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Der Sanitätsdienst 1861-1865 Seite 2
Viele
Probleme – wenig Lösungen In jeder größeren Stadt im Norden und Süden wurden öffentliche und private Gebäude eilig in Lazarette umgewandelt. Die vorhandenen Hospitäler, wie hier das Allgemeine Krankenhaus von Philadelphia, konnten die Masseneinlieferungen nicht bewältigen. Hinter dem Pomp und Glanz, hinter all der patriotischen Leidenschaft, dem Rausch der Schlacht und selbst hinter der echten Kameradschaft am Lagerfeuer lauerte ein Feind, der schrecklicher war als alle Gewehr- und Kanonenkugeln. Vor Krankheit, Seuche und Verwundung war keiner gefeit. Die einfachen Soldaten setzten jeden Tag ihr Leben im Kampf mit den unsichtbaren Auswüchsen der Korruption und des Verfalls aufs Spiel. Oft waren es ihre Wunden, häufiger aber das Lagerleben, das sie ins Elend brachte. Medizinische und gesundheitliche Aufklärung fand so gut wie garnicht statt. Die medizinische Ausstattung der Unions-Armee war beispielsweise so jämmerlich, daß 1861 für die in die Hunderttausende gehenden Kranken und Verletzten gerade zwanzig Thermometer zur Verfügung standen. Es ist kein Wunder, daß der Dichter und Krankenpfleger Walt Whitman klagte, daß »spätere Jahre von der siedenden Hölle und den schwarzen, teuflischen Hintergründen nichts mehr wissen werden und es ist besser so«. Die ärztliche Einstellungsuntersuchung verschaffte den neuen Rekruten meist einen ersten Eindruck davon, welche medizinische Versorgung sie in der Armee erwartete. Gerade diese »Untersuchung« war der erste kleine Schritt zu den Krankheiten, die im Feld und im Lager warteten. Viele Ärzte, so schien es, konnten nur nachprüfen, ob die Rekruten noch alle Arme und Beine hatten. Ein dicker und lustiger alter Musterungsarzt erzählte den Männern während der Untersuchung Witze, dann gab er ihnen zwei oder drei freundliche Klapse auf die Brust und drückte ihren Rücken, die Schultern und Gliedmaßen. »Ich wünschte, Sie hätten hundert so feine Jungs wie diesen hier!« sagte er dann zu dem Hauptmann, der die Meldelisten führte. »Er ist in Ordnung und für den Dienst geeignet«.
Feldhospital
mit Verbandsplatz in Savage Station, Virginia, Tatsächlich
wurden Tausende von Soldaten eingezogen, ohne je einen Doktor gesehen
zu haben, während andere von Männern für gesund befunden
wurden, die überhaupt nichts von Medizin verstanden. Wen
verwundert es, daß viele Einheiten schon kurz nach ihrer Aufstellung
durch Krankheiten zermürbt wurden. Die meisten Regimenter rückten
mit einer Stärke von 1´000 Mann ins Feld.
Das
128. Regiment aus New York zählte gar nach knapp einem Jahr Dienst
schwache 350 Mann. Ungefähr 200´000 Männer, das sind
mehr als 20 Prozent der zwischen 1861 und 1862 eingeschriebenen Soldaten,
mußten entlassen und nach Hause geschickt werden, nachdem sich
ihre Krankheiten und Gebrechen im Feld verschlimmert hatten.
Selbst
jetzt noch war der Wissensstand der Verantwortlichen, nach welchen Kriterien
die Krankheiten gesucht werden sollten, noch nicht viel besser.
Kaum einer der Männer war in seinem bisherigen Leben mit so vielen anderen Menschen zusammengewesen. Viele hatten weder die Schule besucht, noch in der Kindheit genügend Kontakte gehabt, um die üblichen Kinderkrankheiten bekommen und überleben zu können. Mumps, Windpocken, Masern, Keuchhusten oder Scharlach waren ihnen völlig unbekannt, und was normalerweise bei einen Kind in zwei Wochen überstanden war, endete für manchen Erwachsenen tödlich.
Sanitätszelte hinter dem Douglas Hospital in Washington, D.C. In drei Regimentern vom Mississippi starben 1861 in nur drei Monaten 204 Mann an Masern, die im Feldlager ausgebrochen waren. Ein Stabsarzt, der das Krankenhaus besuchte, fand etwa 100 Männer in einen Raum gesteckt. Die Patienten lagen auf dem harten Boden ohne Matratzen oder wenigstens Stroh und hatten nur die nötigsten Decken. Einige waren offensichtlich schon dem Tod nahe, sie übergaben sich. Andere hatten Blutvergiftungen und ihr Zustand »überraschte jeden, selbst die Ärzte«. Es war überall dasselbe. Bei einer Einheit aus Iowa fiel die Hälfte der Männer wegen Masern aus.
Sanitätsfahrzeuge vor einem Lazarett Wenn auch niemand die verheerenden Epidemien solcher Kinderkrankheiten in den Lagern hätte verhindern können, hätten viele andere Krankheiten durch vorbeugende Aufklärung vermieden werden können - wenn man nur Bewußt hätte, wie. Wenn der Lagerplatz selbst nicht die Ursache war, schaffte es die Sorglosigkeit der Männer. Es ist unglaublich, daß manche Regimenter Jahre brauchten, bis sie die einfache Tatsache begriffen, daß die Krankenzahlen fielen - und der Geschmack des Trinkwassers stieg - wenn sie die Latrinen nicht mehr stromaufwärts vom Lager errichteten.
Das Operationsbesteck eines Militärarztes
Hygiene
war für fast alle Soldaten ein Fremdwort und die Männer bezahlten
für ihre Ignoranz einen hohen Preis. In einer Zeit übertriebener
Prüderie wollten viele Soldaten die Regimentslatrinen nicht benutzen,
die normalerweise im Freien waren. Andere waren einfach zu faul, um
zum »sink« zu gehen. Stattdessen erleichterten sich Tausende
einfach da, wo sie gerade standen, oder hinter dem nächsten Gebüsch.
Die
Vorschriften gaben zwar einige Anweisungen in Sachen Latrinen und Sauberkeit.
So verlangten Bestimmungen der Union, daß sich die Männer
täglich die Hände und Füße waschen und einmal in
der Woche baden sollten, doch in Wirklichkeit badeten sie oft monatelang
nicht. Folglich lernten Johnny Reb und Billy Yank einfach, mit ihren
unwillkommenen Gefährten zu leben. Sie machten über die Moskitos
solche Witze, daß sie »wie Esel» schreien konnten.
In der Kleidung wurden angeblich Läuse mit den Buchstaben »I.F.W.«
(»beteiligt am Krieg») auf dem Rücken gefunden.
Das
medizinische Versorgungsschiff »Planter« (Zweirad-Dampfer)
an der Anlegestelle des Reservelazaretts in City Point, Virginia, im
Appomattox Wenn man berücksichtigt, wie die Soldaten Iebten, ist es kein Wunder, daß sie schwere Verluste durch das Ungeziefer erlitten, das in ihrer Mitte »prächtig gedieh«. Malaria kannten die Männer unter verschiedenen Namen wie »das Zittern«, »Schüttelfrost« oder »Wechselheber«. »Wir haben hier mehr Angst vor dem Schüttelfrost als vor dem Feind«, schrieb ein Junge aus Illinois nach Hause. Fast die Hälfte des 38. lowa-Regiments erkrankte oder starb an der Malaria, von der his zum Ende des Krieges über eine Million Fälle diagnostiziert wurden. Bei der morgendlichen Krankmeldung machten die Malariafälle im Durchschnitt 20 Prozent aus. Niemand verdächtigte die nervtötenden Stechfliegen. Stattdessen führten die Männer und auch die Ärzte die Krankheit auf die »giftigen Dämpfe» der Sümpfe und Teiche zurück.
Dr. Mary E. Walker trat als Freiwillige
ohne Bezahlung in den Dienst der Union und erhielt später einen
Vertrag als Assistenzärztin. Sie wurde damit der erste weibliche
Arzt in der US-Armee. Neben ihrer aufopferungsvollen medizinischen Tätigkeit
arbeitete sie auch als Spionin. Aufgrund ihrer Verdienste erhielt sie
als einzige Frau am 11.11.1865 die Ehrenmedaille des Kongresses (Medal
of Honor). 1907 wurde ihr diese Auszeichnung aberkannt, doch sie weigerte
sich, die Medaille zurückzugeben und trug sie nun täglich
bis zu ihrem Tod am 21.02.1919. Erst 1977 wurde ihr diese Ehrung wieder
zuerkannt. Typhus
war eine noch größere Bedrohung. »Wir würden
lieber in der Schlacht sterben als im Fieberbett«, beteuerte
ein Oberst der Union, aber gerade das war das Schicksal von allzu vielen.
Er beobachtete, wie seine Männer »wirres Zeug plapperten
und murmelten bis sie sich hinlegten und starben«, aber er konnte
die Ursache nicht einmal vermuten. Die Truppe nannte den Typhus »Lagerfieber«.
Auf die Idee, daß er etwas mit dem verschmutzten Wasser zu tun
haben könnte, kam sie jedoch nie. In den Südstaatenarmeen
ging höchstwahrscheinlich ein Viertel aller Toten auf sein Konto.
Meist
machte der Arzt sowieso keine Untersuchung, sondern überließ
dem Patienten die Diagnose mit der Frage: »Was fehlt Ihnen?«.
Denjenigen, die die Ruhr angaben, verabreichte man als Standardrezept
eine Dosis »Salze«, ein Abführmittel das die Sache
nur noch verschlimmerte. Klagen, daß es nichts genützt hätte,
bewirkten nur, daß eine noch größere Dosis verordnet
wurde - plus ein Schuß Rizinusöl. Das Ergebnis war klar.
»Erst jetzt bist du wirklich krank«, schrieb einer,
der die Behandlung hinter sich hatte, »und das ist auch der
Grund, daß wir so viele Kranke haben.« Viele Männer
bekamen nur noch mehr Krankheiten, weil diese Art der Behandlung ihre
Widerstandskräfte noch weiter schwächte. »Kranke
Hunde behandelt man besser als uns,« beklagte sich ein Yankee. Im
Winter erfroren viele Männer oder starben an Unterkühlung.
»Es ist wirklich ein trauriger Anblick, wenn unsere Jungen
nachts um ihre Lagerfeuer sitzen und fast einschlafen«, schrieb
ein Rebellen-Offizier. »Der Boden ist zu kalt zum Hinlegen
und ihre Decken sind nicht warm genug«. Wer
Glück hatte, kam in ein solches Lazarett; Das meiste Fleisch war gepökelt, so daß es die Truppe nur »Pökelpferd« nannte. Es war zäh, salzig und stank beim Kochen. Einmal schleppte ein Trupp Yankees als Trauerparade ein besonders »reifes« Stück Rindfleisch auf einer Bahre durch das Lager und setzte es mit Salutschüssen und allen militärischen Ehren bei. Ein Konföderierter witzelte, daß seine Männer Feilen bekommen müßten, um ihre Zähne zu schärfen, um das versteinerte Rindfleisch essen zu können. Tatsächlich aßen einige ihr Fleisch roh, da es so weniger zäh war. Einige befürchteten, daß es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie auch Hufe und Hörner zu essen bekämen. Die
Yankees verschlangen ihr Fleisch meist so wie es war. Die Rebellen brieten
es, wenn irgend möglich, in ihrem allgegenwärtigen Bratfett.
Sie fügten Wasser hinzu und manchmal Gemüse, um einen Eintopf
zu machen, bröckelten etwas Maisbrot hinein und nannten den Brei
»cush«. Das Fett trug nur noch mehr zu Magenbeschwerden
bei, die sie sowieso schon hatten, aber die Rebellen schätzten
ihren Brei trotzdem. Außerdem fiel bei dieser Mischung eine andere
Eigenschaft der Fleischrationen des Nordens und Südens weniger
auf: die »Mitreisenden«. Die Männer machten Witze darüber,
daß sie das Fleisch nie selbst tragen müßten, denn
das besorgten schon die Maden. Sie fügten hinzu, daß »sie
noch eine besondere Wache aufstellen mußten, damit es sich nicht
auf und davon machen konnte«.
Nach der Schlacht von Antietam diente auch eine Scheune als Feldlazarett Das Gemüse bot ebenfalls viel Gelegenheit zum Spott und ebensoviele Möglichkeiten für Krankheiten und Mangelerscheinungen. Die Lieferung von rohem Gemüse zu entlegenen Armeen war in den meisten Fällen unpraktisch, und so ergänzten die Verpflegungsstellen der Unionsarmeen die Vorräte aus getrocknetem, geraspeltem Gemüse, das zu harten Kuchen zusammengepreßt wurde. Die Männer nannten es »entweihtes Gemüse« oder »Heuballen« da sich hartnäckig das Gerücht von Zutaten wie Gras und Stroh hielt. Zum Verzehr tauchte man die Kuchen in kochendes Wasser, wobei sie sich gewaltig ausdehnten. Die Landser warnten einander davor, die Kuchen trocken zu essen - sie könnten explodieren, weil sich die Kuchen im Magen ausdehnten. Den Soldaten waren frische Produkte natürlich am liebsten. Sie nahmen sie sich, wo immer sie sie bekommen konnten und kaum ein Feld war zur Erntezeit vor ihnen sicher.
Ein
Standbein der Truppenverpflegung bildete der Hartzwieback aus Backfett
und Mehl. Zu trocken, um im ganzen gegessen zu werden, wurde er meist
mit dem Gewehrkolben zerbrochen oder in Wasser, beziehungsweise gebratenes
Fett getaucht und aufgeweicht. Bei der Truppe hieß der Zwieback
nur »Eisenblech-Cracker«, »Zähneabstumpfer«
oder »Wurmschloß« im Hinblick auf die Rüsselkäfer
und Maden, die regelmäßig aus den Crackerdosen krochen.
»Das frische Fleisch erhalten wir durch das harte Brot«,
meinte ein Witzbold, »und ich bevorzuge das Wild gekocht und
meine Bisquits getoastet«. Einige schossen aus Jux Zwiebackstücke
zum Feind hinüber.
An den Anblick von Friedhöfen mußte sich jeder Soldat und Verwundete gewöhnen. Meist lagen sie, aus naheliegenden Gründen, in unmittelbarer Nähe der Feldlazarette. Dieses Gräberfeld bei City Point in Virginia ist ein trauriger Beweis für die große Zahl der unbekannten Opfer.
Alle
Entbehrungen ließen sich ertragen, solange Kaffee vorhanden war.
Die Bohnen wurden ungemahlen ausgegeben, roh oder geröstet. Die
meisten zerstampften und zerrieben sie mit Steinen. Einige Einheiten
hatten sogar besondere Sharps-Gewehre erhalten, in deren Kolben Kaffeemühlen
eingebaut waren. Egal wie der Kaffee auch gemahlen wurde, das Gebräu
war ein allgegenwärtiger Kamerad. Selten hielt eine Kolonne für
mehr als ein paar Minuten, ohne daß nicht ein Feuer und ein Pott
Kaffee gemacht wurde. Die Nordstaatler bezogen aufgrund ihrer unbegrenzten
Versorgungsmöglichkeiten den besten Kaffee. Die Konföderierten
mußten dagegen meist mit Ersatz wie Zichorie oder getrocknetem
Getreide Vorlieb nehmen. Allgemein tranken die Soldaten den Kaffee stark
und schwarz. Das
Moore-Hospital in Richmond gibt einen Eindruck von der bescheidenen
Größe der meisten Krankenhäuser.Ihre Kapazität
reichte schon in den ersten Kriegsmonaten nicht aus. Doch
vorbereitende Maßnahmen gab es nicht und der Soldat zahlte den
Preis. Noch 1861 glaubte der Generalarzt der Union allen Ernstes, daß
die Truppe auf einigen Kriegsschauplätzen keine Krankenstationen
brauchen würde, da dort doch ein so gesundes Klima herrsche. Seine
Stabsärzte wußten es kaum besser. Das Medizinstudium dauerte
höchstens zwei Jahre, wobei im zweiten Jahr oft nur der Stoff des
ersten wiederholt wurde. Außerdem konnte sich jeder zum Medizinstudium
einschreiben, der dafür bezahlen konnte. Die übrigen praktizierenden
Ärzte der Armee hatten sich ihr Handwerk in der Lehrzeit angeeignet,
indem sie die uralten Mythen und falschen Behandlungsmethoden von den
alten Feldscheren abschauten, die ebenso schlecht Bescheid wußten.
Von Keimen oder Sterilität hatte noch keiner etwas gehört
und einige Behandlungsmethoden stammten noch aus der Antike. Die Ärzte
hielten die Körpertemperatur für so unwichtig, daß sie
selten nach einem Thermometer verlangten.
Nach
der Schlacht wurde jedes verfügbare Gebäude oder Zelt notfalls
zum Lazarett. Verwundete und schreiende Männer lagen überall
in ihrem eigenen Blut und Dreck. Ärzte waren ebenso knapp wie lindernde
Medizin und schmerzstillende Opiate. Selbst das Wasser, das die ausgedörrten
Lippen der Verwundeten und Sterbenden kühlen sollte, konnte verseucht
sein und so widerlich riechen, daß es manche Männer würgte.
»Von der üblen Luft durch die Menschenmasse wurde mir
schlecht«, schrieb ein Bürger von Corinth am Mississippi,
das die Konföderierten im April 1862 in ein einziges Lazarett verwandelt
hatten. Für
über 90 Prozent aller Verwundungen waren Geschosse aus Handfeuerwaffen
verantwortlich, den Rest belegte die Artillerie. Der Getroffene spürte
in der Regel zuerst kaum Schmerz, nur einen Schlag, der ihn häufig
mit einer kurzfristigen Benommenheit zu Boden warf. Dann kam eine Tortur
nach der anderen.
Die
Wunde schmerzte inzwischen mehr oder weniger stark. Ungeschickte Träger
verschlimmerten die Qualen, wenn sie die Last durchschüttelten
oder die Krankentrage fallen ließen. Unter den Trägern befanden
sich außerdem einige geübte Diebe, die als erstes die Taschen
der hilflosen Verwundeten durchwühlten. Kam der Verwundete auf
ein Sanitätsgefährt, ging es ihm bei der ungenügenden
Federung und den gleichgültigen Fahrern kaum besser als auf der
Trage. Viele Schwerverwundete starben schon auf dem Transport vor Schmerz
und Blutverlust. Verwundete warten auf ihren Abtransport
»Die Ärzte und ihre Assistenten, nackt bis zur Taille und blutbespritzt, standen da, einige hielten die armen Kerle, während andere, bewaffnet mit langen blutigen Messern und Sägen, in furchterregender Geschwindigkeit säbelten und sägten und die übel zugerichteten Glieder, sobald sie abgetrennt waren, auf einen Stapel in der Nähe warfen«, berichtete ein konföderierter Kavallerist. Viele
seiner Kameraden übergaben sich in den Sätteln, als sie an
den blutigen Haufen vorbeiritten. Die Ärzte hatten wenig Zeit und
oft fehlte die Einsicht, sich zwischen den Operationen die Hände
zu waschen oder die Instrumente säubern zu lassen.
»Oh,
es ist schrecklich«, rief ein Arzt nach den Gefechten in
der großen Wildnis Virginias im Mai 1864 aus. »Mir scheint
nicht so, als ob ich heute ein Messer in die Hand nehmen könnte,
aber hier sind hundert Fälle von Amputationen, die auf mich warten.
Die armen Kerle kommen und bitten mich fast kniefällig, die ersten
sein zu dürfen, denen ein Arm abgenommen wird. Es ist ein Schreckensszenario,
wie ich noch keines gesehen habe und Gott helfe mir, daß ich es
nicht noch einmal erleben muß«.
Vereinzelt
erhielten die Schwerkriegsversehrten bewegliche Prothesen. Wer das Feldlazarett überstanden hatte, auf den wartete die Tortur des Transports ins Hinterland. Erst dort traten die tödlichen Infektionen und der Wundbrand auf, die den Operierten noch lange Leidenswochen bescheren konnten. Andere genasen nur langsam und verbrachten Monate, sogar Jahre in den Krankenhäusern der großen Städte. Richmond war eine Lazarettstadt mit 34 Hospitälern. Das Winder Hospital hatte 4´300 Betten und das Chimborazo konnte sogar 8´000 Fälle aufnehmen. Es verfügte über eigene Versorgungsbetriebe einschließlich Bäckerei und sogar über eigene Viehbestände und Felder. Während des Bürgerkrieges durchliefen diese Riesenanstalt rund 76´000 Verwundete und Kranke. Washington konnte mit allein 25 Militärhospitälern direkt in der Hauptstadt und weiteren in der unmittelbaren Umgebung gut mithalten. Doch die Chefärzte, die diese Krankenhäuser leiteten, waren entweder zu alt für den Felddienst oder zu unerfahren. Dasselbe galt für das Pflegepersonal, darunter viele Frauen und freiwillige Helfer, dessen guter Wille die vielen Unzulänglichkeiten nicht ausgleichen konnte. Im Norden entwickelte sich nach und nach ein professionelles Pflegecorps, das diese Pflichten übernahm. Hier erlebte der Dichter Walt Whitman die bedrückende Kehrseite des Krieges.
»Ich
gehe jeden Tag oder Abend ohne Ausnahme in eines der großen Krankenhäusern
der Regierung«, erzählte er einem Freund. »Oh,
diese traurigen Szenen, die ich beobachte - Schauspiele des Todes, der
Qualen, des Fiebers, Amputationen, Freundlichkeiten, nach etwas Liebe
hungernde und dürstende junge Herzen.« Er mußte
sich ständig beschäftigen, um nicht in Tränen auszubrechen,
obwohl ihn die Freundlichkeit und der Trost, den er spenden konnte,
wieder etwas aufrichteten. »Ich glaube, daß ich oft
diesen lieben leidenden Jungen durch meine Anwesenheit und meine Ausstrahlung
etwas geben kann, was weder Ärzte, Medizin, (chirurgische) Fertigkeiten
noch die tägliche Pflege geben können«. Im
Bürgerkrieg bildete sich ein erstes amerikanisches Krankenschwestern-Korps,
das den Pflegenotstand mit freiwilligen Helferinnen lindern konnte.
Phoebe Pember war im Chimborazo sicherlich nicht fehl am Platze. Nichts veranschaulicht die Opfer und Qualen besser als eine Frostnacht des Jahres 1863, die sie bei einem Jungen namens Fisher durchwachte. Er war der Liebling ihrer Station, ein Junge, der eine schlimme Beinverletzung hatte und ohne Amputation davongekommen war. Jetzt, zehn Monate später, machte er Spaziergänge auf und ab zwischen den Bettreihen. »Er war trotz aller Schwierigkeiten immer tapfer, frisch und herzlich, interessiert und so liebenswürdig und klaglos, daß wir ihn alle ins Herz geschlossen hatten«, schrieb sie. Aber in dieser Nacht wurde sie an sein Bett gerufen. Blut spritzte aus seinem Schenkel. Beim Spazierengehen hatte sich ein scharfer Knochensplitter gelöst und die Arterie durchtrennt. Sofort drückte sie ihren Finger auf die Wunde, um das Bluten zu stoppen und rief nach dem diensthabenden Arzt. Dieser schüttelte nur den Kopf. Die Arterie lag zu tief, um genäht werden zu können. Der Junge mußte sterben. »Ich
saß lange bei dem Jungen«, schrieb sie später.
Endlich sagte sie ihm, was der Doktor ihr anvertraut hatte. Er nahm
die Nachricht mit seiner üblichen Gelassenheit auf, gab ihr Anweisungen,
wie sie seine Mutter benachrichtigen sollte und fragte sie dann:
»Wie lang kann ich noch leben?« »Nur so lange ich
meinen Finger auf diese Arterie drücke«, antwortete
sie. Er blieb ziemlich lange ruhig und sie fragte sich, was ihm wohl
durch den Kopf ging. Endlich sprach er wieder ganz ruhig. »Du
kannst loslassen«. Aber sie konnte es nicht, »nicht
einmal, wenn mein eigenes Leben davon abgehangen hätte«.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, das Blut stieg ihr zu
Kopf und klopfte in ihren Ohren, ihre Lippen wurden kalt, aber sie konnte
einfach nicht loslassen. Schließlich »blieben mir die
Gewissensbisse, ob ich dem Jungen gehorchen sollte, erspart, und zum
ersten und letzten Mal in diesen schwierigen vier Jahren wurde ich ohnmächtig«. |