch vermerkte Lewis, McNeal habe „seinem Schöpfer dafür gedankt, hier über dem mächtigen & bisher für endlos gehaltenen Missouri stehen zu dürfen".
Von dieser Stelle aus führte Lewis seine Männer rasch drei Kilometer weit über einen Grat und den später so benannten Lemhi Pass. Nach kurzem Abstieg blieb er stehen, um seinen Durst in einem klaren Bergbach zu löschen. „Hier", schrieb er stolz, „kostete ich zum erstenmal das Wasser des großen Columbia River." Der Bach war nicht der Columbia, aber er war immerhin ein Nebenfluß. Das Entdeckerkorps hatte nach langen Mühen endlich die Pazifikseite der Rocky Mountains erreicht.
Lewis legte nun großen Wert auf ein baldiges Zusammentreffen mit Sacajaweas Stamm. Da sie die Boote hatten zurücklassen müssen, brauchten sie Pferde, um weiter nach Westen vordringen zu können; sie konnten jedoch nur hoffen, die Tiere rasch zu erhalten, wenn es ihnen gelang, mit den Shoshoni Freundschaft zu schließen. Aber dieser Stamm verhielt sich zu Anfang ängstlich und zurückhaltend. Als das Entdeckerkorps endlich Kontakt mit den Indianern aufnehmen konnte, blieben sie mißtrauisch und stets bereit, wieder in den Wäldern unterzutauchen, bis plötzlich eine Frau nach vorn stürzte, um Sacajawea zu umarmen. Die beiden waren als Mädchen Freundinnen gewesen.Lewis schießt auf einige Piegan-Blackfoot Indianer

Bei einem auf der Rückreise ausbrechendem Kampf mit Indianern schießt Lewis auf einige Piegan-Blackfoot, die mehrere Gewehre gestolen hatten und die Pferde der Expedition wegzutreiben versuchten. Bei diesem Kampf - dem einzigen während der Reise - erschoß Lewis einen Indianer. Er ist hier wieder von dem Künstler in Paradeuniform dargestellt; obwohl er tatsächlich seinen Rock kurz zuvor gegen ein Kanu eingetauscht hatte.

Das beruhigte die Shoshoni etwas, so daß sie zu formellen Verhandlungen bereit waren. Dann lief Sacajawea zur allgemeinen Überraschung auf den Häuptling Cameahwait zu und umarmte ihn: Sie hatte ihn soeben als ihren Bruder erkannt. Nach diesem glücklichen Auftakt kamen die Verhandlungen mit den Indianern gut voran, und der Häuptling erklärte sich schließlich bereit, den Weißen Pferde zu liefern. Ende August brach das Entdeckerkorps wieder auf. Sacajawea schloß sich ihm erneut an. Sie, ihr Mann und ihr kleiner Sohn blieben bei der Expedition, bis sie 13 Monate später in das Minnetareedorf zurückkamen.
Obwohl die von den Shoshoni beschafften Pferde die Traglasten abnahmen und die Männer jetzt bergab unterwegs waren, blieb ihre Route mühsam genug. Die steile Westflanke der Rocky Mountains war mit Stromschnellen, Steilhängen und zerklüfteten Felsen durchsetzt, die fast unpassierbar zu sein schienen. Noch schlimmer war, daß es hier anscheinend kein Wild gab. Der Columbia River, dessen Lauf sie jetzt folgten, war zwar voller Lachse, aber die Fische hatten bereits gelaicht. Sie waren entweder verendet oder schon halbtot und für die menschliche Ernährung nicht mehr geeignet. Bei den wenig bekannten Indianerstämmen, auf die das Entdeckerkorps jetzt stieß, waren selbst Hunde, deren Fleisch Lewis inzwischen fast allem anderen Fleisch vorzog, nur schwer aufzutreiben.
Trotz der schwierigen Route und der Unbequemlichkeiten, die sie persönlich zu ertragen hatten, sorgten Lewis und Clark dafür, daß ihre Männer in Bewegung blieben, und schrieben weiterhin ihre Eindrücke von jedem neuen Indianerstamm auf. Lewis beneidete die Nez Perce wegen ihrer stolzen Haltung - aber noch mehr um die prächtigen Appaloosa-Pferde auf ihren Weiden. Die an der Küste lebenden Chinook und Clatsop lernte er dagegen mit einer Art gereizter Verachtung zu betrachten: Er hielt sie für Faulenzer, Bettler und Diebe. Bei Begegnungen mit Indianern mußte Lewis, dessen Haut inzwischen von Wind und Wetter gegerbt war, die Jackenärmel hochkrempeln, um zu beweisen, daß er ein Weißer war.
Am 7. November 1805 erlebte das Entdeckerkorps den wohl entscheidendsten Augenblick der gesamten Expedition, auf den es so lange gewartet hatte: Die Männer hörten in weiter Ferne erstmals das Brandungsrauschen des Pazifiks. „Große Freude im Lager", schrieb Clark, „da wir den Ozean, diesen großen Pazifischen Ozean, dessen Anblick wir so lange herbeigesehnt hatten, in Sicht haben. Sein Rauschen oder der Lärm, mit dem die Wogen sich an der Küste brechen (wie ich annehme), ist deutlich zu hören."

Am 7. Dezember 1805 hatten die Männer ihr Lager am Südufer des Columbia in der Nähe der Flußmündung aufgeschlagen. Von dieser Stelle aus konnten sie den wogenden Pazifik beobachten und etwa vorbeisegelnden Schiffen Signale geben. Präsident Jefferson, der an alles gedacht zu haben schien, hatte mit der Möglichkeit gerechnet, daß das Entdeckerkorps wegen der höchst gefährlichen Route auf dem Seeweg heimkehren und zu diesem Zweck ein Handelsschiff an der Westküste anhalten müsse. Deshalb hatte er Lewis einen Kreditbrief mitgegeben, der ihm das Recht gab, bei allen amerikanischen Auslandsvertretungen Geld abzuheben - auch auf Java, der Insel Mauritius und am Kap der Guten Hoffnung. Diese Möglichkeit, praktisch unbegrenzt über staatliche Mittel zu verfügen, war vielleicht der größte Vertrauensbeweis des Präsidenten für den jungen Führer der Expedition.
Bis zum 1. Januar 1806 hatte das Korps einen Palisadenzaun und das Fort Clatsop benannte Winterquartier aufgebaut. Clarks Begeisterung für den Pazifik war inzwischen erheblich abgekühlt, weil er das Brandungsrauschen nicht mehr ertragen konnte. „Das Meer", schrieb er, „das vor uns liegt, tobt fortwährend mit Donnergebrüll und das seit unserer Ankunft an seiner Küste, die jetzt 24 Tage zurückliegt.... Ich kann nicht Stiller Ozean sagen, da er, seit ich ihn gesehen habe, stets das Gegenteil gewesen ist."
Am Horizont erschien kein Schiff, und Lewis legte ohnehin großen Wert darauf, das Land auf dem Rückweg weiter zu erforschen. Seine Männer, die den Frühling kaum noch erwarten konnten, brachen schon am 23. März ungeduldig wieder nach Osten auf.Angehörige des EntdeckerkorpsPsychologisch gesehen war der sechsmonatige Rückweg leichter.

Angehörige des Entdeckerkorps, feierlich mit Zylindern ausgestattet, bereiten sich auf den Winter 1805/05 vor, indem sie an einem etwas wackelig dargestellten Gebäude arbeiten, das später den Namen Fort Mandan erhielt.
Da Sergeant Gass ursprünglich als Zimmermann eingestellt wurde, war er vermutlich einer dieser Männer, die den damals westlichsten militärischen Außenposten der Vereinigten Staaten erbauten.

Diesmal kannte das Entdeckerkorps die Route - und, was noch wichtiger war, die Männer wußten, daß es wirklich einen gangbaren Weg gab. Aber die körperlichen Anstrengungen waren ebensogroß wie auf dem Hinweg. Außerdem kam es auf der Heimreise zu zwei Zwischenfällen, die die einzigen Gewalttaten im Zusammenhang mit der Expedition bleiben sollten. An beiden war Lewis beteiligt, der sich mit sechs Mann von Clark getrennt hatte, um unbekannte Landstriche zu erkunden. In einem gemeinsamen Lager mit scheinbar freundlichen Blackfoot-Indianern schrak Lewis von einem Alarmruf auf und entdeckte, daß die Indianer den schlafenden Weißen die Gewehre stehlen wollten. Bei der nun folgenden Auseinandersetzung wurde ein Blackfoot erstochen und ein weiterer durch einen Schuß verwundet. Obwohl Lewis strenggenommen schuldlos war, bestand nun keine Hoffnung mehr auf die Entwicklung friedlicher Beziehungen mit den Blackfoot-Indianern. Dieser Stamm überfiel noch jahrzehntelang Pioniere, die auf Lewis' und Clarks Spuren nach Westen kamen. Der andere Vorfall betraf ebenfalls eine Schießerei - deren Opfer Lewis selbst war. Ein Expeditionsteilnehmer, der nur ein Auge hatte, verwechselte Lewis auf der Jagd mit einem Wapiti oder Bären und schoß ihm ins Gesäß. Lewis hatte wochenlang starke Schmerzen und mußte auf einer Tragbahre befördert werden. Lewis traf Mitte August in der Nähe der Mündung des Yellowstone wieder mit Clark zusammen und litt noch immer an seiner Schußverletzung, als das Entdeckerkorps am 20. September 1806 weit flußabwärts am Missouri das von französischen Siedlern gegründete Dorf La Charette passierte - das erste Anzeichen für eine weiße Zivilisation, das die Männer seit fast zweieinhalb Jahren gesehen hatten. „Wir sahen einige Kühe am Ufer", vermerkte Clark in seinem Reisetagebuch, „die ein erfreulicher Anblick für uns alle waren und einen Freudenschrei auslösten."

Dieser Schrei drückte Jubel, Erleichterung, Stolz und Triumph aus. Sie waren aus der Wildnis heimgekehrt. Sie lebten und waren gesund. Sie hatten das Vertrauen und die Urteilskraft ihres Präsidenten gerechtfertigt. Mit Kraft, Ausdauer, Disziplin, einem eisernen Willen und ungewöhnlich viel gesundem Menschenverstand war es ihnen gelungen, das Tor zu einem halben Kontinent aufzustoßen. Außerdem waren sie ins Unbekannte vorgedrungen, hatten Wissen zurückgebracht und hatten die amerikanischen Ansprüche auf Gebiete untermauert, durch die sich die Größe der Vereinigten Staaten verdoppelte.
Die Nachricht von ihrer Rückkehr verbreitete sich schnell (die meisten Leute hatten sie für verschollen gehalten), und Zeitungen in ganz Amerika brachten erste Zusammenfassungen ihrer Erfolge. Der Columbia Centinel in Boston brachte folgende Kurzmeldung: „Ein Schreiben aus St. Louis (Upper Louisiana) vom 23. Sept. 1806 meldet die Rückkehr der Captains LEWIS und CLARK von ihrer Expedition ins Landesinnere. - Sie sind bis zum Pazifischen Ozean vorgestoßen, haben einige der Eingeborenen und Kuriositäten der von ihnen durchquerten Gebiete mitgebracht und haben nur einen Mann verloren. Sie haben den Pazifischen Ozean am 23. März 1806 verlassen, nachdem sie ihn im November 1805 erreicht hatten - unmittelbar nach einigen amerikanischen Schiffen. - Am Columbia River, der in den Pazifik fließt, soll es ebenso viele Indianer wie Weiße in allen Teilen der USA geben. Der Winter am Pazifik ist sehr mild gewesen.
Sie haben ein ausführliches Reisetagebuch geführt; es soll veröffentlicht werden und dürfte viel Material enthalten." Das stimmte in der Tat!

 

 

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