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Copyright © 1992 by VERLAG FÜR AMERIKANISTIK D. KUEGLER, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© NORD & SÜD, Stefan Papp, jr., General J.E.B. Stuart - Militärische Biographie -
Veröffentlichungen: United States Army Center of Military History
sowie zeitgenössische Dienstvorschriften der United States Army


CSA - General
J. E. B. Stuart
Militärische Biographie


General J. E. B. Stuart

 


 

J. E. B. Stuart - Der letzte Kavalier

„Einer seiner Feinde, der Unions-Korpskommandant John Sedgewick, nannte Stuart, den größten Kavalleristen, der je in Amerika geboren wurde".
Und Sedgewick hatte recht. Stuart zeigte die Fähigkeit, sowohl kleine als auch große Reitertruppen zu kommandieren, und er war imstande,
seine Kavallerie in die Einsätze von Artillerie und Infanterie zu integrieren, ebenso wie mit ihr unabhängige Operationen durchzuführen.
Nathan Bedford Forrest, Wade Hampton, John Hunt Morgan und Joseph Wheeler bewiesen dann und wann, daß sie eines dieser Dinge auch konnten.
Stuart aber beherrschte alles, und er beherrschte alles gut. Auf Unionsseite war Philip Sheridan effektiv.
Aber als er eine Rolle im Krieg erlangte, waren seine südlichen Gegner schwach und wenige, und das einzige Mal, daß er Stuart direkt begegnete (Yellow Tavern),
hatte Sheridan eine zahlenmäßige Überlegenheit von drei zu eins.
Sogar nachdem Stuart ein übermäßiges Interesse entwickelte, seinen Namen und Ruhm zu steigern und seine schlechteste Form als Kavalleriekommandeur hatte,
trat er noch immer ebenso gut oder besser auf als seine Zeitgenossen in jeder Armee."
General J. E. B. Stuart


War General J. E. B. Stuart - populär „Jeb" Stuart - denn nun tatsächlich der „größte" Reiterführer des Amerikanischen Bürgerkrieges? Diverse Militärhistoriker neigen dazu, diesen Prädikatstempel dem brutalen Haudegen N. Bedford Forrest aufzudrücken. Wie dem auch sei. Zweifellos zählt Stuart zu den begabtesten und erfolgreichsten Anführern von Pferdesoldaten im umbruchreichen 19. Jahrhundert, „obwohl er in gewisser Hinsicht ein überschätzter Militärbefehlshaber war". Zusammen mit anderen konföderierten Kavalleriegenerälen demonstrierte er während der ersten Hälfte des Sezessionskrieges auf eindrucksvolle Art und Weise, daß Kavallerie als Waffengattung nicht nur nicht anachronistisch war, sondern auch überlegen eingesetzt werden konnte?

„Damit stellte er von Anfang an das südstaatliche Übergewicht sicher", bemerkte der kompetente Autor Dietmar Kuegler in seiner Abhandlung über die Südstaatenarmee, „und machte auch bei europäischen Kriegsbeobachtern von sich reden."

Stuart war eine komplexe und faszinierende Gestalt, ein charismatischer und populärer Menschenführer, der nach seinem vorzeitigen Tod - er fiel mit 31 Jahren - schon innerhalb weniger Jahre zu einer der legendären Symbolfiguren des „Lost Cause" hochstilisiert wurde.

 

Er war ein frommer und fatalistischer Mensch, der zeitlebens unter der Knute des Erfolges stand und daher nichts mehr fürchtete als zu versagen. Nie schien er imstande, einen Mißerfolg einzugestehen. Er entpuppte sich als eine exhibitionistische Persönlichkeit, intelligent, jungenhaft charmant, jovial und eitel, mit einer ausgeprägten Vorliebe für militärischen Glanz und Pomp. Gleichsam egozentrisch wie selbstlos, war er von einem unwiderstehlichen Drang zur Selbstverherrlichung besessen, den er durch seine flamboyanten und oftmals phantasievollen Rapporte dokumentierte. Andere Charaktermerkmale, die ihn auszeichneten, waren Kreativität, Entschlossenheit, Draufgängertum, beispielhafte Tapferkeit und eiserne Selbstbeherrschung.
„Die Haut dunkel gebrannt, trug er langes, seidiges Haar über einer hohen Stirn. Ein üppiger zimtfarbener Bart verlieh seinem stets gefurchten Gesicht zusätzliche Kraft. Seine Augen waren hell und ihr Blick scharf und direkt. Er war breitschultrig mit kraftvollem Körperbau. Besonders lange Beine ließen ihn imposanter auf dem Pferderükken erscheinen, als wenn er die Straße entlangschlenderte. Seine zwingende Erscheinung veranlaßte seine alten Klassenkameraden in West Point ihn, eher sarkastisch gemeint, mit dem Spitznamen ,Beauty'- Schönheit' zu belegen. Ein Spitzname, der ihm blieb.

Das war der „Beau Sabreur" der Konföderierten, wie die Welt ihn kannte, der „unermüdlich daran arbeitete, eine Doppelrolle als Anhänger und Hoherpriester am Altar südstaatlicher Ritterlichkeit zu spielen. Er schien eifrig bemüht zu sein, als Kavalier oder als Kriegsmann zu erscheinen, der fahrende Ritter in der Artustradition in den
Kampf führte."

Einer seiner Stabsoffiziere beschrieb ihn als „feurig, ungestüm, überschäumend vom Wein des Lebens und der Jugend, mit der Tollkühnheit eines lebhaften Jungen. Er liebte kräftige Farben, flatternde Fahnen, martialische Musik und das Klirren von Säbeln." Ein anderer sah in ihm „eine bemerkenswerte Mischung aus einem grünen, jungenhaften, unausgereiften Mann und einem scharfsinnigen Geschäftsmann und starken Führer".
James Ewell Brown Stuart wurde am 6. Februar 1833 zu „Laurel Hill" in Patrick County, Virginia, als Sohn einer prominenten und alteingesessenen Südstaatenfamilie geboren. Seine früheste Ausbildung erhielt er zu Hause und in Whyteville. Seit 1848 besuchte er das Emory und Henry College. 1850 trat er in die US Militärakademie in West Point ein und promovierte vier Jahre später als 13. in einer Klasse von 46 Absolventen. Mit Rang vom 1. Juli 1854 wurde er zum Brevet Second Lieutenant ernannt und zu den Mounted Riflemen (Berittene Schützen) abkommandiert. Am 31. Oktober 1854 erhielt er eine Beförderung zum Full Second Lieutenant. Am 3. März 1855 wurde er zur 1st US Cavalry nach Kansas versetzt, wo er Grenzdienst leistete und gegen die Indianer kämpfte.


General J. E. B. Stuart

Der junge Lieutenant J. E. B. Stuart vor dem Bürgerkrieg

Mittlerweile zum First Lieutenant avanciert (vom 20. Dezember 1855) und verheiratet - Flora Cooke Stuart war die Tochter eines Dragoner-Colonels -, war Stuart im Oktober 1859 R. E. Lees Adjutant an der Niederwerfung von John Browns Aufstand in Harper's Ferry beteiligt. Danach kehrte er bis zum Abfall Virginias von der Union im April 1861 nach Kansas zurück. Am 10. Mai 1861 reichte er seinen Abschied aus der US Army ein, drei Wochen nach seiner Ernennung zum Captain (22. April 1861), und akzeptierte noch am selben Tag eine Bestallung zum Lieutenant Colonel der „Provisional Army of Virginia". Am 16. Juli 1861 stieg er zum Full Colonel auf."

An der Spitze von 350 Kavalleristen, dem Kernstück der späteren 1st Virginia Cavalry, diente er zunächst im Shenandoah-Tal unter „Stonewall" Jackson und Joe Johnston. Im Juli 1861 war es Stuart, der erfolgreich Johnstons Abzug nach Manassas Junction deckte.
In der Schlacht von First Manassas (21. Juli 1861) verteidigte er die konföderierte linke Flanke und führte eine vernichtende Kavallerieattacke, die nicht unmaßgeblich zum Sieg der Rebellen beitrug: „Stuart tat ebensoviel, um die Schlacht zu gewinnen, . . . wie jeder untergeordnete Soldat, der an ihr teilnahm", resümierte der exzentrische CSA-General Jubal A. Early.
Auch die führenden konföderierten Generäle in Virginia, P.G.T. Beauregard und J. E. Johnston, waren von Stuarts Leistungen äußerst beeindruckt. Am 10. August 1861 richtete Johnston, der um die Formierung einer Kavalleriebrigade bemüht war, ein Empfehlungsschreiben an Präsident Jefferson Davis:
„Er ist ein seltener Mann, von der Natur wundervoll mit den Qualitäten beschenkt, die für einen Offizier der leichten Kavallerie erforderlich sind. Ruhig, bestimmt, scharfsinnig, aktiv und unternehmungslustig. Ich kenne niemanden, der kompetenter ist als er, vor ihm liegende Notwendigkeiten richtig einzuschätzen. Wenn Sie diese Armee um eine ganze Kavalleriebrigade ergänzen wollen, werden Sie keinen besseren Brigadegeneral finden, diese zu kommandieren."
Effektiv vom 24. September 1861 wurde Stuart zum Brigadier General der Provisional Army C. S. befördert. Gleichzeitig genehmigte das Kriegsministerium die Aufstellung der gewünschten Reiterbrigade, 6 Virginia-Regimenter, mit einer Stärke von 1500 Mann. Am 22. Oktober 1861 wurden dem jungen Brigadier sämtliche Kavallerieeinheiten im Department of Northern Virginia unterstellt.
Bis zum Frühjahr 1862 versah Stuart überwiegend Routinedienst - Aufklärung, Abschirmung, Flankenschutz -, kämpfte im Dezember 1861 bei Dranesville, wo er hohe Verluste erlitt und deckte General Joseph E. Johnstons Rückzug von Manassas Junction.
„Ich denke, wir werden von ihm in diesem Frühjahr von der Halbinsel hören", prophezeite Stuart zu jener Zeit und meinte mit „ihm" den Oberkommandierenden der Unionsstreitkräfte in Virginia, Major General G. B. McClellan, vor dem Johnston seine Front zurückgenommen hatte. Stuart sollte recht behalten.


„Komm zur Kavallerie!"

Bei Ausbruch des Sezessionskrieges war das militärische Oberkommando der Union davon überzeugt, der bewaffnete Konflikt würde nicht lange genug dauern, um eine wirksame Aufrüstung und Ausstattung der Kavallerie zu rechtfertigen. Eilfertig wies man darauf hin, daß die Aufstellung und die Unterhaltung umfangreicher Reiterverbände zu kostspielig wäre. Ferner glaubte man, es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, um einen unerfahrenen Zivilisten, der noch nie auf einem Pferd gesessen oder ein Gewehr abgefeuert hatte, zu einem kämpferisch und taktisch brauchbaren Kavalleristen heranzubilden.
Des weiteren schien der amerikanische Kriegsschauplatz aufgrund seiner topographischen Gegebenheiten - unebene, zerklüftete und üppig bewaldete Landschaften - keine Kavallerieoperationen größeren Ausmaßes, bei der sich die Stärke der Reiterei voll entfalten konnte, zuzulassen.
Diesen theoretischen Anschauungen folgend, übten die Feldkommandeure der Union bis ins Frühjahr 1863 überwiegend die Praxis, ihre Reiterei zu zersplittern. Diversen Infanteriegenerälen unterstellt, die oftmals tiefsitzende Vorurteile gegenüber berittenen Truppen pflegten, wurde sie zu Kundschafter- und Kurierdiensten, zur Aufklärung, zu Wach- und Eskortieraufgaben eingesetzt, statt als geschlossene Gefechtstruppe zu agieren.
General J. E. B. Stuart

Diese unselige Praxis verwehrte der Yankee-Kavallerie, die für Jahre in Rückstand geriet, moralische und kämpferische Stärke, Zusammenhalt und korporative Identität. Ihr Ansehen war bei den anderen Waffengattungen auch dementsprechend gering.
Parallel dazu vollzog sich im Süden eine gegenteilige Entwicklung, die sich höchst positiv auswirken sollte. Die konföderierte Regierung gab ihren Reitereinheiten von Anfang an eine aggressive und strategisch wichtige Rolle, massierte sie in taktisch selbständigen Brigaden, Divisionen und später Korps und verwendete sie als schlagkräftige und entscheidende Offensivwaffe, die auch unabhängig, weit abgesetzt von der Hauptarmee, erfolgreich operierte. Selbst die „Königin der Schlachten", die Infanterie, zollte ihr als eigenständige und elitäre Waffengattung, die als gleichberechtigter Partner in die konföderierte Kriegsmaschinerie integriert war, Respekt und Anerkennung.

Das überlegene Wahrnehmungsvermögen der Konföderierten für das Potential von Pferdesoldaten beruhte auf kulturellen Entwicklungen und der Pflege alter Traditionen. Denn das „martialisch" eingestellte Volk der Südstaatler - d. h. vielmehr die Oberschicht der Pflanzeraristokratie und deren Sprößlinge, aus denen sich die CSA-Kavallerie vorwiegend rekrutierte -, das nach wie vor einer „ritterlichen" Auffassung vom Soldatentum frönte, war von Kindesbeinen an den Umgang mit Pferden und Waffen gewöhnt. Hinzu gesellte sich die stolze Tradition der Pferdezucht, die sich über Generationen erhalten hatte und dem Süden ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Vollblutpferden schenkte, die für ihre Stärke, Ausdauer und Schnelligkeit berühmt waren.
Weiterhin wurde die Südstaatenkavallerie von dem Umstand begünstigt, daß sich in ihren Reihen eine Fülle an „geborenen Führern" befand, die durch ihre Persönlichkeit, ihren Esprit und ihre dynamischen Führungseigenschaften als Feldherren bestachen und überzeugten. Man braucht nur an herausragende Namen wie Jeb Stuart, Wade Hampton, Bedford Forrest, John H. Morgan, Joe Wheeler, Fitz Lee, Earl Van Dorn und weniger bekannte zu denken, die der konföderierten Kavallerie zu militärhistorisch internationalem Ruhm verhalfen.

Die Funktionen der amerikanischen Kavallerie im „Krieg zwischen den Staaten" waren vielfältig: Sie versorgte einen Feldkommandeur mit Schnelligkeit und Mobilität, war also in der Lage, Stellungen gegen einen wenig energischen Feind zu halten, bis Infanterie oder Artillerie aufgeschlossen war, oder sie konnte versuchen, einen stärkeren Gegner aufzuhalten, wobei sie sich von Position zu Position zurückfallen ließ, um sich, wenn das Gelände es zuließ, wieder neu zu formieren. Sie konnte ihr physisches und psychologisches Gewicht als attakkierende „Schocktruppe" in Kooperation mit der Infanterie und der Artillerie in die Waagschale werfen, insbesondere bei der Verfolgung eines sich zurückziehenden Gegners, um diesen daran zu hindern, sich neu zu gruppieren oder einen Konterangriff zu führen.
Letztich wurde sie, neben Kurier- und Eskortieraufgaben, zur Aufklärung oder Gegenaufklärung, zur Abschirmung der Infanterie, sprich der Flanken, eingesetzt und brachte wertvolle Informationen über Dispositionen, Stärke und mögliche Absichten des Feindes ein.
Eine bemerkenswerte und eigentümliche Einsatzvariante, die einer näheren Betrachtung wert ist, waren die sogenannten „Raids", die auch Jeb Stuart in gekonnter Manier praktizierte.

Hier handelte es sich um schnelle berittene Vorstöße ins feindliche Hinterland, entweder unabhängig oder im Rahmen einer größeren Operation, wobei Nachschublinien und Basen, Depots für Kriegsmaterial, Eisenbahnwaggons oder bestimmte Ortschaften usw. als Kriegsziele angesteuert wurden. Blitzschnell und in der Regel mit dem Überraschungsmoment auf ihrer Seite, verbrannten, zerstörten und konfiszierten die „Raiders", bevor sie sich eiligst wieder absetzten, um möglichen Verfolgern zu entgehen oder diese abzuhängen. Außerdem verrichteten die Reiter unterwegs wertvolle Aufklärungsarbeit über den Standort und die Stärke des Feindes.
Zweifellos war der psychologische Effekt derart spektakulärer Unternehmungen beträchtlich, hatte aber zur Folge, daß Stuart und andere Kavallerieführer ziemlich unrealistische Vorstellungen über den strikt militärischen Wert solcher „Blitzüberfälle" hegten. Derlei Abenteuer sorgten zwar in den Zeitungen für Furore, aber nur wenige hatten eine strategisch signifikante Auswirkung auf den Verlauf eines Feldzuges, wie z. B. die Forrest/Van Dorn-Raids 1862/63 und Griersons Raid 1863.

General Robert E. Lee und General JEB Stuart

 

„Raiding" war während des Bürgerkrieges auf beiden Seiten gang und gäbe, obgleich die Südstaatler diese „Waffe" öfter und auch mit größerem Erfolg einsetzten. Allerdings wäre es falsch und anmaßend zu behaupten, Stuart oder ein John Hunt Morgan hätten die neumodische Taktik des Kavallerie-Raids „erfunden" und „Raiders" der Nordstaaten hätten diese dann nachgeahmt, sprich kopiert. Denn nicht zuletzt war es ein Colonel der Yankee-Kavallerie, der Ende Mai 1862 den bekanntlich ersten „Raid" des Bürgerkrieges anführte.

James E. B. Stuart und seine Generäle waren im traditionellen Sinn „echte" Kavalleristen. Sie bevorzugten die massierte Attacke zu Pferd, den „Choc", mit gezücktem Säbel und Revolver, entsprechend dem europäischen Vorbild. Dies entsprach ihrer „klassischen" Vorstellung berittener Kriegsführung mit all ihren moralischen und psychologischen Vorteilen.

 

„Der Südstaaten-Kavallerist verabscheute es, zu Fuß zu kämpfen. Er hatte das Gefühl, nur ein halber Mann zu sein, wenn er von seinem Pferd getrennt war", schrieb ein konföderierter Reiter, der damit Stuart und seinen Kavalieren aus der Seele sprach. Lediglich dann, wenn die taktische Lage es unbedingt erforderte, focht die Kavallerie der Army of Northern Virginia in der Ära Stuart abgesessen, also „zu Fuß", wie berittene Infanterie. Im „traditionellen" Reitergefecht, in dem sie sich „zu Hause" fühlte, behielt Stuarts Kavallerie während der ersten beiden Kriegsjahre meist die Oberhand. Die Gettysburg-Kampagne von 1863 brachte die eindeutige Felddominanz der südlichen Reiterei schließlich ins Wanken. Denn eine in ihrem Selbstbewußtsein gestärkte Yankee-Kavallerie unter Pleasonton, Averell, Buford und D. McM. Gregg, die zunächst nach gar keinem taktischen Modell gekämpft hatte, hatte nach zwei Jahren wiederholter Demütigungen und Niederlagen ihren organisatorischen und ausbildungsmäßigen Rückstand aufgeholt und trat den Reitern in Grau als zumindest ebenbürtig entgegen.
Mit dem Tod Stuarts im Frühjahr 1864, verschlimmert durch schwindende südliche Ressourcen an Menschen und Material, endete die unlängst angeschlagene Vorherrschaft der konföderierten Reiterei in Virginia und markierte den Anfang einer neuen Ära. Die Ära einer qualitativ verbesserten sowie quantitativ und waffentechnisch überlegenen Unionskavallerie, die von pragmatischen und begeisterungsfähigen Offizieren angeführt wurde - Sheridan, Merritt, Custer, Wilson -, die unter Berücksichtigung der taktischen, strategischen und topographischen Gesichtspunkte, die Vorteile beider praktizierten Kavallerietaktiken, den Kampf zu Pferd und zu Fuß, mehr oder weniger effektiv zu kombinieren wußten.

Stuarts Nachfolger - Hampton, Fitz und „Rooney" Lee - sahen sich letztlich aus primär ökonomischen Gründen genötigt, die von den Yankees so erfolgreich demonstrierte Kombinierungstaktik, ein preußischer Kriegsbeobachter sprach von „Doppelkämpfertum" (Scheibert), ebenfalls anzuwenden. Und das öfter als ihnen lieb war, wenn auch nicht mit solch durchschlagendem Erfolg.
Im dramatischen Endstadium des Bürgerkrieges hatte die brillante, aber ausgemergelte Südstaatenreiterei, die ausrüstungsmäßig und numerisch hoffnungslos unterlegen war, selbst im klassischen Kavalleriegefecht der mächtigen Yankee-Kavallerie, die alles niederzuwalzen schien, was sich ihr in den Weg stellte, nichts Gleichwertiges mehr entgegenzusetzen. Wie gut, möchte man sagen, daß Jeb Stuart dies nicht miterleben mußte.

 

Vom Chickahominy nach Yellow Tavern

Der Chickahominy-Raid

Es kam, wie Stuart vorausgesagt hatte: Ende März 1862 landete McClellan, ein fähiger Planer und Organisator, aber unzulänglicher Feldkommandeur, mit 105´000 Mann der Army of the Potomac bei Fort Monroe, auf der Südspitze der Yorktown-Halbinsel. Im Gegenzug wurde das Gros der konföderierten Truppen, einschließlich Stuarts Reiterei, aus Nordvirginia abgezogen und unter General Joe Johnstons Kommando zur Peninsula verlegt, um den Vormarsch der Yankees aufzuhalten.
Johnston, der als Militär seinem Kontrahenten in vielerlei Hinsicht ähnelte, fürchtete einen zweifachen strategischen Flankenangriff, so daß er Anfang Mai 1862 ziemlich eigenmächtig eine weitere Rückwärtsbewegung einleitete, die ihn bis wenige Meilen vor die Tore der südlichen Hauptstadt, Richmond, brachte. McClellan folgte auf dem Fuße. Am 31. Mai und 1. Juni 1862 fand bei Seven Pines und Fair Oaks die erste große Schlacht statt, die nicht die Entscheidung brachte, aber mit taktischen Vorteilen für die Nordstaatler endete. Johnston wurde schwer verwundet und Präsident Davis' militärischer Berater, General Robert E. Lee, wurde Befehlshaber der neubenannten „Army of Northern Virginia".
JEB Stuart auf einem "Raid"

Lee ging sofort daran, eine Offensivstrategie zu entwerfen. Er wollte die ungeliebten Invasoren unter allen Umständen zurückschlagen, noch bevor diese ihre schwere Artillerie zum Einsatz bringen konnten: McClellans Hauptmacht (ca. 70´000 Mann) stand südlich vom Chickahominy River und ca. 30´000 Mann nördlich davon, in Erwartung umfassender Verstärkungen, die von Norden aus Fredericksburg erwartet wurden.

Als Lee gemeldet wurde, daß die rechte Flanke und die Nachschublinie der Yankees gefährlich exponiert waren, beauftragte er Stuart, einen Aufklärungs-Raid durchzuführen, um 1. die eingegangenen Berichte zu bestätigen, 2. Truppendispositionen auszukundschaften und 3. McClellans Nachschublinie südlich vom Pamunkey River zu unterbrechen. Stuart unterbreitete den Vorschlag, einen Bogen um die gesamte Nordarmee zu schlagen und von Süden wieder zum Hauptheer zu stoßen. Lee erhob Einwände, „aber er räumte Stuart genügend Spielraum ein, so daß eine vollständige Umrundung der Unionsarmee nicht ausgeschlossen war".

Stuart war enthusiastisch. Unermüdlich und rastlos begann er mit den Vorbereitungen für die bevorstehende Expedition, die so ganz nach seinem Geschmack war. Sein Kommando bestand aus ca. 1´200 Reitern der 1st Virginia (Col. Fitzhugh Lee), 9th Virginia (Col. W.H.F. Lee), jeweils zur Hälfte verstärkt durch die 4th Virginia Cavalry. Ebenso eingegliedert wurden zwei Schwadronen der Jeff Davis Legion (Lt. Col. W.T. Martin) und zwei Geschütze berittener Artillerie (Lt. James Breathed). Zu seinem Stab gehörten Redmond Burke, Will Farley, der Preuße Heros von Borcke und der später berühmt gewordene Guerilla-Führer John S. Mosby, der als Scout diente. Wann das Unternehmen startete und wohin der Weg führte, wußte allerdings nur Stuart, der sich zunächst in Schweigen hüllte.

„Gentlemen, in zehn Minuten muß sich jeder Mann im Sattel befinden!" Mit diesen Worten weckte Stuart um 2.00 Uhr morgens am 12. Juni 1862 seinen Stab. Der Marsch war anstrengend, gelangte aber zügig voran. Die Route führte von Richmond die Brook Turnpike entlang nordwärts nach Ashland zum North Anna River. Am nächsten Morgen ging es weiter in südöstlicher Richtung südlich vom Pamunkey River. Die Südstaatler trafen auf keinen nennenswerten Widerstand seitens der Yankees, als sie sich Hanover Courthouse und Haw's Shop näherten, wo ein kurzes, aber heftiges Gefecht mit gegnerischer Kavallerie entbrannte.
Bei Linneys Corner und Old Church fanden am 13. Juni 1862 weitere Scharmützel mit der 5th US Cavalry statt. Die Konföderierten behielten die Oberhand und schlugen die Yankees in die Flucht. Captain William Latane' war gefallen. Die gewünschte Konfrontation mit seinem Schwiegervater, Brigadier General P.St.G. Cooke, einem gebürtigen Virginier, der die Kavallerie-Reserve McClellans befehligte, blieb zu Stuarts Enttäuschung allerdings aus.

Stuart hatte mittlerweile ausgekundschaftet, daß die rechte Flanke der Yankee-Armee ungeschützt war. Die Hauptaufgabe seiner Mission hatte er somit erfüllt. Statt aber umzukehren, beschloß er, seinen Marsch um die Unionsarmee fortzusetzen, womit die Wahrscheinlichkeit, von etwaigen Verfolgern eingeholt und gestellt zu werden, weitaus geringer schien. Stuart kreuzte die York River Railroad bei Tunstall's Station. Sich südwärts wendend, mit den Nordstaatlern auf den Fersen, überquerte er bei Forge Bridge den Chickahominy, nachdem die Brücke im Eiltempo repariert worden war. Unterwegs hatten die Rebellen wertvolles Kriegsmaterial erbeutet oder vernichtet, über 170 Gefangene eingebracht und McClellans Nachschublinie nach White House Landing unterbrochen.
Am Morgen des 15. Juni 1862 traf ein triumphierender Stuart, der mit zwei Begleitern vorausgeritten war, in Richmond ein und erstattete bei General Lee Meldung. Der Rest des erschöpften Kommandos trudelte am Nachmittag ein.

Die südliche Presse und Öffentlichkeit bejubelten Stuarts brillantes Unternehmen, was es zweifellos war, in den höchsten Tönen. Die Schlagzeilen lauteten: UNVERGLEICHLICHES MANÖVER, EINE GROSSARTIGE LEISTUNG; BRILLANTE REKOGNOSZIERUNG.
„Die Zeitungen des Südens waren mit Berichten über die Expedition angefüllt, keiner war akurat, die meisten übertrieben", bemerkte einer von Stuarts Offizieren." General Lee war es „ein großes Vergnügen, seine Bewunderung für den Mut und die Tüchtigkeit auszudrücken, die so augenscheinlich durch den General, die Offiziere und die Männer unter seinem Kommando gezeigt worden waren".
Was die Rebellen zu diesem Zeitpunkt nicht wußten, war der glückliche Umstand, daß die Verfolgung Stuarts durch die ineffektive Yankee-Kavallerie desorganisiert und unglaublich langsam verlaufen war.
„ Im engeren militärischen Sinn hatte Stuarts Raid begrenzten Wert, weil er lediglich bestätigte, was General Lee bereits vermutete, namentlich daß McClellans rechter Flügel in der Luft hing", konstatierte ein Militärhistoriker kritisch. „Es war jedoch diese Bestätigung, die den Plan für den kombinierten Lee-jackson-Angriff auf die Potomac-Armee zehn Tage später begründete. Der dramatische Zug des Ritts und seine moralische Wirkung übertrafen bei weitem seine streng militärische Nutzbarkeit." Und:
„Sein psychologischer Effekt war enorm ... Die sofortige Wirkung von Stuarts Tat war, daß sie ihn in den Augen der Öffentlichkeit und in denen seiner Männer zum Kavalleristen par excellence der Konföderation erhob.


Die Kavallerie-Division, A.N.V.

 

Brandy-Station-Horse-Artillery
Robert Lee ergriff am 26. Juni 1862 die Offensive, nachdem er aus dem Shenandoah-Tal von Major General Thomas J. Jackson maßgeblich verstärkt worden war, der dort in einer brillanten Kampagne über 60´000 Yankees in Schach gehalten hatte, und trieb die mächtige Unionsarmee in sieben Tagen heftig anhaltender und extrem verlustreicher Kämpfe nach Harrison's Landing am James River zurück.
Die grauen Reiter spielten während der „Sieben-Tage-Schlacht" keine herausragende Rolle. Sie übernahmen primär die traditionellen Aufgaben der Kavallerie und waren zudem bei der Zerstörung feindlicher Kommunikationslinien eingesetzt.
Jeb Stuart bewies zum wiederholten Male, daß er mit einem gesunden militärischen Urteilsvermögen ausgerüstet war. Durch klare und zuverlässige Berichte bestätigte er seine Fähigkeiten bei der Erledigung exzessiver Aufklärungsarbeiten. Lee konnte sich auf ihn verlassen. Zu Recht hielt er ihn für einen „guten Soldaten".
An die „Seven Days" knüpfte sich auf taktischer und kommandostruktureller Ebene eine „Neuordnung" der Army of Northern Virginia, die am 28. Juli 1862 die Kavallerie erreichte. Lee formierte seine Reiterei zu einer zwei Brigaden starken Division, die von Stuart befehligt wurde, der mit Patent vom 25. Juli zum Major General befördert worden war.

Stuarts Senior-Brigadekommandeur war Brigadier General Wade Hampton aus South Carolina (1818-1902), bei Ausbruch des Bürgerkrieges einer der reichsten Pflanzer des Südens, der über keine militärischen Erfahrungen verfügte, aber ein geborener Führer war und sich zu einem der großartigsten „Amateurgeneräle" der Konföderierten entwickelte. Professionell arbeiteten Stuart und Hampton von Anfang an Hand in Hand, persönlich verband die beiden jedoch nichts. Hampton befehligte die Jeff Davis, Hampton und Cobb Legions sowie die 1st North Carolina und 10th Virginia Cavalry.
Nach Stuart und neben Hampton war R. E. Lees Neffe, Fitzhugh Lee (1835-1905, USMA 1856), jüngst zum Brigadier bestellt, der wohl wichtigste Führungsoffizier der Kavallerie von Nord-Virginia. Als ein alter Freund und Favorit Stuarts, war er ebenso bekannt für seine Frohnatur wie für seine soliden Qualitäten als Kavallerist. Zwischen ihm und Hampton herrschte eine latente, später offene Rivalität. Fitz Lee übernahm die zweite Brigade inStuarts Division, die sich aus der 1st, 3rd, 5th und 9th Virginia Cavalry organisierte.
Am 17. August 1862 erhielt Stuart eine dritte Brigade (4 Virginia-Regimenter, 1 Bataillon), ursprünglich General Turner Ashbys Kommando im Shenandoah-Tal, befehligt von Brigadier General Beverly Holcombe Robertson (1827-1910, USMA 1849), einem fähigen Drillmeister, im Gefecht aber unzuverlässigen Offizier ohne Entschlußkraft. Stuart mochte ihn nicht.


Der Catlett's Station-Raid

Im Sommer 1862 ergab sich für die Südstaatler in Nord-Zentral-Virginia eine ernstzunehmende Bedrohung, als die Lincoln-Administration südwestlich von Washington, D. C. eine „Army of Virginia" unter dem bombastischen Major General John Pope, einem „Import" aus dem Westen, konzentrierte.
Aufgrund von strategischen und logistischen Erwägungen erkannte Lee in Pope eine Gefahr für seine Verbindung mit dem wirtschaftlich bedeutsamen Shenandoah-Tal, dem „Brotkorb der Konföderation". Da McClellan nach wie vor bewegungslos am James River lag und kein Interesse für eine Offensivbewegung zeigte, ergriff Lee die Initiative: Am 9. August 1862 kam es bei Cedar Mountain zwischen „Stonewall" Jacksons „Kommando" und den Yankees zum Kampf. Die Rebellen, die im Besitz des Schlachtfeldes blieben, errangen einen schmeichelhaften Sieg.

Vier Tage später erhielt Lee erste verläßliche Hinweise darüber, daß McClellans Heer im Begriff war, allmählich vom James River abgezogen zu werden. Nach Meinung des konföderierten Feldherrn beabsichtigte das US-Oberkommando eine Verstärkung Popes in Nordvirginia. Lee reagierte sofort. Er beschloß, gegen den schwächeren Pope vorzurücken und diesen zu schlagen, während McClellan mit der Evakuierung der „Peninsula" beschäftigt war. Zu diesem Zweck vereinigte er am 15. August 1862 seine Armee bei Gordonsville. Zehn Tage lang folgte eine Reihe inkonsequenter strategischer und taktischer Manöver entlang der Rappahannock-River-Linie.
Stuart, der am 17. August 1862 knapp der Gefangennahme entgangen war, hatte währenddessen lebhafte Vorhutgefechte zu bestehen. Am 20. August gelang es ihm, die feindliche Kavallerie bei Kelly's Ford und Brandy Station über den Rappahannock River zurückzuwerfen.

Catlett's Station
Am 21. August 1862 schlug Stuart, bestens mit der militärischen Lage vertraut, Lee vor, die rechte Flanke des Feindes zu umgehen, Catlett's Station zu überfallen und die Eisenbahnbrücke über den Cedar Run zu zerstören.
Falls erfolgreich, wäre damit Popes direkte Nachschublinie nach Washington unterbrochen. Lee stimmte zu, da er nicht zuletzt auf stichhaltige Informationen über feindliche Truppenbewegungen und Plazierungen setzte.

Am 22. August überquerte Stuart an der Spitze von 1´500 Mann (Lees und Robertsons Brigaden, je abzüglich eines Regiments), unterstützt durch zwei Geschütze, den Rappahannock bei Waterloo Bridge. Unbehelligt erreichten die „Raiders" am Nachmittag Warrenton, wo sie wie Befreier gefeiert wurden. Nach kurzer Rast marschierte Stuart weiter ostwärts über Auburn Mill's nach Catlett's Station.

Ein stürmisches Unwetter setzte jedoch ein, das den Marsch verzögerte. Gegen Abend war man am Ziel. Die Yankeevorposten waren schnell ausgeschaltet. Von diesen erfuhr Stuart, daß Pope in Catlett's Station sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Stuart formierte seine Truppen in Schlachtlinie und griff an. Die überraschten Unionssoldaten waren schnell überwältigt. Stuart erbeutete binnen weniger Minuten Hunderte von Pferden, Mulis und machte 200 Gefangene. General Pope war zur Zeit abwesend, so daß Stuart lediglich ein Teil seiner Uniformen und sein Depeschenbuch in die Hände fiel. Ferner erbeuteten die Konföderierten neben anderen nützlichen Gegenständen $ 350´000 Sold und $ 20´000 in Gold. Der Versuch, diverse Eisenbahnwaggons und die Brücke über den Cedar Run zu demolieren, erwies sich, bedingt durch die schlechte Witterung, nur als partiell erfolgreich.
Im Morgengrauen des 23. August begann der Rückmarsch. Ohne belästigt zu werden, kreuzte Stuarts Kommando den Rappahannock nach Süden und fand sich noch am selben Abend in den eigenen Linien ein, „nachdem er Pope eine ... Lektion über die Bedeutung der Nachhut erteilt und ein Element der Furcht in die Unionsarmee getragen hatte... ".
Von wesentlich größerer Bedeutung zeigten sich die erbeuteten Geheimdokumente: Lee wußte jetzt genau über die Stärke und die Intentionen des Feindes Bescheid. Denn Pope wollte, wie Lee vermutet hatte, eine Verstärkung durch McClellan abwarten, bevor er zur Offensive überging. Anhand dieser Informationen leitete Lee die Second-Manassas-Kampagne ein, angeführt von „Stonewall" Jackson, die am 29./30. August 1862 am Bull Run in einem grandiosen Triumph der konföderierten Waffen ihren Höhepunkt fand.
So gesehen, war Stuarts Raid trotz der unvollständigen Zerstörung der strategisch wichtigen Eisenbahnbrücke von mehr als nur „geringem Vorteil".

Stuarts Aktivitäten in den Operationen vom 25. bis 30. August 1862 hatten mit Sicherheit einen gewissen Anteil am Sieg der Konföderierten. Unermüdlich in der Aufklärung, „schaffte er es, seine Reiter so hin und herzu detachieren, daß sie als Feldwache und Flankenschutz im Einsatz waren und er dennoch genug Trooper bei sich behalten konnte, um in voller Stärke zu operieren. Er erkannte klar, wie sich der Feldzug entwickeln würde, und sah die Notwendigkeit der Kommunikation zwischen den verstreuten Elementen der Armee voraus ... Trotz seiner persönlichen Flamboyance, schien sich Stuart außerordentlich gut in die Kommandoorganisation der Armee von Nord-Virginia einzufügen. Nach Lees Worten leistete er, höchst wichtige und wertvolle Dienste"'.


Der Chambersburg-Raid

General Lees Maryland-Feldzug im September 1862, die erste seiner beiden „Invasionen" des Nordens, verfolgte drei strategische Ziele: 1. eine Entlastung Zentral-Virginias während der Erntezeit, 2. die Anwerbung Tausender Rekruten im „Grenzstaat" Maryland, 3. durch einen möglichen Sieg über die Union auf deren eigenem Territorium eine Anerkennung der Konföderation durch die Großmächte Europas zu erreichen.
Lees Invasion scheiterte früh. Als seine Pläne den Nordstaatlern, die erneut unter McClellans Kommando standen, in die Hände fielen, sah er sich zu einem „Show-Down-Fight" gezwungen, der am 17. September 1862 an den Ufern des Antietam Creek bei Sharpsburg ausgetragen wurde.
Die Südstaatler errangen einen taktischen Sieg, mußten sich aber schwer angeschlagen nach Virginia zurückziehen. Strategisch gewertet war Antietam ein Erfolg der Union. Denn „die Schlacht enttäuschte die konföderierten Hoffnungen auf britische Anerkennung und beschleunigte die Sklavenemanzipationsproklamation".
Stuarts Kavallerie war während des Feldzuges pausenlos im Einsatz. Neben der Erledigung routinemäßiger Aufgaben, unterstützte sie die Infanterie, insbesondere beim Halten der verschiedenen Gebirgspässe, kulminierend in der Schlacht am South Mountain. Am Antietam auf dem linken Flügel postiert, kämpfte sie abgesessen, eine taktische Rarität unter Stuart, und richtete ein mörderisches Flankenfeuer auf die angreifende Unionsinfanterie.
Nach der Schlacht deckte sie den Rückzug der Armee, die im nördlichen Shenandoah Valley entlang des Opequon Creek Stellung bezog.


"Stonewall" Jackson und J.E.B. Stuart
Lee lobte seine Reiteroffiziere für die geleisteten Dienste. Neben seinem Neffen Fitz Lee, allen voran Jeb Stuart, dessen „große Energie und Mut" er pries. Auch der asketische Jackson hob in seinem Bericht Stuarts wachsame Verteidigung des linken Flügels hervor.''

General Robertson, dessen Kompetenz Stuart stets angezweifelt hatte, war am 5. September 1862 seines Postens enthoben und nach North Carolina versetzt worden. Die temporäre Kommandogewalt seiner Brigade erhielt Colonel Thomas Taylor Munford (1831-1918), 2nd Virginia, der sich eine Beförderung verdient hatte.

Doch gegen Stuarts Wunsch ging die vakante Brigadiers-Stelle am 3. Oktober 1862 an Colonel William Edmondson Jones (1824-1864, USMA 1848), 7th Virginia, wegen seiner Streitsucht „Grumble" Jones genannt, ein zuverlässiger Gefechtsoffizier und erbitterter Gegner Stuarts.

Zusammen mit Jones war Colonel William Henry Fitzhugh „Rooney" Lee (1837-1891), 9th Virginia, zum Brigadier erhoben worden. Der hünenhafte Sohn des Armeebefehlshabers, ein kompetenter Reiteroffizier, der Harvard absolviert hatte, übernahm fürs erste das Kommando über die Brigade seines Cousins, der auf Krankenurlaub war.

Stuart plante Anfang Oktober 1862 einen weiteren „Raid". Er hatte bereits mit General Lee ausführlich darüber gesprochen. Zu seiner Zufriedenheit erhielt er am 8. Oktober 1862 „grünes Licht": Bestimmungsort der kühnen Operation war die Stadt Chambersburg, Pennsylvania, mit dem militärischen Ziel, die unweit gelegene Eisenbahnbrücke über den Conococheague Creek, die für die Union von logistisch-strategischer Relevanz war, zu zerstören.


Ferner benötigte Lee „alle Informationen über Stellung, Stärke und mögliche Absichten des Feindes". Letztlich sollte Stuart Bedienstete der US-Regierung im Austausch für konföderierte Geiseln gefangennehmen und die Pennsylvania-Farmen von ihren umfangreichen Pferdebeständen erleichtern.
Stuart wählte je 600 Mann seiner 3 Brigaden aus, angeführt von Hampton, Jones und W.H.F. Lee. Zu dem Kontingent gehörte zusätzlich eine Batterie „berittener Artillerie" (4 Geschütze) unter dem populären und brillanten Major John Pelham (1838-1863).
Am 10. Oktober 1862 führte Stuart seine 1´800 Reiter von Hedgesville nach Norden und überquerte bei McCoy's Ford, einige Meilen von Harper's Ferry entfernt, den Potomac River. Nachdem sie den „Maryland Panhandle" hinter sich gelassen hatten, überschritten sie die Grenze nach Pennsylvania, passierten Mercersburg und erreichten gegen Abend Chambersburg. Die Nordstaatler, die auf Stuarts Bewegungen aufmerksam geworden waren, hatten bereits die Verfolgung eingeleitet.
Die entsetzten Stadtväter Chambersburgs übergaben den Ort kampflos an Stuart, der Hampton zum „Militärgouverneur" ernannte. Binnen kürzester Zeit begannen die Südstaatler mit der Plünderung und Brandschatzung der vollgestopften Nachschubdepots und Lagerhäuser der US-Regierung. Die Versuche von Jones und seinen Männern, die aus einem Stahlgerüst konstruierte Eisenbahnbrücke zu zerstören, erwiesen sich als fruchtlos. Ein strategisches Hauptobjekt der Operation konnte somit nicht erfüllt werden.

Am Morgen des 11. Oktober brach Stuart wieder zum Rückmarsch auf. Wie schon im Juni 1862 benutzte er nicht den Weg, den er gekommen war - wo die Möglichkeit bestand, vom Feind abgeschnitten zu werden -, sondern führte seine Truppen ostwärts nach Cashtown, dann südlich nach Emmittsburg an Frederick vorbei und überquerte am 12. Oktober 1862 bei White's Ferry den Potomac. Nur hier fand ein Nachhutgefecht mit der feindlichen Kavallerie statt, die sich und ihren Oberbefehlshaber - McClellan - mit einer glanzlos organisierten Verfolgung abermals bis auf die Knochen blamierte.
Stuart hatte es also zum zweiten Male geschafft, McClellans Armee völlig zu umrunden. Wahrscheinlich trug Stuarts „Heldentat" mit dazu bei, daß McClellan einen Monat später von einem frustrierten Präsident Abraham Lincoln seines Postens enthoben wurde.
„Nach allen Berichten war (Stuarts) Raid ein schlagender Erfolg, obwohl es nicht gelungen war, die Chambersburg-Eisenbahn-Brücke zu zerstören, ursprünglich ein erstrangiges Ziel. Die Raiders hatten McClellans Außenposten und seine Kommunikationslinien lokalisiert. Sie hatten oberhalb der Mason-Dixon-Linie Güter für beinahe eine Million Dollar vernichtet. Sie hatten wertvolle Geiseln gefangen und nicht weniger als 1200 einsatzfähige Pferde erbeutet. Sie hatten sich vier großen Yankee-Einheiten, die nur zu dem Zweck geschickt worden waren, sie zu stellen, geschickt entzogen. Und durch einen Marsch von 126 Meilen ... hatten sie das Durchhaltevermögen und die Unerschrockenheit der Kavalleriedivision der Army of Northern Virginia und die Fähigkeit und den Wagemut ihres jungen Kommandanten demonstriert."
General Lee beschrieb die Expedition als „eminent erfolgreich"und lobte Stuarts „Kühnheit, Urteil und Vorsicht, die er gezeigt hat".


Der Dumfries Raid

Am 10. November 1862 wurde der Kavallerie-Division der Army of Northern Virginia, die über eine Effektivstärke von 9´100 Mann verfügte, eine weitere Brigade einverleibt, die „Rooney" Lee als permanentem Kommandeur unterstellt wurde, so daß die Organisationsstruktur von Stuarts Kommando wie folgt aussah:
1. Brigade (Hampton): 1st North Carolina, Ist, 2nd South Carolina, Cobb und Phillips' Legions.
2. Brigade (Fitz Lee): 1st, 2nd, 3rd, 4th Virginia.
3. Brigade (W.H.F. Lee): 2nd North Carolina, 9th, lOth, 13th, 15th Virginia.
4. Brigade (Jones): 6th, 7th, 12th Virginia, 17th Virginia Bataillon, White's Bataillon.
Berittene Artillerie (Pelham):
Batterien von Breathead, Chew, Hart, Henry und Moorman.
Jones Brigade war zur Durchführung von Aufklärungs- und Störaktionen ins Shenandoah-Tal detachiert worden.
Im Hinblick auf sein gespanntes Verhältnis zu Jones mag Stuart dies wohl begrüßt haben.
Army of the Potomac
Auf vehementen öffentlichen Druck rüstete Mitte November 1862 die Union Army of the Potomac unter ihrem neuen Kommandeur, dem inkompetenten Major General A. E. Burnside, zu einer Großoffensive: Burnside bewegte sich von Warrenton ostwärts nach Fredericksburg, wo er den Rappahannock River überqueren und General Lee zwischen der Stadt und Richmond zum Kampf stellen wollte. Doch es traten schwerwiegende Verzögerungen ein, für die Burnside und seine Vorgesetzten die Verantwortung trugen.

Lee, der zunächst den Kontakt zum Feind verloren hatte, schätzte Burnsides Absichten korrekt ein. Er marschierte nach Fredericksburg und brachte seine Armee auf dem Südufer des Rappahannock in eine hervorragende defensiv-taktische Position.

Erst am 12. Dezember 1862 setzte die Unionsarmee über den Fluß und griff am nächsten Morgen auf einer Gefechtslinie von 7 Meilen frontal an. Über ein Dutzend Angriffe der Union wurden abgewehrt. Nachdem er über 13´000 Mann an Verlusten erlitten hatte, gab sich Burnside geschlagen und trat den Rückzug an. Die Schlacht war hauptsächlich zwischen Infanterie und Artillerie ausgetragen worden. Stuarts Kavallerie hatte die rechte Flanke der konföderierten Armee bewacht, die bei Hamilton's Crossing abschloß. Wiederum war es Pelhams berittene Artillerie, die durch ein effektives Flankenfeuer ein Blutbad unter den Sturmkolonnen der Union anrichtete. Lee war von Pelhams Leistungen beeindruckt: „Es ist glorios, solch einen Mut bei einem so jungen Mann zu sehen!"
Obwohl sich General Burnside auf eine gute Versorgungslinie über Wasser verlassen konnte, führte ein geringer Teil seiner Nachschublinie, die ziemlich anfällig für konföderierte „Raiders" war, über den üblichen Landweg.

Am 27. November 1862 führte General Wade Hampton eine der gefürchteten Raider-Trupps der Konföderierten hinter die Linien der Union und kehrte mit über 100 Pferden und 92 Gefangenen zurück. Am 10. Dezember brach Hampton erneut auf und überfiel an der Spitze von 500 Mann die Kleinstadt Dumfries. Er erbeutete einen Wagenzug und brachte 50 Gefangene ein. Vom 15. bis 18. Dezember stattete er den Yankees einen dritten Besuch ab. Diesmal holte er sich 150 Gefangene und 20 Wagen. Dann war Jeb Stuart an der Reihe.
Stuart pickte erneut je 600 Mann aus seinen 3 Brigaden. Die Detachments befehligten Hampton und die beiden Lees, unterstützt durch 4 Geschütze.
Am 26. Dezember 1862 führte Stuart seine Reiter bei Kelly's Ford über den Rappahannock. In der Nähe von Bristersburg wurde über Nacht gelagert. Am nächsten Tag teilte Stuart seine Kolonne. Er plante simultane Angriffe auf diverse Nachschubdepots der Union, die sich entlang der Telegraph Road befanden. Allerdings mußten die vom Erfolg verwöhnten Südstaatler zunächst einige Rückschläge hinnehmen.
Ein zweiseitiger Angriff seiner Haupttruppe auf Dumfries, 22 Meilen nördlich von Fredericksburg, wurde von einer hartnäckig kämpfenden Garnison, die stärker war als erwartet, abgewiesen. Von den Yankees hart bedrängt, blies Stuart zum Rückzug.
Weiter nördlich am Occuquan Creek war es Hampton kaum besser ergangen. Er vermochte zwar den Nordstaatlern einige Kriegsgüter abzujagen, aber den Feind ließ er entwischen.

Stuart vereinigte sein Kommando bei Cole's Store, neun Meilen nordwestlich von Occuquan. Eines war klar. Der Raid hatte sich bis jetzt als ein ziemlicher Fehlschlag herausgestellt. Man würde mit leeren Händen zu den eigenen Linien zurückkehren müssen.
Doch dann erfuhr Stuart, daß sich von Norden ein kleines Heer von Verfolgern näherte. Er fühlte sich dadurch herausgefordert und ritt am 28. Dezember weiter nordwärts. Bei Selectman's Fort zerstreute er eine feindliche Garnisonstruppe in alle Winde. Nach einer kurzen Verfolgung entdeckte er ein verlassenes Basiscamp der Yankees, das er plündern ließ.


Scouts


Nächstes Etappenziel war Burke's Station. Zwölf Meilen westlich von Washington, D. C., über das die Raiders herfielen, über 200 Wachsoldaten wurden gefangengenommen und noch mehr Pferde und Mulis erbeutet, 20 Wagenladungen an Kriegsmaterial konnten die Südstaatler sicherstellen.

Ferner ließ Stuart die Telegraphenleitung anzapfen, um Konkretes über den augenblicklichen Verbleib und die Intentionen seiner Verfolger zu erfahren. In einem frechen Telegramm an den Quartermaster General der Union, M. C. Meigs, beschwerte er sich über die „schlechte Qualität der letztlich gelieferten Mulis"!

Nachdem Fitz Lee die Brücke über den Accotink Creek zerstört hatte, ging der Marsch weiter nach Nordwesten in die Bull Run Mountains, ohne von den Yankees belästigt zu werden, und dann südwärts an Middleburg und Warrenton vorbei. Am 31. Dezember 1862 langte man in Culpeper Courthouse an. Am nächsten Tag war Stuart in seinem Hauptquartier bei Fredericksburg.

Sein Raid war trotz einiger „Anfangsschwierigkeiten" ein durchschlagender Erfolg. Einer seiner Stabsoffiziere meinte euphorisch, der Dumfries Raid sei die „längste, gefährlichste und brillanteste Unternehmung (gewesen), die die Kavallerie bisher einer bewundernden Öffentlichkeit geboten hat".

 


 

 

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