Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© Heros v. Borcke, ZWEI JAHRE IM SATTEL UND AM FEINDE, 1898
© Dietmar Kügler, DIE U.S.-KAVALLERIE, 1979




Die Kavallerie
im amerikanischen
Bürgerkrieg 1861 - 1865

Seite 3

 

 

 

 

U. S. - Kavallerie bei einer Attacke

Der Kampf von Brandy Station steht bis heute im Schatten anderer großer Gefechte dieses blutigen Bruderkrieges. Drei Wochen vor Gettysburg schenkte er den Südstaaten einen überzeugenden Sieg und erhöhte die gute Stimmung in der ganzen Nord-Virginia-Armee. Er bewies, daß die Kavallerie noch nicht überholt war.

Trotz des südlichen Sieges zeigte diese Schlacht die gewachsene Leistungsfähigkeit der nördlichen Reiterei. Insofern kündigte sich auch hier bereits eine Art Wende an, die in Gettysburg schließlich blutig vollzogen wurde.

 


 

 

 

Zeitgenössische Darstellung einer Szene des Reitergefechts von Brandy Station

Auf der Ebene bei Brandy Station, wo schon im Jahre zuvor die Reiter des Nordens und des Südens aufeinandergeprallt waren, fand ein zweiter Zusammenstoß statt, der als das größte Reitergefecht des Bürgerkrieges in die Geschichte eingehen sollte. Daß es zu dieser Begegnung kam, beruhte auf einem Irrtum des US-Generals Hooker, der die zögernden Bewegungen von Lees Armee im Verlauf des Monats Mai falsch interpretierte und an eine Schwächung und Zersplitterung der Virginia-Armee glaubte, während sie im Gegenteil verstärkt wurde. Hooker nahm an, daß das Kavalleriekorps unter General Stuart, das in der Nähe von Brandy Station zusammengezogen wurde, dazu ausersehen war, in einem schnellen Vorstoß den Potomac zu überschreiten, während die Masse der Südarmee bei Fredericksburg zurückbleiben werde.

Hooker entschloß sich, gegen diese potentielle Kavallerieinvasion einen Präventivschlag zu unternehmen, sicher, General Lees Konzept auf diese Weise zerschlagen zu können. Wiederum hatte Hooker damit die Absichten Lees mißdeutet. Die sich daraus entwickelnden Ereignisse zeigten aber in beeindruckender Weise das inzwischen angestiegene Niveau der nördlichen Reiterei. Dabei gelang der Unions-Kavallerie zum erstenmal im Verlauf des Krieges ein Überraschungsschlag gegen die Dragoner des Südens, die nicht im geringsten mit einem plötzlichen Vorgehen der Reiterdivisionen des Nordens gerechnet hatten.

 


Reiter der Nord-Virginia-Kavallerie

Während am 6. und 7. Juni 1863 die Kavalleriedivisionen Buford und Gregg zusammen mit 3.000 Mann Infanterie, insgesamt 11.000 Soldaten, den Rappahannock überquerten, hielten die südlichen Truppen bei Brandy Station eine glanzvolle Parade ab, zu der am 8. Juni auch General Lee anwesend war. Kurz nach dem Abschluß des Vorbeimarsches der Virginia-Kavallerie meldeten Kuriere das Auftauchen blauuniformierter Reiter auf der anderen Seite des Rappahannock. Stuarts Kavallerie ging in Abwehrstellung, ohne daß sich etwas ereignete. Der Tag ging ohne weitere Zwischenfälle zu Ende.

Am Morgen des 9. Juni 1863 aber waren die Unions-Kavalleristen plötzlich da und fielen mit unerwarteter Wucht über das Lager Stuarts her.

 

 

 

Soldaten der 6. Virginia-Kavallerie

Major Heros von Borcke, der Chef von Stuarts Stab, berichtete:
»Bei Tagesanbruch wurde ich durch mehrere Kanonenschüsse geweckt. Augenblicklich sprang ich auf die Füße, und als ich aus dem Zelte trat, hörte ich deutlich lebhaftes Kleingewehrfeuer in der Richtung des Flusses. Bald traf auch eine Ordonanz ein, welche meldete, der Feind habe unter dem Schutze des Nebels unsere Vorposten plötzlich überfallen, den Strom an verschiedenen Stellen mit großer Macht überschritten und so lebhaft nachgedrängt, daß er die Brigade Jones überfallen, noch bevor die Mehrzahl der Leute Zeit gefunden, ihre Pferde zu satteln.

Es war ein Glück, daß die Scharfschützen dieser Brigade, unterstützt von einer Abteilung unserer reitenden Artillerie durch ein wirksames Feuer das Vorgehen des Feindes so lange aufzuhalten vermochten, bis unsere Regimenter Zeit gewannen, sich zu formieren und ein wenig rückwärts Stellung zu nehmen. - Es war uns beiden, General Stuart und mir, durchaus klar, daß die Bewegungen der Föderierten (Nordstaatler) einen ernsten Charakter trugen und daß sie weiter vorzudringen entschlossen waren. Der General wollte mit seiner ganzen Stärke dem Feinde entgegengehen und sich mit ihm schlagen, wo er ihn träfe. Mein Vorschlag war, den größten Teil des Korps und auch unsere 24 Geschütze auf den Höhen aufzustellen und dort abzuwarten, bis Zahl und Absichten der Yankees, die noch durch die Waldungen verdeckt waren, sich deutlicher enthüllt hatten, ihnen dann durch einige von unseren Brigaden eine Finte zu machen und sie so auf uns zu ziehen.
Da sie in der Ebene für ihre Artillerie keine günstige Aufstellung fanden, mußten unsere Geschütze eine vortreffliche Wirkung auf ihre dichten Massen haben, sobald sie in das offene Gelände vor uns hinaustraten, endlich konnten unsere Reiter ihre Überlegenheit über die feindliche Reiterei in einer vereinigten Attacke mit unserer ganzen Stärke zur vollen Geltung bringen. Stuarts Eifer duldete jedoch keinen Aufschub, und da er überdies besorgte, daß der Feind, wenn man ihn weiter vorgehen ließe, einen Einblick in die Stellungen unserer Infanterie gewinnen könne, die zu decken unsere Aufgabe war, so beschloß er, dem vorrückenden Feinde sofort entgegenzugehen und befahl mir, sogleich vor die Front zu reiten, um den Stand der Dinge genau zu erkunden, während er folgen wollte, sobald die Regimenter gesammelt seien ...

U. S. - Kavallerie im Angriff.
Eine zeitgenössische Darstellung des berühmten Malers Frederic Remington

Da nunmehr unsere sämtlichen Brigaden auch aus den entfernteren Lagern eingetroffen waren, konnte unsere Schlachtlinie fast drei Meilen lang regelrecht gebildet werden, und die Wälder entlang, welche sich an dem Rappahannock hinziehen, schallte das Feuern unserer abgesessenen Scharfschützen wie das Knattern des kleinen Gewehrfeuers in einer regelrechten Schlacht. Wir behaupteten das Feld einige Zeit hindurch so leidlich, bis es sich zeigte, daß der Feind sehr überlegen und durch Infanterie unterstützt sei, von der William Lee starke Kolonnen meldete, die er von seiner Stellung auf unserer äußersten Linken aus den Fluß überschreiten sah.

Dorthin sendete General Stuart mich, um die Bewegungen des Feindes zu überwachen und ihm jede Viertelstunde durch einen Kurier Meldung zu schicken ... Von einigen Versprengten, die an mir vorüberkamen, als ich mich der Station näherte, und durch deren verworrene Berichte erfuhr ich, daß die Föderierten (Nordstaatler) sich in unserem Rücken befänden. Ich konnte und wollte dies nicht glauben. Als ich jedoch aus dem Walde herauskam, fand ich, daß sie nur zu wahr gesprochen hatten, denn dort wartete meiner ein Anblick, der mir das Blut in den Adern gerinnen machte. Auf den Höhen der Brandy Station, wo sich bisher das Hauptquartier befunden hatte, wimmelte es von Yankees, während die Mannschaften von einer unserer Brigaden über die ganze Hochebene versprengt waren und nach allen Richtungen vom Feinde gejagt wurden. Da ich eines unserer Regimenter noch in geschlossener Haltung bemerkte, das aber auch bereits zu wanken begann und auf dem Punkte schien, sich zur Flucht zu wenden, ritt ich zu dem Obersten heran, der seine Besinnung gänzlich verloren hatte, und drohte, ihn augenblicklich arretieren zu lassen und eine Klage wegen Feigheit gegen ihn anzustrengen, wenn er nicht seine Leute auf der Stelle gegen den Feind führe. Dies hatte den gewünschten Erfolg, und mit einem matten Schlachtrufe galoppierte das Regiment auf den Feind zu. Aber zwei feindliche Regimenter ritten an, und unsere entmutigten Soldaten machten kehrt und flohen in schmachvoller Verwirrung.
Für einen Augenblick von dem Strome der Flüchtigen mit fortgerissen, bemerkte ich, daß wir einer Öffnung in einem Zaune zueilten, welche für die Bewegungen der Artillerie angelegt war. Das letzte aus meinem Pferde herausnehmend, erreichte ich die Öffnung, stellte mich selber in die Mitte und rief, daß ich jeden töten würde, der versuchen sollte, bei mir vorbeizukommen, gleichzeitig zweie, die in meine Nähe geraten waren, mit der flachen Klinge über den Rücken hauend.

U.S.-Kavallerie bei der Gefechtsausbildung


Dies hielt die Fliehenden für einige Zeit auf, und es gelang mir, etwa hundert dieser Leute um mich zu sammeln, die ich bei einer früheren Gelegenheit zum Siege geführt hatte.»Leute!« rief ich. »Erinnert euch eurer früheren Taten auf diesem selben Felde! Folgt mir, greift an!« Ich preßte die Sporen meinem Pferd in die Flanken, und das edle Tier stürmte dahin, den Föderierten entgegen, die nun dicht auf uns waren, deren Reihen sich jedoch auch durch die Länge der Verfolgung sehr gelockert hatten. Aber dieselben Leute, die früher tapfer mit mir gefochten, hatten all ihr Selbstvertrauen verloren und ließen mich, nachdem sie mir eine Strecke gefolgt waren, mitten unter den angreifenden Feinden ganz allein ...

Ich zwang mein Pferd zur höchsten Schnelligkeit, wendete rückwärts, übersprang den Zaun an einer Stelle, wo er für meine Verfolger zu hoch war und ließ sie weit hinter mir. Ich war noch nicht viele hundert Yards geritten, als ich Hauptmann White von unserem Stabe traf, der einen Schuß in den Hals erhalten hatte. Da ich meinen verwundeten Kameraden stützen mußte, den zu retten ich fest entschlossen war, konnte ich nicht so scharf reiten, und mehrere Male ertönte das Geschrei und Geheul der Yankees so dicht hinter mir, daß ich an unserem Entkommen fast verzweifelte. Doch plötzlich gaben die Yankees die Verfolgung auf, und ich konnte nach dem aufregenden Rennen wieder die Zügel anziehen. Zufällig kam ein Kurier vorüber, in dessen Obhut ich Hauptmann White ließ, um wieder nach vorn zu eilen ... Als ich die Hochebene von Brandy Station erreichte, fand ich, daß die Sachlage sich wesentlich geändert hatte. An Stelle der drohenden Massen des Feindes bedeckten seine Toten und Verwundeten den Boden.

Eine seiner Batterien, der sämtliche Pferde getötet waren, stand völlig verlassen da, und zur Rechten, in weiter Ferne, gewahrte man verworrene Haufen Flüchtiger, von unseren Leuten verfolgt. Nicht lange darauf traf ich General Stuart, der von dem höchsten Punkt der Hochebene aus die Bewegungen leitete. Von ihm hörte ich, daß die Abteilung der föderierten Reiterei, welche uns in eine so kritische Lage gebracht hatte, aus zwei Brigaden unter General Perry Windham, einem Engländer im Dienste der Yankees, bestanden hätte, der - einen unbeobachteten Reitpfad benutzend - uns umgangen und so all die Verwirrung und den Schrecken verursacht hatte, die beinahe die Entscheidung des Tages herbeigeführt hätten.

 

General Sheridan führt eine Attacke der Nordstaaten-Kavallerie bei Winchester an
Eine zeitgenössische Darstellung

 

Aber gerade als die Gefahr am höchsten und die Flucht in vollem Flusse war, erschienen das Georgia-Regiment unter seinem Kommandeur, dem tapferen Obersten Young, und das II. Virginia-Regiment unter Oberst Lomax, warfen sich in unwiderstehlichem Angriffe auf den zeitweiligen Sieger und warfen ihn seinerseits in die Flucht ... Der größte Teil unseres Korps war nunmehr auf dem Höhenzuge aufgestellt, genauso wie ich dies am Morgen vorgeschlagen hatte, während weiter unten in der Ebene mehrere Tausend föderierte Reiter in Schlachtlinie aufmarschiert waren, unterstützt durch zwei ihrer Infanterie-Divisionen, die man an ihren glänzenden Bajonetten genau unterscheiden konnte, als sie sich aus den fernen Wäldern entwickelten.

 

Unterdessen war unser Oberbefehlshaber auf dem Schauplatz der Ereignisse erschienen, und eine zu unserer Unterstützung vorgeschobene Infanterie-Division befand sich in den etwa eine Viertelmeile rückwärts gelegenen Wäldern, bereit, wenn es Not tat, einzugreifen. Es war etwa 4 Uhr am Nachmittag, und das Feuer vor uns hatte allmählich nachgelassen bis auf ein lässig geführtes Geplänkel unserer abgesessenen Scharfschützen, begleitet von einer regelmäßigen Kanonade, die nach unserem linken Flügel hin mehr und mehr zunahm.

 

Colt Army, Modell 1860, Kaliber .44, Lauflänge 7,5 und 8 Zoll.
Der schwere Revolver war die dominierende Waffe des amerikanischen Bürgerkrieges
und besonders der U.S.-Kavallerie.

Hier hatte William Lee, bald nachdem ich ihn verließ, seine erste Stellung aufgegeben, und war langsam vor dem Feinde zurückgegangen, stets wieder Front machend, wenn seine Verfolger zu dicht aufdrängten. Diese prächtige Division trat eben aus den Wäldern zu unserer Linken, wo die Brigade Jones zu ihrer Aufnahme bereitstand, als Stuart den Zeitpunkt für einen allgemeinen Angriff gekommen glaubte und mich zu den beiden genannten Abteilungen schickte mit dem Befehle, den verfolgenden Feind gemeinsam zu attackieren ... Die Leute von Lee und Jones empfingen den Befehl zum Angriffe mit lautem Jubel, und erstere gingen in so wundervoller Haltung zum Angriffe vor, daß ein enthusiastischer Beifallsruf unserer Linie auf den Höhen entlanglief, von denen aus man das Gefecht deutlich übersehen konnte.

Der Feind empfing uns mit einem Hagel von Geschossen. General William Lee fiel, in dem Schenkel verwundet. Oberst Williams wurde an der Spitze seines Regiments erschossen, und mancher andere Offizier fiel tot oder verwundet. Aber nichts konnte den ungestümen Angriff der tapferen Virginier aufhalten, und in wenigen Minuten waren die Linien der Föderierten durchbrochen und in aufgelöster Flucht dem Flusse zugetrieben, wo das Feuer einiger auf der anderen Seite aufgestellten Reserve-Batterien der Verfolgung ein Ziel setzte.
Gegen Dunkelwerden begann die ganze Masse der föderierten Reiterei, deren rechte Flanke nunmehr bloßgestellt war, unter dem Schutze ihrer Infanterie zurückzugehen, und mit Einbruch der Nacht hatten die gesamten feindlichen Streitkräfte den Rappahannock wieder überschritten.
So endete das größte Reitergefecht, welches je auf dem amerikanischen Festlande ausgefochten wurde.«                                                                                    Heros von Borcke, ZWEI JAHRE IM SATTEL UND AM FEINDE, 1898

Die Schlacht von Brandy Station selbst hätte bei realistischer Betrachtung einige Rückschlüsse auf den Zustand und die Absichten der Konföderierten Armee zugelassen,
doch dazu war die Führung der Unionsarmee nicht in der Lage. So zeigten sich bei der Nord-Virginia-Kavallerie erstmals schwerwiegende Mängel, die sie, bislang ungeschlagen, überwindbar erscheinen ließen. Grund dafür waren die großen Erfolge gewesen, die Stuart in der Vergangenheit erzielt hatte. Mit neuen Taktiken und überzeugender Führung hatte er der Kavallerie eine bemerkenswerte Rolle verschafft und bedeutende Erfolge erzielt. Erfolge, die die Unions-Kavallerie immer hatten schwach aussehen lassen und den südlichen Reitern einen furchterregenden Ruf eingetragen hatten.

Diese Erfolge hatten Stuart zum Leichtsinn verführt, Trotz seiner bedeutenden Fähigkeiten neigte er, wie die meisten Kavalleristen, zu einer gewissen Eitelkeit, die er in tollkühnen Aktionen, die ihm große volkstümliche Bewunderung eintrugen, zu befriedigen suchte. Bei Brandy Station wäre ihm diese Eigenschaft fast zum Verhängnis geworden. Die sträfliche Unterschätzung des Gegners hatte die erfolgreiche Überrumpelung am Morgen des 9. Juni ermöglicht. Auch nach Erkennen der Gefahr,
hatte Stuart sich von Fehleinschätzungen leiten lassen und die Sicherung des Schlachtfelds nach Süden hin versäumt so daß es dem linken Flügel der Unionsarmee ungehindert gelungen war, in Stuarts Rücken zu gelangen. Daß es ihm möglich gewesen war, diese Fehler zu korrigieren, verdankte er falschen Entscheidungen der Unionsführung, die ihre Kräfte unnötigerweise zersplittert hatte.

J. E. B. Stuarts unbestrittene überragende Fähigkeiten als Reiterführer offenbarten sich erst wieder, als er im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken an der Wand stand, bzw. als er schon keine Wand mehr hinter sich hatte. Das jähe Auftauchen des Feindes in seinem Rücken, das Bewußtsein, daß er nicht mehr mit Reserven rechnen konnte und sich am eigenen Schopf aus der mißlichen Lage ziehen mußte, brachte all seine Feldherrenqualitäten, die ihn berühmt gemacht hatten, zur vollen Entfaltung.
Je kritischer die Lage wurde, desto kaltblütiger wurde er, gewann seine gewohnte Sicherheit zurück und konnte das Gesetz des Handelns wieder an sich reißen.
Obwohl die Südstaaten-Kavallerie in überzeugender Weise gesiegt hatte, saß der Schock über die eigenen Fehler tief, und das Ergebnis der Schlacht wurde von keinem,
auch von Stuart selbst nicht, als völlig befriedigend angesehen. In Stuarts Bericht über die Schlacht mußten die Regimenter unter der Führung von Robertson und Munford schwere Kritik hinnehmen, da sie die Bewegungen des Feindes im Rücken des Korps nicht verhindert hatten, bzw. nicht schnell genug zur Hauptarmee gestoßen waren,
um diese zu verstärken. Ganz zweifellos hatten sich beide Führer als wenig geeignet in Krisensituationen erwiesen, aber sie hätten mit ihren schwachen Kräften die einmal begangenen Fehler nicht korrigieren können. Robert E. Lee kannte die Schwächen seines Kavalleriekommandanten.


Stuart liebte den Ruhm, die Popularität - und er erwarb sie sich verdientermaßen. Er suchte das Abenteuer und konnte das Draufgängerische in seinem Wesen der formalistischen militärischen Disziplin selten unterordnen. Besaßen viele Offiziere des Amerikanischen Bürgerkrieges keine eigene Initiative, hatte er davon manchmal fast zuviel. Er war jung, kühn und tatendurstig und suchte stets nach neuen Wegen, die Kavallerie als Waffe in ihrer ganzen Bedeutung zu beweisen. Nach dem tragischen Tod ”Stonewall” Jacksons wußte Robert E. Lee, daß Stuart der fähigste und beste der ihm verbliebenen Führer war.
Stuarts Eigenwilligkeit in der Auslegung von Befehlen sollte allerdings in der bevorstehenden Invasion der Nord-Virginia-Armee Schwierigkeiten für Lee heraufbeschwören - die Analyse der Schlacht von Brandy Station zeigt Indizien, die so eine Entwicklung vorhersehbar erscheinen ließen. Stuart legte nicht nur den gewünschten Schleier um die Invasionsarmee, er setzte auch zu einem ”Raid” tiefer als geplant ins Feindesland an, verlor damit zeitweise völlig den Kontakt zur Hauptarmee und ließ Lee etwa eine Woche lang ohne die notwendigen Informationen über die Begegnungen der Potomac-Armee.

Er traf erst in Gettysburg ein, als die große, die entscheidende Schlacht des Krieges in vollem Gang und nahezu entschieden war. Gettysburg war die Wende des Krieges.
In Gettysburg zerbrach der südliche Wille zum Sieg, der bis dahin die Nord-Virginia-Armee selbst bei schlechten Voraussetzungen getragen hatte, an der Materialüberlegenheit des Nordens. Die Hauptarmee des Südens, bis dahin von Sieg zu Sieg geeilt, befand sich nach Gettysburg auf der Verliererstraße.

Brandy Station war in gewisser Weise die Wende für die Kavallerie.
Zwar unter anderen Vorzeichen, aber mit denselben Ergebnissen, die sich bei Beverly Ford bereits angekündigt hatten: Stuart erfocht den letzten großen Sieg für die glorreiche Kavallerie des Südens, spürte aber schon das Wachsen der Qualität des Gegners und mußte auch hier die höhere personelle und materielle Ausstattung des Feindes konstatieren, die in den folgenden Monaten noch zunahm. Nie mehr erreichte die Kavallerie des Südens die enorme Wirksamkeit wie in den ersten Kriegsjahren.
Als J.E.B. Stuart, dieser sicher nicht fehlerfreie, im Ganzen gesehen aber unvergleichliche kühne, strategisch überlegene, kreative Reiterführer, am 11. Mai 1864 bei Yellow Tavern aus dem Sattel geschossen wurde und am nächsten Tag starb, ging damit ein junger Mann dahin, der nach ”Stonewall” Jackson ein symbolhafter militärischer Hoffnungsträger im Süden gewesen war, der bedeutendste Kavallerieoffizier Amerikas, für den es in den Südstaaten keinen Ersatz gab.

Zwar führte sein Nachfolger Wade Hampton - ein Mann von völlig anderem Naturell, der oft mit Stuart uneinig gewesen war - die Kavallerie von Nord-Virginia in ausgezeichneter Weise. Aber ihm fehlte die kühne Phantasie, der wagemutige Unternehmungsgeist, der bedingungslose Wille zum Risiko und das jugendlich-frische, mitreißende Charisma. Und er mußte mit schmelzenden südlichen Ressourcen leben, mit einer rapiden Abnahme des Bestands an guten Pferden und leistungsfähigen Reitern. Während einem Mann wie Phil Sheridan im Norden in jeder Situation ausreichende Mittel zur Verfügung standen.

Auch Stuarts Stabschef, der deutschstämmige Major Heros von Borcke, ein Reiteroffizier wie er im Buche stand, fiel durch schwere Verwundung aus.
Er wurde später zum Chronisten der Kavallerie der Konföderierten Staaten, einer Kavallerie, deren Glanz nach Brandy Station verblaßte
und damit das langsame Ausbluten der Vitalität des Alten Südens - den die Reiter wie kaum andere repräsentiert hatte anzeigte.

 

 

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