
Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© William C. Davis, • Soldaten des US-Bürgerkrieges
1861-1865 •
© Harvey E. Brown, • The Medical Department of the United
States Army from 1775 to 1873 • Washington 1873
© Mary C. Gillett, • The Army Medical Department 1818-1865
•, Washington D.C. 1987
Veröffentlichungen des Office of the Surgeon General, Office of
Medical History
sowie Dokumentarfotos der Bibliothek des Kongresses und des U. S. Nationalarchivs
Bearbeitet von E. Liebe, RAG Militärgeschichte, 85077 Manching
Der Sanitätsdienst 1861-1865
Seite
2
Viele
Probleme – wenig Lösungen

In jeder größeren Stadt im Norden und Süden wurden
öffentliche und private Gebäude eilig in Lazarette umgewandelt.
Die vorhandenen Hospitäler, wie hier das Allgemeine Krankenhaus
von Philadelphia, konnten die Masseneinlieferungen nicht bewältigen.
Hinter dem Pomp
und Glanz, hinter all der patriotischen Leidenschaft, dem Rausch der
Schlacht und selbst hinter der echten Kameradschaft am Lagerfeuer lauerte
ein Feind, der schrecklicher war als alle Gewehr- und Kanonenkugeln.
Vor Krankheit, Seuche und Verwundung war keiner gefeit. Die einfachen
Soldaten setzten jeden Tag ihr Leben im Kampf mit den unsichtbaren Auswüchsen
der Korruption und des Verfalls aufs Spiel. Oft waren es ihre Wunden,
häufiger aber das Lagerleben, das sie ins Elend brachte. Medizinische
und gesundheitliche Aufklärung fand so gut wie garnicht statt.
Die medizinische Ausstattung der Unions-Armee war beispielsweise so
jämmerlich,
daß 1861 für die in die Hunderttausende gehenden Kranken
und Verletzten gerade zwanzig Thermometer zur Verfügung standen.
Es ist kein Wunder,
daß der Dichter und Krankenpfleger Walt Whitman klagte, daß
»spätere Jahre von der siedenden Hölle und den schwarzen,
teuflischen Hintergründen nichts mehr wissen werden und es ist
besser so«.
Die ärztliche
Einstellungsuntersuchung verschaffte den neuen Rekruten meist einen
ersten Eindruck davon, welche medizinische Versorgung sie in der Armee
erwartete. Gerade diese »Untersuchung« war der erste kleine
Schritt zu den Krankheiten, die im Feld und im Lager warteten. Viele
Ärzte, so schien es, konnten nur nachprüfen,
ob die Rekruten noch alle Arme und Beine hatten. Ein dicker und lustiger
alter Musterungsarzt erzählte den Männern während der
Untersuchung Witze, dann gab er ihnen zwei oder drei freundliche Klapse
auf die Brust und drückte ihren Rücken, die Schultern und
Gliedmaßen. »Ich wünschte, Sie hätten hundert
so feine Jungs wie diesen hier!« sagte er dann zu dem Hauptmann,
der die Meldelisten führte. »Er ist in Ordnung und für
den Dienst geeignet«.
Feldhospital
mit Verbandsplatz in Savage Station, Virginia, nach der Schlacht vom
27. Juni 1862
Tatsächlich
wurden Tausende von Soldaten eingezogen, ohne je einen Doktor gesehen
zu haben,
während andere von Männern für gesund befunden wurden,
die überhaupt nichts von Medizin verstanden.
Wenn ein Mann fähig war, seiner Arbeit nachzugehen oder im Zivilleben
eine Schaufel schwingen konnte, dann war er auch in der Lage, ein Gewehr
zu tragen.
Als Folge dieser stümperhaften Untersuchungen - wenn sie überhaupt
stattfanden -
gelangten Tausende von kranken und gebrechlichen Männern zum Militär.
Ihre Infektionen und Krankheiten gaben sie an ihre gesunden Kameraden
weiter.
Wen verwundert es,
daß viele Einheiten schon kurz nach ihrer Aufstellung durch Krankheiten
zermürbt wurden. Die meisten Regimenter rückten mit einer
Stärke von 1´000 Mann ins Feld.
So auch das 1. Connecticut-Regiment. Wenige Monate später stand
es mit 600 Mann vor der Feuertaufe, ohne jemals eine Feindberührung
gehabt zu haben.
Das 128. Regiment
aus New York zählte gar nach knapp einem Jahr Dienst schwache 350
Mann. Ungefähr 200´000 Männer, das sind mehr als 20
Prozent der zwischen 1861 und 1862 eingeschriebenen Soldaten, mußten
entlassen und nach Hause geschickt werden, nachdem sich ihre Krankheiten
und Gebrechen im Feld verschlimmert hatten.
Eine Gruppe von Sanitätsoffizieren der »Army of the James«
posiert im Fort Harrison, Virginia, für ein Erinnerungsfoto
Selbst jetzt noch
war der Wissensstand der Verantwortlichen, nach welchen Kriterien die
Krankheiten gesucht werden sollten, noch nicht viel besser.
Im Süden, der nach dem ersten Kriegsjahr dringend Ersatz brauchte,
warnten Richtlinien die Ärzte davor, »Klagen über belanglose
Behinderungen nachzugeben, sondern gemäß dem eigenen Urteil
fest zu bleiben«.
Allgemein herrschte die Auffassung, daß ein aktives Leben im Freien
und in der Armee heilsam wäre und viele Leiden durch das Soldatenleben
»verbessert werden könnten«.
Ob ein Mann ein kürzeres Bein, ein schwaches Herz, ein Blasenleiden,
Hämorrhoiden oder einen Bruch hatte, ob ihm ein Auge oder drei
Finger fehlten, ob er stotterte, egal, er war für den Dienst in
der Armee tauglich, gleichgültig wie interessant der Fall für
die »berufliche« Neugier des Arztes auch sein mochte.
Kaum einer der Männer
war in seinem bisherigen Leben mit so vielen anderen Menschen zusammengewesen.
Viele hatten weder die Schule besucht, noch in der Kindheit genügend
Kontakte gehabt, um die üblichen Kinderkrankheiten bekommen und
überleben zu können. Mumps, Windpocken, Masern, Keuchhusten
oder Scharlach waren ihnen völlig unbekannt, und was normalerweise
bei einen Kind in zwei Wochen überstanden war, endete für
manchen Erwachsenen tödlich.

Sanitätszelte
hinter dem Douglas Hospital in Washington, D.C.
In drei Regimentern
vom Mississippi starben 1861 in nur drei Monaten 204 Mann an Masern,
die im Feldlager ausgebrochen waren. Ein Stabsarzt, der das Krankenhaus
besuchte, fand etwa 100 Männer in einen Raum gesteckt.
Die Patienten lagen auf dem harten Boden ohne Matratzen oder wenigstens
Stroh und hatten nur die nötigsten Decken. Einige waren offensichtlich
schon dem Tod nahe, sie übergaben sich. Andere hatten Blutvergiftungen
und ihr Zustand »überraschte jeden, selbst die Ärzte«.
Es war überall dasselbe. Bei einer Einheit aus Iowa fiel die Hälfte
der Männer wegen Masern aus.

Sanitätsfahrzeuge vor einem Lazarett
Wenn auch niemand
die verheerenden Epidemien solcher Kinderkrankheiten in den Lagern hätte
verhindern können, hätten viele andere Krankheiten durch vorbeugende
Aufklärung vermieden werden können - wenn man nur Bewußt
hätte, wie.
Wenn der Lagerplatz
selbst nicht die Ursache war, schaffte es die Sorglosigkeit der Männer.
Es ist unglaublich, daß manche Regimenter Jahre brauchten, bis
sie die einfache Tatsache begriffen,
daß die Krankenzahlen fielen - und der Geschmack des Trinkwassers
stieg -
wenn sie die Latrinen nicht mehr stromaufwärts vom Lager errichteten.
Oft wählten
Offiziere die Biwakplätze nach Gutdünken aus; manchmal kampierte
die Truppe der Einfachheit halber an einem Platz, an dem vorher schon
eine andere Einheit gelagert hatte. Im Winter bezogen sie manchmal sogar
die Hütten, die von den Insassen des letzten Winters stehen gelassen
worden waren, ohne die Läuse und Flöhe,
das faulige Wasser und die übelriechenden Abfälle überhaupt
zu beseitigen.

Das
Operationsbesteck eines Militärarztes
Hygiene war für fast alle
Soldaten ein Fremdwort und die Männer bezahlten für ihre Ignoranz
einen hohen Preis.
In einer Zeit übertriebener Prüderie wollten viele Soldaten
die Regimentslatrinen nicht benutzen, die normalerweise im Freien waren.
Andere waren einfach zu faul, um zum »sink« zu gehen. Stattdessen
erleichterten sich Tausende einfach da, wo sie gerade standen, oder
hinter dem nächsten Gebüsch.
Neulinge lernten schnell, aufzupassen wohin sie traten und wo sie ihre
Schlafstatt errichteten. Ein Virginier wachte eines Morgens auf, rollte
seine Decke zusammen und entdeckte: »Ich habe in ich will
nicht sagen was - gelegen, etwas, was nicht gerade nach Milch und Honig
duftet«. Ein Lagerinspektor der Union berichtete 1861, daß
die meisten Yankee-Zeltlager in jeglicher Art von Dreck und verfaulendem
Abfall ersticken. »Das Zeug wird innerhalb des Lagers in Gruben
geschmissen oder einfach weggeworfen; Berge von Mist und Abfall nahe
beim Lager«.
Die Exkremente und der Abfall von Hunderttausenden verwandelten die
Lager - besonders in der Sommerhitze - in stinkende Kloaken. So tragisch
dieser Krieg auch für die Menschen war, die ihn ertragen mußten,
für die unzähligen Mikroben und das Ungeziefer war er ein
Riesenfest.

Der Sanitätstrupp einer Zuaveneinheit
demonstriert den Abtransport von Verwundeten während einer Übung
Die Vorschriften
gaben zwar einige Anweisungen in Sachen Latrinen und Sauberkeit. So
verlangten Bestimmungen der Union, daß sich die Männer täglich
die Hände und Füße waschen und einmal in der Woche baden
sollten, doch in Wirklichkeit badeten sie oft monatelang nicht. Folglich
lernten Johnny Reb und Billy Yank einfach, mit ihren unwillkommenen
Gefährten zu leben. Sie machten über die Moskitos solche Witze,
daß sie »wie Esel» schreien konnten. In der Kleidung
wurden angeblich Läuse mit den Buchstaben »I.F.W.«
(»beteiligt am Krieg») auf dem Rücken gefunden.
Selbst in der Schlacht konnte man die Männer manchmal nur mit einer
Hand an der Waffe sehen,
während sie mit der anderen nach den Fliegen schlugen oder sich
kratzten.
»Ich werde wütend auf sie und fange an sie zu töten«,
berichtete ein Konföderierter über die Fliegenschwärme
»aber, weil ich glaube, daß 40 von ihnen zur Beerdigung
von jeder einzelnen kommen, habe ich es aufgegeben«
Das medizinische
Versorgungsschiff »Planter« (Zweirad-Dampfer)
an der Anlegestelle des Reservelazaretts in City Point, Virginia, im
Appomattox
Wenn
man berücksichtigt, wie die Soldaten Iebten, ist es kein Wunder,
daß sie schwere Verluste durch das Ungeziefer erlitten, das in
ihrer Mitte »prächtig gedieh«.
Malaria kannten die Männer unter verschiedenen Namen wie »das
Zittern«, »Schüttelfrost« oder »Wechselheber«.
»Wir haben hier mehr Angst vor dem Schüttelfrost
als vor dem Feind«, schrieb ein Junge aus Illinois nach Hause.
Fast die Hälfte des 38. lowa-Regiments erkrankte oder starb an
der Malaria, von der his zum Ende des Krieges über eine Million
Fälle diagnostiziert wurden. Bei der morgendlichen Krankmeldung
machten die Malariafälle im Durchschnitt 20 Prozent aus. Niemand
verdächtigte die nervtötenden Stechfliegen. Stattdessen führten
die Männer und auch die Ärzte die Krankheit auf die »giftigen
Dämpfe» der Sümpfe und Teiche zurück.
Dr. Mary E.
Walker trat als Freiwillige ohne Bezahlung in den Dienst der Union und
erhielt später einen Vertrag als Assistenzärztin. Sie wurde
damit der erste weibliche Arzt in der US-Armee. Neben ihrer aufopferungsvollen
medizinischen Tätigkeit arbeitete sie auch als Spionin. Aufgrund
ihrer Verdienste erhielt sie als einzige Frau am 11.11.1865 die Ehrenmedaille
des Kongresses (Medal of Honor). 1907 wurde ihr diese Auszeichnung aberkannt,
doch sie weigerte sich, die Medaille zurückzugeben und trug sie
nun täglich bis zu ihrem Tod am 21.02.1919. Erst 1977 wurde ihr
diese Ehrung wieder zuerkannt.

Typhus war eine
noch größere Bedrohung. »Wir würden lieber
in der Schlacht sterben als im Fieberbett«, beteuerte ein
Oberst der Union,
aber gerade das war das Schicksal von allzu vielen. Er beobachtete,
wie seine Männer »wirres Zeug plapperten und murmelten bis
sie sich hinlegten und starben«, aber er konnte die Ursache nicht
einmal vermuten. Die Truppe nannte den Typhus »Lagerfieber«.
Auf die Idee, daß er etwas mit dem verschmutzten Wasser zu tun
haben könnte, kam sie jedoch nie.
In den Südstaatenarmeen ging höchstwahrscheinlich ein Viertel
aller Toten auf sein Konto.
Die Krankheit, die die Truppe am meisten fürchtete und zu der sie
durch ihre Gewohnheiten am meisten beitrug, war der »alvine Ausfluß«
(Durchfall). Sie gaben ihm natürlich eine Menge Spitznamen wie
»Durchfall«, »Ruhr«, »Schwäche«,
»Flotter Otto«, »Virginia Quick Step«, »Tennessee
Renneritis« und so weiter. Meist nannten sie es ganz einfach »die
Scheißerei«. Mehr als nur ein Witzbold bemerkte,
daß in diesem Krieg »die Gedärme wichtiger sind als
der Verstand«, und diese Aussage hatte einen wahren Kern.
Darmerkrankungen töteten mehr Männer als sämtliche Kugeln
des Krieges. Die Soldaten fürchteten diese Krankheiten wie die
Pest -
mit gutem Grund. Jeder mußte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
damit rechnen, daß er eine oder sogar mehrere Krankheiten bekommen
würde. 1,75 Millionen Fälle wurden in den Unionsarmeen während
des Krieges gemeldet. Die Dunkelziffer liegt wesentlich höher.
Tausende meldeten sich aus Angst oder begründeter Abneigung vor
den Ärzten und ihren Mitteln nicht im Lazarett.

Eine
Verwundetensammelstelle nach der Schlacht von Chancellorsville
Meist machte der
Arzt sowieso keine Untersuchung, sondern überließ dem Patienten
die Diagnose mit der Frage:
»Was fehlt Ihnen?«. Denjenigen, die die Ruhr angaben, verabreichte
man als Standardrezept eine Dosis »Salze«,
ein Abführmittel das die Sache nur noch verschlimmerte. Klagen,
daß es nichts genützt hätte, bewirkten nur,
daß eine noch größere Dosis verordnet wurde - plus
ein Schuß Rizinusöl. Das Ergebnis war klar. »Erst
jetzt bist du wirklich krank«, schrieb einer, der die Behandlung
hinter sich hatte, »und das ist auch der Grund, daß
wir so viele Kranke haben.« Viele Männer bekamen nur
noch mehr Krankheiten, weil diese Art der Behandlung ihre Widerstandskräfte
noch weiter schwächte. »Kranke Hunde behandelt man besser
als uns,« beklagte sich ein Yankee.
Die ganzen Krankheiten verschlimmerten sich noch durch den Mangel an
richtiger Kleidung und Ausrüstung.
Der Soldat hatte nur eine Uniform, und Ersatz traf nur unregelmäßig
ein.
Letztlich liefen
viele in zerschlissenen Kleidungsstücken herum, in denen alles
mögliche Ungeziefer hauste.
Die Soldaten verspürten auch keine große Lust zu baden, wenn
sie ihre alten Kleider danach wieder anziehen.
Im Winter erfroren viele
Männer oder starben an Unterkühlung. »Es ist wirklich
ein trauriger Anblick, wenn unsere Jungen nachts um ihre Lagerfeuer
sitzen und fast einschlafen«, schrieb ein Rebellen-Offizier.
»Der Boden ist zu kalt zum Hinlegen und ihre Decken sind nicht
warm genug«.
Die Verpflegung der Soldaten vergrößerte das Problem, denn
der Begriff »gesunde Ernährung« war ein Fremdwort.
Reb und Yank faßten unausgewogene,
ungenügend haltbar gemachte und schlecht zubereitete Rationen.
Den Lagerfraß zu überleben war häufig eine größere
Leistung, als den feindlichen Kugeln zu entgehen. Fleisch erhielten
die Soldaten nur sehr selten. Vielleicht war das aber auch ihr Glück,
denn gleichgültig, in welcher Form es vorgesetzt wurde, es war
zäh,
alt und manchmal schon verdorben. Ein Unionssoldat lieferte eine treffende
Beschreibung: »Man kann ein Stück auf einen Baum werfen
und es bleibt dort kleben und zittert und zuckt wie daheim die Eidechsen
mit den blauen Bäuchen, wenn wir sie mit einem Stock vom Zaun scheuchten«.
Wer Glück
hatte, kam in ein solches Lazarett;
hier der Krankensaal K im Armory Square Hospital in Washington, D.C
.
Das meiste Fleisch
war gepökelt, so daß es die Truppe nur »Pökelpferd«
nannte. Es war zäh, salzig und stank beim Kochen. Einmal schleppte
ein Trupp Yankees als Trauerparade ein besonders »reifes«
Stück Rindfleisch auf einer Bahre durch das Lager und setzte es
mit Salutschüssen und allen militärischen Ehren bei.
Ein Konföderierter witzelte, daß seine Männer Feilen
bekommen müßten, um ihre Zähne zu schärfen, um
das versteinerte Rindfleisch essen zu können. Tatsächlich
aßen einige ihr Fleisch roh, da es so weniger zäh war. Einige
befürchteten, daß es nur noch eine Frage der Zeit war, bis
sie auch Hufe und Hörner zu essen bekämen.
Die Yankees verschlangen
ihr Fleisch meist so wie es war. Die Rebellen brieten es, wenn irgend
möglich, in ihrem allgegenwärtigen Bratfett. Sie fügten
Wasser hinzu und manchmal Gemüse, um einen Eintopf zu machen, bröckelten
etwas Maisbrot hinein und nannten den Brei »cush«. Das Fett
trug nur noch mehr zu Magenbeschwerden bei, die sie sowieso schon hatten,
aber die Rebellen schätzten ihren Brei trotzdem. Außerdem
fiel bei dieser Mischung eine andere Eigenschaft der Fleischrationen
des Nordens und Südens weniger auf: die »Mitreisenden«.
Die Männer machten Witze darüber, daß sie das Fleisch
nie selbst tragen müßten, denn das besorgten schon die Maden.
Sie fügten hinzu, daß »sie noch eine besondere Wache
aufstellen mußten, damit es sich nicht auf und davon machen konnte«.

Nach der
Schlacht von Antietam diente auch eine Scheune als Feldlazarett
Das Gemüse
bot ebenfalls viel Gelegenheit zum Spott und ebensoviele Möglichkeiten
für Krankheiten und Mangelerscheinungen. Die Lieferung von rohem
Gemüse zu entlegenen Armeen war in den meisten Fällen unpraktisch,
und so ergänzten die Verpflegungsstellen der Unionsarmeen die Vorräte
aus getrocknetem, geraspeltem Gemüse, das zu harten Kuchen zusammengepreßt
wurde. Die Männer nannten es »entweihtes Gemüse«
oder »Heuballen« da sich hartnäckig das Gerücht
von Zutaten wie Gras und Stroh hielt.
Zum Verzehr tauchte
man die Kuchen in kochendes Wasser, wobei sie sich gewaltig ausdehnten.
Die Landser warnten einander davor, die Kuchen trocken zu essen - sie
könnten explodieren, weil sich die Kuchen im Magen ausdehnten.
Den Soldaten waren frische Produkte natürlich am liebsten. Sie
nahmen sie sich, wo immer sie sie bekommen konnten und kaum ein Feld
war zur Erntezeit vor ihnen sicher.
Ein Standbein der
Truppenverpflegung bildete der Hartzwieback aus Backfett und Mehl. Zu
trocken, um im ganzen gegessen zu werden, wurde er meist mit dem Gewehrkolben
zerbrochen oder in Wasser, beziehungsweise gebratenes Fett getaucht
und aufgeweicht. Bei der Truppe hieß der Zwieback nur »Eisenblech-Cracker«,
»Zähneabstumpfer« oder »Wurmschloß«
im Hinblick auf die Rüsselkäfer und Maden, die regelmäßig
aus den Crackerdosen krochen.
»Das frische Fleisch erhalten wir durch das harte Brot«,
meinte ein Witzbold, »und ich bevorzuge das Wild gekocht und
meine Bisquits getoastet«.
Einige schossen aus Jux Zwiebackstücke zum Feind hinüber.
Auch die Konföderierten kannten ihren Hartzwieback, obwohl Weizenmehl
im Süden nicht so reichlich zur Verfügung stand. Die Südstaatler
erhielten eher Rationen von Maisbrot. Aber auch das kam meist ungenießbar
bei der Feldküche an, manchmal voller Schimmel und Spinnweben.
Stand richtiges Mehl zur Verfügung,
war das ein Feiertag für die Truppe. Die Soldaten buken ihr eigenes
weiches Brot. Die Ausgabe eines Fasses Mehl machte einmal fast die ganze
101. Ohio-Infanterie verrückt. Einige Soldaten machten das Mehl
mit Wasser an und kneteten es auf ihren Gummidecken, andere ballten
den Teig um ihr Bajonett und rösteten ihn über dem Lagerfeuer.
»Manche nagelten das Zeug an einen Baum in der Nähe des
Feuers und verfluchten es«, und das meiste war am Schluß
nicht zu genießen, aber »wir hatten viel Spaß
damit, auch wenn wir hungrig blieben«.

An den Anblick
von Friedhöfen mußte sich jeder Soldat und Verwundete gewöhnen.
Meist lagen sie, aus naheliegenden Gründen, in unmittelbarer Nähe
der Feldlazarette.
Dieses Gräberfeld bei City Point in Virginia ist ein trauriger
Beweis für die große Zahl der unbekannten Opfer.
Alle Entbehrungen
ließen sich ertragen, solange Kaffee vorhanden war. Die Bohnen
wurden ungemahlen ausgegeben, roh oder geröstet. Die meisten zerstampften
und zerrieben sie mit Steinen. Einige Einheiten hatten sogar besondere
Sharps-Gewehre erhalten, in deren Kolben Kaffeemühlen eingebaut
waren. Egal wie der Kaffee auch gemahlen wurde, das Gebräu war
ein allgegenwärtiger Kamerad. Selten hielt eine Kolonne für
mehr als ein paar Minuten, ohne daß nicht ein Feuer und ein Pott
Kaffee gemacht wurde. Die Nordstaatler bezogen aufgrund ihrer unbegrenzten
Versorgungsmöglichkeiten den besten Kaffee. Die Konföderierten
mußten dagegen meist mit Ersatz wie Zichorie oder getrocknetem
Getreide Vorlieb nehmen. Allgemein tranken die Soldaten den Kaffee stark
und schwarz.
Die einfachen Soldaten hatten wenig offizielle Gelegenheiten, ihre Verpflegung
über die Rationen hinaus zu verbessern. In den meisten größeren
Biwakplätzen errichteten zwar Marketender ihre Buden, aber aufgrund
fehlender Konkurrenz konnten sie Wucherpreise verlangen. Den gemeinen
Soldaten wurde schnell klar, daß die Marketender mit ihren Obsttorten,
Pasteten und Kuchen und anderen Delikatessen meist im Gefolge der Zahlmeister
auftauchten. Die Leckereien blieben im Lager, aber der schwer verdiente
Sold der Soldaten verschwand über Nacht. Liebesgaben aus der Heimat
bereicherten den Speisezettel ebenfalls, wenn auch die Inhalte der Pakete
gewöhnlich nicht mehr allzu frisch ankamen oder von »Regierungsinspektoren«
geplündert worden waren. Was der Marketender oder die Angehörigen
nicht liefern konnten, »organisierte« der Soldat selbst,
meist auf Kosten der Farmer in der Umgebung des Lagers oder der Marschroute.
Requirierungen waren ein beliebter Zeitvertreib beider Parteien. Manchmal
wurden sie bestraft, meistens jedoch stillschweigend geduldet und teilweise
sogar gefördert.
Die Männer verlangten oft von einem Schwein, den Treueid auf die
Union zu schwören. Wenn es sich weigerte oder einfach nicht antwortete,
hatten die loyalen Yankees keine andere Wahl, als es zu töten und
in der Feldküche zu kochen. Den Konföderierten ging es genauso
mit den Hühnern. Sie witzelten, daß sie auf dem Marsch
»keinen Hühnern, wem immer sie auch gehörten, erlauben
würden, auf die Straße zu rennen und nach uns zu hacken«.
Folglich wurden Verwundungen durch Hühner nur höchst selten
gemeldet.
Beide Seiten glaubten ursprünglich, die Truppe ausreichend versorgen
zu können. Das war jedoch selten der Fall. Auf dem Marsch und in
der Schlacht wurde die Verpflegung knapp und ihre Qualität immer
schlechter. Manchmal ergatterten die Männer auch Getreide von den
Futterplätzen der Armeepferde - in der Hoffnung,
daß das Futter weniger verdorben war als die Mannschaftsrationen.
Die schlechte Verpflegung führte zu Krankheiten, die sich oft zu
Epidemien auswuchsen. Die nicht enden wollenden Krankmeldungen und überbelegten
Krankenhäuser waren dafür Beweis genug. Unter Berücksichtigung
der Tatsache, daß ein Soldat beim Krankenappell für verschiedene
Krankheiten mehrmals vortreten konnte,
verzeichnete die Unionsarmee im ersten Kriegsjahr über 3000 Krankmeldungen
pro 1000 Mann. Bis zum Ende des Krieges hatte sich die Zahl auf immer
noch beachtliche 2273 Meldungen reduziert. Die Probleme, die damit auf
die Sanitätstruppen der Armeen zukam, hätten sie selbst bei
guter Vorbereitung kaum bewältigen können.

Das
Moore-Hospital in Richmond gibt einen Eindruck von der bescheidenen
Größe der meisten Krankenhäuser.
Ihre Kapazität reichte schon in den ersten Kriegsmonaten nicht
aus.
Ohnehin fehlte es - besonders im Süden - an allem, nur nicht an
Patienten.
Doch vorbereitende
Maßnahmen gab es nicht und der Soldat zahlte den Preis. Noch 1861
glaubte der Generalarzt der Union allen Ernstes, daß die Truppe
auf einigen Kriegsschauplätzen keine Krankenstationen brauchen
würde,
da dort doch ein so gesundes Klima herrsche. Seine Stabsärzte wußten
es kaum besser. Das Medizinstudium dauerte höchstens zwei Jahre,
wobei im zweiten Jahr oft nur der Stoff des ersten wiederholt wurde.
Außerdem konnte sich jeder zum Medizinstudium einschreiben, der
dafür bezahlen konnte. Die übrigen praktizierenden Ärzte
der Armee hatten sich ihr Handwerk in der Lehrzeit angeeignet, indem
sie die uralten Mythen und falschen Behandlungsmethoden von den alten
Feldscheren abschauten, die ebenso schlecht Bescheid wußten. Von
Keimen oder Sterilität hatte noch keiner etwas gehört und
einige Behandlungsmethoden stammten noch aus der Antike.
Die Ärzte hielten die Körpertemperatur für so unwichtig,
daß sie selten nach einem Thermometer verlangten.
Ben Pearson vom
36. lowa-Regiment mußte wegen einer »schlimmen Magenverstimmung
alles nur mögliche erdulden und erleiden«. Die Ärzte
hielten heiße Steine an seine Füße und Öltücher
auf seinen Bauch, um die Krankheit mit der Hitze »herauszuziehen«.
»Kalter, feuchter Schweiß trat mir aus jeder Pore, so kalt
wie der Tod, oh, was hab' ich da gelitten«, erinnerte sich
Pearson. Lungenentzündungen behandelten die Ärzte mit Alkohol
und Chinin oder mit Laudanum, einer Opiumtinktur. Wenn das nichts half,
ließen sie den Patienten zur Ader oder gossen ihm brennenden Alkohol
auf die Brust. Bei Verdauungsstörungen verschrieben sie Terpentin,
Quecksilber,
Kreide und sogar Strychnin. Mit Wassermelonensaft kurierten sie Erkältungen;
mit Baumrinde und Whisky die Malaria.
Ein Junge aus New Hampshire sandte eine Probe Magenpulver, das ihm verschrieben
worden war, nach Hause zu seiner Familie. Kommentar:
»Es hilft bei allen Leiden des Fleisches, von einer wunden Zehe
bis zur Hirnhautentzündung.«
Die Ärzte verabreichten so wahllos Opiate, daß sie damit
das erste Drogenproblem Amerikas verursachten.
Viele Soldaten verloren das Vertrauen zu den Truppenärzten und
behandelten sich selbst - mit ähnlich beeindruckenden Erfolgen.
Morphium bekam jeder, der es bezahlen konnte, und viele Soldaten setzten
es gegen die verschiedensten Krankheiten ein. Whisky und Senfpflaster
gehörten ebenfalls zu den Allheilmitteln. Allen Unkenrufen zum
Trotz gesundeten einige Soldaten nach derartigen Roßkuren. Ihr
Beispiel bestärkte Tausende in ihrem Entschluß »es
überall zuerst zu versuchen«, bevor sie zum Arzt gingen.
Die Ärzte waren ohnehin ständig
überlastet, denn die Kranken und Verletzten nahmen kein Ende. Im
Norden kam auf 133 und im Süden auf 324 Soldaten ein Arzt.
Diese massive Belastung und das Elend konnten viele Ärzte nur mit
Alkohol ertragen. Das Trinken schädigte wiederum den Ruf und untergrub
das Vertrauen der Soldaten. Geschichten machten die Runde, wie die vom
betrunkenen Arzt, der ein gebrochenes Bein schienen wollte, aber das
falsche behandelte. Der Patient erlitt einen solchen Schock, daß
er starb. Die Militärbürokratie hatte an den Zuständen
ein gerüttelt Maß an Schuld. Häufig schickte sie unerfahrene
Mediziner direkt an die Operationstische der Feldlazarette, während
viele erfahrene Ärzte mit mehreren Titeln und jahrelanger Praxis
an der Heimaffront Bandagen rollten.
Die Truppe verpaßte dem Truppenarzt eine Menge Beinamen, von »Medizinmann«
oder »Alter Chinine« bis zu »Lose Eingeweide«.
Doch wenn ein Mann glaubte,
daß er einen Arzt brauchte, weil er verwundet war, blutete und
Schmerzen hatte, wollte er schnell behandelt werden, egal wie. Es war
das reinste Chaos.
»Die Schrecken des Krieges werden nach dem Krieg am besten bezeugt«,
stellte ein Sergeant aus Vermont fest, und er hatte recht.

Die meisten Ärzte wußten
sich bei zerschmetterten Knochen und Gliedern nur mit Amputationen zu
helfen.
Die Kriegsversehrten erwartete jedoch alles andere als eine rosige Zukunft,
meist waren sie aufs Betteln angewiesen.
Nach der Schlacht
wurde jedes verfügbare Gebäude oder Zelt notfalls zum Lazarett.
Verwundete und schreiende Männer lagen überall in ihrem eigenen
Blut und Dreck. Ärzte waren ebenso knapp wie lindernde Medizin
und schmerzstillende Opiate.
Selbst das Wasser, das die ausgedörrten Lippen der Verwundeten
und Sterbenden kühlen sollte, konnte verseucht sein und so widerlich
riechen, daß es manche Männer würgte. »Von
der üblen Luft durch die Menschenmasse wurde mir schlecht«,
schrieb ein Bürger von Corinth am Mississippi, das die Konföderierten
im April 1862 in ein einziges Lazarett verwandelt hatten.
»Und wenn wir den Männern irgend etwas geben wollen, knien
wir in Blut und Wasser«.,,
Für über
90 Prozent aller Verwundungen waren Geschosse aus Handfeuerwaffen verantwortlich,
den Rest belegte die Artillerie.
Der Getroffene spürte in der Regel zuerst kaum Schmerz, nur einen
Schlag, der ihn häufig mit einer kurzfristigen Benommenheit zu
Boden warf. Dann kam eine Tortur nach der anderen.
Diejenigen, die Glück hatten, und nicht zwischen den Kampflinien
liegen blieben, wo sie während des gesamten Gefechts nicht geborgen
werden konnten oder im Durcheinander liegen blieben, wurden entweder
von Freunden oder Sanitätern mit Krankentragen abtransportiert.
Die Wunde schmerzte inzwischen mehr oder weniger stark. Ungeschickte
Träger verschlimmerten die Qualen, wenn sie die Last durchschüttelten
oder die Krankentrage fallen ließen. Unter den Trägern befanden
sich außerdem einige geübte Diebe, die als erstes die Taschen
der hilflosen Verwundeten durchwühlten. Kam der Verwundete auf
ein Sanitätsgefährt, ging es ihm bei der ungenügenden
Federung und den gleichgültigen Fahrern kaum besser als auf der
Trage. Viele Schwerverwundete starben schon auf dem Transport vor Schmerz
und Blutverlust.
Auf dem Hauptverbandsplatz wurden die Leichtverwundeten von den schweren
Fällen getrennt, die eine sofortige Behandlung brauchten oder denen
nicht mehr zu helfen war. Die einen mußten warten und die anderen
wurden so gut wie möglich zum Sterben gebettet. Sie bekamen Opium
oder Whisky, wenn vorhanden, dann wurden sie sich selbst überlassen.
Die Chirurgen kümmerten sich inzwischen mit ihren Sonden, Messern
und Sägen um die Steckschüsse, Splitter oder zerfetzten Gliedmaßen
der anderen. Die Größe der Kugeln reichte von Kaliber .36
bis zu daumendicken .75er-Geschossen. So makaber es klingt - Bauch-
oder Brustwunden erleichterten den Ärzten die Arbeit,
da sie fast immer tödlich waren und kaum richtig behandelt werden
konnten. Männer mit anderen Rumpf- und Kopfwunden mußten
normalerweise warten. Erstaunlicherweise erholte sich ein Viertel dieser
Männer tatsächlich wieder. Ein besseres Ergebnis, als wenn
die Ärzte versucht hätten, sie zu retten.
Im übrigen hatte wahrscheinlich jede Verwundung der Gliedmaßen,
irreparablen Schaden an den Nerven, Sehnen und Arterien angerichtet,
so daß dem Chirurgen nichts weiter übrigblieb, als die Kugel
zu finden, die Blutung zu stillen und in drei von vier Fällen den
Arm oder das Bein zu amputieren.
Sofern vorhanden, erhielt der Verwundete irgendein Betäubungsmittel,
bevor das Messer angesetzt wurde. Die Ärzte bevorzugten Chloroform
und hielten dem Patienten einen getränkten Schwamm oder ein Tuch
über die Nase, bis sich sein Körper vollkommen entspannt hatte.
Auch Äther sowie Laudanum wurden verwendet.
Engpässe traten laufend auf, besonders wenn es zu überraschenden
Gefechten kam und die Ärzte nicht auf eine größere Zahl
Verwundeter vorbereitet waren.
Geschichten von Operationen, bei denen man den Verwundeten einen Schluck
Whisky verabreichte und sie auf ein Bleigeschoß oder einen Stock
beißen ließ,
waren nicht bloß Gerüchte. Man versetze sich auch einmal
in diejenigen, denen selbst eine Amputation ohne Betäubung bevorstand.
Sie lagen vor dem Operationszelt und hörten die Schreie ihrer Kameraden,
wobei blutüberströmte Operationshelfer hin und wieder abgetrennte
Gliedmaßen heraustrugen. Nach der Schlacht von Gettysburg sollen
sich die abgetrennten Arme und Beine bis zu 1 1/2 Meter hoch hinter
den Operationszelten gestapelt haben.

Verwundete
warten auf ihren Abtransport
»Die Ärzte
und ihre Assistenten, nackt bis zur Taille und blutbespritzt, standen
da, einige hielten die armen Kerle, während andere, bewaffnet mit
langen blutigen Messern und Sägen, in furchterregender Geschwindigkeit
säbelten und sägten und die übel zugerichteten Glieder,
sobald sie abgetrennt waren,
auf einen Stapel in der Nähe warfen«, berichtete ein
konföderierter Kavallerist.
Viele seiner Kameraden
übergaben sich in den Sätteln, als sie an den blutigen Haufen
vorbeiritten.
Die Ärzte hatten wenig Zeit und oft fehlte die Einsicht, sich zwischen
den Operationen die Hände zu waschen oder die Instrumente säubern
zu lassen.
Dadurch übertrugen sie eine Menge Krankheitserreger von einem auf
den anderen Mann.
Mit scheußlich schmutzigen Händen, behandelten sie offene
Wunden und griffen tief mit ihren Fingern hinein. Nach der Schlacht
von Perryville im Oktober 1862 füllte sich ein ganzes US-Lazarett
mit Fällen von Hirnhaut-, Knochenmark- und Bauchfellentzündung,
die sich mit Sicherheit fast alle auf die schmutzigen Hände der
Ärzte zurückführen ließen.
Als offizielle Diagnose mußten wieder »giftige Dämpfe«
herhalten und man öffnete einfach die Fenster,
um sie zu vertreiben.
»Oh, es ist schrecklich«, rief ein Arzt nach den Gefechten
in der großen Wildnis Virginias im Mai 1864 aus. »Mir
scheint nicht so, als ob ich heute ein Messer in die Hand nehmen könnte,
aber hier sind hundert Fälle von Amputationen, die auf mich warten.
Die armen Kerle kommen und bitten mich fast kniefällig, die ersten
sein zu dürfen,
denen ein Arm abgenommen wird. Es ist ein Schreckensszenario, wie ich
noch keines gesehen habe und Gott helfe mir, daß ich es nicht
noch einmal erleben muß«.
Die meisten Ärzte gaben trotz ihrer Unwissenheit ihr bestes und
schonten sich selbst nicht. Sie ruhten erst aus, wenn alle Verwundeten
versorgt waren, selbst wenn nach Schlachten wie bei Gettysburg oder
der Wildnis Tausende Hilfe brauchten. »Wir haben uns fast
zu Tode gearbeitet«, schrieb der Stabsarzt George Stevens
aus New York, »aber wir können nicht ausruhen, weil es
noch so viele arme Kerle gibt, die leiden«. Zu viele mußten
sie sterben sehen. »Sie sehen mich an und bitten um Hilfe
und ich muß mich abwenden, weil ich ihre Schmerzen nicht lindern
kann.« »Alles meine Freunde«, vermerkte er betrübt,
»und alle dachten, daß ich ihnen helfen könnte.«
Kein Wunder, daß viele Ärzte zur Flasche griffen.

Vereinzelt
erhielten die Schwerkriegsversehrten bewegliche Prothesen.
Sie ermöglichten beidseitig Armamputierten, wenigstens einfache
Tätigkeiten wie Essen und Trinken ohne fremde Hilfe auszuführen.
Wer das Feldlazarett
überstanden hatte, auf den wartete die Tortur des Transports ins
Hinterland. Erst dort traten die tödlichen Infektionen und der
Wundbrand auf, die den Operierten noch lange Leidenswochen bescheren
konnten. Andere genasen nur langsam und verbrachten Monate, sogar Jahre
in den Krankenhäusern der großen Städte. Richmond war
eine Lazarettstadt mit
34 Hospitälern. Das Winder Hospital hatte 4´300 Betten und
das Chimborazo konnte sogar 8´000 Fälle aufnehmen.
Es verfügte über eigene Versorgungsbetriebe einschließlich
Bäckerei und sogar über eigene Viehbestände und Felder.
Während des
Bürgerkrieges durchliefen diese Riesenanstalt rund 76´000
Verwundete und Kranke. Washington konnte mit allein
25 Militärhospitälern direkt in der Hauptstadt und weiteren
in der unmittelbaren Umgebung gut mithalten. Doch die Chefärzte,
die diese Krankenhäuser leiteten, waren entweder zu alt für
den Felddienst oder zu unerfahren. Dasselbe galt für das Pflegepersonal,
darunter viele Frauen und freiwillige Helfer, dessen guter Wille die
vielen Unzulänglichkeiten nicht ausgleichen konnte.
Im Norden entwickelte sich nach und nach ein professionelles Pflegecorps,
das diese Pflichten übernahm.
Hier erlebte der Dichter Walt Whitman die bedrückende Kehrseite
des Krieges.
»Ich
gehe jeden Tag oder Abend ohne Ausnahme in eines der großen Krankenhäusern
der Regierung«,
erzählte er einem Freund. »Oh, diese traurigen Szenen,
die ich beobachte - Schauspiele des Todes, der Qualen, des Fiebers,
Amputationen, Freundlichkeiten, nach etwas Liebe hungernde und dürstende
junge Herzen.«
Er mußte sich ständig beschäftigen, um nicht in Tränen
auszubrechen, obwohl ihn die Freundlichkeit und der Trost, den er spenden
konnte, wieder etwas aufrichteten.
»Ich glaube, daß ich oft diesen lieben leidenden Jungen
durch meine Anwesenheit und meine Ausstrahlung etwas geben kann, was
weder Ärzte, Medizin, (chirurgische) Fertigkeiten noch die tägliche
Pflege geben können«.
Weil die Männer im Feld gebraucht wurden, sprangen Frauen als Pflegerinnen
und Krankenschwestern ein. Die meisten fielen nicht weiter auf, aber
einige Persönlichkeiten, wie etwa Dorothea Dix und Clara
Barton, machten von sich reden. Ihre Tätigkeit führte
nach dem Krieg zu großen Fortschritten in der Krankenpflege.
Clara Barton organisierte ein Schwestern-Korps mit eigenen Regeln, darunter
der Vorschrift, daß keine Schwester zu hübsch sein dürfe.
Im Süden hatten es die Frauen etwas schwerer. Eine jüdische
Witwe namens Phoebe Pember ließ sich aber nicht beirren und erreichte
schließlich,
daß sie das Chimborazo Hospital als erste Krankenschwester einstellte.
Sie fand sich selbst »inmitten von Leiden und Tod, mit denen hoffend,
die fast keine Hoffnung mehr auf der Welt hatten; betend am Bett von
Einsamen und Verzweifelten; die Augen von Jungen schließend, die
kaum alt genug waren,
um die Sorgen der Menschen zu verstehen«. Konfrontiert mit all
dem, konnte sie sich bei der Pflege von Männern nicht um die Konventionen
des 19. Jahrhunderts kümmern. »Eine Frau muß das
konventionelle Schamgefühl überwinden, das unter den anderen
Konventionen als richtig angesehen wird«, sagte sie.
Das Leiden, das eine Frau hier erlebe, stelle sie über diese nüchternen
Bedenken. »Wenn sie durch diese Hölle geht und dabei
nicht die Güte und Nächstenliebe verliert -
dann hat das Krankenhaus keinen passenden Platz für sie!«

Im
Bürgerkrieg bildete sich ein erstes amerikanisches Krankenschwestern-Korps,
das den Pflegenotstand mit freiwilligen Helferinnen lindern konnte.
Die Schwestern verabreichten den Verwundeten und Kranken nicht nur Medizin,
sondern spendeten ihnen auch Trost und Beistand.
Phoebe Pember war
im Chimborazo sicherlich nicht fehl am Platze. Nichts veranschaulicht
die Opfer und Qualen besser als eine Frostnacht des Jahres 1863, die
sie bei einem Jungen namens Fisher durchwachte. Er war der Liebling
ihrer Station, ein Junge, der eine schlimme Beinverletzung hatte und
ohne Amputation davongekommen war.
Jetzt, zehn Monate später, machte er Spaziergänge auf und
ab zwischen den Bettreihen. »Er war trotz aller Schwierigkeiten
immer tapfer, frisch und herzlich, interessiert und so liebenswürdig
und klaglos, daß wir ihn alle ins Herz geschlossen hatten«,
schrieb sie. Aber in dieser Nacht wurde sie an sein Bett gerufen.
Blut spritzte aus seinem Schenkel. Beim Spazierengehen hatte sich ein
scharfer Knochensplitter gelöst und die Arterie durchtrennt.
Sofort drückte sie ihren Finger auf die Wunde, um das Bluten zu
stoppen und rief nach dem diensthabenden Arzt.
Dieser schüttelte nur den Kopf. Die Arterie lag zu tief, um genäht
werden zu können. Der Junge mußte sterben.
»Ich saß
lange bei dem Jungen«, schrieb sie später. Endlich sagte
sie ihm, was der Doktor ihr anvertraut hatte. Er nahm die Nachricht
mit seiner üblichen Gelassenheit auf, gab ihr Anweisungen, wie
sie seine Mutter benachrichtigen sollte und fragte sie dann: »Wie
lang kann ich noch leben?« »Nur so lange ich meinen Finger
auf diese Arterie drücke«, antwortete sie. Er blieb
ziemlich lange ruhig und sie fragte sich, was ihm wohl durch den Kopf
ging. Endlich sprach er wieder ganz ruhig. »Du kannst loslassen«.
Aber sie konnte es nicht, »nicht einmal, wenn mein eigenes
Leben davon abgehangen hätte«. Ihre Augen füllten
sich mit Tränen, das Blut stieg ihr zu Kopf und klopfte in ihren
Ohren, ihre Lippen wurden kalt, aber sie konnte einfach nicht loslassen.
Schließlich »blieben mir die Gewissensbisse, ob ich
dem Jungen gehorchen sollte, erspart,
und zum ersten und letzten Mal in diesen schwierigen vier Jahren wurde
ich ohnmächtig«.
Im Laufe des Krieges starben 360´222 Unionssoldaten an Krankheiten
und Wundinfektionen. Von den über 250´000 Konföderierten,
die dem Krieg zum Opfer fielen, erlagen drei Viertel Krankheiten, Seuchen
und Infektionen. Und die Chance, sich im Biwak eine Krankheit einzufangen,
war noch höher. Denn von Viren und Krankheitserregern wußte
man noch nichts und konnte deshalb auch nichts gegen sie unternehmen.
Die eigenen Ärzte
und ihre Behandlungsmethoden waren oft gefährlicher als der Feind.
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