
Mit freundlicher
Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen aus:
© Gert Raeithel, •Geschichte der Nordamerikanischen Kultur•
© Dietmar Kuegler, •Die Armee der Südstaaten 1861-1865•
Ursachen
des Bürgerkrieges
Seite
1
Es lag im
Interesse Europas, daß die mächtig wachsende amerikanische
Union sich entzweite und auflöste. So sprachen es damals vielfach
Stimmen der Alten Welt aus.
So haben auch die europäischen Mächte England und Frankreich
eine unfreundliche, ja feindliche Haltung gegenüber den die Einheit
verfechtenden Nordstaaten eingenommen. Sie erklärten zwar ihre
Neutralität, doch zeigten sie mehrfach Sympathien für die
Südstaaten und unterstrichen dies durch Handlungen im Seekrieg.
Als der neue Leiter der amerikanischen Außenpolitik, WILLIAM
H. SEWARD, zu Beginn des Bürgerkriegs sich nach befreundeten
Mächten umsah, fand er,
daß unter den Großmächten Rußland allein sich
freundlich verhielt. Gleicher Auffassung war man auf russischer Seite.
»Die Existenz (der Vereinigten Staaten)
ist für uns wichtiger als für irgendeinen andern Staat.«
Sie galt als Gegengewicht gegen England.
Diese Rivalität schien die beste Sicherung vor der geballten
Macht der Angelsachsen. So wünschte das Zarenreich die Einheit
der Vereinigten Staaten zu erhalten.
Der Außenminister GORTSCHAKOW erklärte: »Dieser Bund
war fruchtbar. Er hat der Welt ein beispielloses Schauspiel in den
Annalen der Geschichte gegeben.«
Das war im Munde des Repräsentanten einer Autokratie eine merkwürdige
Lobrede auf die Vereinigten Staaten, von denen er weiter sagte:
»Geeinigt, vervollkommnen sie sich, getrennt voneinander sind
sie paralysiert.«
Aus solchen Erwägungen heraus suchte Rußland die beiden
feindlichen Teile wieder zusammenzuführen.
Jede Anerkennung oder auch nur Stützung der Südstaaten wurde
abgelehnt. So ist es zu verstehen, wenn die Proklamation der Sklavenbefreiung
bedauert wurde:
sie verschärfte zunächst die Trennung zwischen beiden Teilen
der Union, die einig und mächtig zu sehen das damalige russische
Interesse heischte.
Im Herbst
1863, noch mitten im Bürgerkrieg, gingen Teile der russischen
Ostseeflotte im Hafen von New York und Teile der russischen Ostasienflotte
im Hafen von San Francisco vor Anker. Die Nachricht davon erregte
ungeheures Aufsehen in der Welt und ungemeine Begeisterung in den
amerikanischen Nordstaaten.
Man sah darin eine Demonstration der Macht gegen die interventionslüsternen
europäischen Westmächte.
Die Amerikaner überschlugen sich in der Begeisterung und meinten,
daß, wenn Sklaven und Leibeigene befreit sind, es nichts mehr
gäbe,
was Russen und Amerikanern unmöglich sei. So verband man mit
der militärischen Demonstration ein weitausschauendes,
Inneres und Äußeres vermengendes Zukunftsbild. Ein General
berief sich sogar auf die Vorsehung, die bestimmt habe, daß
zwei Hemisphären seien,
die eine, östliche, durch Rußland, die andere, westliche,
durch die Vereinigten Staaten repräsentiert.
An die Anwesenheit der russischen Flotte hat sich eine zählebige
Legende bis in unser Jahrhundert geknüpft. Erst während
des Ersten Weltkriegs ist sie von einem amerikanischen Historiker
zerstört worden, um trotzdem immer wieder aufgegriffen zu werden.
Die Legende wollte,
daß das Zarenreich den Amerikanern die Flotte gesandt hätte,
um notfalls Hilfe zu leisten. Das Einlaufen in San Francisco war aber
eine Eigenmächtigkeit des russischen Admirals und das Einlaufen
in New York entsprach nach der Geheiminstruktion für den hierhin
beorderten Admiral dem unmittelbaren russischen Interesse.
Lit.: Erwin Hölzle, Geschichte der zweigeteilten Welt.
Gescheiterte
Kompromisse
1819 war Alabama
in die Union aufgenommen worden. Damit gab es elf freie und elf unfreie
Staaten. Vor der Zulassung von Missouri als neuem Staat verlangten
nordstaatliche Abgeordnete, in diesem Gebiet sollten Sklaven oder
zumindest deren Kinder frei werden. Sie konnten darauf verweisen,
daß im Rahmen der Northwest Ordinance von 1787 auch Ohio, Indiana
und Illinois vor der Aufnahme in die Union Auflagen bezüglich
Sklaverei hatten hinnehmen müssen. Die Vertreter des Südens
stellten sich auf den Standpunkt, der Kongreß habe in diesem
Punkt keine Kompetenz, den Einzelstaaten Vorschriften zu machen; die
in der Verfassung niedergelegte Formulierung - »neue Staaten
können in die Union aufgenommen werden« - sage nichts über
die Art der Gesellschaftsordnung aus. Sklavenhaltende Südstaatler
pochten auf das Recht, ihr Eigentum mit über den Mississippi
zu nehmen. Eine Kompromißmöglichkeit zeichnete sich ab,
als das im äußersten Nordosten gelegene Maine um Aufnahme
in die Union nachsuchte. Im Missouri Compromise (1820) einigte sich
der Kongreß darauf, die Sklaverei in den Territorien nördlich
der Mason-Dixon-Linie
- sie war nach zwei Landvermessern benannt und verlief bei 36°
30' - künftig zu verbieten, mit Ausnahme Missouris.
Maine wurde als freier, Missouri als unfreier Staat aufgenommen. Das
Gleichgewicht war scheinbar wiederhergestellt.
Der Kompromiß
hielt noch, als Arkansas und Michigan zu Unionsstaaten wurden, der
eine nördlich, der andere südlich der vereinbarten Linie.
Allerdings stand zu erwarten, daß südlich der Linie in
nächster Zukunft nur Florida die Aufnahme beantragen würde,
während sich im Norden Wisconsin,
Iowa und Minnesota anschickten, Bundesstaaten zu werden. Die Südstaaten
mußten befürchten, wieder ins Hintertreffen zu geraten.
Im Norden zeigte man sich irritiert darüber, daß die Verfassung
von Missouri freien Schwarzen die Einreise verwehrte.
Die Südstaaten hatten sich seit Gründung der USA als Teil
der nationalen Kultur begriffen.
Nach dem Kompromiß um Missouri stellten sie ihre Eigenständigkeit
stärker heraus und besannen sich auf ihre historische Identität,
die im patriotischen Überschwang der Gründerzeit in den
Hintergrund getreten war.
Der Krieg gegen Mexiko verschärfte Animositäten zwischen
freien und unfreien Staaten.
Texas wurde 1845 erobert und rasch in die Union aufgenommen, für
Nordstaatler ein Indiz dafür, daß der Süden seine
Macht über Gebühr ausweitete.
Aktive Gegner der Sklaverei sahen im Mexikanischen Krieg eine Verschwörung
der Sklavenhalter.
Der Süden wolle »größere Koben, um sie mit Sklaven
vollzustopfen« und habe deshalb den Krieg inszeniert, schrieb
James Russell Lowell in den Biglow Papers.
Der Abgeordnete David Wilmot brachte einen Gesetzeszusatz ein, wonach
die Sklaverei in allen Gebieten, die man Mexiko abnahm, verboten werden
sollte.
Das Wilmot Proviso scheiterte im Senat. Die Free Soil Party, 1848
gegründet, setzte den freien Zugang zu allen eroberten Gebieten
auf ihr Programm.
Jefferson Davis aus Mississippi warf seinen Kollegen im Senat Augenwischerei
und Betrug vor. Den »Free Soilers« ginge es mitnichten
um die Freiheit der Sklaven,
sondern um Besitz, Macht und Mehrheiten im Parlament: »Weil
Sie die Gelegenheit ergreifen wollen, uns zu betrügen, deswegen
wollen Sie das Sklaventerritorium mit festgelegten Grenzen umgeben.
Weil Sie eine Mehrheit im Kongreß der Vereinigten Staaten anstreben
und die Regierung zu einem Apparat für nordstaatliche Selbstvergrößerung
umfunktionieren wollen.« Der spätere Präsident der
Konföderierten Staaten lag mit diesem Argument nicht weit von
der Wahrheit.
Die Free Soil Party war eher gegen Schwarze allgemein als gegen die
Institution Sklaverei eingestellt. Wilmot hatte Wert auf die Feststellung
gelegt,
seine Gesetzesinitiative nicht zugunsten der Sklaven, sondern weißer
Siedler eingebracht zu haben.
Der Kompromiß von 1850, vorangetrieben von Henry Clay, war ein
letzter Versuch, sich zu einigen: Kalifornien wurde als freier Staat
aufgenommen.
Im Gegenzug verzichtete der Kongreß darauf, für Neumexiko
und Utah eine Regelung in puncto Sklaverei zu treffen; die Fugitive
Slave Laws wurden verschärft.
Der Kansas-Nebraska-Act (1854) stellte den Bewohnern die Entscheidung
frei, ob sie Sklaven haben wollten oder nicht. Nachdem diese beiden
Territorien
nördlich der Mason-Dixon-Linie lagen, war der Missouri-Kompromiß
entwertet.
Der Oberste Bundesgerichtshof urteilte drei Jahre später, ein
Sklave namens Dred Scott, der sich zeitweilig in einem freien Territorium
aufgehalten hatte,
bleibe nach wie vor Sklave. Demnach mußte der Missouri-Kompromiß
endgültig als verfassungswidrig gelten und Sklavenbesitz in den
Territorien als erlaubt angesehen werden. Kansas beantragte seine
Aufnahme in die Union mit einer Verfassung, in der die Sklaverei vorgesehen
war. Präsident James Buchanan unterstützte diesen Antrag.
Das Urteil gegen Dred Scott radikalisierte die Sklavereigegner, die
bis dahin für eine graduelle Abschaffung eingetreten waren. Abraham
Lincoln befürchtete,
dieses Urteil würde die Territorien der Sklaverei öffnen.
Sein Gegenspieler Stephen Douglas wollte das Problem der Volkssouveränität
überlassen:
Die Sklaverei - so Douglas - würde sich immer nur so weit ausbreiten,
wie sie die Leute haben wollten, und keinen Zoll weiter.
Lincoln
und die Sklaverei
Nur wer in privater
Geborgenheit aufwächst, schrieb Hannah Arendt, strebt in öffentliche
Ämter. Nach dieser Theorie hätte Abraham Lincoln nie Präsident
werden dürfen. Lincoln ist in Kentucky geboren und an der Frontier
von Indiana und Illinois aufgewachsen. Sein Vater, ein gewalttätiger
und trinkfreudiger Mann, behandelte ihn wie einen unerwünschten
Stiefsohn, vielleicht weil er das Gerücht glaubte, Abraham sei
nicht sein leibliches Kind. Der junge Lincoln verabscheute die Jagdleidenschaft
seines Vaters und dessen rauhbeinige und oberflächliche Männlichkeit.
Umgekehrt verachtete der analphabetische Vater den Bildungshunger
seines Sohnes, »fooling himself with eddication«, wie
er das nannte. Der Konflikt war von Dauer. Lincoln erschien weder
am Sterbebett noch zum Begräbnis seines Vaters. Die Mutter, unehelich
geboren,
konnte ebensowenig lesen und schreiben wie ihr Mann. Sie war kränklich,
in einem bestimmten Sinn lebensuntüchtig, neigte zur Melancholie
und starb einen frühen Tod. Der Vater heiratete wenig später
eine Frau mit drei Kindern. Lincoln hat sich über seine Stiefmutter
positiver geäußert als über seine leibliche Mutter.
Es muß ihn gequält haben, daß er weder über
ihre noch über seine eigene Herkunft genauer Bescheid wußte.
»My mother was a bastard«,
sagte er einmal, und hat ansonsten nur ungern über seine Kindheit
gesprochen.
Wahrscheinlich hatte Lincoln im Alter von zehn Jahren durch den Tritt
eines Pferdes einen Schädelbruch mit schweren traumatischen Folgen
erlitten.
Seine raschen Stimmungsumschwünge zwischen Melancholie und Humor,
seine Absencen und sein Doppelsehen im halbwachen Zustand wurden auf
diese Verletzung zurückgeführt. Lincoln hat mehrfach von
seinem Tod geträumt oder ihn vorausgeahnt. Er träumte wiederholt,
er würde auf dem Wasser treiben,
einem unbekannten Ufer entgegen. Psychoanalytiker deuteten dies als
Todeswunsch oder als Verlangen nach Wiedergeburt.
Lincoln ist erst nach seiner Ermordung zur Heldengestalt erhoben worden.
Zu Lebzeiten war er eher unpopulär, im Süden ohnehin, im
Norden nicht beliebter als andere Präsidenten vor ihm. Als Redner
machte er eine gute Figur, auch wenn seine Formulierungen zu hausbacken
waren, um als große rhetorische Kunstwerke gelten zu können.
Nach seiner berühmt gewordenen Ansprache auf dem Schlachtfeld
von Gettysburg meinte sein Parteigänger Seward:
»Er hat versagt, und das tut mir leid«. Lincoln selbst
hielt eine viermal wiederholte Rede zum Thema Sklaverei für seine
beste Leistung:
»Ein in sich gespaltenes Haus kann nicht stehen. Ich glaube,
diese Regierung kann auf Dauer halb versklavt, halb frei nicht überleben.«
Die »House-Divided«-Rede, erstmals gehalten im Juni 1858
in Springfield (Illinois), gehört zu den Lincoln-Douglas-Debates,
einem Rededuell in sieben Teilen von insgesamt 21 Stunden Länge,
das sich Lincoln mit seinem politischen Konkurrenten Stephen Douglas
lieferte,
dem späteren Präsidentschaftsbewerber der Demokratischen
Partei.
Spätere Legenden haben vieles überdeckt: Abraham Lincoln
war zunächst ganz und gar kein Vertreter der Emanzipation der
Schwarzen.
Er war in seinen Entscheidungen viel weniger emotional als heute oft
geglaubt wird: Er war ein sehr rational denkender, pragmatischer Politiker,
ein erfahrener Parlamentarier und geschickter Taktiker. Ihm war das
Problem einer Gesellschaft, die zu über 40 % aus versklavten
schwarzen Menschen bestand, durchaus bewußt:
Welche Umwälzungen sich hier anbahnten, wenn es zu einer Gleichstellung
der Rassen, zu einer Abschaffung der Sklavenhaltung kam, welche Bedrohung
sich für die weiße Gesellschaft ergab, darüber hatte
er frühzeitig nachgedacht. Er erkannte allerdings auch den humanitären
Wert dieser Frage und die Wirkung,
die damit auf die nördlichen Wähler und auf Europa erzielt
werden konnte.
Lincoln dachte nicht daran, einen Krieg gegen die Sklavenwirtschaft
zu führen. Ihn interessierte allein die Erhaltung der amerikanischen
Union.
Eine früher geäußerte Sympathie für die Doktrin
der Rechte der Einzelstaaten hatte er längst aufgegeben. Er sagte:
„Wenn es mir gelänge, die Union zu erhalten, indem ich
alle Sklaven befreite, würde ich das tun. Wenn ich die Union
erhalten könnte,
indem ich nur einige Sklaven befreite, würde ich auch das tun.
Wenn ich die Union erhalten könnte, indem ich die Sklaverei bestehen
ließe,
würde ich nicht zögern, dies zu tun.” Exakt danach
verhielt er sich.
Die Sklavenbefreiungsproklamation,
die dem Amerikanischen Bürgerkrieg das historische Gepräge
gab, enthielt nämlich einen Aspekt, den die Welt immer wieder
übersieht:
Es wurden gar nicht alle Sklaven befreit. Die berühmte Proklamation
befreite nur jene Schwarzen vom Joch der Sklaverei, die sich in den
konföderierten Staaten befanden -
in denen die Regierung Lincoln nur insoweit Einfluß besaß,
wie die Unionsarmee vorgedrungen war. In den Grenzstaaten zwischen
Süden und Norden,
die kulturell eher dem Süden zuzurechnen waren, die sich aber
politisch an die Seite des Nordens gestellt hatten, blieb die Sklavenhaltung
vorerst erlaubt,
da Lincoln nicht riskieren wollte, diese Verbündeten ebenfalls
der Konföderation zuzutreiben.
Emanzipationsbestrebungen
mit dem Norden, Unfreiheit und Rassismus mit dem Süden zu assoziieren,
dies wäre eine Vereinfachung der Geschichte.
In beiden Teilen der Union wurden schwarze Menschen als minderwertige
Wesen betrachtet. Der Hartford Courant aus Connecticut warnte vor
der
»pestilenzmäßigen Gegenwart« der Schwarzen,
und der nordstaatliche Republikaner William Seward bezeichnete sie
als »fremdes und schwächliches Element«,
das sich wie der Indianer gegen jede Assimilation sperre. »Bleiben
die Weißen Nordamerikas geeint«, schrieb Tocqueville,
»so läßt sich schwer denken,
daß die Neger der ihnen drohenden Vernichtung entgehen; sie
werden dem Schwert oder dem Elend erliegen.«
»Sectional
Conflict«
Dreh- und Angelpunkt
der Auseinandersetzung zwischen Nord und Süd war die Sklaverei.
Der »Sectional Conflict« zwischen den beiden Regionen,
der zur Sezession der Südstaaten und zum Bürgerkrieg führte,
ist jedoch ohne die wirtschaftsgeographischen, sozialen und kulturellen
Unterschiede kaum zu verstehen.
Die Südstaaten lassen sich physiographisch aufgliedern in die
Tidewater Region, das Embayment, das Piedmont Plateau, die südlichen
Appalachen und das Western Plateau. Die Tidewater Region ist streng
genommen der Landstreifen östlich der Linie, die in den Flußläufen
von den Gezeiten erreicht wird. In Neuengland ist dieser Streifen
sehr schmal, im Süden zieht er sich von Baltimore über Washington
nach Richmond, erreicht in North Carolina als tiefliegende Küstenebene
eine Breite von zweihundert Meilen, setzt sich nach Florida fort und
an der Golfküste entlang bis nach Texas. Das Embayment wird gebildet
aus Schlammablagerungen im unmittelbaren Einzugsgebiet des Mississippi
und seinen Nebenflüssen. Das Piedmont Plateau zwischen der Küstenebene
und den Appalachen erstreckt sich südwestlich von New York bis
ins zentralöstliche Alabama. Die Appalachen erreichen in North
Carolina Höhen bis zu 6000 Fuß.
Charakteristisch ist der vierzig Meilen breite und sehr fruchtbare
Graben, der von Pennsylvania bis nach Georgia hinein verläuft.
Im Osten wird diese Region von den Blue Ridge Mountains begrenzt.
Das Western Plateau liegt westlich einer von Cincinnati nach Nordalabama
gedachten Linie, umgreift die Blue Grass Region Kentuckys und jenseits
des Mississippi Teile von Missouri, Arkansas und Texas. Wie die Küstenebene
und der Piedmont eignet sich das Western Plateau für den Anbau
der Southern staples, also Baumwolle, Tabak, Soja, Reis mit künstlicher
Bewässerung, weniger gut für Gras und Getreide. Der Sommer
dauert in diesen Gebieten sechs bis neun Monate.
In manchen Gegenden können zwei oder drei Obsternten eingebracht
werden. Insgesamt umfaßt der Süden eine Million Quadratmeilen
oder rund ein Drittel der kontinentalen Oberfläche der Vereinigten
Staaten.
Unmittelbar vor dem Bürgerkrieg lebten 84 Prozent der Bewohner
des Südens von der Landwirtschaft, im Norden nur 40 Prozent.
Die südstaatlichen Agrarprodukte Tabak, Baumwolle, Zucker, Reis
und Hanf waren im Norden ohne Konkurrenz. Pro Kopf erzeugte der Süden
mehr Rinder, Schweine, Geflügel und Mais als der Norden.
Die agrarische Grundstruktur ließ die Sklaverei notwendig erscheinen.
Umgekehrt hat die Sklaverei den Süden auf die Agrarwirtschaft,
insbesondere auf die Baumwollproduktion festgelegt. Im tiefen Süden
behinderte der profitable Einsatz von Sklavenarbeit im mühsamen
Baumwollanbau Investitionen in anderen Wirtschaftsbereichen. 1824
erhob der Kongreß Einfuhrzölle auf Wolle, Eisen, Hanf,
Glas, Baumwollprodukte, Seide und Leinen.
Nur ein südstaatlicher Abgeordneter stimmte für dieses Gesetz,
57 waren dagegen. Der Süden sah in der Schutzzollpolitik eine
Maßnahme,
die Preise auf Kosten der südstaatlichen Wirtschaft hinaufzutreiben.
Thomas Dew verfaßte noch vor seiner Apologie der Sklaverei ein
Pamphlet gegen Schutzzölle
und wurde dafür mit der Präsidentschaft des William &
Mary College belohnt. Der erweiterte Schutzzolltarif von 1832 war
im Süden als »Tariff of Abominations« bekannt,
als eine einzige Schandbarkeit. Warum, so lautete die Frage, sollte
der agrarische Süden mit seinem Geld die nordstaatliche Industrie
schützen?
South Carolina erklärte die Schutzzölle in einer Ordinance
of Nullification (1832) für ungültig.
John Calhoun entzweite
sich über der Frage mit Andrew Jackson und trat als Vizepräsident
zurück. Jacksons berühmten Trinkspruch »Auf unseren
Staatenbund -
er möge erhalten werden!« konterte Calhoun mit den Sätzen:
»Auf die Union - das liebste nach unserer Freiheit. Mögen
wir alle daran denken,
daß sie nur erhalten werden kann, wenn wir die Rechte der Einzelstaaten
achten und Nutzen und Lasten der Union gleichmäßig verteilen.«
Nordstaatliche Republikaner begrüßten Einfuhrzölle
als vorübergehende Maßnahme um Industrie und Handwerk vor
ausländischer Konkurrenz zu schützen.
Nachteile für die Verbraucher mußten ihrer Ansicht nach
solange in Kauf genommen werden, bis die Bedingungen für einen
wahren Freihandel hergestellt waren.
»Billige Schuhe und Hüte sind wünschenswert«,
meinte Horace Greeley, »aber nicht auf Kosten von Generationen
kältezitternder, hungernder, analphabetischer Schuhmacher und
Hutmacher.« Der Protest gegen Schutzzölle blieb bis zum
Bürgerkrieg ein Element südstaatlicher Politik, um bei den
betroffenen ausländischen Nationen, England vor allem und Frankreich,
um Sympathien zu werben. Die wirtschaftlichen Bedenken hatten sich
erledigt.
Den Schutzzöllen von 1857 stimmte die Mehrzahl der südstaatlichen
Abgeordneten zu.
Inzwischen war
man nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß Einfuhrzölle
auch im Interesse des Südens lagen. Wollte die Region autonom
werden,
mußte sie eine Mischwirtschaft anstreben, eine Kombination aus
Landwirtschaft, Manufaktur und Handel. Die Industrieproduktion des
Südens zeigte in den 1850er Jahren ansteigende Tendenz. Die Sklaven
Virginias arbeiteten nicht nur auf den Plantagen, sondern auch in
der Eisenverhüttung.
Zur Ausbeutung der Bodenschätze in den eroberten Territorien,
zum Beispiel in Neumexiko, schien sich der Einsatz von Sklaven geradezu
anzubieten.
Im Süden war man keineswegs gewillt, den Handel passiv den Kaufleuten
des Nordens zu überlassen. Maunsell White, mit dreizehn Jahren
als Waise aus Irland eingewandert, machte seinen Weg als einer der
erfolgreichsten Baumwollhändler und vermarktete die Agrarprodukte
zweier Präsidenten,
Andrew Jacksons und Zachary Taylors.
Die Wirtschaft des Nordens wie des Südens beruhte auf der Ausbeutung
von Arbeit. Allerdings zeigten die südstaatlichen Kaufleute wenig
Kooperation.
Sie verschifften ihre Ware einzeln und wickelten ihre Geschäfte
mit England auf individueller Basis ab. Der Norden hatte sich das
Transportmonopol im Küstenverkehr gesichert. Der Süden war
auf nordstaatliche Reeder angewiesen. Allein deshalb, so klagte Thomas
Kettel in Southern Wealth and Northern Profits (1860),
komme der Süden auf keinen grünen Zweig, denn jeder Produktionszuwachs
verschwinde flugs in den Geldtaschen der Yankees. Aus »reiner
Sorglosigkeit«,
schrieb der Daily Whig in Vicksburg, habe man dem Norden
bis vor kurzem die Warenfabrikation überlassen. Es stimmte: 40
Prozent der Gesamtbevölkerung
stellten nur 15 Prozent aller Fertigwaren her. Der Süden war
technologisch rückständig im Transportwesen, im Maschinenbau,
in der Nachrichtenübermittlung.
Bei der großen Erfindermesse in New York (1853) waren unter
hunderten von Ausstellern nicht viel mehr als zehn Südstaatler.
Die Südstaaten neideten dem Norden seine großen Städte,
seine Eisenbahnen, seine Kanäle und glaubten, der Ausbau der
Infrastruktur sei auf ihre Kosten erfolgt.
Der Reichtum des Nordens, unterstellte ein Senator aus Georgia, gründe
auf Regierungszuwendungen, nicht auf Eigenproduktivität.
Abolitionisten und Protektionisten hätten sich zu einer unheiligen
Allianz zusammengefunden, um den arbeitsamen Süden mit vereinten
Kräften auszuplündern.
Der Sklavereigegner Hinton Helper warf seinen Landsleuten im Süden
vor, sie hätten sich selbst aus Bequemlichkeit in die wirtschaftliche
Abhängigkeit begeben
und dem Norden den Konsumgütermarkt kampflos überlassen."
Während der Vorkriegszeit lebten im Süden acht Millionen
Weiße und vier Millionen Schwarze, etwa eine viertel Million
davon frei.
Freie Schwarze konnten es in der südstaatlichen Gesellschaft
als Handwerker, Kaufleute oder Hotelbesitzer zu einigem Wohlstand
bringen.
Die Tönung der Haut bestimmte die Rangunterschiede innerhalb
der Minderheit. In South Carolina schlossen sich hellhäutige
Mulatten
zur »Brown Fellowship Society« zusammen, die Dunkelhäutigen
gründeten eine »Society of Free Dark Men«. Die weiße
Bevölkerung war im Süden homogener
als im Norden. Von den 1,4 Millionen Einwohnern Virginias waren nur
23 000 im Ausland geboren. In den Sklavenstaaten insgesamt lebten
nicht mehr als 13 Prozent
der Einwanderer. Der Süden hatte nie eine aktive Einwanderungspolitik
betrieben, da der Arbeitsmarkt mit schwarzen Sklaven versorgt war,
und die Einwanderer scheuten die Konkurrenz nahezu kostenloser Sklavenarbeit.
Die eingefahrenen Einwandererrouten führten am Süden vorbei.
Nordwesteuropäern behagte das südstaatliche Klima nicht.
Die Bodenpreise lagen relativ hoch. Nord und mitteleuropäischen
Bauern fehlte die Erfahrung
mit typischen Anbauprodukten des Südens wie Reis, Zuckerrohr
oder Baumwolle.
Im Vergleich zum Norden waren
die Südstaaten dünn besiedelt. Auf eine Quadratmeile kamen
13, im Norden 20 Einwohner. Die geringere Bevölkerungsdichte
geht zum Teil auf die weniger fortgeschrittene Urbanisierung zurück.
Die Plantagenwirtschaft begünstigte eine ausgeprägte soziale
Stratifizierung und das Überleben feudaler Strukturen. Der politische
und gesellschaftliche Einfluß konzentrierte sich auf drei- bis
viertausend Großgrundbesitzer. In Virginia, South Carolina und
Louisiana wurde die soziale Oberschicht von rund fünfhundert
Baumwollkönigen gebildet. Die mittleren Farmer besaßen
zwischen fünf und zwanzig Sklaven. Manche von ihnen waren in
der Kolonialzeit als indentured servants nach Amerika gekommen
und hatten sich hochgearbeitet. Sie orientierten sich an der Kultur
der Landaristokraten und verteidigten wie diese die besondere Lebensweise
des Südens, ebenso wie die arrivierten Städter, die Kaufleute
und Akademiker. Das Land, nicht die Stadt, war die Quelle südstaatlicher
Ideale, dort wo der Schwerpunkt des Bruttosozialprodukts lag. Die
Kleinbauern oder yeomen besaßen zu achtzig Prozent
ihr Land selbst, mußten sich aber mit den weniger fruchtbaren
Grundflächen zufriedengeben. Sie hatten nur geringe Chancen,
durch geographische Mobilität den sozialen Aufstieg zu schaffen.
Das Gebiet jenseits des Mississippi blieb ihnen meist verschlossen.
Dort übten kapitalkräftigere Großfarmer das Vorkaufsrecht
aus. Viele der kleinen Farmer zogen wegen der Landknappheit in die
Städte, wo sie als Handwerker (mechanics) oder Kleinhändler
weitermachten. Die yeomen des Südens waren den Yankeefarmern
nicht unähnlich.
Sie
gehörten ebenfalls kalvinistischen Sekten an, zeigten ein starkes
Unabhängigkeitsgefühl und wußten die tall tales
der Frontier zu schätzen,
wenngleich die Yankees in der Regel als schlauer, unternehmungslustiger
und geschäftstüchtiger beschrieben werden.`
Auf der untersten Stufe in der sozialen Hierarchie der Weißen
standen die poor Whites, auch white trash (weißer
Müll), tar heels (Teerfersen)
oder clay eaters (Kalkfresser) genannt. In einem Staat wie
South Carolina machten die poor whites zwanzig Prozent der
Bevölkerung aus.
Sie waren von den größeren Farmern auf nahezu unfruchtbares
Land gedrängt worden, wohnten in primitiven Hütten in ärmlichsten
Verhältnissen,
unterernährt, analphabetisch, abergläubisch, von Krankheiten
gezeichnet oder dem Trunk ergeben. Den bessergestellten Südstaatlern
war die Existenz
eines weißen Proletariats vor allem deswegen peinlich, weil
es unbestreitbar angelsächsischer Herkunft war.
Das südstaatliche Gesellschaftssystem war grundsätzlich
statisch angelegt. Das »Gleichgewicht« zwischen den sozialen
Klassen sollte erhalten bleiben.
Absolut reformfeindlich waren jedoch südstaatliche Intellektuelle
nicht. Der Universitätsprofessor und Romanschriftsteller Nathaniel
Tucker begrüßte
die Abschaffung des Erstgeburtsrechts und der testamentarisch verfügten
Unteilbarkeit von Besitztümern in Virginia und forderte eine
weitere Parzellierung der Grundstücke, damit die Gleichheit unter
weißen Bürgern befördert werde und immer mehr echte
Squires auf eigenem Land leben können.
Die Reformansätze im Süden waren, schon wegen der Sklaverei,
nicht in dem Maße wie im Norden gegen traditionelle Institutionen
gerichtet.
Man
gab sich auch weniger vertrauensvoll, was die Perfektionierbarkeit
des Menschen anlangte und war schnell bei der Hand,
die Forderung nach größerer Gerechtigkeit und mehr Freiheit
als Utopie abzutun. Eine Zeitung in Georgia meinte, die Nordstaaten
hätten am wenigsten Grund,
nach einer freien Gesellschaft zu rufen: »Freie Gesellschaft!
Uns wird übel bei dem Namen. Was ist sie außer einem Konglomerat
schmieriger Handwerker,
schmutziger Arbeiter, kleinkarierter Bauern und mondsüchtiger
Theoretiker?«
Kaum einer dieser Freien sei würdig, sich in die Gesellschaft
eines südstaatlichen Gentleman zu begeben.
Die Sklaverei war das sine qua
non des amerikanischen Bürgerkriegs. Gab es darüber hinaus
einen grundlegenden Konflikt zwischen der Kultur des Nordens und des
Südens? Hatten sich im Antebellum zwei verschiedene Lebensstile
und Denkweisen entwickelt? War der Krieg die Folge einer Auseinandersetzung
zwischen zwei Gesellschaftsformen? Muß man die Mason-Dixon-Linie
auch als Kulturgrenze verstehen? Historiker wie David Potter haben
das bestritten.
Nord und Südstaaten pflegten dieselbe Sprache, eine gemeinsame
protestantische Religion, demokratische Einrichtungen,
den Glauben an Fortschritt und materiellen Erfolg und einen gegen
Europa gerichteten, zuweilen recht aggressiven Amerikanismus.
Andere verwiesen die Vorstellung von zwei Kulturen ins Reich der Legende.
Die beiden Regionen seien sich in wesentlichen Dingen ähnlich
gewesen,
andere Deutungen beruhten auf einer fiktiven Soziologie. Manche Südstaatler
hielten sich sogar für die besseren Amerikaner und glaubten,
der ursprünglichen Idee Amerikas getreuer zu leben als die Yankees."
Freilich
sind die Unterschiede in wichtigen kulturellen Bereichen objektiv
unübersehbar, und den Südstaatlern waren diese Unterschiede
klar bewußt.
»Die Gefühle, Gebräuche, Denkweisen und Erziehungsstile
der beiden Regionen«, schrieb eine Zeitung in New Orleans kurz
vor Kriegsausbruch,
»sind diskrepant und oftmals antagonistisch.« Der Süden
war im Vergleich zum Norden eine Hochburg religiöser Orthodoxie.
Deistische Strömungen aus der vorrevolutionären Zeit und
der aufgeklärte Unitarismus aus der Gründerzeit hatten sich
im Süden verloren und nach Neuengland verlagert. Die Bibel verteidigte
die Sklaverei, ergo gab es einen guten Grund, die Heilige Schrift
wörtlich und nicht metaphorisch auszulegen.
Der Protestantismus im Süden war überwiegend konservativ
ausgerichtet. Der Kalvinismus kam wieder zu Kräften.
John Calhoun vertrat Calvins anthropologische Konzeption des caveat
emptor. Die evangelikalen Sekten der Baptisten,
Methodisten und Presbyterianer breiteten sich aus, während die
Episkopalische Kirche für die Klasse der Southern Gentlemen reserviert
blieb.
Eine bedeutende neue Theologie entstand im Süden nicht, stattdessen
erlebte der Puritanismus eine Art Wiedergeburt.
Die fundamentalistischen Sekten in Mississippi und Alabama verteufelten
nicht etwa die Sklaverei, sondern Kartenspielen und Tanzen.
Die puritanische Jeremiade kam wieder zu Ehren, ebenso das calling
zum Propheten.
Die gebildete Schicht meinte, im Sinne des moral stewardship
für das Schicksal der weißen Rasse verantwortlich zu sein.
Und manche glaubten sogar, die Sklavengesellschaft könne wie
John Winthrops city-upon-a-hill der ganzen Welt Modell stehen."
Das öffentliche
Erziehungssystem der Nordstaaten war eher utilitaristisch angelegt,
im Süden lag der Akzent auf der Charakterbildung an Privatschulen.
Die Klassiker wurden betont, die Naturwissenschaften vernachlässigt.
In Virginia zeigten die wenigsten Counties Interesse daran,
Steuern zur Errichtung öffentlicher Schulen zu erheben. Es gab
keine Schulbuchautoren, Schulbücher mußten im Norden gekauft
werden. Zwanzig Prozent der weißen Südstaatler waren Analphabeten.
Im Mittleren Westen lag diese Quote bei drei Prozent, in Neuengland
bei weniger als einem halben Prozent. An den Colleges studierten die
klassenbewußten Söhne der Landaristokratie. Die Schulung
der Elite wurde zum Nachteil eines öffentlichen Erziehungssystems
betrieben. Nur bei den staatlichen Hochschulen war der Süden
führend; die ersten Staatsuniversitäten wurden in Georgia,
North Carolina und South Carolina gegründet. Ein episkopalischer
Bischof plante eine die Region übergreifende
»University of the South« als Gegengewicht zu den seiner
Ansicht nach zu liberalen Universitäten im Norden. Dort sollte
das System der Sklaverei verteidigt,
die Studenten auf die traditionellen Ideale des Southern Gentleman
eingeschworen werden, und zwar ohne Beteiligung von Yankeeprofessoren.
Nordstaatliche Professoren sind in der Vorbürgerkriegszeit wegen
ideologischer Gründe aus südstaatlichen Universitäten
hinausgeworfen oder gar nicht erst berufen worden. Andere, wie Francis
Lieber, haben der bildungs- und wissensfeindlichen Atmosphäre
freiwillig den Rücken gekehrt.
Der kulturelle Schwerpunkt des Südens verlagerte sich vor dem
Bürgerkrieg von Virginia nach South Carolina.
Unter konservativen Vorzeichen wurde dort entschieden über Mode
und Geschmack, über religiöse und sittliche Fragen.
Die Südstaaten haben in dieser Zeit - außer John Calhoun
in der Politik und Edgar Allan Poe in der Literatur - keine bedeutenden
Köpfe hervorgebracht,
jedenfalls keine, die sich mit denen des Nordostens hätten messen
können. Die Aristokraten unternahmen ihre Bildungsreisen in den
Norden oder die
»Grand Tour« nach Europa - die Erträge waren bescheiden.
Die Schriftsteller versäumten den Aufbruch zu neuen Romanformen,
wie Hawthorne oder Melville ihn gewagt hatten. Seit den Letters
of the British Spy (1803) von William Wirt war die südstaatliche
Literatur im Konventionellen steckengeblieben.
Die Romane Walter Scotts, die im Süden noch mehr Begeisterung
hervorriefen als im Norden, bestärkten die Landaristokratie in
ihrer Lebensauffassung.
Der Ehrenkodex,
die süßliche Frauenverehrung, Jagd und Turniere, die kastellartige
Architektur und die romantische Verklärung des Verhältnisses
zwischen Herr und Knecht schienen zu der Welt Sir Walter Scotts gut
zu passen. Scott hat einen direkten Einfluß auf südstaatliche
Autoren wie John Pendleton Kennedy (Rob of the Bowl, 1838),
William Caruthers (The Cavaliers of Virginia, 1835) und auf
die historischen Romane des William Gilmore Simms ausgeübt.
Kennedy verherrlichte in Swallow Barn (1832) das sonnige
und sorgenfreie Leben auf den Plantagen alten Stils, den Frohsinn,
die Gastfreundschaft und die Geselligkeit menschenfreundlicher Aristokraten.
In Quodlibet (1840) nahm er Jacksons Demokraten aufs Korn,
die Glorifizierung der Mehrheit, die Demagogie und den Haß auf
die Aristokratie.
Augustus B. Longstreet schilderte in den Georgia Scenes (1835)
das Leben der Farmer und poor whites im Hochland von Georgia
wie eine rückwärtsgerichtete Utopie,
die nicht mehr viel mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Henry Clay
Lewis ließ es in den Odd Leaves from the Life of a Louisiana
Swamp Doctor (1843)
mit ein paar Sticheleien gegen die »aristokratischen Krankheiten«
der Pflanzer im Mississippi-Delta genug sein.
Die Mehrzahl der südstaatlichen Literaten ging mit den politischen
Zielen der herrschenden Klasse konform.
Longstreet gab den State Rights' Sentinel heraus. George
Washington Harris war ein aktiver Sezessionist.
Nathaniel Tucker sah in The Partisan Leader (1836) eine nordstaatliche
Diktatur heraufziehen.
William Gilmore Simms war der
produktivste und der interessanteste Autor der »Charleston School
of Literature«, die sich im damaligen Kulturzentrum des Südens
herausgebildet hatte. Er hinterließ mehr als hundert Bände
Lyrik und Prosa. Am bekanntesten ist The Yemassee (1835)
geworden, ein historischer Roman über die Indianerkriege im kolonialen
South Carolina. Die Bewohner der Südstaaten waren seiner Ansicht
nach die wahren Erben der amerikanischen Revolution.
In der Fortschrittsidee des Nordens erkannte er eine Gefährdung
für Heim, Familie und soziale Stabilität. Die »Southrons«,
wie er sie nannte,
verdankten ihre Überlegenheit rassischen Eigenschaften, denn
sie stammten nach seinen Erkenntnissen von aristokratischen Normannen
und nicht wie die Neuengländer von plebejischen Rundköpfen
ab. Moralische Bedenken gegen die Sklaverei hatte er nicht.
Seinen Roman Woodcraft (1852) empfahl er den Lesern als Argument gegen
Uncle Tom's Cabin.
Simms trat als literarischer Sprecher für die gesellschaftlichen
und politischen Belange des Südens auf. Trotzdem fühlte
er sich seiner Kultur entfremdet,
weil er glaubte, als Schriftsteller und Publizist zu wenig Beachtung
zu finden: »Ich befinde mich im Exil seit meiner Geburt ...«
Seinen Landsleuten ein Gefühl für Kunst und Bildung zu vermitteln,
das sei, als wolle man Wasser im Sieb schöpfen.
»Der Süden schert sich einen Dreck um Literatur und Kunst.«
Die Jeremiade war ein beliebtes Stilmittel von Simms
und anderen südstaatlichen Autoren wie George Holmes und Edmund
Ruffin, der Unzufriedenheit über das kulturelle Niveau ihrer
Region Luft zu verschaffen.
Die Dichter des Südens, sagte einer von ihnen, seien die Parias
der modernen Literatur.`
Die
kleine Minderheit südstaatlicher Abolitionisten machte die Sklaverei
für den schweren Stand der Künste und Wissenschaften verantwortlich.
Jesse Harrison beklagte in The Prospect of Letters and Taste in
Virginia (1827) den Niedergang der virginischen Kultur. Für
Cassius Clay war die Emanzipation der Sklaven Voraussetzung für
einen kulturellen Aufschwung: »Freiheit war immer schon die
Mutter der Künste.« Im Süden existierten keine großen
Verlagshäuser.
Die Nachfrage nach Büchern war mäßig. Der Bostoner
Verlag Ticknor & Fields verkaufte nach Cincinnati fast so viele
Bücher wie in den gesamten Süden.
Kulturzeitschriften fanden wenig Echo und waren meist kurzlebig. Südstaatliche
Autoren mußten auf andere Periodika wie die New Yorker Spirit
of the Times ausweichen.
Die Romane von William Gilmore Simms verkauften sich im Norden besser
als im Süden. Er hat selbst der Provinzialität des Südens
das Wort geredet,
als er die Leser der Zeitschrift Magnolia aufforderte, nordstaatliche
Literatur zu meiden, um nicht in Abhängigkeit zu geraten.
Von der Öffnung der Südwestregion für die Besiedlung
blieben die Südstaaten nicht unberührt. Wie überall
zog die geographische Mobilität die Auflösung von Familien
und anderen sozialen Gruppierungen nach sich. Aufs Ganze gesehen war
die Bevölkerung der südlichen Landesteile jedoch seßhafter,
stabiler und stärker dem Status quo verpflichtet als die Bewohner
des Nordostens und des Mittleren Westens. Selbstbewußte Südstaatler
zählten zu ihren kulturellen Eigenheiten einen ausgeprägten
Familiensinn, einen betont männlichen Ehrbegriff, die ritterliche
Haltung gegenüber dem weiblichen Geschlecht, gute Manieren, Gastfreundschaft,
galante Hilfsbereitschaft, Autoritätsbewußtsein und einen
von der Etikette regulierten Umgang miteinander als Ausdruck vornehmer
Lebensart. Ein Mann habe stolz und wagemutig zu sein, schrieb der
Southern Literary Messenger, in der Schwäche, Hilflosigkeit
und vertrauensvollen Hingabe der Frau liege die Krönung männlicher
Triumphe und die Vollendung seiner Glückseligkeit. Südstaatliche
Aristokraten, und nicht nur sie, schätzten ihre eigenen Tugenden
höher ein als die gesellschaftlichen Ideale des Nordens,
die ihrer Ansicht nach bestimmt waren von Materialismus, flegelhaftem
Gleichheitsdenken, Selbsttäuschung und Flatterhaftigkeit.
Im
Süden hielt man es sich sogar zugute, das Essen nicht so hastig
hinunterzuschlingen wie die Yankees. Setzt man die Akzente anders,
so herrschte im Süden Cliquenwirtschaft, eine enge Heiratsordnung
innerhalb der angesehenen Familien, eine ebenso sentimentale wie verlogene
Glorifizierung der Frau und ein verbohrter Widerstand gegenüber
neuen Ideen. Der innovationsfeindliche Südstaatler beäugte
soziale Reformbewegungen mit Argwohn. Nicht nur der Abolitionismus
war ihm verdächtig, auch Feminismus, Pazifismus, Utopismus und
andere Bewegungen fanden im Süden weniger Anklang als im Norden.
Von der beinahe permanenten Aufbruchsstimmung der Epoche wollte man
sich nicht anstecken lassen, und so konnte leicht der Eindruck entstehen,
der Süden hinke hinter allen gesellschaftlichen Entwicklungen
einher. Die Fortschrittsidee der Yankees, urteilte nach dem Krieg
Edward Pollard in The Lost Cause (1866),
sei nichts anderes als die Jagd nach Selbstbeweihräucherung.
Südstaatliche Autoren belegten die nordstaatliche Gesellschaft
mit Attributen wie rastlos, unstet, chaotisch, revolutionär,
exaltiert, aufgebläht, manisch, angeberisch, wetterwendisch,
exhibitionistisch, nervös, spasmodisch, ungezügelt, familienfeindlich,
geschichtslos. »Nichts ist festgelegt in der Religion, der Ethik
oder in der Politik.«
Und aus der Perspektive des Nordens war der Süden unbeweglich,
fortschrittsfeindlich, rückständig, unfrei, unaufgeklärt
und halbbarbarisch. »Der Norden prosperiert und der Süden
nicht«, konstatierte die Chicago Tribune. »Der
eine wächst und gedeiht durch einen Prozeß, den Freiheit
und Zivilisation ständig beschleunigen.
Der Süden fällt weit zurück durch einen Prozeß,
den Unwissenheit und Sklaverei in Gang setzen. Wohlstand, Macht, Intelligenz,
Religion und zivilisatorischer Fortschritt sind mit ersterem. Letzterer
ist stationär und rückschrittlich.« Der Süden
stellte Familiensinn, Heimatliebe und Traditionspflege über den
Fortschritt.
Die Beschwörung der Tradition diente zur Rechtfertigung der Sklaverei.
»Das Volk dieses Staates«, verkündete das Parlament
von South Carolina, »wird bei einem System bleiben, das von
ihren Vorfahren auf sie gekommen ist und jetzt untrennbar mit ihrer
sozialen und politischen Existenz verbunden ist.« Es ist möglich,
daß dieser Standpunkt nicht nur die Verschleierung handfester
wirtschaftlicher Interessen erleichterte, sondern daß der Süden
an der archaischen Institution der Sklaverei deswegen so hartnäckig
festhielt, weil er generell vor einschneidenden gesellschaftlichen
Veränderungen zurückschreckte. Zumindest wurde das kulturelle
Beharrungsvermögen als gesellschaftliche Norm propagiert.
Ein
echter Gentleman habe der Familientradition und der Familienpflege
alle anderen Erwägungen unterzuordnen, forderte Daniel Hundley
in einer Schrift über die Social Relations in Our Southern
States (1860). Der Südstaatler wolle nach Art der Väter
in Europa und in der Neuen Welt leben:
»Der alte Landsitz, die vertrauten Stimmen alter Freunde, die
treuen und wohlbekannten Gesichter der alten Dienstboten
- all dies ist dem südstaatlichen Gentleman im Innern teurer
als der kurzlebige Beifall einer Schar von Bewunderern oder die hohlen
und unbefriedigenden Vergnügungen der Sinne ...« Sich unter
dem eigenen Feigenbaum zurücklehnen können, schwärmte
Hundley, bedeute wahres Glück.
Place over Time
nannte der Historiker Carl Degler seine Studie über den amerikanischen
Süden, weil dort Bodenständigkeit und familiäre Bindungen
höher eingeschätzt wurden als der Fortschritt in der Zeit.
Selbst der Expansionsdrang des Südens ist im Vergleich zu dem
linearen »Go West!« eines Horace Greeley eher zyklisch
angelegt.
Die »Knights of the Golden Circle« planten eine Gebietserweiterung,
die von Florida ihren Ausgang nehmen und sich entlang der Golfküste
bogenförmig nach Mexiko bis zur Halbinsel Yukatan fortsetzen
sollte - eine Arrondierung also, kein ungestümes Vorwärtsdrängen
zu offenen Grenzen. Ob die sozialpsychologischen Unterschiede zwischen
Nord und Süd auf eine unterschiedliche Stammbevölkerung
zurückgehen, ist ungewiß.
Der Historiker U. B. Phillips schloß den Einfluß einer
selektiven Wanderungsbewegung aus: Wer nach Pennsylvania ging, wer
Virginia den Vorzug gab,
das sei nicht von bestimmten Charaktereigenschaften abhängig
gewesen. Autoren der damaligen Zeit waren anderer Meinung. Edward
Pollard bemerkte sehr wohl einen Unterschied zwischen den puritanischen
Einwanderern, die den kargen Boden Neuenglands wählten, und Engländern,
die es in den milderen Süden zog.
Daniel Hundley pochte auf den unverwechselbaren Stammbaum des südstaatlichen
Gentleman: englische Cavaliers, französische Hugenotten und schottische
Jakobiter.
Ein Sezessionist aus Missouri war stolz darauf, daß kein Tropfen
Yankeeblut in seinen Adern floß: »Meine Vorfahren schlummern
seit 300 Jahren unter einem Rasen,
der die Gebeine von Washington beherbergt, und ich danke Gott, daß
sie in den Gräbern aufrechter Sklavenhalter ruhen.«
Die Mentalitätsunterschiede führten zu einer Verschärfung
des Umgangstones zwischen Nord und Süd, und gelegentlich blieb
es nicht mehr bei verbalen Attacken.
Das Atlantic Monthly wollte nicht einsehen, warum sich der
stärkere Teil der Nation die Tyrannei des schwächeren gefallen
lassen sollte, warum intelligente,
gebildete und zivilisierte Bürger die Launen analphabetischer
Barbaren länger hinnehmen sollten. Daß der Süden »retrograd«
sei und in Barbarei versinke,
wurde im Norden besonders nach dem Attentat auf Charles Sumner behauptet,
den ein südstaatlicher Gegenspieler im Senat mit Stockschlägen
schwer verletzt hatte.
Wo blieb hier die Ritterlichkeit, fragte ein New Yorker Rechtsanwalt.
In seinen Augen waren die Südstaatler fortan »eine Rasse
fauler, unwissender, grober, sinnlicher, großtuerischer, gemeiner,
bettelarmer Barbaren,
die weiße Männer schikanieren und kleine Nigger züchten
und verkaufen«.