
Quellennachweis der Texte:
Veröffentlichungen des Center of Military History der U.
S. Army, der Kongreßbibliothek und des US Nationalarchivs
sowie Auszüge aus
© GEORG FRANZ WILLING, Der weltgeschichtliche Aufstieg
der USA durch die Entscheidung des Bürgerkrieges von 1861-1865,
Osnabrück 1979

Die Vereinigten Staaten vor Ausbruch des Bürgerkriegs
Zustand
der USA bei Ausbruch des Bürgerkrieges
Die
Vereinigten Staaten umfaßten nach dem Beitritt von Kansas
in die Union im Januar 1861 34 Staaten mit einer Gesamtbevölkerung
von 31 443 321 Einwohnern,
davon 3 500 000 Negersklaven. Sie übertrafen bereits zu
diesem Zeitpunkt nicht nur flächen-, sondern auch bevölkerungsmäßig
jeden europäischen Großstaat, mit Ausnahme Rußlands.
Die europäischen Einwanderer, die das neue Gemeinwesen
gegründet hatten und durch ständigen Zuzug stark vermehrten,
entwickelten sich zu einer lebenskräftigen Nation amerikanischer
Prägung („Yankee" seit 1683).
Sie stellten eine gewisse Auslese dar; die Unzufriedenheit mit
den Verhältnissen in ihren europäischen Heimatländern
hatte sie zur Auswanderung und zur Suche einer neuen Heimat
mit besseren Lebensbedingungen veranlaßt. Die Unzufriedenheit
als eigentliche Triebfeder der Auswanderung hatte fünf
Triebfedern:
religiöse, politische, wirtschaftliche Ursachen, Abenteuerlust
und Flucht vor dem Arm des Gesetzes (Kriminelle, Fahnenflüchtige).
So
wurde Amerika eine Zuflucht der Armen und Unterdrückten,
aber auch Betätigungsfeld für Abenteurer, Freibeuter
und Glückssucher,
„das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" für
alle, die die Brücken zur alten Heimat abbrechen und zu
einem neuen Leben schlagen wollten.
Unbelastet von altem Herkommen und überlieferten Gebräuchen,
getrieben vom Zwang zum Überleben in der Wildnis um jeden
Preis,
entwickelten die Bewohner der Neu-Englandstaaten einen praktischen
Sinn für alles Nützliche und Brauchbare in ihrem harten
Lebenskampf.
Das machte sie für Technik und Industrie besonders aufgeschlossen.
Deshalb gehörten die USA schon in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhundert zu den führenden Nationen in der Entwicklung
der technisch-industriellen Lebensweise.
Da
es in Amerika keine traditionellen Hemmungen bei der Entfaltung
des neuen Lebensstils gab, schoben sich die Yankees ohne große
Hindernisse in den nächsten Generationen an die Spitze
als Industrienation. Viele in Europa gemachte Erfindungen wurden
in Nordamerika aufgegriffen und zuerst praktisch ausgewertet.
Die Stärke der Amerikaner lag von Anfang an in der angewandten
Wissenschaft.
So fand die aus Europa stammende neue Verkehrs- und Nachrichtentechnik
(dampfgetriebene Schienenbahn, elektrischer Fernschreiber) als
entscheidendes Mittel für die rasche Erschließung
und Durchdringung der riesigen Räume zwischen Atlantik
und Pazifik in den USA schnellere und ungehemmtere Verwendung
als in dem durch politische Überlieferungen und zahllose
Grenzen und Zollschranken zerrissenen Europa.
Der aus Pennsylvanien stammende Robert Fulton (1765-1815) baute
im Jahre 1803 das erste Dampfboot, für das er vergeblich
das Interesse Napoleons zu gewinnen suchte.

Robert Fultons erstes erfolgreiches Dampfschiff
In Nordamerika aber wurde er damit zum Schöpfer der Dampfschiffahrt,
die der Hauptträger des amerikanischen Binnenverkehrs auf
den Flüssen vor dem Eisenbahnbau war. Bereits 1814 erteilte
der Kongreß die Erlaubnis zum Bau des ersten dampfgetriebenen
Kriegsschiffes, das 1815 seine Probefahrt auf dem Ozean erfolgreich
zurücklegte (43.6 Seemeilen in acht Stunden und dreißig
Minuten).
Samuel
Morse (1791-1872) erhielt auf einigen
Europareisen Kenntnis von den elektromagnetischen Entdeckungen
(Gauß, Weber)
und bastelte ein Fernschreibgerät, mit dem er nach dem
Bekanntwerden von Steinheils (1801-1870) Leistungen an die Öffentlichkeit
trat.
1844 entstand die erste Telegrafenverbindung zwischen Washington
und Baltimore.
Der
im Jahre 1850 gegründete deutschösterreichische Telegrafenverein
übernahm den Morse-Apparat und führte ihn allgemein
ein.
Die Engländer Wheatstone und Cooke verbesserten den Nadeltelegrafen
und bauten bereits 1840 eine 62 km lange Linie entlang der Great
Western Bahn in Kanada. David Hughes, aus England in die USA
eingewandert, schuf 1855 den Typendrucktelegraf;
er wurde 1856 zwischen Worchester und Springfield (Mass.) erstmals
in Betrieb genommen.
Im ersten Jahr des Bürgerkrieges (1861) konnte bereits
der Pazifische Fernschreiber von New York nach San Francisco
auf eine Entfernung von 3 595 Meilen in Gang gesetzt werden.
Damit war die transkontinentale Nachrichtenverbindung hergestellt,
die Technik erwies sich nicht nur als Schrittmacher der neuzeitlichen
Raumeroberung,
sondern gleichzeitig auch als wichtigster Faktor für die
Erhaltung und Dauerhaftigkeit der modernen raumerobernden Mächte;
das gilt besonders von Amerika und von Rußland. Der Bau
des elektrischen Fernschreibers ging begreiflicherweise dem
Eisenbahnbau in den USA zeitlich voran.
Immerhin stimmte der Kongreß in Washington schon im Jahre
1862 dem Bau der transkontinentalen Pazifikbahn zu.
Zwischen
1830-1850 wuchs die Bevölkerung der USA von knapp 13 Millionen
auf mehr als 23 Millionen an. Außer dem natürlichen
Zuwachs spielte die starke Einwanderung aus Europa eine große
Rolle, besonders aus Irland und Deutschland, aus letzterem vor
allem in Auswirkung der gescheiterten Revolution von 1848.
1846 waren 40 % der Einwanderer Deutsche, 1854 waren es 53 %.
Die ersten Eisenbahnen wurden um 1830 gebaut, unmittelbar nach
der ersten Bahn in England (1825), noch vor dem ersten Bahnbau
in Deutschland (1835).
Bei Ausbruch des Bürgerkrieges hatte das Schienennetz der
USA mit 49 292 km fast die Länge des gesamteuropäischen
mit 51 862 km. Man hat daher nicht mit Unrecht den Sezessionskrieg
den ersten Eisenbahnkrieg genannt; der elektrische Fernschreiber
hatte bereits im Krimkrieg (1853-1856) Verwendung gefunden.
Die
Industrielle Revolution hatte in England auf dem Gebiet der
Produktionstechnik mit der Erfindung und Benutzung der Dampfmaschine
und mit der Entwicklung der Textilindustrie durch die Spinnmaschine
und den mechanischen Webstuhl begonnen. Bereits 1790 führte
ein britischer Baumwollspinner namens Samuel Slater,
der nach den USA auswanderte, das in der englischen Wirtschaft
begründete Fabriksystem ein, indem er in Rhode Island die
Spinnmaschine Arkwrights in verbesserter Form nachbaute. Hand
in Hand damit vollzog sich in den USA die Umwälzung in
der Landwirtschaft, die bis 1860 das Rückgrat der amerikanischen
Wirtschaft bildete.
Die Entfaltung der Industriellen Revolution in den USA stand
daher zunächst im Dienste der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Baumwollentkörnungsmaschine
Eli
Whitney, ein Yankee, erfand 1793
die Baumwollentkörnungsmaschine und begründete damit
das „Baumwoll-Königreich”
(„Cotton Kingdom“); sie erst machte die Baumwolle
zum billigsten Rohstoff für Bekleidung und revolutionierte
die Wirtschaft in den Südstaaten zur Baumwoll-Monokultur.
Whitney begründete auch die Massenerzeugung bei der Herstellung
von Schußwaffen, indem er,
zuerst 1798, austauschbare Einzelteile zum Zusammensetzen und
zur Ergänzung und Ausbesserung fertigen ließ. Diese
Arbeitsteilung wurde dann auch auf andere Fertigungsvorgänge
übertragen und zur wichtigsten Grundlage der Erzeugung
von Massengütern am Fließband.
In
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog sich in
den USA bereits die technische Revolution in der Landwirtschaft,
die,
wie oben ausgeführt, schon um die Jahrhundertwende mit
der Baumwollentkörnungsmaschine begonnen hatte. Um dieselbe
Zeit erfand Oliver Evans (1755-1819) eine mechanische Mühle
für Getreideverarbeitung, eine Art Fließband, mittels
dessen das Korn-Mahlen und Mehlerzeugen durchgeführt werden
konnte. Bei der Herstellung der Pflüge ging man vom Holz
zum Gußeisen und dann zum Stahl als Rohstoff über,
vom Ochsen- zum Pferdezug; 1856 lief der erste Dampfpflug.
1858 stellte eine einzige Fabrik 13.000 Stahlpflüge her.
Die
wichtigste Erfindung auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen
Technik war die Ernte- oder Mähmaschine von C. H. Mc Cormick
im Jahre 1831.
Um 1860 waren auf den Farmen westlich der Alleghanies rund 80.000
Mähmaschinen in Betrieb.
Die Ernte belief sich auf nahezu 200.000 000 Bushel; davon war
der größte Teil mit Maschinen geerntet worden.
Chicago war mit 100.000 Einwohnern im Jahre 1860 der größte
Getreidemarkt der Welt mit gewaltigen Getreidesilos.
Mc
Cormick-Erntemaschine
Nicht
weniger wichtig war die Erfindung der Dreschmaschine, die ein
Schotte, Andrew Meikle, zu Beginn des Jahrhunderts gebaut hatte.
Von England wurde sie in die USA eingeführt, dort weiter
verbessert und fabrikmäßig hergestellt
(Pitt-Dreschmaschine 1836). Auch in der Milchwirtschaft setzte
schon vor dem Bürgerkrieg die fabrikmäßige Herstellung
von Butter, Käse, Speiseeis und Dosenmilch ein. In den
fünfziger Jahren war die Landwirtschaft noch die Grundindustrie,
der Übergang von der handbetriebenen zur maschinellen Arbeitsweise
war bereits vollzogen. Die Farmen im Norden von einer Durchschnittsgröße
von 100-150 ha bildeten die Hälfte des Volksvermögens.
Achtzig Prozent der Bevölkerung lebten auf dem Lande; Landwirtschaft
und Verkehr beschäftigten die meisten Menschen.
Die
Mechanisierung des landwirtschaftlichen Betriebes im Norden
trug wesentlich zum Sieg der Nordstaaten bei,
denn die Arbeitskräfte sparenden Maschinen ermöglichten
es, die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zum Militär
einzuziehen, während im Süden viele Soldaten desertierten,
wenn es galt, die Ernte einzubringen. Kriegsminister Stanton
erklärte nach Beendigung des Bürgerkrieges,
„daß die Mc Cormick-Erntemaschine den Krieg gewonnen
hätte, da sie die Landarbeiter für den Dienst in der
Nordarmee freigesetzt hat".
In den fünfziger
Jahren kam auch die Kalk- und Phosphatdüngung auf, ebenso
die fabrikmäßige Herstellung von Kunstdünger.
Maschinelle Verpackung der Waren wie das Warenhaus selbst sind
ebenfalls Kinder dieses Jahrzehnts. Die Kennzeichen der modernen
industriellen Lebensweise, Massenhaftigkeit, Geschwindigkeit
und Gleichförmigkeit in der Warenerzeugung und im Warenvertrieb
sowie die Fließbandarbeit waren also um die Jahrhundertmitte
in den USA bereits in voller Entwicklung begriffen. Seit den
dreißiger Jahren waren die wichtigsten Industrieerzeugnisse
des Nordens die Textilien Neu-Englands, die Eisenwaren Pennsylvaniens,
die Uhren und Feuerwaffen von Connecticut. Dort entstanden auch
die großen Vermögen. Zentrum der Eisen- und Stahlindustrie
wurde Pittsburg.
Samuel
Colt
Erfindungen
wurden in jeder Hinsicht gefördert: 1835 wurden der Colt-Revolver,
1846 die Nähmaschine von Elias Howe patentiert,
1844 baute Robert Hoe die erste Zylinderpresse Amerikas, nachdem
die Londoner „Times“ seit 1814 die deutsche
Erfindung des Zylinderdrucks übernommen hatte. Samuel Colt
gründete in den frühen fünfziger Jahren in Hartfort
eine der größten Waffenfabriken der Erde.
Die New Yorker Zeitung „Sun“ hatte um 1830
mit 38 000 Stück täglich die höchste Auflagenziffer
der Welt. Die Presse wurde der wichtigste Lese- und Bildungsstoff
für den Durchschnittsamerikaner und übt daher in den
USA eine kaum überschätzbare Macht aus, die erst im
zwanzigsten Jahrhundert in Film, Rundfunk und Fernsehen ernsthafte
Konkurrenten bei der Massenbeeinflussung und ihrer Lenkung fand.
Das in Europa erfundene Streichholz wurde in den USA 1836, die
von dem Amerikaner Charles Goodyear erfundene Vulkanisation
1844 patentiert.
Bei
Ausbruch des Bürgerkrieges waren die USA nach England,
dem Mutterland der Industriellen Revolution, die technisch und
industriell am weitesten entwickelte Nation der Welt. Diese
Tatsache bestimmte den Gang der Ereignisse im Sezessionskrieg
und seinen Ausgang, weil der technisch-industrielle Schwerpunkt
im Norden lag.
Chicago war 1860 nicht nur der größte Getreidemarkt
der Welt, sondern auch der bedeutendste Eisenbahnknotenpunkt
des Westens mit fünfzehn Eisenbahnlinien und täglich
einhundert Zügen. Die Gummi-Industrie zählte um 1860
bereits 60 000 Beschäftigte. 1859 erfolgte die erste erfolgreiche
Ölbohrung in Pennsylvanien.
Die Ölindustrie entwickelte sich in den Jahren des Bürgerkrieges
so weit, daß sie im Jahre 1865 bereits an sechster Stelle
der Ausfuhr der USA stand.
Für
Allgemein- und insbesondere naturwissenschaftlichtechnische
Bildung wurde in den USA viel getan: die Library of Congress
trat 1800 ins Leben,
1824 errichtete man in Troy eine Schule für Naturwissenschaften
und Ingenieurwissenschaften (Renselaer Polytechnic Institute),
1843 ein Observatorium in Cincinnati.
Das „American Journal of Science“ wurde
1818 gegründet. Ein wesentlicher Beitrag zur modernen Medizin
war die Einführung der Anaesthesie durch den Chemiker Charles
Jackson in Boston im Jahre 1844. Auf der Weltausstellung in
London 1851 traten die Amerikaner durch ihre technischen Leistungen
hervor.
Bei der New Yorker Ausstellung 1853 leistete die Architektur
etwas Besonderes durch den Bau des Kristallpalastes aus Eisen
und Glas.
Mitten
im Bürgerkrieg beschloß der Kongreß in Washington
ein Gesetz zur Gründung einer Akademie der Wissenschaften
(National Academy of Science),
das Präsident Lincoln am 3. März 1863 unterzeichnete.
Der industrielle Schwerpunkt der Union lag eindeutig im Norden;
dort befanden sich auch die Waffenfabriken,
die Arsenale mit den neuen Waffen und die Pulverfabriken. Dem
Süden fehlten außerdem eine Handels- wie eine Kriegsflotte,
um Handel zu treiben und ihn zu schützen, darüber
hinaus fast alle kriegswirtschaftlichen und rüstungsmäßigen
Voraussetzungen für einen Krieg.
Jefferson
Davis
Präsident
Davis, ein Absolvent der 1802 in West Point gegründeten
Militärakademie, war in den fünfziger Jahren Kriegsminister
und zweimaliger Vorsitzender des Militärausschusses in
Washington gewesen. Er wußte daher wie kaum ein zweiter
im Süden, daß die Konföderation keine Möglichkeiten
hatte, sich auf militärischem Wege durchzusetzen. Er wie
seine Mitarbeiter hofften, sich durch die Abtrennung und Konsolidierung
der Südstaaten politisch behaupten zu können, während
die Nordstaaten gezwungen waren, die Union durch militärische
Eroberung wiederherzustellen.
Der
Norden mußte daher einen Eroberungskrieg mit dem Ziele
der Unterwerfung der Südstaaten führen, der Süden
kämpfte für das Recht der Selbstregierung und Selbstbestimmung
der Einzelstaaten. Die Führung der Südstaaten setzte
ihre größte Hoffnung auf die Unterstützung durch
die europäischen Westmächte,
Großbritannien und Frankreich, in deren Interesse es nach
ihrer Ansicht lag, die Union zu spalten und dadurch die von
ihr ausgehende handels-
und machtpolitische Bedrohung zu beseitigen.
Der Ausbruch des Bürgerkrieges kam für beide Seiten
überraschend; keine der beiden Parteien war auch nur im
geringsten darauf vorbereitet.
Die Konföderierten verkündeten die Trennung in der
naiven Annahme, die Nordstaaten, d. h. die Unionsregierung unter
dem neuen Präsidenten Lincoln,
würden sich damit wohl oder übel abfinden. Im Grunde
konnte der neue Staat, die Konföderation, einen Krieg schon
deshalb nicht brauchen,
weil sie aus dem Nichts erst einen Regierungs- und Verwaltungsapparat
aufbauen und außenpolitische Beziehungen herstellen mußte.
In der festen Überzeugung, daß die Washingtoner Regierung
einen Eroberungskrieg gegen die Südstaaten durchzuführen
weder willens noch in der Lage sei,
und in der zum außenpolitischen Glaubensbekenntnis erhobenen
Ansicht, „König Baumwolle" (King Cotton) würde
die von der Baumwolleinfuhr aus den Südstaaten abhängigen
Westmächte England und Frankreich geradezu zwingen, zugunsten
der Unabhängigkeit der Konföderation einzugreifen,
hatten sich die Sezessionisten zu ihrem ebenso übereilten
wie überraschenden Vorgehen entschlossen.

Abraham
Lincoln
Auf
der anderen Seite war der neue Präsident der Union, Repräsentant
der republikanischen Antisklavereipartei, vom ersten Augenblick
an entschlossen, die Union um jeden Preis, ob mit oder ohne
Sklaverei, zu bewahren. Mit dieser Entschlossenheit hatten die
Sezessionisten nicht gerechnet. Präsident Lincoln war wohl
kein Abolitionist, aber ein entschiedener Gegner der Ausbreitung
der Sklaverei in die neu erworbenen Gebiete (Territorien). Für
ihn stand von Anfang an die Wahrung der nationalen Einheit an
der Spitze aller Überlegungen und Handlungen.
Von seiner Warte aus ging es um die Erhaltung der Union, der
nationalstaatlichen Einheit, für ihn war das Recht der
Union heilig und unantastbar und stand über den Rechten
der Einzelstaaten. Die Sklavereifrage war für ihn eine
zweitrangige Angelegenheit. Wenn er die Union mit der Sklaverei
hätte erhalten können, so hätte er davor nicht
zurückgescheut. Da er sie nur gegen die Sklaverei wiederherstellen
konnte, handelte er sinngemäß.
Der
Krieg gegen die Sezession, von der Washingtoner Regierung grundsätzlich
nur als „Rebellion“ betrachtet, bezeichnet und behandelt,
wurde daher als nationaler Einigungskrieg von Washington aus
geführt. Von Umpfang, Dauer und Ausmaß des zögernd
anlaufenden Bürgerkrieges hatte man in Washington ebensowenig
eine konkrete Vorstellung wie in Richmond. Die treibende Kraft
zur Trennung ging ausschließlich von den Südstaaten
aus, an der Spitze Südkarolina, das mit seiner Nullifikationstheorie
schon dreißig Jahre vorher die Trennung angedroht hatte.
Zwangsläufig erfolgte auch der erste gewaltsame Schritt,
die Trennung durchzusetzen,
durch die Südstaaten mit der Wegnahme des Forts Sumter
im April 1861.
Der Norden war ebenso entschieden gegen die Trennung, wie die
genannten Südstaaten dafür; dabei ist freilich nicht
zu übersehen, daß es auch in den die Trennung betreibenden
Südstaaten eine nicht geringe Minderheit von Unionisten
gab. Für das Kräfteverhältnis zwischen Nord und
Süd war die Haltung der sklavenhaltenden Grenzstaaten Missouri,
Maryland, Delaware, Kentucky und West-Virginia maßgebend.
Es glückte den Sezessionisten nicht, die Grenzstaaten für
sich zu gewinnen;
dieser Mißerfolg war mit entscheidend für den Ausgang
des Bürgerkrieges.
Sowohl
die alte Administration unter Buchanan wie die neue unter Lincoln
machte verschiedene Kompromißversuche, die jedoch an dem
entschiedenen Willen der Sezessionisten scheiterten. So war
auch die große Geschäftswelt des Nordens gegen Trennung
und Bürgerkrieg. Sie fürchtete den Verlust von 150
Millionen Dollar langfristiger Anleihen an die Südstaaten
und einen starken Rückgang der geschäftlichen Beziehungen,
die sich seit vielen Jahren vorteilhaft entwickelt hatten.
Die in den letzten Jahren von südstaatlichen Extremisten
häufig und zu häufig ausgesprochene Drohung mit der
Trennung nahm man im Norden daher nicht mehr ganz ernst. Auch
Staatssekretär W. Seward, Lincoln's Außenminister,
war gegen Trennung und Bürgerkrieg und befürwortete
den Crittenden-Kompromiß.
Seine nach außen drohende und kriegerische Haltung gründete
sich auf die Hoffnung, durch einen Krieg gegen England und Frankreich
oder auch Spanien die Nation einigen und die Trennung auf diese
Weise außenpolitisch ventilieren und überwinden zu
können.
Seine angriffslustige Außenpolitik im Jahre 1861 ist nur
von dieser Überlegung her, nämlich Trennung und Bürgerkrieg
vermeiden zu können, verständlich.
Später, als das Kriegsglück sich den Nordstaaten zuwandte,
wuchs dadurch sein Selbstbewußtsein als leidenschaftlicher
Verfechter der Union und ihrer Weltmachtsendung.
Die
Konföderation umfaßte bei ihrer Entstehung sieben
Staaten, zu denen im Laufe der ersten Jahreshälfte 1861
noch vier weitere Sklavenstaaten traten, nämlich Virginia,
North Carolina, Tennessee und Arkansas. Sie zählte auf
ihrem aus elf Staaten bestehenden Gebiet zehn Millionen Einwohner,
davon 3.500.000 Negersklaven.
23
Staaten blieben der Union treu

Sie
waren sowohl der Fläche wie der Einwohnerzahl nach den
Südstaaten weit überlegen; dazu kam ihr erdrückendes
materielles Übergewicht durch die Konzentration der Industrie,
der Rohstoffe und der Schiffswerften in ihrem Machtbereich.
So erzeugten die USA im Jahre 1860 nahezu eine Million t Roheisen;
davon entfielen auf den Süden lediglich 36 790 t.
Der Präsident der Konföderation berief bereits am
6. März 1861, drei Wochen nach ihrer Entstehung (18. 2.
1861) ein Freiwilligenheer von 100.000 Mann mit einjähriger
Dienstzeit ein. Dadurch gewannen die Südstaaten in der
militärischen Organisation und Vorbereitung einen gewissen
zeitlichen Vorsprung vor den Nordstaaten.
Die Aufrechterhaltung der Forts der Washingtoner Regierung auf
dem Gebiet der Konföderation wurde von den Sezessionisten
als kriegsähnlicher Akt betrachtet;
sie strebten daher danach, sich der Forts, vor allem auch der
Arsenale, zu bemächtigen.

Fort Sumter
So
ergab es sich, daß die erste Kriegshandlung von seiten
der Konföderierten erfolgte: sie griffen das Fort Sumter
an,
das am 14. April 1861 unter ehrenvollen Bedingungen kapitulierte.
Präsident Lincoln erließ daher am Tage nach der Einnahme
des Forts durch die Sezessionisten einen Aufruf, in dem er die
sieben Südstaaten der Auflehnung gegen die Gesetze der
USA bezichtigte.
Gleichzeitig rief er 75 000 Milizmänner für drei Monate
unter Waffen in der Annahme, die „Rebellion“ rasch
niederschlagen zu können. Die loyalen Staaten genehmigten
ihm 100.000 Mann. Am 19. April verhängte der Präsident
der Nordstaaten die Blockade über die gesamte Küste
von Südkarolina bis nach Texas, die jedoch in Anbetracht
einer fehlenden Kriegsflotte zunächst nur auf dem Papier
bestand. Die Regierung der Südstaaten beantwortete die
Verhängung der Blockade mit der Ausstellung von Kaperbriefen.
Die Washingtoner Regierung erwiderte diese Maßnahme der
Konföderierten mit der Erklärung, sie werde alle Kaperschiffe
als Piratenschiffe behandeln, und verkündete später
noch eine Blockade der südstaatlichen Häfen.
Die
Beschlagnahme der Arsenale auf ihrem Gebiet half den Konföderierten
aus der ersten militärischen Verlegenheit, nämlich
dem katastrophalen Mangel an Waffen, Munition und Ausrüstung.
Der Verlust der Washingtoner Regierung an militärischem
Gut durch die Inbesitznahme der Arsenale von seiten der Sezessionisten
noch in der auslaufenden Amtszeit des Präsidenten Buchanan
wurde auf dreißig Millionen Dollar geschätzt. Besonders
empfindlich traf die Nordstaaten die Wegnahme der Marinewerft
von Norfolk, der größten Werft der USA, unmittelbar
nach der Einnahme von Fort Sumter durch die Konföderierten.

Die absichtliche Zerstörung der Werftanlagen
und Arsenale von Norfolk
Norfolk, in Virginia gelegen, fiel in die Hände der Südstaatler,
weil Virginia, wenige Tage nach dem Fall von Fort Sumter, sich
der Konföderation anschloß.
Der Versuch, die Hafenanlagen und das Arsenal vor der Übergabe
noch zu vernichten, glückte nur teilweise. So fiel den
Konföderierten dort das größte Depot an modernen
Geschützen in die Hände. Waren die Südstaaten
zahlenmäßig und materiell auch weit unterlegen, so
hatten sie anfangs doch einen gewissen militärischen Vorteil
durch ihre Initiative und die bessere militärische Führung.
Doch ließen sie die Gelegenheit, Washington kampflos zu
besetzen, ungenutzt vorübergehen, weil ihre Führer
noch auf eine friedliche Trennung hofften.
Ihr bedeutendster militärischer Führer, General Robert
Lee, die hervorragendste soldatische Persönlichkeit des
Bürgerkrieges überhaupt, hatte auch noch zu starke
menschliche Hemmungen, gegen seine früheren Freunde von
Westpoint, die auf der Gegenseite standen, mit einem energischen
Angriff vorzugehen.
Die USA
hatten zu diesem Zeitpunkt nur eine kleine Armee, deren Hauptaufgabe
der Schutz der weißen Siedler im „Wilden Westen“
gegen indianische Überfälle war.
Sie hatte am 30. Juni 1860 eine Effektivstärke von 1080
Offizieren und knapp 15 000 Mann und bestand aus zehn Regimentern
Infanterie, vier Regimentern Artillerie,
zwei Regimentern Kavallerie, zwei Regimentern Dragonern und
einem Regiment berittener Schützen. Von 198 Linienkompanien
waren 183 auf 79 isolierten Posten
in den Territorien verstreut, die übrigen fünfzehn
standen in Garnisonen entlang der kanadischen Grenze und an
der Atlantikküste.
Von den 1080 Offizieren schieden 286 aus oder wurden entlassen
und traten in den Dienst der Südstaaten; mindestens 26
verletzten ihren Eid.
Von 1824 Westpoint-Graduierten boten 184 ihre Dienste der Konföderation
an. Von 900 Westpoint-Graduierten, die damals im Zivilleben
standen,
kehrten 114 in die Unionsarmee zurück, 99 weitere verpflichteten
sich den Südstaaten. Wichtiger aber als die Zahl war die
hohe Qualität der in die Armee
der Konföderierten eintretenden Offiziere; viele waren
Regimentskommandeure und standen auf der Abteilungsleiter-Ebene.
Die bedeutendste militärische Führerpersönlichkeit
des Bürgerkrieges war, wie schon erwähnt, General
Robert Lee, Oberbefehlshaber der Virginia-Armee der Südstaaten.
Die Spitzenstärke
der Streitkräfte war bei den Nordstaaten rund eine Million,
bei den Südstaaten etwa 600.000 Mann; insgesamt dienten
in der Unionsarmee rund
2.100.000, in der konföderierten Armee etwa 800 bis 900.000
Mann. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges waren die beiderseitigen
Streitkräfte annähernd gleich stark.
Es war jedoch nur eine Frage der Zeit, wann die zahlenmäßige
Überlegenheit der Nordstaaten sich auch auf dem Schlachtfeld
auszuwirken begann.
Beginn und Ablauf der militärischen Ereignisse wurden wesentlich
von der im ersten Kriegsjahr auf beiden Seiten herrschenden
allgemeinen Ansicht
von einer kurzen Dauer des Bürgerkrieges maßgeblich
beeinflußt.

Schematische Darstellung der Gebietsverluste
der Konföderation
(Die Eroberung einiger Hafenstädte ist auf dieser Karte
nicht berücksichtigt.)
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