
Mit freundlicher Unterstützung
Copyright © 1992 by VERLAG FÜR AMERIKANISTIK D. KUEGLER, 25931
Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© NORD & SÜD, Stefan Papp, jr., General J.E.B. Stuart
- Militärische Biographie -
Veröffentlichungen: United States Army Center of Military History
sowie zeitgenössische Dienstvorschriften der United States Army
CSA -
General J.
E. B. Stuart
Militärische
Biographie
Seite 2
Kelly's
Ford
Im Januar 1863
wurde Burnside seines Postens als Kommandeur der Army of the Potomac
enthoben und durch Major General Joseph Hooker ersetzt. Der neue Mann
bewältigte binnen weniger Wochen eine mustergültige Reorganisation
seiner desolaten Armee.
Die wohl wichtigste von Hooker getroffene Maßnahme betraf die
Kavallerie. Bislang über die gesamte Armee zerstreut, wurde sie
im Februar zu einem geschlossenen Kampfverband auf Korps-Basis zusammengefaßt.
Hooker beabsichtigte, seine revitalisierte Reiterei zu einer eigenständigen
Waffe zu formen, die wie Stuarts Kavallerie dazu befähigt war,
auch losgelöst von der Infanterie auf eigene Faust zu operieren.
Jeb Stuart hatte den Winter 1862/63 über die Rappahannock-River-Linie
mit seiner Kavallerie bewacht. Das Gros seiner Truppen war bei Culpeper
konzentriert, mit Gordonsville als Versorgungsbasis.
Für den ersten nennenswerten Kavallerie-Streifzug des Jahres 1863,
der Konsequenzen nach sich ziehen sollte, sorgte Stuarts Freund, General
Fitz Lee. Am 25. Februar überfiel er mit 400 Reitern die Yankee-Kavallerie
bei Hartwood Church. Er zwang den Feind zur Flucht und machte über
150 Gefangene.
Der erboste General Hooker befahl seinen Reitergenerälen, die Rebellenkavallerie
für diesen jüngsten Übergriff zu bestrafen. Die Belästigungen
hätten ein für allemal aufzuhören.
Am 17. März
1863 erkämpfte sich US-General W. W. Averell an der Spitze von
2´000 Berittenen den Weg über den Rappahannock River. Fitz
Lee, der vergeblich versucht hatte, die Yankees am anderen Flußufer
festzunageln, sammelte sein Kommando (ca. 800 Mann) und stürzte
sich gegen Mittag auf den Feind.
Es entwickelte sich ein schwungvolles Reitergefecht klassischen Stils,
das fünf Stunden lang dauerte. Averell konnte die Konföderierten
eine Meile zurückwerfen - ein Virginia-Regiment geriet dabei sogar
in Panik. Lee startete einen vehementen Gegenschlag, doch die Linien
der Yankees hielten stand. Gegen 17.30 Uhr ging Averell ungeschlagen
über den Fluß zurück. Im historischen Rückblick
sollte Fitz Lees Anspruch auf den Sieg daher nicht so wörtlich
genommen werden. Stuart sprach ihm jedenfalls ein großes Lob aus.
Averells Verluste beliefen sich auf 78, die der Südstaatler auf
133 Mann. Unter den Toten befand sich der Chef von Stuarts Pferde-Artillerie,
Major John Pelham.
Kelly's Ford, „ein hilfreicher und ermunternder Schritt in die
richtige Richtung", zeigte, daß auch die Unions-Kavallerie,
wenn ihre Kräfte gebunden waren, als Offensivwaffe wirksam eingesetzt
werden konnte. Die Tage der absoluten Feldüberlegenheit von Stuarts
„Unbesiegbaren" schienen gezählt.
Chancellorsville

Eingebunden in eine
umfassende strategische Flankenbewegung, überschritten am 29. April
1863 Vorhutkontingente von Hookers Army of the Potomac die Flüsse
Rappahannock und Rapidan und stießen in ein undurchsichtiges,
dschungelartiges Areal vor, das als „Wilderness" bekannt
war, etwa zehn Meilen westlich von Fredericksburg, wo General Lee das
Gros seiner Armee (ca. 60´000 Mann) konzentriert hatte. Gegen
Abend hatte Hooker ca. 75´000 Mann bei Chancellorsville, einem
wichtigen Straßenknotenpunkt, zusammengezogen, während eine
zweite Truppenmacht Fredericksburg bedrohte.
Den
größten Teil seines Kavallerie-Korps, befehligt
von General George Stoneman, hatte Hooker zur Zerstörung von
Lees Kommunikationslinien ins feindliche Hinterland geschickt. Die
Expedition
stellte sich im nachhinein als strategisch völlig nutzlos heraus.
Hooker hätte besser daran getan, seine Kavallerie zum Schutz
der Flanken beim Hauptheer zu belassen.
Es
war Stuart gewesen, der General Lee über den Vormarsch von
Hookers Flankenkolonne in Kenntnis gesetzt hatte. Da „Grumble" Jones
sich nach wie vor im „Valley" befand und Hamptons Brigade
auf „Erholungsurlaub" war, konnte Stuart lediglich auf
die Brigaden der beiden Lees (ca. 2´000 Mann) zurückgreifen,
minus die beiden Regimenter unter General W.H.F. Lee, der am 29.
April
von seinem Vater beauftragt worden war, sich auf Stonemans Fersen
zu heften.
Mit
Hooker auf der linken Flanke, schwebte die Army of Northern Virginia
in höchster Gefahr. Um dieser Bedrohung zu begegnen, besann sich
Lee, gemäß der Weisheit, daß außergewöhnliche
Situationen außergewöhnliche Entscheidungen erfordern, auf
einen tollkühnen Schlachtplan. 10´000 Mann ließ er
in Fredericksburg zurück, um den Feind dort zu binden, und die
restlichen 50´000 Mann führte er Hookers Hauptmacht entgegen.
In der Nacht zum 1. Mai 1863 kämpfte Stuart, der Lees linke Flanke
deckte, gegen die Yankee-Kavallerie bei Todd's Tavern. Nach dem Eintreffen
von General Lee postierte dieser zwei von Stuarts Regimentern auf seiner
rechten und Fitz Lees Brigade auf seinem linken Flügel.
Hooker höchstpersönlich brachte seine glänzend geplante
und bisher durchgeführte Offensive am 1. Mai zum Stehen. Mental
erschüttert über den hartnäckigen Widerstand, den die
graue Infanterie leistete, die sich ihm entgegenstellte, verlor Hooker
im kritischen Augenblick die Nerven und ging trotz der Proteste seiner
Korpsführer auf Chancellorsville zurück. Mit seiner fatalen
Entscheidung, den Feind in der „Wilderness" zu erwarten,
hatte er den Vorteil seiner Überlegenheit an Fußtruppen und
Artillerie kläglich verspielt. Die Initiative lag jetzt bei Lee.
Lee und sein
brillanter Unterführer „Stonewall" Jackson hielten Kriegsrat.
Ein Frontalangriff auf Hookers gut befestigte Stellungen schied aus.
Schließlich gesellte sich Jeb Stuart zu den beiden und berichtete
erfreut, Fitz Lee, unbelästigt von feindlicher Kavallerie - Hookers
Fehler, seine Kavallerie wegzuschicken, rächte sich jetzt -, hätte
ausgekundschaftet, daß der rechte Flügel der Yankee-Armee
„in der Luft hing", also verwundbar für eine taktische
Flankenbewegung war.
Auf Lees Geheiß ließ Jackson von seinen Stabsoffizieren
eine Marschroute ausarbeiten, um einen Angriff auf die ungeschützte
Rechte der Union durchzuführen. Am Morgen des 2. Mai marschierte
Jacksons IL Korps (ca. 25´000 Mann) los, angeführt von Stuart
und seiner Kavallerie.
Gegen 15.00 Uhr war die Flankenkolonne am Ziel. Zwei Stunden lang formierte
Jackson seine 3 Divisionen in Schlachtlinie und griff an. Die Rechte
der verdutzten Yankees wurde innerhalb weniger Minuten wie eine nasse
Decke aufgerollt. Während die Schlacht tobte, erhielt Stuart von
Jackson die Erlaubnis, in Kooperation mit der Infanterie Ely's
Ford zu besetzen.
Stuart bereitete
gerade den Angriff auf ein ahnungsloses Unionslager vor, als ein Kurier
ihn erreichte. Jackson war schwer verwundet worden
( er starb acht Tage später an einer Lungenentzündung )und
sein Stellvertreter A. P. Hill leicht.
Als ranghöchster Feldkommandeur, der unmittelbar zur Verfügung
stand, erhielt Stuart von Hill die Order, das Kommando über das
II. Korps zu übernehmen.
Stuart
reformierte Jacksons Korps und führte
am Morgen des 3. Mai 1863 weitere kräftige Hammerschläge
auf Hookers zusammengezogene Gefechtslinie. Als die Yankees ihre
Defensivposition
bei Hazel Grove aufgaben, brachte Stuart auf einer Anhöhe
50 Geschütze in Stellung. Mit einem massierten Artilleriefeuer
gelang es den Konföderierten, die Unionstruppen aus Chancellorsville
zu vertreiben.
Hooker,
der wie am Boden zerstört war, bildete
eine neue, vorzügliche Defensivlinie. In der Nacht zum
6. Mai 1863 leitete er aber den endgültigen Rückzug
ein, was dem Eingeständnis einer Niederlage gleichkam.
Chancellorsville
und dem Tod „Stonewall" Jacksons folgte
eine zweckbedingte Reorganisation der Army of Northern
Virginia. Die Infanterie wurde in drei Korps aufgegliedert.
Longstreet
befehligte weiterhin das 1. Korps, Richard S. Ewell übernahm
Jacksons 11. Korps und A. P. Hill erhielt das neu konstituierte
III. Korps.
Stuart, der sich schon als permanenten Nachfolger des
toten „Stonewall" gesehen
hatte, blieb Lees „Chief-of-Cavalry". Seit
Hooker seine Reitereinheiten zu einem Korps konsolidiert
hatte, die nach Stuarts Vorbild in massierter Form auftraten,
war General
Lee bestrebt, die Kavallerie-Komponente seiner eigenen
Armee aufzustocken.
Die
detachierte „Laurel" Brigade unter General Jones wurde aus
dem Shenandoah-Tal zurückbeordert und der im Herbst 1862 nach North
Carolina abgeschobene Beverly H. Robertson brachte zwei Regimenter nach
Virginia, die aber ohne praktische Kampferfahrung waren.
Ende Mai 1863 verfügte Stuarts Kavallerie-Division, die in 5 Brigaden,
18 Regimenter, 3 Legionen und 2 Bataillone zerfiel,
ü ber eine Effektivstärke von etwa 9´500 „Säbeln":
Brigade Hampton: 1st North Carolina, Ist, 2nd South Carolina, Cobb's,
Jeff Davis' und Phillips' Legions;
Brigade Fitz Lee: 1st, 2nd, 3rd, 4th, 5th Virginia, Ist Maryland
Bataillon;
Brigade W. H. F. Lee: 2nd North Carolina, 9th, lOth, 13th Virginia;
Brigade Robertson: 4th, 5th North Carolina;
Brigade Jones: 6th, 7th, 11th, 12th Virginia, 35th Virginia Bataillon.
Berittene Artillerie (Beckham): Batterien von Breathed, McGregor,
Griffin, Hart und Moorman. 20 Geschütze.
Brandy
Station
Selbst
der überragende militärische Erfolg Lees bei Chancellorville,
der der Moral in Heer und Bevölkerung zu einem erneuten Höhenflug
verhalf, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß die
Konföderation im Frühjahr 1863 im Begriff war, von ihren schwerwiegenden
Problemen gewissermaßen langsam, aber sicher erdrückt zu
werden. Die nördliche Überlegenheit an Menschen- und Kriegsmaterial
wurde an allen Fronten bemerkbar, verschlimmert durch die Seeblokkade
der südlichen Häfen und ein Ansteigen der Inflationsraten.
Das konföderierte Oberkommando, Präsident Davis und sein Kabinett,
sowie hochrangige Militärs, trafen in Richmond zusammen, um die
augenblickliche strategische Lage zu erörtern. General Lee, der
über ein hohes Prestige verfügte, sprach sich gegen strategische
Optionen aus, denen zufolge erhebliche Teile seiner Armee an die Westfront
verlegt werden sollten. Weder eine Verstärkung der zahlenmäßig
unterlegenen Armee von General Braxton Bragg in Middle Tennessee noch
der Entsatz der strategisch und psychologisch bedeutsamen „Flußfestung"
Vicksburg, die von den Nordstaatlern eingeschlossen worden war, sagten
ihm zu.
Lee hingegen argumentierte für eine weitere Invasion nach Norden,
mit der er ähnliche strategische Ziele verfolgte wie in der Antietam-Kampagne.
Nach langwierigen Diskussionen gelang es ihm, sich durchzusetzen. Die
Regierung sanktionierte seine Offensive.

Am 3. Juni 1863
verließen Vorhut-Einheiten der Army of Northern Virginia die Stellungen
bei Fredericksburg. Hills III. Korps blieb zunächst zurück,
um die Yankees zu täuschen und in seiner Front zu binden. Bereits
am 8. Juni hatte Lee das 1. und II. Korps und Stuarts Kavallerie östlich
der Blue Ridge Mountains bei Culpeper Courthouse konzentriert.
Am 5. Juni 1863
führte Stuart eine spektakuläre Inspektion seiner Kavalleriedivision
durch. General Lee, für den drei Tage später das Schauspiel,
obgleich weniger eindrucksvoll inszeniert, wiederholt wurde, schrieb
an seine Frau:
„ Ich inspizierte gestern die Kavallerie in dieser Sektion. Es
war ein prachtvoller Anblick. Männer und Pferde sahen gut aus ...
Stuart erschien in all seinem Glanz."
Am Abend des 8. Juni kontrollierten Stuarts Brigaden, die weit
voneinander getrennt postiert waren, die Furten über den Rappahannock
River. Stuart wägte sich in trügerischer Sicherheit. Mit einem
Angriff der Yankees rechnete er nicht.
Sträfliche
Selbstüberschätzung und eine symptomatische Verachtung für
die Yankee-Kavallerie hatten ihn leichtsinnig werden lassen. Als General
Hooker die Meldung erhielt, daß Stuart seine Reiterei zwischen
Brandy Station und Culpeper massiert hätte, glaubte er an die Vorbereitung
eines weiteren „Raids". Um einen solchen zu verhindern, beauftragte
er seinen neuen „Chief-of-Cavalry", General Alfred Pleasonton,
die in Culpeper versammelte Reiterstreitmacht mit einem kräftigen
Präventivschlag in sämtliche Winde zu zerstreuen oder besser
noch, zu vernichten.
Pleasonton machte sein Kavallerie-Korps (8´000 Mann in 3 Divisionen),
das durch zwei Infanterie-Brigaden (3´000 Mann) verstärkt
wurde, marschbereit und verließ Falmouth am 8. Juni 1863. Sein
Schlachtplan sah vor, die Konföderierten am Morgen des 9. Juni
in zwei Kolonnen in einer Zangenbewegung über den Rappahannock
River anzugreifen.
Eingehüllt
in einen dichten Morgennebel sprengten die Unionsreiter gegen 4.30 Uhr
morgens über den Fluß. General John Bufords Division, die
bei Beverly's Ford übersetzte, überraschte die Vorposten von
„Grumble" Jones. Buford gelang es, die Lager von Jones' Brigade
zu überrennen und 150 Mann gefangenzunehmen. Die verdutzten Graujacken
gruppierten um und kämpften erbittert um jeden Fußbreit an
Boden, bevor sie auf Brandy Station zurückgingen.
Einige Stunden später wurden vier Meilen flußabwärts,
bei Kelly's Ford, auch Robertsons Vorposten von US-General D. McM. Gregg
beiseite geschoben, der seine Division mit der von Buford vereinigen
wollte. Eine dritte Kolonne der Yankees, eine schwache Division unter
Colonel A.N.A. Duffie, hing Greggs Kommando hinterher. Duffie war auf
den falschen Weg geraten und hatte tatsächlich keinen direkten
Anteil am Kampfgeschehen bei Brandy Station.
Stuart, der von dem anhaltenden Gewehrfeuer geweckt worden war, unternahm
sofort eine Konzentration seiner zerstreuten Brigaden. Er schickte Hamptons
Brigade Jones' bedrängten Reitern zur Hilfe. Gemeinsam versuchten
die Rebellen, Bufords Truppen niederzukämpfen. Buford konnte schließlich
die rechte Flanke der Rebellen umgehen und galoppierte mit seinem gesamten
Kommando in Richtung Fleetwood Hill, wo Stuart sein Hauptquartier aufgeschlagen
hatte.
Die Konföderierten konnten die Yankees nach verbissenen Kämpfen
zurückwerfen. Doch dann erschien General Greggs Kommando, und die
Schlacht wurde in aller Heftigkeit wieder aufgenommen. Hampton startete
einen Gegenangriff und brachte Fleetwood Hill nach weiteren Attacken,
gefolgt von wütenden Gegenangriffen, für die Südstaatler
unter Kontrolle.
Als zwei konföderierte
Infanteriebrigaden auf der Bildfläche erschienen, gab General Pleasonton,
der seiner „Zerstör- und Zerstreu-Mission" nicht hatte
gerecht werden können, seinen Truppen den Befehl zum Abzug.
Auf taktischem Level „stellte die Schlacht ein wildes Gemenge
eines berittenen Kampfes im alten Stil dar, in dem Säbel und donnernde
Pferdehufe Teile des Hauptschlachtfeldes beherrschten. Aber auf größeren
Teilen des Feldes fochten unberittene Soldaten heftig, und Feuerwaffen
verursachten weit mehr Wunden als blanke Waffen."
Die Verluste der Union beliefen sich auf 936 Mann, die von Stuart auf
523 Mann, darunter „Rooney" Lee, der später in Gefangenschaft
geriet. Das temporäre Kommando seiner Brigade übernahm Colonel
John Randolph Chambliss, Jr., (1833-1864, USMA 1853), 13th Virginia.
In einer Glückwunschadresse beanspruchte Stuart den Sieg für
sich und seine Division. Denn schließlich hatten er und seine
Reiter das Schlachtfeld behauptet. Aber streng taktisch gewertet war
der Ausgang des größten Reitergefechts, das auf nordamerikanischem
Boden ausgefochten wurde, unbestimmt. Es gab weder einen klaren Sieger
noch Verlierer.

Stuart war überrascht
und ausmanövriert worden, was er aber nicht eingestehen wollte.
Die Yankees, die ihn in arge Verlegenheit gebracht hatten, hätten
ihm mit mehr Entschlossenheit eine schmachvolle Niederlage zufügen
können. Innerhalb wie außerhalb der Armee setzte es herbe,
oftmals demütigende Kritik. Bislang gefeiert und hochgejubelt,
kriegte auch Stuart die Launenhaftigkeit einer unerbittlichen Öffentlichkeit
zu spüren.
Ein Militärhistoriker bezeichnete Stuarts Führerschaft bei
Brandy Station als „größtenteils hervorragend".
„Er reagierte schnell auf jede Bedrohung, bewegte die Einheiten
in wirksamer Weise, um den nacheinander auftretenden Gefahren zu begegnen,
und zeigte persönlich ein Beispiel von Kaltblütigkeit und
Tapferkeit unter den schwierigsten Umständen.
Am wichtigsten
aber war, daß Stuart Lees Infanterie vor den Augen der Yankees
erfolgreich abgeschirmt hatte. In kavalleristischer Hinsicht brachte
Brandy Station eine entscheidende strategische Konsequenz mit sich:
Mehr denn je war mit der Kavallerie der Army of the Potomac als kohäsive
und entschlossen agierende Kampftruppe zu rechnen.
Stuarts Adjutant General, Henry B. McClellan, der es wissen mußte,
schrieb Jahre später: „Ein Ergebnis von nicht kalkulierbarer
Bedeutung folgte dieser Schlacht gewiß - s i e schuf die Unionskavallerie!
Bis zu dieser Zeit zugegebenermaßen den südlichen Reitern
unterlegen, gewann sie an diesem Tag das Vertrauen in sich selbst und
in ihre Kommandanten, das sie befähigte, in den nachfolgenden Schlachten
so stürmisch zu kämpfen."
Der
Gettysburg-Raid
Am
10. Juni 1863 begann der Weitermarsch von Lees Armee nach Norden. General
Ewell, der mit seinem Korps die Vorhut bildete, schaltete am 15. Juni
bei Winchester eine größere Streitmacht der Union aus. Mit
dem unteren Shenandoah-Tal von den Yankees gesäubert, überschritten
Lees Truppen die Grenze nach Maryland.
Während des Vormarsches nach Pennsylvania kam es zwischen dem 18.
und 21. Juni 1863 bei Aldie, Upperville und Middleburg zu wiederholt
heftigen Gefechten mit der Unionskavallerie.
Zwei zusätzliche Kavalleriekommandos von dubioser Qualität,
die nicht unter Stuarts direktem Befehl standen, waren mittlerweile
zu Lees Armee gestoßen. Es waren die Brigaden (7 Regimenter) der
leidlich befähigten Brigadier Generals Albert Gallatin Jenkins
(1830-1864) und John Daniel Imboden (1823-1895), die als Vorhut und
zur Flankendeckung verwendet wurden.
Auf Stuarts Vorschlag erteilte General Lee am 22. Juni erneut die Order
für einen „Raid". Der Auftrag sah im allgemeinen vor,
die rechte Flanke der Armee zu decken (Ewells Korps), Informationen
zu sammeln, Vorräte aus Feindesland zu ziehen und Angriffe auf
sich bewegende Unionsinfanterie durchzuführen. Allerdings waren
Lees Weisungen nicht eindeutig formuliert. Sie gaben Stuart hinreichenden
Ermessensspielraum.
Daraus resultierte nach der Gettyburg-Kampagne eine kontrovers geführte
Debatte, die bis auf den heutigen Tag anhält. Die beiden entscheidenden
Fragen lauten, welche Absicht hinter den Befehlen Lees steckte und welche
Bedeutung sie hatten, und ob Stuart dazu berechtigt war, die Befehle
Lees so zu interpretieren, wie er es schließlich tat.
Doch Wortklaubereien
und Auslegungen beiseite:
„ Tatsächlich gab Lee ihm die Entscheidungsfreiheit, die
Route zu wählen, die er nahm, sowie die, die feindlichen Versorgungs-
und Kommunikationslinien auf seinem Weg zur Vereinigung mit der Hauptarmee
anzugreifen', urteilte Stuart-Biograph Emory M. Thomas.
Der
gründlichste Historiker der Army of Northern Virginia, der
eminente Douglas S. Freeman, resümierte im Gegensatz dazu, daß Stuart
nach Auswertung sämtlichen Materials „seine Hauptmission,
sich zur rechten Flanke von Ewell zu begeben, mißachtete".
Am
25. Juni 1863 startete die Expedition. Mit sich führte Stuart
die Brigaden von Hampton, Fitz Lee und Chambliss (Rooney Lee), sowie
6 Geschütze, alles in allem etwa 5´000 Mann. Robertson und Jones
ließ er als „Augen und Ohren der Armee" und zur Deckung
des Rückens und der Flanken beim Hauptheer zurück.
Die Konföderierten ritten von Salem südöstlich in die
Bull Run Mountains. Östlich des Gebirges wurde Unions-Infanterie
gesichtet, die Stuart unter Artillerie-Beschuß nahm. Dann
ließ er
sich zurückfallen und schickte seine Männer ins Biwak,
da er eine handfeste Auseinandersetzung vermeiden wollte.
Am nächsten
Tag schlug er einen Halbkreis um die sich bewegenden Fußtruppen
der Union. Der Umweg führte ihn über Bristoe Station, Brentsville,
Butler's Fork in nördliche Richtung nach Fairfax Courthouse, wo
er einige Unionsreiter in die Flucht schlug. Am 27. Juni kreuzte Stuarts
erschöpftes Kommando bei Rowser's Ford den Potomac River. In
Rockville, Maryland, brachte Stuart den größten Teil eines
feindlichen Armeetrains, 125 Wagen, in seine Gewalt (28. Juni 1863).
Die Wagen stellten zwar überflüssigen Ballast dar, trotzdem
beschloß Stuart, diese mitzuführen. Dies hatte zwangsläufig
zur Folge, daß der Marsch unnötig verzögert wurde.
Am 29. Juni ritten die Raiders weiter nach Norden. Bei Hood's Mill demolierte
Fitz Lees Kommando den Schienenstrang der Baltimore & Ohio Railroad.
Überall wurden die Telegraphenleitungen gekappt. Gegen Mittag langte
Stuart in Westminster an. Hier entbrannte ein lebhaftes Scharmützel
mit der Yankee-Kavallerie, die bald den Rückzug antrat. In Union
Mills wurde das Nachtlager aufgeschlagen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Stuart jeglichen Kontakt zur Rechten seiner
Armee verloren. Er wußte nicht mal, wo das Gros von Lees Heeresmacht
stand. Er tappte praktisch im Dunkeln.
Am Morgen des
30. Juni trafen die Konföderierten in Hanover auf eine feindliche
Kavalleriedivision, die sofort zur Attacke überging. Der Angriff
konnte abgewehrt werden. Wieder im Sattel, trieb Stuart seine Männer
weiter vorwärts nach Nordwesten, bis sie endlich in Dover anlangten,
wo am 1. Juli 1863 für mehrere Stunden gerastet wurde. Am 2. Juli
führte der Marsch weiter nach Carlisle.
Noch am selben Abend erfuhr Stuart, daß Lee seine Armee 33 Meilen
südwestlich bei Gettysburg, Pennsylvania, konzentriert hatte, wo
ihr die Army of the Potomac, jetzt unter Major General G. G. Meades
Befehl, gegenüberstand.
Während in Gettysburg seit dem 1. Juli eine Feldschlacht epischen
Ausmaßes im Gange war, die eher zufällig entbrannt war, schlug
sich Stuart in Carlisle mit Miliztruppen herum. Erst am Nachmittag des
2. Juli 1863 traf Stuarts Kavallerie auf dem Schauplatz des Geschehens
ein. Als Stuart auf Seminary Ridge General Lee Meldung erstattete, bedachte
dieser ihn - der Legende nach - mit den Worten: „Nun, General
Stuart, da sind Sie ja endlich!"
Noch während
des Bürgerkrieges und insbesondere in der „Postwar-Era"
wurde Stuart, der sich harsche Kritik gefallen lassen mußte, neben
anderen prominenten Generälen der Army of Northern Virginia - Longstreet,
Ewell - für die Niederlage von Gettysburg mit verantwortlich gemacht,
wobei es vordergründig darum ging, den kanonisierten Lee von sämtlicher
Mitschuld an dem Debakel freizusprechen: Stuart wurde vorgeworfen, er
habe Lee „blind und verwundbar" zurückgelassen und „ihn
zu den Bedingungen, die für den Feind günstig waren, in die
Schlacht hineinstolpern lassen „.

Dazu bemerkte
der Historiker E. B. Coddington: „Wenn, wie Stuarts Ankläger
behaupteten, die Abwesenheit der Kavallerie der Grund war, daß
Lee bei Gettysburg überrascht wurde, übersahen sie zwei wichtige
Elemente der Situation: Meade war ebenso überrascht, und die anfänglichen
Vorteile lagen bei Lee. „
Henry B. McClellan traf den Nagel auf den Kopf, als er in Verteidigung
seines Chefs schrieb: „Es war nicht der Mangel an Kavallerie,
den General Lee beklagte, weil er genügend von ihr hatte (Jones
und Robertsons Brigaden, Anm. d. Verf.), wenn diese nur richtig eingesetzt
worden wäre. Es war die Abwesenheit von Stuart als Person, die
er so schmerzlich empfand!"
Emory M. Thomas
kommentierte: „Wäre sein Raid nicht so erfolgreich gewesen,
hätte Stuart die Armee zur Zeit erreicht, um an der sich entwickelnden
Schlacht teilzunehmen.
Aber Stuart bewegte sich
zu langsam, auch schon bevor er den Wagenzug der Union erbeutete. Und
nachdem er die Wagen einmal hatte, weigerte er sich, diese Beute aufzugeben.
Er war gierig. Er unterschätzte klar die Notwendigkeit, sich zu
beeilen, und er verrechnete sich gravierend in der Auswirkung seiner
Trödelei auf den Feldzug.
Kavallerie-Feld
Ost
General
Lee war es am 2. Juli 1863 nicht gelungen, die Yankees trotz massierter
Flankenangriffe aus ihrer defensiv-taktisch hervorragenden Position
zu verjagen. Daher setzte er für den 3. Juli einen alles entscheidenden
Sturmangriff an, berühmt geworden als „Pickett's Charge",
der gegen das Zentrum der Union auf Cemetery Ridge gerichtet war.
„ Eine der großen Mythen der Schlacht von Gettysburg ist,
Lee habe geplant, Stuart simultan zu Picketts Angriff Cemetery Ridge
von hinten attackieren zu lassen. Es gibt keinen Beweis, der diese Theorie
unterstützt. Eher scheint es, Lee habe Stuart lediglich zum Schutz
seiner linken Flanke benötigt und ihn in einer Stellung gewünscht,
von der er aus die Union im Rücken bedrohen und die - wie er hoffte
- flüchtende Armee Meades belästigen konnte."
Stuarts Kommando, das ca. 6 bis 7´000 Mann zählte, verstärkt
durch Jenkins Brigade, bezog am Morgen des 3. Juli entlang der Cress
Ridge auf dem äußersten linken Flügel der Konföderierten,
etwa vier Meilen südöstlich von Gettysburg, Stellung. Stuart
gegenüber standen drei Reiterbrigaden (ca. 5´000 Mann) der
Nordstaatler unter dem Oberbefehl des zuverlässigen General David
Gregg.
Jenkins Brigade saß ab und diente als Köder für die
Yankee-Reiter, während die restlichen drei Brigaden, verdeckt durch
eine dichte Ansammlung von Baumgruppen, erst dann in Aktion treten sollten,
nachdem der Feind nahe genug herangerückt war. Doch Jenkins Männer,
denen schon bald die Munition ausging, wichen vor den Angreifern zurück,
die zudem Artillerieunterstützung erhielten, so daß Stuart,
früher als geplant, zur berittenen Attacke übergehen mußte.
Hampton bildete die Speerspitze der südlichen Angriffswelle, gefolgt
von Fitz Lee und Chambliss. Gregg konterte.
Der verwegene
General George A. Custer führte den Hauptstoß der Yankees
gegen das Zentrum und die linke Flanke der Rebellen. Als die beiden
Gefechtslinien aufeinandertrafen, kam es zu einem fürchterlichen
Kavallerie-Melee klassischer Prägung.
Ein beteiligter
US-Offizier berichtete: „Als die beiden Kolonnen aufeinander
zurückten, wuchs bei jeder das Tempo. Ein jähes Krachen, wie
das Umstürzen von Bäumen, bezeugte den Anprall. So plötzlich
und gewaltig war der Zusammenstoß, daß viele Pferde umgerissen
wurden und ihre Reiter unter sich begruben. Das Klirren der Säbel,
das Krachen der Revolver, die Rufe nach Kapitulation und die gellenden
Schreie der Kämpfer füllten die Luft."
Der furiose konföderierte
Angriff wurde von den Nordstaatlern erfolgreich pariert. Am Abend hatten
beide Parteien ihre ursprünglichen Ausgangspositionen inne. Taktisch
gesehen war das Gefecht ein Patt. „Es hatte keinen wirklichen
Einfluß auf die Schlacht von Gettysburg. Kurz, es war nur ein
greller Nebenkriegsschauplatz." Greggs
Verluste bezifferten sich auf 254 Tote, Verwundete, Vermißte oder
Gefangene, die von Stuart betrugen 181 Mann. General Hampton war von
mehreren Säbelhieben erheblich verwundet worden. Erst im November
1863 würde er den Dienst wieder aufnehmen können.
Lees heroischer, aber taktisch sinnloser Frontalangriff auf die Höhen
der Cemetery Ridge war von einer standfesten Unionsinfanterie blutig
abgeschlagen worden. Eine erwartete Gegenoffensive der Yankees blieb
aus. Am 4. Juli traten die Rebellen den Rückzug nach Virginia an.
Während die Konföderierten nach Süden retirierten, hielt
Stuart, der Lee den Rücken und die Flanken deckte, die feindliche
Kavallerie, die die Vorhut der Verfolger bildete, erfolgreich in Schach.
Am 14. Juli 1863 kreuzte die Army of Northern Virginia den Potomac ins
„Old Dominion". Der Pennsylvania-Feldzug war beendet.
Das
Kavallerie-Korps, A.N.V.
Seit Mai 1863
hatte Stuart Lee gedrängt, die Reiterei zu reorganisieren. Stuart
schwebte die Formierung eines Kavallerie-Korps vor, das 3 Divisionen
umfaßte.
Lee ließ sich die Angelegenheit durch den Kopf gehen, und nach
obligatorischer Rücksprache mit Präsident Jefferson Davis
erhielt Stuart seinen Willen, auch wenn das neue Arrangement nicht ganz
seinen Vorstellungen entsprach. Denn Lee und Davis hatten sich auf die
Bildung eines Korps geeinigt, dessen Organisation auf 2 Divisionen zu
je 3 Brigaden basierte.
Hampton und Fitz Lee, die von Stuart als Divisionskommandeure vorgeschlagen
worden waren, kletterten am 3. September 1863 eine Sprosse auf der militärischen
Rangleiter nach oben. Beide führten jetzt den Rang eines Major
General.
Durch eine zweckmäßige Verkleinerung der Brigaden und die
Versetzung des inkompetenten Robertson, taten sich auf Brigadeebene
gleich 4 Vakanzen auf. Allerdings gab es mehr befähigte Anwärter,
als freie Stellen zu besetzen waren, was folglich den Unmut der Offiziere
heraufbeschwor, die sich übergangen fühlten. Am lautesten
grollten Tom Munford, der wiederholt von Stuart zur Beförderung
empfohlen worden war, und Colonel Richard Lee Turberville Beale (1819-1893),
9th Virginias
Am 30. Juli 1863 wurden Laurence Simmons Baker (1830-1907, USMA 1851),
1st North Carolina, und Lunsford Lindsay Lomax (1835-1913,
USMA 1856), llth Virginia, zum Brigadier General befördert.
Am 2. September ging die gleiche Ehre an Matthew Calbraith Butler (1836-1909),
2nd South Carolina, und Williams Carter Wickham (1820-1888),
4th Virginia.
Am
9. September 1863 wurde das taktische Organisationsschema des neu geschaffenen
Kavallerie-Korps der Army of Northern Virginia bekanntgegeben:
1. Division (Hampton)
Brigade Jones: 6th, 7th, 12th Virginia, 35th Virginia Bataillon;
Brigade Baker: 1st, 2nd, 4th, 5th North Carolina;
Brigade Butler: Cobb's, Jeff Davis und Phillips Legions, 2nd South
Carolina.
2. Division (Fitz Lee)
Brigade W.H.F. Lee: 1st South Carolina, 9th, 10th, 18th Virginia;
Brigade Lomax: 1st Maryland Bataillon, 5th, llth, 15th Virginia;
Brigade Wickham: 1st, 2nd, 3rd, 4th Virginia.
„Rooney" Lees Brigade befand sich weiterhin in den bewährten
Händen von John R. Chambliss, der endlich im Januar 1864 zum Brigadier
General und permanenten Brigadeführer ernannt wurde.
Da Baker und
Butler während des letzten Feldzuges schwer verwundet worden waren
- Baker kehrte tatsächlich nicht mehr zurück - und auf unbestimmte
Zeit vom aktiven Felddienst fernbleiben würden, mußte temporärer
Ersatz her: Ende September/Anfang Oktober 1863 machte Davis Janes Byron
Gordon (1822-1864),
1st North Carolina, und Pierce Manning Butler Young (1836-1896),
Cobb's Legion, zu Brigadier Generals. Gordon übernahm
Bakers Brigade und Young die von Butler.
Gleichzeitig wurde „Grumble" Jones wegen Insubordination
vor ein Kriegsgericht gestellt, seines Kommandos entbunden und nach
West Virginia versetzt. Neuer offizieller Kommandeur der „Laurel
Brigade" im Rang eines Brigadiers wurde der flamboyante Thomas
Lafayette Rosser (1836-1910), 5th Virginia.
Und Stuart? Der frischgebackene Korps-Kommandeur hatte auf eine Beförderung
zum Lieutenant General, dem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Dienstgrad
eines Korpsführers, spekuliert. Doch er ging leer aus. Und seine
Enttäuschung war entsprechend groß.
Es existieren
keine Unterlagen, die darauf hinweisen, daß Lee eine solche Beförderung
in Erwägung gezogen oder Stuart für eine solche vorgeschlagen
hätte.
„ Dies richtete sich nicht gegen Stuart persönlich. Für
ihn hegte Lee liebevollen Respekt. In der Konsequenz ist die wahrscheinlichste
Erklärung, daß Lee nicht glaubte, der Kommandant der Kavallerie
trage in gleicher Weise Verantwortung wie die Männer, die die Infanteriekorps
führten. Es war niemals Lees Neigung, Ehrentitel zu verteilen oder
Ränge zu verleihen, die nicht notwendig waren, um Ergebnisse zu
erzielen."
Stuart besaß weiterhin das Wohlwollen und das Vertrauen seines
Armeebefehlshabers. Auf dem Rückzug von Gettysburg hatte Lee an
ihn geschrieben:
„ Ich verlasse mich auf Ihr gutes Urteil, Ihre Energie und
Kühnheit ... und vertraue darauf, daß sie ebenso erfolgreich
sein werden wie bei früheren Gelegenheiten."
Neben aufkommender Eifersüchteleien
im Offizierskorps, die zu ungewohnter Disharmonie führten, verschärft
durch die anhaltende Kritik über seinen „Part" in der
Gettysburg-Kampagne, sah sich Jeb Stuart im Herbst 1863 einer Reihe
von administrativen Problemen ausgesetzt. Kurzum, der Nachschub an Pferden
und Futter sowie Lebensmitteln und Waffen für seine Soldaten fing
an, in zunehmendem Maße knapp zu werden.
Konföderierte Kavalleristen gingen mit ihren eigenen Pferden zur
Armee. Wurde ein Pferd im Kampf verwundet oder anderweitig für
den Dienst untauglich, war der „Reiterlose" gezwungen, sich
zu Hause, das heißt in seinem Heimatstaat, ein Ersatzpferd (Remonte)
zu beschaffen. Die Betroffenen waren dann oft monatelang von der Truppe
abwesend, so daß die Effektivstärke von Stuarts Korps bis
auf 86% im September 1863 sank.
Ein weiterer Hauptgrund für die hohe Ausfallrate war der schlechte
Gesundheitszustand der Pferde, die vor allem in den Wintermonaten unter
einem chronischen Futtermangel litten. Während die Vierbeiner der
Yankee-Kavallerie am Tag 10 Pfund Korn mampften, begnügten sich
die Pferde der Rebellen mit dem Abknabbern von Baumrinde.
General Lee depeschierte an Präsident Davis: „An manchen
Tagen erhalten wir ein Pfund Mais pro Pferd, an manchen mehr, an manchen
nichts. Unser Limit ist fünf Pfund pro Tag und pro Pferd.
Um die Bewaffnung
von Stuarts Reitern war es auch nicht zum Besten bestellt. Importierte
Kavalleriekurzgewehre waren von jeher eine Rarität, die aus den
eigenen Fabriken taugten nicht viel, und die langläufigen Infanteriegewehre
wurden glattweg abgelehnt. Da die Taktik des „Dismounted Fighting"
immer stärker zunahm, waren die waffentechnisch besser ausgerüsteten
Yankees, die häufig über Repetier-Karabiner verfügten,
den Rebellen überlegen, zumal über eine Entfernung von mehreren
hundert Yards Revolver und Säbel herzlich wenig nutzten.
Während sich Stuart über diese Dinge den Kopf zerbrach, ging
der Krieg weiter. Nach Gettysburg kam es zwischen Lee und Meade von
September bis November 1863 zu ergebnislosem Schattenboxen - die Bristoe-
und Mine-Run-Kampagnen waren, grob skizziert, mißglückte
strategische Flankierungsmanöver, die in taktischer Hinsicht zu
keinem Gefecht größeren Ausmaßes führten.
Die Reiterei beider Heere arbeitete während des stetigen „Hin
und Hers" unter kontinuierlichem Hochdruck: Rekognoszierungen und
Gegenrekognoszierungen, Sondierungsangriffe und Bedeckungsaufgaben lösten
sich ab, gespickt mit klassischen Kavalleriegefechten, in denen auch
abgesessen gekämpft wurde, die sich am 13. September und 11. Oktober
1863 zwischen Culpeper und Brandy Station entspannen, die aber ohne
entscheidende Bedeutung waren.

Gegen Ende der Bristoe-Kampagne
brachte Stuart am 19. Oktober 1863 das seltene Kunststück fertig,
eine komplette Division der Yankee-Kavallerie unter
<<< General J. Kilpatrick
bei Buckland's Mill in einen panisch flüchtenden Mob zu verwandeln.
Die geschlagenen Nordstaatler, die ihr Heil in der Flucht suchten, wurden
über fünf Meilen von den johlenden Rebellen verfolgt. Stuarts
Behauptung war durchaus „durch die Tatsache der Flucht des
Feindes gerechtfertigt, ... die bemerkenswerteste und vollständigste,
die eine Reitertruppe während des Krieges erleiden mußte."
Stuart war nunmehr
seit über zwei Monaten ein Korps-Kommandeur. Logischen Überlegungen
zufolge, bestand seine Hauptaufgabe darin, die Bewegungen seiner beiden
Divisionen und deren sechs Brigaden im Felde zu koordinieren. Im Mine-Run-Feldzug
aber, in dem die Kavallerie weniger gefordert wurde, ignorierte Stuart
die neue Kommandostruktur und führte eine von Hamptons Brigaden
persönlich ins Gefecht, jedoch ohne den Divisionär, dessen
Aufgabe es war, seine Brigaden zu befehligen, davon in Kenntnis zu setzen.
Stuart argumentierte, taktische Umstände hätten sein Eingreifen
unbedingt erfordert. Organisation hin, Organisation her, Stuart schien
es als seine Pflicht anzusehen, die Befehlsgewalt über sämtliche
Kavallerieeinheiten auszuüben, wo und wann er dies für notwendig
hielt.- Durch sein eigensinniges Handeln aber, „verursachte er
ziemliche Zweifel an seiner Fähigkeit und Bereitwilligkeit, die
Führung der neuen Kavallerieorganisation zu übernehmen."
Yellow
Tavern
Im März
1864 wurde Ulysses S. Grant, der 1863 an der Westfront zwei strategisch
relevante Erfolge an seine Fahnen hatte heften können, zum Lieutenant
General und Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte der Union ernannt.
Grant schlug sein Hauptquartier bei der Army of the Potomac (ca. 115´000
Mann) auf. Meade blieb zwar nominell Befehlshaber dieser Armee, aber
Grant zeichnete für das strategische Konzept verantwortlich.
Grant war ein harter Kriegsmann. Seine Einsetzung zum obersten Truppenführer
der Nordstaaten bezeichnete den Beginn eines neuen militärischen
Zeitalters. Das Gesicht des Krieges begann sich zu ändern: „Es
wurde ein hemmungsloser, brutaler, regelloser Kampf, in dem es keinen
Platz mehr gab für gefiederte, seidengefütterte Umhänge
oder ehrenvolle, wagemutige Taten.
Dies widerspiegelte
sich unter anderem auch in Grants Wahl eines neuen Kommandeurs für
das Kavallerie-Korps der Potomac-Armee. Grant berief General Phil Sheridan,
einen aggressiven und hartgesottenen Säbelrassler mit Killerinstinkt,
der die grundsätzliche Vorstellung hegte, seine Kavallerie (ca.
11´000 Mann) zu konzentrieren, um mit ihr auf Stuart loszugehen
und diesen zu „zerschmettern".
Jeb Stuart, der in Orange Courthouse überwintert hatte, verfügte
im Frühjahr 1864 über ca. 8´000 gefechtsbereite Reiter.
Trotz zunehmender Besorgnisse über den Nachwuchs an Remonten, Futter
und Waffen waren seine Männer für den bevorstehenden Feldzug
optimal vorbereitet. Die sogenannte Virginia-Überland-Kampagne
begann am 4. Mai 1864. Grant überquerte an diesem Tag den Rapidan
und verfing sich in derselben dschungelartigen Wildnis, in der Hooker
ein Jahr zuvor gescheitert war. Da Robert Lee mit seiner Army of Northern
Virginia (ca. 60´000 Mann) ohne lange zu fackeln zum Angriff überging,
wurde Grants zahlenmäßige und materielle Überlegenheit
in dem bewaldeten und verwachsenen Gelände buchstäblich zunichte
gemacht.
Vom 5. bis 7.
Mai 1864 wütete die Schlacht in der „Wilderness", die
mit taktischen Vorteilen für die Konföderierten endete. Grant
mußte doppelt so hohe Verluste einstecken als sein Kontrahent.
Die Kavallerie der gegnerischen Armeen war an diesen blutigen Mai-Tagen
primär zur Abschirmung der Infanterie sowie zum Schutz des Nachschubtrains
und der Verbindungslinien eingesetzt. Ansonsten hatte sie keinen wesentlichen
Anteil an den Kampfhandlungen, zumal das ungünstige Terrain kaum
Raum für traditionelle Kavalleriemanöver hergab. Einzige taktische
Alternative war, abzusitzen und nach dem Vorbild berittener Infanterie
den Kampf „zu Fuß" fortzusetzen.
Anstatt
sich zurückzuziehen und seine Wunden zu lecken, marschierte Grant
weiter nach Süden und versuchte Lees rechte Flanke zu umgehen.
Dabei steuerte er die strategisch bedeutende Straßenkreuzung von
Spotsylvania Courthouse an, wo er sich zwischen Lee und Richmond plazieren
wollte. Lee erahnte Grants Strategie, und es kam regelrecht zu einem
Wettrennen nach Spotsylvania, das die Konföderierten am 8. Mai
gewannen.
Stuarts Aufklärungsaktivitäten hatten Lees Vermutung über
Grants Bewegung bestätigt. Beim Marsch der Infanterie nach Süden
setzte Stuart die eine Hälfte seiner Kavallerie zum Flankenschutz
und zur Säuberung der Front ein, während die andere Hälfte
vorauseilte, um den Vormarsch der Yankee-Kavallerie und der nachrückenden
Infanterie aufzuhalten. Verstärkt durch die Vorhut von Lees Fußsoldaten,
hielten Stuarts abgesessene Reiter Spotsylvania, bis das Gros vom I.
Korps eingetroffen war. Es war ein großer Tag für die Südstaatenkavallerie.
Am
frühen Morgen des 9. Mai 1864 erfuhr
Stuart, daß Sheridans
gesamtes Korps die Linien bei Spotsylvania verlassen hatte und nach
Süden marschierte. Sheridan hatte von Grant den Auftrag erhalten
Lees Kommunikationslinien südlich von Richmond zu bedrohen und
Stuarts Kavallerie zu schlagen. Nach den Erfahrungen der vergangenen
Tage, die für Sheridan reichlich frustrierend gewesen waren,
war dies die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte.
Wie das US-Oberkommando vermutet hatte, nahm Stuart mit 4´500 Mann,
Lomax' und Wickhams Brigaden aus Fitz Lees Division und Gordons
Brigade aus Hamptons Division, umgehend die Verfolgung auf. Hampton
und die
restlichen drei Brigaden ließ er zur Deckung von Lees Flanken
bei Spotsylvania zurück.
Stuart schickte Gordons Brigade den Yankees hinterher, während
er mit den Brigaden von Lomax und Wickham (ca. 3´000 Mann) einen anderen
Weg einschlug, der ihn über Hanover auf die Telegraph Road brachte.
Es war seine Absicht, sich zwischen Sheridan und Richmond zu schieben.
Stuart hatte es eilig.
Er trieb seine Männer nahezu pausenlos
an und erreichte am Morgen des 11. Mai 1864 als erster Yellow Tavern,
sechs Meilen von Richmond entfernt, wo er eine konkave Defensivlinie
bildete.
Sheridan erreichte am Mittag Yellow Tavern. Wenn Richmond sein
oberstes Ziel gewesen wäre, hätte er Stuarts Einheiten leicht beiseite
fegen können. Doch Sheridan wollte Stuart empfindlich treffen,
ihn „aus seinen Stiefeln schlagen". Zwei Stunden lang formierte
der kurzbeinige Yankee seine Truppen zum Gefecht. Mit 4 Brigaden stürzte
er sich schließlich auf die Rebellen, die verzweifelten Widerstand
leisteten.
Der Kampf tobte hin und her. Gegen 16.00 Uhr griff General George
A. Custers Michigan Brigade Stuarts Linke an und überrannte
eine Artillerie-Sektion. Die 1st Virginia Cavalry, die Stuart in
Reserve
gehalten hatte, trat zum Gegenangriff an und trieb den Feind zurück.
Während
Stuart seine Männer anfeuerte, schoß ihm ein vorbeilaufender
Yankee-Trooper aus nächster Nähe eine Kugel in die rechte
Seite.
Nach Stuarts Verwundung übernahm Fitz Lee, der Ordnung zu schaffen
versuchte, das Kommando. Aber die Linien der Konföderierten gaben
bald nach und zerbrachen. Lee mußte den Rückzug antreten.
Ein triumphierender Sheridan setzte seinen Marsch gen Süden fort.

Lebensgefährlich
verwundet, war General Stuart nach Richmond gebracht worden, wo er am
12. Mai 1864 gegen 7.38 Uhr sein junges Leben aushauchte.
Seine letzten Worte waren:
„Ich sterbe jetzt bald. Ich habe aufgegeben. Gottes Wille
geschehe."
Am folgenden
Tag wurde er im Hollywood Cemetery mit allen militärischen Ehren
beigesetzt.
In General Robert
E. Lees Generalorder zum Tode Stuarts hieß es:
„Unter den mutigen Soldaten, die in diesem Krieg gefallen
sind, war General Stuart unübertroffen an Tapferkeit, Eifer und
unermüdlicher Hingabe zu seinem Land. Seine Leistungen bilden einen
unübersehbaren Teil der Geschichte dieser Armee, mit der sein Name
und Dienst für immer verbunden sein werden.„
Privat klagte Lee:
„Er brachte mir niemals eine falsche Information. Ich kann
kaum an ihn denken, ohne zu weinen."
Nach „Stonewall"
Jacksons tragischem Ende ein Jahr zuvor war Stuarts Ableben der
personell und moralisch wohl härteste Schlag für die Konföderation,
Lee und die Army of Northern Virginia.
„Viele
glaubten, ... daß er seine Unzulänglichkeiten und Fehler
hatte", schrieb ein moderner Autor.
„ Seine strategischen Fähigkeiten waren bescheiden, aber
sein taktisches Gefühl und vor allem seine Führungsqualitäten
waren superb. Wie gut oder wie schlecht es ihm im letzten Jahr des Krieges
ergangen wäre, inwieweit er fähig gewesen wäre, seine
Energie, seine Findigkeit angesichts der immer grimmigeren Realitäten
in den letzten Monaten vor dem Zusammenbruch zu erhalten, ist nicht
zu beantworten.
Seine Nachfolger waren Kavalleristen mit außergewöhnlichen
Fähigkeiten. Aber im eigentlichen Sinn hatte Stuart keine Nachfolger.
Er war einzigartig. Es gab nur einen Jeb Stuart, und zweifellos gehört
er in den Pantheon des Südens an die Seite der Generäle Lee
und Jackson."
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