Quellennachweis der Texte:
Veröffentlichungen des Center of Military History der U. S. Army, der Kongreßbibliothek und des US Nationalarchivs sowie Auszüge aus
© GEORG FRANZ WILLING, Der weltgeschichtliche Aufstieg der USA durch die Entscheidung des Bürgerkrieges von 1861-1865,
Osnabrück 1979

 


Die Vereinigten Staaten vor Ausbruch des Bürgerkriegs

 

 

Zustand der USA bei Ausbruch des Bürgerkrieges

 

Die Vereinigten Staaten umfaßten nach dem Beitritt von Kansas in die Union im Januar 1861 34 Staaten mit einer Gesamtbevölkerung von 31 443 321 Einwohnern,
davon 3 500 000 Negersklaven. Sie übertrafen bereits zu diesem Zeitpunkt nicht nur flächen-, sondern auch bevölkerungsmäßig jeden europäischen Großstaat, mit Ausnahme Rußlands. Die europäischen Einwanderer, die das neue Gemeinwesen gegründet hatten und durch ständigen Zuzug stark vermehrten,
entwickelten sich zu einer lebenskräftigen Nation amerikanischer Prägung („Yankee" seit 1683).
Sie stellten eine gewisse Auslese dar; die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen in ihren europäischen Heimatländern hatte sie zur Auswanderung und zur Suche einer neuen Heimat mit besseren Lebensbedingungen veranlaßt. Die Unzufriedenheit als eigentliche Triebfeder der Auswanderung hatte fünf Triebfedern:
religiöse, politische, wirtschaftliche Ursachen, Abenteuerlust und Flucht vor dem Arm des Gesetzes (Kriminelle, Fahnenflüchtige).

So wurde Amerika eine Zuflucht der Armen und Unterdrückten, aber auch Betätigungsfeld für Abenteurer, Freibeuter und Glückssucher,
„das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" für alle, die die Brücken zur alten Heimat abbrechen und zu einem neuen Leben schlagen wollten.
Unbelastet von altem Herkommen und überlieferten Gebräuchen, getrieben vom Zwang zum Überleben in der Wildnis um jeden Preis,
entwickelten die Bewohner der Neu-Englandstaaten einen praktischen Sinn für alles Nützliche und Brauchbare in ihrem harten Lebenskampf.
Das machte sie für Technik und Industrie besonders aufgeschlossen.
Deshalb gehörten die USA schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert zu den führenden Nationen in der Entwicklung der technisch-industriellen Lebensweise.

Da es in Amerika keine traditionellen Hemmungen bei der Entfaltung des neuen Lebensstils gab, schoben sich die Yankees ohne große Hindernisse in den nächsten Generationen an die Spitze als Industrienation. Viele in Europa gemachte Erfindungen wurden in Nordamerika aufgegriffen und zuerst praktisch ausgewertet.
Die Stärke der Amerikaner lag von Anfang an in der angewandten Wissenschaft.
So fand die aus Europa stammende neue Verkehrs- und Nachrichtentechnik (dampfgetriebene Schienenbahn, elektrischer Fernschreiber) als entscheidendes Mittel für die rasche Erschließung und Durchdringung der riesigen Räume zwischen Atlantik und Pazifik in den USA schnellere und ungehemmtere Verwendung als in dem durch politische Überlieferungen und zahllose Grenzen und Zollschranken zerrissenen Europa.
Der aus Pennsylvanien stammende Robert Fulton (1765-1815) baute im Jahre 1803 das erste Dampfboot, für das er vergeblich das Interesse Napoleons zu gewinnen suchte.

 

 


Robert Fultons erstes erfolgreiches Dampfschiff

 


In Nordamerika aber wurde er damit zum Schöpfer der Dampfschiffahrt, die der Hauptträger des amerikanischen Binnenverkehrs auf den Flüssen vor dem Eisenbahnbau war. Bereits 1814 erteilte der Kongreß die Erlaubnis zum Bau des ersten dampfgetriebenen Kriegsschiffes, das 1815 seine Probefahrt auf dem Ozean erfolgreich zurücklegte (43.6 Seemeilen in acht Stunden und dreißig Minuten).

Samuel Morse (1791-1872) erhielt auf einigen Europareisen Kenntnis von den elektromagnetischen Entdeckungen (Gauß, Weber)
und bastelte ein Fernschreibgerät, mit dem er nach dem Bekanntwerden von Steinheils (1801-1870) Leistungen an die Öffentlichkeit trat.
1844 entstand die erste Telegrafenverbindung zwischen Washington und Baltimore.

Der im Jahre 1850 gegründete deutschösterreichische Telegrafenverein übernahm den Morse-Apparat und führte ihn allgemein ein.
Die Engländer Wheatstone und Cooke verbesserten den Nadeltelegrafen und bauten bereits 1840 eine 62 km lange Linie entlang der Great Western Bahn in Kanada. David Hughes, aus England in die USA eingewandert, schuf 1855 den Typendrucktelegraf;
er wurde 1856 zwischen Worchester und Springfield (Mass.) erstmals in Betrieb genommen.
Im ersten Jahr des Bürgerkrieges (1861) konnte bereits der Pazifische Fernschreiber von New York nach San Francisco auf eine Entfernung von 3 595 Meilen in Gang gesetzt werden. Damit war die transkontinentale Nachrichtenverbindung hergestellt, die Technik erwies sich nicht nur als Schrittmacher der neuzeitlichen Raumeroberung,
sondern gleichzeitig auch als wichtigster Faktor für die Erhaltung und Dauerhaftigkeit der modernen raumerobernden Mächte; das gilt besonders von Amerika und von Rußland. Der Bau des elektrischen Fernschreibers ging begreiflicherweise dem Eisenbahnbau in den USA zeitlich voran.
Immerhin stimmte der Kongreß in Washington schon im Jahre 1862 dem Bau der transkontinentalen Pazifikbahn zu.

Zwischen 1830-1850 wuchs die Bevölkerung der USA von knapp 13 Millionen auf mehr als 23 Millionen an. Außer dem natürlichen Zuwachs spielte die starke Einwanderung aus Europa eine große Rolle, besonders aus Irland und Deutschland, aus letzterem vor allem in Auswirkung der gescheiterten Revolution von 1848.
1846 waren 40 % der Einwanderer Deutsche, 1854 waren es 53 %.
Die ersten Eisenbahnen wurden um 1830 gebaut, unmittelbar nach der ersten Bahn in England (1825), noch vor dem ersten Bahnbau in Deutschland (1835).
Bei Ausbruch des Bürgerkrieges hatte das Schienennetz der USA mit 49 292 km fast die Länge des gesamteuropäischen mit 51 862 km. Man hat daher nicht mit Unrecht den Sezessionskrieg den ersten Eisenbahnkrieg genannt; der elektrische Fernschreiber hatte bereits im Krimkrieg (1853-1856) Verwendung gefunden.

Die Industrielle Revolution hatte in England auf dem Gebiet der Produktionstechnik mit der Erfindung und Benutzung der Dampfmaschine und mit der Entwicklung der Textilindustrie durch die Spinnmaschine und den mechanischen Webstuhl begonnen. Bereits 1790 führte ein britischer Baumwollspinner namens Samuel Slater,
der nach den USA auswanderte, das in der englischen Wirtschaft begründete Fabriksystem ein, indem er in Rhode Island die Spinnmaschine Arkwrights in verbesserter Form nachbaute. Hand in Hand damit vollzog sich in den USA die Umwälzung in der Landwirtschaft, die bis 1860 das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft bildete.
Die Entfaltung der Industriellen Revolution in den USA stand daher zunächst im Dienste der Mechanisierung der Landwirtschaft.

 


Baumwollentkörnungsmaschine

Eli Whitney, ein Yankee, erfand 1793 die Baumwollentkörnungsmaschine und begründete damit das „Baumwoll-Königreich”
(„Cotton Kingdom“); sie erst machte die Baumwolle zum billigsten Rohstoff für Bekleidung und revolutionierte die Wirtschaft in den Südstaaten zur Baumwoll-Monokultur. Whitney begründete auch die Massenerzeugung bei der Herstellung von Schußwaffen, indem er,
zuerst 1798, austauschbare Einzelteile zum Zusammensetzen und zur Ergänzung und Ausbesserung fertigen ließ. Diese Arbeitsteilung wurde dann auch auf andere Fertigungsvorgänge übertragen und zur wichtigsten Grundlage der Erzeugung von Massengütern am Fließband.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog sich in den USA bereits die technische Revolution in der Landwirtschaft, die,
wie oben ausgeführt, schon um die Jahrhundertwende mit der Baumwollentkörnungsmaschine begonnen hatte. Um dieselbe Zeit erfand Oliver Evans (1755-1819) eine mechanische Mühle für Getreideverarbeitung, eine Art Fließband, mittels dessen das Korn-Mahlen und Mehlerzeugen durchgeführt werden konnte. Bei der Herstellung der Pflüge ging man vom Holz zum Gußeisen und dann zum Stahl als Rohstoff über, vom Ochsen- zum Pferdezug; 1856 lief der erste Dampfpflug.
1858 stellte eine einzige Fabrik 13.000 Stahlpflüge her.

Die wichtigste Erfindung auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Technik war die Ernte- oder Mähmaschine von C. H. Mc Cormick im Jahre 1831.
Um 1860 waren auf den Farmen westlich der Alleghanies rund 80.000 Mähmaschinen in Betrieb.
Die Ernte belief sich auf nahezu 200.000 000 Bushel; davon war der größte Teil mit Maschinen geerntet worden.
Chicago war mit 100.000 Einwohnern im Jahre 1860 der größte Getreidemarkt der Welt mit gewaltigen Getreidesilos.

Mc Cormick-Erntemaschine

Nicht weniger wichtig war die Erfindung der Dreschmaschine, die ein Schotte, Andrew Meikle, zu Beginn des Jahrhunderts gebaut hatte. Von England wurde sie in die USA eingeführt, dort weiter verbessert und fabrikmäßig hergestellt
(Pitt-Dreschmaschine 1836). Auch in der Milchwirtschaft setzte schon vor dem Bürgerkrieg die fabrikmäßige Herstellung von Butter, Käse, Speiseeis und Dosenmilch ein. In den fünfziger Jahren war die Landwirtschaft noch die Grundindustrie,
der Übergang von der handbetriebenen zur maschinellen Arbeitsweise war bereits vollzogen. Die Farmen im Norden von einer Durchschnittsgröße von 100-150 ha bildeten die Hälfte des Volksvermögens.
Achtzig Prozent der Bevölkerung lebten auf dem Lande; Landwirtschaft und Verkehr beschäftigten die meisten Menschen.

Die Mechanisierung des landwirtschaftlichen Betriebes im Norden trug wesentlich zum Sieg der Nordstaaten bei,
denn die Arbeitskräfte sparenden Maschinen ermöglichten es, die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zum Militär einzuziehen, während im Süden viele Soldaten desertierten, wenn es galt, die Ernte einzubringen. Kriegsminister Stanton erklärte nach Beendigung des Bürgerkrieges,
„daß die Mc Cormick-Erntemaschine den Krieg gewonnen hätte, da sie die Landarbeiter für den Dienst in der Nordarmee freigesetzt hat".

In den fünfziger Jahren kam auch die Kalk- und Phosphatdüngung auf, ebenso die fabrikmäßige Herstellung von Kunstdünger.
Maschinelle Verpackung der Waren wie das Warenhaus selbst sind ebenfalls Kinder dieses Jahrzehnts. Die Kennzeichen der modernen industriellen Lebensweise, Massenhaftigkeit, Geschwindigkeit und Gleichförmigkeit in der Warenerzeugung und im Warenvertrieb sowie die Fließbandarbeit waren also um die Jahrhundertmitte in den USA bereits in voller Entwicklung begriffen. Seit den dreißiger Jahren waren die wichtigsten Industrieerzeugnisse des Nordens die Textilien Neu-Englands, die Eisenwaren Pennsylvaniens, die Uhren und Feuerwaffen von Connecticut. Dort entstanden auch die großen Vermögen. Zentrum der Eisen- und Stahlindustrie wurde Pittsburg.

Samuel Colt

Erfindungen wurden in jeder Hinsicht gefördert: 1835 wurden der Colt-Revolver, 1846 die Nähmaschine von Elias Howe patentiert,
1844 baute Robert Hoe die erste Zylinderpresse Amerikas, nachdem die Londoner „Times“ seit 1814 die deutsche Erfindung des Zylinderdrucks übernommen hatte. Samuel Colt gründete in den frühen fünfziger Jahren in Hartfort eine der größten Waffenfabriken der Erde.
Die New Yorker Zeitung „Sun“ hatte um 1830 mit 38 000 Stück täglich die höchste Auflagenziffer der Welt. Die Presse wurde der wichtigste Lese- und Bildungsstoff für den Durchschnittsamerikaner und übt daher in den USA eine kaum überschätzbare Macht aus, die erst im zwanzigsten Jahrhundert in Film, Rundfunk und Fernsehen ernsthafte Konkurrenten bei der Massenbeeinflussung und ihrer Lenkung fand.
Das in Europa erfundene Streichholz wurde in den USA 1836, die von dem Amerikaner Charles Goodyear erfundene Vulkanisation 1844 patentiert.

Bei Ausbruch des Bürgerkrieges waren die USA nach England, dem Mutterland der Industriellen Revolution, die technisch und industriell am weitesten entwickelte Nation der Welt. Diese Tatsache bestimmte den Gang der Ereignisse im Sezessionskrieg und seinen Ausgang, weil der technisch-industrielle Schwerpunkt im Norden lag.
Chicago war 1860 nicht nur der größte Getreidemarkt der Welt, sondern auch der bedeutendste Eisenbahnknotenpunkt des Westens mit fünfzehn Eisenbahnlinien und täglich einhundert Zügen. Die Gummi-Industrie zählte um 1860 bereits 60 000 Beschäftigte. 1859 erfolgte die erste erfolgreiche Ölbohrung in Pennsylvanien.
Die Ölindustrie entwickelte sich in den Jahren des Bürgerkrieges so weit, daß sie im Jahre 1865 bereits an sechster Stelle der Ausfuhr der USA stand.

Für Allgemein- und insbesondere naturwissenschaftlichtechnische Bildung wurde in den USA viel getan: die Library of Congress trat 1800 ins Leben,
1824 errichtete man in Troy eine Schule für Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften (Renselaer Polytechnic Institute), 1843 ein Observatorium in Cincinnati.
Das „American Journal of Science“ wurde 1818 gegründet. Ein wesentlicher Beitrag zur modernen Medizin war die Einführung der Anaesthesie durch den Chemiker Charles Jackson in Boston im Jahre 1844. Auf der Weltausstellung in London 1851 traten die Amerikaner durch ihre technischen Leistungen hervor.
Bei der New Yorker Ausstellung 1853 leistete die Architektur etwas Besonderes durch den Bau des Kristallpalastes aus Eisen und Glas.

Mitten im Bürgerkrieg beschloß der Kongreß in Washington ein Gesetz zur Gründung einer Akademie der Wissenschaften (National Academy of Science),
das Präsident Lincoln am 3. März 1863 unterzeichnete. Der industrielle Schwerpunkt der Union lag eindeutig im Norden; dort befanden sich auch die Waffenfabriken,
die Arsenale mit den neuen Waffen und die Pulverfabriken. Dem Süden fehlten außerdem eine Handels- wie eine Kriegsflotte, um Handel zu treiben und ihn zu schützen, darüber hinaus fast alle kriegswirtschaftlichen und rüstungsmäßigen Voraussetzungen für einen Krieg.

Jefferson Davis

Präsident Davis, ein Absolvent der 1802 in West Point gegründeten Militärakademie, war in den fünfziger Jahren Kriegsminister und zweimaliger Vorsitzender des Militärausschusses in Washington gewesen. Er wußte daher wie kaum ein zweiter im Süden, daß die Konföderation keine Möglichkeiten hatte, sich auf militärischem Wege durchzusetzen. Er wie seine Mitarbeiter hofften, sich durch die Abtrennung und Konsolidierung der Südstaaten politisch behaupten zu können, während die Nordstaaten gezwungen waren, die Union durch militärische Eroberung wiederherzustellen.

 

Der Norden mußte daher einen Eroberungskrieg mit dem Ziele der Unterwerfung der Südstaaten führen, der Süden kämpfte für das Recht der Selbstregierung und Selbstbestimmung der Einzelstaaten. Die Führung der Südstaaten setzte ihre größte Hoffnung auf die Unterstützung durch die europäischen Westmächte,
Großbritannien und Frankreich, in deren Interesse es nach ihrer Ansicht lag, die Union zu spalten und dadurch die von ihr ausgehende handels-
und machtpolitische Bedrohung zu beseitigen.
Der Ausbruch des Bürgerkrieges kam für beide Seiten überraschend; keine der beiden Parteien war auch nur im geringsten darauf vorbereitet.
Die Konföderierten verkündeten die Trennung in der naiven Annahme, die Nordstaaten, d. h. die Unionsregierung unter dem neuen Präsidenten Lincoln,
würden sich damit wohl oder übel abfinden. Im Grunde konnte der neue Staat, die Konföderation, einen Krieg schon deshalb nicht brauchen,
weil sie aus dem Nichts erst einen Regierungs- und Verwaltungsapparat aufbauen und außenpolitische Beziehungen herstellen mußte.
In der festen Überzeugung, daß die Washingtoner Regierung einen Eroberungskrieg gegen die Südstaaten durchzuführen weder willens noch in der Lage sei,
und in der zum außenpolitischen Glaubensbekenntnis erhobenen Ansicht, „König Baumwolle" (King Cotton) würde die von der Baumwolleinfuhr aus den Südstaaten abhängigen Westmächte England und Frankreich geradezu zwingen, zugunsten der Unabhängigkeit der Konföderation einzugreifen,
hatten sich die Sezessionisten zu ihrem ebenso übereilten wie überraschenden Vorgehen entschlossen.

Abraham Lincoln

Auf der anderen Seite war der neue Präsident der Union, Repräsentant der republikanischen Antisklavereipartei, vom ersten Augenblick an entschlossen, die Union um jeden Preis, ob mit oder ohne Sklaverei, zu bewahren. Mit dieser Entschlossenheit hatten die Sezessionisten nicht gerechnet. Präsident Lincoln war wohl kein Abolitionist, aber ein entschiedener Gegner der Ausbreitung der Sklaverei in die neu erworbenen Gebiete (Territorien). Für ihn stand von Anfang an die Wahrung der nationalen Einheit an der Spitze aller Überlegungen und Handlungen.
Von seiner Warte aus ging es um die Erhaltung der Union, der nationalstaatlichen Einheit, für ihn war das Recht der Union heilig und unantastbar und stand über den Rechten der Einzelstaaten. Die Sklavereifrage war für ihn eine zweitrangige Angelegenheit. Wenn er die Union mit der Sklaverei hätte erhalten können, so hätte er davor nicht zurückgescheut. Da er sie nur gegen die Sklaverei wiederherstellen konnte, handelte er sinngemäß.

Der Krieg gegen die Sezession, von der Washingtoner Regierung grundsätzlich nur als „Rebellion“ betrachtet, bezeichnet und behandelt, wurde daher als nationaler Einigungskrieg von Washington aus geführt. Von Umpfang, Dauer und Ausmaß des zögernd anlaufenden Bürgerkrieges hatte man in Washington ebensowenig eine konkrete Vorstellung wie in Richmond. Die treibende Kraft zur Trennung ging ausschließlich von den Südstaaten aus, an der Spitze Südkarolina, das mit seiner Nullifikationstheorie schon dreißig Jahre vorher die Trennung angedroht hatte. Zwangsläufig erfolgte auch der erste gewaltsame Schritt, die Trennung durchzusetzen,
durch die Südstaaten mit der Wegnahme des Forts Sumter im April 1861.
Der Norden war ebenso entschieden gegen die Trennung, wie die genannten Südstaaten dafür; dabei ist freilich nicht zu übersehen, daß es auch in den die Trennung betreibenden Südstaaten eine nicht geringe Minderheit von Unionisten gab. Für das Kräfteverhältnis zwischen Nord und Süd war die Haltung der sklavenhaltenden Grenzstaaten Missouri, Maryland, Delaware, Kentucky und West-Virginia maßgebend. Es glückte den Sezessionisten nicht, die Grenzstaaten für sich zu gewinnen;
dieser Mißerfolg war mit entscheidend für den Ausgang des Bürgerkrieges.

Sowohl die alte Administration unter Buchanan wie die neue unter Lincoln machte verschiedene Kompromißversuche, die jedoch an dem entschiedenen Willen der Sezessionisten scheiterten. So war auch die große Geschäftswelt des Nordens gegen Trennung und Bürgerkrieg. Sie fürchtete den Verlust von 150 Millionen Dollar langfristiger Anleihen an die Südstaaten und einen starken Rückgang der geschäftlichen Beziehungen, die sich seit vielen Jahren vorteilhaft entwickelt hatten.
Die in den letzten Jahren von südstaatlichen Extremisten häufig und zu häufig ausgesprochene Drohung mit der Trennung nahm man im Norden daher nicht mehr ganz ernst. Auch Staatssekretär W. Seward, Lincoln's Außenminister, war gegen Trennung und Bürgerkrieg und befürwortete den Crittenden-Kompromiß.
Seine nach außen drohende und kriegerische Haltung gründete sich auf die Hoffnung, durch einen Krieg gegen England und Frankreich oder auch Spanien die Nation einigen und die Trennung auf diese Weise außenpolitisch ventilieren und überwinden zu können.
Seine angriffslustige Außenpolitik im Jahre 1861 ist nur von dieser Überlegung her, nämlich Trennung und Bürgerkrieg vermeiden zu können, verständlich.
Später, als das Kriegsglück sich den Nordstaaten zuwandte, wuchs dadurch sein Selbstbewußtsein als leidenschaftlicher Verfechter der Union und ihrer Weltmachtsendung.

Die Konföderation umfaßte bei ihrer Entstehung sieben Staaten, zu denen im Laufe der ersten Jahreshälfte 1861 noch vier weitere Sklavenstaaten traten, nämlich Virginia, North Carolina, Tennessee und Arkansas. Sie zählte auf ihrem aus elf Staaten bestehenden Gebiet zehn Millionen Einwohner, davon 3.500.000 Negersklaven.


23 Staaten blieben der Union treu

 

Sie waren sowohl der Fläche wie der Einwohnerzahl nach den Südstaaten weit überlegen; dazu kam ihr erdrückendes materielles Übergewicht durch die Konzentration der Industrie, der Rohstoffe und der Schiffswerften in ihrem Machtbereich. So erzeugten die USA im Jahre 1860 nahezu eine Million t Roheisen;
davon entfielen auf den Süden lediglich 36 790 t.
Der Präsident der Konföderation berief bereits am 6. März 1861, drei Wochen nach ihrer Entstehung (18. 2. 1861) ein Freiwilligenheer von 100.000 Mann mit einjähriger Dienstzeit ein. Dadurch gewannen die Südstaaten in der militärischen Organisation und Vorbereitung einen gewissen zeitlichen Vorsprung vor den Nordstaaten.
Die Aufrechterhaltung der Forts der Washingtoner Regierung auf dem Gebiet der Konföderation wurde von den Sezessionisten als kriegsähnlicher Akt betrachtet;
sie strebten daher danach, sich der Forts, vor allem auch der Arsenale, zu bemächtigen.


Fort Sumter

So ergab es sich, daß die erste Kriegshandlung von seiten der Konföderierten erfolgte: sie griffen das Fort Sumter an,
das am 14. April 1861 unter ehrenvollen Bedingungen kapitulierte. Präsident Lincoln erließ daher am Tage nach der Einnahme des Forts durch die Sezessionisten einen Aufruf, in dem er die sieben Südstaaten der Auflehnung gegen die Gesetze der USA bezichtigte.
Gleichzeitig rief er 75 000 Milizmänner für drei Monate unter Waffen in der Annahme, die „Rebellion“ rasch niederschlagen zu können. Die loyalen Staaten genehmigten ihm 100.000 Mann. Am 19. April verhängte der Präsident der Nordstaaten die Blockade über die gesamte Küste von Südkarolina bis nach Texas, die jedoch in Anbetracht einer fehlenden Kriegsflotte zunächst nur auf dem Papier bestand. Die Regierung der Südstaaten beantwortete die Verhängung der Blockade mit der Ausstellung von Kaperbriefen. Die Washingtoner Regierung erwiderte diese Maßnahme der Konföderierten mit der Erklärung, sie werde alle Kaperschiffe als Piratenschiffe behandeln, und verkündete später noch eine Blockade der südstaatlichen Häfen.

Die Beschlagnahme der Arsenale auf ihrem Gebiet half den Konföderierten aus der ersten militärischen Verlegenheit, nämlich dem katastrophalen Mangel an Waffen, Munition und Ausrüstung. Der Verlust der Washingtoner Regierung an militärischem Gut durch die Inbesitznahme der Arsenale von seiten der Sezessionisten noch in der auslaufenden Amtszeit des Präsidenten Buchanan wurde auf dreißig Millionen Dollar geschätzt. Besonders empfindlich traf die Nordstaaten die Wegnahme der Marinewerft von Norfolk, der größten Werft der USA, unmittelbar nach der Einnahme von Fort Sumter durch die Konföderierten.


Die absichtliche Zerstörung der Werftanlagen und Arsenale von Norfolk


Norfolk, in Virginia gelegen, fiel in die Hände der Südstaatler, weil Virginia, wenige Tage nach dem Fall von Fort Sumter, sich der Konföderation anschloß.
Der Versuch, die Hafenanlagen und das Arsenal vor der Übergabe noch zu vernichten, glückte nur teilweise. So fiel den Konföderierten dort das größte Depot an modernen Geschützen in die Hände. Waren die Südstaaten zahlenmäßig und materiell auch weit unterlegen, so hatten sie anfangs doch einen gewissen militärischen Vorteil durch ihre Initiative und die bessere militärische Führung.
Doch ließen sie die Gelegenheit, Washington kampflos zu besetzen, ungenutzt vorübergehen, weil ihre Führer noch auf eine friedliche Trennung hofften.
Ihr bedeutendster militärischer Führer, General Robert Lee, die hervorragendste soldatische Persönlichkeit des Bürgerkrieges überhaupt, hatte auch noch zu starke menschliche Hemmungen, gegen seine früheren Freunde von Westpoint, die auf der Gegenseite standen, mit einem energischen Angriff vorzugehen.

Die USA hatten zu diesem Zeitpunkt nur eine kleine Armee, deren Hauptaufgabe der Schutz der weißen Siedler im „Wilden Westen“ gegen indianische Überfälle war.
Sie hatte am 30. Juni 1860 eine Effektivstärke von 1080 Offizieren und knapp 15 000 Mann und bestand aus zehn Regimentern Infanterie, vier Regimentern Artillerie,
zwei Regimentern Kavallerie, zwei Regimentern Dragonern und einem Regiment berittener Schützen. Von 198 Linienkompanien waren 183 auf 79 isolierten Posten
in den Territorien verstreut, die übrigen fünfzehn standen in Garnisonen entlang der kanadischen Grenze und an der Atlantikküste.
Von den 1080 Offizieren schieden 286 aus oder wurden entlassen und traten in den Dienst der Südstaaten; mindestens 26 verletzten ihren Eid.
Von 1824 Westpoint-Graduierten boten 184 ihre Dienste der Konföderation an. Von 900 Westpoint-Graduierten, die damals im Zivilleben standen,
kehrten 114 in die Unionsarmee zurück, 99 weitere verpflichteten sich den Südstaaten. Wichtiger aber als die Zahl war die hohe Qualität der in die Armee
der Konföderierten eintretenden Offiziere; viele waren Regimentskommandeure und standen auf der Abteilungsleiter-Ebene. Die bedeutendste militärische Führerpersönlichkeit des Bürgerkrieges war, wie schon erwähnt, General Robert Lee, Oberbefehlshaber der Virginia-Armee der Südstaaten.

Die Spitzenstärke der Streitkräfte war bei den Nordstaaten rund eine Million, bei den Südstaaten etwa 600.000 Mann; insgesamt dienten in der Unionsarmee rund
2.100.000, in der konföderierten Armee etwa 800 bis 900.000 Mann. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges waren die beiderseitigen Streitkräfte annähernd gleich stark.
Es war jedoch nur eine Frage der Zeit, wann die zahlenmäßige Überlegenheit der Nordstaaten sich auch auf dem Schlachtfeld auszuwirken begann.
Beginn und Ablauf der militärischen Ereignisse wurden wesentlich von der im ersten Kriegsjahr auf beiden Seiten herrschenden allgemeinen Ansicht
von einer kurzen Dauer des Bürgerkrieges maßgeblich beeinflußt.

 


Schematische Darstellung der Gebietsverluste der Konföderation
(Die Eroberung einiger Hafenstädte ist auf dieser Karte nicht berücksichtigt.)

 


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