
Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© Leah Ireland-Kunze, Der Bürgerkrieg in den
USA 1861-1865
© William C. Davis, SOLDATENGENERÄLESCHLACHTEN
DIE
WILDERNESS / 05. - 09. Mai 1864

Die
Feldzugsvorbereitungen der Potomac-Armee
Grant persönlich nahm den Kampf gegen CSA-General Lees Nordvirginia-Armee
auf - natürlich nicht nur, um dem von Intrigen durchsetzten Klima
in Washington zu entrinnen, sondern auch mit dem Ziel, an der Virginia-Front
eine dynamische Kriegführung durchzusetzen, ohne den etwas unsicheren
Meade seines Postens als Befehlshaber der Potomac-Armee zu entheben.
Grants operativ-taktischer Plan für denFeldzug beruhte auf zwei wichtigen
Überlegungen.
Erstens war es Grants Hauptziel, die konföderierte Armee unter Lee
einzuschließen und zu vernichten. Aber solange es noch irgendeine
Möglichkeit eines Ausbruchs gab, würde die Nordvirginia-Armee weiterkämpfen.
Sie war für die Konföderation nicht nur von rein militärischem Wert,
sie war auch die Hauptstütze für deren Kampfmoral.
Ihr Zusammenbruch mußte zwingend das baldige Ende der Rebellion zur
Folge haben. Um diese Armee zu besiegen, mußte Grant stets die Marschroute
und das jeweilige Schlachtfeld in eigener Vollkommenheit wählen können.
Dies war wiederum nur dann möglich, wenn die konföderierte Armee in
ihre Hauptfestung - die Hauptstadt Richmond - zurückgetrieben und
dort zusammen mit ihrer Regierung eingeschlossen werden konnte. Die
Unionsarmee mußte den Gegner von seiner Versorgungsquelle ShenandoahTal,
der «Kornkammer des Südens», abschneiden und von den offenen Feldern
in Zentralvirginia ins problematische Küstengebiet abdrängen.

Die
zweite Überlegung hing mit der wirtschaftsgeographischen Lage der
Unionsarmee zusammen.
Es gab zwei mögliche
Marschwege, nach Richmond: den indirekten über Manassas,
Culpepper und Orange im Binnenland,wo Lees Armee im Augenblick lag,
oder den direkten Weg über Fredericksburg, die Küste entlang.
Der Gegner hoffte
offensichtlich, den Kampf im offenen Gelände des Raumes Orange austragen
zu können, wo die Unionsarmee von der Eisenbahnverbindung nach Alexandria
und Washington abhängigoder zur Mitnahme von Hunderten Pferdewagen
und den Tausenden dazu erforderlichen Zugtieren gezwungen wäre.
Der direkte Weg
über Fredericksburg, den Grant schließlich wählte, hatte den Vorteil
der Küstennähe: Nur in der ersten Etappe des Feldzuges war eine große
Zahl von Versorgungswagen vonnöten, danach konnte die Armee per Schiff
versorgt werden,
da die Union die Einfahrt zur Chesapeaka Bay, die Mündungen des York
River und des James River sowie das ganze Gebiet nördlich von Fredericksburg
unter ihrer Kontrolle hatte.
Die Nachteile
des Weges über Fredericksburg lagen in den topographischen Bedingungen:
Eine Überquerung des Rappahannock River im Talkessel bei Fredericksburg
wäre eine Einladung zum Massaker, die einzige sonstige Möglichkeit
zur Überquerung lag in der Wildnis («Wilderness») auf der Nordseite
von Chancellorsville. Grant hoffte,
die andere Seite der Wildnis mit raschen Bewegungen zu erreichen,
ehe Lee seine Armee von Orange und Culpepper dorthin verlegen konnte.
Weiter beabsichtigte
er, Lees Armee in eine doppelte Zange zu zwingen, indem eine Unionsarmee
unter Franz Sigel ein und für allemal das Shenandoah-Tal unter ihre
Kontrolle gebracht, während die James- Unionsarmee unter General Benjamin
Butler auf der Halbinsel anlanden und die Verteidigungslinien vor
dem wichtigen Eisenbahnknoten punkt Petersburg sowie auf der Südseite
von Richmond angreifen sollte.

Oberbefehlshaber U. S. Grant, hier stehend als 5. von links.
Grant legte von Anfang an einige Prinzipien für die Führung des Feldzuges
fest, die ihn von allen vorangegangenen Kampagnen der Potomac-Armee
wesentlich unterscheiden sollten.
Erstens beabsichtigte er, den Feldzug ohne Rücksicht auf den Ausgang
einzelner Schlachten fortzusetzen, denn er wußte, daß die eigenen
Verluste wohl zu ersetzen,
die der CSA-Armee jedoch unwiederbringlich waren.
Zweitens beabsichtigte
er, «stets die Initiative zu ergreifen, wenn wir den Feind aus seinen
Verschanzungen hervorlocken konnten und wir selbst uns nicht verschanzt
haben». Sonst hatte die Potomac-Armee den ständigen Befehl, sich bei
jedem Halt und bei jeder Positionsänderung sofort zu verschanzen.
Der Fehler von
Shiloh sollte sich niemals wiederholen. Die Potomac-Armee der Union
setzte sich aus rund 120.000 Mann, einschließlich 12.000 Mann Kavallerie,
zusammen. Die konföderierte Armee von Nordvirginia verfügte über knapp
70.000 Mann. In seinen Memorien führte Grant neben den offiziellen
Berichten
folgende für einen Vergleich der Armeen aufschlußreiche Strukturtabelle
an, die wir in Auszügen wiedergeben.
Oberbefehlshaber
der Unionsstreitkräfte
Generalleutnant
Ulysses S. Grant

Seit März 1864 Oberkommandierender der gesamten Unionsstreitkräfte
(Hier bereits als 4 Sterne - General abgelichtet)
POTOMAC-ARMEE
(Mai 1864)
Befehlshaber Generalmajor George
G. Meade
II. Armeekorps Generalmajor
W. S. Hancock
1. Division Brigadegeneral
Francis C. Barlow (4 Brigaden)
2. Division Brigadegeneral John Gibbon (3 Brigaden)
3. Division Generalmajor David B. Birney (2 Brigaden)
4. Division Brigadegeneral Gershom Most (2 Infanteriebrigaden,
1 Artilleriebrigade)
V. Armeekorps Generalmajor
G. K. Warren
1. Division Brigadegeneral Charles Griffin
(3 Brigaden)
2. Division Brigadegeneral John C. Robinson (3 Brigaden)
3. Division Brigadegeneral Samuel W. Crawford (2 Brigaden)
4. Division Brigadegeneral James S. Wadsworth (3 Infanteriebrigaden,
1 Artilleriebrigade)
VI. Armeekorps Generalmajor
John Sedgwick
1. Division Brigadegeneral H.
G. Wright (4
Brigaden)
2. Division Brigadegeneral George W. Getty (4 Brigaden)
3. Division Brigadegeneral James B. Ricketts (2 Infanteriebrigaden,
1 Artilleriebrigade)
Kavalleriekorps
Generalmajor Philip H. Sheridan
1. Division Brigadegeneral A.
T. A. Torbert (2
Brigaden)
2. Division Brigadegeneral D. Gregg (2 Brigaden)
3. Division Brigadegeneral J. H. Wilson (2 Brigaden)
IX. Armeekorps Generalmajor
Ambrose E. Burnside
1. Division Brigadegeneral T.
G. Stevenson (2 Brigaden)
2. Division Brigadegeneral Robert B. Potter (2 Brigaden)
3. Division Brigadegeneral Orlando B. Wilcox (2 Brigaden)
4. Division Brigadegeneral Edward Ferrero (2 Brigaden, 1 Reservebrigade)
Artilleriekorps
Brigadegeneral Henry J. Hunt
(3 Brigaden, 2 reitende Artilleriebrigaden,
1 Reservebrigade)
NORDVIRGINIA-ARMEE
(Mai 1864)
Befehlshaber
General Robert E. Lee

I. Armeekorps Generalleutnant
James Longstreet,
ab 05. Mai Generalleutnant R. H. Anderson
Division Generalmajor George E.
Pickett (4 Brigaden)
Division Generalmajor C. W. Fields (zuerst 3, später 5
Brigaden)
Division Generalmajor J. B. Kershaw (4 Brigaden)
II. Armeekorps General R.
S. Ewell
Division Generalmajor Edward Johnson
(4 Brigaden)
Division Generalmajor R. E. Rodes (5 Brigaden)
Division Generalmajor John B. Gordon ( 4 Brigaden)
III. Armeekorps Generalleutnant
A. P. Hill,
vom 06. bis 28. Mai Generalmajor Jubal E. Early
Division Generalmajor William
Mahone (5 Brigaden)
Division Generalmajor C. M. Wilcox (4 Brigaden)
Division Generalmajor Henry Heth (5 Brigaden)
Kavalleriekorps General J.
E. B. Stuart,
später Generalleutnant Wade Hampton
Division Generalmajor Fitzhugh
Lee (2 Brigaden)
Division Generalmajor M. C. Butler (3 Brigaden)
Division Generalmajor W. H. F. Lee (2 Brigaden)
Die
konföderierten Kavalleriegenerale mit dem Familiennamen Lee gehörten
zur engeren Verwandtschaft Robert E. Lees.
Die militärische Laufbahn war seit dem Unabhängigkeitskrieg eine Tradition
in der Familie, die eine lange Reihe renommierter Generale hervorgebracht
hat.
Artillerie Brigadegeneral
W. N. Pendleton
Division Alexander
(4 Bataillone, 18 Batterien)
Division Long (5 Bataillone, 19 Batterien)
Division Walker (5 Bataillone, 20 Batterien)
Auffällige Unterschiede gab es bei der Verteilung der Artillerie
- ein Problem, das im Bürgerkrieg nie endgültig gelöst wurde.
Die CSA blieb bei der älteren Praxis einer unabhängigen Artillerie unter
direkter Verfügung des Armeebefehlshabers; hier wurden erstmals Bataillone
eingeführt.
Grant dagegen entschloß sich zur Aufteilung der Artillerie auf die Korps,
zu einem zusätzlichen Artilleriekorps als selbständigen Verband
sowie zu einem Verband leichter beziehungsweise reitender Artillerie
als besondere bewegliche Reserve.

Meade, hier als 4. von rechts, umgeben von den Offizieren seiner Potomac-Armee.
Als 2. von links sieht man General John Sedgwick, der wenige Tage nach
der Schlacht starb.
Die Unionsarmee
war einheitlich uniformiert und gut versorgt.
Bis Sommer 1864 war die Munition im Norden weitgehend standardisiert
und reichlich vorhanden.
Die konföderierte Armee litt fast ständig Hunger, kämpfte zum größten
Teil ohne richtige Uniform und hatte stets Probleme mit dem Nachschub.
Von einer Standardisierung in irgendeinem Bereich konnte keine Rede
sein: Die Soldaten trugen die verschiedensten Gewehre - von eingeschmuggelten
britischen Enfields und erbeuteten Unionswaffen bis hin zu alten Jagdflinten
aus Privatbesitz und sogar zu Musketen aus dem Revolutionskrieg.
Zu Beginn des Feldzuges
im Frühjahr 1864 hatten sie aber immer noch eine durchaus hohe Kampfmoral
und wurden von der Hoffnung beflügelt, daß die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen
der Union einen Konservativen ins Weiße Haus bringen könnten, der wegen
der «Kriegsmüdigkeit» im Norden dem Status quo im Süden zustimmen und
dem Krieg ein Ende bereiten würde.
Die
Schlacht in der Wildnis
Am 4. Mai setzten
Grant und Meade die Unionsarmee in Richtung Wildnis in Bewegung. Ausgangspunkt
war das Winterquartier der Unionsarmee nördlich von Fredericksburg;
bis zur Wildnis war es also nicht weit. Der Armee folgten allerdings
4.000 Pferdewagen, die mit dem Gros nicht Schritt halten konnten.
Schon am Abend des 4. Mai mußte eine Pause eingelegt werden, um die
Wagenkolonne abzuwarten. Hancocks II. Korps stand bei Chancellorsville,
Warrens V. Korps traf weiter westlich beim Gasthof Wilderness Tavern
ein, während sich das VI. und XI. Korps noch auf der Nordseite des
Rappahannock
und des Rapidan befanden. Die Vorhut der Unionsarmee bildeten eine
Kavalleriedivision unter General Wilson, die schon den Südrand der
Wildnis
bei Parkers Laden erreicht hatte, und die Kavalleriedivision Gregg,
die bei der Piney-Branch-Kirche ihr Nachtlager aufschlug.
Da Grant bemüht war, so wenig wie möglich in Meades Befehlsgewalt
einzugreifen, blieben Fehler nicht aus.
Der erste bestand darin, daß die Kavallerie den Auftrag erhielt, die
Pferdewagen zu bewachen und die Flanken der Armee zu decken.
Lediglich die beiden erwähnten Divisionen durften als Vorhut vorausreiten,
ohne aber auf Fernaufklärung zu gehen.
Somit blieb es Meade verborgen, daß Stuarts CSA-Kavallerie die Nordwestflanke
der Unionsarmee beschattete.
Stuart konnte Lee binnen weniger Stunden informieren, daß die Potomac-Armee
die Nacht in der Wildnis verbringen würde.
Daraufhin befahl Lee den Korps Ewell und Hill, von Orange in Richtung
Fredericksburg zu marschieren. Die Orange-Landstraße verlief mitten
durch die Wildnis.

Schon um 5.00
Uhr war die Potomac-Armee wieder in Bewegung.
Das bekanntlich schwierige Gelände verlangsamte jedoch den Marsch.
Um 7.15 Uhr meldeten Vorposten des V. Korps die Annäherung eines größeren
CSA-Verbandes auf der Orange-Landstraße, aber wegen des dichten Waldes
wurde er fälschlicherweise für eine Division gehalten.
Das V. Korps wurde
damit beauftragt, diese «Division» aufzuhalten, während die anderen
Unionsverbände ihren Marsch in Richtung Südrand der Wildnis fortsetzten."
Einer Division vom VI. Korps wurde befohlen, das V. Korps im Kampf
zu unterstützen,
sie wurde jedoch dadurch zurückgehalten, daß ihr auf den Karten verzeichneter
Marschweg durch den dichten Wald völlig zugewachsen war.
Inzwischen griff
das V. Unionskorps die erste CSA-Division an, warf sie zurück und
tötete den Kommandeur, doch erschienen auf der Landstraße von Orange
immer neue CSA-Truppen.

Brigadegeneral
Horatio G. Wright, in der Mitte der 1. Reihe, kommandierte die erste
Division von Sedgwicks VI. Korps und übernahm Sedgwicks Kommando,
als dieser durch einen Heckenschützen getötet wurde.
Ein Versuch des Unionsgenerals Warren, sein Korps nach Südwesten
zu entfalten und ordentliche Linien zu bilden, schlug im dichten Wald
fehl, weil die Division am linken Flügel den Weg verlor, nach Norden
statt nach Südwesten geriet und fast dem Gegner in die Arme lief.
Ewells CSA-Korps ging zum Gegenangriff über.
Im südlichen Abschnitt
der Wildnis verlief parallel zur Orange Straße eine Holzstraße,
ein mit halbierten Baumstämmen befestigter Weg. Auf dieser Holzstraße
marschierte das CSA-Korps Hill, dessen Vorhut auf eine Brigade von
Wilsons Unionskavalleriedivision stieß.
Die Unionskavallerie
verfügte über die neuesten Schnellfeuerkarabiner und stoppte den gegnerischen
Vormarsch. Grant und Meade wurden über die Ankunft, des zweiten CSA-Korps
informiert und begriffen jetzt, daß sie bald die gesamte CSA-Armee
vor sich haben würden.
Sie befahlen Hancocks
Korps in die Wildnis zurück und forderten Burnside auf,
den Marsch seines IX. Korps, das noch auf der Nordseite des Waldes
stand, zu beschleunigen.
Hancocks Korps
eilte über einen Waldpfad namens Brock-Weg der Kavallerie an der Holzstraße
zu Hilfe. Weiter westlich der Kreuzung Brock-Weg/Holzstraße lag auf
der Nordseite der Holzstraße die Tapp-Farm im einzigen offenen Feld
der Gegend. Unionsgeneral Hancock befahl, den Brock-Weg zu halten
und an seiner Westseite leichte Erdwälle aufzuschütten. Um 16.15 Uhr
ging Hancocks Korps zum Gegenangriff über, konnte jedoch keinen Boden
gewinnen, da das Dickicht zwischen dem Brock-Weg und der Tapp-Farm
koordinierte Bewegungen verhinderte. Zudem war der Widerstand der
14.000 Mann CSA-Truppen derart stark, daß sie Hancocks 38.000 Mann
aufhalten konnten, bis die Dunkelheit den Gefechtshandlungen ein Ende
setzte.
Im nördlichen Abschnitt der Wildnis traf General Lee, von Orange kommend,
ein und befahl General Ewell, keine größeren Gefechtshandlungen zu
beginnen,
da Longstreets Korps noch von Culpepper unterwegs war und das Feld
erst am nächsten Morgen erreichen konnte. Das Feuer wurde eingestellt,
und die Truppen auf beiden Seiten verschanzten sich.
Der Beginn der Schlacht in der Wildnis war schon äußerst verwirrend
gewesen. So dicht waren der Wald und vor allem das Unterholz,
daß die Unterscheidung von Freund und Feind sehr schwerfiel. Die Offiziere
konnten kaum die Kontrolle über ihre Truppen und den Überblick über
den Kampf aufrechterhalten. Ein Einsatz der Artillerie war so gut
wie unmöglich, ebenso jegliche lautlose Bewegung: Angriffe kündigten
sich schon mit den ersten Vorbereitungen an. Auch die Kavallerie wurde
durch das Gelände schwer behindert und konnte nicht effektiv eingesetzt
werden. Zu allem Überfluß erwiesen sich die Karten, über die das Unionshauptquartier
verfügte, als ebenso unzuverlässig wie Hookers Landkarten im Jahre
zuvor. Doch kam für Grant ein Rückzug in der Nacht überhaupt nicht
in Frage. Trotz aller Schwierigkeiten des Geländes mußte Lees Armee
ein fühlbarer Schlag versetzt werden, wenn auch unter diesen Umständen
ein endgültiger nicht möglich war.

Erfahrene
Soldaten der Wilderness, wie diese Yankees, würden niemals die
beiden Tage vergessen, an denen sie durch die Hölle gingen. Hier
kämpften sie gegen eine unterlegene, aber fest entschlossene
Rebellenarmee.
In der Nacht berieten sich die Generale auf beiden Seiten, und beide
Parteien planten für den nächsten Morgen einen Angriff.
Auf der CSA-Seite lehnte
General A. P. Hill den Bau von Befestigungen gegen mögliche Unionsangriffe
am südlichen Abschnitt ab, weil Longstreets Korps auf alle Fälle im
Laufe des Morgens eintreffen und die Erstürmung der Unionsstellungen
am Brock-Weg ermöglichen würde.
Hill beging damit
einen schwerwiegenden Fehler. Er rechnete nicht damit, daß Grant und
seine Generale Frühaufsteher waren. Mit dem verspätet eingetroffenen
IX. Unionskorps gedachten die Unionsbefehlshaber die Lücke zwischen
Warrens und Sedgwicks Korps im Norden und Hancocks Korps im Süden
zu schließen.
Das IX. Korps hatte sein Nachtlager bei Chancellorsville aufgeschlagen;
im Morgengrauen sollte es über schmale Waldwege südwestwärts marschieren.
Die Unionsseite eröffnete den Angriff am 6. Mai schon um 5.00 Uhr
auf der gesamten zickzackförmigen Linie. Am nördlichen Abschnitt wurden
kaum Fortschritte erzielt;
die Verluste auf beiden Seiten waren hoch. Im Süden, auf der Holzstraße,
sah die Lage viel besser aus: Hancocks Korps griff trotz des dichten
Waldes massiert und gut koordiniert an. Die konföderierte Artillerie
war während der Nacht auf dem offenen Feld der Tapp-Farm aufgestellt
worden. Sie schaffte es jedoch nicht,
den Vorwärtsdrang der Union zu stoppen. Der rechte Flügel des CSA-Korps
Hill brach wegen des Fehlens von Befestigungen völlig zusammen,
und die dort stehende Division Heth ergriff panikartig die Flucht.
In diesem Moment traf Longstreets Korps auf der Holzstraße ein. Als
Longstreets Soldaten Hills fliehenden Truppen begegneten, verhöhnten
sie ihre Kameraden:
Ob sie von Braggs Armee seien, die sich stets auf dem Rückzug befunden
habe? Die Beleidigung hatte eine heilsame Schockwirkung,
durch die neben Longstreets energischen Befehlen Hills Truppen wieder
zu sich kamen. Longstreet befahl einen Gegenangriff,
bei dem sich Hills Männer seinem Korps anschlossen. Just in diesem
Moment erreichte Lee den südlichen Abschnitt und geriet über Hills
Rückzug derart in Zorn,
daß er den Gegenangriff persönlich führen wollte. Nur unter größten
Mühen vermochten ihn seine Generale davon zu überzeugen,
daß sein Platz als Befehlshaber der Armee hinten und nicht in der
vorderen Linie sei.

Brigadegeneral Charles Griffin, 5. von links, umgeben von seinem Stab.
Er kommandierte die erste Division aus Warrens V. Korps
und bestritt mit seinen Männern den Großteil des Kampfes.
Der Gegenangriff war anfangs erfolgreich, dann ergriffen die Unionssoldaten
abermals die Initiative
- und so wogte die Schlacht den ganzen Morgen zwischen Tapp-Farm und
Brock-Weg hin und her.
Kurz vor Mittag entdeckte CSA-General Longstreet, der ein besonderes
Talent für solche Situationen besaß, eine Lücke an der linken Flanke
des Unionskorps Hancock.
Er warf 4 Brigaden gegen diese offene Stelle und trieb die Unionstruppen
abermals zum Brock-Weg zurück.
Während einer kurzen Pause beabsichtigte Longstreeet, seine Brigade
Jenkins nach vorn zu bringen.
Was dann passierte, berichtete CSA-General E. M. Law, der Augenzeuge
des Ereignisses war:
«Longstreet und Kershaw ritten zusammen mit General Jenkins vor dessen
Brigade,
während diese vorrückte, als plötzlich die Stille, die einige Minuten
lang geherrscht hatte,
nördlich der Holzstraße durch einzelne, zerstreute Schüsse gebrochen
wurde.
Diese Schüsse
wurden von Mahones Linien auf der Südseite der Straße beantwortet.
Das Feuer vor ihnen sowie das Auftauchen der Truppen auf der Straße,
die sie wegen des dazwischenliegenden Waldes nicht als Freunde erkannten,
hatten eine einzige Salve ausgelöst, die alle Früchte ihrer bis zu
diesem Punkt ausgezeichneten Arbeit zunichte machte. Durch unsere
eigenen Männer wurde General Jenkins getötet und Longstreet ernstlich
verwundet.»
Longstreet war in den Hals getroffen worden; zwar waren die Wirbel
unversehrt geblieben, doch für die nächsten Wochen war er kampfunfähig.
Dieser Vorfall ereignete sich fast auf den Tag genau ein Jahr nach
der schweren Verwundung «Stonewall» Jacksons durch eigene Feldposten
auf demselben Schlachtfeld, an deren Folgen er starb.
Ein konföderierter Versuch um 16.15 Uhr, die Verschanzungen des II.
Unionskorps am Brock-Weg zu durchbrechen, scheiterte.
Schon gegen Mittag hatte sich das IX. Unionskorps mühsam einen Weg
durch den Wald gebahnt und die Lücke zwischen dem II. Unionskorps
am Südende
und dem V. und VI. Korps am Nordende der Wildnis geschlossen. Sein
Angriff am Nachmittag wurde allerdings abgewiesen.
Den letzten Angriff der Konföderierten an diesem Tag führte Ewells
Korps gegen den rechten Flügel der Union. Es gelang der CSA-Division
Gordon,
die am weitesten im Norden gelegenen Unionslinien nach Osten zu biegen
und die Verbindung zu den noch am Rapidan lagernden Versorgungswagen
zu bedrohen.
General Grant bemerkte diese Gefahr und ließ Sedgwicks Flanke verstärken,
aber die Spannung war selbst für den sonst so ruhigen und gefaßten
Oberbefehlshaber zu groß. Nachdem er alle nötigen Befehle erteilt
hatte, warf sich Grant - wie sein Adjutant berichtete - weinend auf
sein Feldbett.
Erst als Sedgwicks Korps den Angriff zum Stehen gebracht hatte, gewann
Grant seine Fassung zurück.
Später schrieb er über die schreckliche Schlacht in der Wildnis: «Einen
verzweifelteren Kampf als denjenigen vom 5. und 6. Mai hat man auf
diesem Kontinent noch nicht erlebet.» Als größtes Problem der Schlacht
bewertete er die Schwierigkeit für die Truppen, ihre Lage zu erkennen
und sich ergebende Vorteile zu nutzen.
Dadurch vermochte weder die eine noch die andere Seite einen eindeutigen
Sieg zu erringen.
Jedenfalls waren die Verluste der Union riesig: 17.666 Mann, davon
2.246 Tote. Reichlich 200 Mann kamen bei den Waldbränden ums Leben,
die durch die Gefechte verursacht wurden. Die CSA-Verluste lassen
sich nicht genau bestimmen, sie lagen schätzungsweise bei 7.500 Mann.

Ein Teil des Wilderness-Geländes im Jahre 1864.
Die freien Felder und das offene Gelände zeigen nicht mehr viel
vom Dickicht,
das für die Grauen und Blauen gleichermaßen zur Hölle
wurde.
In der Nacht zum 7. Mai entschloß sich Grant, die Potomac-Armee
so schnell wie möglich aus dem Wald herauszuführen. Das bedeutete
auf keinen Fall Rückzug, denn Grant konnte seine Verluste ersetzen,
die Konföderierten aber kaum.
Die CSA-Seite beklagte unter anderem 3 gefallene und 2 verwundete
Generale,
die besonders schwer zu ersetzen waren. Am 7. Mai blieben beide Seiten
noch auf dem Feld,
um die Verwundeten zu bergen und den Truppen eine Erholung zu ermöglichen.
Nach längerer Beratung mit Meade und intensivem Studium seiner Karten
gab Grant den Befehl zum Nachtmarsch. Das V. und das VI. Unionskorps
sollten nachts in Richtung Spottsylvania Court House marschieren;
die übrigen Korps sollten sich über Umwege anschließen.
In CSA-Lager war mancher Kommandeur der Meinung, die Unionstruppen
würden sich zurückziehen. General Lee jedoch wußte von Grants Siegen
im Westen und seiner Art zu kämpfen.
Zu General Gordon sagte er: «General Grant wird sich nicht zurückziehen.
Er wird seine Armee nach Spottsylvania führen ... Ich bin mir seiner
nächsten Handlung derart sicher,
daß ich schon Maßnahmen für den Marsch auf dem kürzesten Weg getroffen
habe,
so daß wir ihm dort begegnen können.» Spottsylvania Court House war
nichts weiter als eine Straßenkreuzung mit einem Gerichtshaus, doch
diese war strategisch wichtig.
Der Marsch dorthin wurde zum Wettlauf, den die Union knapp verlor.
Als Warrens V. Korps um 8.00 Uhr den Raum Spottsylvania erreichte,
fand es Longstreets CSA-Korps - jetzt von General Anderson befehligt
- vor sich. General Meade, der um 13.00 Uhr mit dem VI. Korps das
Feld erreichte,
befahl am späten Nachmittag einen Angriff, der allerdings zurückgeworfen
wurde, weil der Gegner durch die Verzögerung Zeit gewonnen hatte,
auch das Korps Ewell nach Spottsylvania zu bringen.
Das friedliche Bild mit dem einsamen Reiter hätte wohl niemand
wiedererkannt,
der in der schrecklichen Schlacht, welche zu beiden Seiten des Flüsschens
tobte, selbst mitgekämpft hatte.
Als Union soberbefehlshaber
Grant später das Feld erreichte,
war ein heftiger Streit zwischen Meade und dem Kavalleriebefehlshaber
Philip Sheridan im Gang.
Sheridan, der als Infanteriekommandeur bei Murfreesboro und Chickamauga
seine brillanten taktischen Fähigkeiten bewiesen hatte, war eigentlich
von der Neigung und früheren Erfahrungen her für die Kavallerie bestens
geeignet. Er war aber noch sehr jung und hatte Schwierigkeiten, ein
ganzes Korps zu kommandieren. Außerdem wurden ihm in diesem Feldzug
Aufgaben übertragen,
die er für unpassend hielt: Statt aufzuklären und die gegnerische
Kavallerie zu bekämpfen,
mußten Sheridans Reiter die Versorgungswagen geleiten und die Verbindungslinien
sowie die Flanken der Hauptarmee decken.
Sheridan appellierte
an Grant und schlug ihm vor, einen größeren Streifzug gegen die konföderierten
Verbindungslinien nach Richmond zu unternehmen.
Grant, der in diesem Vorhaben eine Möglichkeit sah, die konföderierte
Kavallerie von Lees Hauptarmee zu trennen, stimmte zu.General Meade
blieb keine andere Wahl,
als Sheridan ziehen zu lassen.
Am 9. Mai ritten die Unionskavalleristen provozierend langsam aus
dem Lager bei Spottsylvania heraus. Am 10. Mai erreichten sie die
Bahnstation Beaver Dam,
wo sie 378 Unionssoldaten aus der Gefangenschaft befreiten, über 100
Waggons und 2 Lokomotiven zerstörten, 16 Kilometer Bahnstrecke unbrauchbar
machten und sehr viel Proviant verbrannten. General Stuarts Kavallerie
war schon hinter ihnen her. Im Eilmarsch gelang es den Reitern, sich
zwischen die Unionskavallerie und Richmond zu schieben. Bei Yellow
Tavern stießen die beiden Kavallerieverbände am 11. Mai aufeinander.
Die Zeiten einer schwachen Unionskavallerie waren endgültig vorbei.
Das Gefecht bei Yellow Tavern war kurz und blutig und endete mit einem
eindeutigen Sieg der Union. CSA-General J. E. B. Stuart,
schon zu Lebzeiten eine legendäre Gestalt, wurde tödlich verwundet.
Man überführte ihn nach Richmond, wo er am folgenden Tag im Alter
von nur 31 Jahren starb.
Wade Hampton brachte als Nachfolger nie Stuarts Brillanz auf.
Während sich die schwer angeschlagene CSA-Kavallerie sammelte
und zu Lees Armee zurückzog, setzten Sheridan und seine Reiter ihren
Streifzug fort.
Im Laufe dieser Expedition zerstörten sie zahllose Depots und viele
Kilometer Eisenbahn; sie ritten bis vor die Befestigungslinien von
Richmond,
über die sie wichtige Informationen einbrachten. Ein Versuch, mit
Butlers James-Armee Kontakt aufzunehmen, wurde von der jetzt im Raum
Richmond stationierten Armee unter CSA-General Beauregard durchkreuzt.
Sheridan führte seine Reiter zur Potomac-Armee zurück, die sie am
24. Mai erreichten.
Die Orange
Landstraße, nahe der Wilderness Kirche.
Wenn die Straßen so gut befestigt waren wie hier, kamen die
Armeen gut voran.
Meistens handelte es sich jedoch nur um Trampelpfade. 1864 oder 1865
fotografiert