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VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© Stefan Papp, jr., Serientitel: NORD & SÜD
1990, - Shenandoah 1864 -
sowie Veröffentlichungen der Kongreßbibliothek der USA (LOC) und des US Nationalarchiv (NARA)

COLD HARBOR

 

Shenandoah 1864

 

 

Der Schauplatz

Einer der schönsten Flecken Erde Nordamerikas ist das Shenandoah-Tal in Virginia, das von Südwesten nach Nordosten verlaufend, sich über 150 Meilen,
vom James River im Süden bis zum Potomac River im Norden, erstreckt.
Es liegt eingebettet zwischen der östlichen Hauptkette, den Blue Ridge Mountains, deren westliche Talseite scharf und steil abfällt, deren östliche Hänge aber mit einer Reihe von niedrigen Vorbergen und Ketten stufenweise zur großen Atlantischen Ebene absteigen. Im Westen wird das Tal von einer zweiten parallelen Hauptkette,
den Allegheny Mountains eingefaßt, die in ihrem südlichen Teil aus einem festen Bergrücken besteht, sich weiter nördlich aber in einer großen Anzahl von Gebirgsästen, gleich den Rippen eines halb geöffneten Fächers, ausbreiten.

An der Stelle seiner weitesten Ausdehnung etwa 30 Meilen breit, wird das malerische „Valley" vom Shenandoah River durchströmt, der zwei gesonderte Zweige bildet:
Den South Fork, der sich seiner gesamten Länge nach entlang der Blue Ridge Mountains ein Bett bahnt, und den North Fork, der sich auf der westlichen Seite der Massanutten Mountains dahinschlängelt. Die beiden Zweige vereinen sich bei Front Royal, knapp 40 Meilen südwestlich von der Mündung des Flusses in den Potomac bei Harper's Ferry. Während des Bürgerkrieges war das Shenandoah-Tal für die Südstaatenkonföderation von besonderer geographischer, strategischer und ökonomischer Relevanz: Zum einen wegen seiner Bedeutung als natürliche Heerstraße - die „Valley Pike", dazu paralell verlaufend die „Back Road" und „Middle Road" -
die General Robert E. Lee zweimal effektiv nutzte, um die Flanke seines Kontrahenten in einer strategischen Umgehungsbewegung zu passieren, plötzlich nördlich vom Potomac River in Maryland zu erscheinen und den Norden in Angst und Schrecken zu versetzen (Maryland/Antietam-Feldzug 1862, Pennsylvania/Gettysburg-Feldzug 1863).

Durchkreuzt wurde das Tal von der Virginia Central Railroad, Hauptverbindung zwischen der östlichen und westlichen Seite der Blue Ridge Mountains.
In Staunton, dem maßgeblichen Nachschubdepot, behaupteten die Rebellen eine Reihe von Hospitälern, Eisenbahnfuhrparks und Lagerhäusern,
vollgestopft mit wertvollsten Kriegsgütern. Die äußerst fruchtbare Region, denn man sprach nicht umsonst vom „Brotkorb der Konföderation",
versorgte die kämpfende Truppe mit Korn, Früchten, Vieh, „alles strömte aus diesem grünen Füllhorn, und auf seinen Erzeugnissen ruhten viele der Hoffnungen
und das Schicksal einer ringenden jungen Nation." (W. C. Davis, THE BATTLE OF NEW MARKET, 1975)

Umgekehrt betrachtet, bildete das Shenandoah-Tal auch für die Nordstaatler einen Invasions-Korridor ins Herzland Virginias. Ein Abschwenken durch einen der östlichen Gebirgspässe ermöglichte der Union nämlich, die konföderierte Hauptstadt, Richmond, von ihrer Rückseite her zu bedrohen, doch „die Ausnutzung dieser Möglichkeiten
war irgendwie ausnahmslos von den nördlichen Generälen falsch gehandhabt worden, und das mit Unterstützung durch (General in Chief) Halleck
und (Kriegsminister) Stanton, die besessen waren von der Furcht um die Sicherheit Washingtons, was sie fortwährend blind machte für die militärischen Realitäten".
(E. J. Stackpole). Während der ersten drei Kriegsjahre, hatte sich das Shenandoah-Tal als„ grüne und goldene Todesfalle für Unions-Armeen" (J. D. Wert) erwiesen.

CSA - General „Stonewall” Jackson

Bezeichnende Beispiele waren die brillante Kampagne des unvergessenen und legendären
CSA - General Thomas Jonathan
„Stonewall" Jackson (1824-1863) im Frühjahr 1862,
klassisches Lehrbeispiel für ein strategisches Ablenkungsmanöver unter Ausnutzung der inneren Linien,
oder die zweite Schlacht von Winchester im Vorfeld der Schlacht von Gettysburg,

Lieutenant General Richard S. Ewell

 

als

 

CSA - Lieutenant General Richard S. Ewell am 14./15. Juni 1863 Garnisonstruppen unter US-Major General Robert H. Milroy in die Flucht schlug.
Selbst noch das alles entscheidende Kriegsjahr 1864 bescherte den Konföderierten beeindruckende Anfangserfolge: Der überzeugende Sieg von New Market, die Vertreibung von General Hunter nach West Virginia, die Bedrohung der Unionshauptstadt durch General Earlys spektakulären Washington-Raid.

 

 

„Doch 1864 war nicht 1862, und die konföderierten Erfolge des Mittsommers erwiesen sich nur als vorübergehend.
Die nördliche Überlegenheit an Zahl und Ausrüstungen, kombiniert mit einer zerstörerischen neuen Philosophie der Kriegsführung
zerbrach bald die südliche Stellung im Tal, und während dieses Prozesses wurde viel von dessen Schönheit zur rauchenden Ruine.
Tatsächlich wurde das Shenandoah Valley zum Mikrokosmos des letzten Sommers des Bürgerkrieges:
Hier, wie anderswo, taumelte die Konföderation zum Ende des Jahres auf dem Grat der endgültigen Niederlage. "
(Everard H. Smith, „Back to the Valley", aus W. C. Davis (ed.), THE IMAGE OF WAR, 1861-1865, Volume 5, 1983)

 

Sigel gegen Breckinridge

Einleitung

Lieutenant General Ulysses S. Grant, Sieger von Vicksburg und Chattanooga - an neuzeitlichen Maßstäben gemessen, der bedeutendste Feldherr des Civil War -,
wurde am 12. März 1864, durch Generalorder Nr. 98, offiziell zum Oberbefehlshaber sämtlicher Landstreitkräfte der Vereinigten Staaten erhoben.
Damit war eine der wichtigsten militärischen und personalpolitischen Entscheidungen des Amerikanischen Bürgerkrieges gefallen.
Das schon triviale Negativ-Image von Grant, dem skrupellosen, gewissenlosen „Schlächter", der sich durch hemmungslose „Mit-demKopf-durch-die-Wand"-Taktiken
zum absoluten Triumph in Appomattox durchboxte, und das ohne Rücksicht auf Verluste, weil gestützt auf nahezu unversiegbare Ressourcen an Menschen und Material,
ist essentiell falsch, hat sich aber über Generationen hinweg als eines der stereotypen Klischeebilder erwiesen, die der blutige Konflikt mit sich brachte.

Bevor er zum Oberbefehlshaber berufen wurde, hatte Grant im 2. Vicksburg-Feldzug durch geschicktes Manövrieren und aggressive Taktiken,
eingebunden in eine innovative, kühne Strategie, auf so exemplarische Weise dokumentiert, daß sein militärisches Vermögen weit über das eines „strategischen Schlächters" hinausging. So war Grants großstrategisches Konzept für das Jahr 1864, das 4 simultane Hauptoffensiven vorsah, primär darauf ausgerichtet, den Feind zu flankieren,
bzw. auszumanövrieren, in dessen Rücken zu gelangen, Kommunikationslinien und Nachschubbasen zu bedrohen und durch konstanten Druck an allen Fronten,
eine Konzentrierung von Truppen der zahlenmäßig weit unterlegenen Südstaatler, unter Ausnutzung der inneren Linien,
zu verhindern. Bei einem genaueren Studium der Virginia-Übertand-Kampagne von 1864, wird dem historischen Betrachter auffallen, daß Grant genau diese Strategie umzusetzen versuchte, nämlich den Gegner durch Flankenbewegungen zum Rückzug zu zwingen. Auch mag als sicher gelten, daß Grant es vorgezogen hätte,
seinen Kontrahenten in eine ausweglose Situation zu manövrieren und ultimativ zur Übergabe zu zwingen.

Major General William T. Sherman

US - Major General William T. Sherman

Doch das überlegene taktische Können eines anderen „Meisters der Kriegskunst", General Robert E. Lee, kombiniert mit ungünstigen topographischen Gegebenheiten und einem eher verwirrenden Kommandosystem   in der Army of the Potomac, ließen Grants Unterfängen scheitern. Dem US-Oberkommandierenden blieb keine andere Alternative, als die feindliche Armee, die unter dem Vorteil der taktischen Defensive kämpfte (Stichwort „Feuerkraft"), in langwierigen Kämpfen - die von verlustreichen Frontalangriffen geprägt waren -,
in einem langsamen Krieg der Abnutzung systematisch zu zerstören. Grants Schlachtplan konzentrierte sich auf eine tragende Offensive im Westen, d. h. Major General William T. Shermans Feldzug zur Einnahme von Atlanta, Georgia, der bedeutendsten südlichen Metropole; Anstrengungen zur Eroberung von Richmond, angeführt von Major General George G. Meades Army of the Potomac,
deren eigentliche Operationen Grant persönlich leitete; Major General Benjamin F. Butlers Streifzug den James River hinauf,
und schließlich Major General Franz Sigels Vorstoß ins Shenandoah-Tal.                        

 

Wie sich noch herausstellen sollte, fehlte dem Strategen Grant - im Gegensatz zum Strategen Lincoln - ein ausgeprägtes politisches Wahrnehmungsvermögen,
galt es doch imperativ für das Oberkommando der Union, ein hochexplosives Politikum ins militärische Kalkül zu implizieren: Grant brauchte Siege;
Siege, die für die Lincoln-Administration zur Fortführung, sprich erfolgreichen Beendigung des Krieges unentbehrlich waren und eine dringende öffentliche
und politische Notwendigkeit darstellten. Denn entgegen der allmählich verebbenden Euphorie über die militärischen Erfolge von 1863
(Gettysburg, Vicksburg, Chattanooga) - so einschneidend und psychologisch  motivierend diese auch waren - und der unmittelbar daraus resultierenden Ernennung Grants zum General-in-Chief war in weiten Kreisen der Bevölkerung aufkommende Kriegsmüdigkeit zu verspüren. Im November 1864 stand die nächste Präsidentenwahl an;
die Demokraten unter ihrem Kandidaten, dem gehaßten General George B. McClellan, würden mit der Parole „Frieden um jeden Preis" in den Wahlkampf ziehen.
Nur entscheidende Erfolge auf dem Schlachtfeld konnten die Tausenden von Toten eines zermürbenden, schier unendlichen Bruderkrieges in moralischer
und politischer Hinsicht „rechtfertigen", Abraham Lincoln und seine Republikanische Partei an der Macht halten.


Vorspiel


Major General Franz Sigel

Der gebürtige Badener, Major General Franz Sigel (1824-1902) populärstes Idol des starken deutschstämmigen Bevölkerungsanteils
im Norden und daher nützliches Propaganda-Instrument für die Sache der Union -, war auf Drängen politischer Interessengruppen,
die das deutsche Wählerpotential vertraten, am 29. Februar 1864 von Präsident Lincoln zum Befehlshaber des Department of West Virginia ernannt worden.
In die Grenzen von Sigels Department fiel jener Teil Marlylands westlich des Monocacy River, das Loudon County, Virginia,
das Shenandoah-Tal und schließlich der junge Staat West Virginia in seiner Gesamtheit.
Der Departmentkommandeur, ein Mann von unbestrittener persönlicher Tapferkeit, war ein professioneller Soldat,
wirkte aber eher wie ein Schullehrer, dem man eine Uniform angezogen hatte. Eine eigenartige Mischung von Kompetenz und Inkompetenz,
waren Sigels strategische und taktische Fähigkeiten von bescheidener Natur. Zwar entpuppte er sich als solider Bürokrat,
doch ließ sein militärisches Urteilsvermögen einiges zu wünschen übrig.
„Nirgends sonst in der Unionsarmee konnte man ein solches Beispiel von Dummheit finden, das politische Förderungen zuließ, wie bei Franz Sigel." (W. C. Davis)

Ende März 1864 erhielt Sigel seine Befehle für die bevorstehende Frühjahrsoffensive. Grants Aufmarschplan sah drei Armeekolonnen vor,
die einleitend unabhängig voneinander operierend, unterschiedliche strategische Ziele zu erfüllen hatten: Mit etwa 8´000 Mann unter seinem persönlichen Kommando, erhielt Sigel die Weisung, in südwestlicher Richtung das Shenandoah Tal von Winchester nach Staunton aufzurollen, um dort die Virginia Central Railroad zu bedrohen. Brigadier General George Crook, der an der Spitze von ca. 6´000 Mann am Kanawha River in West-Virginia stand, erhielt die Order,
sich entlang des New River vorzuarbeiten, die Eisenbahnbrücke bei Dublin zu zerstören, während der ihm unterstellte Brigadier General William W. Averell
mit 2´000 Reitern, parallel zu Crook marschierend, gegen die Virginia-&-Tennessee-Railroad und die ertragreichen Salzwerke/Bleiminen in Saltville und Wytheville,
vorging. Von Dublin aus sollten die beiden Brigadiers als nächstes mit vereinten Kräften unterwegs die Bahngleise demolieren und in West-Ost-Richtung nach Salem vordringen, nordwärts abschwenken, Lexington passieren, um letzlich eine Konsolidierung mit Sigels Truppen in Staunton herbeizuführen.
Grants Strategie war dreifach: Konföderierte Truppen im Shenandoah-Tal zu binden, unionstreue Gebiete zurückzuerobern und die Zerstörung/Lahmlegung
für den Nachschub wertvoller Eisenbahnund Industrieanlagen.
Im Großen und Ganzen erwartete General Grant wenig von den Operationen in West-Virginia, wie er es in einer Depesche an General Sherman zum Ausdruck brachte:
„Ich rechne nicht mit sehr großen Ergebnissen!" Aber für Grant war es der einzige Weg, Sigels Truppen in sein großstrategisches Konzept einigermaßen sinnvoll einzugliedern.
Major General John Cabell Breckinridge

Auch die Südstaatler hatten im „Valley" einen neuen Mann: den kompetenten und zuverlässigen Major General John Cabell Breckinridge
(1821-1875), ehemals Vize-Präsident der USA und Senator von Kentucky, ein charismatischer Führer,
der zu den wenigen „politischen" Generälen zählte, die in der Hierarchie der konföderierten Armee hohe Kommandostellen bekleideten. Breckinridge befehligte seit dem 4. März 1864 das Department of Western Virginia, das Südwest-Virginia einschloß,
Teile Ost-Tennessees und solche Gebiete von Kentucky und West-Virginia, die von den Konföderierten kontrolliert wurden.

Das Department und die dazugehörigen Truppen, knapp 5´000 Mann, befanden sich in einem desolaten Zustand. Mit Feuereifer machte sich Breckinridge daran, die Mißstände zu beheben, so gut es ging. Dabei waren ihm seine beträchtlichen administrativen und organisatorischen Talente besonders hilfreich. Aber Tatsache blieb, daß der Feind viermal so stark war und Breckinridge keine Verstärkungen zu erwarten hatte, worauf ihn General Robert E. Lee am 1. Mai 1864 telegraphisch hinwies. Trotzdem hatte Lee vollstes Vertrauen in den Gentleman aus Kentucky:
„Ich vertraue darauf, daß Sie den Feind zurücktreiben werden."

 

 

Crooks und Averells Operationen

 

Brigadier General Georg Crook

Brigadier General Georg Crook
George Crooks Vormarsch begann am 2. Mai 1864. Die Nordstaatler kamen durch das ungünstige Gelände ziemlich gut voran und trafen am Morgen des 9. Mai 1864 bei Cloyd's Mountain auf eine konföderierte Defensivposition, gehalten von 2´400 Mann regulärer Infanterie, Angehörigen der Miliz und Heimwehr, unterstützt durch 10 Geschütze, befehligt von Brigadier General Albert G. Jenkins.
Unter heftigem Geschützfeuer formierte Crook seine Einheiten, die um 11.00 Uhr zum Angriff übergingen.
Im Zentrum und auf der rechten Flanke hart bedrängt, leisteten die Rebellen erbitterten Widerstand,
bezogen eine zweite Verteidigungslinie, die schließlich kollabierte; General Jenkins wurde schwer verwundet.
Die Verluste der Union beliefen sich auf 643, die der Südstaatler auf 538 Mann.
Noch am gleichen Abend besetzte Crook Dublin, ließ Depots und Warenhäuser, etc. plündern und vernichten.

 

Die strategisch bedeutsame New River Bridge ging tags darauf in Flammen auf. Erbeuteten Depeschen aus Richmond zufolge, war Grant von Lee geschlagen worden und befand sich auf dem Rückzug. Aufgrund dieser irreführenden aber alarmierenden Nachricht, beschloß Crook nicht weiter nach Plan vorzugehen, da er befürchtete,
Lee würde per Bahn Truppen entsenden, die ihm gefährlich werden konnten. Crook wandte sich deshalb nach Norden in Richtung Lewisburg, wo er am 19. Mai anlangte.

Brigadier General William W. Averell

Brigadier General William W. Averell


General Averell war am 5. Mai 1864 von Logan, West Virginia, aufgebrochen. Auch er kam gut voran, bewältigte aber keine der ihm gestellten Aufgaben, weil ihn etwa 4´000 konföderierte Kavalleristen unter dem legendären Brigadier General John Hunt Morgan bedrohten,
die südlich der Virginia-&-Tennessee Railroad bei Abingdon konzentriert waren. Averell fingierte zunächst einen Angriff auf Saltville,
schwenkte dann nordöstlich nach Wytheville ab, wo er am 10. Mai 1864 ein wildes Gefecht mit Morgan austrug, das für die zahlenmäßig unterlegenen Unionstruppen verloren ging. Averell, der 114 Mann einbüßte, marschierte nach Dublin weiter und folgte Crook, 
den er am 15. Mai bei Union einholte, nach Norden.

 

 

New Market

Gefolgt von 6´500 Effektiven der Army of West Virginia (1. Infanterie Division: Brig. Gen. Jeremiah C. Sullivan, Brigaden: Moor, Thoburn;
1. Kavallerie-Division: Maj. Gen. Julius Stahel, Brigaden: Tibbitts, Wynkoop; Artillerie 22 Geschütze), verließ Franz Sigel am 30. April 1864 seine Basis in Winchester.
Der gemächliche Vormarsch des Deutschen ging in einem wahren Schneckentempo vonstatten, u. a. verursacht durch sporadische Angriffe südlicher Reiterei
unter Brigadier General John D. Imboden. Am 14. Mai erreichte Sigel Mount Jackson, 7 Meilen nördlich von New Market, 50 Meilen südlich von Winchester gelegen.
Nach einem lebhaften Artillerieduell, nahmen die Nordstaatler am folgenden Morgen ihren Vorstoß gen Süden auf.
Sie überquerten den North Fork des Shenandoah River und machten 1 Meile nördlich von New Market halt. Sigel formierte seine Truppen quer über die Landstraße,
in Erwartung eines konföderierten Angriffs. Allerdings war seine Position denkbar schlecht für die taktische Defensive.
Sigel gegenüber standen rund 4´000 Effektive, die General Breckinridge in fieberhafter Eile zu einer kleinen Armee zusammengewürfelt hatte:
2 Brigaden Infanterie (Echols und Wharton), Imbodens Kavallerie-Brigade, 14 Geschütze,
einige Miliz-Einheiten und zu guter Letzt das Kadetten-Korps des Virginia Military Institute.
Der anfänglich defensiv eingestellte Breckinridge entdeckte bald die Schwächen in Sigels Dispositionen und entschied sich demzufolge für einen Offensivschlag.

Eingeleitet wurde die Schlacht von New Market durch ein fürchterliches Bombardement, gefolgt vom Vormarsch von Breckinridges Infanterie und einem Regiment abgesessener Kavallerie, die unter dem Beifall der Zivilbevölkerung die Stadt passierten und die Unionstruppen vor sich hertrieben, die eine halbe Meile zurückwichen,
bevor Sigel auf dem östlichen Kamm einer unbedeutenden Erhöhung eine neue Defensivlinie aufbauen konnte. In diesem kritischen Augenblick des Kampfes,
schickte Breckinridge das Kadetten-Korps ins Getümmel. „Setzt die Jungen ein!" lauteten seine unsterblichen Worte. Dies war gleichzeitig das Signal für einen allgemeinen Vormarsch der Konföderierten.
Die Unions-Artillerie riß große Lücken in die Reihen der Angreifer, doch brach Sigels Linie unter dem unwiderstehlichen Ansturm der Rebellen am Ende völlig zusammen. Der geschlagene Sigel überquerte den North Fork und ließ die Brücke hinter sich niederbrennen. Bereits am 17. Mai war er in Strasburg, 30 Meilen nordöstlich
von New Market (!). Die Verlustzahlen: Union, 96 Tote, 520 Verwundete, 225 Vermißte; Konföderierte, 43 Tote, 474 Verwundete und 3 Vermißte.
Noch am 17. Mai unterrichtete Chief of Staff, Major General Henry Wager Halleck, seinen Vorgesetzten, U. S. Grant, von Sigels Niederlage und „Blitzrückzug".
„Wenn Sie irgendetwas von ihm (Sigel) erwarten, dann irren Sie sich. Er wird nichts anderes tun, als davonrennen. Er tat nie etwas anderes."

Vier Tage später wurde Franz Sigel des Postens enthoben.


Major General David Hunter

 

An seine Stelle trat Major General David Hunter.

 

John C. Breckinridge war der Held der Stunde. Viele feierten ihn als einen zweiten „Stonewall Jackson".
Lee war vollauf zufrieden:
„Wenn Sie Sigel nach Maryland folgen können, werden Sie mehr Gutes tun als wenn Sie sich uns anschließen.
Aber wenn Sie es nicht können, wird Ihr Kommando nicht anderweitig im Tal oder in Ihrem Department benötigt.
Ich wünsche, daß Sie sich vorbereiten, sich mir dann anzuschließen."

Breckenridge entschied sich für das letztere und focht Anfang Juni bei Cold Harbor.

 

 

Early gegen Hunter

„Die Potomac-Armee überquerte in der Zwischenzeit die Flüsse Rappahannock und Rapidan und rückte in die von Schlachten zernarbte Region
zwischen Fredericksburg und Richmond. Lee, im Verhältnis 2 zu 1 unterlegen, trieb seine Veteranen von ihren Wintercamps rings um Culpeper ostwärts
und schlug die Union am 5. Mai in einer dämonischen Landschaft von Gestrüpp und Buschwerk, östlich bekannt als „The Wilderness".
Die unerwarteten konföderierten Angriffe leiteten die sogenannte Overland-Kampagne ein.
In den nächsten vierzig Tagen, mit wenigen Ruhepausen, schlachteten die alten Feinde sich gegenseitig: In der Wilderness am 5. und 6. Mai, bei Spotsylvania
am 8. bis 20. Mai, entlang des North Anna River vom 23. bis 25. Mai und in Cold Harbor vom 1. bis 11. Juni. Während der Kampagne versuchte Grant Meades Armee zwischen die Konföderierten und ihre Hauptstadt zu stellen und bewegte sich nach links oder südwärts. Aber Lee fing die Unionsvorstöße ab,
indem er die inneren Linien ausnutzte und zwang sie, seine Truppen anzugreifen, die schnellstens zu Experten beider Konstruktion von Feldbefestigungen geworden waren ...
Bis zur zweiten Juniwoche hatte Grantsgroße Offensive daheroffensichtlich nichts erreicht: Sherman, der südwärts kroch, schien in Georgia verschluckt worden zu sein; Butler rührte sich nicht; Siegel war längst weg, und Grant, auf der virginischen Halbinsel, war nicht näher an Richmond heran als es George B. McClellan zwei Jahre zu vorgewesen war. Es sah nach einem weiteren fruchtlosen Sommer ohne endgültigen Sieg aus, aber mit verheerenden Menschenverlusten. "
Jeffry D. Wert, FROM WINCHESTER TO CEDAR CREEK, 1987


Piedmont

David Hunter (1802-1886, USMA 1822), dessen Familie aus dem Süden stammte, war ein erfahrener Berufssoldat, aber ein bislang wenig erfolgreich agierender Bürgerkriegsgeneral, Liebling der Radikalrepublikaner und entschiedener Gegner der Sklaverei, der laut Jubal A. Early „besser dafür qualifiziert war,
Krieg gegen Frauen und Kinder zu führen, als gegen bewaffnete Soldaten".

In das Vakuum, das Breckinridge hinterlassen hatte, wollte Grant hineinstoßen. Hunter bekam Weisung, wie sein Vorgänger nach Staunton zu gehen,
sich ostwärts wendend, Charlottesville/Gordonsville zu bedrohen, oder - alternativ - südostwärts nach Lynchburg, vitaler Eisenbahnknotenpunkt
und Nachschubdepot der Konföderierten, vorzustoßen.
Am 26. Mai 1864 brach Hunter mit 8´500 Mann von Cedar Creek auf. Crooks Truppen, die seit Abbruch ihres „Raids" in West-Virginia gestanden hatten,
sollten so schnell wie möglich die Alleghenies überqueren und sich der Hauptarmee anschließen. Am 1. Juni verließen etwa 10´000 Mann die Lager am Greenbier River.
Nach einem zehntägigen Marsch in Richtung Harrisonburg und dann ostwärts, hin und wieder unterbrochen durch die Brandschatzung von Getreidemühlen,
Scheunen, usw., traf Hunter am 5. Juni 1864 bei Piedmont, ca. 11 Meilen von Staunton entfernt, auf feindliche Einheiten
Brigadier General William E. Jones

unter

Brigadier General William E. Jones,

der nach Breckinridges Weggang mit der Verteidigung des Staunton-Areals beauftragt worden war. Jones hatte etwa 8´000 Mann sämtlicher Waffengattungen zusammenkratzen können. Zwei Kavallerie-Brigaden setzte er auf Crook an, während 5´000 Mann Hunter entgegentraten. Gegen 9.00 Uhr eröffnete die US-Artillerie das Feuer. Kurz aufeinander folgend, schickte Hunter je eine Brigade Infanterie gegen die Flanken der Südstaatler. Um Mittag gelang es Jones, den Angriff auf seinen linken Flügel zurückzuweisen. Ein sofort eingeleiteter Konterschlag wurde abgefangen, doch mußten die Konföderierten der drückenden Übermacht am Ende weichen. Der Rückzug entartete in eine heillose Flucht,
und General Jones wurde beim Versuch seine Truppen zu sammeln, durch einen Kopfschuß getötet. Etwa 600 Konföderierte fielen oder wurden verwundet, weitere 1.000 gerieten in Gefangenschaft. Hunters Verluste bezifferten sich auf 780 Mann.
Die Yankees ritten am folgenden Tag in Staunton ein und begannen mit ihrem umfassenden Zerstörungswerk. Crook erreichte am 8. Juni 1864 Staunton, nachdem er den Schienenstrang westlich der Stadt auseinandergerissen hatte. Zwei Tage später gab Hunter, jetzt 18´000 Mann stark, den Befehl, zum Weitermarsch nach Lynchburg,
das nächste Etappenziel. General Robert E. Lee erfuhr am 6. Juni 1864 vom Piedmond-Debakel. Ermutigt durch seinen klaren taktischen Sieg von Cold Harbör und darauf vertrauend, künftige Attacken erfolgreich abwehren zu können, entsandte Lee am 7. Juni Breckinridge mit seiner stark reduzierten Division nach Lynchburg.
Breckinridge wurde beauftragt, die Überlebenden von Piedmont und zusätzliche Kräfte an sich zu ziehen und dem Vordringen Hunters Einhalt zu gebieten.

General Grant wiederum war überzeugt, Hunter würde es ohne Schwierigkeiten gelingen, Lynchburg einzunehmen und die Virginia Central Railroad östlich von Charlottesville zu beschädigen.   Zu Hunters Unterstützung brachte er zusätzlich Major General Phil Sheridans Kavallerie ins Spiel, die von Osten her die Eisenbahnlinie angreifen sollte. Sich entlang der Linie vereinigend, sah der Plan für die beiden US-Generäle weiterhin vor, die Bahnstrecke und den James-River-Canal bis Hannover Junction zu zerstören und anschließend zur Army of the Potomac zu stoßen. Doch Grants Rechnung ging nicht auf: Denn Hunter kam nie über die Außenbezirke Lynchburgs hinaus, und Sheridan, verfolgt von konföderierter Kavallerie unter dem fähigen Major General Wade Hampton, Nachfolger des brillanten „Jeb" Stuart, wurde bei Trevilian Station (11./12. Juni 1864) in heftige Kämpfe verwickelt. Trotz eines taktischen Unentschieden, zog sich Sheridan aus militärisch plausiblen Gründen zurück.
Sein Raid war strategisch gewertet ein glatter Fehlschlag.

 

Earlys Mission

Jubal A. Early

 

In diesem kritischen Stadium der 1864er-Shenandoah-Operationen, trat eine weitere illustre Hauptfigur ins Rampenlicht des Geschehens:
Es war Lieutnant General Jubal Anderson Early (1816-1894, USMA 1837), Kommandeur des II. Korps der Army of Northern Virginia.
Ein schrullenhafter Individualist mit offensichtlichen Charakterschwächen - sarkastisch, dogmatisch und egozentrisch -,
aber trotzdem ein populärer und beherzter Vollblut-Kämpfer, besaß „Old Jubilee" Early lobenswerte Qualitäten als Stratege,
Taktiker und Administrator. Im Heldenpantheon der Konföderation gebührt ihm ein Ehrenplatz, obwohl er nach einer Reihe von dezisiven Niederlagen, gegen eine erdrückende Übermacht unter Phil Sheridan, selbst im eigenen Lager polemisch der „Inkompetenz,
Trunkenheit und Feigheit" beschuldigt wurde, was ihn in den Augen vieler Zeitgenossen zu einer „Symbolfigur militärischen Versagens" degradierte.

 


Der menschlich wie soldatisch großartige Robert E. Lee, einer der wagemutigsten Feldherren der Militärgeschichte,
„immer nach dem Prinzip handelnd, daß die schwächere Seite im Krieg die größeren Risiken auf sich nehmen muß, war bereit,
seine eigene Beweglichkeit aufzugeben, zugunsten einer großen Ablenkung, die vielleicht den Druck von der konföderierten Hauptstadt nehmen würde."

(F. E. Vandiver, JUBAL'S RAID, 1958).

Dieses Prinzip bedeutete eine umfangreiche Verstärkung der „Valley"-Truppen.
Am 12. Juni 1864 ernannte Lee General Early zum Kommandeur des Valley-District, verlieh ihm de facto den Status eines unabhängig operierenden Armeebefehlshabers, gleich dem von „Stonewall" Jackson im Jahre 1862. Early wurde instruiert, Lynchburg zu entsetzen und den marodierenden Hunter zu vertreiben.
Falls erfolgreich, sollte er dann das Shenandoah-Tal hinaufmarschieren, den Potomac nach Maryland überschreiten, feindliche Nachschubgüter erbeuten und, vordergründig, Washington D. C. und Baltimore bedrohen. Lees Strategie war zweifach:
1. Er wollte erreichen, daß Grant sich schwächte, indem dieser einen Teil von Meades Armee zum Schutz der US-Hauptstadt detachierte.
Dies wäre eine günstige Gelegenheit gewesen, dem Feind entlang der Petersburg-Richmond-Linie offensiv zu begegnen, ihn möglicherweise gar zurückzutreiben.
Weitaus optimistischer war Lees Gedanke, Grant könnte sich zu einem verzweifelten, Cold-Harbor-ähnlichen Frontalangriff provozieren lassen,
dessen Abwehr ein vehementer Konterschlag folgen würde.
2. Sollte Early gar eine Einnahme Washingtons gelingen, und selbst nur für eine kurze Zeit, hätte dies vermutlich entscheidende Auswirkungen auf eine Anerkennung
der Konföderation durch die europäischen Großmächte, die seit Herbst 1862 dem jungen Staatenbund offiziell die kalte Schulter zeigten.
Earlys, durch die Virginia-Überland-Kampagne, 3 dezimierte Divisionen (etwa 8´000 Effektive), befehligt von den kompetenten Major Generals John B. Gordon,
S. Dodson Ramseur und Robert E. Rodes, verließen am Morgen des 13. Juni die Cold Harbor-Linie in Richtung Charlottesville.

 

Lynchburg

Hunters Armee hatte am 10. Juni 1864 Staunton verlassen. Vom 11. bis 14. Juni 1864 verschwendete Hunter - „keiner der aggressivsten Generäle,
aber auch keine ängstliche Seele" (E. J. Stackpole) - seine Zeit damit, einen Teil von Lexington in Schutt und Asche zu legen.
U. a. wurden das Virginia Military Institute, die Residenz von Virginia-Gouverneur John Letcher und die Häuser anderer prominenter Bürger niedergebrannt.
Ein besorgter General Breckinridge erhielt am 14. Juni 1864 Nachricht, daß Hunter seinen Vormarsch von Lexington südostwärts fortgesetzt hatte.
Breckinridge, verstärkt durch die Kadetten des VMI, Imbodens und
Brigadier General John McCausland

Brigadier General John McCauslands

Kavalleriebrigaden, hatte seit seiner Entsendung Rockfish Gap, südwestlich von Waynesboro, besetzt gehalten, um Hunter den Weg nach Charlottesville zu verlegen. Als er bemerkte, daß Hunter nicht Charlottesville ansteuerte, sondern nach Lynchburg weitermarschierte,
begab er sich umgehend mit allen zur Verfügung stehenden Truppenteilen an den letzteren Ort, auf Verstärkungen hoffend, die er in Richmond angefordert hatte. (Am Morgen des 15. Juni 1864 erhielt Breckinridge eine erste Nachricht von Early, der sein Kommen ankündigte.)
Hunter hatte es derweil nicht sonderlich eilig. Es hätte durchaus die Möglichkeit bestanden, Lynchburg schon am Morgen des 17. Juni zu erreichen, wenn das Marschtempo forciert worden wäre. Nach wie vor ist es ein Rätsel, warum sich Hunters Marsch nach Lynchburg so schleppend hinzog -
er nahm sogar einen Umweg. Es gab, um E. J. Stackpole zu zitieren, keine „logischen Gründe" dafür, außer Hunters persönliche Furcht vielleicht, die ihn angesichts einer handfesten bewaffneten Auseinandersetzung zu befallen schien, je weiter er nach Süden vordrang. Erst am späten Nachmittag des 17. Juni erreichte die Vorhut der US-Streitmacht Lynchburgs nördliche Außenbezirke, dort wo sich die drei Schienenstränge des Eisenbahnknotenpunkts kreuzten.

Am 16. Juni 1864 war „Jacksons altes Korps" in Charlottesville, Ausgangspunkt der 60-Meilen-Zugfahrt nach Lynchburg, eingetroffen. Eile war angesagt;
denn Hunters Truppen konnten stündlich vor der bedrohten Stadt erscheinen, die John C. Breckinridge mit 2 Brigaden besetzt hielt. Bedingt durch Verzögerungen,
für die Early nicht verantwortlich war, erreichte die Vorhut des II. Korps Lynchburg erst gegen 13.00 Uhr (17. Juni 1864), trudelten die restlichen Truppen bis zum späten Abend und noch am nächsten Tag in rhapsodischer Manier ein. Die Südstaatler waren alles in allem etwa 10´000 Mann stark, konfrontiert von Hunters 18´000 Mann.
Nachmittags hatte die Unions-Artillerie die schwach bemannten Stellungen Lynchburgs unter Beschuß genommen, doch blieb ein entschlossener Generalangriff,
der zu diesem Zeitpunkt reelle Erfolgschancen hätte, aus.
„Hunters mentale Umnebelung dauerte den ganzen 17. Juni und bis zum Morgen des folgenden Tages an. Er konnte anscheinend keinen Beschluß fassen, was zu tun war. Seine Aufgabe war klar genug, aber seine Unschlüssigkeit, die ihn paralysierte, basierte hauptsächlich auf seiner Unsicherheit über die Verstärkung des Feindes an seiner Front." (E. J. Stackpole, SHERIDAN IN THE SHENANDOAH, 1961).

Schließlich befahl Hunter für den 18. Juni 1864 energische Rekognoszierungen im Zentrum und am rechten Flügel, zwecks Ermittlung der gegnerischen Stärke.
Hunters eher halbherziges Unterfangen entwickelte sich zu einer Folge unkoordinierter Angriffe auf die konföderierte Defensivlinie, die mit Leichtigkeit abgeschlagen wurden. Als der über Hunters Verhalten perplexe Early zu der Erkenntnis gelangte, daß sein Gegenüber anscheinend gar nicht daran dachte, den alles entscheidenden Offensivschlag zu führen, ließ er seine Geschütze aus allen Rohren das Feuer eröffnen, um Hunter zu verunsichern, ja, ihn zu einem unüberlegten Schritt zu verleiten.
Aber es kam noch besser. Earlys Frechheit siegte; denn sie gab dem zaudernden Unions-General den Rest:
„Hunter schlußfolgerte, daß Lynchburg nichts für ihn war; West Virginia bot ein weitaus gesünderes Klima"
, wie E. J. Stackpole ironisch bemerkte.
In der Nacht zum 19. Juni 1864 traten die Yankees den Rückzug an. Early nahm beim Morgengrauen die Verfolgung auf.

Es entbrannten unterwegs anhaltende Gefechte mit Hunters Nachhut, die der fähige George Crook geschickt zu parieren verstand, indes erlitten die Nordstaatler hohe Verluste. Hunters demütigendes „Davonlaufen" fand am 29. Juni mit Eintreffen in Charleston am Kanawha River ein makaber-glückliches Ende.
In seinem Bericht beschrieb Hunter seinen „Raid" als „außerordentlich erfolgreich, großen Schaden beim Feind verursachend und siegreich in jedem Gefecht.
Aufgrund von Munitionsmangel und der Unmöglichkeit, uns zu versorgen (Hunters Truppen hatten „vom Lande gelebt", Anm. d. Verf.), 
dazu in Gegenwart eines Feindes, der als stärker an Zahl vermutet wurde als unsere Truppen und der ständig aus Richmond und von anderen Stützpunkten verstärkt wurde, meinte ich, daß es am Besten sei, sich zurückzuziehen."
Jubal Early hatte unter den gegebenen Umständen das getan, was getan werden konnte.
Er hatte Hunter davongejagt, Lynchburg und die „Southside Railroad" gerettet.
Das Shenandoah-Tal, der Invasions Korridor nach Norden, lag vor den Südstaatlern sperrangelweit offen.


Earlys Washington-Raid

Marsch nach Norden

 

Virginia Military Institut

 

Die Ruinen des Virginia Military Institute nach dem Angriff von US-General Hunter

Nach der erschöpfenden 3-Tage-Jagd auf Hunter, gönnte Early seinen Männern vom 22. auf den 23. Juni 1864 in Botetourt eine wohlverdiente Ruhepause. Dann ging es weiter nach Buchanan, und von dort aus in Richtung Staunton, das die Konföderierten am 26. Juni 1864 erreichten.
Zunächst machte sich Early daran, einige organisatorische und administrative Neuerungen vorzunehmen.
So z. B. erhielt Breckinridge, der durch seinen Sieg von New Market enorm an Prestige dazugewonnen hatte,
ein provisorisches Korpskommando (27. Juni bis 21. September 1864),
konstituiert aus seiner eigenen und Gordons Divisionen:

 

 

Gordons Division: Maj. Gen. John B. Gordon
Brigaden: Evans, Terry und York
Breckinridges Division: Brig. Gen. John Echols
Brigaden: Wharton, Patton und Smith
Die Divisionen von Rodes und Ramseur unterstanden dem direkten Kommando von General Early:
Rodes Divison: Maj. Gen. Robert E. Rodes
Brigaden: Grimes, Battle, Cook und Cox
Ramseurs Division: Maj. Gen. S. Dodson Ramseur
Brigaden: Pegram, Johnston und Godwin

Die neugebildete, 3 Brigaden starke Kavallerie-Division (Brigaden: McCausland, Johnson und Imboden, später ergänzt durch Brig. Gen. William L. Jacksons Brigade) befehligte ein Neuankömmling, Major General Robert Ransom, Jr., der aber Anfang August 1864 aus gesundheitlichen Gründen von seinem Posten zurücktrat.
General R. E. Lee schickte von der Army of Northern Virginia Ersatz in der Person von Major General Lunsford L. Lomax.
Die Effektivstärke der Armee betrug 10´000 Mann Infanterie, 4´000 Mann Kavallerie und 3 Artilleriebataillone mit 40 Geschützen. „Schlagen Sie so schnell zu,
wie Sie können", hatte Lee an Early gedrahtet - befand sich Meades Army of the Potomac doch mittlerweile südlich vom James River und bedrohte Petersburg-,
„und wenn die Umstände es zulassen, führen Sie den ursprünglichen Plan aus, oder rücken Sie ohne Verzögerung auf Petersburg." Early wurde also ins freie Ermessen gestellt, für welche Handlungsweise er sich entschied. Der unternehmungslustige Valley-Befehlshaber gab dem originären Plan den Vorzug, wußte Early doch um die strategische und psychologische Bedeutung einer Bedrohung, bzw. eventuellen Einnahme Washingtons und die großen Hoffnungen, die Robert E. Lee in das verwegene Projekt setzte.

Am 28. Juni 1864 brach Early mit Mann und Maus von Staunton auf. Am 29. Juni passierten die Rebellen Harrisonburg und Keezletown, führte sie der Weg am nächsten Tag an New Market und Mt. Jackson vorbei. Am 30. Juni telegraphierte Early an Lee: „Ich hoffe, bald in der Lage zu sein, etwas für Ihre Entlastung und für den Erfolg unserer Sache zu tun. Ich werde keine Zeit verlieren." Bis zum Abend des 2. Juli ließ Earlys „Fuß-Kavallerie" Strasburg, Middletown und Newton hinter sich, bevor sie schließlich in Winchester anlangte. Von hier aus gingen die beiden Kommandos getrennte Wege, beabsichtigte Early eine konvergierende Bewegung mit Harper's Ferry als Treffpunkt: Rodes und Ramseurs Divisionen marschierten nordwärts nach Martinsburg, Breckinridges Korps ostwärts direkt nach Harper's Ferry.
In Martinsburg standen etwa 5´000 Mann unter dem diskreditierten Franz Sigel - „The Flying Dutchman". Als dieser vom Anmarsch der Konföderierten erfuhr,
gab er die Stadt auf, ließ aber Nachschubgüter und sonstiges Kriegsmaterial abtransportieren und überschritt den Potomac River bei Sheperdstown. Sigel suchte und fand Zuflucht auf den Maryland Heights bei Harper's Ferry, einer hochgelegenen, exzellenten Defensivposition, die selbst gegen eine Übermacht optimal zu verteidigen war.

Am 4. Juli 1864, dem Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten, näherten sich Breckinridges Graujacken Harper's Ferry, trieben die dort stationierte Garnison,kommandiert von Sigels Landsmann, Brigadier General Max Weber,in das Städtchen und besetzten die Bolivar Heights.
In der Nacht evakuierten die Nordstaatler den Ort, brannten die Eisenbahn- und Pontoonbrücke hinter sich nieder, bevor sie zu Sigel stießen.
Im Angesicht von Sigels bedrohlich wirkenden Batteriestellungen auf den Maryland Heights, verzichtete Early auf eine Besetzung der Stadt,
erbeutete allerdings große Mengen an willkommenen Vorräten und anderweitigem Kriegsgut, das der Vernichtung entgangen war.
Early erachtete es aus strategischen Gesichtspunkten für wünschenswert, Sigel aus seiner Stellung zu werfen; denn die Yankees stellten,
wenn man sie unbehelligt ließ, eine Gefahr im Rücken und an der Flanke dar, die nicht zu unterschätzen war.
Artilleriebatterie

Artilleriebatterie am Potomac-Fluß, die Washington gegen konföderierte Kanonenbooteschützen sollte.

Die 3. „Invasion" der Konföderierten nach Norden fing an, Gestalt anzunehmen:
Am Nachmittag des 5. Juli 1864 kreuzte Breckinridges Korps den Potomac River bei Sheperdstown, Rodes und Ramseurs Divisionen folgten am nächsten Tag. Gordons Divison überquerte am 6. Juli den Antietam Creek bei Sharpsburg, Maryland - Schauplatz des „Blutigsten Tages" vom 17. September 1862 -
und „malträtierte" den Chesapeake and Ohio Canal, doch erwiesen sich die Versuche,
Sigel aus seiner Position herauszulösen, als fruchtlos, denn die feindlichen Stellungen strotzten vor Widerstandskraft.
Sigel hin, Sigel her - Early beschloß endlich, sich vom Feind zu lösen - der Zeitfaktor war ausschlaggebend -
und schlug den längeren Marschweg über Frederick ein. Am 7. und 8. Juli schleppten sich die Südstaatler über den South Mountain Pass und lagerten nachts in der Gegend von Middletown und Jefferson, nachdem sie die Vorposten der Union, Reiter der 8th Illinois-Cavalry, verscheucht hatten.

Am 9. Juli 1864 ließ Early seine Kavallerie ausschwärmen: Imbodens Brigade ritt nach Westen, um einen Teil der Baltimore & Ohio Railroad zu zerstören. Dadurch sollte eine rasche Rückkehr von Hunters Armee ausgeschlossen werden.Die Generale McCausland und Johnson bewegten sich nach Süden, bzw. Osten, um Telegraphen- und Bahnlinien zu unterbrechen und Informationen über feindliche Bewegungen und Dispositionen zu sammeln.  Johnsons zusätzlicher Einsatz,
bei der Befreiung von 17´000 konföderierten Kriegsgefangenen mitzuwirken, die in Point-Lookout eingesperrt waren, wurde schließlich aus triftigen Gründen abgeblasen.

 

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