Quellennachweis
der Texte:
Zustand der USA bei Ausbruch des Bürgerkrieges
Die
Vereinigten Staaten umfaßten nach dem Beitritt von Kansas
in die Union im Januar 1861 34 Staaten mit einer Gesamtbevölkerung
von 31 443 321 Einwohnern, davon 3 500 000 Negersklaven. Sie
übertrafen bereits zu diesem Zeitpunkt nicht nur flächen-,
sondern auch bevölkerungsmäßig jeden europäischen
Großstaat, mit Ausnahme Rußlands. Die europäischen
Einwanderer, die das neue Gemeinwesen gegründet hatten
und durch ständigen Zuzug stark vermehrten, entwickelten
sich zu einer lebenskräftigen Nation amerikanischer Prägung
(„Yankee" seit 1683). So
wurde Amerika eine Zuflucht der Armen und Unterdrückten,
aber auch Betätigungsfeld für Abenteurer, Freibeuter
und Glückssucher, „das Land der unbegrenzten Möglichkeiten"
für alle, die die Brücken zur alten Heimat abbrechen
und zu einem neuen Leben schlagen wollten. Unbelastet von altem
Herkommen und überlieferten Gebräuchen, getrieben
vom Zwang zum Überleben in der Wildnis um jeden Preis,
entwickelten die Bewohner der Neu-Englandstaaten einen praktischen
Sinn für alles Nützliche und Brauchbare in ihrem harten
Lebenskampf. Das machte sie für Technik und Industrie besonders
aufgeschlossen. Da
es in Amerika keine traditionellen Hemmungen bei der Entfaltung
des neuen Lebensstils gab, schoben sich die Yankees ohne große
Hindernisse in den nächsten Generationen an die Spitze
als Industrienation. Viele in Europa gemachte Erfindungen wurden
in Nordamerika aufgegriffen und zuerst praktisch ausgewertet.
Die Stärke der Amerikaner lag von Anfang an in der angewandten
Wissenschaft.
Der
im Jahre 1850 gegründete deutschösterreichische Telegrafenverein
übernahm den Morse-Apparat und führte ihn allgemein
ein. Die Engländer Wheatstone und Cooke verbesserten den
Nadeltelegrafen und bauten bereits 1840 eine 62 km lange Linie
entlang der Great Western Bahn in Kanada. David Hughes, aus
England in die USA eingewandert, schuf 1855 den Typendrucktelegraf;
er wurde 1856 zwischen Worchester und Springfield (Mass.) erstmals
in Betrieb genommen. Zwischen
1830-1850 wuchs die Bevölkerung der USA von knapp 13 Millionen
auf mehr als 23 Millionen an. Außer dem natürlichen
Zuwachs spielte die starke Einwanderung aus Europa eine große
Rolle, besonders aus Irland und Deutschland, aus letzterem vor
allem in Auswirkung der gescheiterten Revolution von 1848. Die Industrielle Revolution hatte in England auf dem Gebiet der Produktionstechnik mit der Erfindung und Benutzung der Dampfmaschine und mit der Entwicklung der Textilindustrie durch die Spinnmaschine und den mechanischen Webstuhl begonnen. Bereits 1790 führte ein britischer Baumwollspinner namens Samuel Slater, der nach den USA auswanderte, das in der englischen Wirtschaft begründete Fabriksystem ein, indem er in Rhode Island die Spinnmaschine Arkwrights in verbesserter Form nachbaute. Hand in Hand damit vollzog sich in den USA die Umwälzung in der Landwirtschaft, die bis 1860 das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft bildete. Die Entfaltung der Industriellen Revolution in den USA stand daher zunächst im Dienste der Mechanisierung der Landwirtschaft.
Eli Whitney, ein Yankee, erfand 1793 die Baumwollentkörnungsmaschine und begründete damit das „Baumwoll-Königreich” („Cotton Kingdom“); sie erst machte die Baumwolle zum billigsten Rohstoff für Bekleidung und revolutionierte die Wirtschaft in den Südstaaten zur Baumwoll-Monokultur. Whitney begründete auch die Massenerzeugung bei der Herstellung von Schußwaffen, indem er, zuerst 1798, austauschbare Einzelteile zum Zusammensetzen und zur Ergänzung und Ausbesserung fertigen ließ. Diese Arbeitsteilung wurde dann auch auf andere Fertigungsvorgänge übertragen und zur wichtigsten Grundlage der Erzeugung von Massengütern am Fließband. In
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog sich in
den USA bereits die technische Revolution in der Landwirtschaft,
die, wie oben ausgeführt, schon um die Jahrhundertwende
mit der Baumwollentkörnungsmaschine begonnen hatte. Um
dieselbe Zeit erfand Oliver Evans (1755-1819) eine mechanische
Mühle für Getreideverarbeitung, eine Art Fließband,
mittels dessen das Korn-Mahlen und Mehlerzeugen durchgeführt
werden konnte. Bei der Herstellung der Pflüge ging man
vom Holz zum Gußeisen und dann zum Stahl als Rohstoff
über, vom Ochsen- zum Pferdezug; 1856 lief der erste Dampfpflug.
1858 stellte eine einzige Fabrik 13000 Stahlpflüge her.
Nicht weniger wichtig war die Erfindung der Dreschmaschine, die ein Schotte, Andrew Meikle, zu Beginn des Jahrhunderts gebaut hatte. Von England wurde sie in die USA eingeführt, dort weiter verbessert und fabrikmäßig hergestellt (Pitt-Dreschmaschine 1836). Auch in der Milchwirtschaft setzte schon vor dem Bürgerkrieg die fabrikmäßige Herstellung von Butter, Käse, Speiseeis und Dosenmilch ein. In den fünfziger Jahren war die Landwirtschaft noch die Grundindustrie, der Übergang von der handbetriebenen zur maschinellen Arbeitsweise war bereits vollzogen. Die Farmen im Norden von einer Durchschnittsgröße von 100-150 ha bildeten die Hälfte des Volksvermögens. Achtzig Prozent der Bevölkerung lebten auf dem Lande; Landwirtschaft und Verkehr beschäftigten die meisten Menschen. Die Mechanisierung des landwirtschaftlichen Betriebes im Norden trug wesentlich zum Sieg der Nordstaaten bei, denn die Arbeitskräfte sparenden Maschinen ermöglichten es, die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zum Militär einzuziehen, während im Süden viele Soldaten desertierten, wenn es galt, die Ernte einzubringen. Kriegsminister Stanton erklärte nach Beendigung des Bürgerkrieges, „daß die Mc Cormick-Erntemaschine den Krieg gewonnen hätte, da sie die Landarbeiter für den Dienst in der Nordarmee freigesetzt hat". In den fünfziger Jahren kam auch die Kalk- und Phosphatdüngung auf, ebenso die fabrikmäßige Herstellung von Kunstdünger. Maschinelle Verpackung der Waren wie das Warenhaus selbst sind ebenfalls Kinder dieses Jahrzehnts. Die Kennzeichen der modernen industriellen Lebensweise, Massenhaftigkeit, Geschwindigkeit und Gleichförmigkeit in der Warenerzeugung und im Warenvertrieb sowie die Fließbandarbeit waren also um die Jahrhundertmitte in den USA bereits in voller Entwicklung begriffen. Seit den dreißiger Jahren waren die wichtigsten Industrieerzeugnisse des Nordens die Textilien Neu-Englands, die Eisenwaren Pennsylvaniens, die Uhren und Feuerwaffen von Connecticut. Dort entstanden auch die großen Vermögen. Zentrum der Eisen- und Stahlindustrie wurde Pittsburg.
Erfindungen
wurden in jeder Hinsicht gefördert: 1835 wurden der Colt-Revolver,
1846 die Nähmaschine von Elias Howe patentiert, 1844 baute
Robert Hoe die erste Zylinderpresse Amerikas, nachdem die Londoner
„Times“ seit 1814 die deutsche Erfindung des
Zylinderdrucks übernommen hatte. Samuel Colt gründete
in den frühen fünfziger Jahren in Hartfort eine der
größten Waffenfabriken der Erde. Die New Yorker Zeitung
„Sun“ hatte um 1830 mit 38 000 Stück täglich
die höchste Auflagenziffer der Welt. Die Presse wurde der
wichtigste Lese- und Bildungsstoff für den Durchschnittsamerikaner
und übt daher in den USA eine kaum überschätzbare
Macht aus, die erst im zwanzigsten Jahrhundert in Film, Rundfunk
und Fernsehen ernsthafte Konkurrenten bei der Massenbeeinflussung
und ihrer Lenkung fand. Bei
Ausbruch des Bürgerkrieges waren die USA nach England,
dem Mutterland der Industriellen Revolution, die technisch und
industriell am weitesten entwickelte Nation der Welt. Diese
Tatsache bestimmte den Gang der Ereignisse im Sezessionskrieg
und seinen Ausgang, weil der technisch-industrielle Schwerpunkt
im Norden lag. Chicago war 1860 nicht nur der größte
Getreidemarkt der Welt, sondern auch der bedeutendste Eisenbahnknotenpunkt
des Westens mit fünfzehn Eisenbahnlinien und täglich
einhundert Zügen. Die Gummi-Industrie zählte um 1860
bereits 60 000 Beschäftigte. 1859 erfolgte die erste erfolgreiche
Ölbohrung in Pennsylvanien. Für
Allgemein- und insbesondere naturwissenschaftlichtechnische
Bildung wurde in den USA viel getan: die Library of Congress
trat 1800 ins Leben, 1824 errichtete man in Troy eine Schule
für Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften (Renselaer
Polytechnic Institute), 1843 ein Observatorium in Cincinnati.
Mitten im Bürgerkrieg beschloß der Kongreß in Washington ein Gesetz zur Gründung einer Akademie der Wissenschaften (National Academy of Science), das Präsident Lincoln am 3. März 1863 unterzeichnete. Der industrielle Schwerpunkt der Union lag eindeutig im Norden; dort befanden sich auch die Waffenfabriken, die Arsenale mit den neuen Waffen und die Pulverfabriken. Dem Süden fehlten außerdem eine Handels- wie eine Kriegsflotte, um Handel zu treiben und ihn zu schützen, darüber hinaus fast alle kriegswirtschaftlichen und rüstungsmäßigen Voraussetzungen für einen Krieg.
Präsident Davis, ein Absolvent der 1802 in West Point gegründeten Militärakademie, war in den fünfziger Jahren Kriegsminister und zweimaliger Vorsitzender des Militärausschusses in Washington gewesen. Er wußte daher wie kaum ein zweiter im Süden, daß die Konföderation keine Möglichkeiten hatte, sich auf militärischem Wege durchzusetzen. Er wie seine Mitarbeiter hofften, sich durch die Abtrennung und Konsolidierung der Südstaaten politisch behaupten zu können, während die Nordstaaten gezwungen waren, die Union durch militärische Eroberung wiederherzustellen. Der
Norden mußte daher einen Eroberungskrieg mit dem Ziele
der Unterwerfung der Südstaaten führen, der Süden
kämpfte für das Recht der Selbstregierung und Selbstbestimmung
der Einzelstaaten. Die Führung der Südstaaten setzte
ihre größte Hoffnung auf die Unterstützung durch
die europäischen Westmächte, Großbritannien
und Frankreich, in deren Interesse es nach ihrer Ansicht lag,
die Union zu spalten und dadurch die von ihr ausgehende handels-
und machtpolitische Bedrohung zu beseitigen.
Auf der anderen Seite war der neue Präsident der Union, Repräsentant der republikanischen Antisklavereipartei, vom ersten Augenblick an entschlossen, die Union um jeden Preis, ob mit oder ohne Sklaverei, zu bewahren. Mit dieser Entschlossenheit hatten die Sezessionisten nicht gerechnet. Präsident Lincoln war wohl kein Abolitionist, aber ein entschiedener Gegner der Ausbreitung der Sklaverei in die neu erworbenen Gebiete (Territorien). Für ihn stand von Anfang an die Wahrung der nationalen Einheit an der Spitze aller Überlegungen und Handlungen. Von seiner Warte aus ging es um die Erhaltung der Union, der nationalstaatlichen Einheit, für ihn war das Recht der Union heilig und unantastbar und stand über den Rechten der Einzelstaaten. Die Sklavereifrage war für ihn eine zweitrangige Angelegenheit. Wenn er die Union mit der Sklaverei hätte erhalten können, so hätte er davor nicht zurückgescheut. Da er sie nur gegen die Sklaverei wiederherstellen konnte, handelte er sinngemäß. Der
Krieg gegen die Sezession, von der Washingtoner Regierung grundsätzlich
nur als „Rebellion“ betrachtet, bezeichnet und behandelt,
wurde daher als nationaler Einigungskrieg von Washington aus
geführt. Von Umpfang, Dauer und Ausmaß des zögernd
anlaufenden Bürgerkrieges hatte man in Washington ebensowenig
eine konkrete Vorstellung wie in Richmond. Die treibende Kraft
zur Trennung ging ausschließlich von den Südstaaten
aus, an der Spitze Südkarolina, das mit seiner Nullifikationstheorie
schon dreißig Jahre vorher die Trennung angedroht hatte.
Zwangsläufig erfolgte auch der erste gewaltsame Schritt,
die Trennung durchzusetzen, durch die Südstaaten mit der
Wegnahme des Forts Sumter im April 1861. Sowohl
die alte Administration unter Buchanan wie die neue unter Lincoln
machte verschiedene Kompromißversuche, die jedoch an dem
entschiedenen Willen der Sezessionisten scheiterten. So war
auch die große Geschäftswelt des Nordens gegen Trennung
und Bürgerkrieg. Sie fürchtete den Verlust von 150
Millionen Dollar langfristiger Anleihen an die Südstaaten
und einen starken Rückgang der geschäftlichen Beziehungen,
die sich seit vielen Jahren vorteilhaft entwickelt hatten. Die
in den letzten Jahren von südstaatlichen Extremisten häufig
und zu häufig ausgesprochene Drohung mit der Trennung nahm
man im Norden daher nicht mehr ganz ernst.
Die
Konföderation umfaßte bei ihrer Entstehung sieben
Staaten, zu denen im Laufe der ersten Jahreshälfte 1861
noch vier weitere Sklavenstaaten traten, nämlich Virginia,
North Carolina, Tennessee und Arkansas. Sie zählte auf
ihrem aus elf Staaten bestehenden Gebiet zehn Millionen Einwohner,
davon 3 500 000 Negersklaven. 23 Staaten blieben der Union treu
So ergab es sich, daß die erste Kriegshandlung von seiten der Konföderierten erfolgte: sie griffen das Fort Sumter an, das am 14. April 1861 unter ehrenvollen Bedingungen kapitulierte. Präsident Lincoln erließ daher am Tage nach der Einnahme des Forts durch die Sezessionisten einen Aufruf, in dem er die sieben Südstaaten der Auflehnung gegen die Gesetze der USA bezichtigte. Gleichzeitig rief er 75 000 Milizmänner für drei Monate unter Waffen in der Annahme, die „Rebellion“ rasch niederschlagen zu können. Die loyalen Staaten genehmigten ihm 100 000 Mann. Am 19. April verhängte der Präsident der Nordstaaten die Blockade über die gesamte Küste von Südkarolina bis nach Texas, die jedoch in Anbetracht einer fehlenden Kriegsflotte zunächst nur auf dem Papier bestand. Die Regierung der Südstaaten beantwortete die Verhängung der Blockade mit der Ausstellung von Kaperbriefen. Die Washingtoner Regierung erwiderte diese Maßnahme der Konföderierten mit der Erklärung, sie werde alle Kaperschiffe als Piratenschiffe behandeln, und verkündete später noch eine Blockade der südstaatlichen Häfen. Die Beschlagnahme der Arsenale auf ihrem Gebiet half den Konföderierten aus der ersten militärischen Verlegenheit, nämlich dem katastrophalen Mangel an Waffen, Munition und Ausrüstung. Der Verlust der Washingtoner Regierung an militärischem Gut durch die Inbesitznahme der Arsenale von seiten der Sezessionisten noch in der auslaufenden Amtszeit des Präsidenten Buchanan wurde auf dreißig Millionen Dollar geschätzt. Besonders empfindlich traf die Nordstaaten die Wegnahme der Marinewerft von Norfolk, der größten Werft der USA, unmittelbar nach der Einnahme von Fort Sumter durch die Konföderierten.
Norfolk,
in Virginia gelegen, fiel in die Hände der Südstaatler,
weil Virginia, wenige Tage nach dem Fall von Fort Sumter, sich
der Konföderation anschloß. Der Versuch, die Hafenanlagen
und das Arsenal vor der Übergabe noch zu vernichten, glückte
nur teilweise. So fiel den Konföderierten dort das größte
Depot an modernen Geschützen in die Hände. Waren die
Südstaaten zahlenmäßig und materiell auch weit
unterlegen, so hatten sie anfangs doch einen gewissen militärischen
Vorteil durch ihre Initiative und die bessere militärische
Führung. Die
USA hatten zu diesem Zeitpunkt nur eine kleine Armee, deren
Hauptaufgabe der Schutz der weißen Siedler im „Wilden
Westen“ gegen indianische Überfälle war. Sie
hatte am 30. Juni 1860 eine Effektivstärke von 1080 Offizieren
und knapp 15 000 Mann und bestand aus zehn Regimentern Infanterie,
vier Regimentern Artillerie, zwei Regimentern Kavallerie, zwei
Regimentern Dragonern und einem Regiment berittener Schützen.
Von 198 Linienkompanien waren 183 auf 79 isolierten Posten in
den Territorien verstreut, die übrigen fünfzehn standen
in Garnisonen entlang der kanadischen Grenze und an der Atlantikküste.
Die
Spitzenstärke der Streitkräfte war bei den Nordstaaten
rund eine Million, bei den Südstaaten etwa 600 000 Mann;
insgesamt dienten in der Unionsarmee rund
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