
Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes:
Quellennachweis der Abbildungen:
© Dietmar Kuegler, Serientitel: NORD &
SÜD
1990, - General
U.S. Grant -
sowie Veröffentlichungen
der Kongreßbibliothek der USA (LOC) und des US Nationalarchiv
(NARA)

General
Ulysses Simpson GRANT
Militärische Biographie
Seite - 2 -
Der
Bedingungslose

Konföderierte Gefangene aus Fort Donelson am Morgen nach
der Kapitulation
Nach der Einnahme
von Fort Donelson schlug eine Woge der Popularität über
dem wortkargen Brigadegeneral zusammen. Die Zeitungen begannen - teils
Erfundenes - auch über seine Privatleben zu schreiben und stellten
den Pfeifenraucher Grant als leidenschaftlichen Zigarrenraucher dar.
Verehrer schickten ihm kistenweise Zigarren in sein Feldlager.
Sein Departmentskommandant Halleck forderte nach Grants Siegen für
sich das Oberkommando im Westen und schlug vor, Grant, Buell, Pope
und C. F. Smith zu Major Generals zu ernennen. Abraham Lincoln übergab
aber nur einen Namen zur Bestätigung an den Senat: Ulysses S.
Grant.
Er wurde mit Wirkung vom 16. Februar 1862 zum Generalmajor der Freiwilligen
ernannt.
Diese eindeutige Bevorzugung löste das Mißtrauen seiner
wesentlich karrierebewußteren Vorgesetzten aus. Der Führer
der Hauptarmee des Nordens, General George Brinton McClellan, von
jeher eifersüchtig darauf bedacht, keinen anderen Offizier in
seinem Schatten groß werden zu lassen, versuchte zunächst,
Hallecks Kompetenzen zu beschränken. Halleck wiederum fühlte
sich von Lincoln brüskiert.
Grants gestärkte Position erschien ihm gefährlich.
Er nutzte daher
die erste Gelegenheit, gegen Grant zu intrigieren. Am 3. März
telegrafier te er an McClellan:
„Ich habe seit über einer Woche keine Verbindung mehr zu
General Grant. Er hat sein Kommando ohne meine Genehmigung verlassen
und ist nach Nashville gegangen. Zufrieden mit seinem Sieg, genießt
er ihn, ohne an die Zukunft zu denken."
Eilig ordnete McClellan an, Grant unter Arrest zu stellen und durch
General C. F. Smith zu ersetzen. Gleichzeitig wurde genüßlich
an die alten Verfehlungen Grants in Kalifornien erinnert, Gerüchte,
die von der politischen Kampfpresse in Washington begierig aufgegriffen
wurden. Sie waren noch Jahre später die Grundlage für gelegentlich
verbreitete Behauptungen über Grants angeblichen Alkoholmißbrauch
im Felde.
Nichts von Hallecks
Meldungen stimmte. Tatsächlich hatte Grant täglich Rapporte
an Hallecks Hauptquartier geschickt, allerdings keine Anordnungen
erhalten, da - wie sich später herausstellte - der verantwortliche
Telegrafist in Cairo ein konföderierter Spion war, der sich kurz
darauf mit allen unterschlagenen Papieren und Nachrichten in den Süden
absetzte. Grant schrieb: „Ein Telegramm des Generals McClellan
an mich, welches vom 16. Februar, dem Tage der Übergabe, datiert
war und den Befehl enthielt, über die Lage ausführlich zu
berichten, traf erst am 3. März bei mir im Hauptquartier ein."
Seine Absetzung vom 4. März überraschte ihn daher völlig:
„Die beiden obersten Generale der Armee unterhielten also kaum
zwei Wochen nach dem Siege von Donelson einen Schriftwechsel darüber,
was sie mit mir beginnen sollten, und in weniger als drei Wochen befand
ich mich tatsächlich im Arrest und war meines Kommandos enthoben."
(Grant, „Memoiren", Bd. 1)
In der fraglichen Zeit hatte Grant Vorbereitungen getroffen,
gegen das von Konföderierten beherrschte Corinth zu marschieren.
Als General C. F. Smith eintraf, um die Leitung der Kampagne zu übernehmen,
kam es beinahe zu einer Truppenrevolte. Inzwischen hatte Halleck die
Angriffe auf den populären Grant verstärkt und beschuldigte
ihn, nachlässig mit Nachschub- und Lebensmittellieferungen umgegangen
zu sein.
Aufgrund dieses
ungeheuerlichen Vorwurfs der Unterschlagung, forderte Grant selbst
eine Entbindung von seinen Pflichten und eine gerichtliche Untersuchung.
Halleck machte einen Rückzieher: An einem Gerichtsverfahren,
das zweifelsfrei auch seine Rolle in dieser Intrige und seine eigenen
Fehler aufgedeckt hätte, war er nicht interessiert. Am 13. März
setzte er Grant wieder in sein Kommando ein: „Ich wünsche,
daß Sie, sobald Ihre neue Armee im Felde steht, den Befehl übernehmen
und sie zu neuen Siegen führen." Zugleich
spiegelte er Grant vor, sich in Washington vehement für ihn eingesetzt
und somit eine Untersuchung des Kriegsministeriums verhindert zu haben.
Grant schrieb: „Zugleich sandte er mir auch eine Abschrift
seines eigenen eingehenden Rapports ..., der mich von jeglicher Schuld
vollständig freisprach; er teilte mir jedoch nicht mit, daß
die ganze Geschichte nur infolge seiner eigenen Meldungen entstanden
sei." Grant, der die Zusammenhänge nicht kannte und
die Wahrheit erst Jahre später erfuhr, war ihm dankbar und nahm
am 17. März seinen Dienst wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt stand
die Hälfte seiner Armee in Savannah, auf dem Ostufer des Tennessee,
die andere Hälfte auf dem Westufer zwischen Crump's Landing und
Pittsburgh Landing. Die Konföderierten hatten sich in dem Eisenbahnknotenpunkt
Corinth festgesetzt. Grant zog seine Truppen bei Pittsburgh Landing
zusammen.
Noch während
er auf das Eintreffen Hallecks wartete, kam es am 6. April zu einem
Zusammenstoß zwischen einer Rekognoszierungstruppe Grants unter
Major James Powell und einer konföderierten Einheit unter dem
Befehl General William Hardees. Das Scharmützel konzentrierte
sich um die methodistische Feldkirche von Shiloh und kulminierte zu
einer der bedeutenden Schlachten des Bürgerkrieges.
Einige Tage vorher war Grants Pferd auf morastigem Boden gestürzt
und hatte ihn unter sich begraben. Er hatte sich einen komplizierten
Knöchelbruch zugezogen, lag in Savannah im Bett und nahm sein
Frühstück ein, als er plötzlich Kanonendonner vernahm.
Trotz großer Schmerzen, bestieg er sein Pferd und erreichte
gegen 10 Uhr am Vormittag das Schlachtfeld.
„Die Unionstruppen, die den Mississippi überquert hatten,
waren entlang dem Ufer über eine Distanz von dreieinhalb Meilen
in einer gebogenen Linie nach Westen von Pittsburgh Landing (Shiloh)
postiert. Das Zentrum war der Straße nach Corinth zugewandt.
Sie wurden kommandiert von den Generälen Prentiss, Sherman, Hurlburt
und McClernand. Da Corinth sich ausgezeichnet zur Verteidigung eignete,
wurde nicht angenommen, daß diese Vorteile aufgegeben werden
würden. Deswegen muß eingeräumt werden, daß
die Attacke in hohem Maße überraschend kam.
Der Feind marschierte am 5. April mit 70´000 Mann in drei großen
Divisionen aus Corinth. Sidney Johnston kommandierte das Zentrum,
Braxton Bragg und Beauregard die Flügel. Hardee, Polk, Breckinridge
und Cheatham hatten untergeordnete Positionen. Ihr Plan war, das Zentrum
der Unionslinien mit den Divisionen von Prentiss und McClernand anzugreifen,
zu durchbrechen und dann jeden der Flügel an der Front und der
Flanke zu attackieren. Auf diese Weise sollten die Bundestruppen geteilt
und überrumpelt werden ... Um 2 Uhr morgens, Sonntag, 6. April,
schickte Colonel Peabody aus General Prentis' Division 400 Mann nach
vorn über seine Linien. Sie hatten kaum eine halbe Meile zurückgelegt,
als sie auf eine große Rebellentruppe stießen. Diese eröffnete
sofort das Feuer ... Viele Offiziere waren noch nicht aufgestanden,
viele der Männer noch nicht bewaffnet, als das ganze Unionscamp
feststellte, daß eine energische Attacke auf einen Teil der
Linien begonnen hatte . . Die gesamte Division General Shermans war
die erste, die den Rebellen in Schlachtenlinie begegnete. Es war um
6 Uhr." (Samuel M. Schmucker, THE BATTLE OF SHILOH, 1899)
Ulysses S. Grant, Oberkommandierender der US-Streitkräfte
Die Truppen der
Union und des Südens verbissen sich förmlich ineinander.
Grant plazierte nach seinem Eintreffen sofort Wachen hinten, um die
einsetzende Flucht seiner Soldaten aufzuhalten. Es gelang ihm, die
Mannschaften zu beruhigen und seinen Offizieren die notwendige Sicherheit
zu vermitteln, die es ihnen ermöglichte, ihre Einheiten wieder
zu sammeln und zurück in den Kampf zu führen.
Am Abend des 6. April sah es schlecht aus für die Union. Die
Konföderierten hatten alle Angriffe erfolgreich abgewiesen und
schienen genügend Reserven zu haben, weiter standhalten und vorrücken
zu können, während die Moral der Unionsarmee angeschlagen
war.
„Diese Nacht (vom 6. zum 7. April) regnete es in Strömen
auf mehr als 2´000 Tote und 10´000 Verwundete in Blau
und Grau. Die ganze Unionsarmee war auf eine gefährliche Position
zurückgeschlagen, und die Konföderierten besetzten unser
Feld vom vergangenen Morgen." (Major Ben C. Truman, 1899)
Die Soldaten schliefen
auf dem schlammigen, von Hufen, Stiefeln und Schrappnels zerrissenen
Boden, durchnäßte Decken über sich, die keinen Schutz
mehr boten. Allerdings war die Situation der Unionstruppen besser
als es den Anschein hatte: Der konföderierte General Albert S.
Johnston, einer der fähigsten Offiziere des Südens, war
während eines Artillerieduells schwer verletzt worden und auf
dem Feld verblutet. Während General P. G. T. Beauregard sein
Kommando übernahm, erhielt Grant frische Truppen (17´000
Mann) unter Buell.
Als Beauregard davon erfuhr, gab er die Schlacht verloren. Er beschloß,
seine Truppen auf Corinth zurückzuziehen. Hätte er von den
Führungsproblemen der Unionsarmee gewußt, hätte er
vielleicht anders gehandelt: Buell hatte von Halleck ein eigenes Kommando
erhalten, so daß Grant gezwungen war, ihn als gleichberechtigten
Befehlshaber auf dem Schlachtfeld zu akzeptieren. Hinzu kamen Koordinationsfehler:
Lewis Wallace, einer der „politischen Generäle",
dessen Talente auf schriftstellerischem und politischem Gebiet zweifellos
höher waren als auf militärischem, hatte am 6. April völlig
eigenwillige Manöver ausgeführt und den Unionstruppen nicht
zur Verfügung gestanden. Grant urteilte später milde:
„Wahrscheinlich meinte er, daß er auf dem von ihm
gewählten Wege im Stande sein würde, dem Feind in die Flanke
oder den Rücken zu gelangen und auf diese Weise eine Heldentat
auszuführen."
Gegen 4 Uhr am
Nachmittag des 7. April hatten die Konföderierten das Schlachtfeld
geräumt. Die Unionsstreitkräfte waren so erschöpft,
daß eine energische Verfolgung erst am Abend des folgenden Tages
eingeleitet werden konnte, zumal die Artillerie der Konföderierten
noch heftige Rückzugsgefechte lieferte. Die US-Generäle
Wood und Sherman versuchten, den Südstaatlern bei Fallen Timbers
in den Rücken zu fallen, sie wurden aber von der CS-Kavallerie
unterNathan B. Forrest ohne größere Schwierigkeiten vertrieben.
Insgesamt hatten fast 110´000 Mann an der Schlacht
teilgenommen. Die Union verlor 1´754 Gefallene, 8´408
Verwundete und 2´885 Vermißte. Die Verluste der
Konföderierten betrugen 1´723 Tote, 8´012
Verwundete und 959 Vermißte. Beide Seiten reklamierten den Sieg
für sich, doch der Ausgang war offen geblieben. Allerdings hatten
beide Parteien wichtige Erfahrungen gesammelt: In den zurückliegenden
Kämpfen waren die Siege relativ leicht erfochten worden.
Bei offenen Zusammenstößen hatten meist die Konföderierten
das Feld behauptet. Bei Shiloh hatte erstmals eine große Feldschlacht
stattgefunden, bei der erbittert um jeden Fußbreit Boden gerungen
worden war. Die Konföderierten hatten feststellen müssen,
daß auch Yankee-Soldaten standhalten konnten. Shiloh erwies
sich als eine der wichtigsten Stationen beim Kampf um die Herrschaft
über den Mississippi.
Am 11. April 1862
traf General Halleck in Pittsburgh Landing ein und übernahm selbst
das Kommando über die vereinigten Truppen von Grant und Buell.
Grant war sein Stellvertreter und befand sich nunmehr in der mißlichen
Lage, keine weiteren selbständigen Bewegungen mehr vornehmen
zu können. Hallecks Freunde im Offizierskorps hatten nach Washington
berichtet, Grant seien in der Schlacht schwere Fehler unterlaufen,
er sei betrunken gewesen.
Diese Behauptungen waren nachweislich falsch. Mitglieder von Grants
Stab, denen sie später zu Ohren kamen, widerlegten sie vehement.
Präsident Lincoln schenkte diesen Intrigen keinen Glauben. Er
beschied einen Politiker: „Ich weiß nicht, ob Grant
während seines Dienstes trinkt. Aber wenn er es tut, möchte
ich wissen, woher er seinen Brandy bezieht, damit ich jedem meiner
Armeekommandeure ein Faß davon schenken kann."
Gleichwohl verschlechterte sich die Stituation Grants, da Halleck
ihn konsequent überging. Halleck selbst leitete den Marsch auf
Corinth und offenbarte dabei katastrophale Schwächen bei dem
Versuch, eine große Armee im Feld zu führen. Er benötigte
20 Tage, um 120´000 Mann über eine Distanz von
20 Meilen zu bewegen. Als er Corinth erreichte, war Beauregard mit
seinen Streitkräften abgezogen, ohne daß Hallecks Späher
es bemerkt hatten. Es sollte das einzige Mal bleiben, daß Halleck
ein Feldkommando ausübte.
Grant erfuhr immer
erst als letzter von den Plänen seines Vorgesetzten, so daß
er Halleck schließlich aufforderte, ihn zu entlassen. Als Halleck
sein Gesuch ablehnte, entschloß Grant sich, in Washington seinen
Abschied einzureichen.
William T. Sherman traf in Grants Camp ein, als dieser bereits seine
Koffer packte, und beschwor ihn, zu bleiben.
„Wenn Sie gehen, werden die Dinge schiefgehen",
sagte Sherman in seiner direkten, schmucklosen Art.
„Dann sind Sie erledigt. Wenn Sie bleiben, wird sich alles
zum Besseren wenden, und sie werden wieder Ihren angemessenen Platz
einnehmen."
Sherman sollte recht behalten: Am 11. Juli 1862 wurde Halleck abberufen
und in Washington zum Generalstabschef ernannt. Grant übernahm
das Departmentskommando und begann sofort, die unsinnigen Anordnungen
Hallecks über die weitgefächerte Stationierung der Truppen
rückgängig zu machen. Er schonte sich nicht, schlief wenig,
sammelte Informationen über die Bewegungen des Gegners und entwarf
in den kommenden Monaten eine umfassende Strategie.
Sein Interesse richtete sich zuförderst auf die Flußfestung
Vicksburg, den entscheidenden Flußhafen der Südstaaten,
von dem aus der Mississippi beherrscht wurde.
Vicksburg
Das „Gibraltar
des Mississippi", eine schier uneinnehmbare Festung, verwehrte
den Farmern der Nordstaaten den Weg zu den Exporthäfen an der
Küste. Für die konföderierte Regierung war Vicksburg
ein Prestigeobjekt, das mit allen Mitteln verteidigt werden sollte.
Die Einnahme der Stadt bedeutete für die Union die endgültige
Beherrschung des Mississippi und die Abspaltung des westlichen Teils
der Konföderation.
Ulysses S. Grant, seit dem 25. Oktober Kommandant des Department of
Tennessee, hatte sich die Einnahme der Stadt zum Ziel gesetzt, in
der sein alter West-Point-Freund, General John C. Pemberton - ein
gebürtiger Nordstaatler, der sich dem Süden angeschlossen
hatte - das Kommando führte. Ein erster Angriff am 29. Dezember
1862 scheiterte. Grant mußte einsehen, daß die Stadt in
offener Feldschlacht oder mit wenigen Sturmangriffen nicht zu nehmen
war.
Er entwarf einen längerfristigen Plan für seine kombinierten
Land- und Schiffsstreitkräfte. Ihm standen 45´000
Mann unter den Major Generals John McClernand, James Birdseye, McPherson
und Sherman zur Verfügung sowie 5´500
Mann der westlichen Flotte unter Admiral Porter auf 11 Panzerschiffen
und 38 Kanonenbooten mit insgesamt 300 Geschützen. Grant erwies
sich während der Vicksburg-Kampagne als eigenwilliger, unabhängiger
Kopf, der sich nicht um politische Intrigen kümmerte und den
enormen Schwierigkeiten, das gesteckte Ziel zu erreichen, mit beträchtlicher
Phantasie begegnete.

Hier fühlte
er sich am wohlsten: U. S. Grant in seinem Feldlager beim Kartenstudium
Das Jahr 1862 war für die Union wenig erfolgreich gewesen:
General McClellan war in der „Schlacht der 7 Tage" vor
Richmond gescheitert. Die zweite Schlacht am Bull Run war Ende August
verlorengegangen, die Konföderierten waren in Maryland eingefallen.
McClellan hatte im November den Befehl über die Hauptarmee der
Union am Potomac abgeben müssen, und am 13. Dezember war der
neue Befehlshaber der Potomac-Armee, General Burnside, bei Fredericksburg
von Robert E. Lee völlig deklassiert worden. Die Stimmung im
Norden war depressiv. Die Moral von Armee und Bevölkerung sank.
Es wurden bereits Forderungen laut, die ein Ende der Kampfhandlungen,
Verhandlungen mit dem Süden über eine ehrenvolle Trennung
oder eine Anerkennung des südlichen Gesellschaftssystems bei
Rückkehr in die Union vorschlugen.
Der Präsident
stand unter starkem Druck, ohne sein politisches Credo - die Erhaltung
der Union - im geringsten anzweifeln zu lassen. Lincoln wußte,
daß er seit seinem Amtsantritt von Hofschranzen, Postenjägern
und politischen und militärischen Intriganten umgeben war, die
in erster Linie ihren eigenen Vorteil suchten. Grants klare Berichte
und das, was er aus seinem Feldlager erfuhr, überzeugten den
Präsidenten, in diesem schlichten, unprätentiösen,
scheinbar sturen Mann einen der wenigen Offiziere in einer Schlüsselstellung
zu haben, der nicht seine Karriere in den Mittelpunkt gestellt hatte,
sondern seine Aufgabe und das nationale Ziel des Krieges. „Ich
kann auf diesen Mann nicht verzichten", beschied Lincoln
Grant-Gegner. „Er kämpft." Grant hatte indessen
mehrere Versuche unternommen, Vicksburg einzuschließen, die
sichere Stellung der Stadt zu erschüttern, bis hin zu dem erstaunlichen
Versuch, mit Hilfe eines Kanals den Mississippi umzuleiten.
„Gegenüber
von Vicksburg hatte der Fluß in einer großen Haarnadelbiegung
eine Halbinsel geformt. Wenn ein Kanal durch ihre Basis geschnitten
wurde, müßte der Fluß hineinströmen und die
Stadt so umgehen.
Aber nachdem der Kanal gegraben war, weigerte sich der „Vater
allen Wassers" hineinzufließen. Als nächstes
versuchte Grant, eine Kette von Seen und Strömen zu vertiefen,
die sich westlich des Lake Providence dahin wand ... Zwei Monate harter
Arbeit endeten mit einem Fehlschlag. Zwei ähnliche Versuche in
den labyrinthischen Sumpfarmen oberhalb der Stadt nach Osten endeten
ebenso. So setzten sich die Proteste gegen Grant fort.
Er wurde als frei von jeglichem Genius, ohne jede Energie dargestellt.
Seine erfolglosen Pläne entstammten, so wurde gesagt, einem Gehirn,
das gänzlich ungeeignet für solche Schwierigkeiten war.
Seine Hartnäckigkeit wurde als Sturheit bezeichnet, seine Geduld
als schleppender Stumpfsinn . . . "
Robert Leckie, THE WARS OF AMERIKA, 1968
Grants Gegnern
war gemein, daß sie die Lage um Vicksburg nicht kannten und
nicht imstande waren, die Überlegungen des Generals nachzuvollziehen.
Sie übersahen, daß Grant mit seiner Armee 5 Gefechte im
Vorfeld der Belagerung siegreich entschieden hatte, wobei es ihm gelungen
war, konföderierte Verstärkungen abzuwehren und Pembertons
Armee in die Stadt zurückzuwerfen und hier zu isolieren. Während
der folgenden sechswöchigen Belagerung wurden große Befestigungswerke
errichtet. Eine Unterminierung der Verschanzungen der Stadt scheiterte.
In Vicksburg breiteten sich Hunger und Verzweiflung aus. Hunde, Katzen
und Ratten wurden gegessen. Die eingeschlossenen Konföderierten
begannen, dem Nordstaatler Pemberton zu mißtrauen. Anonym verlangten
sie schließlich eine Entscheidung: Ausbruch oder Kapitulation.
Eine längere Belagerung würde, so drohten sie, zur Massendesertion
führen.
Über den 3. Juli 1863 schrieb eine Nordstaatlerin, die sich in
Vicksburg aufhielt: „Die Granaten flogen so dicht wie nie.
Bis auf ein Faß Zucker sind unsere Nahrungsmittel aufgebraucht
... Martha erzählt, daß es auf dem Markt außer Maultierfleisch
auch kochfertig vorbereitete Ratten gibt . . ." (Mary Ann Loughborough,
MY CAVE LIVE IN VICKSBURG, 1864)
An jenem 3. Juli nahm Pemberton Verhandlungen mit Grant auf. Grant
verlangte die bedingungslose Übergabe. Am 4. Juli senkten sich
die zerschossenen konföderierten Fahnen. Die tapfere Südstaatenarmee
marschierte aus der Stadt. Über 30´000 Soldaten
übergaben sich einer respektvoll schweigenden Unionsarmee. Der
Fall von Vicksburg war „die bis dahin größte
Übergabe in der Geschichte der modernen Kriegsführung"
(Victor Austin).
Zur selben Zeit befand sich die Nord-Virginia-Armee Lees auf dem Rückzug
von Gettysburg. Der Juli 1863 wurde damit zum Wendepunkt des Krieges:
Erstmals waren die Unionstruppen an mehreren Fronten erfolgreich gewesen
und hatten den Südstaaten zwei psychologisch bedeutende Niederlagen
zugefügt.
Der Vicksburg-Feldzug
Grants wurde von Militärhistorikern später als eine der
brillantesten Kampagnen des Bürgerkrieges bezeichnet. Monatelang
war sie von Politikern und Militärs im Osten verlacht worden,
nun wurde ihr Erfolg um so lauter bejubelt. Mehr als jeder andere
Offizier mußte Grant die Launenhaftigkeit der öffentlichen
Meinung erfahren. Gerade noch abschätzig bewertet, wurde er jetzt
als der „kommende General" angesehen. Mit dem 4. Juli 1863
wurde er zum Major General der Regulären ernannt.
„Nicht viele Feldzüge in der Geschichte können
mit Grants Einnahme von Vicksburg verglichen werden. Seine Verluste
betrugen 9´400. Die Rebellen verloren 10´000 Tote und
Verwundete sowie 31´000 Gefangene,
darunter 15 Generäle ... Grant sorgte unverzüglich für
die Verwundeten beider Seiten und behandelte die konföderierten
Gefangenen mit Großherzigkeit und Verständnis, so daß
die scheinbar unsterbliche Legende von Grant, dem „brutalen
Schlächter", als Lüge dasteht." (Robert Leckie)

Der erste
Full General (4 Sterne) der US-Armee seit George Washington
Der Vicksburg-Erfolg
hatte auch Auswirkungen auf Grants persönliche Entwicklung. Er
verlor seine Unsicherheit. Er hatte sich als durchsetzungsfähiger
Truppenführer erwiesen, als Stratege, der langfristig planen
und seine Armee effektiv einsetzen konnte, der imstande war, auch
widerspenstige Generäle „auf Kurs" zu bringen, der
seinen Willen einem großen Heer aufzwingen konnte. Sein Verhalten
als Kommandeur im Stab, an der Front und in den Verhandlungen mit
dem Gegner bewies ein Maß an Souveränität, die ihn
als den lern und führungsfähigsten Offizier der Union auszeichnete.
Die Vicksburg-Kampagne war einer der umfangreichsten Feldzüge
des Sezessionskrieges. Trotz gelegentlicher Zweifel, war Grants Führerschaft
nie erschüttert gewesen. Mit seiner Hartnäckigkeit hatte
er so glänzende Offiziere wie McClellan und Hooker in den Schatten
gestellt. In den ersten Kriegsmonaten waren ihm schwere Fehler unterlaufen,
aber im Gegensatz zu anderen, hatte er die richtigen Schlüsse
daraus gezogen.
Der
Oberkommandierende
Im
Oktober 1863 begab sich Ulysses S. Grant mit dem Zug nach Louisville,
Kentucky, um nach einem Urlaub bei seiner Familie sein Kommando wieder
zu übernehmen. Am 17. Oktober stiegen in Indianapolis Kriegsminister
William McMasters Stanton und der Gouverneur von Ohio, Brough, zu
und begleiteten Grant. Keiner hatte den kleinen, breitschultrigen
General je gesehen, und den Schilderungen von Lawrence Frost zufolge,
begrüßte Stanton Grants Stabsarzt als den General. Grant
schrieb:
„Bald nach der Abfahrt von Indianapolis überreichte
der Minister mir zwei Orders, unter denen ich, wie er sagte, wählen
könnte. Beide waren bis auf einen Punkt vollständig identisch.
Beide schufen die „Militärdivision des Mississippi"
... und übertrugen mir den Befehl über dieselbe. Der eine
Befehl beließ die Districtcommandeure in ihren bisherigen Stellungen,
während der andere Rosecrans seines Postens enthob und Thomas
zu dessen Nachfolger ernannte. Ich wählte die zweite Order."
Nach dem Vicksburg-Triumph und dem Erfolg von Gettysburg, hatte der
Norden erneut einen harschen Rückschlag hinnehmen müssen:
Am 19. und 20. September hatte Braxton Bragg mit seinen Konföderierten
General William Stark Rosecrans bei Chickamauga geschlagen. Am 23.
Oktober traf Grant in Chattanooga ein und übernahm das Kommando
über die neu geschaffene Military Division of the Mississippi,
die die Militärdepartments Ohio, Cumberland und Tennessee umfaßte.
Er ersetzte den zaudernden Rosecrans durch den gebürtigen Südstaatler
General George H. Thomas, der sich in der Schlacht von Chickamauga
(„Der Fels von Chickamauga") besonders bewährt hatte
und nun das Kommando der Army of the Cumberland übernahm. William
T. Sherman trat an die Spitze der Army of the Tennessee. General Joseph
Hooker befehligte einen Teil der PotomacArmee.
„Grant fand die Unionstruppen in einer Falle gefangen und in
Gefahr, durch Hunger zur Übergabe getrieben zu werden. Sie wurden
von einem großen konföderierten Halbkreis eingeschlossen.
Er reichte vom TennesseeOberlauf um Chattanooga herum, folgte den
Höhen der Missionary Ridge nach Süden und schwang dann nach
Westen gegen den Lookout Mountain und ein wenig in Richtung Tennessee.
Nach Norden, im Rücken der Union, befand sich bergiges,
wildes Land, das nur von einem Karrenweg durchzogen war. Falls ein
Rückzug erwogen wurde, gab es keinen Weg hinaus, und es gab keinen
Weg zur Versorgung.
In der Nacht vom
26. Oktober überraschten etwa 1´500 Unionssoldaten die
Rebellen bei Browns Ferry nach Westen, setzten einen Brückenkopf
und schlugen eine Ponton-Brücke über den Fluß. Von
hier aus leitete Joe Hooker einen Marsch über Land nach Bridgeport,
dem Unionsversorgungsdepot am Tennessee. So wurde die berühmte
„Cracker Line" eröffnet, über die Truppen
und Nachschub nach Chattanooga kamen." (R. Leckie, THE WARS OF
AMERICA", 1968)
Nachdem der Nachschub wieder floß, eröffnete Grant am 23.
November die Schlacht von Chattanooga. Er ließ General Thomas'
Truppen nach Orchard Knob vorrücken. Am folgenden Tag weiteten
sich die Kämpfe aus. Am 25. November gelang es, die als uneinnehmbar
geltende Missionary Ridge erfolgreich anzugreifen, die Belagerung
auszuhebeln und General Bragg zum Rückzug zu zwingen.
Mit diesem erneuten Sieg hatte Grant ganz Tennessee unter die Kontrolle
der Union gebracht. Grants Gegner im Norden, die lange seine erfolglosen
Rivalen unterstützt hatten, verstummten angesichts einer öffentlichen
Meinung, die Grant immer stärker favorisierte, obwohl er niemandem
nach dem Munde redete, sich von der Presse abschottete und keine Neigung
zeigte, sich äußerlich gefällig zu präsentieren.
Aber längst war es keine Frage mehr, daß der Präsident
beabsichtigte, Grant an die Spitze der Unionsstreitkräfte zu
stellen.
Im Kongreß wurde ein Gesetz zur Wiedereinführung des Rangs
eines Generalleutnants vorgelegt. Es bestand kein Zweifel, daß
dieser Rang für Grant vorgesehen war. Seit George Washington
hatte kein US-Offizier diesen Rang innegehabt. Am 26. Februar 1864
wurde das Gesetz verabschiedet. Am 1. März schlug Abraham Lincoln
Grant für die Ernennung vor, am 2. März bestätigte
das Parlament die Beförderung.
Grant mußte
sein Feldlager verlassen und nach Washington reisen, um aus der Hand
des Präsidenten seine Ernennung zum Lieutenant General und zum
Oberkommandierenden entgegenzunehmen. Ein atemberaubender Aufstieg
für einen Mann, der noch drei Jahre zuvor als frustrierter Buchhalter
ein perspektivloses Leben gefristet und der jetzt, als Zweiundvierzigjähriger,
seine Berufung gefunden hatte.
Begleitet von seinem 14jährigen Sohn Fred stieg Grant unauffällig
und bescheiden, wie es seine Art war, am 8. März 1864 im Willard
Hotel ab. Als die Nachricht von seiner Ankunft in der Hauptstadt die
Runde machte, kam es fast zu einem Massenauflauf. Grant, ein scheuer
Mann, der in öffentlichen Versammlungen stets unsicher auftrat,
der Mühe hatte, Reden zu halten und selbst vor seinen Truppen
immer nur knapp und sachlich sprach, wurde von einer Sympathiewelle
förmlich überrollt. Ihm war, fern der Hauptstadt in seinen
Feldlagern, gar nicht bewußt gewesen, daß er in der amerikanischen
Öffentlichkeit längst zum Idol geworden war.
Lieutenant General U. S. Grant mit seinen engsten Vertrauten - Brigadegeneral
John Rawlins (links) und Colonel T. S. Bowers (rechts) - vor der Holzhütte
in City Point, Virginia, die ihm im Winter 1864/65 als Hauptquartier
diente.
Als er am Abend
erstmals das Weiße Haus betrat, um an einem Empfang zu seinen
Ehren teilzunehmen, wurde er, der sich in seiner besten Uniform sichtlich
unwohl fühlte, fast erdrückt. Er mußte auf ein Sofa
steigen, weil die herandrängenden Gäste danach verlangten,
ihn zu sehen.
„Bei der ersten Zusammenkunft, die ich mit Herrn Lincoln
allein hatte, erzählte er mir, er habe niemals den Anschein gegeben,
ein militärisch gebildeter Mann zu sein oder zu wissen, wie Kriege
geführt werden sollten
... Das Zaudern seitens der Befehlshaber, und der von der Bevölkerung
im Norden ausgeübte Druck und der Congreß ... hätten
ihn aber gezwungen, eine Serie von „Militärischen Verordnungen"
zu veröffentlichen.
Soviel er davon verstehe, könnten alle falsch sein, er wisse,
daß dies bei einigen wirklich der Fall sei. Alles was er wünsche
und immer gewünscht habe, sei, daß irgend jemand die Verantwortlichkeit
übernehmen, handeln und von ihm die erforderliche Unterstützung
verlangen möge;
er wolle sich verpflichten, jegliche Macht der Regierung zu benutzen,
damit diese Unterstützung gewährt werde." (Grant, MEMOIREN)
Grants Personalvorschläge
wurden durchweg akzeptiert. Halleck, sein früherer Vorgesetzter,
blieb als Generalstabschef in Washington. Sherman übernahm Grants
vorheriges Kommando über die Military Division of the Mississippi.
Major General George G. Meade, ein redlicher, solider Offizier, der
mit seiner Defensivstrategie vor Gettysburg erfolgreich gewesen war,
blieb an der Spitze der Potomac-Armee. Zum Kommandeur des Kavalleriekorps
der Potomac-Armee, das nach Grants Meinung bislang nicht effektiv
eingesetzt worden war, wurde der draufgängerische Phil Sheridan
berufen. Bei der PotomacArmee schlug auch Grant sein Hauptquartier
auf.
Über seine Pläne aber schwieg er sich aus. Er hatte schnell
gelernt, daß die Ministerien der Hauptstadt viele Ohren hatten.
„Ich teilte meine Pläne weder dem Präsidenten,
noch dem Kriegsminister oder General Halleck mit." (Grant)
Grant kommandierte jetzt eine Streitmacht von mehr als 530´000
Mann, die in 21 Armee-Korps zerfiel. Sein Stab bestand aus lediglich
14 Offizieren. Am 10. März übernahm Grant bei Brandy Station
das Kommando.
Die Führungsebenen, die er organisierte, entsprachen seinem Naturell:
Sie waren klein, effektiv, direkt und überschaubar.
Seine Überlegungen
für die erfolgreiche Fortführung des Krieges zeigten seine
einfache, praktische Sicht der Dinge: Die Einnahme der großen
Städte,
etwa der Hauptstadt Richmond, die Kontrolle großer Landstriche,
sah er als wichtig aber nicht als entscheidend an. Früher als
andere hatte er erkannt,
daß die politische Situation der Konföderation konfus war.
Die Macht der konföderierten Regierung war begrenzt. Jefferson
Davis, sicherlich der fähigste Politiker des Südens, sah
zwar die Notwendigkeit einer starken Zentralgewalt, scheute aber vor
entsprechenden Umsetzungen zurück, weil er damit gegen sein ursprüngliches
Credo, die Präferenz der Macht der Einzelstaaten, hätte
handeln müssen. Eine der Grundlagen für die Abspaltung des
Südens von der Union. Zugleich hatte er gegen erbitterte Gegner
aus den einzelnen Staaten zu kämpfen, in deren Augen Davis bereits
zuviel Macht auf sich vereinigte.
Das
Herz der Konföderation war - und das erkannte Grant klar - ihre
Armee, der einzige homogene Block, der die Moral der Südstaaten
aufrechterhielt. Vor allem die Nord-Virginia-Armee unter Robert E.
Lee.
Dessen herausragende Fähigkeiten standen bei Grant nie in Zweifel.
Allerdings ließ er sich nicht davon blenden. Als Pragmatiker,
der um die Schwächen der eigenen Person wußte, analysierte
er auch sachlich die Schwächen seiner Gegner. Grant war entschlossen,
Lee selbst entgegenzutreten, während er es Sherman überließ,
sich mit dem zweiten populären konföderierten Kommandeur,
Joseph E. Johnston, auseinanderzusetzen.
Grant wußte, daß Lees Erfahrungen und Kenntnisse größer
waren als seine, aber Grant vereinigte die Führung der gesamten
Unionsarmee in seinem Hauptquartier, während Lee lediglich die
NordVirginia-Armee zu Gebote stand und es mit der Koordination der
anderen Armeen der Südstaaten haperte.
Als in Lees Hauptquartier die Nachricht von Grants Beförderung
bekannt wurde und ein subalterner Offizier auf die negativen Gerüchte
aus der Unionspresse über Grant hinwies, bemerkte General Longstreet:
„Ich kenne General Grant von West Point. Wir haben in Mexiko
in derselben Armee gedient. Ich kann nur davor warnen, diesen Mann
zu unterschätzen!"
Wilderness
Als
Grant seine Pläne für einen Feldzug entwarf, der die Armeen
des Südens ermüden und ausbluten sollte, mußte er
sehr bald feststellen, daß der Mythos, der um General Robert
E. Lee entstanden war,
im nördlichen Generalstab nicht wesentlich geringer war als in
den Südstaaten. Grant wußte genau um Lees Qualitäten,
aber er erkannte auch die Gefahr, daß die Überschätzung
des Gegners sich lähmend auf seine Truppen auswirken konnte.
Er äußerte sich gegenüber seinen Offizieren, daß
er nichts mehr von den zurückliegenden Siegen Lees hören,
sondern sich ausschließlich auf die Zukunft konzentrieren wollte.
„Kümmern sie sich um Ihre Kommandos", sagte
er seinen Offizieren. „Denken Sie daran, was w i r tun können,
anstatt dauernd darüber nachzudenken, was Lee zu tun beabsichtigt."
Grants Plan sah eine koordinierte, gleichzeitige Bewegung aller Unionsstreitkräfte
an allen Fronten vor. Sherman sollte gegen Atlanta vorstoßen,
das Hinterland der Konföderation in das Kriegsgeschehen mit einbeziehen
und die letzten ökonomischen Basen zerstören. Der deutschstämmige
Franz Sigel sollte ins Virginia-Tal einrücken. General Banks
sollte gegen Mobile vorgehen, und General Ben Butler - von dem Grant
nicht viel hielt - sollte in den Rücken von Lees Armee stoßen.
Die wohl größte Kampagne während des bisherigen Kriegsverlaufs
war davon abhängig, daß alle Kommandeure der verschiedenen
Armeen sich strikt an Grants Befehle hielten und sich an jedem Flügel
die gleiche unerschütterliche Beharrlichkeit entfalten würde,
wie der Oberkommandierende sie selbst demonstrierte. Erstmals handelte
eine amerikanische Armee unter dem Befehl einer zentralistisch ausgerichteten
Organisation, und Grant ließ keinen Zweifel daran aufkommen,
daß er seinen Feldzugsplan als unumkehrbar ansah. Selbst wenn
es an verschiedenen Frontabschnitten zu Rückschlägen kommen
sollte, sollte die Gesamtstrategie nicht verändert oder gar aufgegeben
werden.
Bald zeigten sich Wirkungen: An allen Fronten kam es zu Gefechten.
Der von Grant favorisierte neue Kommandant der Kavallerie, Phil Sheridan,
erfüllte die in ihn gesetzten Hoffnungen: Ein Draufgänger,
der aber trotz seiner rigorosen, zupackenden Art die große strategische
Linie nicht aus den Augen verlor. Mit Erfolg übernahm er die
Taktik der Stuart'schen „Raids" ins Hinterland des Feindes.
Als General Stuart, der sicherlich begabteste Reiterführer des
Bürgerkrieges, in der Schlacht von Yellow Tavern umkam, verlor
sich die Brillanz der südlichen Reiterei, und die US-Kavallerie
Sheridans beherrschte seitdem die Schlachtfelder.
Der Tod Stuarts war nach „Stonewall" Jacksons tragischem
Ende der zweite schwere Verlust für Lee.
Grant
schickte seine Truppen über den Rappahannock und gedachte nicht,
sie - und sei es aus taktischen Gründen - wieder zurückzuziehen.
Seit dem 4. Mai 1864 tobten in der Wilderness, jenem von Sümpfen
und Urwäldern durchzogenen Gebiet,
in dem ein Jahr zuvor General Hooker (bei Chancelorsville) blamabel
geschlagen worden war, erbitterte Stellungskämpfe,
die hohen Blutzoll forderten. Lee nutzte das für die Defensive
glänzend geeignete Gelände meisterhaft.
Hier und in den folgenden Auseinandersetzungen wurden erstmals von
einer Armee Schützengräben umfassend als taktisches Instrument
eingesetzt.
Die Lage der Union war mehr als einmal hoffnungslos, aber wenn Offiziere
der unteren Führungsebene aufgeben wollten, sahen sie ihren Oberkommandierenden
mit stoischem Gleichmut die Meldungen von Rückschlägen entgegennehmen
und mit der gleichen Ruhe einen erneuten Angriff befehlen.
Doch die äußere Gelassenheit war auf dem Höhepunkt
der Gefechte nur Fassade: Grants Adjutant berichtete später,
Grant habe mit Tränen in den Augen auf seinem Feldbett gesessen.
Grant selbst schrieb:
„Einen verzweifelteren Kampf als denjenigen vom 5. und 6.
Mai hat man auf diesem Kontinent noch nicht erlebt."
Die Union verlor fast 18´000 Mann, davon 2´246 Gefallene.
Die Verluste der Konföderierten waren geringer, aber Lee verlor
drei Generäle. Unter den Schwerverwundeten war auch einer seiner
wichtigsten Stabsoffiziere, General Longstreet.
Grant
kam keinen Schritt voran. Er entschloß sich, Lee zu umgehen.
Auf konföderierter Seite glaubten viele Offiziere an einen Rückzug
der Union. Lee wußte es besser:
„General Grant wird sich nicht zurückziehen. Er wird mit
seiner Armee nach Spottsylvania gehen."
Tatsächlich war genau das Grants Absicht. Er drahtete am 11.
Mai von Spottsylvania Courthouse an Halleck in Washington:
„Ich beabsichtige, den Kampf an dieser Linie auszufechten, und
wenn es den ganzen Sommer dauert."
Vom 7. bis zum
20. Mai wurde bei Spottsylvania gekämpft. Mehrfach versuchte
Grant, Lees Linien zu durchbrechen, scheiterte immer wieder und führte
jedesmal Umgehungsmanöver durch, die stets mit hellseherischer
Sicherheit von Lee vorausgesehen und aufgefangen wurden. Zeitungen
im Norden nannten Grant einen „Schlächter". In der
Tat waren die Verluste, die in der Wilderness zu beklagen waren, exorbitant.
Zwischen dem Rapidan-Fluß und Petersburg verlor Grant 55´000
Mann
(L. Frost). Der Militärhistoriker R. Leckie aber wertet den Ausgang
anders:
„Wenn der Sieg nach Opfern gemessen worden wäre, hätte
Lee gewonnen ... Die Opfer zeigen aber nur die Kosten der Schlacht.
Es war Grant, der gesiegt hatte. Er erreichte sein Ziel: Er fesselte
Lee, zwang ihn in die Defensive.
Alle Bewegungen Lees waren nur die Antwort auf Grant. Noch war Grant,
der „Schläger", Lee, dem „Boxer",
nachgeschlichen und mußte unvermeidlich Beulen und Kratzer hinnehmen.
Der wahre Erfolg aber war Grants Politik, Lee in der Defensive herauszufordern,
in der er eine einmalige Meisterschaft besaß."
Seinen sicherlich
größten Fehler im Verlauf des Krieges beging er in der
Schlacht von Cold Harbor am 3. Juni 1864, als er einen völlig
sinnlosen Sturmangriff auf die Stellungen Lees befahl. Die Unionssoldaten
sahen klarer als ihre Offiziere, daß sie chancenlos waren: Sie
nähten sich vor der Schlacht Stoffstreifen mit ihren Namen auf
die Uniform, damit ihre Leichen später identifiziert werden konnten.
„Grant ... befahl einen vollständigen Frontalangriff.
Er hatte jedoch versäumt, L ees Linien zu rekognoszieren ...
Er griff auf der ganzen Linie an, anstatt massiv an einem Punkt. Ebenso
wie Lee in Gettysburg oder Burnside in Fredericksburg hatte Grant
nicht begriffen, was eine starke Verteidigungsstellung bedeutete.
Im Ergebnis war die Schlacht von Cold Harbor ... eine Schlächterei
für die Union. Angriff auf Angriff wurde zurückgewiesen,
einige in weniger als einer Viertelstunde. In einem Frontabschnitt
glaubte ein Kommandeur, daß seine Männer sich feige in
Sicherheit bringen wollten. Er stürmte über das Feld und
stach sie zornig mit seinem Säbel - nur um zu erkennen, daß
sie alle schon tot waren. Vom feindlichen Feuer in der Flanke erfaßt,
brachen einige Unionslinien eine nach der anderen wie Dominosteine
zusammen.
Über die
gesamte Front konnten die Nordstaatler nur die schwarzen Schlapphüte
der Rebellen und das Mündungsfeuer ihrer Musketen sehen. In weniger
als einer Stunde verlor Grant 7´000 Mann, gegenüber 1´500
Mann Verluste der Konföderierten. Endlich beendete er den Angriff.
Es war eine unglaubliche Niederlage, die am folgenden Tag noch an
Tragik zunahm, als die Schreie nach „Wasser! Wasser! Um
Gottes Willen, Wasser!" von den US-Verwundeten vor den konföderierten
Linien über das Schlachtfeld klangen ... Grant schrieb später:
„Ich habe es immer bereut, daß der letzte Angriff
auf Cold Harbor unternommen wurde." "(Leckie)
Grant hatte geglaubt, in Cold Harbor eine Entscheidungsschlacht schlagen
und Lees Niederlage erzwingen zu können. Aber Lee war noch lange
nicht so weit. Auch Petersburg, eine der strategisch wichtigsten Städte
Virginias,
hielt noch stand. Unionstruppen brachten unter den Verschanzungen
eine gewaltige Mine zur Explosion, doch der anschließende Angriff
scheiterte, da keiner der führenden Unionsoffiziere die Situation
beherrschte.
Die Verluste waren groß, aber die eingeschlossene Stadt sollte
erst im April 1865 fallen.
Grants Befürchtungen hinsichtlich einiger Kommandeure, erwiesen
sich als richtig: General Sigel agierte glücklos, und Benjamin
Butler, der seine Stellung ausschließlich seinen politischen
Beziehungen verdankte, entpuppte sich mehr und mehr als großsprecherischer
Versager, dessen Fehlurteile Grant immer wieder in Rage versetzten
und zu ungehaltenen Briefen an den Präsidenten veranlaßten.
Aber das war nicht
Grants einzige Sorge: Seit Beginn der großen Kampagne war es
ihm kein einziges Mal gelungen, Robert E. Lee zu schlagen. Für
die Öffentlichkeit wäre ein Sieg psychologisch von Bedeutung
gewesen.
Die Strategie der unaufhörlichen Angriffe zeigte aber nach und
nach Wirkung: Die Nord-Virginia-Armee war gezwungen, sich Stück
um Stück zurückzuziehen und konnte ihre Verluste nicht mehr
ergänzen.
Aufgrund der starken eigenen Verluste, hat Grants Feldzug immer wieder
kritische Würdigungen erfahren. Es steht aber außer Zweifel,
daß diese Kampagne unter dem Gesichtspunkt der geographischen
Ausdehnung (mehr als 2000 km) und der eingesetzten Mannschaften (17
eigenständige Armeen) und Materialien für das 19. Jahrhundert
ohne Beispiel war. Obwohl sich der konföderierte Gegner als bedeutend
ausdauernder erwies als angenommen, lassen sich im Ablauf der Operationen
- von einzelnen Fehlentscheidungen abgesehen - keine wesentlichen
Fehler feststellen. Zudem muß berücksichtigt werden, daß
Grant in R. E. Lee ein Gegner von ungewöhnlichem Format gegenüberstand.
Tatsächlich dirigierte Grant die verschiedenen Armeen der Union
in einer Weise, die nie einen Zweifel an seiner Führerschaft
aufkommen ließ. Er nutzte die Telegrafie so umfassend wie kein
anderer General vor ihm und verstand es, effektiv zu delegieren und
seinen Willen überall durchzusetzen.
Die
von ihm entworfene und eingesetzte Organisations- und Führungsstruktur
wirkte auf den ersten Blick schlicht, gleichwohl veränderte sie
tiefgreifend das militärische System der USA, war für das
traditionelle Militärwesen revolutionär und so zukunftsorientiert,
daß sie in ihren Grundzügen in den amerikanischen Streitkräften
bis zum Ende des II. Weltkriegs Bestand hatte. Sie betraf nicht nur
den Einsatz der Truppen, sondern auch die logistische, technische
und wirtschaftliche Basis der Streitkräfte.
Grants militärische Führung hatte im 19. Jahrhundert keine
Parallele. Sie ist nur mit jener der besten Offiziere des 1. und II.
Weltkriegs vergleichbar.
Seit Juni 1864 befand sich Grants Hauptquartier in City Point, Virginia,
wo sich der Appomattox- und der James-Fluß vereinigten. Er residierte
in einem einfachen Holzhaus. Am 11. März 1865 traf der Abgeordnete
Elihu B. Washburne,
seit Kriegsbeginn ein Förderer Grants, in City Point ein und
überreichte dem General eine Goldmedaille des Kongresses.
In dieser Zeit schien Grants Stern wieder zu sinken. Statt dessen
wuchs die Popularität William T. Shermans, der nicht nur Atlanta
eingenommen hatte, sondern von hier aus - losgelöst von allen
Nachschubbasen - quer durch Georgia gezogen war. Ein unglaubliches
Unternehmen, das vielleicht mehr als jedes andere zum Zusammenbruch
der Moral der Südstaaten beitrug, allerdings auch die Gnadenlosigkeit
„moderner Kriegsführung" in bedrückender Weise
demonstrierte. Sherman hatte die Atlantikhäfen der Südstaaten
eingenommen und Charleston, South Carolina, wo der Krieg 1861 begonnen
hatte, wieder in die Hand der Union gebracht.
Es gab Forderungen, Grant durch Sherman zu ersetzen. Aber Lincoln
und alle, die mit der strategischen Lage vertraut waren, wußten,
daß Shermans Erfolg in Georgia nur ein Teil von Grants Planung
gewesen und nur möglich geworden war, weil Grant nicht nachgelassen
hatte, die Nord-Virginia-Armee zu attackieren und Lees Kräfte
zu binden, so daß Verstärkungen an die anderen konföderierten
Armeen nicht mehr möglich wurden.
Vom 24. bis zum 29. März 1865 trafen sich Grant, Lincoln, Admiral
Porter und Sherman zum letztenmal vor dem Kriegsende in City Point.
Das Ende war nur noch eine Frage der Zeit. Als Grant dem Präsidenten
die Frage stellte,
ob er irgendwann einmal am erfolgreichen Ausgang seiner Operationen
gezweifelt habe, erhielt er die Antwort: „Niemals,
nicht einen Moment."
Appomattox
Am 1. April 1865
schlug Sheridans Kavallerie die Konföderierten bei Five Forks.
Das war für Grant das Signal, daß die Kräfte des Feindes
endgültig erschöpft waren. Er verstärkte seinen Druck
an allen Fronten. Lee war gezwungen,
am 3. April Petersburg aufzugeben und Richmond evakuieren zu lassen.
Die Existenz der Konföderierten Staaten war jetzt identisch mit
dem Bestehen der Nord-Virginia-Armee, die die ständigen Schläge
der Unionsstreitkräfte zwar stets erfolgreich abgewehrt hatte,
dabei aber immer kleiner geworden war und bitteren Mangel litt: Die
Munition ging zu Ende, die Soldaten hungerten, sie waren nur noch
mit Fetzen bekleidet, und viele zogen barfuß ins Feld.
Grants Überzeugung, daß das Ende nahe war, übertrug
sich auf seine Truppen. Trotz schlechten Wetters und erschöpfender
Märsche, klagte niemand über Müdigkeit. Grant selbst
gönnte sich kaum noch Schlaf. Am 7. April schrieb er einen ersten
Brief an Lee, in dem er ihn zur Kapitulation aufforderte. Lee zögerte.
Aber die Potomac-Armee hatte sich wie ein Krake um die Reste der Nord-Virginia-Armee
gelegt und ihre Bewegungsfreiheit eingeengt. Für einen Ausbruch
waren die Südstaatler inzwischen zu schwach. Lee versuchte, die
Eisenbahnstation von Appomattox zu erreichen, wo mehrere Versorgungszüge
der Union standen. Doch bevor er eintraf, hatte USKavallerie unter
dem flamboyanten George A. Custer die Station besetzt. Am Morgen des
9. April marschierten die zerlumpten Südstaatler heran und versuchten
einen verzweifelten Angriff auf die Unionsreiter. Während ein
erbittertes Gefecht tobte, rückten InfanterieVerstärkungen
der Potomac-Armee heran. Zwar hatte Lee schon in der Nacht vom 8.
auf den 9. April in einem Brief an Grant seine Bereitschaft zur Kapitulation
signalisiert, doch erst jetzt, als die Lage tatsächlich aussichtslos
war, ließ er die weiße Fahne aufziehen, suchte um einen
Waffenstillstand nach und bat Grant um ein Treffen.
Grant, der seit
Tagen von schweren Kopfschmerzen gepeinigt wurde, fühlte sich
augenblicklich gesund, als er Lees Brief in den Händen hielt.
Er begab sich sofort nach Appomattox Court House zum Haus von Wilmer
McLean, wo Lee mit Colonel Marshall auf ihn wartete.
Das denkwürdige Treffen ist oft beschrieben worden: Lee war in
bester Uniform erschienen, Grant betrat das Haus in verschmutzter
Felduniform, auf die nachlässig die Sterne des Generalleutnants
genäht worden waren.
Beide waren befangen. Grant empfand den größten Respekt
vor Lee und begann das Gespräch zunächst mit Erinnerungen
an den Krieg mit Mexiko, als sie in derselben Armee gedient hatten.
Lee selbst lenkte das Gespräch schließlich auf den Zweck
des Treffens, und Grant formulierte außerordentlich großzügige
Übergabebedingungen, für die er später von zahlreichen
radikalen Republikanern in Washington getadelt werden sollte:

General Lee
unterzeichnet die Kapitulationsbedingungen
„Herr
General!
Dem Inhalt meines an Sie gerichteten Schreibens vom 8. d. M. entsprechend
beabsichtige ich, die Übergabe der Nord-Virginia-Armee unter
folgenden Bedingungen anzunehmen, nämlich:
Die Listen der sämtlichen Offiziere und Mannschaften sind in
zwei Exemplaren auszufüllen. Davon ist ein Exemplar einem von
mir zu ernennenden Offizier zu übergeben, das andere soll einem
oder mehreren von Ihnen zu ernennenden Offizieren zurückgelassen
werden. Die Offiziere haben individuell ihr Ehrenwort zu geben, daß
sie die Waffen gegen die Regierung der Vereinigten Staaten nicht wieder
ergreifen werden,
bis sie in gehöriger Weise ausgewechselt sind, und jeder Kompanie-
oder Regimentschef hat für die Mannschaften seiner Truppe die
gleiche Ehrenwortserklärung zu unterzeichnen.
Die
Waffen, Geschütze und das Staatseigentum werden zusammengefahren
und zusammengesetzt und sind einem Offizier zu überweisen, der
von mir zur Empfangnahme beauftragt wird.
Eingeschlossen hierin sind weder die Seitengewehre der Offiziere,
noch ihre Privatpferde und ihr Gepäck. Nachdem dies geschehen
ist, steht es allen Offizieren und Gemeinen frei, in die Heimat zurückzukehren,
wo sie von den Behörden der Vereinigten Staaten nicht belästigt
werden sollen, solange sie ihr Ehrenwort halten und die an ihren Wohnplätzen
gültigen Gesetze befolgen.
Hochachtungsvoll U. S. Grant, Generalleutnant."
Lee war sichtlich
beeindruckt von der Großzügigkeit, daß den Offizieren
ihre Säbel und den Mannschaften ihre privaten Reittiere belassen
wurden. Grant schrieb:
„Lee bemerkte, dies werde einen glücklichen Eindruck auf
seine Armee machen."
Lee äußerte sich bei späterer Gelegenheit so:
„Niemand hätte sich besser benehmen können als
Grant es den Umständen gemäß tat. Er rührte meinen
Säbel nicht an; es ist üblich, daß der Säbel
bei einer Niederlage übergeben und dann später zurückgereicht
wird, aber er tat dies nicht."
Nachdem Lee die Übergabebedingungen akzeptiert hatte, ordnete
Grant sofort die Versorgung von Lees Armee mit 25´000 Rationen
an. Salutschüsse verkündeten den Triumph. Grant befahl unverzüglich
die Einstellung des Feuers:
„Der Krieg ist vorbei. Die Rebellen sind wieder unsere Landsleute.
Das beste Zeichen der Freude nach dem Sieg ist die Vermeidung jeder
Demonstration im Felde!"
Am 13. April 1865
traf Grant in Washington ein und erstattete am nächsten Vormittag
vor dem Kabinett Bericht. Eine Einladung des Präsidenten zu einem
Theaterbesuch am Abend lehnte er ab, da er schnellstens zu seiner
Familie weiterreisen wollte. Hätte er angenommen, wäre er
Zeuge geworden, wie Präsident Lincoln an jenem 14. April in seiner
Loge in Fords Theater niedergeschossen wurde.
Am 26. April 1865 kapitulierte Joseph E. Johnston vor General Sherman.
Damit war der Krieg vorbei; die erbitterte Auseinandersetzung über
die Behandlung der Besiegten begann. Sie entzündete sich bereits
an den Kapitulationsbedingungen, die Sherman Johnston einräumte.
Sie waren noch großzügiger als die, die Grant formuliert
hatte und wurden von Washington glatt abgelehnt. Kriegsminister Stanton
brandmarkte Sherman als „Verräter", der „sich
an die Konföderation verkauft" habe.
Grant, früher zurückhaltend mit öffentlichen Stellungnahmen,
sich jetzt aber seiner unangefochtenen Position bewußt, legte
sofort schärfsten Protest gegen diese Diffamierung ein.
Wie stark Grants
Einfluß nun war, zeigte sich auch, als Lincolns Nachfolger,
Präsident Andrew Johnson, im Verein mit anderen führenden
Republikanern beabsichtigte, Robert E. Lee und weitere konföderierte
Offiziere des Verrats anzuklagen. Grant wurde beim Präsidenten
vorstellig und drohte, daß er seinen Abschied einreichen werde,
wenn seine Vereinbarungen mit Lee gebrochen würden. Es gab daraufhin
keine Anklagen und keine Prozesse.
Der
Präsident
Mit dem Ende des
Krieges begann eine Periode in Grants Leben, die ihm weltweiten Ruhm
und hohe Ehrungen einbrachte, die gleichwohl als partiell deformierend
für seine Person anzusehen ist. 1866 führte der Kongreß
den Rang eines Full General der Regulären ein, ebenfalls seit
den Tagen George Washingtons nicht mehr verwendet. Am 25. Juli 1866
wurde Grant dieser Rang verliehen.
Ulysses S. Grant war zu dieser Zeit der populärste Mann der Vereinigten
Staaten. Sein Eintreten für eine Amnestie der konföderierten
Führer schuf ihm auch Sympathien im Süden. Zugleich vereinnahmten
ihn die radikalen Republikaner für sich, da er konsequent für
die Durchsetzung der Rassenemanzipation und der sogenannten „Rekonstruktion"
im Süden eintrat.
Sein Verhältnis zum amtierenden Präsidenten war zwiespältig.
Andrew Johnson, ein ehemaliger Südstaaten-Demokrat aus Tennessee,
hatte in der Republikanischen Partei nur wenige Freunde. Unberechenbar
verfolgte er einen politischen Schlingerkurs, der zwischen unnachsichtiger
Härte gegenüber dem Süden und großer Nachsicht
schwankte. Neben den politischen, belasteten auch die persönlichen
Schwächen Johnsons das Präsidentenamt, das Festigkeit und
Kontinuität gebraucht hätte. Johnson war launisch, unzugänglich
und unbeherrscht. Die Regierung bot ein Bild der Zerrissenheit, da
sich der machthungrige, streitsüchtige Kriegsminister Stanton
als Vertreter der Radikal-Republikaner immer wieder öffentlich
mit dem Präsidenten auseinandersetzte. Schon Lincoln hatte Schwierigkeiten
mit Stanton gehabt, aber Lincoln war ungleich geschickter gewesen,
hatte Rückhalt in der Bevölkerung und der Partei gehabt,
sowie über enorme Autorität und ausgeprägten Machtinstinkt
verfügt.
U. S. Grant als Präsidentschaftskandidat
(Mitte) auf Wahlkampfreise in Fort Sanders, Wyoming, Juli 1868.
Am 5. August 1867
forderte Johnson den Kriegsminister zum Rücktritt auf. Stanton
lehnte ab. Am 12. August ernannte Johnson daraufhin Ulysses S. Grant
zum neuen Kriegsminister „ad interim". Fünf Monate
übte Grant gleichzeitig die Positionen des Ministers und des
General-in-Chief aus - ein Unding nach dem amerikanischen Verfassungsverständnis,
das eine strikte Trennung von Zivil- und Militärgewalt vorsah.
Am 13. Januar 1868 hob der Kongreß die Entscheidung des Präsidenten
auf. Grant mußte erkennen, daß Johnson ihn nur dazu mißbraucht
hatte, ihn gegen die Opposition auszuspielen. Von diesem Augenblick
wurde Grant zum offenen Gegner des Präsidenten und von den Republikanern
als möglicher Kandidat für das höchste Staatsamt gesehen.
Marineminister
Gideon Welles traf sich im Spätsommer 1867 mit Grant und notierte
später über dieses Gespräch entsetzt, daß Grant
so gut wie überhaupt keine Vorstellung von den„ fundamentalen
Prinzipien und Strukturen unserer Regierung und sogar der Verfassung"
hatte. Er glaubte, der Kongreß stünde noch über der
Verfassung und lehnte eine rasche Wiederherstellung der staatlichen
Selbstverwaltung in den Südstaaten ab.
Welles:
„General Grant ist stark vom Präsidenten-Fieber befallen,
was sein Urteil beeinträchtigt ... Er ist ... wesentlich schlechter
informiert, als ich es für möglich gehalten hätte bei
einem Mann mit seinen Voraussetzungen."
Aber die Republikaner wollten die nächste Wahl gewinnen, und
Grant war der Mann, der ihnen den Machterhalt garantieren konnte.
Im Frühjahr 1868 war ein Amtsenthebungsverfahren gegen Andrew
Johnson gescheitert. Im Mai 1868 wurde Grant auf dem Parteitag der
Republikaner zum Präsidentschaftskandidaten nominiert. Mochte
er auch im Grunde ein unpolitischer Mensch sein, so hatte er doch
erkannt, was das noch immer vom Krieg gezeichnete Land benötigte:
In seinem Brief, mit dem er die Kandidatur annahm, schrieb er den
Satz: „Laßt uns Frieden haben!" Dieser Satz
wurde zum Slogan für die Wahlkampagne.
Grant verkörperte wie kein anderer die nationale Einheit - die
Aussöhnung der einst verfeindeten Landesteile war sein Herzensanliegen
- , so daß er mit großer Glaubwürdigkeit auftreten
konnte. In der Wahl vom 3. November 1868 gewann Grant die Mehrheit
in 26 von den seinerzeit aus 34 Staaten bestehenden USA.
Grant glaubte,
die Regierungsgeschäfte ähnlich organisieren zu können
wie seinen militärischen Führungsstab. Doch was sich im
militärischen Bereich als fortschrittlich und effizient erwiesen
hatte, war politisch ein Fehlschlag: Grant ernannte - ganz in der
Tendenz seines Wahlkampfes, das zerstrittene Land zu einigen - Persönlichkeiten
zu Ministern, von denen er glaubte, daß sie parteiunabhängig
und charakterlich integer waren, wobei er sich nicht im geringsten
darum kümmerte, ob sie den administrativen Aufgaben in der Regierung,
den parlamentarischen Spielregeln gewachsen waren. Er überging
die fassungslosen republikanischen Parteiführer bei der Besetzung
wichtiger Ämter und umgab sich mit ehemaligen Militärs seines
Stabes als Sekretäre. Schnell erkannten diese Männer, wie
leicht Grant zu beeinflussen war, zumal die Staatsgeschäfte ihn
sichtlich überforderten und politisches Denken und Handeln ihm
fremd war.
Sein Biograph Lawrence Frost schrieb:
„Unglücklicherweise wurde Grant genau zur falschen Zeit
Präsident. Weder hatte er die Grundlage noch die Fähigkeiten
für Regierungsverantwortung und Politik.
Ein Land voller Probleme, die auch für einen Lincoln, einen Jefferson
oder Hamilton gewaltig gewesen wären, wurde nun von einem militärischen
Helden geführt, dessen einzige Qualifikation für das Präsidentenamt
die Fähigkeit war, die meisten Wählerstimmen auf sich zu
ziehen."
Grant wurde in einer Zeit des moralischen Umbruchs Präsident.
Der blutige Bruderkrieg hatte - wie die meisten großen Kriege
- an den gesellschaftlichen Fundamenten gerüttelt und Werte und
Maßstäbe verändert.
Die Nation expandierte
stürmisch nach Westen. Die transkontinentale Eisenbahnlinie war
gerade abgeschlossen, der Eisenbahnbau im ganzen Land boomte. Die
Phase der „Rekonstruktion" im Süden führte zu
hemmungsloser Ausbeutung alter Besitztümer, zu tiefster Erbitterung
über Willkürjustiz und Unrecht der Besatzungsverwaltung.
Der einzige akzeptierte Wertmaßstab war der Dollar. Hemmungsloser
Egoismus galt als Tugend. Und im Weißen Haus saß ein Mann,
der seine militärischen Ehrvorstellungen in der Politik wiederzufinden
glaubte und unfähig war, die Skrupellosigkeit vieler seiner engsten
Berater zu durchschauen.
Bald kam es zu ersten Korruptionsfällen in der Regierung, bis
hinauf zum Vize-Präsidenten Colfax. Grant weigerte sich, die
Vorwürfe zu glauben.
In falsch verstandener Treue stellte er sich selbst vor überführte
Missetäter.
Seine besten Absichten, etwa ein Ende der erbarmungslosen Behandlung
der westlichen Indianerstämme, einen ehrlichen Umgang mit ihnen,
versickerten in den Regierungsbehörden. Börsenspekulanten
erlangten Einfluß auf die Finanzpolitik.
Doch obwohl das
alles bald öffentlich bekannt und lautstark kritisiert wurde,
blieb die Person Grants als Symbol nationaler Einheit äußerlich
unbefleckt. So wurde er 1872 erneut zum Präsidentschaftskandidaten
nominiert und mühelos für eine zweite Amtszeit gewählt,
obwohl sich kritische Teile der Republikanischen Partei gegen ihn
wandten. Darunter besonders vehement der deutsche Emigrant Carl Schurz,
zeitweilig republikanischer Senator, und der einflußreiche Publizist
Horace Greely.
Nach einem jahrelangen Wirtschaftsaufschwung, kam es 1873 zu einer
tiefen Rezession. Weitere Korruptionsskandale wurden aufgedeckt. Finanzminister
Bristow entdeckte gewaltige Steuerhinterziehungen einer Gruppe von
Alkoholbrennern, dem sogenannten „Whisky-Ring", in die
Grants persönlicher Sekretär Babcock verwickelt war.
In eine der größten Bestechungsaffären wurde die Regierung
1876 durch Kriegsminister Belknap gestürzt. Er hatte in unglaublicher
Weise öffentliche Mittel unterschlagen, die für Indianerreservationen
bestimmt waren.
Die Besetzung der Agentenposten in den Reservationen war zum schwunghaften
Handel geworden, und Belknap hatte sich an der Verschiebung von Versorgungslieferungen
beteiligt. Das Netz an Lug und Trug, das hier gewoben worden war,
überzog weite Teile des amerikanischen Westens. Versorgungsmängel
in einigen Reservationen waren die Folge und die Ursache für
Indianerunruhen. Belknap kam durch Rücktritt einer Amtsenthebung
durch einen Untersuchungsausschuß des Kongresses zuvor. Vor
dem Ausschuß sagte auch der populäre Bürgerkriegsgeneral
George A. Custer als Zeuge aus und scheute sich nicht, darauf hinzuweisen,
daß Grants eigener Bruder Orvil in die Affäre verwickelt
war und sich beträchtlich bereichert hatte.
Grant weigerte
sich, das alles zu glauben, obwohl die Beweise unanfechtbar waren.
Es war erstaunlich, daß trotz der beträchtlichen Erschütterungen
in der Öffentlichkeit, Grants guter Ruf unangefochten blieb.
Es war wohl auch Mitleid, das die Amerikaner mit einem Mann hatten,
der schamlos von seinen angeblichen Freunden hintergangen wurde. Senator
John Sherman schrieb:
„General Grant war in jeder Hinsicht des Wortes ein ehrlicher
Mann. Er war so ehrlich, daß er anderen niemals mißtraute
und nie an ihrer Zuverlässigkeit zweifelte,
und er ging freundlich mit denen um, die sein Vertrauen mißbrauchten."

Ulysses
S. Grant war President of the United States vom 04. März 1869
- 03. März 1877
Die Ereignisse
des Jahres 1876 hatten Grant müde gemacht. Die Republikaner erwogen,
ihn für eine dritte Amtsperiode - bis dahin einmalig in der Geschichte
der Vereinigten Staaten - ins Rennen zu schicken.
Aber er trat ab mit den Worten:
„Es sind Fehler gemacht worden, wie jeder sehen kann und wie
ich zugebe ... Fehlschläge beruhen auf Irrtümer im Urteil,
nicht auf Absicht."
Am 4. März
1877 schied Grant sichtlich erleichtert aus dem Amt und erfüllte
sich seinen Lebenstraum: Er ging auf eine mehr als zwei Jahre dauernde
Weltreise. Erstaunt stellte er fest, daß seine Popularität
nicht
auf die Vereinigten Staaten beschränkt war. Bescheiden nahm er
alle Ehrungen als Respekt für die USA, nicht für seine Person,
entgegen. In London löste sein Eintreffen Ende Mai 1877 einen
Massenauflauf aus,
obwohl die englischen Zeitungen seinKommen nur mit wenigen Zeilen
gemeldet hatten. Grant reiste durch Frankreich, eröffnete 1878
in Paris eine große Ausstellung und wurde in Berlin mehrere
Male von Bismarck empfangen.
Er begab sich
nach Frankfurt am Main, um einigen führenden Bankiers der Stadt
seinen Dank für ihre Kredite, die sie der Regierung Lincoln während
des Bürgerkrieges gewährt hatten, abzustatten. Er reiste
nach Rußland, durchfuhr den Suez-Kanal, machte Station in Indien
und wurde selbst in China und Japan mit großen Ehren empfangen.
Als er am 20. September 1879 in San Francisco eintraf, überraschte
ihn eine unübersehbare jubelnde Menschenmenge. Mit Paraden und
Empfängen wurde er begeistert gefeiert. Noch einmal wurde er
für eine Präsidentschaftskandidatur ins Gespräch gebracht.
Noch immer war Grant der populärste Mann der Vereinigten Staaten.
Er erklärte, der glücklichste Tag seines Lebens sei jener
gewesen, als er das Weiße Haus verlassen habe, aber führende
Republikaner drangen in ihn, noch einmal anzutreten.
Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner 1880 in Chicago fehlten
Grant nach 35 Wahlgängen nur noch 65 Stimmen zur erneuten Nominierung.
Dickköpfig, wie es seine Art war, weigerte er sich, sich die
fehlenden Stimmen durch einen Handel mit seinem stärksten Gegenkandidaten
- durch Zusage eines Ministeramtes - zu verschaffen.
Daraufhin wurde im 36. Wahlgang ein Kompromißkandidat, James
A. Garfield, gekürt. Grant trat damit endgültig von der
politischen Bühne ab.
Seine letzten
Jahre waren von großer Tragik umgeben: Zeitlebens ein schlechter
Geschäftsmann, besaß Grant nur ein bescheidenes Vermögen,
das ihm ganze 5000 $ Zinsen im Jahr einbrachte. 1881 nahm er
den Posten eines Präsidenten der „Mexican Southern Railroad"
an, und Freunde und Bewunderer richteten einen Treuhandfond für
ihn ein. Den größten Fehler seines Lebens beging Grant,
als er sich von seinem Sohn Ulysses jr., genannt „Buck",
überreden ließ, in die Bankund Maklerfirma des jungen Spekulanten
Ferdinand Ward an der Wallstreet einzutreten. Wieder einmal war Grant
zu vertrauensselig: Ward brauchte den guten Namen des Ex-Generals
und Präsidenten, um Investoren für seine windigen Geschäfte
zu finden. Grant brachte sein gesamtes Vermögen in die Firma
ein und stand mit seinem Namen für die Solidität des Unternehmens.
Am 6. Mai 1884 brach die Firma „Grant & Ward" zusammen.
Ward hatte die Investoren um mehr als 16 Millionen Dollar betrogen.
Jahrelang hatte er Grant mit frisierten Büchern hinters Licht
geführt. Ward ging für 10 Jahre ins Zuchthaus. Grant war
unschuldig, aber er stahl sich nicht aus der Verantwortung: Er stand
für den Betrug seines Partners gerade. Sein gesamtes Vermögen
war verloren.
Er mußte
das Haus seiner Frau und das Erbe seines Schwiegervaters bei St. Louis
verkaufen. Am Ende war er gezwungen, seine Ehrensäbel und Auszeichnungen,
die er nach dem Bürgerkrieg erhalten hatte, versteigern zu lassen.
Die Grants zogen nach Long Beach, New Jersey, wo sie von der Großzügigkeit
von Freunden lebten. Grant schrieb einige Zeitungsartikel, um ein
wenig Geld zu verdienen.
Da traf ihn der nächste schwere Schlag:
Als er sich wegen Schluckbeschwerden zu einem Arzt in Philadelphia
begab, wurde Krebs in fortgeschrittenem Stadium festgestellt.
Grant hatte alle ökonomischen Katastrophen mit dem ihm eigenen
Stoizismus bewältigt. Das Vertrauen in seine Umwelt hatte er
weitgehend verloren. Aber jetzt bewegte ihn nur noch die Sorge, daß
er seine Familie in Armut zurücklassen mußte. Er begann,
mit dem „Century Magazine" über eine Veröffentlichung
seiner Memoiren zu verhandeln.
Vier Tage vor seinem Tod entstand dieses Bild:
U. S. Grant mit seiner Frau, seiner Tochter Nellie (2. v. rechts)
und seiner Schwiegertochter.
Im November 1884 suchte ihn der Schriftsteller Samuel L. Clemens auf,
der Welt besser bekannt unter dem Namen „Mark Twain".
Es war nicht nur Verehrung und Faszination für Grants Person,
es war auch ein untrüglicher Instinkt für ein großes
Geschäft, als er Grant ein weitaus besseres Angebot unterbreitete:
25´000 $ Vorauszahlung sofort und 20% Anteil am
Verkauf der Bücher - ein exorbitant gutes Angebot für einen
Buchautor im 19. Jahrhundert.
Grant akzeptierte
sofort. Er begann seine Lebensgeschichte zu diktieren - ein Wettlauf
mit dem Tod,
zumal er sich die Aufgabe nicht leicht machte. Er trieb ein sorgfältiges
Quellenstudium, ließ sich alte Akten kommen, Zeitungsberichte
aus der Bürgerkriegszeit, Aufzeichnungen anderer Offiziere seines
Stabes. Die Verantwortung, die er sich mit einem solchen Werk auferlegt
hatte, war ihm bewußt:
Er wollte keine Selbstverherrlichung betreiben - etwas, was ihm ohnehin
sein Leben lang fremd gewesen war -, er wollte jedermann Gerechtigkeit
zuteil werden lassen. Er
wollte die Geschichte darstellen, soweit er daran beteiligt war, nicht
nur die Geschichte eines einzelnen Menschen. Eine Absicht, die ihm
in beeindruckender Weise gelang und seine Erinnerungen zu einem Dokument
der Ehrlichkeit und einer stilistisch und inhaltlich herausragenden
historischen Quelle bis auf den heutigen Tag machen. Grant arbeitete
rastlos, mit eiserner Disziplin. Die Schmerzen im Hals wurden stärker.
Im Frühjahr 1885 konnte er nur noch flüstern und nicht mehr
diktieren. Jetzt schrieb er selbst, vier Stunden täglich, immer
im Kampf gegen den Schmerz, das nahe Ende vor Augen.
Am 16. Juli vollendete
Grant den zweiten Band seiner Memoiren, am 23. Juli 1885 starb er
im Haus eines Freundes in Mt. McGregor, New York. Seine „Personal
Memoirs" wurden zu einem Welterfolg, zu einem der größten
Bestseller der autobiographischen Literatur. In den ersten zwei Jahren
verdiente seine Familie mit diesem Werk mehr als 450´000 $.
So war es Grant am Ende seines Lebens doch noch gelungen, zumindest
für seine Hinterbliebenen, ein einziges Mal ein gutes Geschäft
zu machen, weil er sich - wie bei der Planung seiner Feldzüge,
wie bei seinen großen Erfolgen als General - nur auf sich selbst
und seine besten Charakterzüge - Disziplin, Ehrlichkeit, Bescheidenheit
und klares Denken - verlassen hatte. Sein Leichnam liegt in einem
Mausoleum am Riverside Drive, New York City, bestattet.
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