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VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© Dietmar Kuegler, Serientitel: NORD & SÜD
1990, - General U.S. Grant -
sowie Veröffentlichungen der Kongreßbibliothek der USA (LOC) und des US Nationalarchiv (NARA)

General U.S. Grant

 

General  Ulysses Simpson GRANT
Militärische Biographie



Seite - 2 -

 

 

Der Bedingungslose

Konföderierte Gefangene


Konföderierte Gefangene aus Fort Donelson am Morgen nach der Kapitulation

Nach der Einnahme von Fort Donelson schlug eine Woge der Popularität über dem wortkargen Brigadegeneral zusammen. Die Zeitungen begannen - teils Erfundenes - auch über seine Privatleben zu schreiben und stellten
den Pfeifenraucher Grant als leidenschaftlichen Zigarrenraucher dar. Verehrer schickten ihm kistenweise Zigarren in sein Feldlager.
Sein Departmentskommandant Halleck forderte nach Grants Siegen für sich das Oberkommando im Westen und schlug vor, Grant, Buell, Pope und C. F. Smith zu Major Generals zu ernennen. Abraham Lincoln übergab aber nur einen Namen zur Bestätigung an den Senat: Ulysses S. Grant.
Er wurde mit Wirkung vom 16. Februar 1862 zum Generalmajor der Freiwilligen ernannt.
Diese eindeutige Bevorzugung löste das Mißtrauen seiner wesentlich karrierebewußteren Vorgesetzten aus. Der Führer der Hauptarmee des Nordens, General George Brinton McClellan, von jeher eifersüchtig darauf bedacht, keinen anderen Offizier in seinem Schatten groß werden zu lassen, versuchte zunächst, Hallecks Kompetenzen zu beschränken. Halleck wiederum fühlte sich von Lincoln brüskiert.
Grants gestärkte Position erschien ihm gefährlich.

Er nutzte daher die erste Gelegenheit, gegen Grant zu intrigieren. Am 3. März telegrafier te er an McClellan:
„Ich habe seit über einer Woche keine Verbindung mehr zu General Grant. Er hat sein Kommando ohne meine Genehmigung verlassen und ist nach Nashville gegangen. Zufrieden mit seinem Sieg, genießt er ihn, ohne an die Zukunft zu denken."

Eilig ordnete McClellan an, Grant unter Arrest zu stellen und durch General C. F. Smith zu ersetzen. Gleichzeitig wurde genüßlich an die alten Verfehlungen Grants in Kalifornien erinnert, Gerüchte, die von der politischen Kampfpresse in Washington begierig aufgegriffen wurden. Sie waren noch Jahre später die Grundlage für gelegentlich verbreitete Behauptungen über Grants angeblichen Alkoholmißbrauch im Felde.

Nichts von Hallecks Meldungen stimmte. Tatsächlich hatte Grant täglich Rapporte an Hallecks Hauptquartier geschickt, allerdings keine Anordnungen erhalten, da - wie sich später herausstellte - der verantwortliche Telegrafist in Cairo ein konföderierter Spion war, der sich kurz darauf mit allen unterschlagenen Papieren und Nachrichten in den Süden absetzte. Grant schrieb: „Ein Telegramm des Generals McClellan an mich, welches vom 16. Februar, dem Tage der Übergabe, datiert war und den Befehl enthielt, über die Lage ausführlich zu berichten, traf erst am 3. März bei mir im Hauptquartier ein." Seine Absetzung vom 4. März überraschte ihn daher völlig: „Die beiden obersten Generale der Armee unterhielten also kaum zwei Wochen nach dem Siege von Donelson einen Schriftwechsel darüber, was sie mit mir beginnen sollten, und in weniger als drei Wochen befand ich mich tatsächlich im Arrest und war meines Kommandos enthoben." (Grant, „Memoiren", Bd. 1)
In der fraglichen Zeit hatte Grant Vorbereitungen getroffen, gegen das von Konföderierten beherrschte Corinth zu marschieren. Als General C. F. Smith eintraf, um die Leitung der Kampagne zu übernehmen, kam es beinahe zu einer Truppenrevolte. Inzwischen hatte Halleck die Angriffe auf den populären Grant verstärkt und beschuldigte ihn, nachlässig mit Nachschub- und Lebensmittellieferungen umgegangen zu sein.

Aufgrund dieses ungeheuerlichen Vorwurfs der Unterschlagung, forderte Grant selbst eine Entbindung von seinen Pflichten und eine gerichtliche Untersuchung.
Halleck machte einen Rückzieher: An einem Gerichtsverfahren, das zweifelsfrei auch seine Rolle in dieser Intrige und seine eigenen Fehler aufgedeckt hätte, war er nicht interessiert. Am 13. März setzte er Grant wieder in sein Kommando ein: „Ich wünsche, daß Sie, sobald Ihre neue Armee im Felde steht, den Befehl übernehmen und sie zu neuen Siegen führen."
Zugleich spiegelte er Grant vor, sich in Washington vehement für ihn eingesetzt und somit eine Untersuchung des Kriegsministeriums verhindert zu haben. Grant schrieb: „Zugleich sandte er mir auch eine Abschrift seines eigenen eingehenden Rapports ..., der mich von jeglicher Schuld vollständig freisprach; er teilte mir jedoch nicht mit, daß die ganze Geschichte nur infolge seiner eigenen Meldungen entstanden sei." Grant, der die Zusammenhänge nicht kannte und die Wahrheit erst Jahre später erfuhr, war ihm dankbar und nahm am 17. März seinen Dienst wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt stand die Hälfte seiner Armee in Savannah, auf dem Ostufer des Tennessee, die andere Hälfte auf dem Westufer zwischen Crump's Landing und Pittsburgh Landing. Die Konföderierten hatten sich in dem Eisenbahnknotenpunkt Corinth festgesetzt. Grant zog seine Truppen bei Pittsburgh Landing zusammen.

Noch während er auf das Eintreffen Hallecks wartete, kam es am 6. April zu einem Zusammenstoß zwischen einer Rekognoszierungstruppe Grants unter Major James Powell und einer konföderierten Einheit unter dem Befehl General William Hardees. Das Scharmützel konzentrierte sich um die methodistische Feldkirche von Shiloh und kulminierte zu einer der bedeutenden Schlachten des Bürgerkrieges.
Einige Tage vorher war Grants Pferd auf morastigem Boden gestürzt und hatte ihn unter sich begraben. Er hatte sich einen komplizierten Knöchelbruch zugezogen, lag in Savannah im Bett und nahm sein Frühstück ein, als er plötzlich Kanonendonner vernahm. Trotz großer Schmerzen, bestieg er sein Pferd und erreichte gegen 10 Uhr am Vormittag das Schlachtfeld.
„Die Unionstruppen, die den Mississippi überquert hatten, waren entlang dem Ufer über eine Distanz von dreieinhalb Meilen in einer gebogenen Linie nach Westen von Pittsburgh Landing (Shiloh) postiert. Das Zentrum war der Straße nach Corinth zugewandt. Sie wurden kommandiert von den Generälen Prentiss, Sherman, Hurlburt und McClernand. Da Corinth sich ausgezeichnet zur Verteidigung eignete, wurde nicht angenommen, daß diese Vorteile aufgegeben werden würden. Deswegen muß eingeräumt werden, daß die Attacke in hohem Maße überraschend kam.
Der Feind marschierte am 5. April mit 70´000 Mann in drei großen Divisionen aus Corinth. Sidney Johnston kommandierte das Zentrum, Braxton Bragg und Beauregard die Flügel. Hardee, Polk, Breckinridge und Cheatham hatten untergeordnete Positionen. Ihr Plan war, das Zentrum der Unionslinien mit den Divisionen von Prentiss und McClernand anzugreifen, zu durchbrechen und dann jeden der Flügel an der Front und der Flanke zu attackieren. Auf diese Weise sollten die Bundestruppen geteilt und überrumpelt werden ... Um 2 Uhr morgens, Sonntag, 6. April, schickte Colonel Peabody aus General Prentis' Division 400 Mann nach vorn über seine Linien. Sie hatten kaum eine halbe Meile zurückgelegt, als sie auf eine große Rebellentruppe stießen. Diese eröffnete sofort das Feuer ... Viele Offiziere waren noch nicht aufgestanden, viele der Männer noch nicht bewaffnet, als das ganze Unionscamp feststellte, daß eine energische Attacke auf einen Teil der Linien begonnen hatte . . Die gesamte Division General Shermans war die erste, die den Rebellen in Schlachtenlinie begegnete. Es war um 6 Uhr." (Samuel M. Schmucker, THE BATTLE OF SHILOH, 1899)
Ulysses S. Grant


Ulysses S. Grant, Oberkommandierender der US-Streitkräfte

Die Truppen der Union und des Südens verbissen sich förmlich ineinander. Grant plazierte nach seinem Eintreffen sofort Wachen hinten, um die einsetzende Flucht seiner Soldaten aufzuhalten. Es gelang ihm, die Mannschaften zu beruhigen und seinen Offizieren die notwendige Sicherheit zu vermitteln, die es ihnen ermöglichte, ihre Einheiten wieder zu sammeln und zurück in den Kampf zu führen.
Am Abend des 6. April sah es schlecht aus für die Union. Die Konföderierten hatten alle Angriffe erfolgreich abgewiesen und schienen genügend Reserven zu haben, weiter standhalten und vorrücken zu können, während die Moral der Unionsarmee angeschlagen war.
„Diese Nacht (vom 6. zum 7. April) regnete es in Strömen auf mehr als 2´000 Tote und 10´000 Verwundete in Blau und Grau. Die ganze Unionsarmee war auf eine gefährliche Position zurückgeschlagen, und die Konföderierten besetzten unser Feld vom vergangenen Morgen." (Major Ben C. Truman, 1899)

Die Soldaten schliefen auf dem schlammigen, von Hufen, Stiefeln und Schrappnels zerrissenen Boden, durchnäßte Decken über sich, die keinen Schutz mehr boten. Allerdings war die Situation der Unionstruppen besser als es den Anschein hatte: Der konföderierte General Albert S. Johnston, einer der fähigsten Offiziere des Südens, war während eines Artillerieduells schwer verletzt worden und auf dem Feld verblutet. Während General P. G. T. Beauregard sein Kommando übernahm, erhielt Grant frische Truppen (17´000 Mann) unter Buell.
Als Beauregard davon erfuhr, gab er die Schlacht verloren. Er beschloß, seine Truppen auf Corinth zurückzuziehen. Hätte er von den Führungsproblemen der Unionsarmee gewußt, hätte er vielleicht anders gehandelt: Buell hatte von Halleck ein eigenes Kommando erhalten, so daß Grant gezwungen war, ihn als gleichberechtigten Befehlshaber auf dem Schlachtfeld zu akzeptieren. Hinzu kamen Koordinationsfehler: Lewis Wallace, einer der „politischen Generäle",
dessen Talente auf schriftstellerischem und politischem Gebiet zweifellos höher waren als auf militärischem, hatte am 6. April völlig eigenwillige Manöver ausgeführt und den Unionstruppen nicht zur Verfügung gestanden.  Grant urteilte später milde: „Wahrscheinlich meinte er, daß er auf dem von ihm gewählten Wege im Stande sein würde, dem Feind in die Flanke oder den Rücken zu gelangen und auf diese Weise eine Heldentat auszuführen."

Gegen 4 Uhr am Nachmittag des 7. April hatten die Konföderierten das Schlachtfeld geräumt. Die Unionsstreitkräfte waren so erschöpft, daß eine energische Verfolgung erst am Abend des folgenden Tages eingeleitet werden konnte, zumal die Artillerie der Konföderierten noch heftige Rückzugsgefechte lieferte. Die US-Generäle Wood und Sherman versuchten, den Südstaatlern bei Fallen Timbers in den Rücken zu fallen, sie wurden aber von der CS-Kavallerie unterNathan B. Forrest ohne größere Schwierigkeiten vertrieben. Insgesamt hatten fast 110´000 Mann an der Schlacht teilgenommen. Die Union verlor 1´754 Gefallene, 8´408 Verwundete und 2´885 Vermißte. Die Verluste der Konföderierten betrugen 1´723 Tote, 8´012 Verwundete und 959 Vermißte. Beide Seiten reklamierten den Sieg für sich, doch der Ausgang war offen geblieben. Allerdings hatten beide Parteien wichtige Erfahrungen gesammelt: In den zurückliegenden Kämpfen waren die Siege relativ leicht erfochten worden.
Bei offenen Zusammenstößen hatten meist die Konföderierten das Feld behauptet. Bei Shiloh hatte erstmals eine große Feldschlacht stattgefunden, bei der erbittert um jeden Fußbreit Boden gerungen worden war. Die Konföderierten hatten feststellen müssen, daß auch Yankee-Soldaten standhalten konnten. Shiloh erwies sich als eine der wichtigsten Stationen beim Kampf um die Herrschaft über den Mississippi.

Am 11. April 1862 traf General Halleck in Pittsburgh Landing ein und übernahm selbst das Kommando über die vereinigten Truppen von Grant und Buell. Grant war sein Stellvertreter und befand sich nunmehr in der mißlichen Lage, keine weiteren selbständigen Bewegungen mehr vornehmen zu können. Hallecks Freunde im Offizierskorps hatten nach Washington berichtet, Grant seien in der Schlacht schwere Fehler unterlaufen, er sei betrunken gewesen.
Diese Behauptungen waren nachweislich falsch. Mitglieder von Grants Stab, denen sie später zu Ohren kamen, widerlegten sie vehement. Präsident Lincoln schenkte diesen Intrigen keinen Glauben. Er beschied einen Politiker: „Ich weiß nicht, ob Grant während seines Dienstes trinkt. Aber wenn er es tut, möchte ich wissen, woher er seinen Brandy bezieht, damit ich jedem meiner Armeekommandeure ein Faß davon schenken kann."
Gleichwohl verschlechterte sich die Stituation Grants, da Halleck ihn konsequent überging. Halleck selbst leitete den Marsch auf Corinth und offenbarte dabei katastrophale Schwächen bei dem Versuch, eine große Armee im Feld zu führen. Er benötigte 20 Tage, um 120´000 Mann über eine Distanz von 20 Meilen zu bewegen. Als er Corinth erreichte, war Beauregard mit seinen Streitkräften abgezogen, ohne daß Hallecks Späher es bemerkt hatten. Es sollte das einzige Mal bleiben, daß Halleck ein Feldkommando ausübte.

Grant erfuhr immer erst als letzter von den Plänen seines Vorgesetzten, so daß er Halleck schließlich aufforderte, ihn zu entlassen. Als Halleck sein Gesuch ablehnte, entschloß Grant sich, in Washington seinen Abschied einzureichen.
William T. Sherman traf in Grants Camp ein, als dieser bereits seine Koffer packte, und beschwor ihn, zu bleiben.
„Wenn Sie gehen, werden die Dinge schiefgehen", sagte Sherman in seiner direkten, schmucklosen Art.
„Dann sind Sie erledigt. Wenn Sie bleiben, wird sich alles zum Besseren wenden, und sie werden wieder Ihren angemessenen Platz einnehmen."
Sherman sollte recht behalten: Am 11. Juli 1862 wurde Halleck abberufen und in Washington zum Generalstabschef ernannt. Grant übernahm das Departmentskommando und begann sofort, die unsinnigen Anordnungen Hallecks über die weitgefächerte Stationierung der Truppen rückgängig zu machen. Er schonte sich nicht, schlief wenig, sammelte Informationen über die Bewegungen des Gegners und entwarf in den kommenden Monaten eine umfassende Strategie.
Sein Interesse richtete sich zuförderst auf die Flußfestung Vicksburg, den entscheidenden Flußhafen der Südstaaten, von dem aus der Mississippi beherrscht wurde.

 

Vicksburg

Das „Gibraltar des Mississippi", eine schier uneinnehmbare Festung, verwehrte den Farmern der Nordstaaten den Weg zu den Exporthäfen an der Küste. Für die konföderierte Regierung war Vicksburg ein Prestigeobjekt, das mit allen Mitteln verteidigt werden sollte. Die Einnahme der Stadt bedeutete für die Union die endgültige Beherrschung des Mississippi und die Abspaltung des westlichen Teils der Konföderation.
Ulysses S. Grant, seit dem 25. Oktober Kommandant des Department of Tennessee, hatte sich die Einnahme der Stadt zum Ziel gesetzt, in der sein alter West-Point-Freund, General John C. Pemberton - ein gebürtiger Nordstaatler, der sich dem Süden angeschlossen hatte - das Kommando führte. Ein erster Angriff am 29. Dezember 1862 scheiterte. Grant mußte einsehen, daß die Stadt in offener Feldschlacht oder mit wenigen Sturmangriffen nicht zu nehmen war.
Er entwarf einen längerfristigen Plan für seine kombinierten Land- und Schiffsstreitkräfte. Ihm standen 45´000 Mann unter den Major Generals John McClernand, James Birdseye, McPherson und Sherman zur Verfügung sowie 5´500 Mann der westlichen Flotte unter Admiral Porter auf 11 Panzerschiffen und 38 Kanonenbooten mit insgesamt 300 Geschützen. Grant erwies sich während der Vicksburg-Kampagne als eigenwilliger, unabhängiger Kopf, der sich nicht um politische Intrigen kümmerte und den enormen Schwierigkeiten, das gesteckte Ziel zu erreichen, mit beträchtlicher Phantasie begegnete.
U. S. Grant in seinem Feldlager beim Kartenstudium

Hier fühlte er sich am wohlsten: U. S. Grant in seinem Feldlager beim Kartenstudium


Das Jahr 1862 war für die Union wenig erfolgreich gewesen: General McClellan war in der „Schlacht der 7 Tage" vor Richmond gescheitert. Die zweite Schlacht am Bull Run war Ende August verlorengegangen, die Konföderierten waren in Maryland eingefallen. McClellan hatte im November den Befehl über die Hauptarmee der Union am Potomac abgeben müssen, und am 13. Dezember war der neue Befehlshaber der Potomac-Armee, General Burnside, bei Fredericksburg von Robert E. Lee völlig deklassiert worden. Die Stimmung im Norden war depressiv. Die Moral von Armee und Bevölkerung sank. Es wurden bereits Forderungen laut, die ein Ende der Kampfhandlungen, Verhandlungen mit dem Süden über eine ehrenvolle Trennung oder eine Anerkennung des südlichen Gesellschaftssystems bei Rückkehr in die Union vorschlugen.

Der Präsident stand unter starkem Druck, ohne sein politisches Credo - die Erhaltung der Union - im geringsten anzweifeln zu lassen. Lincoln wußte, daß er seit seinem Amtsantritt von Hofschranzen, Postenjägern und politischen und militärischen Intriganten umgeben war, die in erster Linie ihren eigenen Vorteil suchten. Grants klare Berichte und das, was er aus seinem Feldlager erfuhr, überzeugten den Präsidenten, in diesem schlichten, unprätentiösen, scheinbar sturen Mann einen der wenigen Offiziere in einer Schlüsselstellung zu haben, der nicht seine Karriere in den Mittelpunkt gestellt hatte, sondern seine Aufgabe und das nationale Ziel des Krieges. „Ich kann auf diesen Mann nicht verzichten", beschied Lincoln Grant-Gegner. „Er kämpft." Grant hatte indessen mehrere Versuche unternommen, Vicksburg einzuschließen, die sichere Stellung der Stadt zu erschüttern, bis hin zu dem erstaunlichen Versuch, mit Hilfe eines Kanals den Mississippi umzuleiten.

„Gegenüber von Vicksburg hatte der Fluß in einer großen Haarnadelbiegung eine Halbinsel geformt. Wenn ein Kanal durch ihre Basis geschnitten wurde, müßte der Fluß hineinströmen und die Stadt so umgehen.
Aber nachdem der Kanal gegraben war, weigerte sich der „Vater allen Wassers" hineinzufließen.  Als nächstes versuchte Grant, eine Kette von Seen und Strömen zu vertiefen, die sich westlich des Lake Providence dahin wand ... Zwei Monate harter Arbeit endeten mit einem Fehlschlag. Zwei ähnliche Versuche in den labyrinthischen Sumpfarmen oberhalb der Stadt nach Osten endeten ebenso. So setzten sich die Proteste gegen Grant fort.
Er wurde als frei von jeglichem Genius, ohne jede Energie dargestellt. Seine erfolglosen Pläne entstammten, so wurde gesagt, einem Gehirn, das gänzlich ungeeignet für solche Schwierigkeiten war.
Seine Hartnäckigkeit wurde als Sturheit bezeichnet, seine Geduld als schleppender Stumpfsinn . . . "
Robert Leckie, THE WARS OF AMERIKA, 1968

Grants Gegnern war gemein, daß sie die Lage um Vicksburg nicht kannten und nicht imstande waren, die Überlegungen des Generals nachzuvollziehen. Sie übersahen, daß Grant mit seiner Armee 5 Gefechte im Vorfeld der Belagerung siegreich entschieden hatte, wobei es ihm gelungen war, konföderierte Verstärkungen abzuwehren und Pembertons Armee in die Stadt zurückzuwerfen und hier zu isolieren. Während der folgenden sechswöchigen Belagerung wurden große Befestigungswerke errichtet. Eine Unterminierung der Verschanzungen der Stadt scheiterte.
In Vicksburg breiteten sich Hunger und Verzweiflung aus. Hunde, Katzen und Ratten wurden gegessen. Die eingeschlossenen Konföderierten begannen, dem Nordstaatler Pemberton zu mißtrauen. Anonym verlangten sie schließlich eine Entscheidung: Ausbruch oder Kapitulation. Eine längere Belagerung würde, so drohten sie, zur Massendesertion führen.
Über den 3. Juli 1863 schrieb eine Nordstaatlerin, die sich in Vicksburg aufhielt: „Die Granaten flogen so dicht wie nie. Bis auf ein Faß Zucker sind unsere Nahrungsmittel aufgebraucht ... Martha erzählt, daß es auf dem Markt außer Maultierfleisch auch kochfertig vorbereitete Ratten gibt . . ." (Mary Ann Loughborough, MY CAVE LIVE IN VICKSBURG, 1864)
An jenem 3. Juli nahm Pemberton Verhandlungen mit Grant auf. Grant verlangte die bedingungslose Übergabe. Am 4. Juli senkten sich die zerschossenen konföderierten Fahnen. Die tapfere Südstaatenarmee marschierte aus der Stadt. Über 30´000 Soldaten übergaben sich einer respektvoll schweigenden Unionsarmee. Der Fall von Vicksburg war „die bis dahin größte Übergabe in der Geschichte der modernen Kriegsführung" (Victor Austin).
Zur selben Zeit befand sich die Nord-Virginia-Armee Lees auf dem Rückzug von Gettysburg. Der Juli 1863 wurde damit zum Wendepunkt des Krieges: Erstmals waren die Unionstruppen an mehreren Fronten erfolgreich gewesen und hatten den Südstaaten zwei psychologisch bedeutende Niederlagen zugefügt.

Der Vicksburg-Feldzug Grants wurde von Militärhistorikern später als eine der brillantesten Kampagnen des Bürgerkrieges bezeichnet. Monatelang war sie von Politikern und Militärs im Osten verlacht worden, nun wurde ihr Erfolg um so lauter bejubelt. Mehr als jeder andere Offizier mußte Grant die Launenhaftigkeit der öffentlichen Meinung erfahren. Gerade noch abschätzig bewertet, wurde er jetzt als der „kommende General" angesehen. Mit dem 4. Juli 1863 wurde er zum Major General der Regulären ernannt.
„Nicht viele Feldzüge in der Geschichte können mit Grants Einnahme von Vicksburg verglichen werden. Seine Verluste betrugen 9´400. Die Rebellen verloren 10´000 Tote und Verwundete sowie 31´000 Gefangene,
darunter 15 Generäle ... Grant sorgte unverzüglich für die Verwundeten beider Seiten und behandelte die konföderierten Gefangenen mit Großherzigkeit und Verständnis, so daß die scheinbar unsterbliche Legende von Grant, dem „brutalen Schlächter", als Lüge dasteht." (Robert Leckie)

General U.S. Grant

Der erste Full General (4 Sterne) der US-Armee seit George Washington

 

Der Vicksburg-Erfolg hatte auch Auswirkungen auf Grants persönliche Entwicklung. Er verlor seine Unsicherheit. Er hatte sich als durchsetzungsfähiger Truppenführer erwiesen, als Stratege, der langfristig planen und seine Armee effektiv einsetzen konnte, der imstande war, auch widerspenstige Generäle „auf Kurs" zu bringen, der seinen Willen einem großen Heer aufzwingen konnte. Sein Verhalten als Kommandeur im Stab, an der Front und in den Verhandlungen mit dem Gegner bewies ein Maß an Souveränität, die ihn als den lern und führungsfähigsten Offizier der Union auszeichnete.
Die Vicksburg-Kampagne war einer der umfangreichsten Feldzüge des Sezessionskrieges. Trotz gelegentlicher Zweifel, war Grants Führerschaft nie erschüttert gewesen. Mit seiner Hartnäckigkeit hatte er so glänzende Offiziere wie McClellan und Hooker in den Schatten gestellt. In den ersten Kriegsmonaten waren ihm schwere Fehler unterlaufen, aber im Gegensatz zu anderen, hatte er die richtigen Schlüsse daraus gezogen.

 

Der Oberkommandierende

Im Oktober 1863 begab sich Ulysses S. Grant mit dem Zug nach Louisville, Kentucky, um nach einem Urlaub bei seiner Familie sein Kommando wieder zu übernehmen. Am 17. Oktober stiegen in Indianapolis Kriegsminister William McMasters Stanton und der Gouverneur von Ohio, Brough, zu und begleiteten Grant. Keiner hatte den kleinen, breitschultrigen General je gesehen, und den Schilderungen von Lawrence Frost zufolge, begrüßte Stanton Grants Stabsarzt als den General. Grant schrieb:
„Bald nach der Abfahrt von Indianapolis überreichte der Minister mir zwei Orders, unter denen ich, wie er sagte, wählen könnte. Beide waren bis auf einen Punkt vollständig identisch. Beide schufen die „Militärdivision des Mississippi" ... und übertrugen mir den Befehl über dieselbe. Der eine Befehl beließ die Districtcommandeure in ihren bisherigen Stellungen, während der andere Rosecrans seines Postens enthob und Thomas zu dessen Nachfolger ernannte. Ich wählte die zweite Order."
Nach dem Vicksburg-Triumph und dem Erfolg von Gettysburg, hatte der Norden erneut einen harschen Rückschlag hinnehmen müssen: Am 19. und 20. September hatte Braxton Bragg mit seinen Konföderierten General William Stark Rosecrans bei Chickamauga geschlagen. Am 23. Oktober traf Grant in Chattanooga ein und übernahm das Kommando über die neu geschaffene Military Division of the Mississippi, die die Militärdepartments Ohio, Cumberland und Tennessee umfaßte. Er ersetzte den zaudernden Rosecrans durch den gebürtigen Südstaatler General George H. Thomas, der sich in der Schlacht von Chickamauga („Der Fels von Chickamauga") besonders bewährt hatte und nun das Kommando der Army of the Cumberland übernahm. William T. Sherman trat an die Spitze der Army of the Tennessee. General Joseph Hooker befehligte einen Teil der PotomacArmee.
„Grant fand die Unionstruppen in einer Falle gefangen und in Gefahr, durch Hunger zur Übergabe getrieben zu werden. Sie wurden von einem großen konföderierten Halbkreis eingeschlossen. Er reichte vom TennesseeOberlauf um Chattanooga herum, folgte den Höhen der Missionary Ridge nach Süden und schwang dann nach Westen gegen den Lookout Mountain und ein wenig in Richtung Tennessee. Nach Norden, im Rücken der Union, befand sich bergiges,
wildes Land, das nur von einem Karrenweg durchzogen war. Falls ein Rückzug erwogen wurde, gab es keinen Weg hinaus, und es gab keinen Weg zur Versorgung.

In der Nacht vom 26. Oktober überraschten etwa 1´500 Unionssoldaten die Rebellen bei Browns Ferry nach Westen, setzten einen Brückenkopf und schlugen eine Ponton-Brücke über den Fluß. Von hier aus leitete Joe Hooker einen Marsch über Land nach Bridgeport, dem Unionsversorgungsdepot am Tennessee. So wurde die berühmte „Cracker Line" eröffnet, über die Truppen und Nachschub nach Chattanooga kamen." (R. Leckie, THE WARS OF AMERICA", 1968)
Nachdem der Nachschub wieder floß, eröffnete Grant am 23. November die Schlacht von Chattanooga. Er ließ General Thomas' Truppen nach Orchard Knob vorrücken. Am folgenden Tag weiteten sich die Kämpfe aus. Am 25. November gelang es, die als uneinnehmbar geltende Missionary Ridge erfolgreich anzugreifen, die Belagerung auszuhebeln und General Bragg zum Rückzug zu zwingen.
Mit diesem erneuten Sieg hatte Grant ganz Tennessee unter die Kontrolle der Union gebracht. Grants Gegner im Norden, die lange seine erfolglosen Rivalen unterstützt hatten, verstummten angesichts einer öffentlichen Meinung, die Grant immer stärker favorisierte, obwohl er niemandem nach dem Munde redete, sich von der Presse abschottete und keine Neigung zeigte, sich äußerlich gefällig zu präsentieren. Aber längst war es keine Frage mehr, daß der Präsident beabsichtigte, Grant an die Spitze der Unionsstreitkräfte zu stellen.
Im Kongreß wurde ein Gesetz zur Wiedereinführung des Rangs eines Generalleutnants vorgelegt. Es bestand kein Zweifel, daß dieser Rang für Grant vorgesehen war. Seit George Washington hatte kein US-Offizier diesen Rang innegehabt. Am 26. Februar 1864 wurde das Gesetz verabschiedet. Am 1. März schlug Abraham Lincoln Grant für die Ernennung vor, am 2. März bestätigte das Parlament die Beförderung.

Grant mußte sein Feldlager verlassen und nach Washington reisen, um aus der Hand des Präsidenten seine Ernennung zum Lieutenant General und zum Oberkommandierenden entgegenzunehmen. Ein atemberaubender Aufstieg für einen Mann, der noch drei Jahre zuvor als frustrierter Buchhalter ein perspektivloses Leben gefristet und der jetzt, als Zweiundvierzigjähriger, seine Berufung gefunden hatte.
Begleitet von seinem 14jährigen Sohn Fred stieg Grant unauffällig und bescheiden, wie es seine Art war, am 8. März 1864 im Willard Hotel ab. Als die Nachricht von seiner Ankunft in der Hauptstadt die Runde machte, kam es fast zu einem Massenauflauf. Grant, ein scheuer Mann, der in öffentlichen Versammlungen stets unsicher auftrat, der Mühe hatte, Reden zu halten und selbst vor seinen Truppen immer nur knapp und sachlich sprach, wurde von einer Sympathiewelle förmlich überrollt. Ihm war, fern der Hauptstadt in seinen Feldlagern, gar nicht bewußt gewesen, daß er in der amerikanischen Öffentlichkeit längst zum Idol geworden war.
Lieutenant General U. S. Grant mit seinen engsten Vertrauten - Brigadegeneral JohnRawlins (links) und Colonel T. S. Bowers (rechts)


Lieutenant General U. S. Grant mit seinen engsten Vertrauten - Brigadegeneral John Rawlins (links) und Colonel T. S. Bowers (rechts) - vor der Holzhütte in City Point, Virginia, die ihm im Winter 1864/65 als Hauptquartier diente.

Als er am Abend erstmals das Weiße Haus betrat, um an einem Empfang zu seinen Ehren teilzunehmen, wurde er, der sich in seiner besten Uniform sichtlich unwohl fühlte, fast erdrückt. Er mußte auf ein Sofa steigen, weil die herandrängenden Gäste danach verlangten, ihn zu sehen.
„Bei der ersten Zusammenkunft, die ich mit Herrn Lincoln allein hatte, erzählte er mir, er habe niemals den Anschein gegeben, ein militärisch gebildeter Mann zu sein oder zu wissen, wie Kriege geführt werden sollten
... Das Zaudern seitens der Befehlshaber, und der von der Bevölkerung im Norden ausgeübte Druck und der Congreß ... hätten ihn aber gezwungen, eine Serie von „Militärischen Verordnungen" zu veröffentlichen.
Soviel er davon verstehe, könnten alle falsch sein, er wisse, daß dies bei einigen wirklich der Fall sei. Alles was er wünsche und immer gewünscht habe, sei, daß irgend jemand die Verantwortlichkeit übernehmen, handeln und von ihm die erforderliche Unterstützung verlangen möge;
er wolle sich verpflichten, jegliche Macht der Regierung zu benutzen, damit diese Unterstützung gewährt werde." (Grant, MEMOIREN)

Grants Personalvorschläge wurden durchweg akzeptiert. Halleck, sein früherer Vorgesetzter, blieb als Generalstabschef in Washington. Sherman übernahm Grants vorheriges Kommando über die Military Division of the Mississippi.
Major General George G. Meade, ein redlicher, solider Offizier, der mit seiner Defensivstrategie vor Gettysburg erfolgreich gewesen war, blieb an der Spitze der Potomac-Armee. Zum Kommandeur des Kavalleriekorps der Potomac-Armee, das nach Grants Meinung bislang nicht effektiv eingesetzt worden war, wurde der draufgängerische Phil Sheridan berufen. Bei der PotomacArmee schlug auch Grant sein Hauptquartier auf.
Über seine Pläne aber schwieg er sich aus. Er hatte schnell gelernt, daß die Ministerien der Hauptstadt viele Ohren hatten. „Ich teilte meine Pläne weder dem Präsidenten, noch dem Kriegsminister oder General Halleck mit." (Grant) Grant kommandierte jetzt eine Streitmacht von mehr als 530´000 Mann, die in 21 Armee-Korps zerfiel. Sein Stab bestand aus lediglich 14 Offizieren. Am 10. März übernahm Grant bei Brandy Station das Kommando.
Die Führungsebenen, die er organisierte, entsprachen seinem Naturell: Sie waren klein, effektiv, direkt und überschaubar.

Seine Überlegungen für die erfolgreiche Fortführung des Krieges zeigten seine einfache, praktische Sicht der Dinge: Die Einnahme der großen Städte,
etwa der Hauptstadt Richmond, die Kontrolle großer Landstriche, sah er als wichtig aber nicht als entscheidend an. Früher als andere hatte er erkannt,
daß die politische Situation der Konföderation konfus war. Die Macht der konföderierten Regierung war begrenzt. Jefferson Davis, sicherlich der fähigste Politiker des Südens, sah zwar die Notwendigkeit einer starken Zentralgewalt, scheute aber vor entsprechenden Umsetzungen zurück, weil er damit gegen sein ursprüngliches Credo, die Präferenz der Macht der Einzelstaaten, hätte handeln müssen. Eine der Grundlagen für die Abspaltung des Südens von der Union. Zugleich hatte er gegen erbitterte Gegner aus den einzelnen Staaten zu kämpfen, in deren Augen Davis bereits zuviel Macht auf sich vereinigte.

Das Herz der Konföderation war - und das erkannte Grant klar - ihre Armee, der einzige homogene Block, der die Moral der Südstaaten aufrechterhielt. Vor allem die Nord-Virginia-Armee unter Robert E. Lee.
Dessen herausragende Fähigkeiten standen bei Grant nie in Zweifel. Allerdings ließ er sich nicht davon blenden. Als Pragmatiker, der um die Schwächen der eigenen Person wußte, analysierte er auch sachlich die Schwächen seiner Gegner. Grant war entschlossen, Lee selbst entgegenzutreten, während er es Sherman überließ, sich mit dem zweiten populären konföderierten Kommandeur, Joseph E. Johnston, auseinanderzusetzen.
Grant wußte, daß Lees Erfahrungen und Kenntnisse größer waren als seine, aber Grant vereinigte die Führung der gesamten Unionsarmee in seinem Hauptquartier, während Lee lediglich die NordVirginia-Armee zu Gebote stand und es mit der Koordination der anderen Armeen der Südstaaten haperte.
Als in Lees Hauptquartier die Nachricht von Grants Beförderung bekannt wurde und ein subalterner Offizier auf die negativen Gerüchte aus der Unionspresse über Grant hinwies, bemerkte General Longstreet:
„Ich kenne General Grant von West Point. Wir haben in Mexiko in derselben Armee gedient. Ich kann nur davor warnen, diesen Mann zu unterschätzen!"


Wilderness

Als Grant seine Pläne für einen Feldzug entwarf, der die Armeen des Südens ermüden und ausbluten sollte, mußte er sehr bald feststellen, daß der Mythos, der um General Robert E. Lee entstanden war,
im nördlichen Generalstab nicht wesentlich geringer war als in den Südstaaten. Grant wußte genau um Lees Qualitäten, aber er erkannte auch die Gefahr, daß die Überschätzung des Gegners sich lähmend auf seine Truppen auswirken konnte. Er äußerte sich gegenüber seinen Offizieren, daß er nichts mehr von den zurückliegenden Siegen Lees hören, sondern sich ausschließlich auf die Zukunft konzentrieren wollte.
„Kümmern sie sich um Ihre Kommandos", sagte er seinen Offizieren. „Denken Sie daran, was w i r tun können, anstatt dauernd darüber nachzudenken, was Lee zu tun beabsichtigt."
Grants Plan sah eine koordinierte, gleichzeitige Bewegung aller Unionsstreitkräfte an allen Fronten vor. Sherman sollte gegen Atlanta vorstoßen, das Hinterland der Konföderation in das Kriegsgeschehen mit einbeziehen und die letzten ökonomischen Basen zerstören. Der deutschstämmige Franz Sigel sollte ins Virginia-Tal einrücken. General Banks sollte gegen Mobile vorgehen, und General Ben Butler - von dem Grant nicht viel hielt - sollte in den Rücken von Lees Armee stoßen.
Die wohl größte Kampagne während des bisherigen Kriegsverlaufs war davon abhängig, daß alle Kommandeure der verschiedenen Armeen sich strikt an Grants Befehle hielten und sich an jedem Flügel die gleiche unerschütterliche Beharrlichkeit entfalten würde, wie der Oberkommandierende sie selbst demonstrierte. Erstmals handelte eine amerikanische Armee unter dem Befehl einer zentralistisch ausgerichteten Organisation, und Grant ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß er seinen Feldzugsplan als unumkehrbar ansah. Selbst wenn es an verschiedenen Frontabschnitten zu Rückschlägen kommen sollte, sollte die Gesamtstrategie nicht verändert oder gar aufgegeben werden.
Bald zeigten sich Wirkungen: An allen Fronten kam es zu Gefechten. Der von Grant favorisierte neue Kommandant der Kavallerie, Phil Sheridan, erfüllte die in ihn gesetzten Hoffnungen: Ein Draufgänger, der aber trotz seiner rigorosen, zupackenden Art die große strategische Linie nicht aus den Augen verlor. Mit Erfolg übernahm er die Taktik der Stuart'schen „Raids" ins Hinterland des Feindes. Als General Stuart, der sicherlich begabteste Reiterführer des Bürgerkrieges, in der Schlacht von Yellow Tavern umkam, verlor sich die Brillanz der südlichen Reiterei, und die US-Kavallerie Sheridans beherrschte seitdem die Schlachtfelder.
Der Tod Stuarts war nach „Stonewall" Jacksons tragischem Ende der zweite schwere Verlust für Lee.

Grant schickte seine Truppen über den Rappahannock und gedachte nicht, sie - und sei es aus taktischen Gründen - wieder zurückzuziehen. Seit dem 4. Mai 1864 tobten in der Wilderness, jenem von Sümpfen und Urwäldern durchzogenen Gebiet,
in dem ein Jahr zuvor General Hooker (bei Chancelorsville) blamabel geschlagen worden war, erbitterte Stellungskämpfe,
die hohen Blutzoll forderten. Lee nutzte das für die Defensive glänzend geeignete Gelände meisterhaft.
Hier und in den folgenden Auseinandersetzungen wurden erstmals von einer Armee Schützengräben umfassend als taktisches Instrument eingesetzt.
Die Lage der Union war mehr als einmal hoffnungslos, aber wenn Offiziere der unteren Führungsebene aufgeben wollten, sahen sie ihren Oberkommandierenden mit stoischem Gleichmut die Meldungen von Rückschlägen entgegennehmen und mit der gleichen Ruhe einen erneuten Angriff befehlen.
Doch die äußere Gelassenheit war auf dem Höhepunkt der Gefechte nur Fassade: Grants Adjutant berichtete später, Grant habe mit Tränen in den Augen auf seinem Feldbett gesessen. Grant selbst schrieb:
„Einen verzweifelteren Kampf als denjenigen vom 5. und 6. Mai hat man auf diesem Kontinent noch nicht erlebt."
Die Union verlor fast 18´000 Mann, davon 2´246 Gefallene. Die Verluste der Konföderierten waren geringer, aber Lee verlor drei Generäle. Unter den Schwerverwundeten war auch einer seiner wichtigsten Stabsoffiziere, General Longstreet.

Grant kam keinen Schritt voran. Er entschloß sich, Lee zu umgehen. Auf konföderierter Seite glaubten viele Offiziere an einen Rückzug der Union. Lee wußte es besser:
„General Grant wird sich nicht zurückziehen. Er wird mit seiner Armee nach Spottsylvania gehen."

Tatsächlich war genau das Grants Absicht. Er drahtete am 11. Mai von Spottsylvania Courthouse an Halleck in Washington:
„Ich beabsichtige, den Kampf an dieser Linie auszufechten, und wenn es den ganzen Sommer dauert."

Vom 7. bis zum 20. Mai wurde bei Spottsylvania gekämpft. Mehrfach versuchte Grant, Lees Linien zu durchbrechen, scheiterte immer wieder und führte jedesmal Umgehungsmanöver durch, die stets mit hellseherischer Sicherheit von Lee vorausgesehen und aufgefangen wurden. Zeitungen im Norden nannten Grant einen „Schlächter". In der Tat waren die Verluste, die in der Wilderness zu beklagen waren, exorbitant. Zwischen dem Rapidan-Fluß und Petersburg verlor Grant 55´000 Mann
(L. Frost). Der Militärhistoriker R. Leckie aber wertet den Ausgang anders:
„Wenn der Sieg nach Opfern gemessen worden wäre, hätte Lee gewonnen ... Die Opfer zeigen aber nur die Kosten der Schlacht. Es war Grant, der gesiegt hatte. Er erreichte sein Ziel: Er fesselte Lee, zwang ihn in die Defensive.
Alle Bewegungen Lees waren nur die Antwort auf Grant. Noch war Grant, der „Schläger", Lee, dem „Boxer",
nachgeschlichen und mußte unvermeidlich Beulen und Kratzer hinnehmen. Der wahre Erfolg aber war Grants Politik, Lee in der Defensive herauszufordern, in der er eine einmalige Meisterschaft besaß."

Seinen sicherlich größten Fehler im Verlauf des Krieges beging er in der Schlacht von Cold Harbor am 3. Juni 1864, als er einen völlig sinnlosen Sturmangriff auf die Stellungen Lees befahl. Die Unionssoldaten sahen klarer als ihre Offiziere, daß sie chancenlos waren: Sie nähten sich vor der Schlacht Stoffstreifen mit ihren Namen auf die Uniform, damit ihre Leichen später identifiziert werden konnten.
„Grant ... befahl einen vollständigen Frontalangriff. Er hatte jedoch versäumt, L ees Linien zu rekognoszieren ... Er griff auf der ganzen Linie an, anstatt massiv an einem Punkt. Ebenso wie Lee in Gettysburg oder Burnside in Fredericksburg hatte Grant nicht begriffen, was eine starke Verteidigungsstellung bedeutete. Im Ergebnis war die Schlacht von Cold Harbor ... eine Schlächterei für die Union. Angriff auf Angriff wurde zurückgewiesen, einige in weniger als einer Viertelstunde. In einem Frontabschnitt glaubte ein Kommandeur, daß seine Männer sich feige in Sicherheit bringen wollten. Er stürmte über das Feld und stach sie zornig mit seinem Säbel - nur um zu erkennen, daß sie alle schon tot waren. Vom feindlichen Feuer in der Flanke erfaßt, brachen einige Unionslinien eine nach der anderen wie Dominosteine zusammen.

Über die gesamte Front konnten die Nordstaatler nur die schwarzen Schlapphüte der Rebellen und das Mündungsfeuer ihrer Musketen sehen. In weniger als einer Stunde verlor Grant 7´000 Mann, gegenüber 1´500 Mann Verluste der Konföderierten. Endlich beendete er den Angriff. Es war eine unglaubliche Niederlage, die am folgenden Tag noch an Tragik zunahm, als die Schreie nach „Wasser! Wasser! Um Gottes Willen, Wasser!" von den US-Verwundeten vor den konföderierten Linien über das Schlachtfeld klangen ... Grant schrieb später: „Ich habe es immer bereut, daß der letzte Angriff auf Cold Harbor unternommen wurde." "(Leckie)
Grant hatte geglaubt, in Cold Harbor eine Entscheidungsschlacht schlagen und Lees Niederlage erzwingen zu können. Aber Lee war noch lange nicht so weit. Auch Petersburg, eine der strategisch wichtigsten Städte Virginias,
hielt noch stand. Unionstruppen brachten unter den Verschanzungen eine gewaltige Mine zur Explosion, doch der anschließende Angriff scheiterte, da keiner der führenden Unionsoffiziere die Situation beherrschte.
Die Verluste waren groß, aber die eingeschlossene Stadt sollte erst im April 1865 fallen.
Grants Befürchtungen hinsichtlich einiger Kommandeure, erwiesen sich als richtig: General Sigel agierte glücklos, und Benjamin Butler, der seine Stellung ausschließlich seinen politischen Beziehungen verdankte, entpuppte sich mehr und mehr als großsprecherischer Versager, dessen Fehlurteile Grant immer wieder in Rage versetzten und zu ungehaltenen Briefen an den Präsidenten veranlaßten.

Aber das war nicht Grants einzige Sorge: Seit Beginn der großen Kampagne war es ihm kein einziges Mal gelungen, Robert E. Lee zu schlagen. Für die Öffentlichkeit wäre ein Sieg psychologisch von Bedeutung gewesen.
Die Strategie der unaufhörlichen Angriffe zeigte aber nach und nach Wirkung: Die Nord-Virginia-Armee war gezwungen, sich Stück um Stück zurückzuziehen und konnte ihre Verluste nicht mehr ergänzen.
Aufgrund der starken eigenen Verluste, hat Grants Feldzug immer wieder kritische Würdigungen erfahren. Es steht aber außer Zweifel, daß diese Kampagne unter dem Gesichtspunkt der geographischen Ausdehnung (mehr als 2000 km) und der eingesetzten Mannschaften (17 eigenständige Armeen) und Materialien für das 19. Jahrhundert ohne Beispiel war. Obwohl sich der konföderierte Gegner als bedeutend ausdauernder erwies als angenommen, lassen sich im Ablauf der Operationen - von einzelnen Fehlentscheidungen abgesehen - keine wesentlichen Fehler feststellen. Zudem muß berücksichtigt werden, daß Grant in R. E. Lee ein Gegner von ungewöhnlichem Format gegenüberstand.
Tatsächlich dirigierte Grant die verschiedenen Armeen der Union in einer Weise, die nie einen Zweifel an seiner Führerschaft aufkommen ließ. Er nutzte die Telegrafie so umfassend wie kein anderer General vor ihm und verstand es, effektiv zu delegieren und seinen Willen überall durchzusetzen.

Die von ihm entworfene und eingesetzte Organisations- und Führungsstruktur wirkte auf den ersten Blick schlicht, gleichwohl veränderte sie tiefgreifend das militärische System der USA, war für das traditionelle Militärwesen revolutionär und so zukunftsorientiert, daß sie in ihren Grundzügen in den amerikanischen Streitkräften bis zum Ende des II. Weltkriegs Bestand hatte. Sie betraf nicht nur den Einsatz der Truppen, sondern auch die logistische, technische und wirtschaftliche Basis der Streitkräfte.
Grants militärische Führung hatte im 19. Jahrhundert keine Parallele. Sie ist nur mit jener der besten Offiziere des 1. und II. Weltkriegs vergleichbar.
Seit Juni 1864 befand sich Grants Hauptquartier in City Point, Virginia, wo sich der Appomattox- und der James-Fluß vereinigten. Er residierte in einem einfachen Holzhaus. Am 11. März 1865 traf der Abgeordnete Elihu B. Washburne,
seit Kriegsbeginn ein Förderer Grants, in City Point ein und überreichte dem General eine Goldmedaille des Kongresses.
In dieser Zeit schien Grants Stern wieder zu sinken. Statt dessen wuchs die Popularität William T. Shermans, der nicht nur Atlanta eingenommen hatte, sondern von hier aus - losgelöst von allen Nachschubbasen - quer durch Georgia gezogen war. Ein unglaubliches Unternehmen, das vielleicht mehr als jedes andere zum Zusammenbruch der Moral der Südstaaten beitrug, allerdings auch die Gnadenlosigkeit „moderner Kriegsführung" in bedrückender Weise demonstrierte. Sherman hatte die Atlantikhäfen der Südstaaten eingenommen und Charleston, South Carolina, wo der Krieg 1861 begonnen hatte, wieder in die Hand der Union gebracht.
Es gab Forderungen, Grant durch Sherman zu ersetzen. Aber Lincoln und alle, die mit der strategischen Lage vertraut waren, wußten, daß Shermans Erfolg in Georgia nur ein Teil von Grants Planung gewesen und nur möglich geworden war, weil Grant nicht nachgelassen hatte, die Nord-Virginia-Armee zu attackieren und Lees Kräfte zu binden, so daß Verstärkungen an die anderen konföderierten Armeen nicht mehr möglich wurden.
Vom 24. bis zum 29. März 1865 trafen sich Grant, Lincoln, Admiral Porter und Sherman zum letztenmal vor dem Kriegsende in City Point. Das Ende war nur noch eine Frage der Zeit. Als Grant dem Präsidenten die Frage stellte,
ob er irgendwann einmal am erfolgreichen Ausgang seiner Operationen gezweifelt habe, erhielt er die Antwort: „Niemals, nicht einen Moment."

 

Appomattox

Am 1. April 1865 schlug Sheridans Kavallerie die Konföderierten bei Five Forks. Das war für Grant das Signal, daß die Kräfte des Feindes endgültig erschöpft waren. Er verstärkte seinen Druck an allen Fronten. Lee war gezwungen,
am 3. April Petersburg aufzugeben und Richmond evakuieren zu lassen. Die Existenz der Konföderierten Staaten war jetzt identisch mit dem Bestehen der Nord-Virginia-Armee, die die ständigen Schläge der Unionsstreitkräfte zwar stets erfolgreich abgewehrt hatte, dabei aber immer kleiner geworden war und bitteren Mangel litt: Die Munition ging zu Ende, die Soldaten hungerten, sie waren nur noch mit Fetzen bekleidet, und viele zogen barfuß ins Feld.
Grants Überzeugung, daß das Ende nahe war, übertrug sich auf seine Truppen. Trotz schlechten Wetters und erschöpfender Märsche, klagte niemand über Müdigkeit. Grant selbst gönnte sich kaum noch Schlaf. Am 7. April schrieb er einen ersten Brief an Lee, in dem er ihn zur Kapitulation aufforderte. Lee zögerte. Aber die Potomac-Armee hatte sich wie ein Krake um die Reste der Nord-Virginia-Armee gelegt und ihre Bewegungsfreiheit eingeengt. Für einen Ausbruch waren die Südstaatler inzwischen zu schwach. Lee versuchte, die Eisenbahnstation von Appomattox zu erreichen, wo mehrere Versorgungszüge der Union standen. Doch bevor er eintraf, hatte USKavallerie unter dem flamboyanten George A. Custer die Station besetzt. Am Morgen des 9. April marschierten die zerlumpten Südstaatler heran und versuchten einen verzweifelten Angriff auf die Unionsreiter. Während ein erbittertes Gefecht tobte, rückten InfanterieVerstärkungen der Potomac-Armee heran. Zwar hatte Lee schon in der Nacht vom 8. auf den 9. April in einem Brief an Grant seine Bereitschaft zur Kapitulation signalisiert, doch erst jetzt, als die Lage tatsächlich aussichtslos war, ließ er die weiße Fahne aufziehen, suchte um einen Waffenstillstand nach und bat Grant um ein Treffen.

Grant, der seit Tagen von schweren Kopfschmerzen gepeinigt wurde, fühlte sich augenblicklich gesund, als er Lees Brief in den Händen hielt. Er begab sich sofort nach Appomattox Court House zum Haus von Wilmer McLean, wo Lee mit Colonel Marshall auf ihn wartete.
Das denkwürdige Treffen ist oft beschrieben worden: Lee war in bester Uniform erschienen, Grant betrat das Haus in verschmutzter Felduniform, auf die nachlässig die Sterne des Generalleutnants genäht worden waren.
Beide waren befangen. Grant empfand den größten Respekt vor Lee und begann das Gespräch zunächst mit Erinnerungen an den Krieg mit Mexiko, als sie in derselben Armee gedient hatten. Lee selbst lenkte das Gespräch schließlich auf den Zweck des Treffens, und Grant formulierte außerordentlich großzügige Übergabebedingungen, für die er später von zahlreichen radikalen Republikanern in Washington getadelt werden sollte:

General Lee unterzeichnet die Kapitulationsbedingungen

General Lee unterzeichnet die Kapitulationsbedingungen

„Herr General!
Dem Inhalt meines an Sie gerichteten Schreibens vom 8. d. M. entsprechend beabsichtige ich, die Übergabe der Nord-Virginia-Armee unter folgenden Bedingungen anzunehmen, nämlich:
Die Listen der sämtlichen Offiziere und Mannschaften sind in zwei Exemplaren auszufüllen. Davon ist ein Exemplar einem von mir zu ernennenden Offizier zu übergeben, das andere soll einem oder mehreren von Ihnen zu ernennenden Offizieren zurückgelassen werden. Die Offiziere haben individuell ihr Ehrenwort zu geben, daß sie die Waffen gegen die Regierung der Vereinigten Staaten nicht wieder ergreifen werden,
bis sie in gehöriger Weise ausgewechselt sind, und jeder Kompanie- oder Regimentschef hat für die Mannschaften seiner Truppe die gleiche Ehrenwortserklärung zu unterzeichnen.

Die Waffen, Geschütze und das Staatseigentum werden zusammengefahren und zusammengesetzt und sind einem Offizier zu überweisen, der von mir zur Empfangnahme beauftragt wird.
Eingeschlossen hierin sind weder die Seitengewehre der Offiziere, noch ihre Privatpferde und ihr Gepäck. Nachdem dies geschehen ist, steht es allen Offizieren und Gemeinen frei, in die Heimat zurückzukehren,
wo sie von den Behörden der Vereinigten Staaten nicht belästigt werden sollen, solange sie ihr Ehrenwort halten und die an ihren Wohnplätzen gültigen Gesetze befolgen.
                                                                                                                 Hochachtungsvoll U. S. Grant, Generalleutnant."

 

Lee war sichtlich beeindruckt von der Großzügigkeit, daß den Offizieren ihre Säbel und den Mannschaften ihre privaten Reittiere belassen wurden. Grant schrieb:
„Lee bemerkte, dies werde einen glücklichen Eindruck auf seine Armee machen."

Lee äußerte sich bei späterer Gelegenheit so:
„Niemand hätte sich besser benehmen können als Grant es den Umständen gemäß tat. Er rührte meinen Säbel nicht an; es ist üblich, daß der Säbel bei einer Niederlage übergeben und dann später zurückgereicht wird, aber er tat dies nicht."
Nachdem Lee die Übergabebedingungen akzeptiert hatte, ordnete Grant sofort die Versorgung von Lees Armee mit 25´000 Rationen an. Salutschüsse verkündeten den Triumph. Grant befahl unverzüglich die Einstellung des Feuers:
„Der Krieg ist vorbei. Die Rebellen sind wieder unsere Landsleute. Das beste Zeichen der Freude nach dem Sieg ist die Vermeidung jeder Demonstration im Felde!"

Am 13. April 1865 traf Grant in Washington ein und erstattete am nächsten Vormittag vor dem Kabinett Bericht. Eine Einladung des Präsidenten zu einem Theaterbesuch am Abend lehnte er ab, da er schnellstens zu seiner Familie weiterreisen wollte. Hätte er angenommen, wäre er Zeuge geworden, wie Präsident Lincoln an jenem 14. April in seiner Loge in Fords Theater niedergeschossen wurde.
Am 26. April 1865 kapitulierte Joseph E. Johnston vor General Sherman. Damit war der Krieg vorbei; die erbitterte Auseinandersetzung über die Behandlung der Besiegten begann. Sie entzündete sich bereits an den Kapitulationsbedingungen, die Sherman Johnston einräumte. Sie waren noch großzügiger als die, die Grant formuliert hatte und wurden von Washington glatt abgelehnt. Kriegsminister Stanton brandmarkte Sherman als „Verräter", der „sich an die Konföderation verkauft" habe.
Grant, früher zurückhaltend mit öffentlichen Stellungnahmen, sich jetzt aber seiner unangefochtenen Position bewußt, legte sofort schärfsten Protest gegen diese Diffamierung ein.

Wie stark Grants Einfluß nun war, zeigte sich auch, als Lincolns Nachfolger, Präsident Andrew Johnson, im Verein mit anderen führenden Republikanern beabsichtigte, Robert E. Lee und weitere konföderierte Offiziere des Verrats anzuklagen. Grant wurde beim Präsidenten vorstellig und drohte, daß er seinen Abschied einreichen werde, wenn seine Vereinbarungen mit Lee gebrochen würden. Es gab daraufhin keine Anklagen und keine Prozesse.

 

Der Präsident

Mit dem Ende des Krieges begann eine Periode in Grants Leben, die ihm weltweiten Ruhm und hohe Ehrungen einbrachte, die gleichwohl als partiell deformierend für seine Person anzusehen ist. 1866 führte der Kongreß den Rang eines Full General der Regulären ein, ebenfalls seit den Tagen George Washingtons nicht mehr verwendet. Am 25. Juli 1866 wurde Grant dieser Rang verliehen.
Ulysses S. Grant war zu dieser Zeit der populärste Mann der Vereinigten Staaten. Sein Eintreten für eine Amnestie der konföderierten Führer schuf ihm auch Sympathien im Süden. Zugleich vereinnahmten ihn die radikalen Republikaner für sich, da er konsequent für die Durchsetzung der Rassenemanzipation und der sogenannten „Rekonstruktion" im Süden eintrat.
Sein Verhältnis zum amtierenden Präsidenten war zwiespältig. Andrew Johnson, ein ehemaliger Südstaaten-Demokrat aus Tennessee, hatte in der Republikanischen Partei nur wenige Freunde. Unberechenbar verfolgte er einen politischen Schlingerkurs, der zwischen unnachsichtiger Härte gegenüber dem Süden und großer Nachsicht schwankte. Neben den politischen, belasteten auch die persönlichen Schwächen Johnsons das Präsidentenamt, das Festigkeit und Kontinuität gebraucht hätte. Johnson war launisch, unzugänglich und unbeherrscht. Die Regierung bot ein Bild der Zerrissenheit, da sich der machthungrige, streitsüchtige Kriegsminister Stanton als Vertreter der Radikal-Republikaner immer wieder öffentlich mit dem Präsidenten auseinandersetzte. Schon Lincoln hatte Schwierigkeiten mit Stanton gehabt, aber Lincoln war ungleich geschickter gewesen, hatte Rückhalt in der Bevölkerung und der Partei gehabt, sowie über enorme Autorität und ausgeprägten Machtinstinkt verfügt.
U. S. Grant als Präsidentschaftskandidat


U. S. Grant als Präsidentschaftskandidat (Mitte) auf Wahlkampfreise in Fort Sanders, Wyoming, Juli 1868.

Am 5. August 1867 forderte Johnson den Kriegsminister zum Rücktritt auf. Stanton lehnte ab. Am 12. August ernannte Johnson daraufhin Ulysses S. Grant zum neuen Kriegsminister „ad interim". Fünf Monate übte Grant gleichzeitig die Positionen des Ministers und des General-in-Chief aus - ein Unding nach dem amerikanischen Verfassungsverständnis, das eine strikte Trennung von Zivil- und Militärgewalt vorsah. Am 13. Januar 1868 hob der Kongreß die Entscheidung des Präsidenten auf. Grant mußte erkennen, daß Johnson ihn nur dazu mißbraucht hatte, ihn gegen die Opposition auszuspielen. Von diesem Augenblick wurde Grant zum offenen Gegner des Präsidenten und von den Republikanern als möglicher Kandidat für das höchste Staatsamt gesehen.

Marineminister Gideon Welles traf sich im Spätsommer 1867 mit Grant und notierte später über dieses Gespräch entsetzt, daß Grant so gut wie überhaupt keine Vorstellung von den„ fundamentalen Prinzipien und Strukturen unserer Regierung und sogar der Verfassung" hatte. Er glaubte, der Kongreß stünde noch über der Verfassung und lehnte eine rasche Wiederherstellung der staatlichen Selbstverwaltung in den Südstaaten ab.

Welles:
„General Grant ist stark vom Präsidenten-Fieber befallen, was sein Urteil beeinträchtigt ... Er ist ... wesentlich schlechter informiert, als ich es für möglich gehalten hätte bei einem Mann mit seinen Voraussetzungen."
Aber die Republikaner wollten die nächste Wahl gewinnen, und Grant war der Mann, der ihnen den Machterhalt garantieren konnte.
Im Frühjahr 1868 war ein Amtsenthebungsverfahren gegen Andrew Johnson gescheitert. Im Mai 1868 wurde Grant auf dem Parteitag der Republikaner zum Präsidentschaftskandidaten nominiert. Mochte er auch im Grunde ein unpolitischer Mensch sein, so hatte er doch erkannt, was das noch immer vom Krieg gezeichnete Land benötigte: In seinem Brief, mit dem er die Kandidatur annahm, schrieb er den Satz: „Laßt uns Frieden haben!" Dieser Satz wurde zum Slogan für die Wahlkampagne.
Grant verkörperte wie kein anderer die nationale Einheit - die Aussöhnung der einst verfeindeten Landesteile war sein Herzensanliegen - , so daß er mit großer Glaubwürdigkeit auftreten konnte. In der Wahl vom 3. November 1868 gewann Grant die Mehrheit in 26 von den seinerzeit aus 34 Staaten bestehenden USA.

Grant glaubte, die Regierungsgeschäfte ähnlich organisieren zu können wie seinen militärischen Führungsstab. Doch was sich im militärischen Bereich als fortschrittlich und effizient erwiesen hatte, war politisch ein Fehlschlag: Grant ernannte - ganz in der Tendenz seines Wahlkampfes, das zerstrittene Land zu einigen - Persönlichkeiten zu Ministern, von denen er glaubte, daß sie parteiunabhängig und charakterlich integer waren, wobei er sich nicht im geringsten darum kümmerte, ob sie den administrativen Aufgaben in der Regierung, den parlamentarischen Spielregeln gewachsen waren. Er überging die fassungslosen republikanischen Parteiführer bei der Besetzung wichtiger Ämter und umgab sich mit ehemaligen Militärs seines Stabes als Sekretäre. Schnell erkannten diese Männer, wie leicht Grant zu beeinflussen war, zumal die Staatsgeschäfte ihn sichtlich überforderten und politisches Denken und Handeln ihm fremd war.
Sein Biograph Lawrence Frost schrieb:
„Unglücklicherweise wurde Grant genau zur falschen Zeit Präsident. Weder hatte er die Grundlage noch die Fähigkeiten für Regierungsverantwortung und Politik.
Ein Land voller Probleme, die auch für einen Lincoln, einen Jefferson oder Hamilton gewaltig gewesen wären, wurde nun von einem militärischen Helden geführt, dessen einzige Qualifikation für das Präsidentenamt die Fähigkeit war, die meisten Wählerstimmen auf sich zu ziehen."

Grant wurde in einer Zeit des moralischen Umbruchs Präsident. Der blutige Bruderkrieg hatte - wie die meisten großen Kriege - an den gesellschaftlichen Fundamenten gerüttelt und Werte und Maßstäbe verändert.

Die Nation expandierte stürmisch nach Westen. Die transkontinentale Eisenbahnlinie war gerade abgeschlossen, der Eisenbahnbau im ganzen Land boomte. Die Phase der „Rekonstruktion" im Süden führte zu hemmungsloser Ausbeutung alter Besitztümer, zu tiefster Erbitterung über Willkürjustiz und Unrecht der Besatzungsverwaltung. Der einzige akzeptierte Wertmaßstab war der Dollar. Hemmungsloser Egoismus galt als Tugend. Und im Weißen Haus saß ein Mann,
der seine militärischen Ehrvorstellungen in der Politik wiederzufinden glaubte und unfähig war, die Skrupellosigkeit vieler seiner engsten Berater zu durchschauen.
Bald kam es zu ersten Korruptionsfällen in der Regierung, bis hinauf zum Vize-Präsidenten Colfax. Grant weigerte sich, die Vorwürfe zu glauben.
In falsch verstandener Treue stellte er sich selbst vor überführte Missetäter.
Seine besten Absichten, etwa ein Ende der erbarmungslosen Behandlung der westlichen Indianerstämme, einen ehrlichen Umgang mit ihnen, versickerten in den Regierungsbehörden. Börsenspekulanten erlangten Einfluß auf die Finanzpolitik.

Doch obwohl das alles bald öffentlich bekannt und lautstark kritisiert wurde, blieb die Person Grants als Symbol nationaler Einheit äußerlich unbefleckt. So wurde er 1872 erneut zum Präsidentschaftskandidaten nominiert und mühelos für eine zweite Amtszeit gewählt, obwohl sich kritische Teile der Republikanischen Partei gegen ihn wandten. Darunter besonders vehement der deutsche Emigrant Carl Schurz, zeitweilig republikanischer Senator, und der einflußreiche Publizist Horace Greely.
Nach einem jahrelangen Wirtschaftsaufschwung, kam es 1873 zu einer tiefen Rezession. Weitere Korruptionsskandale wurden aufgedeckt. Finanzminister Bristow entdeckte gewaltige Steuerhinterziehungen einer Gruppe von Alkoholbrennern, dem sogenannten „Whisky-Ring", in die Grants persönlicher Sekretär Babcock verwickelt war.
In eine der größten Bestechungsaffären wurde die Regierung 1876 durch Kriegsminister Belknap gestürzt. Er hatte in unglaublicher Weise öffentliche Mittel unterschlagen, die für Indianerreservationen bestimmt waren.
Die Besetzung der Agentenposten in den Reservationen war zum schwunghaften Handel geworden, und Belknap hatte sich an der Verschiebung von Versorgungslieferungen beteiligt. Das Netz an Lug und Trug, das hier gewoben worden war, überzog weite Teile des amerikanischen Westens. Versorgungsmängel in einigen Reservationen waren die Folge und die Ursache für Indianerunruhen. Belknap kam durch Rücktritt einer Amtsenthebung durch einen Untersuchungsausschuß des Kongresses zuvor. Vor dem Ausschuß sagte auch der populäre Bürgerkriegsgeneral George A. Custer als Zeuge aus und scheute sich nicht, darauf hinzuweisen, daß Grants eigener Bruder Orvil in die Affäre verwickelt war und sich beträchtlich bereichert hatte.

Grant weigerte sich, das alles zu glauben, obwohl die Beweise unanfechtbar waren. Es war erstaunlich, daß trotz der beträchtlichen Erschütterungen in der Öffentlichkeit, Grants guter Ruf unangefochten blieb.
Es war wohl auch Mitleid, das die Amerikaner mit einem Mann hatten, der schamlos von seinen angeblichen Freunden hintergangen wurde. Senator John Sherman schrieb:
„General Grant war in jeder Hinsicht des Wortes ein ehrlicher Mann. Er war so ehrlich, daß er anderen niemals mißtraute und nie an ihrer Zuverlässigkeit zweifelte,
und er ging freundlich mit denen um, die sein Vertrauen mißbrauchten."

Ulysses S. Grant war President of the United States vom 04. März 1869 - 03. März 1877

Ulysses S. Grant war President of the United States vom 04. März 1869 - 03. März 1877

Die Ereignisse des Jahres 1876 hatten Grant müde gemacht. Die Republikaner erwogen, ihn für eine dritte Amtsperiode - bis dahin einmalig in der Geschichte der Vereinigten Staaten - ins Rennen zu schicken.
Aber er trat ab mit den Worten:
„Es sind Fehler gemacht worden, wie jeder sehen kann und wie ich zugebe ... Fehlschläge beruhen auf Irrtümer im Urteil, nicht auf Absicht."

Am 4. März 1877 schied Grant sichtlich erleichtert aus dem Amt und erfüllte sich seinen Lebenstraum: Er ging auf eine mehr als zwei Jahre dauernde Weltreise. Erstaunt stellte er fest, daß seine Popularität nicht
auf die Vereinigten Staaten beschränkt war. Bescheiden nahm er alle Ehrungen als Respekt für die USA, nicht für seine Person, entgegen. In London löste sein Eintreffen Ende Mai 1877 einen Massenauflauf aus,
obwohl die englischen Zeitungen seinKommen nur mit wenigen Zeilen gemeldet hatten. Grant reiste durch Frankreich, eröffnete 1878 in Paris eine große Ausstellung und wurde in Berlin mehrere Male von Bismarck empfangen.

Er begab sich nach Frankfurt am Main, um einigen führenden Bankiers der Stadt seinen Dank für ihre Kredite, die sie der Regierung Lincoln während des Bürgerkrieges gewährt hatten, abzustatten. Er reiste nach Rußland, durchfuhr den Suez-Kanal, machte Station in Indien und wurde selbst in China und Japan mit großen Ehren empfangen. Als er am 20. September 1879 in San Francisco eintraf, überraschte ihn eine unübersehbare jubelnde Menschenmenge. Mit Paraden und Empfängen wurde er begeistert gefeiert. Noch einmal wurde er für eine Präsidentschaftskandidatur ins Gespräch gebracht.
Noch immer war Grant der populärste Mann der Vereinigten Staaten. Er erklärte, der glücklichste Tag seines Lebens sei jener gewesen, als er das Weiße Haus verlassen habe, aber führende Republikaner drangen in ihn, noch einmal anzutreten.
Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner 1880 in Chicago fehlten Grant nach 35 Wahlgängen nur noch 65 Stimmen zur erneuten Nominierung. Dickköpfig, wie es seine Art war, weigerte er sich, sich die fehlenden Stimmen durch einen Handel mit seinem stärksten Gegenkandidaten - durch Zusage eines Ministeramtes - zu verschaffen.
Daraufhin wurde im 36. Wahlgang ein Kompromißkandidat, James A. Garfield, gekürt. Grant trat damit endgültig von der politischen Bühne ab.

Seine letzten Jahre waren von großer Tragik umgeben: Zeitlebens ein schlechter Geschäftsmann, besaß Grant nur ein bescheidenes Vermögen, das ihm ganze 5000 $ Zinsen im Jahr einbrachte.  1881 nahm er den Posten eines Präsidenten der „Mexican Southern Railroad" an, und Freunde und Bewunderer richteten einen Treuhandfond für ihn ein. Den größten Fehler seines Lebens beging Grant, als er sich von seinem Sohn Ulysses jr., genannt „Buck", überreden ließ, in die Bankund Maklerfirma des jungen Spekulanten Ferdinand Ward an der Wallstreet einzutreten. Wieder einmal war Grant zu vertrauensselig: Ward brauchte den guten Namen des Ex-Generals und Präsidenten, um Investoren für seine windigen Geschäfte zu finden. Grant brachte sein gesamtes Vermögen in die Firma ein und stand mit seinem Namen für die Solidität des Unternehmens. Am 6. Mai 1884 brach die Firma „Grant & Ward" zusammen. Ward hatte die Investoren um mehr als 16 Millionen Dollar betrogen. Jahrelang hatte er Grant mit frisierten Büchern hinters Licht geführt. Ward ging für 10 Jahre ins Zuchthaus. Grant war unschuldig, aber er stahl sich nicht aus der Verantwortung: Er stand für den Betrug seines Partners gerade. Sein gesamtes Vermögen war verloren.

Er mußte das Haus seiner Frau und das Erbe seines Schwiegervaters bei St. Louis verkaufen. Am Ende war er gezwungen, seine Ehrensäbel und Auszeichnungen, die er nach dem Bürgerkrieg erhalten hatte, versteigern zu lassen.
Die Grants zogen nach Long Beach, New Jersey, wo sie von der Großzügigkeit von Freunden lebten. Grant schrieb einige Zeitungsartikel, um ein wenig Geld zu verdienen.
Da traf ihn der nächste schwere Schlag:
Als er sich wegen Schluckbeschwerden zu einem Arzt in Philadelphia begab, wurde Krebs in fortgeschrittenem Stadium festgestellt.
Grant hatte alle ökonomischen Katastrophen mit dem ihm eigenen Stoizismus bewältigt. Das Vertrauen in seine Umwelt hatte er weitgehend verloren. Aber jetzt bewegte ihn nur noch die Sorge, daß er seine Familie in Armut zurücklassen mußte. Er begann, mit dem „Century Magazine" über eine Veröffentlichung seiner Memoiren zu verhandeln.
U. S. Grant mit seiner Frau


Vier Tage vor seinem Tod entstand dieses Bild:
U. S. Grant mit seiner Frau, seiner Tochter Nellie (2. v. rechts) und seiner Schwiegertochter.


Im November 1884 suchte ihn der Schriftsteller Samuel L. Clemens auf, der Welt besser bekannt unter dem Namen „Mark Twain".
Es war nicht nur Verehrung und Faszination für Grants Person, es war auch ein untrüglicher Instinkt für ein großes Geschäft, als er Grant ein weitaus besseres Angebot unterbreitete:    25´000 $ Vorauszahlung sofort und 20% Anteil am Verkauf der Bücher - ein exorbitant gutes Angebot für einen Buchautor im 19. Jahrhundert.

Grant akzeptierte sofort. Er begann seine Lebensgeschichte zu diktieren - ein Wettlauf mit dem Tod,
zumal er sich die Aufgabe nicht leicht machte. Er trieb ein sorgfältiges Quellenstudium, ließ sich alte Akten kommen, Zeitungsberichte aus der Bürgerkriegszeit, Aufzeichnungen anderer Offiziere seines Stabes. Die Verantwortung, die er sich mit einem solchen Werk auferlegt hatte, war ihm bewußt:
Er wollte keine Selbstverherrlichung betreiben - etwas, was ihm ohnehin sein Leben lang fremd gewesen war -, er wollte jedermann Gerechtigkeit zuteil werden lassen.
Er wollte die Geschichte darstellen, soweit er daran beteiligt war, nicht nur die Geschichte eines einzelnen Menschen. Eine Absicht, die ihm in beeindruckender Weise gelang und seine Erinnerungen zu einem Dokument der Ehrlichkeit und einer stilistisch und inhaltlich herausragenden historischen Quelle bis auf den heutigen Tag machen. Grant arbeitete rastlos, mit eiserner Disziplin. Die Schmerzen im Hals wurden stärker. Im Frühjahr 1885 konnte er nur noch flüstern und nicht mehr diktieren. Jetzt schrieb er selbst, vier Stunden täglich, immer im Kampf gegen den Schmerz, das nahe Ende vor Augen.

Am 16. Juli vollendete Grant den zweiten Band seiner Memoiren, am 23. Juli 1885 starb er im Haus eines Freundes in Mt. McGregor, New York. Seine „Personal Memoirs" wurden zu einem Welterfolg,  zu einem der größten Bestseller der autobiographischen Literatur. In den ersten zwei Jahren verdiente seine Familie mit diesem Werk mehr als 450´000 $. So war es Grant am Ende seines Lebens doch noch gelungen, zumindest für seine Hinterbliebenen, ein einziges Mal ein gutes Geschäft zu machen, weil er sich - wie bei der Planung seiner Feldzüge, wie bei seinen großen Erfolgen als General - nur auf sich selbst und seine besten Charakterzüge - Disziplin, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und klares Denken - verlassen hatte. Sein Leichnam liegt in einem Mausoleum am Riverside Drive, New York City, bestattet.

 

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