Mit freundlicher
Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© Dietmar Kügler, Die U. S. - KAVALLERIE, 1979
Die
U. S. - Kavallerie
in den Indianerkriegen
Seite
3
Little
Big Horn
Mehrere Militärhistoriker
der USA haben versucht, die Verantwortung für die folgenden Ereignisse
von der Armee abzuwälzen und allein dem Innenministerium und den meist
korrupten Agenten des Büros für indianische Angelegenheiten zuzuschieben.
Sie seien machtlos gewesen, sich dagegen zu wehren. In Wahrheit waren
die verantwortlichen Offiziere recht zufrieden mit den Ereignissen.

links:
- Gall, Häuptling der Hunkpapa-Sioux,
bedeutender Führer der Sioux-Krieger in der Schlacht am Little Big Horn.
rechts:
- Sitting Bull, Medizinmann der Hunkpapa-Sioux, einer der bedeutendsten
Indianerführer des
19. Jahrhunderts. Er einigte die Stämme der Sioux und Cheyennes zur großen
Schlacht am Little Big Horn.

links:
- Rain-in-the-Face, Sioux-Häuptling in der Schlacht am Little Big Horn.
rechts:
- Two Moons, der Häuptling der Cheyennes, schlug sich auf die Seite Sitting
Bulls, als im Frühjahr 1876 eine Abteilung General Crooks unter Führung
von Colonel J. J. Reynolds grundlos über sein Dorf herfiel und es niederbrannte.
Auch er kämpfte mit seinem Stamm am Little Big Horn gegen Custer und die
7. Kavallerie.
»Der Winter zog
mit bitterer Kälte in das Land, und ohne Unterbrechungen fegten Schneestürme
über die Plains. In den Sioux-Agenturen wurden die Vorräte knapp,
und Hunderte von hungrigen Indianern verließen die Reservation, um in
dem Gebiet längs des Powder River Büffel zu jagen. Laut Vertrag waren
sie dazu vollkommen berechtigt, und sie taten es mit Wissen und Erlaubnis
des Agenten. Trotzdem sandte der Innenminister Z. Chandler am 3. Dezember
1875 folgendes offizielles Schreiben an den Beauftragten für indianische
Angelegenheiten E. P. Smith: »Unter Bezugnahme auf unsere Verlautbarung
betreffend den Status gewisser Sioux Indianer, die außerhalb der Reservation
leben und ständig eine feindselige Haltung gegenüber den Weißen einnehmen,
muß ich verlangen, daß Sie die Aufseher aller Sioux-Agenturen in Dakota
und in Fort Peck, Montana, anweisen, die obengenannten Indianer wissen
zu lassen, daß sie von den Truppen als Feinde betrachtet und entsprechend
behandelt würden,
wenn sie sich nicht bis zum 31 . Januar in ihre Reservationen zurückbegäben
und dort blieben.«
In Anbetracht des überaus harten Winters und der großen Entfernungen
der Sioux-Lager von den Agenturen kann man in diesem Befehl nur einen
verhängnisvollen Irrtum sehen oder einen bewußten Versuch, die Sioux herauszufordern,
um einen Vorwand für einen Winterfeldzug zu schaffen.
Norman B. Wiltsey, DIE HERREN DER PRÄRIE, 1965
Die vom Innenminister gesetzte Frist, der 31. Januar 1876, lief
ab, ohne daß alle Sioux, die sich auf der Jagd befanden, unterrichtet
und in die Reservation geschickt werden konnten. Damit begann mit dem
1. Februar ein Feldzug gegen die »kriegerischen Indianer«. General Sheridan
bereitete die Kampagne gegen die Sioux vor. Er plante,
drei große Abteilungen getrennt in die Black Hills marschieren zu lassen.
Von Süden her eine Kolonne unter General Crook, von Westen her eine Abteilung
unter
Colonel Gibbon und von Osten aus die 7. Kavallerie unter Custer. Geleitet
werden sollte die gesamte Aktion vom Departmentskommandanten General Terry.

- Red Cloud, einer der größten und einflußreichsten Sioux-Häuptlinge,
ein weiser Führer seines Volkes mit großem diplomatischem Geschick.
In der Geschichte der Indianerkriege gelang es nur ihm, Regierung und
Armee zur Einhaltung eines Vertrages zu zwingen.
Auf seinen Druck mußten die Forts am Bozeman Trail, quer durch das Sioux-Land,
geräumt werden.
Das Indian-Bureau
schätzte, daß sich zwischen 1.000 und 1.500 Indianer außerhalb der Reservation
aufhielten. Am 1. März 1876 eröffnete General George Crook den Feldzug
und marschierte von Fort Fetterman, Wyoming, aus nach Norden. Er führte
mehr als 800 Soldaten an, Angehörige der 2. und 3. U.S.-Kavallerie und
der 4. und 9. U.S.-Infanterie. Die Kolonne zog zum Tongue und zum Rosebud
River und wandte sich dann nach Südosten zum Powder River, immer auf der
Suche nach versprengten Indianergruppen. Am Otter Creek stießen die Scouts
General Crooks am 16. März auf Pony Spuren. Colonel
J. J. Reynolds und 6 Kompanien der 2. und 3. U.S.-Kavallerie folgten der
Fährte, während die restliche Truppe Crooks ein Camp aufschlug. Am frühen
Morgen des 17. März tauchte ein Indianerdorf vor Reynolds und seinen Soldaten
auf. Colonel Reynolds glaubte,
das Dorf des lange gesuchten und gehaßten Crazy Horse gefunden zu haben.
Er hatte jedoch ein Cheyennelager unter dem Häuptling Two Moons vor sich.
Die Kavallerie griff das noch schlafende Dorf an. Der Attacke fehlte jedoch
die Wucht. Squaws und Kinder konnten in die Hügel flüchten. Die Krieger
eilten mit Bogen bewaffnet verschlafen aus den Zelten und setzten sich
zur Wehr, zogen sich aber ebenfalls nach kurzem Kampf zurück.
Die Verluste waren
gering, ein Krieger war getötet worden sowie vier Soldaten. Reynolds hatte
700 Pferde und den Wintervorrat der Cheyennes erobert.
Die erschöpfte Truppe war nicht in der Lage, die Cheyennes zu verfolgen,
und Reynolds war zu unerfahren, um aus dem leicht errungenen Sieg Vorteile
zu schöpfen. Statt seine ausgelaugten und halberfrorenen Soldaten rasten
zu lassen, ließ er das Dorf niederbrennen und sofort zum Rückzug blasen.
Eine kleinere Zahl von Scouts und Soldaten blieb zurück,
um die erbeuteten Ponies mitzuführen. Kaum hatte sich der Haupttrupp unter
Reynolds entfernt, als die Indianer aus dem Hügelland stürmten, die zurückgebliebenen
Soldaten verjagten und ihre Pferde zurückeroberten. Die Winterkampagne
Crooks mußte abgebrochen werden. Die Witterungsbedingungen hatten der
Truppe so zugesetzt, daß Crook überwiegend Kranke, Verletzte und Männer,
die Erfrierungen erlitten hatten, zurückführte.
Der Einsatz hatte keinerlei Erfolg gebracht, sondern die bislang friedlichen
Stämme der Cheyennes durch das Vorgehen des Colonel Reynolds auf die Seite
der Sioux gedrängt, die mehr und mehr in Sitting Bull und Crazy Horse
ihre Führer sahen.
General George
Crook
Erst am 29. Mai verließ
General Crook mit einer reorganisierten Truppe Fort Fetterman zum zweitenmal.
Darunter 10 Kompanien der 3. Kavallerie unter Major Evans und 5 Kompanien
der 2. Kavallerie unter Major Noyes. Bereits im April war von Fort Ellis,
Montana, Colonel John Gibbon mit 6 Kompanien der 7. Infanterie aufgebrochen,
die wenig später durch 4 Kompanien der 2. U.S.-Kavallerie ergänzt wurden.
Er zog zum Yellowstone River. Das Konzept, die Indianer von drei Seiten
in die Enge zu treiben, konnte beginnen. Es fehlte lediglich die von Osten
vorstoßende Kolonne,
für die die 7. Kavallerie vorgesehen war, die - nun vollständig vereint,
auch die restlichen 3 Kompanien waren aus Louisiana und Alabama zurückgekehrt,
in Fort Lincoln, Nord-Dakota, stationiert war. General Custer war zu diesem
Zeitpunkt Kommandant von Fort Lincoln und,
einer offiziellen Kommandeursliste des Kriegsministeriums zufolge, entgegen
anders lautenden Behauptungen seit Ende 1874 alleiniger Kommandeur der
7. U.S.-Kavallerie. Sein Adjutant war Major Marcus Reno. Custer war dazu
vorgesehen, die östliche Militärkolonne gegen die Sioux zu führen. Sein
Vorgesetzter, General Terry, der Kommandant des Dakota Departments, war
in Indianerkämpfen unerfahren und brauchte Custer.
Er ließ ihm bei der Organisation des bevorstehenden Feldzuges völlig freie
Hand.
Der Abmarsch der 7.
Kavallerie verzögerte sich jedoch, da Custer kurzfristig nach Washington
vor einen Ausschuß des Kongresses geladen worden war. Das Parlament ermittelte
gegen den Kriegsminister Belknap, der in großem Umfang von Armeelieferanten
bestochen worden war und abgesetzt werden sollte. Custer hatte geäußert,
daß ihm derartige Fälle in fast allen Forts westlich vom Missouri bekannt
seien, so daß der Kongreßausschuß seine Vernehmung anberaumte. Tatsächlich
waren Custer nur Gerüchte zu Ohren gekommen, und während des Verhörs belastete
er den Bruder des amtierenden Präsidenten Grant, Orville Grant, mit illegalen
Geschäften.
Präsident Grant, unter dessen Regierung die Korruption in den Behörden
ausuferte, der selbst aber- politisch völlig unerfahren und nur als Sieger
des Bürgerkrieges eine Galionsfigur seiner Partei - ein durch und durch
ehrenhafter Mann war, war empört und enthob Custer sofort seines Kommandos.
Custer versuchte vergeblich, ein Gespräch mit dem Präsidenten zu erreichen.
Aber Grant wollte Custer nicht sehen. General Sherman, von dem er sich
Hilfe erhoffte,
war nicht in Washington. Custer, der seine Karriere retten wollte, setzte
sich kurzerhand in einen Zug nach Westen. Als er Chicago erreichte, holte
ihn ein Telegramm des Oberkommandierenden General Sherman ein, der im
Auftrag des Präsidenten Custer mit barschen Worten rügte, daß er ohne
Erlaubnis Washington verlassen habe.
Ihm wurde zwar die Weiterfahrt nach Fort Lincoln gestattet, aber die Teilnahme
an der bevorstehenden Expedition gegen die Sioux und die Führung des Kommandos
über die 7. Kavallerie untersagt.

“Das Ganze
Halt!”
Das Bild zeigt einen Trupp Kavalleristen
während einer Patrouille in der täglichen Dienstuniform.
Während der Offizier im Vordergrund
nur mit einem Revolver bewaffnet ist,
sind die Soldaten mit dem Karabiner M1873 und dem Revolver M1872 ausgerüstet.
(Mit freundlicher Genehmigung
des Center of Military History der U.S. Army)
»Hauptquartier, Department
von Dakota, St. Paul, Minnesota, 6. Mai 1876
An Seine Exzellenz den Präsidenten:
Ich habe Ihre Order erhalten, nach der Sie den Oberkommandierenden der
Armee angewiesen haben, mir die Begleitung der Expedition gegen die feindlichen
Indianerstämme zu untersagen. Da mein Regiment vollständig an dieser Expedition
teilnehmen wird und ich der dienstälteste Offizier des Regiments in diesem
Department bin, bitte ich respektvoll aber mit allem Nachdruck darum,
daß - wenn Sie mir zur Zeit die Ausübung meines Kommandos auch nicht gestatten
- ich zumindest die Genehmigung erhalte, mein Regiment ins Feld zu begleiten.
Ich appelliere an Sie als Soldat, mir die Erniedrigung zu ersparen, mein
Regiment gegen den Feind marschieren zu sehen, ohne mit meinen Soldaten
die Gefahr teilen zu können. Georg Armstrong
Custer. «
Custer wußte, daß er sein Fehlverhalten nur durch eine energische Bewährung
in den kommenden Kämpfen wettmachen und in Vergessenheit geraten lassen
konnte.
Zu Hilfe kam ihm die Tatsache, daß sein kommandierender General, Alfred
H. Terry, ihn an der Spitze der 7. Kavallerie wünschte und dies in einer
Depesche an den Präsidenten zum Ausdruck brachte. Auch General Sheridan
unterstützte Custer, und Grant ließ sich erweichen. Er telegraphierte,
Custer könne die geplante Expedition »als Kommandant seines Regiments«,
der 7. Kavallerie, begleiten. Mit Feuereifer begann Custer die Vorbereitungen
für den Marsch ins Indianerland abzuschließen.
Anfang Mai waren sämtliche 12 Kompanien in Fort Lincoln eingetroffen,
einschließlich der Regimentskapelle. Am 17. Mai um fünf Uhr früh setzte
sich Custer an die Spitze des Regiments und verließ mit der Kolonne Fort
Lincoln.
Am 16. Juni erreichte
General Crook mit seiner Kolonne, über 1.300 Soldaten, das Rosebud Valley.
Er stieß als erster auf Indianer, ohne sich deswegen zu sorgen,
da er überzeugt war, mit seiner starken, gut ausgerüsteten Truppe jeden
Indianerangriff abschlagen zu können. Weder waren die Indianer über die
Zahl ihrer Gegner und deren Pläne informiert, noch wußten Sheridan und
die Offiziere, die nach seinen Plänen gegen die Sioux zogen, mit wie vielen
Kriegern sie es zu tun hatten, wie groß die Anhängerschaft Sitting Bulls
tatsächlich war und wo genau sich die Lager ihrer Feinde befanden. Damit,
daß Crook vor den beiden anderen Kolonnen auf Indianer stieß,
war das ursprüngliche Konzept eines nahezu gleichzeitigen Zuschnappens
der »Zange« bereits verfehlt.
In dem riesigen, zerklüfteten, teilweise unwegsamen Gebiet rings um die
Black Hills war eine permanente Koordination der einzelnen Teile der Expedition,
und nur diese hätte ein gleichmäßiges Vorgehen garantieren können, nahezu
unmöglich.
Die Unkenntnis über die tatsächlichen Gegebenheiten führte zu den ersten
schweren Fehlern der Kampagne und zur ersten Niederlage der Armee.
Crook glaubte, die Lage des Dorfes von Crazy Horse entdeckt zu haben,
und sandte am 17. Juni 8 Kompanien Kavallerie zum anderen Ende des Rosebud
Valleys mit dem Befehl, das Lager sofort anzugreifen. Er wußte nicht,
daß er bereits von Sioux umzingelt war. Nachdem Crook sich selbst derart
geschwächt hatte, wurde seine verbleibende kleine Truppe unvermittelt
so heftig angegriffen, daß er zum Rückzug gezwungen wurde. Er wurde in
einer Weise überrumpelt, daß ihm kaum Zeit blieb, seine Truppen formieren
und einen geordneten Rückzug zum Goose Creek einleiten zu können. Die
Indianer erlitten nur geringe Verluste, Crook aber verlor 30 Soldaten
und 27 Scouts.
Der Sieg der Sioux hatte insofern eine weitreichende Bedeutung, als Crook
sich weigerte, abermals gegen die Indianer zu ziehen, bevor ihm keine
Verstärkung geschickt wurde. Er war der Überzeugung, die Indianer hätten
in mindestens dreifacher Überlegenheit gekämpft, obwohl dies nicht der
Fall war. Er ignorierte alle folgenden Befehle und schied damit aus der
von Sheridan geplanten Strategie aus. Übrig blieben die Kolonnen Gibbon
und Custer, wobei Custer die Hauptlast der Aktion zu tragen hatte.
Custer hatte mit der 7. Kavallerie ein Camp an der Mündung des Powder
River in den Yellowstone-Fluß aufgeschlagen und verließ es am 15. Juni
zusammen mit dem Stab, der Kapelle und den Kompanien A, D, G, H und K.
Er marschierte mit der Truppe zur Mündung des Tongue-Flusses und schickte
Scouts unter Major Reno aus.
Eine Nachricht von General Terry erreichte Custer und rief ihn zu einem
Treffen auf dem Flußdampfer »Far West«, mit dem Terry, begleitet von Infanterieeinheiten,
den Yellowstone heraufgefahren war. Custer schickte seine Regimentskapelle
zum Powder River zurück und traf am Abend des 21. Juni an Bord der »Far
West« mit General Terry und Colonel Gibbon zusammen, um das weitere Vorgehen
zu beraten. Inzwischen hatten Custers Scouts ein Sioux-Dorf im Tal des
Little Big Horn entdeckt,
ohne genaue Angaben über die Anzahl der Zelte und der Bewohner machen
zu können. Die Offiziere einigten sich darauf, daß Custer mit der 7. Kavallerie
das Rosebud Valley durchqueren und von Süden in das Little-Big-Horn-Tal
eindringen sollte.
Colonel Gibbon sollte vom Yellowstone aus von Norden gegen das Tal vorstoßen.
Man vereinbarte, daß beide Kommandos das Indianerlager wenn möglich am
26. Juni angreifen sollten.
Colonel Gibbon bot Custer aus seinem Kommando als Verstärkung 4 Kompanien
der 2. U.S.-Kavallerie an.

Colonel John
Gibbon
Custer lehnte ab,
da er befürchtete, mit einer so großen Truppe seine Manövrierfähigkeit
einzuschränken. General Terry stimmte ihm zu.
Custer lehnte auch das Angebot ab, Gatling Guns, Maschinengewehre, mitzuführen,
da diese auf schwerfälligen Lafetten angebracht waren, die in dem zerklüfteten
und unwegsamen Gelände nur unter großen Schwierigkeiten zu transportieren
waren. Dies hätte zusätzliche Mühe und vor allem Zeitverlust bedeutet,
den Custer nicht in Kauf nehmen wollte. Die Instruktionen wurden schriftlich
niedergelegt, und am Morgen des 22. Juni 1876 setzte sich Custer mit der
7. Kavallerie zum Little Big Horn in Marsch. Custer ritt seiner letzten
Schlacht entgegen.
Über kein Gefecht des amerikanischen Landheeres - mit Ausnahme der Schlacht
von Gettysburg wurde mehr geschrieben als über den Kampf,
der am Little Big Horn stattfand.
Custer eröffnete das Gefecht bereits
einen Tag vor dem mit Terry und Gibbon vereinbarten Termin, ohne auf die
anderen Truppenteile,
die im Anmarsch waren, zu warten, und es stehen sich heute mehrere Theorien
über seine Motive gegenüber. Einerseits war Custer wegen seiner Aussage
vor dem Parlamentsausschuß in Washington bei Präsident Grant in Ungnade
gefallen und brauchte eine Gelegenheit, diese Scharte derart spektakulär
auszuwetzen, daß seine Karriere nicht in eine Sackgasse geriet, sondern
sich weiterentwickelte. Ein Sieg am Little Big Horn über die vereinigten
Stämme der Sioux, Cheyennes und Arapahos hätte Custer in den Augen der
Öffentlichkeit zum größten Indianerkämpfer und populärsten Offizier der
Armee gemacht, dem auch der Präsident hätte seinen Tribut zollen müssen.
Andererseits wußte auch Custer nicht, wie stark sein Gegner war. Er unterschätzte
die Zahl der Indianer wahrscheinlich, und es kann lange darüber spekuliert
werden, ob Custer mit seinem Angriff gewartet hätte, wenn er die nötigen
Informationen gehabt hätte. Vermutlich hätte Custers Ehrgeiz ein weiteres
Zuwarten auf die Truppen Gibbons, der mit seinen Infanterieeinheiten und
Artilleriebatterien erheblich langsamer war als Custers reine Kavallerietruppe,
auf keinen Fall zugelassen.
Aber alles, was über die Motive für Custers Handeln gesagt und geschrieben
wird, muß zwangsläufig hypothetisch und spekulativ bleiben.
»Gerade habe ich einen Moment Zeit zum Schreiben. Es geht auf Mitternacht,
und ich habe alle Hände voll zu tun, die Scouts für ihre Aufgaben zu präparieren
...
Mach Dir keine Sorgen um mich. Ich hoffe, Dir mit der nächsten Post eine
gute Nachricht senden zu können. Im Falle eines Erfolgs werden wir alle
bald zurück
nach Lincoln aufbrechen.« G. A. Custer im letzten Brief an seine
Frau, 22. Juni 1876
Einer offiziellen Statistik zufolge hatte die 7. U.S.-Kavallerie im Jahre
1876 eine Gesamtstärke von 1.162 Reitern und 44 Offizieren.
Die Zahlenangaben gehen jedoch erheblich auseinander, was die Stärke der
7. Kavallerie zum Zeitpunkt der Schlacht am Little Big Horn angeht. Norman
B. Wiltsey gibt eine Stärke von 585 Soldaten und 31 Offizieren an sowie
die Scouts. First Lieutenant Edward S. Godfrey, Kompanie K der 7. Kavallerie,
aus dem Kommando von Major Reno, publizierte 1892 einen Bericht über die
Schlacht und gab die Stärke des Regiments mit »28 Offiziere und über 700
Mann« an. Josef Balmer, einer der besten europäischen Kenner der Thematik,
gibt an, daß in den 12 Kompanien der 7. Kavallerie »etwa 600 Mann und
30 Offiziere« zogen. »Begleitet wurden sie von 44 Indianer-Kundschaftern
und an die 20 Auflader, Führer und Zivilisten«.
Genauso unterschiedlich sind die Zahlenangaben über die Stärke der Krieger
in dem großen Dorf am Little Big Horn.
Es werden zwischen 1.000 und 6.000 Krieger genannt. Selbst Angaben indianischer
Beteiligter brachten keinen eindeutigen Aufschluß.
Wahrscheinlich ist, daß sich zwischen 3.500 und 4.000 Krieger am Little
Big Horn aufgehalten haben, nebst ihren Familien.
Glorifizierende
Darstellung der Schlacht am Little Big Horn, im Vordergrund George Armstrong
Custer.
In Wahrheit ging die 7. Kavallerie nicht in einem Reitergefecht unter,
das Gelände ließ einen solchen Kampf gar nicht zu.
Das Zeltlager zog
sich sehr weit am Flußufer hin und war in hügeliges, zerklüftetes Gelände
eingebettet, so daß es nicht völlig zu übersehen war. Genaue Erkundungen
der Scouts hatten nicht stattgefunden. Custer, der sich über die wahre
Stärke seines Gegners ganz offenbar nicht im klaren war, wie die Aussagen
seiner Adjutanten beweisen, hatte zunächst einen überzeugenden und erfolgversprechenden
Plan gefaßt. Er wollte am Abend des 24. Juni mit seinen Truppen im Hügelland
untertauchen und in der Nähe des Indianerlagers versteckt bleiben. Seine
Truppen waren erschöpft von dem hinter ihnen liegenden Marsch und sollten
Gelegenheit erhalten, sich auszuruhen, während die Scouts das Terrain
und das Dorf der Indianer erkunden sollten.
Statt dessen entschied
Custer sich am Morgen des 25. Juni dafür, sofort gegen das Indianerlager
vorzustoßen. Ein Grund dafür könnte gewesen sein, daß indianische Späher
die Truppe entdeckt hatten und Custer glaubte, nicht länger warten zu
dürfen, um den Kriegern keine Gelegenheit zu geben, sich auf einen Kampf
vorzubereiten.
Legende

A Lager der Northern
Cheyenne (120 Zelte)
B Lager der Sans Arc Sioux (110 Zelte)
C Lager der Miniconjou Sioux (150 Zelte)
D Gemeinsames Lager der Blackfeet, Brulé und Two Kettle
Sioux (120 Zelte)
E Lager der Oglala Sioux (240 Zelte)
F Lager der Hunkpapa Sioux (225 Zelte) sowie Yankton
und Santee Sioux
(25 Zelte)
G Fluchtweg und Lager der Nichtkombattanten der Indianer
(Alte, Kranke, Frauen und Kinder)
a Sitting
Bull mit 1500 – 2000 Indianern
b Crazy Horse mit 100 – 200 Indianern
c Lame White Man mit 200 – 400 Indianern
d Gall mit 200 – 400 Indianern
e Medicine Tail Furt
f Marschroute der Indianer nach Custers Niederlage
1 Reno’s Vormarsch 15:05
Uhr
2 Reno’s 1. Position und Kampf 15:15 Uhr
3 Reno’s 2. Position und Verteidigung 15:30 Uhr
4 Reno’s Rückzug und Vormarsch der Indianer 15:45 Uhr
5 Benteen’s Bataillon 16:20 Uhr
6 Reno’s Verschanzung 18:30 Uhr
7 Rechter Flügel (134 Mann) unter Captain Keogh
8 Linker Flügel (76 Mann) unter Captain Yates
9 Custers letzte Stellung mit 80 Mann
10 Captain Weirs Versuch mit Kompanie F, Custer um 17:20 Uhr zu Hilfe
zu kommen.
Trotz Verstärkung durch Benteens Truppen um 17:50 Uhr mußte
er sich zurückziehen.
Custer entwarf, kurz
bevor das Tal am Little Big Horn erreicht wurde, in aller Eile einen Plan,
der seine Truppe aufsplitterte. Das unüberschaubare Gelände ließ eine
Aufteilung des Truppenkörpers wenig ratsam erscheinen, aber Custer wollte
seine vorhandenen Soldaten so breitgefächert als möglich einsetzen. Außerdem
hoffte er,
gerade durch die große Aufteilung der Einheit einen möglichst guten überblick
zu erhalten, und wieder dürfte seine Überlegung von der Unkenntnis über
die wahre Stärke seines Gegners ausgegangen sein. Er selbst übernahm das
Kommando über die Kompanien C, E, I, F und L und teilte seinem Adjutanten,
Major Reno, 3 Kompanien und Captain Benteen ebenfalls 3 Kompanien zu.
Reno sollte gegen die Südflanke des Lagers reiten, Benteen sollte nördlich
vom Dorf in Stellung gehen. Die Positionen waren soweit voneinander entfernt,
daß die Truppenteile untereinander keinen Kontakt mehr halten konnten.
Den Troß schickte Custer zurück, um zu verhindern, daß den Indianern möglicherweise
Munition und Vorräte in die Hände fallen würden.
Erst kurz vor der
Schlacht war den vereinigten Stämmen, die am Little Big Horn lagerten,
die Anwesenheit von Soldaten bekannt geworden. Zunächst tauchten die Truppen
Major Renos auf, und eine überlegene Kriegerzahl stürzte sich auf die
Kavalleristen und drängte Reno kämpfend zurück. Er verschanzte sich in
den Hügeln, erschrocken über die Zahl seiner Gegner. Genauso überrascht
aber waren die Krieger im Hauptlager,
als vor ihnen Custer mit seinen 5 Kompanien auftauchte, während der Großteil
der Krieger noch am weit entfernten Südende des Lagers gegen Major Reno
kämpfte.
Custers Einheit ritt in Doppelreihe heran. Das Gelände war für einen Kavallerieeinsatz
äußerst unglücklich. Es gestattete keine breitflächige Attacke, die höchstwahrscheinlich
einen Erfolg gebracht hätte. Die Wendemöglichkeiten für die Reiter für
eine etwaige Flucht waren gering. Für Custer muß die Erkenntnis, vorschnell
und leichtfertig gehandelt zu haben, erschreckend gewesen sein, als immer
mehr Indianer vor ihm auftauchten, schließlich auch seitlich von ihm und
hinter ihm. Er hatte sich in eine ausweglose Situation manövriert. Es
entwickelte sich ein zäher, verbissen geführter Kampf. Die Kavalleristen
ritten ins Hügelland und stiegen von ihren Pferden,
um sich in Deckung zu begeben und die Angriffe der Indianer abzuschlagen.
Es gab keine furios geführten Reiterangriffe von seiten der Krieger,
wie glorifizierende Gemälde, die nach der Schlacht angefertigt wurden,
es glauben machen wollen.
Die meisten Indianer kämpften zu Fuß. Höchstens die Hälfte war mit Gewehren
bewaffnet, die anderen mit Bogen und Pfeilen. Immer wieder Salven von
Geschossen und Pfeilen gegen die Hügel, zwischen denen die Soldaten lagen,
abschießend, rückten sie Stück um Stück vor.
Custers (Mitte)
letzte Schlacht. Tatsächlich griffen die Indianer nicht zu Pferde an.
Krieger der Cheyennes
sagten später aus, daß zahllose Soldaten von Custers
Truppe Selbstmord begingen, als sie erkannten, daß ihre Situation völlig
chancenlos war.
Dies entspricht einer seinerzeit üblichen Regel, nach der Opfer eines
Indianerüberfalls darauf achteten, nicht lebend in die Hände ihrer Gegner
zu fallen.
Sie begingen im äußersten Notfall lieber Selbstmord, als einem möglichen
Martertod ausgesetzt zu werden. Der Widerstand Custers und seiner Leute
war hart.
Der Kampf zog sich über viele Stunden hin. Es gelang Custer, eine flüchtig
auf einen Zettel gekritzelte Nachricht an Captain Benteen zu schicken
und ihn aufzufordern, Munition zu bringen.
Aber Reno und Benteen saßen selbst fest und hörten nur aus der Ferne den
Lärm der Schlacht. Sie konnten Custer nicht mehr helfen. Die Munition
ging zu Ende,
die heißgeschossenen Gewehre versagten ihren Dienst. Als sich der Abend
über das Schlachtfeld neigte, über das die Toten weit verstreut lagen,
stürmten die Krieger den Hügel, auf dem Custer und die letzten Überlebenden
sich verschanzt hielten. Sie töteten sie alle, im Kampf Mann gegen Mann.
Danach kam die Nacht, und mit ihr die Stille des Todes. 5 Kompanien der
7. Kavallerie waren vollständig ausgelöscht. Die vereinigten Stämme der
Sioux, Cheyennes und Arapahos hatten einen der größten Siege im Kampf
gegen den weißen Mann errungen. Am Morgen des 26. Juni griffen noch einmal
starke Kriegerverbände den Hügel an, hinter dem sich Major Reno und der
Rest
der 7. Kavallerie verschanzt hatten, die sich verzweifelt wehrten. Gegen
Mittag flaute das Kampfgeschehen ab.
Joseph Balmer gibt die Totalverluste der 7. U.S.-Kavallerie in den Kämpfen
am Little Big Horn an mit 14 Offizieren, 1 Assistenzarzt, 247 Soldaten,
5 Zivilisten
und 3 Indianer-Kundschaftern. Auch hier aber gehen die Zahlenangaben teilweise
erheblich auseinander, obwohl wenige Tage nach der Schlacht die Leichen
gezählt wurden. Es ergab sich jedoch, daß zahlreiche Soldaten versucht
hatten zu fliehen und über Meilen hinweg verfolgt worden waren. Noch Jahre
später wurden in einigen Meilen Entfernung vom eigentlichen Schlachtfeld
Skelette von Kavalleristen gefunden. Am 27. Juni erreichte die Vorhut
General Terrys das Schlachtfeld. Die Sioux und Cheyennes waren verschwunden.
Major Reno und Captain Benteen lagen mit zahlreichen Verwundeten noch
immer in ihren Deckungen und wußten nicht, was einige Meilen voraus mit
Custer geschehen war. Erst als General Terry eintraf, als die Untersuchungen
begannen und Truppen ins Tal am Little Big Horn ritten, wurde das ganze
Ausmaß der Katastrophe deutlich, die die 7. Kavallerie getroffen hatte.
Terry ließ die Verletzten zu dem Dampfschiff »Far West« transportieren,
das sie nach Fort Lincoln bringen sollte. Wenig später trafen Einheiten
der Truppen von Colonel Gibbon auf dem Schlachtfeld ein. Auch sie kamen
zu spät.
Während die siegestrunkenen Indianer ihren Triumph feierten, traf die
Vernichtung Custers die ganze Nation wie ein Schock. In den Augen der
Öffentlichkeit wurde Custer zum Märtyrer, als ob nicht er und seinesgleichen
jahrzehntelang genauso mit den roten Stämmen verfahren waren, wie es ihm
nun selbst ergangen war. Der Sieg über Custer sollte der letzte große
Sieg der Sioux und Cheyennes sein. Von nun an wurden sie erbarmungsloser
denn je gejagt. Sitting Bull flüchtete mit seinen Anhängern nach Kanada,
Crazy Horse geriet in Gefangenschaft und wurde hier getötet. Mit dem Sieg
am Little Big Horn hatten die nördlichen Stämme der gewünschten Vernichtungsstrategie
von Generälen wie Sheridan und der hinter ihm stehenden Politiker eher
neuen Auftrieb gegeben und ihren eigenen Untergang beschleunigt. Es gibt
heute Historiker,
die darüber spekulieren, daß Custer und sein Regiment bewußt geopfert
worden seien, um im Kampf gegen die starken Stämme der Sioux und Cheyennes
jegliche Zügel ablegen und in einer großen Strafaktion sie alle von der
Bildfläche fegen zu können, mit Unterstützung einer breiten Öffentlichkeit.
Diese These ist äußerst gewagt und entbehrt jeder sachlichen Grundlage.
Mit Custers entsetzlicher Niederlage konnte niemand rechnen, als die Kampagne
gegen die Sioux und Cheyennes begann. Sein totales militärisches Versagen
war langfristig nicht planbar, da die Bedingungen, unter denen es schließlich
stattfand, nicht einmal Tage vorher, geschweige denn Monate vorher bekannt
gewesen waren. Ebenso wie Custer, hätte es am 17. Juni bereits General
Crook treffen können, der nur mit knapper Not der Vernichtung entging.
Eine gezielte Opferung des Custer-Regiments hätte auf einer Kette von
Zufällen aufbauen müssen. Hinzu kam, daß Custer Sheridans bester Offizier
war, auf den er keinesfalls zu verzichten wünschte. Die Niederlage Custers
kam vielen Gegnern, die er sich geschaffen hatte, auf militärischem wie
politischem Parkett, sicherlich gelegen. Aber sie kam nicht aufgrund eines
finsteren Zusammenspiels zwischen General Sheridan und Sitting Bull, sondern
aufgrund von falschen Einschätzungen, einer leichtfertigen Unterschätzung
sowohl der Zahl als auch der Kampfmoral der Indianer und schwerer strategischer
Fehler zustande, die einem erfahrenen Mann wie Custer nicht hätten unterlaufen
dürfen. Man kann diese Fehler aber wohl seiner Rücksichtslosigkeit zugrunde
legen, die er immer dann offenbarte, wenn es darum ging, schnelle und
durchschlagende Erfolge zu erzielen.
Das 7. U.S.-Kavallerieregiment war eines der am stärksten engagierten
Regimenter der Indianerkriege. Zwischen 1865 und 1890 hatte es insgesamt
13 Kampagnen des amerikanischen Landheeres gegen Indianer gegeben. Es
war in dieser Zeit zu 1.067 einzelnen Zusammenstößen größerer oder kleinerer
Art zwischen amerikanischen Truppen und Indianern gekommen. Die 7. U.S.-Kavallerie
verzeichnete in ihren Annalen in den Jahren von 1866 bis 1891 ein Marschpensum
von 181.692 Meilen zu Pferde. In dieser Zeit kam es in der Truppe zu 10
Selbstmorden und 160 Desertionen proportional zum Rest der Armee gesehen
eine relativ geringe Zahl. 208 Soldaten des Regiments starben an Krankheiten
wie Cholera, Typhus und Lungenentzündung, 324 fielen im Kampf gegen Indianer,
148 erlitten Verletzungen.
Einen letzten Höhepunkt erlebten
die amerikanischen Reiterregimenter im Krieg gegen Spanien bei der Invasion
auf Kuba.
Spektakulär trat unter der Führung des späteren Präsidenten Theodore Roosevelt
das Regiment der
»Rough Riders« hervor, offiziell das 1. U.S.-Freiwilligen-Kavallerieregiment,
für dessen Aufstellung ein besonderes Gesetz geschaffen werden mußte.
Besonders bei der Erstürmung von San Juan Hill taten sich die amerikanischen
Reiterregimenter hervor.
In den Jahren nach
1891 änderte sich das Einsatzfeld der Kavallerie. Der Einfluß der berittenen
Regimenter ging zurück. In den Jahren zwischen 1892 und 1917 legte
die 7. Kavallerie wiederum mehr als 150.000 Meilen zurück, aber nur noch
104.364 Meilen zu Pferde. Einsätze im Krieg auf Kuba 1898 oder auf den
Philippinen,
eine Kampagne nach Mexiko und ein umstrittenes und äußerst hart in der
öffentlichen Meinung kritisiertes Engagement im großen Streik der Industriearbeiter
von 1894 setzten die Höhepunkte dieser Epoche.
Der 1. Weltkrieg drängte
den Kavallerieeinsatz abermals zurück, und danach versank die amerikanische
Nation wiederum in die Illusion, keine Streitkräfte zu benötigen,
so daß sich die finanzielle und personelle Ausstattung der U.S.-Armee
auch in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg nicht wesentlich von den Jahren
der Pionierzeit unterschied. Die Kavallerie-Regimenter waren an der mexikanischen
Grenze und in den Nationalparks eingesetzt, in geringem Maße auch noch
zur Kontrolle der Indianerreservationen.
U.S.-Kavallerieeinheiten auf dem
Marsch nach Mexiko.
Angeführt von Brigadegeneral John J. Pershing zogen die Reitertruppen
1916 über die mexikanische Grenze, um Jagd auf den Revolutionär Pancho
Villa zu machen.
Unter ihnen auch
ein junger Lieutenant der 8. U.S.-Kavallerie namens George S. Patton,
der einer der profiliertesten amerikanischen Kommandeure des II. Weltkrieges
werden sollte.
Die große Zeit der Kavallerie ging mit dem I. Weltkrieg zu Ende. Die wahre
Geschichte der U.S.-Kavallerie geriet in Vergessenheit - die Legende begann.
1941 fand in Louisiana
das letzte Manöver der 7. Kavallerie als berittene Truppe statt. Im folgenden
Jahr begann die Auflösung der berittenen Einheiten der U.S.-Armee.
Die 7. Kavallerie sattelte in Fort Bliss, Texas, ab und wurde im Süd-Pazifik
als Infanterie und teilweise als motorisierte Einheit eingesetzt, ohne
ihre Regimentsbezeichnung aufzugeben.
Im Jahre 1957 wurde
die 7. U.S.-Kavallerie endgültig aufgelöst. Diese letzte Phase der Existenz
des Regiments ist genauso typisch für sämtliche amerikanischen Reiterregimenter
wie die Geschichte der Truppe in der Pionierzeit. Damit endete nach 91
Jahren die Geschichte eines der bekanntesten und interessantesten Regimenter
der amerikanischen Armee, das seine Sternstunden und Tragödien in
den wilden Jahren der Westwanderung erlebte.
Epilog
Der Bürgerkrieg und die beiden Jahrzehnte danach waren die große Zeit
der U.S.-Kavallerie. Mit dem Ende der 90er Jahre hatte die amerikanische
Kavallerie ihren Zenit überschritten. Die Regimenter ritten der untergehenden
Sonne nach, ihrer eigenen Legende entgegen. Die Reiter wußten nicht, daß
einmal über sie gesagt werden würde,
sie seien Helden gewesen. Es hätte sie auch wenig interessiert. Sie hatten
genug damit zu tun, zu überleben. Sie hatten keine Zeit, an die Zukunft
zu denken,
die Gegenwart war für sie hart genug. Die Anerkennung ihrer Leistungen
fand erst statt, als ihre Ära vorbei und sie selbst tot waren.
Die blutigen, ungerechten Kriege an der Grenze waren beendet. Die Zeit,
die als der »Wilde Westen« in die Historie einging, die Pionierzeit Amerikas,
war weitgehend abgeschlossen. Die Indianer waren verdrängt, die westlichen
Regionen der USA erschlossen, kartographiert, kolonisiert. Eisenbahnen
und Telegraph hatten auf den von der Armee freigekämpften Wegen durch
die Wildnis die Zivilisation gebracht. Die Opfer zählte niemand. Die Indianer
und ihre Zeit wurden im Osten der USA romantisiert,
die grausamen Tatsachen wurden verdrängt. Für die Soldaten hatte sich
schon vorher kaum jemand interessiert, auch jetzt blieben sie wenig beachtet.
Lediglich die kolonisatorischen Leistungen der Farmer, der Heimstättensiedler,
der Rancher, Städtebauer, Eisenbahnarbeiter und Pfadfinder wurden heroisiert.
Die Pioniere in den blauen Uniformen hatten die schmutzige Arbeit getan,
aber gedankt wurde ihnen nicht. Genau wie die Indianer in ihren Reservationen
blieben sie im Ghetto ihrer Garnisonen. Die amerikanische Pionierzeit
hatte Millionen von Menschen Wohlstand, Besitz und Reichtum gebracht.
Alle wesentlichen gesellschaftlichen Errungenschaften aber waren am Soldaten
vorbeigegangen. Die indianische Bevölkerung war zu Boden geworfen und
um ihr Land gebracht worden.
Sie vegetierte dahin, und nur die Alten hatten noch nicht vergessen, welch
ein großes stolzes Volk sie einmal gewesen waren. Der Soldat hatte nie
etwas besessen,
was man ihm hätte nehmen können, und er besaß auch jetzt nichts. Er hatte
gekämpft, hatte sein Leben riskiert, und er war auf der Stelle getreten.
Für seine Frustration interessierte sich niemand.
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