Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© Leah Ireland-Kunze, •Der Bürgerkrieg in den USA 1861-1865•
© William C. Davis, •SOLDATEN•GENERÄLE•SCHLACHTEN
© Jonathan Sutherland, Battles of the American Civil War


Fredericksburg
13. Dezember 1862

 

 

Blick auf Fredericksburg am Rappahannock.
Die historische Stadt, in der George Washingtons Mutter lebte
und Präsident James Monroe als Anwalt arbeitete,
liegt an Burnsides Weg nach Richmond.



 

Die Schlacht von Fredericksburg
und der »Schlamm-Marsch«

 

»Burnside war als Offizier allgemein beliebt und geachtet; er eignete sich jedoch nicht zum Befehlshaber einer Armee. Niemand wußte das besser als er selbst.« So schrieb Ulysses S. Grant über McClellans Nachfolger, General Ambrose Burnside. Der gutmütige, freundliche und ausgeglichene General protestierte gegen seine Ernennung und äußerte Zweifel über seine Kompetenz. Da aber die Regierung bei ihrer Entscheidung blieb, akzeptierte Burnside diese als Befehl.

General Ambrose Burnside

Als Korps- und Divisionskommandeur sowie als Leiter einer kleineren, selbständigen Operation im Küstengebiet von North und South Carolina hatte Burnside ausgezeichnete Fähigkeiten als Organisator und Koordinator relativ einfacher Kriegspläne demonstriert.
Es mangelte ihm vor allem an Weitsicht und an der Fähigkeit, sämtliche mögliche Folgen einer bestimmten Taktik zu durchdenken. Er ließ sich von technischen Neuerungen begeistern und war ein durchaus fähiger Konstrukteur, der zum Beispiel das Patent für einen in die Serienproduktion übernommenen Karabiner besaß.
Burnsides Erfindungen und exotischen Einfälle litten unter denselben Schwächen wie seine Kriegführung: Der praktische Einsatz erwies sich stets als problematisch, weil er immer irgendeinen wichtigen Faktor in der Rechnung außer acht ließ. Sein Karabiner zum Beispiel war zwar leicht zu laden, wog aber entschieden zu viel.
Burnside war jedoch ein gewissenhafter Offizier, der stets sein Bestes gab.

Nach seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber der PotomacArmee entwickelte Burnside einen Plan für einen Angriff auf Richmond über Fredericksburg mit Aquia Landing als Versorgungsbasis für die Armee. Die Verbindungslinie sollte über die Orange-Alexandria-Eisenbahn laufen. Lincoln billigte den Plan unter dem Vorbehalt:
»Es wird gelingen, wenn Sie sich schnell bewegen - sonst nicht.«

Als er die Potomac-Armee übernahm, hatte Burnside eine große Reorganisation vorgenommen, um seine Probleme mit der Führung so vieler Korps zu reduzieren. Er teilte die Korps auf 3 Großdivisionen («Grand Divisions») auf:

 

Grand Division
Grand Division
Grand Division
Reserve
General Sumner
General Franklin
General Hooker
General Sigel

 

 

 

 

(27.000 Mann)
(60.000 Mann)
(26.000 Mann)
(etwa 8.000 Mann)
II. Korps General Couch
I. Korps General Reynolds
V. Korps General Butterfield
XI. Korps
IX. Korps General Wilcox
IV. Korps General W. F. Smith
III. Korps General Stoneman

 

Gegen die Potomac-Armee kämpfte die konföderierte Armee von Nordvirginia mit etwa 69.000 Mann. Die Potomac-Armee verfügte über fast doppelt soviel Artillerie wie ihr Gegner.

Die dennoch auftretenden Verzögerungen waren nicht Burnsides Schuld, obwohl er sie hätte voraussehen können. Die Pontonbrücken für die nötige Überquerung des Rappahannock River bei Fredericksburg trafen eine Woche später als geplant ein, und die Potomac-Armee mußte zuviel Zeit auf der Nordseite des Flusses zubringen. Dies war ein Geschenk für die Konföderierten, denn das Korps Longstreet konnte Fredericksburg besetzen, bevor die Unionsarmee aus Aquia abrückte.

Es war schon Ende November, die Flüsse führten Hochwasser, und die Straßen waren in schlechtem Zustand. Hätte Burnside seine Möglichkeiten richtig erkannt, dann wäre er unverzüglich nach Westen marschiert, um die Potomac-Armee zwischen die Korps Longstreet und Jackson zu schieben, denn Jackson hielt sich immer noch im Shenandoah-Tal auf und benötigte trotz der berühmten Geschwindigkeit seiner «Fußkavallerie» mindestens 3 Tage, um Fredericksburg zu erreichen.

Burnside war jedoch so auf seine geplante Marschroute fixiert, daß er Jacksons Bewegungen nicht aufklären ließ. Wie alle Befehlshaber der Potomac-Armee vor ihm konzentrierte Burnside seine Aufmerksamkeit auf die Hauptstadt des Gegners und nicht auf dessen Armee. Am 30. November erreichten Jacksons Korps und Stuarts Kavallerie Fredericksburg.

 

Pontonbrücken über den Rappahannock bei Fredericksburg


Burnside kannte Fredericksburg vom vergangenen August, als er nach der Evakuierung von der Halbinsel mit seinem Korps dorthin marschiert war. Die geographische Lage dieses Städtchens war kompliziert und bot einem geschickten Verteidiger vorzügliche Möglichkeiten gegen einen Angriff von der anderen Flußseite. Der Angreifer würde nur dann dem Verteidiger erhebliche Schwierigkeiten bereiten, wenn dieser sich in Fredericksburg selbst aufhielt:
Fredericksburg lag nämlich in einem Talkessel auf der Südwestseite des Rappahannock River zwischen 2 Hügelketten. Die Höhen auf der Südseite des Flusses am Stadtrand hießen Marye's Heights, an deren Südende schloß sich der Prospect Hill an. Auf der Nordseite des Flusses erstreckten sich die Stafford Heights. Auf beiden Seiten des Flusses waren die Höhen dicht bewaldet.
Die Kleinstadt selbst lag unmittelbar vor den Marye's Heights am Ufer in einer breiten Biegung des Flusses und war durch einen Sumpf und einen Kanal am Nordende der Biegung, einen breiten Abwasserkanal am Fuß der Marye's Heights und den Bach Hazel Run weiter südlich praktisch zu einer Insel geworden. Der Sumpf war für Infanterie so gut wie unpassierbar. Der Abwassergraben um Südrand der Stadt war 10 Meter breit und 2 Meter tief. Nur 2 enge Brücken führten über dieses Hindernis.

 

 

 

 

 

Südlich des Hazel Run lagen breite, offene Felder zwischen dem Prospect Hill und dem Fluß.
Die Entfernung zwischen den Marye's Heights und den gegenüberliegenden Stafford Heights betrug etwa 2 Kilometer, also mehr als die Reichweite der meisten Artilleriegeschütze jener Zeit.

Die CSA-Armee hatte sich auf den Marye's Heights, die vom Korps Longstreets mit 35.000 Mann behauptet wurden, und auf dem Prospect Hill,
wo Jacksons Korps mit 44.000 Mann lag, sehr gut verschanzt.
Longstreet massierte seine Artillerie hoch über dem Abwassergraben, wo sie die beiden Brücken sowie das ganze Gebiet der Kleinstadt höchst wirksam bestreichen konnte. Jackson konzentrierte seine Artillerie an seiner rechten Flanke, die zusätzlich von Pelhams »horse artillery« (also reitender Artillerie mit leichten Geschützen) und von Stuarts Kavallerie gedeckt wurde.
Die konföderierten Generale ließen die Stadt evakuieren und in den leeren Häusern Scharfschützen postieren.

Als Burnside mit der Potomac-Armee endlich die Stafford Heights erreichte, ließ er sämtliche geographische Probleme des Schlachtfeldes außer acht.

Da seine Ankunft das Feuer der Scharfschützen in Fredericksburg aktivierte, nahm er an, die konföderierte Armee halte sich in der Stadt versteckt.

Er verteilte seine Batterien auf die ganze Länge der Stafford Heights und befahl ein sinnloses Bombardement der hübschen alten Stadt,
das lediglich die Scharfschützen zum Rückzug zwang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf diesem Foto von Fredericksburg aus dem Jahre 1864 sieht man immer noch die Schäden,
die 1862 durch den Beschuß der Stadt durch die Union und später durch die Konföderierten entstand.




Freiwillige überqueren den Rappahannock, um am Westufer einen Brückenkopf zu bilden.
Links ist eine noch unfertige Pontonbrücke zu sehen,
im Hintergrund das nordöstliche Ufer mit den aufmarschierenden Unionstruppen.

 

 

Das Wetter begünstigte zunächst die Unionstruppen: Ein dichter, anhaltender Nebel gab die nötige Deckung für den Bau mehrerer Pontonbrücken über den Rappahannock. Burnside hatte begriffen, daß sein Gegner oben auf den Marye's Heights und dem Prospect Hill lag. Er befahl der Großdivision Sumner, die geräumte Stadt zu besetzen, und der Großdivision Franklin, sich südlich von Fredericksburg am Flußufer vor dem Prospect Hill zu verschanzen.

Die Überquerung des Flusses ging am 12. Dezember unter dem Schutz des Nebels vor sich. Der Angriffsbeginn war für den Morgen des 13. Dezember angesetzt.
Dieser Befehl war jedoch sehr vage, denn Burnside hatte keine genauen Anweisungen für den koordinierten Einsatz der verschiedenen Korps gegeben und den größten Teil der Artillerie auf den Stafford Heights zurückgelassen, wo sie gegen den Hauptteil der CSA-Linien nichts bewirken konnte.
Der immer noch anhaltende Nebel verzögerte Sumners Angriff auf die Marye's Heights bis 11.00 Uhr, während die Großdivision Franklin den Kampf schon am frühen Morgen eröffnet hatte.

 

Batterie auf dem Stafford Heights.
Mit ihren Kanonen konnten die Yankees zwar Fredericksburg einnehmen,
aber nicht Lees Soldaten vertreiben.

      

 

Franklins Truppen griffen nicht in voller Stärke an, sondern nur divisionsweise. Das war gegen solch zähe Truppen wie die von »Stonewall« Jackson eine grundfalsche Taktik. Die Divisionen Meade, Doubleday und Gibbon kamen anfangs gegen die vorderen Linien der Konföderierten und Pelhams leichte Artillerie gut voran, zwangen Pelham zum Rückzug und erreichten den Bahndamm der Fredericksburg-Richmond-Linie.

Im Laufe dieser Aktion gerieten die Divisionen Meade und Gibbon ziemlich durcheinander, was die Führung erschwerte. Außerdem bildete sich eine große Lücke zwischen den 3 vorgeschobenen Unionsdivisionen und den anderen, die immer noch am Flußufer lagen. Infolgedessen konnten keine Reserven für Meade und Gibbon nach vorn gebracht werden.

Sie kamen schließlich durch den heftigen Widerstand der CSA-Truppen zum Stehen. Als der Konföderiertengeneral Jackson die Lücke bemerkte, befahl er um 13.30 Uhr einen massiven Gegenangriff. Durch diesen Gegenangriff gerieten die konföderierten Truppen allerdings in den Wirkungsbereich der auf den Stafford Heights postierten Geschütze der Unionsartillerie und wurden so zum Stehen gebracht.

Als sich der Nebel über Fredericksburg um 11.00 Uhr lichtete, befanden sich die Unionstruppen der Großdivision Sumner auf dem Marsch durch die leeren Straßen der Kleinstadt. Jetzt standen sie völlig entblößt, und die CSA-Artilleristen auf den Marye's Heights nahmen sie sofort unter Beschuß. Die eigene Artillerie auf den Stafford Heights konnte keine Deckung geben, und so mußten sie in den Häusern und Ruinen Fredericksburgs Schutz suchen.

 

Der Sturm auf die Stadt beginnt

 

Um Mittag erhielten die Großdivisionen Sumner und Hooker den Befehl zum Sturmangriff auf die Marye's Heights - ein wahnwitziges Unterfangen! Die beiden engen Brücken über den Abwasserkanal zwangen sie, in engen Kolonnen zu marschieren. Eine Division nach der anderen bot den CSA-Truppen ein vorteilhaftes Ziel und wurde niedergemäht. Bis zur Einstellung der Kämpfe nach Sonnenuntergang hatten 9 Unionsdivisionen den Sturm auf die Höhen gewagt. Allein an dieser Stelle waren 6. 000 Mann außer Gefecht gesetzt worden.

 

Der Hohlweg und die Steinmauer am Fuß der Marye’s Heights, ein Jahr nach der Schlacht von Fredericksburg.
Einfach erscheinende Dinge wie diese Mauer konnten über den Ausgang einer Schlacht entscheiden.

 

Nachdem der Gegenangriff der Konföderierten vor dem Prospect Hill abgewiesen war, beließ Unionsgeneral Franklin seine Großdivision in völliger Inaktivität, obwohl er von Burnside wenigstens den Befehl bekommen hatte, den Angriff wieder aufzunehmen.
Am nächsten Tag blieben beide Seiten auf dem Schlachtfeld, ohne den Kampf fortzusetzen. Am Nachmittag wurde ein formeller Waffenstillstand ausgehandelt, um die Toten zu bergen und zu beerdigen.
In der Nacht zum 15. Dezember zog Burnside seine Armee geschickt und mit der gesamten noch brauchbaren Ausrüstung vom Feld ab.


Einschiffung des glücklos kämpfenden IX. Korps der Potomac-Armee in Aquia Landing bei Fredericksburg.
2 Divisionen werden auf den westlichen Kriegsschauplatz verlegt, die 3. bleibt in Fort Monroe.
   

Die Statistik über die Schlacht von Fredericksburg ist sehr umstritten, fest steht aber, daß die Unionsseite mindestens 10.000 Mann, wahrscheinlich über 12.000 Mann verloren hat. Auf seiten der Konföderierten wurden etwa 5.500 Mann außer Gefecht gesetzt.

Fredericksburg war eine peinliche Niederlage für die Union, die nicht nur aus Burnsides mangelndem Überblick, sondern auch aus der Verbohrtheit seiner Korps- und Großdivisionskommandeure resultierte. Alle Unionsgenerale ignorierten völlig die Lücke zwischen den Korps Longstreet und Jackson, die sich noch vergrößerte, als die Division Pickett zur Unterstützung der Verteidigung der Marye's Heights nach Norden abgezogen wurde. Zwischen Hazel Run und Deep Run verteidigte lediglich die CSA-Division Hood die südlichen Hänge der Marye's Heights.


Unionsgeneral Franklin hätte das gesamte IV. Korps mit seinen mehr als 30.000 Mann gegen Hoods Division werfen können. Anstatt eine Division nach der anderen vor den Marye's Heights in den Tod zu jagen, hätte Hooker seine Großdivision durch die Bresche südlich der Stadt führen können. Burnside schließlich, der für alles die Verantwortung trug, beurteilte die Lage falsch und hielt trotz des unglaublichen Blutbads unter seinen Truppen an seinem ursprünglichen Plan fest.

 

Ein Ziel, daß Tausende von Unionssoldaten sahen, jedoch keiner von ihnen erreichen konnte.
Das Marye-Haus zeugt mit seinen zahlreichen Einschußlöchern in Säulen und Backsteinmauern von der Schlacht.

 

Nach der Schlacht beabsichtigte Burnside, mit einem Marsch den Rappahannock aufwärts die linke Flanke der CSA-Armee zu umfassen.
Schwere Regenfälle behinderten den Marsch und verwandelten diesen sumpfigen Teil Virginias in ein Schlammeer, das die Potomac-Armee zu verschlingen drohte.
Die Soldaten sagen dazu »Mud March« (Schlamm-Marsch). Burnside geriet - ausnahmsweise - mit seinem Stab in Streit, und in Washington regte sich Zorn über den Verlauf des Feldzuges. Am 25. Januar 1863 wurde Burnside zusammen mit Sumner und Franklin (der es reichlich verdient hatte) entlassen.
Für den weiteren Verlauf des Krieges hatte die Niederlage bei Fredericksburg keine wesentliche militärische Bedeutung, auch wenn es die Regierung in Washington so sah.