Mit freundlicher Unterstützung
© 1988 by VERLAG FÜR AMERIKANISTIK D. KUEGLER, 25931 Wyk auf
Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© NORD & SÜD, Dietmar Kuegler, General Robert E. Lee -
Militärische Biographie -
Veröffentlichungen: United States Army Center of Military History
sowie zeitgenössische Dienstvorschriften der United States Army
General
Robert E. Lee
Militärische Biographie

Einleitung
„Ich
wurde General Lee vorgestellt und betrachtete mit Achtung und Wohlgefallen
den großen schönen Sechziger in schneeweißem Haare
und mit den dunklen wohltuenden Augen, die für jeden Menschen einen
Blick des Wohlwollens hatten. Mit Ehrfurcht blickte ich zu dem Sieger
der sieben großen Schlachten vor Richmond, Fredericksburg und
Sharpsburg auf ... In seinen hohen Stulpstiefeln und dem einfachen Rocke,
dem großen Filzhute und dem schlichten Wesen, fern von aller Äußerlichkeit,
da er nur auf dem Marsche den Säbel trug, machte er nicht den Eindruck
eines Soldaten, sondern eines bedeutenden Mannes."
Major Justus Scheibert, — SIEBEN MONATE IN DEN
REBELLENSTAATEN WÄHREND DES NORDAMERIKANISCHEN KRIEGES 1863—1868
Fragt man heute in den USA nach
den bedeutendsten Persönlichkeiten der Bürgerkriegsjahre,
werden in jedem Fall Abraham Lincoln und Robert E. Lee genannt,
der Präsident der Union und der Oberkommandierende der „Rebellion".
Die Widersinnigkeit ist nur scheinbar. Zwischen beiden gibt es menschliche,
persönlich-charismatische Eigenarten, die vergleichbar sind und
die sie in den Augen ihrer Landsleute zu einem Mythos haben werden lassen.
Die Verehrung gründet sich dabei nicht in erster Linie auf ihre
Taten, sondern mehr auf die Art und Weise, wie sie ihre Sache repräsentierten.
Während allerdings Lincoln bis heute in den ehemaligen Staaten
der Konföderation hier und da - trotz seiner historischen Bedeutung
- zwiespältige Gefühle auslöst,
gilt Robert E. Lee inzwischen in Nord und Süd als unangreifbar.
Wappen der
Familie Lee
Am 13. Juli 1958
schrieb die angesehene „New York Times":
„Lee gehört nicht dem Süden allein. Als Gentleman,
Lehrer und Soldat wird er bewundert und respektiert vom ganzen Land."
Lee war eine Ausnahmepersönlichkeit, deren Aura Blut, Haß
und Verzweiflung überstrahlte.
Nach dem Krieg wurde er - wie ein Chronist schrieb - fast „wie
ein ungekrönter König" im Süden angesehen und übte
auch auf seine Kriegsgegner eine unwiderstehliche Anziehengskraff aus.
Obwohl er - wie die Militärgeschichte nüchtern festgestellt
hat -
als Feldherr nicht fehlerlos war und obwohl die strategische Leistung
seines häufig unterbewerteten Gegenspielers U. S. Grant längst
ebenfalls anerkannt ist und dieser von Militärhistorikern als „der
erste moderne General" eingestuft wird, gilt nicht Grant,
der Sieger des Krieges, sondern Lee, der die Niederlage des Südens
besiegeln mußte, als die unangefochten größte militärische
Persönlichkeit. Eine Tatsache, die im Laufe der letzten 100 Jahre
eher noch zugenommen hat.
Inmitten eines
Strudels von Postenjägerei, rücksichtslosem
persönlichem Ehrgeiz, hemmungslosem Profitstreben und menschlicher
wie fachlicher Immoralität und Unzulänglichkeit, hob dieser
Mann sich deutlich ab: Charakterlich integer, moralisch unangreifbar,
persönlich bescheiden, frei von Mißgunst und Neid, gebildet,
würdig, tolerant, taktvoll, dabei entschieden, ziel- und pflichtbewußt
und die Verantwortung, die ihm aufgebürdet war, nie aus den Augen
verlierend und zugunsten eigener Interessen zurückstellend.
Die
Historikerin Eva Maria Brownawell schrieb in ihrem Buch „Die Amerikaner und ihr Krieg", 1978:
„Die
Größe der Persönlichkeit Lees wurde im
wesentlichen in zwei Manifestationen seines Charakters gesehen, die
nicht nur im Süden, sondern auch im Norden unbedingt anerkannt
wurden. Es waren dies seine Fähigkeit als Führer während
des Krieges und sein Verhalten nach dem Krieg ... Die persönlichen
Tugenden, die Lee zum Inbegriff eines Führers stempelten, waren
Gründlichkeit, Verantwortungsbewußtsein, Weisheit und
Einfachheit des Lebensstils ... Am besten können alle seine
außergewöhnlichen
Führereigenschaften unter dem Begriff „Charisma" zusammengefaßt
werden. Charisma war gemeint, wenn versucht wird, die Siege der virginischen
Armee gegen eine dreifache Übermacht zu erklären ... Lee war
ein Führer gewesen, dem die Soldaten bis in den Tod folgten."
Wie
ungebrochen das Ansehen Robert E. Lees ist, zeigt die Tatsache, daß
bis auf den heutigen Tag in 9 Staaten der früheren Konföderation
der 19. Januar, Lees Geburtstag, als offizieller Feiertag gilt.
Mythen sind selten
faßbar. Deshalb soll hier nicht versucht werden, Legendenforschung
zu treiben. Es soll ein wenig die Vielschichtigkeit Robert E. Lees verdeutlichen,
der loyal und mit höchstem Einsatz für den Süden kämpfte,
aber immer wieder seine Sympathie mit der Union äußerte,
der die Sklavenhaltung als
„moralisches und politisches Übel" bezeichnete und den
blauuniformierten Feind „unsere Brüder" nannte.
Die
Familie
Die Lees waren
eine der ältesten und bedeutendsten Familien Virginias. Ihr Stammvater,
Colonel Richard Lee, war um 1590 in Shropshire, England, geboren worden
und wanderte 1641 während der Regentschaft von König Charles
I. in die Neue Welt aus.
1651 ließ er sich, fasziniert von der Schönheit des Landes,
als Tabakpflanzer in Virginia nieder. Er nahm lebhaften Anteil an der
Kolonialverwaltung, wurde Generalstaatsanwalt, High Sheriff des York
County und schließlich Staatssekretär der Kolonie. Er war
Mitglied des Staatsrats. Als Charles I. in England gestürzt wurde
und Cromwell die Macht an sich riß, ging Richard Lee als überzeugter
Royalist für einige Zeit nach Holland ins Exil. 1664 starb er in
Virginia.
Das Erbe trat sein zweiter Sohn Richard an. Wie sein Vater wurde auch
er in den Staatsrat der Kolonie berufen. Er hatte 6 Söhne und 1
Tochter.
Der 5. Sohn Thomas begründete den Wohlstand der Familie. Er erbaute
das imposante Haus der Stratford-Plantage. Seine 8 Söhne waren
durchweg einflußreiche, bemerkenswerte Männer. Zwei von ihnen,
Richard und Francis Lee, gehörten 1776 zu den Unterzeichnern der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Colonel Henry
Lee, genannt »Light Horse Harry« , der Vater von Robert
Edward (E.) Lee
Ihr Onkel Henry,
der jüngste Bruder von Thomas Lee, war der Vater von Robert E.
Lee.
Dieser gehört inzwischen unter dem Namen „Light Horse"
Harry zu den legendären Gestalten der amerikanischen Geschichte.
Er war ein draufgängerischer Vorkämpfer der amerikanischen
Unabhängigkeit.
Mit
20 Jahren wurde er zum Gefährten George Washingtons, stieg zum
ausgezeichneten Offizier des Unabhängigkeitskrieges auf und führte
die „Light Horse" Harry Lee Legion.
Da es damals noch keine
militärischen Orden und Auszeichnungen gab, erhielt Major Henry
Lee am 24. September 1779 für seine Tapferkeit beim Angriff auf
das feindliche Fort Powles Hook die Goldmedaille des Kongresses verliehen,
die auf der Vorderseite sein Portrait zeigt.
Zusätzlich erhielt
er $ 15.000, die er an seine Soldaten verteilte.
„Harry war nicht nur ein tapferer und fähiger Kavallerieführer,
er war ein leidenschaftlicher und kluger Politiker, ein Mann mit Geschmack
und Urteilsvermögen, dazu ein begeisterter Student der klassischen
und zeitgenössischen Literatur. Nach dem Krieg wurde Harry Lee
in den Kongreß gewählt und dazu ausersehen, den Nachruf beim
Tod Washingtons zu schreiben." Sir Frederick Maurice,
ROBERT E. LEE, THE SOLDIER, 1925
1788
war „Light Horse" Harry als Abgeordneter des Staatskonvents
führend daran beteiligt, daß Virginia die Artikel des neuen
Staatenbundes übernahm. 20 Jahre später zeigte er sich aber
als eifriger Anwalt der Vorrechte der Einzelstaaten und erklärte,
daß einige geplante Bundesgesetze verfassungswidrig seien und
Virginia das Recht habe, sie abzulehnen. Da er von 1792-95 Gouverneur
des Staates gewesen war, wurden seine Worte stark beachtet. Er konnte
nicht ahnen, daß seine Interpretation der Verfassung dereinst
Folgen für seinen noch ungeborenen Sohn Robert haben würde.
Harry Lee heiratete zweimal. Die zweite Frau war Anne Hill Carter. Sie
entstammte einer wohlangesehenen Familie Virginias. Das 5. Kind aus
dieser Ehe war Robert Edward.

Lees Geburtshaus
„Stratford", Westmoreland County
Er wurde am 19.
Januar 1807 auf „Stratford", Westmoreland County, geboren.
Harry Lee verlor einen Großteil seines Besitzes bei einer riskanten
Landspekulation, so daß er die Plantage seinem Sohn aus erster
Ehe übertragen mußte.
Während die Familie in ein kleines Haus nach Alexandria zog und
fortan vom Vermögen der Mutter lebte, mußte Harry Lee wegen
seiner angeschlagenen Gesundheit aus klimatischen Gründen Virginia
verlassen und für längere Zeit auf die Westindischen Inseln
übersiedeln. Er blieb seinen Kindern nur noch brieflich verbunden.
1818, als Robert 11 Jahre alt war, starb Harry Lee, als er sich auf
der Heimreise befand.
Robert E. Lees
Brüder verließen das Elternhaus recht früh. Er hingegen
blieb bei seiner kränkelnden Mutter und pflegte sie. Sie prägte
seine Kindheit. Sie erzog ihn prinzipienfest und streng in christlich-humanem
Sinn. So wuchs er zu einem ungewöhnlich ernsthaften und zurückhaltenden
jungen Mann heran, früh daran gewöhnt, sich Verantwortung
zu stellen und das Leben nicht leicht zu nehmen.
Die Familie lebte zwar in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen,
war aber im Vergleich zu den Pflanzeraristokratien im Süden nicht
reich.
Die Bescheidenheit, die Robert E. Lee in dieser Zeit - trotz seiner
angesehenen Herkunft - lernte, blieb für sein ganzes Leben Bestandteil
seines Wesens.
Ausbildung
Virginia zu Beginn
des 19. Jahrhunderts - eine Idylle mit Magnolienwäldern, prächtigen
Alleen, weißen Herrenhäusern, weiten Tabakund Baumwollpflanzungen,
die abends von den schwerblütigen Gesängen der schwarzen Sklaven
widerhallten. Ein Refugium des später so stark verklärten
„alten Südens", der an Kolonialzeiten gemahnte.
Hier schien die Zeit langsamer zu verstreichen. Seit der britischen
Kolonialverwaltung hatte sich nur wenig geändert. Das bedeutete:
Wenige Straßen, die die Landesteile miteinander verbanden, nur
langsam wachsende Städte, einseitig auf die Landwirtschaft ausgerichteter
Handel, geringe allgemeine öffentliche Kultureinrichtungen, ein
unterentwickeltes Schulsystem als Erbe der englischen Zeit. Die Ausbildungsmöglichkeiten
für einen jungen Mann, dessen Familie sich keinen Privatlehrer
leisten konnte, waren begrenzt.
Daß Robert E. Lee dennoch eine universale Bildung erwarb, verdankte
er einem besorgten und bemühten Lehrer der Schule in Alexandria
und vor allem der umfangreichen Privatbibliothek des verstorbenen Vaters.
Eine gute Ausbildung war ungemein wichtig für ihn, da er als nachgeborener
Sohn kein bedeutendes Erbe zu erwarten hatte und selbst für seinen
Lebensunterhalt sorgen mußte. Dies war nicht leicht; seine Familie
verfügte zwar über politische, kaum aber über wirtschaftliche
Beziehungen, die in den Südstaaten ohnehin dürftig waren.
Die Auswahlmöglichkeiten für eine berufliche Existenz waren
gering. Dem jungen Mann fehlten die rhetorischen Fähigkeiten seines
Vaters und seiner Onkel. Hinzu kam seine anerzogene Zurückhaltung.
So war eine Laufbahn als Jurist - meist Grundlage für eine Karriere
in der Politik oder im öffentlichen Dienst - ziemlich aussichtslos.
Es blieb eine militärische Karriere, wie bei sehr vielen jungen
Männern der höheren Gesellschaft der Südstaaten.
Dies schien auch
seinen Neigungen zu entsprechen, da er stets lebhaftes Interesse an
den militärischen Leistungen des Vaters gezeigt hatte und das Landleben,
die Jagd und das Reiten liebte. 1825 trat er in die Militärakademie
West Point ein.
West Point am Hudson River wurde allgemein als Eliteschule angesehen.
Viele Familien der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten
des Landes schickten ihre Söhne hierher, sofern sie es sich leisten
konnten, weil die Kadetten hier nicht nur optimal auf den Beruf des
Soldaten vorbereitet wurden, sondern auch eine hervorragende Allgemeinbildung
erhielten. Die Schulung dauerte 4 Jahre und war von unerbittlicher Disziplin
und großer Strenge. Viele Kadetten scheiterten. Jene aber, die
das begehrte Abschlußzeugnis erlangten, verfügten über
die bestmögliche Ausbildung im Land.

Das früheste
authentische Foto Robert E. Lees, ca. 1850, vermutlich im Mathew-Brady-Studio
aufgenommen.
Zu dieser Zeit war er Offizier der Union und leitender Ingenieur des
Militärhafens von Baltimore
Robert
E. Lee absolvierte
West Point mit Auszeichnung. Er verdiente sich einen der privilegierten
Adjutantenposten und graduierte 1829 als Zweitbester seines Jahrgangs.
Als Leutnant der Ingenieure - der Elitetruppe der Armee - verließ
er die Akademie und wurde zunächst bei der Planung und Leitung
von Festungsbauarbeiten in Fort Pulaski, Fort Monroe und Fort Hamilton
eingesetzt.
1831 heiratete er Mary Ann Randolf Custis, die Tochter von George Washington
Custis, einem Enkel von Martha Washington aus erster Ehe, der dem jungen,
nahezu mittellosen Offizier zunächst ablehnend gegenübergestanden
hatte.
„Die
Heirat war für Lee ein Glück. Nicht nur wegen der Stellung
und des Besitzes, die sie ihm brachte. Sie öffnete ihm die Häuser
der führenden Männer des Staates, Männer, in deren Händen
in hohem Maß die Zukunft des Landes lag. Sie verlieh ihm letztlich
die Kontrolle über große Besitztümer, aber sie gab ihm
auch, was er viel mehr brauchte, eine liebende und ergebene Partnerin."
Sir Frederick Maurice, ROBERT E. LEE, THE SOLDIER, 1925
Die Ehe war überaus glücklich.
Aus ihr gingen 3 Söhne und 4 Töchter hervor. Sie wurde erst
nach der Geburt der Kinder überschattet, als Mary Ann Lee von schwerem
Rheumatismus befallen wurde und Jahre ihres Lebens fast gelähmt
im Rollstuhl zubringen mußte, mit größter Rücksichtnahme
und Geduld von ihrem Mann versorgt. Sein ältester Sohn schrieb
später: „Seine Sanftmut gegenüber Kranken und Hilflosen
entwickelte sich schon in seiner Kindheit." Robert E. Lee
wurde ein treusorgender Gatte und Vater. An einen Freund schrieb er
die erstaunlichen Sätze:
„Für meinen Teil genieße ich sehr den Charme des zivilen
Lebens und finde zu spät, daß ich den besten Teil meiner
Existenz vergeudet habe.
Der große Fehler meines Lebens war die Wahl einer militärischen
Ausbildung."
(J. W. Jones, LIFE AND LETTERS OF GENERAL R. E. LEE)
Soldat
der Union
Der Beruf des Soldaten bot
einem jungen Mann im Amerika jener Tage Sicherheit, aber kaum eine
glänzende Karriere. Die Armee bestand
um 1830 aus 7 Infanterie- und 4 Artillerieregimentern, insgesamt kaum über
6´000 Mann. Nur wenige Planstellen für höhere Offiziere. Lange
Wartezeiten, bis auf Beförderung gehofft werden konnte. Hinzu
kam, daß das gesellschaftliche Ansehen der Armee in einem durch
und durch republikanischen Land, in dem jeder Bürger sich etwas
auf seine Individualität zugute hielt, nicht sonderlich hoch war,
was sich auch in der Besoldung ausdrückte.
Abgesehen von gelegentlichen Bemerkungen über die Vorzüge
des Zivillebens, klagte Robert E. Lee jedoch nie. Pflichterfüllung
und Hingabe waren seine Prämissen. Wo immer er eingesetzt war,
erwarb er sich die Anerkennung seiner Vorgesetzten. 1834 wurde er als
Verwaltungsoffizier ins Hauptquartier nach Washington berufen. Dies
gab ihm die Möglichkeit, zusammen mit seiner Frau und den Kindern
auf dem Landgut Arlington der Custis-Familie zu leben. Jeden Morgen
ritt er über den Potomac nach Washington.
1837 wurde Lee
nach St. Louis versetzt, um eine Planung für die Verbesserung der
Schiffahrt auf dem Mississippi zu entwerfen. Zeitweise war er leitender
Ingenieur des Hafens von St. Louis. Die Fahrrinne wurde begradigt und
verbessert, die Strömungsverhältnisse beruhigt. 1840 kehrte
er als Captain zu rein militärischen Aufgaben zurück und plante
den Bau der Verteidigungsanlagen des Hafens von New York.
Seine Leistungen erhielten allerorten Bewunderung, so daß er zu
einem der Inspektoren der Akademie West Point berufen wurde.
1845 hatte sich die Situation an der Grenze zwischen Texas und Mexiko
zugespitzt. Texas, seit 10 Jahren selbständige Republik, hatte
sich den USA angeschlossen. Mexiko, das Texas noch immer als Eigentum
ansah, drohte mit gewaltsamer Annektierung. US-Truppen wurden an die
Grenze verlegt. Captain Lee wurde Ingenieur im Stab des Generals John
E. Wool in San Antonio. 1846 begann nach gezielten Provokationen von
US-Dragonern der Krieg mit Mexiko. Lee nahm unter dem Kommando von General
Zachary Taylor an der Schlacht von Buena Vista teil. Als das Kommando
auf General Winfield Scott überging, forderte dieser den begabten
Ingenieur-Offizier Lee für seinen Stab an. Im Verlauf des Feldzugs
erwarb sich Lee Respekt und Freundschaft des Oberkommandierenden. Beim
Angriff auf Vera Cruz und der anschließenden Invasion quer durch
das unwegsame Bergland nach Mexico City, gehörte Lee zu Scotts
engsten Beratern.
Die besten Ingenieur-Truppen bildeten die Vorhut der US-Armee. In meisterhafter
Weise organisierte Lee den Transport der schweren Feldartillerie über
Paßstraßen. Dort, wo mexikanische Partisanen den Vormarsch
der Amerikaner zum Halten brachten, wurden Geschütze zerlegt, an
Steilwänden hinaufgezogen, über unwegsame Bergmassive geschleppt
und auf Klippen und im Rücken mexikanischer Schützennester
wieder zusammengesetzt und in Stellung gebracht, um der nachstoßenden
Armee den Weg freizuräumen.
Robert E. Lee
als Unions-Offizier im Krieg gegen Mexiko
Lee kämpfte
mit Auszeichnung in den Schlachten von Cerro Gordo und Mexico City.
Er erhielt den Brevet-Rang (Titularrang) eines Colonels. Neben ihm bestanden
noch zahlreiche andere junge Offiziere in diesem Krieg ihre Feuerprobe,
die während des Amerikanischen Bürgerkrieges zu bedeutenden
Heerführern aufstiegen. Zum Stab General Scotts gehörten Männer
wie Gustavus Smith und P. G. T. Beauregard, spätere Generäle
der Südstaaten, und George McClellan, der zeitweilige Kommandant
der Potomac-Armee der Union. Man traf auf junge Leutnante wie Thomas
Jackson, Braxton Bragg, A. P. Hill, Joseph E. Johnston, U. S. Grant,
Meade, Hooker, Burnside und andere, die in Mexiko Seite an Seite in
der gleichen Uniform fochten.
1848 endete der Krieg mit enormen territorialen Gewinnen der Amerikaner,
die den USA in etwa die heutige geographische Form gaben. Gleichzeitig
brachen die Gegensätze zwischen Norden und Süden, die durch
den nationalen Konflikt verdeckt worden waren, erneut auf. Die Fragen
der politischen und wirtschaftlichen Macht wurden drängender. Es
konnte kein Zweifel bestehen, daß die Besiedelung der neuen Gebiete
im Westen nur eine Frage der Zeit war. Die Planung einer transkontinentalen
Eisenbahnlinie wurde diskutiert. Das Feudalsystem im Süden und
die beginnende industrielle Revolution im Norden, verbunden mit dem
einsetzenden, vom Norden gewünschten und beeinflußten Nationalismus
konkurrierten um die neue Einflußsphäre im Westen.
Robert E. Lee äußerte
sich so gut wie nie zu diesen Konflikten. Er schien ausschließlich
an seiner Familie interessiert und ging seinen Pflichten als Offizier
nach, der überall dort, wo er hingestellt wurde, die beste Leistung
zu erbringen trachtete. Von 1848 bis 1852 leitete er den Bau von Fort
Carroll im Hafen von Baltimore. Dann erfolgte die Ernennung zum Superintendenten
der Militärakademie West Point, eine Stellung, die zu den angesehensten
gehörte, die die US-Armee zu vergeben hatte. Drei Jahre später
jedoch sprach Lee beim amtierenden Kriegsminister vor, dem ehemaligen
Senator von Mississippi, Jefferson Davis, und bat ihn um Versetzung
in den Felddienst.
Der Kongreß hatte kurz zuvor die Aufstellung von 2 zusätzlichen
Infanterie- und 2 Kavallerie-Regimentern gebilligt. Das Kommando des
2. Kavallerie-Regiments übernahm Colonel A. S. Johnston. lm Rang
eines Lieutenant Colonel wurde Robert E. Lee sein Stellvertreter.
In diesem Regiment,
das im Comanchengebiet zwischen dem Arkansas River und dem Rio Grande
einen ebenso gefährlichen wie oft auch trostlosen Dienst leistete,
dienten Männer wie John B. Hood, Fitzhugh Lee, Stonemann und Edmund
Kirby Smith, die alle während des Bürgerkrieges Bedeutung
erlangen sollten.
Lee bedauerte zwar die Trennung von seiner Familie, war jedoch froh,
dem trockenen Verwaltungsdienst eine Weile entronnen zu sein.
1857 starb sein Schwiegervater. Lee erhielt einen längeren Heimaturlaub
um die notwendigen Familienangelegenheiten zu ordnen. Er war nun Besitzer
der Arlington-Plantage und stand damit dem Vermögen nach in einer
Reihe mit den ersten Familien Virginias. Wenn diese Tatsache ihm auch
bedeutende ökonomische Sicherheit gab, änderte sich jedoch
weder sein bescheidener Lebensstil, noch seine zurückhaltende,
unprätentiöse Art des Auftretens. Vielmehr sah er in dem Erbe
eine Verpflichtung, die Übernahme nicht nur eines Besitzes, sondern
einer großen Tradition, deren Bewahrer er zu sein hatte.
John
Brown
Am 16. Oktober
1859 kam es zu einem Ereignis, das die Nation - wenn auch aus unterschiedlichen
Motiven - allgemein erregte und zeigte, wie verhärtet die Fronten
zwischen den Landesteilen inzwischen geworden waren: Der Fanatiker John
Brown, der sich in den Jahren zuvor an der Kansas-Grenze mit Anhängern
der Südstaaten blutige Auseinandersetzungen geliefert hatte, überfiel
mit 21 Männern - Schwarzen und Weißen - das Bundesarsenal
Harpers Ferry, nur 55 Meilen nordwestlich von Washington, nahm die kleine
Besatzung als Geiseln und rief die Sklaven im Süden zur allgemeinen
Rebellion auf.
Während im Norden nicht wenige die Tat als Heldenstück feierten,
herrschte im Süden tiefe Bestürzung und Empörung. Robert
E. Lee befand sich zu diesem Zeitpunkt auf Arlington. Er wurde vom Kriegsministerium
an die Spitze einer eilig zusammengestellten Truppe - vorwiegend Marineinfanterie
- gestellt, um den Aufstand Browns niederzuwerfen. Nach zwei Nächten
und einem Tag, die Brown die Besetzung von Harpers Ferry durchhielt,
traf Lee mit seinen Leuten ein und ließ das Arsenal stürmen.
Der Kampf dauerte nur 3 Minuten. 10 Männer wurden getötet.
Darunter 2 Söhne Browns.
„Das ganze Volk
atmete erleichtert auf, als es am Dienstag hieß, Oberst Robert
E. Lee, der 80 Marinesoldaten kommandierte, habe ein kleines Maschinenhaus-Fort
gestürmt, in dem 18 Männer verschanzt lagen und sie bis auf
zwei getötet oder verwundet. In einer Ecke des Maschinenhauses
fanden sie einen alten Mann mit einem langen, wallenden Bart, der aussagte,
er sei John Brown."
Carl Sandburg, ABRAHAM LINCOLN, 1958
Als Brown am
2. Dezember 1859 wegen Verschwörung gegen den Staat Virginia und
Anstiftung der Sklaven zur Rebellion gehängt und damit unverdient
zum Märtyrer der Sklavenbefreiungsbewegung der Nordstaaten gemacht
wurde, befand sich Robert E. Lee bereits wieder in Texas. Er war zum
Kommandanten des Texas-Departments der US-Armee ernannt worden und behielt
diese Position bis zum Februar 1861.
Nur gelegentlich hatte er sich zu den Dingen geäußert, die
durch die John-Brown-Revolte emotional wie nie zuvor aufgeheizt worden
waren. Die Sklaverei hatte er in einigen Briefen als ummoralisch gebrandmarkt,
ebenso den Sklavenhandel und die Einfuhr von Afrikanern als Handelsware.
Er hatte dies als „Schande vor allem für die weiße
Rasse" bezeichnet. Er glaubte nicht an die Notwendigkeit und schon
gar nicht an die Zukunft der Sklavenwirtschaft und verstand jene nicht,
die diese Wirtschaftsform als unabdingbar für den Süden ansahen.
Bei Übernahme des Erbes seines Schwiegervaters hatte er den Sklaven
auf Arlington die Freiheit geschenkt. Die immer lauter geäußerten
Ideen einer Sezession des Südens lehnte er ab. Er schrieb zwar
an einen seiner Söhne: „Die Angriffe des Nordens sind
übel." Gleichzeitig zweifelte er aber daran, daß
eine Abtrennung der südlichen Staaten mit der Verfassung zu vereinbaren
sei.
Politisch stufte er sich als Whig (konservativ) ein. Der Gedanke an
eine Revolution war ihm unbehaglich. Gleichwohl mußte er Anfang
1861 im fernen Texas erkennen, daß sich auch ihm eine bittere
Entscheidung aufdrängte. Im Februar 1861 wurde er nach Washington
zurückgerufen und im März zum Colonel der 1. US-Kavallerie
ernannt. Es sollte die letzte Position sein, die er in der Unionsarmee
innehatte.
Die
Sezession
General Scott,
Freund und Gönner Robert E. Lees, Virginier von Geburt wie er,
sah das kommende Unheil. Als die Sezessionsbewegung im tiefen Süden
begann, drängte der greise Oberkommandierende den soeben zum Präsidenten
gewählten Abraham Lincoln, Lee einen hohen Posten in der Armee,
am besten seinen eigenen, den des Oberkommandierenden, anzubieten. Lincoln
schickte den politisch und wirtschaftlichen einflußreichen Francis
P. Blair sen. zu Lee, um dessen Bereitschaft, die Führung der US-Armee
zu übernehmen, prüfen zu lassen.
Lee, der 32 Jahre seines Lebens in der US-Armee gedient hatte, sah sich
in einen tiefen Konflikt gestürzt: Als Anhänger der Union
erhielt er ein Angebot, wie es für jeden höheren Offizier
ehrenvoller und vorteilhafter nicht hätte sein können. Gleichzeitig
war offensichtlich, daß sein Heimatstaat Virginia den Weg der
Sezession gehen würde.

Jefferson Davis,
Präsident der Konföderierten Staaten von Amerika, mit seiner
Ehefrau
Am 20. Dezember
1860 hatte South Carolina als erster Staat seinen Austritt aus der Union
der Staaten erklärt. Bis zum April 1861 folgten die Staaten North
Carolina, Georgia, Alabama, Louisiana, Florida, Arkansas, Mississippi,
Tennessee und Texas. Lees Heimatstaat Virginia entschied sich am 17.
April 1861 mit 88 gegen 55 Stimmen für den Austritt aus der Union
und den Anschluß an die sich bildenden Konföderierten Staaten.
Die Abgeordneten und Senatoren dieser Staaten legten ihre Mandate im
Bundesparlament nieder und verließen die Hauptstadt Washington.
Regierungsbeamte aus diesen Regionen schieden aus ihren Positionen aus.
Von den Offizieren der US-Armee, die im Süden geboren waren, wurde
erwartet, daß sie heimkehrten.
Von 395 gebürtigen Südstaatlern im Offizierskorps folgten
286 diesem Ruf und reichten ihren Abschied ein.
Der Riß, der sich zwischen Norden und Süden auftat, ging
mitten durch Familien, durch Freundschaften. Eine maßlose Erbitterung
über die jeweils andere Hälfte des Landes hatte die Bevölkerung
ergriffen, zugleich steigerte sich der Süden in eine fast schon
trotzige Begeisterung,
eine Aufbruchstimmung, die keinen Zweifel zuließ, daß sich
hier tatsächlich eine neue Nation konstituierte.
Lees Gespräch mit Blair war vom Ernst der Situation geprägt.
Eingedenk seiner langen Dienstzeit, seiner engen menschlichen Beziehungen
zu seinen Kameraden im Offizierskorps, fühlte Lee sich in großer
Gewissensnot.
Schließlich aber stellte er Blair die Frage: „Wie könnte
ich mein Schwert gegen meinen Heimatstaat Virginia ziehen?"
Damit drückte er die Gefühle der meisten Südstaatler
aus, die auch wenn sie wie Lee jahrelang im Dienst der Union gestanden
hatten - den beginnenden amerikanischen Nationalismus im Norden ablehnten,
der im Endeffekt die Rechte der Einzelstaaten zurückdrängte.
Da diese Zentralisierung mit einer massiven Kampagne gegen die südliche
Lebensart, die Sklavenwirtschaft und die Eigentumsverhältnisse
im Süden verbunden war - Kleinbauerntum gegen Plantagenwirtschaft-,
war die Gegnerschaft, die im Süden ausgelöst wurde, um so
tiefer.
Auch Lee lehnte
die radikalen Forderungen der Abolitionisten im Norden ab. Wenn er auch
für den Erhalt der Union und die Abschaffung der Sklaverei war,
so wünschte er doch keinen Umsturz der Verhältnisse von heute
auf morgen. In keinem Fall war er bereit, Truppen zu führen, die
zur Durchsetzung der Bundesrechte in seinen Heimatstaat Virginia einmarschierten.
Als mit Abraham Lincoln der Exponent des entstehenden amerikanischen
Nationalismus zum Präsidenten gewählt worden war, der eindeutig
einer übergreifenden Zentralgewalt der Union Vorrang einräumte,
der zudem als Vorkämpfer gegen die Sklavenhaltung stand - was in
dieser Ausprägung gar nicht stimmte -, hatte Lee schon geahnt,
daß der Tag kommen würde, da er sich zwischen der Union und
seinem Heimatstaat würde entscheiden müssen.
Eine Entscheidung für den Norden hätte ihm viele Vorteile
gebracht. Er wählte den unbequemeren Weg, den er für seine
Pflicht hielt. Nach der Unterredung mit Francis Blair suchte er General
Scott auf, der ihn noch einmal beschwor, nicht mit der Union zu brechen.
Zwei Tage später aber - Virginia war inzwischen aus den USA ausgetreten
- schrieb Lee den alles entscheidenden Brief:
„Arlington,
Virginia, 20. April 1861.
General: Seit meinem Gespräch mit Ihnen am 18. dieses Monats fühle
ich, daß ich nicht länger meine Aufgabe in der Armee behalten
sollte. Daher bitte ich um meinen Abschied, welchen Sie bitte zur Annahme
empfehlen wollen. Ich hätte dies sogleich getan, hätte es
mich nicht erhebliche Überwindung gekostet, mich von einer Aufgabe
zu trennen, der ich all meine besten Jahre und all meine Fähigkeiten,
die ich hatte, gewidmet habe, in der ganzen Zeit - mehr als ein Vierteljahrhundert
- habe ich nichts als Freundlichkeit von meinen Vorgesetzten und die
herzliche Freundschaft meiner Kameraden erfahren.
Aber keinem anderen, General, fühle ich mich so verpflichtet wie
Ihnen, für ständige Liebenswürdigkeiten und Rücksichtnahme.
Es war immer mein innigster Wunsch, Ihre Anerkennung zu erlangen. Bis
an mein Grab werde ich die dankbare Erinnerung an ihre freundliche Rücksichtnahme
mit mir tragen, und Ihr Name und Ruhm wird mir immer teuer sein. Ich
möchte niemals wieder mein Schwert ziehen, es sei denn, um den
Staat meiner Geburt zu verteidigen.
Seien Sie so freundlich, meine ernsthaftesten Wünsche für
Ihr fortdauerndes Glück und Wohlergehen anzunehmen, und glauben
Sie mir.
Ihr sehr ergebener ROBERT E. LEE."

Arlington
House, die Plantage der Lees vor den Toren von Washington. Im
Krieg wurde der Besitz von US-Truppen besetzt und wegen „ausstehender
Grundsteuern beschlagnahmt, obwohl Mrs. Lee den geforderten Betrag zu
zahlen bereit war. Der Steuereinnehmer bestand auf persönlicher
Übergabe des Geldes was unmöglich war.
Ein Bundesgericht machte diese Entscheidung nach dem Bürgerkrieg
als eindeutig „illegal" rückgängig und erkannte
Lees Erben eine Entschädigung zu.
Seit 1955
beherbergt das Haus die „Robert E. Lee National Memorial".
Am selben Tag schrieb
Lee an seine Schwester und teilte ihr seinen Entschluß mit:
„Der
ganze Süden ist in Aufruhr, und nach langem Zögern hat sich
Virginia mitreißen lassen. Wenn ich auch die Notwendigkeit dieser
Entscheidung nicht einsehe und es für meinen Teil vorgezogen hätte,
mich fernzuhalten und mit aller Kraft die Aufhebung dieses unnatürlichen
Zustands ... zu fordern, so mußte ich reich doch in Anbetracht
meiner Lage entscheiden, ob ich für oder gegen meinen eigenen Staat
Stellung nehmen sollte.
Trotz meiner Ergebenheit der Union gegenüber und meiner treuen
Gesinnung sowie meines Pflichtgefühls als amerikanischer Bürger,
habe ich mich nicht entscheiden können, den Arm gegen meine Eltern,
meine Kinder und meine Heimat zu erheben."
Am 25. April
wurde Lees Abschied angenommen. Bereits am 22. April war er von der
gesetzgebenden Versammlung Virginias nach Richmond eingeladen worden.
Dort übertrug Gouverneur Letcher ihm am Tag darauf den Rang eines
Generalmajors der Miliz und das Kommando über alle Streitkräfte
des Staates. Lee, der sich ins Privatleben hatte zurückziehen wollen,
mußte erkennen, daß es für ihn keinen anderen Weg gab,
als in die Dienste des sich neu formierenden Staatenbundes zu treten.
lm Gegensatz zu den meisten Politikern und Militärs jener Tage
war er ganz sicher, daß es nicht bei Drohungen und Geplänkeln
bleiben, sondern zu einem wirklichen Krieg kommen würde. Einem
langen und harten Krieg von - wie er schrieb - „bis zu zehn
Jahren" Dauer. Er schrieb aus Richmond an seine Frau, sie
möge alle persönlichen und familiären Wertgegenstände
packen und sich darauf vorbereiten, Arlington rasch verlassen zu müssen.
Sämtliche Straßen des Landes würden schon sehr bald
von Militärtransporten belegt sein. Mit einem Einmarsch von Unionsstreitkräften
in Virginia sei ebenso zu rechnen, wie mit der Enteignung des Besitzes
von konföderierten Führern in den besetzten Gebieten. Tatsächlich
standen schon bald Unionstruppen unter General McDowell auf Arlington.
Sie verhielten sich peinlich korrekt. Aber in ihrem Gefolge kamen im
Verlauf des Krieges bald Plünderer, die Wertgegenstände aus
den verwaisten Herrenhäusern am Potomac raubten und auch den Besitz
Lees nicht unbehelligt ließen.
General Winfield
Scott erklärte Präsident Lincoln, daß Lees Fortgang
einem Verlust von 20´000 Soldaten gleichkäme. Daß diese
Charakterisierung nicht übertrieben war, sollte sich bald zeigen.
Doch vorerst war sein Abschied nur einer unter vielen in einer Situation
der totalen Konfusion.
Die Ereignisse überstürzten sich: Drohungen und Gegendrohungen.
Verstärkung von Garnisonen im Grenzgebiet zwischen Norden und Süden.
Anfang April waren südstaatliche Milizen in Charleston, South Carolina,
unter dem Kommando von General P. G. T. Beauregard aufmarschiert. Am
12. April begann die Beschießung von Fort Sumter im Hafen von
Charleston. Am 14. April kapitulierte die Besatzung. Fort Sumter, eine
Schlüsselstellung der Nordstaaten, fiel an den Süden. In den
folgenden Tagen und Wochen übernahmen südliche Milizen alle
Bundesarsenale, Zoll- und Steuerbehörden auf dem Gebiet der sezidierten
Südstaaten. Truppenaushebungen im Norden und Süden erfolgten.
Die Installierung einer Regierung der Konföderierten Staaten von
Amerika mit Jefferson Davis als Präsident an der Spitze wurde eingeleitet.
Mit keinem Wort, mit keiner Tat war die Trennung mehr zu beseitigen.
Im Süden wurden Strohpuppen mit dem Namen Lincoln verbrannt. Das
Sternenbanner wurde von öffentlichen Gebäuden entfernt und
in Stücke gerissen. Im Norden wurden Racheschwüre ausgestoßen.
Die Zeitungen begannen eine Propagandakampagne. Junge und alte Männer
drängten zu den Rekrutierungsbüros. Im Norden und Süden
paradierten die frisch ausgehobenen Truppen. Überall herrschte
allgemeine Erregung und ein mit erschreckender Spontanität aufflammender
Haß auf jene, mit denen man kurz vorher noch auf so vielfältige
Weise verbunden gewesen war. Die Nation war im Krieg.
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