Mit freundlicher Unterstützung:
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweise:
•Amerikanische Revolver & Pistolen• Dominique Venner, Philippe Fossat, und Rudy Holst
•Revolver & Pistolen• Jean-Noel Mouret,
R. L. Wilson •COLT Eine Amerikanische Legende•
David Miller •Das Große Buch der Handwaffen•
Vladimir Dolínek •Lexikon der Handfeuerwaffen•

Andere Waffen


WAFFEN FÜR DEN SPIELTISCH

In den während des Goldrauschs oder der Zeit der großen Rindertransporte an den Endstationen der Eisenbahnlinien neu entstehenden Städten gehören Saloons und Spielhöllen zu den ersten Etablissements, die ihre Pforten öffnen.
Nach wochenlangem Aufenthalt in den Bergen auf der Suche nach Gold oder monatelangem Ritt durch die Prärie, um riesige Herden von wildlebenden Rindern zu treiben, lechzen die Goldsucher und Cowboys nach Abwechslung, Frauen, Whisky und dem Glücksspiel.
Das Geld sitzt ihnen locker in der Tasche, und so zieht es ganze Scharen von Croupiers, Pokerspielern und leichten Mädchen aus Kansas City oder New Orleans hierher.

In den Saloons herrscht allabendlich Hochstimmung.
Nach einem Besuch beim Friseur und im Badehaus und frischgewandet mit den im General Store erstandenen Kleidungsstücken halten die Cowboys und Goldgräber Einzug im Saloon, wo sie sich an den Spieltischen niederlassen.

Gelegentlich sind auch Sheriffs am Spieltisch zu Hause, wie beispielsweise Bat Masterson oder Wyatt Earp. Und wenn man einem solchen begegnet, braucht man schon ein feines Gespür, um zu erahnen, ob einem im Augenblick nun der Falschspieler oder der Vertreter von Recht und Gesetz gegenübersitzt.

Der Falschspieler -
und auch die eine oder andere Falschspielerin - ist eine ebenso unverzichtbare Figur in der Legende des Westens wie Cowboys, Indianer, Sheriffs und Gesetzlose. Pokerrunden, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht, enden gelegentlich in einer Wolke von Schwarzpulver, und niemand setzt sich an den Spieltisch, ohne heimlich eine kleine Waffe im Achselhalfter, im Gürtel oder in der Handtasche zu tragen. Kompakte, einschüssige Pistolen - die sogenannten Derringers - sind selbst nach dem Auftauchen der ersten preiswerten Kleinrevolver noch lange Zeit hoch im Kurs, da letztere nicht so gut zu verstecken sind. Doch woher die Bezeichnung Derringer? Nun, in den Vereinigten Staaten hat sich dieser Name im allgemeinen Sprachgebrauch für kleine Taschenpistolen durchgesetzt.

Der Hersteller der echten Derringers, Henry Derringer (1786-1868), ist Büchsenmacher in Philadelphia, Pennsylvania, und hat sich mit prachtvollen kleinen, einschüssigen Vorderlader-Taschenpistolen mit Perkussionsschloß im Kaliber .41 oder .44 einen Ruf geschaffen. Diese Waffen sind bemerkenswert gut verarbeitet und bestechen durch die Ausgewogenheit ihrer Proportionen.

Mit einem echten Derringer erschießt der Schauspieler John Wilkes Booth im Washingtoner Ford Theater am 14. April 1865 Präsident Lincoln, um die Niederlage der Konföderation zu rächen. Bei Berufsspielern und Damen von zweifelhaftem Ruf müssen sich die Derringers gegenüber der Konkurrenz von kleinkalibrigen Taschenrevolvern behaupten wie die Colt New Line-Modelle, die den Vorteil haben, daß man damit mehrere Schüsse hintereinander abfeuern kann; ihr Nachteil ist, daß sie nur schwache, kleinkalibrige Patronen aufnehmen. Ende der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, als die Metallpatronen erstmals von sich reden machen, haben viele Hersteller ungewöhnliche Taschenpistolen in ihrem Angebot, deren Aussehen und Funktionsweise uns bisweilen staunen lassen.

 


Chuchu Pistol, Double Action.
Kaliber: .22 (Randfeuer). Vierschüssig. um 1870.
Für den Ladevorgang kippbare Läufe. Weiterdrehender Schlagbolzen. 1 3/4-Zoll-Lauf.

 

 

 

 

 


Palm Pistol »The Protector«,

von 1891 bis 1892 bei der Minneapolis Firearms Co. hergestellt. Gesamtstückzahl: einige tausend.
Durch Handballendruck ausgelöste Double-Action-Mechanik. Kaliber: .32 (Randfeuer).
Weiterdrehende Kammern. Runder 1 3/4-Zoll-Lauf.

Die kleine Pistole, die beim Schießen in der Hand versteckt gehalten wird (mit dem Lauf zwischen Zeigefinger und Mittelfinger, die sich auf Vorsprünge am Gehäuse stützen), wurde 1882 von J. E. Turbiaux konstruiert. Die rechte Gehäusewand kann man abschrauben und danach das radförmige Magazin mit 10 Patronenkammern herausnehmen (es existiert auch eine 8-mm-Variante mit 7 Patronen). Nach Betätigen des Drückers mit der Handinnenfläche dreht sich das Magazin um eine Position weiter und der in der Waffenmitte befindliche Schlagbolzen feuert die Patrone aus der vorderen Kammer ab. Am Pistolengehäuse befindet sich eine Schiebesicherung, die den Drücker blockiert.

 

 

 

 

 


Unique Palm Pistol,
von 1907 bis 1915 bei der Shattuck Arms Co. in Hatfield (Massachusetts) hergestellt. Gesamtstückzahl: einige tausend. Durch Handballendruck ausgelöste Double-Action-Mechanik. Kaliber: .32 (Randfeuer). Vierschüssig. Aufsteigende Kammern.
Runder 1 1/2-Zoll-Lauf.

 

 

 

 

 

 

Wie viele andere große Hersteller hat auch Remington einige Taschenpistolen im Programm, um dem steigenden Bedarf an handlichen, leicht unter der Kleidung zu verbergenden Verteidigungswaffen gerecht zu werden.

Der zwischen 1863 und 1888 in zwei Kalibergrößen (.22 und .32) mit unterschiedlichen Eigenschaften (fünf Läufe im Kaliber .22 und vier im Kaliber .32) hergestellten Waffe ist ein gewisser ser Erfolg beschieden. Die Gesamtstückzahl dürfte etwa 25000 erreicht haben. Es handelt sich hier nicht um eine »Pepperbox«, denn die Läufe sind fest montiert. Ihre Kammern werden nacheinander durch einen Schlagbolzen gezündet, der mit Hilfe eines ausschließlich nach dem Double-Action-Prinzip funktionierenden Abzugs weitergedreht wird. Andere Hersteller setzen weiterhin auf einschüssige Derringers wie den von Williamson, der zwar eigentlich für .41er Randfeuerpatronen konzipiert ist, jedoch mit einem Adapter versehen auch wie eine »alte« Vorderlader Perkussionspistole verwendet werden kann.

 

 


Remington Rider,
von 1871 bis 1888 hergestellt. Gesamtstückzahl: ca. 10000. Single-Action-Repetiermechanik. Kaliber: .32 (Randfeuer). Fünfschüssig. Röhrenmagazin unter dem Lauf. Patronenzuführer neben dem Hahn. Achteckiger 3-Zoll-Lauf.

 

 

 

 



Williamson Single Shot Derringer, von 1866 bis 1870 hergestellt. Gesamtstückzahl: 3000. Single Action, Perkussion. Kaliber: .41 Randfeuer. Zum Laden vorziehbarer Lauf.
Runder 2 1/2 Zoll-Lauf.

 

 

 

 

 


Remington-Elliot Derringer, von 1863 bis 1888 hergestellt. Gesamtstückzahl: 25000. Double Action. Kaliber. .32 (Perkussion). Vier feststehende Läufe, weiterdrehender Schlagbolzen. Mexikanischer Abzug. Zwei 3 3/8-Zoll-Läufe.






 

 

Am 12. Dezember 1865 wird mit dem Remington Double Derringer eine kleine, sehr kompakte und aggressiv wirkende, zweischüssige Taschenpistole patentiert.
Sie soll siebzig Jahre lang mit unverändertem Kaliber produziert werden.

Sie wird mit zwei Randfeuerpatronen im Kaliber .41 short geladen.
Die 8,4 g schwere Bleikugel erreicht mit der Ladung von 0,8 g Schwarzpulver eine Mündungsgeschwindigkeit von 210 m/s. Das ist nicht schlecht!
Zentrales Element der Waffe sind die beiden kurzen, übereinander angeordneten 3-Zoll-Läufe (over and under),
die sich zum Laden und Auswerfen der verfeuerten Patronen an einem Scharnier nach oben kippen lassen.
Die Mechanik funktioniert nach dem Single-Action Prinzip, wobei der Hahn manuell gespannt wird.
Der Derringer besitztzwei Schlagbolzen, die wechselseitig den oberen bzw. unteren Lauf zünden.
Die Waffe wird über einen mexikanischen Abzug ohne Bügel ausgelöst.
Das Laufpaar wird durch einen Hebel an der rechten Rahmenseite ver- und entriegelt.

Der Remington Double Derringer läßt keine Wünsche offen. Er ist handlich und leicht in der Westen- oder Handtasche zu verstecken und gilt zu seiner Zeit bis zur Entwicklung der kleinformatigen, selbstladenden Taschenpistolen als die Selbstverteidigungswaffe schlechthin.

Remington Double Derringer
Remington Double Derringer, von 1866 bis 1935 hergestellt. Gesamtstückzahl: 150000. Single Action. Kaliber:.41 (Randfeuer). Zwei übereinander angeordnete Läufe (zweischüssig). Vernickelt, Griffschalen aus Perlmutt. Mexikanischer Abzug.
Runde 3-Zoll Läufe.

 

 

 

 

 

 

Remington Double Derringer.

Wie oben, nur Brüniertes Modell. Griffschalen aus Hartgummi.

 

 

 

 

 

 

Colt Baby Paterson

Die Nr. 1 oder der Baby Paterson,

Einführungsmodell des Colt-Revolvers, Anfang 1837. Kaliber .28 mit ungewöhnlich kurzem Lauf von 1 3/4 Zoll. Die feine Art der Gravur, die Silberband-Einlagen und die Griffschalen aus Perlmutt waren extra dazu ausersehen, den Winzling herauszuputzen. Colt verband mit dem Baby die Absicht, Militäroffizieren und den im Transportwesen Beschäftigten einen Revolver in Derringer-Größe zu liefern, den man diskret verbergen konnte.







 

Die kleinen, einschüssigen Derringer´s gehören zu den ersten Colt-Waffen, die für Metallpatronen ausgelegt sind. Anstatt aber eine eigene derartige Serie herauszubringen, übernimmt die Firma 1870 die National Arms Co., die hervorragende kleine Derringers im Programm hat. Die Arbeiter der dortigen Fabrik werden nach Hartford verlegt, um dort die Produktion dieser Waffen unter der Bezeichnung Colt Derringer Nr. 1 und Colt Derringer Nr. 2 fortzuführen. Der Nr. 1 ist ganz aus Metall gefertigt, während der Nr. 2 einen weniger stark gekrümmten, mit Griffschalen aus Holz besetzten Griff aufweist. Zum Laden wird der Lauf seitlich gekippt. 1875 entwirft F. A. Thuer den Colt Derringer Nr. 3 im Kaliber .41 Randfeuer, der sich von den Vorgängermodellen stark unterscheidet. Er hat einen in der Horizontalen kippbaren Lauf.


Colt Derringer Nr. 3, First Type

Colt Derringer Nr. 3, First Type. Single Action. Kaliber: .41 (Randfeuer). Einschüssig.
Mexikanischer Abzug. Runder 2 1/2-Zoll-Lauf.


















Colt Derringer Nr. 2

 

Colt Derringer Nr. 2, von 1870 bis 1890 hergestellt. Gesamtstückzahl: 9'000.
Single Action. Kaliber: .41 (Randfeuer). Einschüssig. Graviert.
Mexikanischer Abzug. Runder 2 1/2-Zoll-Lauf.









Parallel zu ihren Derringers für Metallpatronen bietet die Firma Colt schon bald Taschenrevolver an: die vierschüssige »House pistol« mit »Cloverleaf« (»Kleeblatt«)-Trommel für .41er Randfeuerpatronen und den kleineren Colt »Old line pocket« Single Action für .22er Randfeuerpatronen, der mit seiner siebenschüssigen Trommel ganze 225 Gramm auf die Waage bringt. Dieser entpuppt sich als echtes Erfolgsmodell. Kurz nachdem dieser Revolver auf den Markt kommt, entwickelt William Mason, der früher für Remington gearbeitet hat, im Jahre 1873 eine Familie von Taschenrevolvern, die je nach Kaliber mal mehr, mal weniger handlich sind: den Colt »New Line Pocket«. Sie werden in vier unterschiedlich großen Rahmenvarianten und fünf Kalibern angeboten: .22 Randfeuer (55'343 Exemplare), .30 Randfeuer (11'000), .32 Randfeuer (22'000), .38 Randfeuer (5'500) '' und .41 Randfeuer (7'000).

Colt »Old Line Pocket«


Colt »Old Line Pocket«, von 1870 bis 1877 hergestellt. Gesamtstückzahl: 114'200.
Single Action. Kaliber: .22 (Randfeuer). Siebenschüssige Trommel. Offener Rahmen.
Mexikanischer Abzug. Runder 2 1/2-Zoll-Lauf.

 






Colt »New Line Pocket«

Colt »New Line Pocket«, von 1874 bis 1880 hergestellt. Gesamtstückzahl: 5'500.
Single Action. Kaliber: .38 (Randfeuer). Fünfschüssige Trommel. Geschlossener Rahmen. Mexikanischer Abzug. Runder 3-Zoll-Lauf.

 

 

 

 

Vier der Grundvarianten von Colts Cloverleaf- und House Revolvern.

Oben links der ursprüngliche Cloverleaf mit kannelierter, vierschüssiger Trommel. Die Gravuren und die Elfenbeingriffschalen gehörten nicht zur Standardausführung. Der aus einem einzigen Stahlstück herausgefräste Zündstift traf den Patronenboden. Oben rechts ein seltener Typ mit einem 1 1/2-Zoll-Lauf mit der Prägung »COLT«. Der Hahnsporn hat ein flaches Profil. Die Trommel ist in die Sicherungs-Position gedreht. Dabei treten die Seiten nicht so stark hervor, so daß die Waffe bequemer in der Tasche getragen werden kann. Unten rechts ein weiteres seltenes Exemplar. Der Lauf ist achtkantig, ebenfalls 1 1/2-Zoll lang und mit »COLT« gekennzeichnet. Der Hahnsporn ist aufgerichtet. Alle diese drei Revolver haben versilberte Messingrahmen als Standardoberfläche. Es sind die einzigen vierschüssigen Revolvermodelle, die bei Colt je hergestellt wurden. Unten links ein House Pistol, der den größten Teil der zuletzt produzierten Modelle ausmachte. Die nicht kannelierte Trommel faßt fünf Schuß. Der Lauf ist 2 5/8-Zoll lang. Eine Ausstoßerstange ist nicht vorhanden, die Trommelachse übernimmt diese Funktion. Die Oberfläche ist vernickelt.

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