
Mit freundlicher
Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen aus:
© Gert Raeithel, •Geschichte der Nordamerikanischen Kultur•
© Dietmar Kuegler, •Die Armee der Südstaaten 1861-1865•
Ursachen
des Bürgerkrieges
Seite
2
Parteipolitische
Spannungen und Sezession
Seit der Gründung der USA verfügten die Vertreter der Nordstaaten
über die Mehrheit im Kongreß, und ihr Anteil nahm ständig
zu. Der Süden war besonders im Repräsentantenhaus unterrepräsentiert.
Dort wirkte sich aus, daß Sklaven bei der Berechnung der Sitze
nur zu drei Fünfteln mitgezählt wurden.
Im Senat, in den jeder Staat zwei Vertreter entsandte, war das numerische
Ungleichgewicht weniger spürbar.
Im Streit um das Wilmot Proviso, das die Sklaverei in Kalifornien
und anderen eroberten Gebieten verbieten wollte, waren Splittergruppen
entstanden wie Barnburners, Hunkers, Freesoilers, Cotton Whigs,
Conscience Whigs, Silver Greys, Wooly Heads und Nativisten. Insgesamt
formierten sich jedoch vor dem Bürgerkrieg die beiden großen
Parteien der USA, Demokraten und Republikaner. Die Demokratische Partei
wurde ab 1852 zur beherrschenden Kraft im Süden, mit ihr identifizierten
sich die Sklavenhalter, weshalb sie fortan das Attribut »konservativ«
für sich in Anspruch nehmen konnte. Bis dahin hatten die Whigs
oder Federalists als konservativ gegolten.
Die aus den Whigs hervorgegangenen Republikaner waren nicht
notwendig gegen die Sklaverei eingestellt. Lincoln fand Anhänger
unter solchen Bürgern,
denen es mehr um die Öffnung des Westens als um die Emanzipation
der Sklaven ging: »Wir werden die Niggerdemokratie ausgrenzen.«
2s Rassistische Vorstellungen waren seit jeher weder auf bestimmte
Gruppen noch auf bestimmte Parteien beschränkt. Eine deutschsprachige
Zeitung machte die »armen Handwerker und Tagelöhner«
Pennsylvanias darauf aufmerksam, daß Martin Van Buren, der Architekt
der modernen politischen Parteien in Amerika,
in jungen Jahren für das Wahlrecht freier Schwarzer eingetreten
war. Rassismus gab es sehr wohl in der Republikanischen Partei, nicht
aber die brutale Negrophobie nordstaatlicher Demokraten. Deshalb ist
es nicht falsch, vor allem die Republikaner als Partei der Sklavenbefreiung
zu betrachten.
Das republikanische Parteiprogramm von 1856 verurteilte die Sklaverei
als barbarisches Relikt.
John Calhoun aus South Carolina übernahm in den 1840er Jahren
die Kontrolle in der Demokratischen Partei, nachdem die Erben Andrew
Jacksons ihren Einfluß rasch verspielt hatten. Die Anhänger
Jeffersons und Jacksons hatten abgewirtschaftet, meinte Calhoun, weil
ihr Glaube an den Egalitarismus der Französischen Revolution
auf einer Fiktion beruhte. In Wirklichkeit sei die Ungleichheit ein
Naturgesetz. Die Macht habe bei der Elite zu bleiben.
Der Süden müsse sich gegen den Norden zur Wehr setzen wie
weiland die Kolonien gegen das Mutterland.
Die Position der Südstaaten sei durch die Verfassung abgedeckt,
weitere Konzessionen unnötig.
Tatsächlich konnten die südstaatlichen Demokraten von einer
strikten Auslegung der Verfassung nur profitieren.
Denn dort war die Sklaverei institutionalisiert worden. Sklavereigegner
mußten sich auf das radikale Argument zurückziehen,
man habe die Sklaverei notfalls gegen die Verfassung abzuschaffen,
wenn es einen verfassungsmäßigen Weg nicht gebe.
Calhoun wollte angesichts dieser Drohung den demokratischen Prozeß
von den üblichen Mehrheitsbildungen auf das Prinzip der »concurrent
majority«,
der »mitwirkenden Mehrheit«, umstellen: stimmberechtigt
sollte nur sein, wer ein spezielles Interesse am Ausgang einer legislativen
Entscheidung hatte.
Der Süden
wandte sich also gegen die Tyrannei der Mehrheit, während man
im Norden vermutete, die Sklavenstaaten hätten es auf eine Untergrabung
der Freiheitsrechte oder gar auf eine neue Monarchie abgesehen. Beide
Lager beschworen angeblich übergeordnete Gesetze jenseits des
positiven Rechts:
der Süden die natürliche Ungleichheit der Menschen, der
Norden das globale Interesse an menschlicher Freiheit und Gerechtigkeit.
Die Republikaner warfen den Demokraten vor, die Stimmen von Ausländern,
Jesuiten und Sklavenhaltern zu fangen, um mit den Streitkräften
des Papstes
und des Teufels ihre parteipolitischen Ziele zu verfolgen. Die Demokraten
unterstellten den Republikanern, ihr Mitgefühl für die Sklaven
zu heucheln;
in Wirklichkeit ginge es ihnen um die Durchsetzung machtpolitischer
Interessen. Die Fronten hatten sich so verhärtet,
daß der New Yorker Senator William Seward im Oktober 1858 sagen
mußte, das Land befinde sich in einem Konflikt, der sich nicht
mehr unterdrücken ließ.
Nach dem Überfall
des Abolitionisten John Brown auf ein Waffenarsenal in Virginia im
Oktober 1859 ging eine Woge der Empörung durch den Süden.
Brown wurde öffentlich gehängt. Ein Jahr später siegte
der Republikaner Abraham Lincoln im Kampf um die Präsidentschaft.
Seine Wahl brachte das Faß zum Überlaufen. Am 20. Dezember
1860, sechs Wochen nach der Wahl, trat South Carolina als erster Staat
aus der Union aus.
Im Januar 1861 folgten Mississippi, Florida, Alabama, Georgia und
Louisiana, am 1. Februar Texas.
Die Parlamente dieser Staaten stimmten mit überwältigenden
Mehrheiten für die Sezession, allerdings waren die Ergebnisse
in den vorangegangenen Delegiertenversammlungen und Volksabstimmungen
wesentlich knapper ausgefallen.
Die Bezirke mit hoher Sklavenkonzentration stimmten häufiger
für den Austritt aus der Union als die Bezirke mit weniger Sklaven.
Am 9. Februar 1861 wurde Jefferson Davis aus Mississippi zum Präsidenten
der Confederate States of America gewählt.
Zu seinem Kabinett gehörten ein Außenminister aus South
Carolina, ein Kriegsminister aus Alabama, ein Marineminister aus Florida,
ein Postminister aus Texas, ein Justizminister aus Louisiana und ein
Finanzminister aus South Carolina.
Die Staaten des oberen Südens, die durch engere Handelsbeziehungen
mit dem Norden verbunden waren,
schlossen sich erst nach der Beschießung von Fort Sumter im
April 1861 der Konföderation an. Fort Sumter,
ein Waffendepot des Bundes und dem Hafen von Charleston (South Carolina)
vorgelagert, war nicht, wie von den Sezessionsstaaten verlangt, geräumt,
sondern im Gegenteil noch verstärkt worden. Nach dieser Provokation
erklärten Virginia, Arkansas, North Carolina und Tennessee zwischen
April
und Juni 1861 ihren Austritt. In Missouri und Kentucky kamen erst
unter militärischem Druck Mehrheiten für den Austritt zustande.
Virginia teilte sich über der Sezessionsfrage. Das kleinere West
Virginia bildete unter fragwürdigen rechtlichen Voraussetzungen
einen eigenen Staat.
Maryland hielt zum Bund, ebenso New Jersey, wenngleich ein ehemaliger
Gouverneur dafür plädiert hatte, man solle sich zu den Sezessionsstaaten
schlagen.
Nicht durchsetzen konnte der Bürgermeister von New York sein
Vorhaben, die Stadt für neutral zu erklären.
Die Teilung in Union und Konföderation war also nur nach komplizierten
Manövern zustandegekommen.
In den Worten William Cullen Bryants waren die Vereinigten Staaten
mit einer »elastischen Kette« verbunden.
Sie war so lange strapaziert worden, bis sie riß. Letztlich
hatte sich die Solidarität der elf abtrünnigen Staaten untereinander
als stärker erwiesen
als die Loyalität zu den USA. Ein Bürger von Alabama schrieb
an einen Freund in Tennessee:
»Ich habe mich gegen die Sezession von Alabama bis zum letzten
Augenblick gesträubt, nicht weil ich zweifelte, daß sie
früher oder später kommt,
sondern weil ich lieber darauf wartete, bis ihr in Tennessee bereit
seid, mit uns zu gehen.«
Die Sezessionisten stellten sich auf den Standpunkt, ihre Entscheidung
stehe im Einklang mit dem herrschenden Recht.
Die Verfassung hatte alle nicht an den Bund delegierten Rechte bei
den Einzelstaaten belassen.
Das föderalistische Prinzip war mehrfach vom Obersten Bundesgerichtshof
bekräftigt worden.
Die Rechte der Einzelstaaten seien älter als die Rechte der Union.
Die Nordstaaten vermochten die Unauflösbarkeit der Union nur
mit Mühe zu begründen.
Die Konföderationsartikel hatten als Vorläufer der Verfassung
den vollen Titel Articles of Confederation and Perpetual Union
getragen;
in der Verfassung selbst war von Unauflösbarkeit nicht die Rede.
Man versuchte deshalb, historische, rechtshistorische und rechtsvergleichende
Argumente heranzuziehen. Der Widerstand gegen England sei schließlich
von den »United Colonies« ausgegangen, folglich müsse
die Union älter sein als die Staaten.
Andrew Jackson hatte in einer Proklamation gegen die Ordinance
of Nullification (1832) den Einzelstaaten das Recht verweigert,
Bundesgesetze für ungültig zu erklären. Lincoln warf
in seiner Antrittsrede als Präsident am 4. März 1861 einen
Blick auf die Verfassungen anderer Länder, um die Unauflösbarkeit
zu begründen:
»Die Unauflösbarkeit ist implizit, wenn nicht explizit,
im Grundgesetz aller Staatsregierungen enthalten.«
Die verfassungsrechtliche Situation war alles andere als eindeutig.
John Quincy Adams hatte noch eine Generation vor Ausbruch des Bürgerkriegs
gesagt:
»Es gehört zu der widerwärtigen Natur dieser Frage,
daß sie nur vor einer Kanonenmündung gelöst werden
kann.«" Er behielt recht.
So begann ein
furchtbarer Krieg, geboren aus vielen Motiven, ideellen wie sachlichen,
Leichtfertigkeit und Berechnung,
aber auch begründet auf vielen Irrtümern - auch bei jenen,
die die Entwicklung kaltblütig gesteuert hatten.
Soviel
ist allgemein bekannt:
Der Amerikanische Bürgerkrieg wird als der »erste moderne
Krieg« der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Diese kategorisierende
Formulierung klingt klischeehaft,
ist aber gleichwohl richtig. Doch was bedeutet dies? Nur wenige zerbrechen
sich darüber heute noch den Kopf. Dieser Krieg, einer der letzten,
der auf amerikanischem Boden stattgefunden hat, in dem mehr amerikanische
Soldaten ihr Leben ließen als im 1. und 2. Weltkrieg zusammen,
scheint weit entfernt zu sein - geschichtlich wie geographisch.
Der Krieg eröffnete eine neue Dimension des Militärwesens,
die unmittelbare Rückwirkungen auf Europa hatte.
Vieles, was im 1. Weltkrieg an Technik und Methodik der Kriegführung
und Heeresverwaltung vollzogen wurde,
hatte im Amerikanischen Bürgerkrieg gewissermaßen seinen
»Testlauf« bestanden, und manches, was während und
nach dem 2. Weltkrieg zu beobachten war
- etwa die Art des Truppeneinsatzes, der administrative und politische
Hintergrund, die Kriegsfolgen -, hatte es schon im Amerikanischen
Bürgerkrieg gegeben.
Was für die Europäer heute, die sich - nach zwei verheerenden
Weltkriegen - in einer permanenten Diskussion über immer raffiniertere
Bewaffnungen und vielschichtige Bedrohungen in der Atomgesellschaft
befinden, die Aktualität dieses Krieges ausmachen sollte, ist
folgende, meist unerwähnt bleibende Tatsache:
Die Welt erlebte den ersten »Industriekrieg«, der bis
heute Lehrbeispiel dafür sein kann, wie durch wirtschaftliche
Interessen, moralisch-humanitär verbrämt,
durch geschickte politische Propaganda, durch systematisch geschürte
ideologische Kreuzzugsstimmung Kriege in moderner, aufgeklärter
Zeit entstehen können,
selbst wenn die Bevölkerung im Grunde kriegerischen Konfliktlösungen
abgeneigt ist.
Wir
finden den Beweis, daß menschliche Emotionen stets leicht entflammbar,
selten aber kontrollierbar sind. Sie entwickeln, einmal in Gang gebracht,
mörderische Eigendynamik, die noch in unserem Jahrhundert auf
skrupellose Weise genutzt wurde.
Daher sollte niemand glauben, daß heutige Generationen mit weitaus
mehr Vernunft gesegnet seien als jene des 19. Jahrhunderts.
Pazifistischer Grundstimmung zum Trotz: Massenpsychologie ist eine
perfekte Waffe, der sich kaum jemand entziehen kann.
Das, was den Amerikanischen Bürgerkrieg verursachte, ist - generalisiert
- auch heute noch möglich.
Natürlich bleibt die Überlegung, daß die Weltmachtrolle
der USA wohl in Frage gestellt wäre, hätte der Amerikanische
Bürgerkrieg einen anderen Ausgang genommen.
Dies unterstreicht die Bedeutung, die weitreichenden Folgen dieses
Konflikts, ist ansonsten aber selbstverständlich irrelevant,
da geschichtliche Beurteilungen sich nicht nach Spekulationen, sondern
ausschließlich nach Tatsachen zu richten haben.
Der
Militärische Krieg
Nach der Wahl Lincolns zum Präsidenten
brachte Senator John Crittenden aus Kentucky einen letzten Kompromißvorschlag
ein.
Das Parlament sollte sich für die Sklaverei erklären, wenn
die Südstaaten in der Union bleiben. Aber der Norden war kompromißmüde.
Lincoln unterstützte diesen Vorschlag nicht. Sein langjähriger
Weggefährte William Herndon fauchte: »Kompromiß -
Kompromiß!
Also, mir wird schon schlecht bei der Vorstellung. Laßt diesen
natürlichen Krieg, laßt diesen unvermeidlichen Kampf seinen
Lauf nehmen,
bis die Sklaverei tot ist, mausetot.« Mit einem weiteren Kompromiß
würde der Norden nur den Rest seiner Selbstachtung kompromittieren,
schrieb James Russell Lowell im Atlantic Monthly. »Laßt
uns den Streit jetzt austragen«, forderte der Kongreßabgeordnete
Edward Wade.
Der Krieg sei nicht das schlimmste aller Übel, schrieb eine Zeitung
in New Hampshire, das Unrecht der Sklaverei sei nur noch mit einem
Blutopfer zu sühnen.
Der Frieden sei nicht das primäre Interesse eines Volkes, echote
ein Abgeordneter aus Ohio. Mäßigende Stimmen gingen im
Lärm der Kriegsvorbereitung unter.
William Seward, inzwischen Außenminister, kam auf die Idee,
die allseitigen Aggressionen in einen anderen Kanal zu lenken.
In einem Memorandum legte er Lincoln nahe, die USA sollten sich an
einem europäischen Krieg beteiligen,
um Nord und Süd auf eine gemeinsame Sache zu verpflichten. Der
Präsident ließ sich nicht beirren, die Weichen waren gestellt.
Am 12. April 1861 fiel die Entscheidung. Fort Sumter wurde beschossen,
nachdem sich die militärische Besatzung einer Räumungsaufforderung
der Konföderierten widersetzt hatte. Der Casus belli war da.
Lincoln hatte den Rat einiger seiner Minister in den Wind geschlagen,
das Fort kampflos preiszugeben. Aus seiner Perspektive war diese Entscheidung
richtig, denn damit brachte er den Norden hinter sich.
Lincolns demokratischer Gegenspieler Stephen Douglas stellte sich
flugs auf die Seite des Präsidenten. Ein Sturmwind des Patriotismus
ging durchs Land,
erinnerte sich Ralph Waldo Emerson. Eine Zeitung in Indiana begrüßte
die kritische Zuspitzung der Lage und schloß nicht aus,
daß die Vorsehung nun direkt eingegriffen habe, der Sklaverei
ein Ende zu machen.
Eine Woche nach der Kanonade von Fort Sumter trat General Robert E.
Lee aus der Unionsarmee aus und stellte sich den Konföderationstruppen
zur Verfügung.
Am selben Tag verkündete eine Zeitung in Massachusetts, jeder
Krieg verleihe dem Leben einfacher Menschen heroische Dimensionen.
Anderslautende Meinungen wurden unterdrückt. Die Post untersagte
die Beförderung »verräterischer Korrespondenz«.
Journalisten, die sich gegen den Krieg aussprachen, wurden eingesperrt.
Redaktionen, die Sympathien mit den Konföderierten erkennen ließen,
sogenannte Copperhead Newspapers, mußten schließen.
Die Pressefreiheit erfuhr im Bürgerkrieg Einschränkungen,
wie es sie seitdem nicht mehr gab.
Lincoln glaubte, er habe gute Gründe, gegen Zeitungen einzuschreiten,
die ihn einen Tyrannen und einen Witwenmacher nannten.
Warum, so fragte er, sollte er einen einfachen Deserteur erschießen
und den Agitator ungeschoren lassen, der den Mann zum Desertieren
aufgefordert hatte.
Als die New Yorker Zeitung World und das Journal of Commerce
gegen Ende des Krieges meldeten, der Präsident beabsichtige,
vierhunderttausend neue Rekruten einzuziehen, ordnete Lincoln die
Verhaftung der Zeitungsbesitzer an. Der Börsenspekulant, der
die Ente lanciert hatte, wurde ebenfalls festgenommen.
Die Union war den Konföderierten logistisch überlegen. Der
Norden produzierte im Jahr 1860 eine Million Tonnen Stahl, der Süden
ganze 36.000 Tonnen.
Das Verkehrssystem der Unionsstaaten war besser ausgebaut. Während
des Krieges wuchs im Norden das Eisenbahnnetz um mehr als 600 Meilen,
während im Süden wegen Rohstoffmangels und aus »einem
merkwürdigen Sinn für Prioritäten« heraus keine
einzige neue Schiene hergestellt wurde.
Die nordstaatlichen Soldaten waren besser ausgerüstet. Mit dem,
was bei den Unionstruppen weggeworfen wurde,
könne man eine französische Armee halber Größe
ausrüsten, spottete ein General,
der auch den Grund für den verschwenderischen Umgang mit Kriegsmaterial
zu kennen glaubte:
»Es ist eine Verschwendung, die allgemein aus dem Land kommt.«
Der Süden war knapp an Konsumgütern,
vor allem an Leder, Papier, Seife, Eisenwaren und Textilien. Während
sich in der Industrie des Nordens gegen Kriegsende
ein wirtschaftlicher Aufschwung einstellte, dem viele Neureiche ihr
Vermögen verdankten, litten die Konföderierten unter demoralisierenden
Inflationsraten.
Das Einwohnerverhältnis
zwischen Nord und Süd betrug 2:1, nach Männern im kriegsfähigen
Alter gerechnet sogar 4:1, weil der Süden keine schwarzen Soldaten
einsetzte und die überwiegend männlichen Einwanderer den
Norden bevorzugten. Die Einwandererzahlen stiegen in den Kriegsjahren
erheblich an. Etwa ein Fünftel der Unionssoldaten kam aus dem
Ausland. Knapp 200000 waren schwarzer Hautfarbe, überwiegend
ehemalige Sklaven. Die konföderierte Truppe rekrutierte sich
vor allem aus den unteren Schichten der Weißen. In beiden Armeen
traten schwere disziplinarische Probleme auf. Der amerikanische Soldat,
egal ob Yankee oder Rebell,
unterschied sich nach Meinung des Bürgerkriegsexperten Peter
Parish durch Individualismus und Respektlosigkeit vom europäischen
Söldner.
Disziplinarverstöße wurden zum Teil mit äußerster
Härte geahndet. Deserteure erhielten ein D eingebrannt, »Feiglinge«
ein C für Coward.
2400 Schlachten und kleinere Gefechte haben zwischen 1861 und 1865
stattgefunden. Zur ersten Bürgerkriegsschlacht bei Bull Run waren
siegessichere Politiker aus der nahen Bundeshauptstadt angereist.
Sie mußten mit fliegenden Rockschößen die Flucht
ergreifen. Berittene Offiziere der Unionstruppen überholten auf
dem Rückzug die gemeinen Fußsoldaten. Lincoln zeigte anfangs
keine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Befehlshaber. Besonders
den zaudernden General George McClellan traf der Spott der Konföderierten.
Eine »Daughter of Georgia« schrieb ihm die Rolle Hamlets
zu und stichelte: »Advance, or not advance; that is the question
- these Southerners make cowards of us all.«
McClellan gilt heute als Versager, weil er Gewissensbisse zeigte.
Keine Hemmungen, Menschen ins Feuer zu schicken, hatte sein Nachfolger
Ambrose Burnside.
Mit einem neuartigen Gewehr waren verheerende Wirkungen zu erzielen.
Bei einem Frontalangriff unter General Ulysses Grant gab es binnen
weniger Minuten 7.000 Tote und Verwundete. Die Schlacht von Antietam
(1862) forderte 25 000 Tote, Verwundete und Vermißte, die Schlacht
von Chancellorsville (1863) an die 30.000,
Gettysburg (1863) nahezu 50.000 Opfer. Zur berühmtesten Schlacht
des Bürgerkriegs war es gekommen, als Konföderierte in Gettysburg
einen Posten Schuhe requirieren wollten. Der Süden verlor bei
dieser Schlacht schätzungsweise ein Drittel seiner Soldaten.
Eine der umkämpften Stellungen hieß sinnreich »Cemetery
Hill«.
Einen Tag nach Gettysburg ergaben sich die Einwohner von Vicksburg
den Belagerern unter General Grant.
Die Union kontrollierte von da an den Mississippi und das Land westlich
davon. Der Krieg schleppte sich hin, bis Grant 1864 zu dem Entschluß
kam,
»to go for Lee«, das heißt, ihm nachzusetzen und
ihn zur Strecke zu bringen. Mit kriegsentscheidend war, daß
die Führer der Unionstruppen die Strategie der Bewegung beherrschten
und bevorzugten. Der Yankeegeneral William Tecumseh Sherman befreite
seine Armee von unnötigem Ballast, um mobil und schlagkräftig
zu werden.
Die Märsche vergangener Jahre mit einem gewaltigen Troß
hielt er für eine Farce. Im November 1864 brach er zu einem Marsch
durch Georgia auf.
Die Gegner sollten gedemütigt werden.
Beim Aufbruch steckte Sherman die Stadt Atlanta in Brand, auf dem
Weg zum Meer bei Savannah verwüstete er einen Korridor
von 250 Meilen Länge und 50 Meilen Breite. Eine Lokalzeitung
schrieb über Shermans Soldateska:
»Wir haben erfahren, daß die Teufel in Menschengestalt
einige der hübschesten Frauen am Ort geschändet haben.«
Kurz vor Kriegsende brach Sherman zu einem neuen Beutemarsch auf und
zog marodierend durch die Carolinas.
Im April 1865 kapitulierten die konföderierten Truppen unter
General Lee bei Appomattox. Nur in den Grenzstaaten Kentucky und Maryland
war der Krieg ein Bruderkrieg gewesen. Ansonsten standen sich zwei
Gegner gegenüber, die einander fremd waren, auch wenn sich feindliche
Soldaten gelegentlich über die Front hinweg unterhielten oder,
wie bei Vicksburg, Brot gegen Tabak eintauschten. Die Kriegsschauplätze
lagen mit wenigen Ausnahmen im Süden. Die Bilder der Ruinen von
Richmond
- die Fotografie tat damals ihre ersten Schritte - erinnern an englische
oder deutsche Städte des Zweiten Weltkriegs. Es war die südstaatliche
Bevölkerung,
die am meisten unter dem Krieg zu leiden hatte.
»Es gab Zeiten und Orte, da die ganze Bevölkerung unterwegs
zu sein schien ... Für Leute mit einer so tiefen Verwurzelung
im Boden und einer so starken Ortsgebundenheit, war die Flucht eine
oft tödliche Erfahrung.« Südstaatler, die Ehemänner,
Söhne und Brüder ohne Murren in den Krieg geschickt hatten,
legten Protest ein,
sobald die eigenen Sklaven für Befestigungsarbeiten oder andere
Militärprojekte eingesetzt werden sollten. Die Sklavenbevölkerung
der rebellierenden Staaten wurde während des Krieges durch die
zunächst geheimgehaltene Emancipation Declaration (1863)
freigelassen. Es kam zu lokalen Aufständen,
einige der ehemaligen Besitzer wurden ermordet.
Die
Deutschamerikaner stellten ein besonders hohes Soldatenkontingent,
wobei einigen ihre militärische Schulung in Deutschland Nutzen
brachte.
Auf der Unionsseite kämpften General August Kautz, Samuel Heintzelmann
und Carl Schurz, bei den Konföderierten der preußische
Kavallerist Heros von Borcke
und Gustav Schleicher aus Darmstadt. Deutschsprachige Historiker wie
A. B. Faust haben sich alle Mühe gegeben, die Begeisterung von
Deutschamerikanern
für die Sache der Rebellen herunterzuspielen. Zwischen den Fronten
bewegten sich die bushwackers. Sie machten ihre Loyalität davon
abhängig,
auf welcher Seite es mehr zu plündern gab.
Amerikanerinnen waren aktiv als Krankenschwestern oder Arbeiterinnen
am Krieg beteiligt. Auffallend ist der Realismus und der common
sense,
mit dem sie die Situation beurteilten. Eine Krankenschwester lehnte
es ab, wegen ihrer Tätigkeit bedauert zu werden.
Auf die Frage, ob der Krieg nicht zu hart sei für eine Frau,
erwiderte sie, der Krieg sei auch zu hart für einen Mann.
Eine andere Frau quittierte den allgemeinen Preisanstieg, der sich
auch auf Wachskerzen erstreckte, mit Ironie:
»Wie denn, kämpfen sie jetzt bei Kerzenlicht?« Die
Feldchirurgin Dr. Mary Walker machte als Exzentrikerin von sich reden,
weil sie Hosen statt langer Gewänder trug. Für ihren Dienst
in den Lazaretten wurde ihr, als bisher einziger Frau, der höchste
amerikanische Orden verliehen.
Amerikanische Frauen haben erschütternde Aufzeichnungen über
die Grausamkeit des Kriegsgeschehens hinterlassen, wie zum Beispiel
Mary Chesnutt.
In New York vor allem wurden die Feldschlachten rasch als Dramen auf
die Theaterbühnen gebracht.
Ein Anonymus verfaßte 1862 ein Stück mit dem Titel How
to Avoid Drafting (Wie man der Einberufung entgeht),
das anscheinend auch aufgeführt wurde. William Cullen Bryant,
John Greenleaf Whittier und Herman Melville veröffentlichten
Kriegsgedichte.
Eine Kampfschrift gegen die Konföderierten, Parson Brownlow's
Book (1862), erzielte hohe Auflagen.
Das Liedgut des Bürgerkriegs reichte von dem populären »All
Quiet an the Potomac Tonight« oder »When Johnny Comes
Marching Home«
bis zur »Battle Hymn of the Republic«, dem von Julia Ward
Howe verfaßten Lied der Union, oder auch »Dixie's Land«,
dem Leib- und Magenlied der Konföderierten.
Zur Melodie von »0 Tannenbaum« erklang »Maryland,
my Maryland«.
Der Handel zwischen den Armeen der Union und der Konföderation
blieb legal. Baumwolle wurde gegen Fleisch getauscht, Pfund für
Pfund,
dadurch verlängerte sich der Krieg gegen die ausgehungerten und
an materiellen Ressourcen unterlegenen Südstaaten. Die Materialknappheit
gebar kuriose Gegenmaßnahmen. In Alabama kam man auf den Gedanken,
zur Behebung des Salpetermangels den Urin aus den Haushalten einzusammeln.
Die Ursachen für die Niederlage der Sezessionsstaaten sind unermüdlich
diskutiert worden. Der Süden hatte auf »King Cotton«
als Haupteinnahmequelle gesetzt und sich verschätzt, der Finanzminister,
Christoph Memminger aus Vaihingen, sich als Niete erwiesen. Die angestrebte
Anerkennung im Ausland blieb den abtrünnigen Staaten versagt.
Lincoln war als oberster Feldherr seinem Widerpart Jefferson Davis
überlegen. In Ulysses Grant hatte Lincoln einen zielstrebigen
Kommandeur gefunden,
dessen Übermacht an Truppen und Material Robert E. Lee sich am
Ende beugen mußte.
Ulysses Grant, lieblos aufgewachsen, als junger Offizier dem Trunk
ergeben und darob entlassen, in seinem Heimatort als »Useless«
verspottet, war erst zu Kriegsbeginn wieder aufgelebt. Er hat sich
später erinnert, daß er seit je den Weg nach vorne gesucht
hat und lieber einen Umweg in Kauf nahm, als auf eigenen Spuren zurückzugehen.
Dagegen war Lee eher defensiv eingestellt und nur schwer dazu zu bringen,
das eigene Territorium zu verlassen. Nach seiner Vorstellung mußte
man in Virginia um Virginia kämpfen. »Die Gesamtheit seiner
Ideale und Rückbindungen gestattete ihm nicht den breiten strategischen
Approach, den Grant und Sherman entwickelt hatten.«
Trotz des deutlichen Kräfteunterschieds
und der strategischen Vorteile für den Norden haben sich Historiker
Gedanken darüber gemacht, ob die Konföderation nicht auch
aus anderen Gründen den Krieg verloren hat. Peter Parish meinte,
die im Grunde konservativen Südstaatler seien mit ihrer Rolle
als Rebellen nicht fertiggeworden.
Kenneth Stampp erklärte das schwache militärische Abschneiden
des Südens mit »inneren Spannungen«. Die Sezessionisten
seien »unbewußt«
in die Niederlage gegangen, weil sie von moralischen Bedenken gegen
die Sklaverei geplagt wurden und bereits durch den Akt der Sezession
zu erkennen gegeben hatten,
daß sie einen Ausweg aus dem Dilemma suchten.
Lincoln hatte noch vor Kriegsende seine zweite Amtsperiode angetreten.
In seiner ersten Rede als wiedergewählter Präsident der
Union rief er im Namen Gottes zur Versöhnung auf. Allen Amerikanern
legte er nahe, keinen Groll mehr gegeneinander zu hegen - »with
malice toward none« -
und die aufgerissenen Wunden heilen zu lassen. Jefferson Davis berief
sich ebenfalls auf Gott und gab bis zuletzt Durchhalteparolen aus.
Fünf Tage später kapitulierte Lee und wiederum fünf
Tage später stürzte sich der Schauspieler John Wilkes Booth
mit dem Ruf »Sic semper tyrannis« in Lincolns Theaterloge.
Das Attentat ließ weder einen politischen noch einen militärischen
Sinn erkennen. Der ursprüngliche Plan von Booth und seinen Komplicen
hatte darin bestanden, Lincoln zu entführen, ihn Präsident
Jefferson Davis zu überstellen und auf diese Weise den Krieg
siegreich für die Südstaaten zu beenden.
Inzwischen war General Grant mit dem entscheidenden Sieg für
die Union nach Washington zurückgekehrt. Die Ratio des Überfalls
war entfallen."
Booth handelte trotzdem. Lincoln erlag seinen Schußverletzungen.
Der Krieg hatte 600.000 Tote und 400.000 Verwundete gefordert. Die
Sieger zogen Bilanz. »Starben alle umsonst?« fragte Melville,
»haben beide verloren?«
Auf sechs befreite Sklaven kam ein Toter. Doch die wichtigsten Kriegsziele
der Republikaner waren erreicht: die Union blieb erhalten,
die Sklaverei wurde abgeschafft. Während des Krieges war der
Homestead Act (1862) unterzeichnet worden, der die freien
Territorien des Westens allen Bürgern und Einwanderern zur Besiedlung
öffnete. Die südstaatliche Aristokratie büßte
für eine Generation ihre politische Macht ein. »Everybody
who was anybody is nobody«,
klagten Margaret Mitchells Vorfahren, und William Faulkner konnte
die Profitjäger nicht vergessen, diese »namenlose Horde
von Spekulanten«,
die nach dem Waffenstillstand auf der Suche nach Geld, Land und Macht
in den Süden gekommen waren.
Edmund Ruffin, einer der führenden Sezessionisten, wurde mit
der Niederlage nicht fertig und nahm sich das Leben.
Die Demoralisierung der Verlierer und ihr Affekt gegen die Besatzer
aus dem Norden kann nicht darüber hinwegtäuschen,
daß die Angehörigen der Führungselite des Südens
in neun von zehn Fällen wieder zu Wohlstand und Prestige kamen
und daß die meisten ihren Grundbesitz sogar zu vermehren wußten.
Allerdings signalisierte der Kriegsausgang endgültig den Primat
des Industriestaats über die Agrargesellschaft.
Die Industrie der Nordstaaten hatte sich zur Deckung der laufenden
Kriegskosten mit einer Umsatzsteuer einverstanden erklärt.
Die Regierung in Washington bedankte sich mit Schutzzöllen auf
ausländische Importwaren. Nach Kriegsende wurden die Steuern
aufgehoben,
die Zölle blieben als Fundament der künftigen Wirtschaftspolitik
bestehen.
Bestehen
blieben auch die soziokulturellen Unterschiede zwischen Nord und Süd.
Die Niederlage schien die regionale Identität des Südens
eher zu stärken als zu schwächen.
Die Bewohner der ehemaligen Sezessionsstaaten blieben ihrer alten
Lebensform treu oder versuchten dies wenigstens.
Das galt mit einer Ausnahme. Die Abschaffung der Sklaverei war definitiv
und wurde von relativ wenigen Südstaatlern bedauert.
Robert E. Lees und des von eigenen Leuten, erschossenen Stonewall
Jackson wurde in liebevollen Anekdoten gedacht.
David Griffith verbreitete in seinem Film The Birth of a Nation
(1915) die Vorstellung von der Unterwerfung des Südens durch
ruchlose Politiker.
Die Flagge der Konföderierten gehört heute noch zum Inventar
südstaatlicher Amtsräume.
Statuen von Jefferson Davis erheben sich in Bronze gegossen über
öffentlichen Plätzen.
Die »United Daughters of the Confederacy« arbeiten mit
kaum zu erschöpfender Energie an der Romantisierung der Epoche.
Der verlorene Bürgerkrieg, die lost cause, hat Melancholie
und Trotz erzeugt, gerade weil im Grunde klar war,
daß man für eine Sache gekämpft hatte, die auf lange
Sicht nicht zu gewinnen war.
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