Schlacht
von Cold Harbor
31.
Mai – 12. Juni 1864

Die
Schlacht von Cold Harbor fand vom 31. Mai bis zum 12. Juni 1864 um
eine wichtige Kreuzung fünfzehn Kilometer nordostwärts von
Richmond, Virginia, statt.
Im gleichen Raum hatte der General der Konföderierten Robert
E. Lee zwei Jahre zuvor die Schlacht bei Gaines Mill während
der Sieben-Tage-Schlacht gegen
die Potomac-Armee geschlagen, der er auch hier wieder gegenüber
stand. Die Schlacht wird deswegen auch Zweite Schlacht von Cold Harbor
genannt.
Nach
beiderseitigen heftigen Angriffen in den ersten Tagen grub sich Lees
Nord-Virginia-Armee bis auf die Kavallerie zur Verteidigung ein und
brachte der zahlenmäßig überlegenen Potomac-Armee
unter Generalmajor George Gordon Meade eine schwere Niederlage bei.
Die Schlacht war der letzte größere Sieg einer Südstaatenarmee
während des Krieges.
Vorgeschichte
Trotz
der Siege der Union bei Gettysburg und Vicksburg ging es auf dem östlichen
Kriegsschauplatz nicht voran. Präsident Abraham Lincoln fehlte
immer noch ein Heerführer, der den Krieg gegen den Süden
so schnell wie möglich beenden konnte. Aus Mangel an anderen
geeigneten Generalen holte sich Lincoln im März 1864
den bisher auf dem westlichen Kriegsschauplatz erfolgreich agierenden
Generalmajor Ulysses S. Grant und ernannte ihn zum Oberbefehlshaber
des Heeres.
Grant begann sofort mit Angriffen aus allen Richtungen gegen die Konföderation.
Er selbst überwachte die Potomac-Armee Generalmajor Meades und
die
James-Armee Generalmajor Benjamin Butlers vor Ort, die er sofort gegen
die Nord-Virginia-Armee General Lees und die Verbindungslinien der
Konföderierten
südlich Richmonds in Marsch setzte. Dabei war sein Ziel nicht
mehr wie früher die Eroberung Richmonds, sondern die Vernichtung
der gegnerischen Armee.
"Lee's army will be your objective point.
Wherever Lee goes, there you will go also." („Lees Armee
ist Ihr Ziel. Wo immer Lee hingeht, dorthin werden Sie ihm folgen!“)
sagte er zu seinen Generalen.

Das
Ziel des Überland-Feldzugs
Zum
ersten Mal während des Bürgerkrieges lag die Kriegsführung
der Union in einer Hand. Grant beauftragte Generalmajor Sherman, in
den tiefen Süden der Konföderation anzugreifen, während
er selbst die Nord-Virginia-Armee Lees in Virginia binden und vernichten
wollte. Nach der Vernichtung dieser Armee würde Richmond als
Symbol der Konföderation und die Konföderation selbst fallen.
Grant beabsichtigte, einen Abnutzungskrieg zu führen. In den
kommenden Schlachten sollten die überlegenen Unionsarmeen Lees
Nord-Virginia-Armee ausbluten. Gleichgültig wie hoch Grants Verluste
seien würden,
würde er sie leichter ausgleichen können als die Konföderation.
Um dieses Ziel zu erreichen,
griff er die Nord-Virginia-Armee zunächst in der Wilderness und
bei Spotsylvania frontal an.
Weil er mit dieser Taktik scheiterte, versuchte er Lees Armee erst
am North Anna,
dann bei Cold Harbor und schließlich bei Petersburg zu überflügeln.
Am
Vorabend der Schlacht – von Yellow Tavern bis zum North Anna
Nach der Schlacht bei Spotsylvania Court House am 8. Mai beabsichtigte
Lee, Grant auf seinem Marsch nach Osten den Weg abzuschneiden. Dazu
ließ er seine Armee am 23. Mai am North Anna so in Stellung
gehen,
dass Grant sich teilen musste, um ihn anzugreifen.
Unterdessen hatte am 9. Mai Generalmajor Sheridan mit drei Kavalleriedivisionen
das Depot der Nord-Virginia-Armee
bei Beaver Dam Station angegriffen und eine Lokomotive und Waggons
zerstört.
Am 11. Mai wurde sein weiteres Vorgehen von zwei Kavalleriebrigaden
unter Generalmajor J.E.B. Stuart
bei Yellow Tavern aufgehalten. Während dieses Gefechts wurde
Stuart tödlich verwundet und Lees Neffe,
Generalmajor Fitzhugh Lee, übernahm das Kommando über die
Kavallerie der Nord-Virginia-Armee.
Nach
vierstündigen Kämpfen brach Sheridan das Gefecht ab und
marschierte zum James, um die linke Flanke der Potomac-Armee zu sichern.
Am 24. Mai marschierte Fitzhugh Lee mit seinen Kavalleristen an der
linken Flanke der Potomac-Armee vorbei und griff ein Depot der Union
bei Wilsons Wharf an, wurde jedoch von farbigen Regimentern abgewehrt.
Grant
teilte die Potomac-Armee,
wie es Lee vorhergesehen hatte; Lee vergab aus verschiedenen Gründen
die Möglichkeit, Grants Korps einzeln und nacheinander zu schlagen.
Am 26. Mai begann Grant einen erneuten Versuch, die Nord-Virginia-Armee
im Osten zu überflügeln.
Die
Schlacht
Vorspiel
– Am Totopotomoy

Die
Potomac-Armee überquerte am 28. Mai den Pamunkey bei Hanovertown
unter Sicherung durch Sheridans Kavallerie. Lee versuchte als Antwort
auf die Bewegung der Potomac-Armee, eine geeignete Stellung am Totopotomoy
Creek zu besetzen. Eine seiner Kavalleriedivisionen sandte Lee zur
gewaltsamen Aufklärung der Unionsarmee entgegen. Bei Haws Shop
kam es zu einem siebenstündigen sowohl auf- als auch abgesessen
geführten Kavalleriegefecht, das Lee dazu nutzte, sich am Totopotomoy
Creek einzugraben.
Grant
ließ die Kavallerie ausweichen und ging am 29. Mai ohne Aufklärung
gegen die Stellung der Nord-Virginia-Armee aus Osten und Norden vor.
Der Angriff Generalmajor Hancocks II. Korps blieb vor den Stellungen
der Konföderierten liegen und das Korps grub sich ein.
Für den 30. Mai beabsichtigte Meade, Lee auf beiden Seiten zu
überflügeln.
Dieser Plan scheiterte jedoch, weil Generalmajor Wrights VI. Korps
das linke Ende der Nord-Virginia-Armee nicht fand und Generalmajor
Warrens V. und Generalmajor Burnsides
IX. Korps nicht mit dem notwendigen Schwung angriffen.
Lee
erkannte, dass zwei gegnerische Korps südlich des Totopotomoy
Baches isoliert waren und befahl Earlys II. Korps, das V. US-Korps
bei der Bethesda Kirche anzugreifen und zu schlagen. Dazu bat Early
Generalleutnant Anderson, ihn mit seinem I. Korps zu unterstützen.
Diese Unterstützung blieb aus und der Angriff erzielte nur geringe
Erfolge.
Beide
Armeen lagen sich in einem Patt gegenüber. Grant ließ deshalb
seine Kavallerie nach Süden und Osten aufklären. Bei Old
Church kam es zu einem meist abgesessen geführten Kavalleriegefecht
am Matadequin Creek, das die Nordstaatler wegen ihrer überlegenen
Bewaffnung für sich entschieden. Die Nacht beendete die Kämpfe;
die Nordstaatenkavallerie war bis auf 2 km an die Kreuzung bei Cold
Harbor herangekommen. Lee hatte am Nachmittag dem Kriegsministerium
gemeldet, dass Generalmajor Smiths XVIII. Korps nach dem Ausschiffen
seine rechte Flanke und seinen Rücken bedrohen könnte und
bat deshalb bis zum Tagesanbruch des 31. Mai um Verstärkung durch
wegen des Abzugs
des XVIII. Korps von der James-Armee freigewordene Kräfte.

31.
Mai bis 2. Juni
Cold
Harbor, kein Hafen sondern ein Rasthaus, in dem nur kalte Speisen
serviert wurden, lag an einem Wegeknoten, von dem aus gut ausgebaute
Wege Truppenbewegungen in allen Richtungen ermöglichten. Kavallerie
aus Sheridans Korps nahm am 31. Mai die Kreuzung. Während des
Tages versuchte zunächst Fitzhugh Lee, später die vom James
eintreffende Infanteriedivision Cold Harbor erneut zu nehmen und brachte
Sheridan in ernsthafte Schwierigkeiten.
Dieser bat deshalb Grant, ausweichen zu dürfen, was ihm dieser
verbot
" Hold on at all hazards." („Halten um jeden Preis.“)
und
für den nächsten Tag Verstärkung durch Infanterie zusagte.
Die
von Lee geforderte Verstärkung traf am frühen Morgen ein
und wurde westlich Cold Harbor eingesetzt.
Lee griff anschließend das II., V. und IX. Korps auf dem rechten
Flügel der Potomac-Armee an, um Grant zu zwingen, Kräfte
aus Cold Harbor abzuziehen bzw. ihn daran zu hindern, dort zu verstärken.
Die Unionstruppen wehrten alle Angriffe von Earlys II. Korps ab. Grant
befahl deshalb am Nachmittag das
II. Korps für den nächsten Morgen auf den linken Flügel.
Auf dem Marsch nach Cold Harbor befanden sich bereits das VI. und
das XVIII. Korps.
Noch
während der Angriffe Lees auf dem rechten Flügel der Potomac-Armee
erreichte am 1. Juni gegen 09:00 Uhr das VI. Korps Cold Harbor, als
Sheridan den zweiten Angriff der Konföderierten durch den Einsatz
seiner überlegenen Feuerkraft abgewehrt hatte. Gegen 14:00 Uhr
traf auch das XVIII. Korps nach einem Irrmarsch ein und ging rechts
des VI. Korps in Stellung. Beide sollten so schnell wie möglich
angreifen.
Wegen Erschöpfung der Truppen dauerte es aber bis gegen 18:00
Uhr, ehe der Angriff begann.
Lee hatte auf die Bewegungen der Potomac-Armee reagiert und Andersons
I. Korps auf seinen rechten Flügel verlegt. Der Angriff der Unionstruppen
traf auf eingegrabene Infanterie; ihnen gelang der Einbruch in die
Sicherungslinie, aber alle Angriffe scheiterten an der Hauptkampflinie.
Die Unionstruppen befestigten nun die ehemalige gegnerische Sicherungslinie
und hielten sie gegen immer wiederkehrende Nachtangriffe der Konföderierten.
Grant
hatte zwar nicht siegen können, aber die Wege zu den Übergängen
über den Chickahominy und zum James waren in seiner Hand. Für
den 2. Juni beabsichtigte Grant mit allen fünf Korps gleichzeitig
anzugreifen und je nach Erfolg die Nord-Virginia-Armee entweder von
ihrem linken oder rechten Flügel aufzurollen.
Der Angriff war zunächst für 17:00 Uhr geplant. Die Soldaten
waren aber durch vorangegangene Kämpfe und die Märsche in
Hitze und Staub so erschöpft,
dass der Angriffsbeginn für den 3. Juni um 04:30 Uhr festgesetzt
wurde. Die Divisionen auf beiden Seiten begannen, soweit das nicht
schon geschehen war,
sich einzugraben. Diese Stellungen bestanden nicht mehr aus Brustwehren,
sondern waren durchlaufende zickzackförmige Gräben, die
sich auf einer Länge
von 7 km erstreckten. Zudem wurden in der Tiefe der Stellungen Verbindungsgräben
angelegt, durch die zum einen die Versorgung der vorn Kämpfenden
sichergestellt wurde, zum anderen Truppenteile für Gegenangriffe
schnell und geschützt nach vorne gebracht werden konnten.
Durch die Form war das jederzeitige flankierende Feuer auf einen Angreifer
möglich. Zum Schutz vor Beschuss durch die Artillerie und das
direkte Erstürmen waren die Gräben mit Holz abgedeckt. Lee,
seine Kommandierenden Generale und die Divisionskommandeure überwachten
persönlich den Ausbau der Feldbefestigungen.

Grants
Angriff am 3. Juni
Am
2. Juni und in der Nacht zum 3. hatte sich niemand die Mühe gemacht,
die Position und Tiefe der konföderierten Stellungen aufzuklären.
Meade glaubte, die Korps hätten aufgeklärt, und die Korps
glaubten, die Armee hätte Aufklärung durchgeführt.
Den Soldaten der Union war durchaus bewusst, was auf sie zukam.
Viele schrieben ihre Namen auf Zettel, die sie in ihre Uniformen nähten,
um im Todesfall einfacher identifiziert werden zu können.
Pünktlich
um 04:30 Uhr griffen das II., VI. und XVIII. Korps mit insgesamt 31.000
Mann an.
Die Konföderierten eröffneten das Feuer mit allen Waffen
erst, als die Angreifer auf Kernschussweite herangekommen waren. Dem
II. Korps gelang ein Einbruch in die Hauptkampflinie der Konföderierten.
Dieser Erfolg wurde jedoch nicht ausgenutzt – entweder weil
die Reserven nicht rechtzeitig da waren,
um das Erreichte zu stabilisieren oder weil sie bereits während
der Annäherung von konföderierten Verbänden bekämpft
wurden. Die Divisionen des II. Korps mussten ausweichen und lagen
den Konföderierten in deren ehemaliger Sicherungslinie bis auf
40 Meter Entfernung gegenüber.
Der
Angriff des VI. Korps erreichte die Hauptkampflinie der Konföderierten
nicht. Der erzielte Geländegewinn rückte ihre Stellungen
jedoch näher an die der Südstaatler heran. Das XVIII. Korps
nahm schnell die Sicherungslinie. Alle Angriffsversuche auf die Hauptkampflinie
der Konföderierten schlugen jedoch fehl und das Korps bezog Stellungen
entlang der ehemaligen gegnerischen Sicherungslinie.
Der
Angriff der drei Korps dauerte nicht einmal eine halbe Stunde und
forderte ca. 7.000 Verluste
auf Seiten der Union. Ein Unionssoldat erinnerte sich, dass die Angehörigen
seiner Kompanie zu Boden gingen und er sich ebenfalls hinwarf, weil
er glaubte, es hätte einen Befehl gegeben, dies zu tun.
Und sein Kompaniechef wunderte sich, weil sich nur wenige wieder erhoben,
um seinem Angriffskommando nachzukommen. Jedes Korps hatte allein
verantwortlich angegriffen.
Die Angriffe waren nicht koordiniert und als der Kommandierende General
des XVIII. Korps seinen Angriff mit dem Kommandierenden General des
VI. Korps absprechen wollte, antwortete dieser:
„Ich werde einfach draufschlagen!“
Grant erkannte gegen 07:00 Uhr, dass die Stellungen der Konföderierten
stärker als erwartet waren und stellte Meade frei,
den Angriff dort und dann einzustellen, wo kein Erfolg mehr möglich
schiene. Meade befahl zunächst die Fortsetzung der Angriffe.
Hancock weigerte sich, den Befehl weiterzugeben, Smith verweigerte
den Gehorsam. Wrights Stab gab den dreimal wiederholten Befehl kommentarlos
bis auf die Regimentsebene weiter.
Captain Thomas E. Barker, Kommandeur des 12. New Hampshire Infanterieregiments
(das Regiment hatte beim ersten Angriff bereits 164 seiner 300 Männer
verloren)
sagte bei Erhalt des Befehls:
"I
will not take my regiment in another such charge if Jesus Christ himself
should order it!"
(„Ich werde mein Regiment nicht in einen weiteren derartigen
Angriff führen, selbst wenn Jesus Christus persönlich ihn
befehlen sollte!“)

New
York Artillerie beim Sprung aus den Gräben
Viele führten den Befehl so aus, dass sie aus ihren Stellungen
das Feuer auf die Konföderierten eröffneten, aber sich nicht
auf den Feind zu bewegten.
Auf dem rechten Flügel der Potomac-Armee griffen das V. und IX.
Korps pünktlich um 04:30 Uhr an. Es gelang ihnen die Sicherungslinie
zu nehmen und in die Hauptkampflinie der Konföderierten einzubrechen.
Da für den weiteren Angriff auf den linken Flügel der Nord-Virginia-Armee
zunächst Artillerie nach vorn gebracht werden musste, wurde die
Fortsetzung des Angriff auf 13:00 Uhr festgesetzt.
Um die Mittagszeit verbot Grant jegliche weiteren Angriffe und befahl
den Korps der Potomac-Armee sich auf eine Belagerung einzurichten.
Die Soldaten gruben sich, soweit noch nicht geschehen, ein, und verbesserten
ihre Stellungen.
Das bedeutete aber nicht das Ende der Kampfhandlungen – das
Artilleriefeuer und das Feuer der Scharfschützen dauerte den
ganzen Tag an und forderte weitere Verluste.
Noch
am Abend gestand Grant seinem Stab ein:
"I regret this assault more than any one I have ever ordered."
(„Ich bedauere diesen Angriff mehr als jeden anderen, den ich
jemals befohlen habe!“)
Lee
hatte am 2. und in der Nacht auf den 3. Juni seinen Vorteil der Inneren
Linie dazu genutzt, Truppen zu verschieben und sein Stellungssystem
auszubauen.
Er ließ Stellungen in der Tiefe anlegen und verteilte Reserven
so, dass sie an allen Stellen der Front schnell verstärken konnten.
Ihm war klar,
dass er nur noch diese Gelegenheit haben würde, die Potomac-Armee
zu schlagen, bevor sie den James erreichen würde. Sobald es danach
zu einer Belagerung kommen würde, sei die Niederlage der Konföderation
nur eine reine Zeitfrage. Die Verluste Lees bei der Abwehr des Angriff
betrugen ca. 1.500 Soldaten.
Nach
dem Angriff

Mörser
in Feuerstellung
Nach
dem Angriff zeigte Grant dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber
dem Leiden seiner Soldaten wie vor Vicksburg. Erst am 5. Juni bat
er Lee, der Bergung der Verwundeten und Toten beider Seiten zuzustimmen.
Lee bestand auf einer Bitte um Waffenruhe, weil die Konföderierten
keine Verwundeten vor ihren Linien hatten – gegen örtliche
Bergungen unter weißer Flagge hatte Lee keine Einwände.
Erst als Grant seine Niederlage eingestand und um eine Waffenruhe
nachsuchte, s
timmte Lee am 6. Juni der Bergung zu. Als am Abend des 7. Juni die
Waffenruhe in Kraft trat,
gab es fast nur noch Tote zu bergen.
Vom
4. – 12. Juni lagen sich die Armeen gegenüber. Durch ständige
Mörserüberfälle, Stoßtruppunternehmen, Scharfschützeneinsätze
und Nachtangriffe verdoppelte sich die Verlustzahl auf beiden Seiten
nahezu noch einmal.

Afroamerikaner
bergen die sterblichen Überreste der gefallenen Soldaten
Am 6. Juni befahl Grant, eine zweite Grabenlinie
anzulegen, um daraus den Abzug der Potomac-Armee an den James zu verschleiern.
Am 7. Juni sandte Lee eine Brigade von Cold Harbor ins Shenandoah-Tal,
um die Unionstruppen aus dem südlichen Tal zu vertreiben. Am
nächsten Tag schickte er seine Kavallerie hinter Sheridan her,
von dem er befürchtete, er solle die Unionstruppen im südlichen
Shenandoah-Tal verstärken. Am 12. Juni befahl er Generalleutnant
Early mit seinem II. Korps das Shenandoah-Tal zu nehmen, den Potomac
zu überqueren und Washington zu bedrohen.
In
der Zwischenzeit war am 8. Juni der Angriff der James-Armee auf Petersburg
gescheitert.
In
der Nacht zum 13. Juni begann Grant mit dem Abzug des XVIII. und IX.
Korps.
Unter dem Schutz seiner zurückgekehrten Kavallerie baute er eine
2.200 m lange Pontonbrücke über den James, über die
seine Korps am 13. und 14. Juni auf das südliche Ufer gelangten.
Den Konföderierten war der Abzug Grants nicht entgangen, nur
wusste Lee einen gesamten Tag nicht, was Grant beabsichtigte. Die
anschließenden Bewegungen beider Armeen beendeten den Überland-Feldzug
und führten zur Belagerung von Petersburg.
Unmittelbare
Auswirkungen und Bedeutung
Nach
der Schlacht von Cold Harbor war das Kriegsministerium der Union nicht
mehr in der Lage, Grant Ersatz für die ausgefallenen Soldaten
zu schicken.
Erst bei der Einberufung des nächsten Jahrganges würde das
möglich sein. Der große Blutzoll der Schlacht stärkte
die Kriegsgegner in der Union
und gab den Demokraten im bevorstehenden Wahlkampf Auftrieb.
Für General Lee bedeutete das Ende des Überland-Feldzuges
und die Schlacht bei Cold Harbor das Ende der Offensivfähigkeit
der Nord-Virginia-Armee
und führte nach neunmonatiger Belagerung von Petersburg durch
die Unionsarmeen zur Kapitulation bei Appomattox Court House.
Grants Führungskunst während des Feldzuges und besonders
der Schlacht wurde später kontrovers diskutiert. Von Kritikern
wurde er der „Schlächter“ genannt,
für andere war er der glorreiche Sieger.
Wortführer der Kritiker war Brevet-Generalmajor Martin T. McMahon.
Er nahm für sich in Anspruch, für die Mehrheit der Teilnehmer
an der Schlacht zu sprechen.
Er warf Grant vor, dass die Schlacht nie hätte geschlagen werden
dürfen und keine militärische Notwendigkeit dafür vorgelegen
hätte.
Und sie reihe sich in die vorhergehenden, blutigen und unnötigen
Schlachten des Überland-Feldzuges ein. Diese Sichtweise muss
unter dem Gesichtspunkt
der anstehenden Präsidentschaftswahlen gesehen werden. McMahon
war Anhänger McClellans, des demokratischen Gegenkandidaten Präsident
Lincolns.
In derselben Anschuldigungsschrift wies McMahon darauf hin, dass,
hätte General McClellan zwei Jahre zuvor dieselbe Unterstützung
aus Washington wie Grant erhalten, der Krieg damals schon durch McClellan
beendet worden wäre.
Zu
den zurückhaltenderen Kritikern gehörte auch der Oberbefehlshaber
der Potomac-Armee, Generalmajor Meade, der in einem Brief an seine
Frau am 5. Juni schrieb:
“I
think Grant has had his eyes opened, and is willing to admit now Virginia
and Lee's army is not Tennessee and Bragg's army.
„Ich denke, dass Grant nun die Augen geöffnet
wurden und er bereit ist zu akzeptieren, dass Virginia und Lees Armee
nicht vergleichbar mit Tennessee und Braggs Armee sind.“
Grants
Entscheidung für den Frontalangriff gründete sich auf einer
Selbsttäuschung. Er war davon überzeugt, dass die Soldaten
der Nord-Virginia-Armee durch die ständigen Angriffe während
des Feldzuges geschlagen waren und es nur noch einer entschiedenen
Anstrengung bedürfe, sie endgültig zu besiegen und dass
seine Soldaten die bessere Kampfmoral besäßen. Dazu kam
der Erfolg der Frontalangriffe bei Spotsylvania. Er überschätzte
auch die Verluste Lees und unterschätzte, dass die Nord-Virginia-Armee
immer noch aus kampferprobten Veteranen bestand, während die
Potomac-Armee ihre Verluste durch ca. 40.000 unerfahrene Soldaten
ausgeglichen hatte.
Den nicht ausgeführten zweiten Angriffsbefehl gab Meade, weil
der erste Angriff das Ziel, in die konföderierten Stellungen
einzubrechen, fast erreicht hatte,
und es nun darum ging, energisch nachzusetzen und weil die ihm gemeldeten
Verluste nicht so erheblich waren, dass der Angriff hätte eingestellt
werden müssen.
Trotz
dieses taktischen Sieges Lees, einer der letzten der Nord-Virginia-Armee,
änderte sich an der misslichen Lage der sich in der strategischen
Defensive befindlichen Konföderation nichts. Besonders die kurzfristige
Hoffnung auf eine Beeinflussung des Ausgangs des Präsidentschaftswahlkampfes
zu ihren Gunsten wurde durch den erfolgreichen Atlanta-Feldzug zunichte
gemacht. Grant hatte das Ziel des Überland-Feldzugs erreicht
und die Union blieb trotz der Niederlage in der strategischen Offensive.
Die Bedeutung der Schlacht von Cold Harbor darüber hinaus wird
ebenfalls kontrovers diskutiert. So wird die Schlacht für die
erste moderne Schlacht gehalten und damit als das Ende der napoleonischen
Kriegführung festgelegt.
Die Schlacht von Cold Harbor zeigte eine neue Dimension des Krieges.
Zwar gab es auch vorher Frontalangriffe gegen Feldbefestigungen, Mörserüberfälle,
Stoßtruppunternehmen und Nachtangriffe, aber nie in einer solchen
Gleichzeitigkeit. Die Waffentechnik hatte sich gegenüber Gettysburg
nicht verändert.
Was jedoch die Waffenwirkung subjektiv für den einzelnen Soldaten
so extrem steigerte, war die Feuerzusammenfassung möglichst vieler
auch unterschiedlicher Waffen auf einen bestimmten Raum und zu einer
bestimmten Zeit. Dies wurde besonders durch den zickzackförmigen
Verlauf der Feldbefestigungen ermöglicht.
Die Schlacht war das Ende des block- und reihenweise Vorgehens im
Angriff.
Es
wurde weiter geschlossen, dass der Angriff von Infanterie gegen Infanterie
in Feldbefestigungen erfolglos sein müsse und nur große
Opfer fordern würde,
besonders in Hinblick auf die sich immer mehr steigernde Leistungsfähigkeit
der Waffen. Ein Ausweg aus dieser militärstrategischen Situation
wurde nicht gefunden und führte sinnfällig zum Abnutzungskrieg
während des Ersten Weltkriegs.
Die napoleonische Kriegführung war aber nicht am Ende. Die deutschen
Einigungskriege wurden unter diesem Vorzeichen geführt, der Westfeldzug
und die Schlacht um Ostpreußen während des Ersten Weltkriegs
sind Beispiele für solche Kriege. Erst als der Bewegungskrieg
erstarrte und den Feldherren nichts Besseres mehr einfiel,
wurde auf die Taktik zurückgegriffen, die schon in Cold Harbor
ohne Rücksicht auf die Verluste erprobt worden war.
Die
Schlacht von Cold Harbor zeigte, wie der Krieg der Zukunft aussehen
konnte und gab einen Ausblick auf den Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg.
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