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Copyright © 1992 by VERLAG FÜR AMERIKANISTIK D. KUEGLER, 25931 Wyk auf Foehr
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© NORD & SÜD, Stefan Papp, jr., General J.E.B. Stuart - Militärische Biographie -
Veröffentlichungen: United States Army Center of Military History
sowie zeitgenössische Dienstvorschriften der United States Army


CSA - General
J. E. B. Stuart
Militärische Biographie


General J. E. B. Stuart

 

Seite 2

 

 

Kelly's Ford

Im Januar 1863 wurde Burnside seines Postens als Kommandeur der Army of the Potomac enthoben und durch Major General Joseph Hooker ersetzt. Der neue Mann bewältigte binnen weniger Wochen eine mustergültige Reorganisation seiner desolaten Armee.
Die wohl wichtigste von Hooker getroffene Maßnahme betraf die Kavallerie. Bislang über die gesamte Armee zerstreut, wurde sie im Februar zu einem geschlossenen Kampfverband auf Korps-Basis zusammengefaßt. Hooker beabsichtigte, seine revitalisierte Reiterei zu einer eigenständigen Waffe zu formen, die wie Stuarts Kavallerie dazu befähigt war, auch losgelöst von der Infanterie auf eigene Faust zu operieren.
Jeb Stuart hatte den Winter 1862/63 über die Rappahannock-River-Linie mit seiner Kavallerie bewacht. Das Gros seiner Truppen war bei Culpeper konzentriert, mit Gordonsville als Versorgungsbasis.
Für den ersten nennenswerten Kavallerie-Streifzug des Jahres 1863, der Konsequenzen nach sich ziehen sollte, sorgte Stuarts Freund, General Fitz Lee. Am 25. Februar überfiel er mit 400 Reitern die Yankee-Kavallerie bei Hartwood Church. Er zwang den Feind zur Flucht und machte über 150 Gefangene.
Der erboste General Hooker befahl seinen Reitergenerälen, die Rebellenkavallerie für diesen jüngsten Übergriff zu bestrafen. Die Belästigungen hätten ein für allemal aufzuhören.

Am 17. März 1863 erkämpfte sich US-General W. W. Averell an der Spitze von 2´000 Berittenen den Weg über den Rappahannock River. Fitz Lee, der vergeblich versucht hatte, die Yankees am anderen Flußufer festzunageln, sammelte sein Kommando (ca. 800 Mann) und stürzte sich gegen Mittag auf den Feind.
Es entwickelte sich ein schwungvolles Reitergefecht klassischen Stils, das fünf Stunden lang dauerte. Averell konnte die Konföderierten eine Meile zurückwerfen - ein Virginia-Regiment geriet dabei sogar in Panik. Lee startete einen vehementen Gegenschlag, doch die Linien der Yankees hielten stand. Gegen 17.30 Uhr ging Averell ungeschlagen über den Fluß zurück. Im historischen Rückblick sollte Fitz Lees Anspruch auf den Sieg daher nicht so wörtlich genommen werden. Stuart sprach ihm jedenfalls ein großes Lob aus.
Averells Verluste beliefen sich auf 78, die der Südstaatler auf 133 Mann. Unter den Toten befand sich der Chef von Stuarts Pferde-Artillerie, Major John Pelham.
Kelly's Ford, „ein hilfreicher und ermunternder Schritt in die richtige Richtung", zeigte, daß auch die Unions-Kavallerie, wenn ihre Kräfte gebunden waren, als Offensivwaffe wirksam eingesetzt werden konnte. Die Tage der absoluten Feldüberlegenheit von Stuarts „Unbesiegbaren" schienen gezählt.


Chancellorsville


CSA-General Benjamin McCulloch


Eingebunden in eine umfassende strategische Flankenbewegung, überschritten am 29. April 1863 Vorhutkontingente von Hookers Army of the Potomac die Flüsse Rappahannock und Rapidan und stießen in ein undurchsichtiges, dschungelartiges Areal vor, das als „Wilderness" bekannt war, etwa zehn Meilen westlich von Fredericksburg, wo General Lee das Gros seiner Armee (ca. 60´000 Mann) konzentriert hatte. Gegen Abend hatte Hooker ca. 75´000 Mann bei Chancellorsville, einem wichtigen Straßenknotenpunkt, zusammengezogen, während eine zweite Truppenmacht Fredericksburg bedrohte.

Den größten Teil seines Kavallerie-Korps, befehligt von General George Stoneman, hatte Hooker zur Zerstörung von Lees Kommunikationslinien ins feindliche Hinterland geschickt. Die Expedition stellte sich im nachhinein als strategisch völlig nutzlos heraus. Hooker hätte besser daran getan, seine Kavallerie zum Schutz der Flanken beim Hauptheer zu belassen.

Es war Stuart gewesen, der General Lee über den Vormarsch von Hookers Flankenkolonne in Kenntnis gesetzt hatte. Da „Grumble" Jones sich nach wie vor im „Valley" befand und Hamptons Brigade auf „Erholungsurlaub" war, konnte Stuart lediglich auf die Brigaden der beiden Lees (ca. 2´000 Mann) zurückgreifen, minus die beiden Regimenter unter General W.H.F. Lee, der am 29. April von seinem Vater beauftragt worden war, sich auf Stonemans Fersen zu heften.

Mit Hooker auf der linken Flanke, schwebte die Army of Northern Virginia in höchster Gefahr. Um dieser Bedrohung zu begegnen, besann sich Lee, gemäß der Weisheit, daß außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Entscheidungen erfordern, auf einen tollkühnen Schlachtplan. 10´000 Mann ließ er in Fredericksburg zurück, um den Feind dort zu binden, und die restlichen 50´000 Mann führte er Hookers Hauptmacht entgegen.
In der Nacht zum 1. Mai 1863 kämpfte Stuart, der Lees linke Flanke deckte, gegen die Yankee-Kavallerie bei Todd's Tavern. Nach dem Eintreffen von General Lee postierte dieser zwei von Stuarts Regimentern auf seiner rechten und Fitz Lees Brigade auf seinem linken Flügel.
Hooker höchstpersönlich brachte seine glänzend geplante und bisher durchgeführte Offensive am 1. Mai zum Stehen. Mental erschüttert über den hartnäckigen Widerstand, den die graue Infanterie leistete, die sich ihm entgegenstellte, verlor Hooker im kritischen Augenblick die Nerven und ging trotz der Proteste seiner Korpsführer auf Chancellorsville zurück. Mit seiner fatalen Entscheidung, den Feind in der „Wilderness" zu erwarten, hatte er den Vorteil seiner Überlegenheit an Fußtruppen und Artillerie kläglich verspielt. Die Initiative lag jetzt bei Lee.

Lee und sein brillanter Unterführer „Stonewall" Jackson hielten Kriegsrat. Ein Frontalangriff auf Hookers gut befestigte Stellungen schied aus. Schließlich gesellte sich Jeb Stuart zu den beiden und berichtete erfreut, Fitz Lee, unbelästigt von feindlicher Kavallerie - Hookers Fehler, seine Kavallerie wegzuschicken, rächte sich jetzt -, hätte ausgekundschaftet, daß der rechte Flügel der Yankee-Armee „in der Luft hing", also verwundbar für eine taktische Flankenbewegung war.
Auf Lees Geheiß ließ Jackson von seinen Stabsoffizieren eine Marschroute ausarbeiten, um einen Angriff auf die ungeschützte Rechte der Union durchzuführen. Am Morgen des 2. Mai marschierte Jacksons IL Korps (ca. 25´000 Mann) los, angeführt von Stuart und seiner Kavallerie.
Gegen 15.00 Uhr war die Flankenkolonne am Ziel. Zwei Stunden lang formierte Jackson seine 3 Divisionen in Schlachtlinie und griff an. Die Rechte der verdutzten Yankees wurde innerhalb weniger Minuten wie eine nasse Decke aufgerollt. Während die Schlacht tobte, erhielt Stuart von Jackson die Erlaubnis,  in Kooperation mit der Infanterie Ely's Ford zu besetzen.
Tod "Stonewall" Jackson´s

Stuart bereitete gerade den Angriff auf ein ahnungsloses Unionslager vor, als ein Kurier ihn erreichte. Jackson war schwer verwundet worden
( er starb acht Tage später an einer Lungenentzündung )und sein Stellvertreter A. P. Hill leicht.
Als ranghöchster Feldkommandeur, der unmittelbar zur Verfügung stand, erhielt Stuart von Hill die Order, das Kommando über das II. Korps zu übernehmen.

Stuart reformierte Jacksons Korps und führte am Morgen des 3. Mai 1863 weitere kräftige Hammerschläge auf Hookers zusammengezogene Gefechtslinie. Als die Yankees ihre Defensivposition bei Hazel Grove aufgaben, brachte Stuart auf einer Anhöhe 50 Geschütze in Stellung. Mit einem massierten Artilleriefeuer gelang es den Konföderierten, die Unionstruppen aus Chancellorsville zu vertreiben.

Hooker, der wie am Boden zerstört war, bildete eine neue, vorzügliche Defensivlinie. In der Nacht zum 6. Mai 1863 leitete er aber den endgültigen Rückzug ein, was dem Eingeständnis einer Niederlage gleichkam.

Chancellorsville und dem Tod „Stonewall" Jacksons folgte eine zweckbedingte Reorganisation der Army of Northern Virginia. Die Infanterie wurde in drei Korps aufgegliedert. Longstreet befehligte weiterhin das 1. Korps, Richard S. Ewell übernahm Jacksons 11. Korps und A. P. Hill erhielt das neu konstituierte III. Korps. Stuart, der sich schon als permanenten Nachfolger des toten „Stonewall" gesehen hatte, blieb Lees „Chief-of-Cavalry". Seit Hooker seine Reitereinheiten zu einem Korps konsolidiert hatte, die nach Stuarts Vorbild in massierter Form auftraten, war General Lee bestrebt, die Kavallerie-Komponente seiner eigenen Armee aufzustocken.

Die detachierte „Laurel" Brigade unter General Jones wurde aus dem Shenandoah-Tal zurückbeordert und der im Herbst 1862 nach North Carolina abgeschobene Beverly H. Robertson brachte zwei Regimenter nach Virginia, die aber ohne praktische Kampferfahrung waren.
Ende Mai 1863 verfügte Stuarts Kavallerie-Division, die in 5 Brigaden, 18 Regimenter, 3 Legionen und 2 Bataillone zerfiel,
ü ber eine Effektivstärke von etwa 9´500 „Säbeln":
Brigade Hampton: 1st North Carolina, Ist, 2nd South Carolina, Cobb's, Jeff Davis' und Phillips' Legions;
Brigade Fitz Lee: 1st, 2nd, 3rd, 4th, 5th Virginia, Ist Maryland Bataillon;
Brigade W. H. F. Lee: 2nd North Carolina, 9th, lOth, 13th Virginia;
Brigade Robertson: 4th, 5th North Carolina;
Brigade Jones: 6th, 7th, 11th, 12th Virginia, 35th Virginia Bataillon.
Berittene Artillerie (Beckham): Batterien von Breathed, McGregor, Griffin, Hart und Moorman. 20 Geschütze.


Brandy Station

 

Selbst der überragende militärische Erfolg Lees bei Chancellorville, der der Moral in Heer und Bevölkerung zu einem erneuten Höhenflug verhalf, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Konföderation im Frühjahr 1863 im Begriff war, von ihren schwerwiegenden Problemen gewissermaßen langsam, aber sicher erdrückt zu werden. Die nördliche Überlegenheit an Menschen- und Kriegsmaterial wurde an allen Fronten bemerkbar, verschlimmert durch die Seeblokkade der südlichen Häfen und ein Ansteigen der Inflationsraten.
Das konföderierte Oberkommando, Präsident Davis und sein Kabinett, sowie hochrangige Militärs, trafen in Richmond zusammen, um die augenblickliche strategische Lage zu erörtern. General Lee, der über ein hohes Prestige verfügte, sprach sich gegen strategische Optionen aus, denen zufolge erhebliche Teile seiner Armee an die Westfront verlegt werden sollten. Weder eine Verstärkung der zahlenmäßig unterlegenen Armee von General Braxton Bragg in Middle Tennessee noch der Entsatz der strategisch und psychologisch bedeutsamen „Flußfestung" Vicksburg, die von den Nordstaatlern eingeschlossen worden war, sagten ihm zu.
Lee hingegen argumentierte für eine weitere Invasion nach Norden, mit der er ähnliche strategische Ziele verfolgte wie in der Antietam-Kampagne. Nach langwierigen Diskussionen gelang es ihm, sich durchzusetzen. Die Regierung sanktionierte seine Offensive.

Brandy Station, Virginia

Am 3. Juni 1863 verließen Vorhut-Einheiten der Army of Northern Virginia die Stellungen bei Fredericksburg. Hills III. Korps blieb zunächst zurück, um die Yankees zu täuschen und in seiner Front zu binden. Bereits am 8. Juni hatte Lee das 1. und II. Korps und Stuarts Kavallerie östlich der Blue Ridge Mountains bei Culpeper Courthouse konzentriert.

Am 5. Juni 1863 führte Stuart eine spektakuläre Inspektion seiner Kavalleriedivision durch. General Lee, für den drei Tage später das Schauspiel, obgleich weniger eindrucksvoll inszeniert, wiederholt wurde, schrieb an seine Frau:
„ Ich inspizierte gestern die Kavallerie in dieser Sektion. Es war ein prachtvoller Anblick. Männer und Pferde sahen gut aus ...
Stuart erschien in all seinem Glanz."
Am Abend des 8. Juni kontrollierten Stuarts Brigaden, die weit voneinander getrennt postiert waren, die Furten über den Rappahannock River. Stuart wägte sich in trügerischer Sicherheit. Mit einem Angriff der Yankees rechnete er nicht.

Sträfliche Selbstüberschätzung und eine symptomatische Verachtung für die Yankee-Kavallerie hatten ihn leichtsinnig werden lassen. Als General Hooker die Meldung erhielt, daß Stuart seine Reiterei zwischen Brandy Station und Culpeper massiert hätte, glaubte er an die Vorbereitung eines weiteren „Raids". Um einen solchen zu verhindern, beauftragte er seinen neuen „Chief-of-Cavalry", General Alfred Pleasonton, die in Culpeper versammelte Reiterstreitmacht mit einem kräftigen Präventivschlag in sämtliche Winde zu zerstreuen oder besser noch, zu vernichten.
Pleasonton machte sein Kavallerie-Korps (8´000 Mann in 3 Divisionen), das durch zwei Infanterie-Brigaden (3´000 Mann) verstärkt wurde, marschbereit und verließ Falmouth am 8. Juni 1863. Sein Schlachtplan sah vor, die Konföderierten am Morgen des 9. Juni in zwei Kolonnen in einer Zangenbewegung über den Rappahannock
River anzugreifen.

Eingehüllt in einen dichten Morgennebel sprengten die Unionsreiter gegen 4.30 Uhr morgens über den Fluß. General John Bufords Division, die bei Beverly's Ford übersetzte, überraschte die Vorposten von „Grumble" Jones. Buford gelang es, die Lager von Jones' Brigade zu überrennen und 150 Mann gefangenzunehmen. Die verdutzten Graujacken gruppierten um und kämpften erbittert um jeden Fußbreit an Boden, bevor sie auf Brandy Station zurückgingen.
Einige Stunden später wurden vier Meilen flußabwärts, bei Kelly's Ford, auch Robertsons Vorposten von US-General D. McM. Gregg beiseite geschoben, der seine Division mit der von Buford vereinigen wollte. Eine dritte Kolonne der Yankees, eine schwache Division unter Colonel A.N.A. Duffie, hing Greggs Kommando hinterher. Duffie war auf den falschen Weg geraten und hatte tatsächlich keinen direkten Anteil am Kampfgeschehen bei Brandy Station.
Stuart, der von dem anhaltenden Gewehrfeuer geweckt worden war, unternahm sofort eine Konzentration seiner zerstreuten Brigaden. Er schickte Hamptons Brigade Jones' bedrängten Reitern zur Hilfe. Gemeinsam versuchten die Rebellen, Bufords Truppen niederzukämpfen. Buford konnte schließlich die rechte Flanke der Rebellen umgehen und galoppierte mit seinem gesamten Kommando in Richtung Fleetwood Hill, wo Stuart sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.
Die Konföderierten konnten die Yankees nach verbissenen Kämpfen zurückwerfen. Doch dann erschien General Greggs Kommando, und die Schlacht wurde in aller Heftigkeit wieder aufgenommen. Hampton startete einen Gegenangriff und brachte Fleetwood Hill nach weiteren Attacken, gefolgt von wütenden Gegenangriffen, für die Südstaatler unter Kontrolle.

Als zwei konföderierte Infanteriebrigaden auf der Bildfläche erschienen, gab General Pleasonton, der seiner „Zerstör- und Zerstreu-Mission" nicht hatte gerecht werden können, seinen Truppen den Befehl zum Abzug.
Auf taktischem Level „stellte die Schlacht ein wildes Gemenge eines berittenen Kampfes im alten Stil dar, in dem Säbel und donnernde Pferdehufe Teile des Hauptschlachtfeldes beherrschten. Aber auf größeren Teilen des Feldes fochten unberittene Soldaten heftig, und Feuerwaffen verursachten weit mehr Wunden als blanke Waffen."
Die Verluste der Union beliefen sich auf 936 Mann, die von Stuart auf 523 Mann, darunter „Rooney" Lee, der später in Gefangenschaft geriet. Das temporäre Kommando seiner Brigade übernahm Colonel John Randolph Chambliss, Jr., (1833-1864, USMA 1853), 13th Virginia.
In einer Glückwunschadresse beanspruchte Stuart den Sieg für sich und seine Division. Denn schließlich hatten er und seine Reiter das Schlachtfeld behauptet. Aber streng taktisch gewertet war der Ausgang des größten Reitergefechts, das auf nordamerikanischem Boden ausgefochten wurde, unbestimmt. Es gab weder einen klaren Sieger noch Verlierer.

Brandy Station - cabin
Stuart war überrascht und ausmanövriert worden, was er aber nicht eingestehen wollte. Die Yankees, die ihn in arge Verlegenheit gebracht hatten, hätten ihm mit mehr Entschlossenheit eine schmachvolle Niederlage zufügen können. Innerhalb wie außerhalb der Armee setzte es herbe, oftmals demütigende Kritik. Bislang gefeiert und hochgejubelt, kriegte auch Stuart die Launenhaftigkeit einer unerbittlichen Öffentlichkeit zu spüren.
Ein Militärhistoriker bezeichnete Stuarts Führerschaft bei Brandy Station als „größtenteils hervorragend". „Er reagierte schnell auf jede Bedrohung, bewegte die Einheiten in wirksamer Weise, um den nacheinander auftretenden Gefahren zu begegnen, und zeigte persönlich ein Beispiel von Kaltblütigkeit und Tapferkeit unter den schwierigsten Umständen.

Am wichtigsten aber war, daß Stuart Lees Infanterie vor den Augen der Yankees erfolgreich abgeschirmt hatte. In kavalleristischer Hinsicht brachte Brandy Station eine entscheidende strategische Konsequenz mit sich: Mehr denn je war mit der Kavallerie der Army of the Potomac als kohäsive und entschlossen agierende Kampftruppe zu rechnen.
Stuarts Adjutant General, Henry B. McClellan, der es wissen mußte, schrieb Jahre später: „Ein Ergebnis von nicht kalkulierbarer Bedeutung folgte dieser Schlacht gewiß - s i e schuf die Unionskavallerie! Bis zu dieser Zeit zugegebenermaßen den südlichen Reitern unterlegen, gewann sie an diesem Tag das Vertrauen in sich selbst und in ihre Kommandanten, das sie befähigte, in den nachfolgenden Schlachten so stürmisch zu kämpfen."



 

Der Gettysburg-Raid

 

Am 10. Juni 1863 begann der Weitermarsch von Lees Armee nach Norden. General Ewell, der mit seinem Korps die Vorhut bildete, schaltete am 15. Juni bei Winchester eine größere Streitmacht der Union aus. Mit dem unteren Shenandoah-Tal von den Yankees gesäubert, überschritten Lees Truppen die Grenze nach Maryland.
Während des Vormarsches nach Pennsylvania kam es zwischen dem 18. und 21. Juni 1863 bei Aldie, Upperville und Middleburg zu wiederholt heftigen Gefechten mit der Unionskavallerie.
Zwei zusätzliche Kavalleriekommandos von dubioser Qualität, die nicht unter Stuarts direktem Befehl standen, waren mittlerweile zu Lees Armee gestoßen. Es waren die Brigaden (7 Regimenter) der leidlich befähigten Brigadier Generals Albert Gallatin Jenkins (1830-1864) und John Daniel Imboden (1823-1895), die als Vorhut und zur Flankendeckung verwendet wurden.
Auf Stuarts Vorschlag erteilte General Lee am 22. Juni erneut die Order für einen „Raid". Der Auftrag sah im allgemeinen vor, die rechte Flanke der Armee zu decken (Ewells Korps), Informationen zu sammeln, Vorräte aus Feindesland zu ziehen und Angriffe auf sich bewegende Unionsinfanterie durchzuführen. Allerdings waren Lees Weisungen nicht eindeutig formuliert. Sie gaben Stuart hinreichenden Ermessensspielraum.
Daraus resultierte nach der Gettyburg-Kampagne eine kontrovers geführte Debatte, die bis auf den heutigen Tag anhält. Die beiden entscheidenden Fragen lauten, welche Absicht hinter den Befehlen Lees steckte und welche Bedeutung sie hatten, und ob Stuart dazu berechtigt war, die Befehle Lees so zu interpretieren, wie er es schließlich tat.

Camp der Nordvirginia-Kavallery                                                                                    
Doch Wortklaubereien und Auslegungen beiseite:
„ Tatsächlich gab Lee ihm die Entscheidungsfreiheit, die Route zu wählen, die er nahm, sowie die, die feindlichen Versorgungs- und Kommunikationslinien auf seinem Weg zur Vereinigung mit der Hauptarmee anzugreifen',
urteilte Stuart-Biograph Emory M. Thomas.

Der gründlichste Historiker der Army of Northern Virginia, der eminente Douglas S. Freeman, resümierte im Gegensatz dazu, daß Stuart nach Auswertung sämtlichen Materials „seine Hauptmission, sich zur rechten Flanke von Ewell zu begeben, mißachtete".

Am 25. Juni 1863 startete die Expedition. Mit sich führte Stuart die Brigaden von Hampton, Fitz Lee und Chambliss (Rooney Lee), sowie 6 Geschütze, alles in allem etwa 5´000 Mann. Robertson und Jones ließ er als „Augen und Ohren der Armee" und zur Deckung des Rückens und der Flanken beim Hauptheer zurück.
Die Konföderierten ritten von Salem südöstlich in die Bull Run Mountains. Östlich des Gebirges wurde Unions-Infanterie gesichtet, die Stuart unter Artillerie-Beschuß nahm. Dann ließ er sich zurückfallen und schickte seine Männer ins Biwak, da er eine handfeste Auseinandersetzung vermeiden wollte.

Am nächsten Tag schlug er einen Halbkreis um die sich bewegenden Fußtruppen der Union. Der Umweg führte ihn über Bristoe Station, Brentsville, Butler's Fork in nördliche Richtung nach Fairfax Courthouse, wo er einige Unionsreiter in die Flucht schlug. Am 27. Juni kreuzte Stuarts erschöpftes Kommando bei Rowser's Ford den Potomac River. In Rockville, Maryland, brachte Stuart den größten Teil eines feindlichen Armeetrains, 125 Wagen, in seine Gewalt (28. Juni 1863). Die Wagen stellten zwar überflüssigen Ballast dar, trotzdem beschloß Stuart, diese mitzuführen. Dies hatte zwangsläufig zur Folge, daß der Marsch unnötig verzögert wurde.
Am 29. Juni ritten die Raiders weiter nach Norden. Bei Hood's Mill demolierte Fitz Lees Kommando den Schienenstrang der Baltimore & Ohio Railroad. Überall wurden die Telegraphenleitungen gekappt. Gegen Mittag langte Stuart in Westminster an. Hier entbrannte ein lebhaftes Scharmützel mit der Yankee-Kavallerie, die bald den Rückzug antrat. In Union Mills wurde das Nachtlager aufgeschlagen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Stuart jeglichen Kontakt zur Rechten seiner Armee verloren. Er wußte nicht mal, wo das Gros von Lees Heeresmacht stand. Er tappte praktisch im Dunkeln.

Am Morgen des 30. Juni trafen die Konföderierten in Hanover auf eine feindliche Kavalleriedivision, die sofort zur Attacke überging. Der Angriff konnte abgewehrt werden. Wieder im Sattel, trieb Stuart seine Männer weiter vorwärts nach Nordwesten, bis sie endlich in Dover anlangten, wo am 1. Juli 1863 für mehrere Stunden gerastet wurde. Am 2. Juli führte der Marsch weiter nach Carlisle.
Noch am selben Abend erfuhr Stuart, daß Lee seine Armee 33 Meilen südwestlich bei Gettysburg, Pennsylvania, konzentriert hatte, wo ihr die Army of the Potomac, jetzt unter Major General G. G. Meades Befehl, gegenüberstand.
Während in Gettysburg seit dem 1. Juli eine Feldschlacht epischen Ausmaßes im Gange war, die eher zufällig entbrannt war, schlug sich Stuart in Carlisle mit Miliztruppen herum. Erst am Nachmittag des 2. Juli 1863 traf Stuarts Kavallerie auf dem Schauplatz des Geschehens ein. Als Stuart auf Seminary Ridge General Lee Meldung erstattete, bedachte dieser ihn - der Legende nach - mit den Worten: „Nun, General Stuart, da sind Sie ja endlich!"

Noch während des Bürgerkrieges und insbesondere in der „Postwar-Era" wurde Stuart, der sich harsche Kritik gefallen lassen mußte, neben anderen prominenten Generälen der Army of Northern Virginia - Longstreet, Ewell - für die Niederlage von Gettysburg mit verantwortlich gemacht, wobei es vordergründig darum ging, den kanonisierten Lee von sämtlicher Mitschuld an dem Debakel freizusprechen: Stuart wurde vorgeworfen, er habe Lee „blind und verwundbar" zurückgelassen und „ihn zu den Bedingungen, die für den Feind günstig waren, in die Schlacht hineinstolpern lassen „.
Nach einenm Stuart-Raid:  US-Handwerker reparieren eine zerstörte Bahnlinie

Dazu bemerkte der Historiker E. B. Coddington: „Wenn, wie Stuarts Ankläger behaupteten, die Abwesenheit der Kavallerie der Grund war, daß Lee bei Gettysburg überrascht wurde, übersahen sie zwei wichtige Elemente der Situation: Meade war ebenso überrascht, und die anfänglichen Vorteile lagen bei Lee. „
Henry B. McClellan traf den Nagel auf den Kopf, als er in Verteidigung seines Chefs schrieb: „Es war nicht der Mangel an Kavallerie, den General Lee beklagte, weil er genügend von ihr hatte (Jones und Robertsons Brigaden, Anm. d. Verf.), wenn diese nur richtig eingesetzt worden wäre. Es war die Abwesenheit von Stuart als Person, die er so schmerzlich empfand!"

Emory M. Thomas kommentierte: „Wäre sein Raid nicht so erfolgreich gewesen, hätte Stuart die Armee zur Zeit erreicht, um an der sich entwickelnden Schlacht teilzunehmen.
Aber Stuart bewegte sich zu langsam, auch schon bevor er den Wagenzug der Union erbeutete. Und nachdem er die Wagen einmal hatte, weigerte er sich, diese Beute aufzugeben. Er war gierig. Er unterschätzte klar die Notwendigkeit, sich zu beeilen, und er verrechnete sich gravierend in der Auswirkung seiner Trödelei auf den Feldzug.

 

Kavallerie-Feld Ost

General Lee war es am 2. Juli 1863 nicht gelungen, die Yankees trotz massierter Flankenangriffe aus ihrer defensiv-taktisch hervorragenden Position zu verjagen. Daher setzte er für den 3. Juli einen alles entscheidenden Sturmangriff an, berühmt geworden als „Pickett's Charge", der gegen das Zentrum der Union auf Cemetery Ridge gerichtet war.
„ Eine der großen Mythen der Schlacht von Gettysburg ist, Lee habe geplant, Stuart simultan zu Picketts Angriff Cemetery Ridge von hinten attackieren zu lassen. Es gibt keinen Beweis, der diese Theorie unterstützt. Eher scheint es, Lee habe Stuart lediglich zum Schutz seiner linken Flanke benötigt und ihn in einer Stellung gewünscht, von der er aus die Union im Rücken bedrohen und die - wie er hoffte - flüchtende Armee Meades belästigen konnte."
Stuarts Kommando, das ca. 6 bis 7´000 Mann zählte, verstärkt durch Jenkins Brigade, bezog am Morgen des 3. Juli entlang der Cress Ridge auf dem äußersten linken Flügel der Konföderierten, etwa vier Meilen südöstlich von Gettysburg, Stellung. Stuart gegenüber standen drei Reiterbrigaden (ca. 5´000 Mann) der Nordstaatler unter dem Oberbefehl des zuverlässigen General David Gregg.
Jenkins Brigade saß ab und diente als Köder für die Yankee-Reiter, während die restlichen drei Brigaden, verdeckt durch eine dichte Ansammlung von Baumgruppen, erst dann in Aktion treten sollten, nachdem der Feind nahe genug herangerückt war. Doch Jenkins Männer, denen schon bald die Munition ausging, wichen vor den Angreifern zurück, die zudem Artillerieunterstützung erhielten, so daß Stuart, früher als geplant, zur berittenen Attacke übergehen mußte. Hampton bildete die Speerspitze der südlichen Angriffswelle, gefolgt von Fitz Lee und Chambliss. Gregg konterte.

Georg A. Custer

Der verwegene General George A. Custer führte den Hauptstoß der Yankees gegen das Zentrum und die linke Flanke der Rebellen. Als die beiden Gefechtslinien aufeinandertrafen, kam es zu einem fürchterlichen Kavallerie-Melee klassischer Prägung.

Ein beteiligter US-Offizier berichtete: „Als die beiden Kolonnen aufeinander zurückten, wuchs bei jeder das Tempo. Ein jähes Krachen, wie das Umstürzen von Bäumen, bezeugte den Anprall. So plötzlich und gewaltig war der Zusammenstoß, daß viele Pferde umgerissen wurden und ihre Reiter unter sich begruben. Das Klirren der Säbel, das Krachen der Revolver, die Rufe nach Kapitulation und die gellenden Schreie der Kämpfer füllten die Luft."

Der furiose konföderierte Angriff wurde von den Nordstaatlern erfolgreich pariert. Am Abend hatten beide Parteien ihre ursprünglichen Ausgangspositionen inne. Taktisch gesehen war das Gefecht ein Patt. „Es hatte keinen wirklichen Einfluß auf die Schlacht von Gettysburg. Kurz, es war nur ein greller Nebenkriegsschauplatz." Greggs Verluste bezifferten sich auf 254 Tote, Verwundete, Vermißte oder Gefangene, die von Stuart betrugen 181 Mann. General Hampton war von mehreren Säbelhieben erheblich verwundet worden. Erst im November 1863 würde er den Dienst wieder aufnehmen können.
Lees heroischer, aber taktisch sinnloser Frontalangriff auf die Höhen der Cemetery Ridge war von einer standfesten Unionsinfanterie blutig abgeschlagen worden. Eine erwartete Gegenoffensive der Yankees blieb aus. Am 4. Juli traten die Rebellen den Rückzug nach Virginia an. Während die Konföderierten nach Süden retirierten, hielt Stuart, der Lee den Rücken und die Flanken deckte, die feindliche Kavallerie, die die Vorhut der Verfolger bildete, erfolgreich in Schach. Am 14. Juli 1863 kreuzte die Army of Northern Virginia den Potomac ins „Old Dominion". Der Pennsylvania-Feldzug war beendet.


Das Kavallerie-Korps, A.N.V.

 

Seit Mai 1863 hatte Stuart Lee gedrängt, die Reiterei zu reorganisieren. Stuart schwebte die Formierung eines Kavallerie-Korps vor, das 3 Divisionen umfaßte.
Lee ließ sich die Angelegenheit durch den Kopf gehen, und nach obligatorischer Rücksprache mit Präsident Jefferson Davis erhielt Stuart seinen Willen, auch wenn das neue Arrangement nicht ganz seinen Vorstellungen entsprach. Denn Lee und Davis hatten sich auf die Bildung eines Korps geeinigt, dessen Organisation auf 2 Divisionen zu je 3 Brigaden basierte.
Hampton und Fitz Lee, die von Stuart als Divisionskommandeure vorgeschlagen worden waren, kletterten am 3. September 1863 eine Sprosse auf der militärischen Rangleiter nach oben. Beide führten jetzt den Rang eines Major General.
Durch eine zweckmäßige Verkleinerung der Brigaden und die Versetzung des inkompetenten Robertson, taten sich auf Brigadeebene gleich 4 Vakanzen auf. Allerdings gab es mehr befähigte Anwärter, als freie Stellen zu besetzen waren, was folglich den Unmut der Offiziere heraufbeschwor, die sich übergangen fühlten. Am lautesten grollten Tom Munford, der wiederholt von Stuart zur Beförderung empfohlen worden war, und Colonel Richard Lee Turberville Beale (1819-1893), 9th Virginias
Am 30. Juli 1863 wurden Laurence Simmons Baker (1830-1907, USMA 1851), 1st North Carolina, und Lunsford Lindsay Lomax (1835-1913, USMA 1856), llth Virginia, zum Brigadier General befördert.
Am 2. September ging die gleiche Ehre an Matthew Calbraith Butler (1836-1909), 2nd South Carolina, und Williams Carter Wickham (1820-1888), 4th Virginia.

CSA General Wade Hampton, Stuart´s NachfolgerAm 9. September 1863 wurde das taktische Organisationsschema des neu geschaffenen Kavallerie-Korps der Army of Northern Virginia bekanntgegeben:
1. Division (Hampton)
Brigade Jones: 6th, 7th, 12th Virginia, 35th Virginia Bataillon; Brigade Baker: 1st, 2nd, 4th, 5th North Carolina;
Brigade Butler: Cobb's, Jeff Davis und Phillips Legions, 2nd South Carolina.
2. Division (Fitz Lee)
Brigade W.H.F. Lee: 1st South Carolina, 9th, 10th, 18th Virginia; Brigade Lomax: 1st Maryland Bataillon, 5th, llth, 15th Virginia;
Brigade Wickham: 1st, 2nd, 3rd, 4th Virginia.
„Rooney" Lees Brigade befand sich weiterhin in den bewährten Händen von John R. Chambliss, der endlich im Januar 1864 zum Brigadier General und permanenten Brigadeführer ernannt wurde.

Da Baker und Butler während des letzten Feldzuges schwer verwundet worden waren - Baker kehrte tatsächlich nicht mehr zurück - und auf unbestimmte Zeit vom aktiven Felddienst fernbleiben würden, mußte temporärer Ersatz her: Ende September/Anfang Oktober 1863 machte Davis Janes Byron Gordon (1822-1864),
1st North Carolina, und Pierce Manning Butler Young (1836-1896), Cobb's Legion, zu Brigadier Generals. Gordon übernahm Bakers Brigade und Young die von Butler.
Gleichzeitig wurde „Grumble" Jones wegen Insubordination vor ein Kriegsgericht gestellt, seines Kommandos entbunden und nach West Virginia versetzt. Neuer offizieller Kommandeur der „Laurel Brigade" im Rang eines Brigadiers wurde der flamboyante Thomas Lafayette Rosser (1836-1910), 5th Virginia.
Und Stuart? Der frischgebackene Korps-Kommandeur hatte auf eine Beförderung zum Lieutenant General, dem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Dienstgrad eines Korpsführers, spekuliert. Doch er ging leer aus. Und seine Enttäuschung war entsprechend groß.

Es existieren keine Unterlagen, die darauf hinweisen, daß Lee eine solche Beförderung in Erwägung gezogen oder Stuart für eine solche vorgeschlagen hätte.
„ Dies richtete sich nicht gegen Stuart persönlich. Für ihn hegte Lee liebevollen Respekt. In der Konsequenz ist die wahrscheinlichste Erklärung, daß Lee nicht glaubte, der Kommandant der Kavallerie trage in gleicher Weise Verantwortung wie die Männer, die die Infanteriekorps führten. Es war niemals Lees Neigung, Ehrentitel zu verteilen oder Ränge zu verleihen, die nicht notwendig waren, um Ergebnisse zu erzielen."
Stuart besaß weiterhin das Wohlwollen und das Vertrauen seines Armeebefehlshabers. Auf dem Rückzug von Gettysburg hatte Lee an ihn geschrieben:
„ Ich verlasse mich auf Ihr gutes Urteil, Ihre Energie und Kühnheit ... und vertraue darauf, daß sie ebenso erfolgreich sein werden wie bei früheren Gelegenheiten."


Neben aufkommender Eifersüchteleien im Offizierskorps, die zu ungewohnter Disharmonie führten, verschärft durch die anhaltende Kritik über seinen „Part" in der Gettysburg-Kampagne, sah sich Jeb Stuart im Herbst 1863 einer Reihe von administrativen Problemen ausgesetzt. Kurzum, der Nachschub an Pferden und Futter sowie Lebensmitteln und Waffen für seine Soldaten fing an, in zunehmendem Maße knapp zu werden.
Konföderierte Kavalleristen gingen mit ihren eigenen Pferden zur Armee. Wurde ein Pferd im Kampf verwundet oder anderweitig für den Dienst untauglich, war der „Reiterlose" gezwungen, sich zu Hause, das heißt in seinem Heimatstaat, ein Ersatzpferd (Remonte) zu beschaffen. Die Betroffenen waren dann oft monatelang von der Truppe abwesend, so daß die Effektivstärke von Stuarts Korps bis auf 86% im September 1863 sank.
Ein weiterer Hauptgrund für die hohe Ausfallrate war der schlechte Gesundheitszustand der Pferde, die vor allem in den Wintermonaten unter einem chronischen Futtermangel litten. Während die Vierbeiner der Yankee-Kavallerie am Tag 10 Pfund Korn mampften, begnügten sich die Pferde der Rebellen mit dem Abknabbern von Baumrinde.
General Lee depeschierte an Präsident Davis: „An manchen Tagen erhalten wir ein Pfund Mais pro Pferd, an manchen mehr, an manchen nichts. Unser Limit ist fünf Pfund pro Tag und pro Pferd.

Um die Bewaffnung von Stuarts Reitern war es auch nicht zum Besten bestellt. Importierte Kavalleriekurzgewehre waren von jeher eine Rarität, die aus den eigenen Fabriken taugten nicht viel, und die langläufigen Infanteriegewehre wurden glattweg abgelehnt. Da die Taktik des „Dismounted Fighting" immer stärker zunahm, waren die waffentechnisch besser ausgerüsteten Yankees, die häufig über Repetier-Karabiner verfügten, den Rebellen überlegen, zumal über eine Entfernung von mehreren hundert Yards Revolver und Säbel herzlich wenig nutzten.
Während sich Stuart über diese Dinge den Kopf zerbrach, ging der Krieg weiter. Nach Gettysburg kam es zwischen Lee und Meade von September bis November 1863 zu ergebnislosem Schattenboxen - die Bristoe- und Mine-Run-Kampagnen waren, grob skizziert, mißglückte strategische Flankierungsmanöver, die in taktischer Hinsicht zu keinem Gefecht größeren Ausmaßes führten.
Die Reiterei beider Heere arbeitete während des stetigen „Hin und Hers" unter kontinuierlichem Hochdruck: Rekognoszierungen und Gegenrekognoszierungen, Sondierungsangriffe und Bedeckungsaufgaben lösten sich ab, gespickt mit klassischen Kavalleriegefechten, in denen auch abgesessen gekämpft wurde, die sich am 13. September und 11. Oktober 1863 zwischen Culpeper und Brandy Station entspannen, die aber ohne entscheidende Bedeutung waren.

US-General J. Kilpatrick
Gegen Ende der Bristoe-Kampagne brachte Stuart am 19. Oktober 1863 das seltene Kunststück fertig, eine komplette Division der Yankee-Kavallerie unter 
<<< General J. Kilpatrick
bei Buckland's Mill in einen panisch flüchtenden Mob zu verwandeln. Die geschlagenen Nordstaatler, die ihr Heil in der Flucht suchten, wurden über fünf Meilen von den johlenden Rebellen verfolgt. Stuarts Behauptung war durchaus „durch die Tatsache der Flucht des Feindes gerechtfertigt, ... die bemerkenswerteste und vollständigste, die eine Reitertruppe während des Krieges erleiden mußte."

Stuart war nunmehr seit über zwei Monaten ein Korps-Kommandeur. Logischen Überlegungen zufolge, bestand seine Hauptaufgabe darin, die Bewegungen seiner beiden Divisionen und deren sechs Brigaden im Felde zu koordinieren. Im Mine-Run-Feldzug aber, in dem die Kavallerie weniger gefordert wurde, ignorierte Stuart die neue Kommandostruktur und führte eine von Hamptons Brigaden persönlich ins Gefecht, jedoch ohne den Divisionär, dessen Aufgabe es war, seine Brigaden zu befehligen, davon in Kenntnis zu setzen. Stuart argumentierte, taktische Umstände hätten sein Eingreifen unbedingt erfordert. Organisation hin, Organisation her, Stuart schien es als seine Pflicht anzusehen, die Befehlsgewalt über sämtliche Kavallerieeinheiten auszuüben, wo und wann er dies für notwendig hielt.- Durch sein eigensinniges Handeln aber, „verursachte er ziemliche Zweifel an seiner Fähigkeit und Bereitwilligkeit, die Führung der neuen Kavallerieorganisation zu übernehmen."


Yellow Tavern

 

Im März 1864 wurde Ulysses S. Grant, der 1863 an der Westfront zwei strategisch relevante Erfolge an seine Fahnen hatte heften können, zum Lieutenant General und Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte der Union ernannt.
Grant schlug sein Hauptquartier bei der Army of the Potomac (ca. 115´000 Mann) auf. Meade blieb zwar nominell Befehlshaber dieser Armee, aber Grant zeichnete für das strategische Konzept verantwortlich.
Grant war ein harter Kriegsmann. Seine Einsetzung zum obersten Truppenführer der Nordstaaten bezeichnete den Beginn eines neuen militärischen Zeitalters. Das Gesicht des Krieges begann sich zu ändern: „Es wurde ein hemmungsloser, brutaler, regelloser Kampf, in dem es keinen Platz mehr gab für gefiederte, seidengefütterte Umhänge oder ehrenvolle, wagemutige Taten.
links:  US-General Phil Sheridan, ganz rechts:  Georg A. Custer

Dies widerspiegelte sich unter anderem auch in Grants Wahl eines neuen Kommandeurs für das Kavallerie-Korps der Potomac-Armee. Grant berief General Phil Sheridan, einen aggressiven und hartgesottenen Säbelrassler mit Killerinstinkt, der die grundsätzliche Vorstellung hegte, seine Kavallerie (ca. 11´000 Mann) zu konzentrieren, um mit ihr auf Stuart loszugehen und diesen zu „zerschmettern".
Jeb Stuart, der in Orange Courthouse überwintert hatte, verfügte im Frühjahr 1864 über ca. 8´000 gefechtsbereite Reiter. Trotz zunehmender Besorgnisse über den Nachwuchs an Remonten, Futter und Waffen waren seine Männer für den bevorstehenden Feldzug optimal vorbereitet. Die sogenannte Virginia-Überland-Kampagne begann am 4. Mai 1864. Grant überquerte an diesem Tag den Rapidan und verfing sich in derselben dschungelartigen Wildnis, in der Hooker ein Jahr zuvor gescheitert war. Da Robert Lee mit seiner Army of Northern Virginia (ca. 60´000 Mann) ohne lange zu fackeln zum Angriff überging, wurde Grants zahlenmäßige und materielle Überlegenheit in dem bewaldeten und verwachsenen Gelände buchstäblich zunichte gemacht.

Vom 5. bis 7. Mai 1864 wütete die Schlacht in der „Wilderness", die mit taktischen Vorteilen für die Konföderierten endete. Grant mußte doppelt so hohe Verluste einstecken als sein Kontrahent. Die Kavallerie der gegnerischen Armeen war an diesen blutigen Mai-Tagen primär zur Abschirmung der Infanterie sowie zum Schutz des Nachschubtrains und der Verbindungslinien eingesetzt. Ansonsten hatte sie keinen wesentlichen Anteil an den Kampfhandlungen, zumal das ungünstige Terrain kaum Raum für traditionelle Kavalleriemanöver hergab. Einzige taktische Alternative war, abzusitzen und nach dem Vorbild berittener Infanterie den Kampf „zu Fuß" fortzusetzen.

Anstatt sich zurückzuziehen und seine Wunden zu lecken, marschierte Grant weiter nach Süden und versuchte Lees rechte Flanke zu umgehen. Dabei steuerte er die strategisch bedeutende Straßenkreuzung von Spotsylvania Courthouse an, wo er sich zwischen Lee und Richmond plazieren wollte. Lee erahnte Grants Strategie, und es kam regelrecht zu einem Wettrennen nach Spotsylvania, das die Konföderierten am 8. Mai gewannen.
Stuarts Aufklärungsaktivitäten hatten Lees Vermutung über Grants Bewegung bestätigt. Beim Marsch der Infanterie nach Süden setzte Stuart die eine Hälfte seiner Kavallerie zum Flankenschutz und zur Säuberung der Front ein, während die andere Hälfte vorauseilte, um den Vormarsch der Yankee-Kavallerie und der nachrückenden Infanterie aufzuhalten. Verstärkt durch die Vorhut von Lees Fußsoldaten, hielten Stuarts abgesessene Reiter Spotsylvania, bis das Gros vom I. Korps eingetroffen war. Es war ein großer Tag für die Südstaatenkavallerie.

Am frühen Morgen des 9. Mai 1864 erfuhr Stuart, daß Sheridans gesamtes Korps die Linien bei Spotsylvania verlassen hatte und nach Süden marschierte. Sheridan hatte von Grant den Auftrag erhalten Lees Kommunikationslinien südlich von Richmond zu bedrohen und Stuarts Kavallerie zu schlagen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage, die für Sheridan reichlich frustrierend gewesen waren, war dies die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte.
Wie das US-Oberkommando vermutet hatte, nahm Stuart mit 4´500 Mann, Lomax' und Wickhams Brigaden aus Fitz Lees Division und Gordons Brigade aus Hamptons Division, umgehend die Verfolgung auf. Hampton und die restlichen drei Brigaden ließ er zur Deckung von Lees Flanken bei Spotsylvania zurück.
Stuart schickte Gordons Brigade den Yankees hinterher, während er mit den Brigaden von Lomax und Wickham (ca. 3´000 Mann) einen anderen Weg einschlug, der ihn über Hanover auf die Telegraph Road brachte. Es war seine Absicht, sich zwischen Sheridan und Richmond zu schieben. Stuart hatte es eilig.
Er trieb seine Männer nahezu pausenlos an und erreichte am Morgen des 11. Mai 1864 als erster Yellow Tavern, sechs Meilen von Richmond entfernt, wo er eine konkave Defensivlinie bildete.
Sheridan erreichte am Mittag Yellow Tavern. Wenn Richmond sein oberstes Ziel gewesen wäre, hätte er Stuarts Einheiten leicht beiseite fegen können. Doch Sheridan wollte Stuart empfindlich treffen, ihn „aus seinen Stiefeln schlagen". Zwei Stunden lang formierte der kurzbeinige Yankee seine Truppen zum Gefecht. Mit 4 Brigaden stürzte er sich schließlich auf die Rebellen, die verzweifelten Widerstand leisteten.
Der Kampf tobte hin und her. Gegen 16.00 Uhr griff General George A. Custers Michigan Brigade Stuarts Linke an und überrannte eine Artillerie-Sektion. Die 1st Virginia Cavalry, die Stuart in Reserve gehalten hatte, trat zum Gegenangriff an und trieb den Feind zurück.

Während Stuart seine Männer anfeuerte, schoß ihm ein vorbeilaufender Yankee-Trooper aus nächster Nähe eine Kugel in die rechte Seite.
Nach Stuarts Verwundung übernahm Fitz Lee, der Ordnung zu schaffen versuchte, das Kommando. Aber die Linien der Konföderierten gaben bald nach und zerbrachen. Lee mußte den Rückzug antreten. Ein triumphierender Sheridan setzte seinen Marsch gen Süden fort.

J.E.B. Stuart Monument

Lebensgefährlich verwundet, war General Stuart nach Richmond gebracht worden, wo er am 12. Mai 1864 gegen 7.38 Uhr sein junges Leben aushauchte.
Seine letzten Worte waren:
„Ich sterbe jetzt bald. Ich habe aufgegeben. Gottes Wille geschehe."

Am folgenden Tag wurde er im Hollywood Cemetery mit allen militärischen Ehren beigesetzt.

In General Robert E. Lees Generalorder zum Tode Stuarts hieß es:
„Unter den mutigen Soldaten, die in diesem Krieg gefallen sind, war General Stuart unübertroffen an Tapferkeit, Eifer und unermüdlicher Hingabe zu seinem Land. Seine Leistungen bilden einen unübersehbaren Teil der Geschichte dieser Armee, mit der sein Name und Dienst für immer verbunden sein werden.„
Privat klagte Lee: „Er brachte mir niemals eine falsche Information. Ich kann kaum an ihn denken, ohne zu weinen."
Nach „Stonewall" Jacksons tragischem Ende ein Jahr zuvor war Stuarts Ableben der personell und moralisch wohl härteste Schlag für die Konföderation, Lee und die Army of Northern Virginia.


 

„Viele glaubten, ... daß er seine Unzulänglichkeiten und Fehler hatte", schrieb ein moderner Autor.
„ Seine strategischen Fähigkeiten waren bescheiden, aber sein taktisches Gefühl und vor allem seine Führungsqualitäten waren superb. Wie gut oder wie schlecht es ihm im letzten Jahr des Krieges ergangen wäre, inwieweit er fähig gewesen wäre, seine Energie, seine Findigkeit angesichts der immer grimmigeren Realitäten in den letzten Monaten vor dem Zusammenbruch zu erhalten, ist nicht zu beantworten.
Seine Nachfolger waren Kavalleristen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Aber im eigentlichen Sinn hatte Stuart keine Nachfolger.
Er war einzigartig. Es gab nur einen Jeb Stuart, und zweifellos gehört er in den Pantheon des Südens an die Seite der Generäle Lee und Jackson."

 

 

 

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