Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen aus:
Dokumentarfotos der Bibliothek des Kongresses und des U.S. Nationalarchivs
© Jan Boger, Der US-Bürgerkrieg 1861-1865

 

Appomattox

 

 


General Lee unterzeichnet die Kapitulationsbedingungen

 

 

 

Die abgebildete weiße „Fahne“ ist die Hälfte eines Geschirrtuches.
Sie wurde im Namen von General Robert E. Lee von einem Stabsoffizier (Parlamentär) der Konföderierten benutzt,
um bei Appomattox von General Grant die Kapitulationsbedingungen zu erfahren.

Nach dem Krieg überreichte sie General Philip Sheridan der Ehefrau von General Custer in Anerkennung für dessen Verdienste.

 

 

 

 

und danach...
Richmond und Petersburg waren gefallen, die Regierung der Konföderation befand sich auf der Flucht. Nach dem mißlungenen Gegenangriff der Südstaatler gegen Fort Steadman am 25. März 1865, der den Belagerungsring um Petersburg aufbrechen sollte, zog sich Lee aus der Stadt zurück, um sich mit Johnstons Truppen zu vereinigen, die sich vor Sherman in North Carolina zurückzogen. Grant ließ sofort nachsetzen. Bei Five Forks griff Sheridans Kavallerie an; fünf Tage später, am 6. April, wurde Lees Nachhut bei Sayler's Creek gestellt. Die Reste ergaben sich nach verzweifeltem Widerstand. Am 8. April gelang Grant eine weiträumige Umfassung der Armee von Northern Virginia. General Custer überraschte zwei C.S.A. Divisionen bei Appomattox Station und verhinderte, daß General Lee sich dort mit dringend benötigtem Nachschub versorgen konnte.

 

 

 

 

Am nächsten Morgen waren der Rest der einstmals so wichtigen Südstaatenarmee bei Appomattox Court House, einem kleinen Dorf, eingekreist. Mit knapp 50 000 Mann hatte sich Lee aus Petersburg abgesetzt und in den Nachhutgefechten waren über 13 000 Soldaten in Gefangenschaft geraten und mehrere Tausend gefallen.
Um fünf Uhr früh versuchten 1 600 Infanteristen unter General Gordon und die Kavallerie von Fitz Lee noch einen Ausbruch, mußten sich aber nach anfänglichen Erfolgen angesichts bedrohter Flanken zurückziehen.
Gegen acht Uhr wurde Longstreets Nachhut attackiert; Lee - ohne Reserven und eingekreist - nahm die Kapitulationsaufforderung an.
Mit Ausnahme der 2 400 Kavalleristen, die bei Appomattox entkamen, ergaben sich 26 765 Mann der konföderierten Army of Northern Virginia am 9. April 1865.

Der ländliche Ort Appomattox Court House war der Sitz der Kreisbehörden des Appomattox County. Die Kapitulationsverhandlungen fanden nicht, wie häufig angenommen wird, im Gerichtsgebäude (court-house) des Ortes statt, sondern in einem privaten Haus, das Wilmer McLean zur Verfügung gestellt hatte. Als er nach den Verhandlungen nach ein paar Tagen sein Haus betrat, war es leergeräumt, denn alles, was nicht niet- und nagelfest war, hatten Souvenirjäger zur Erinnerung an dieses denkwürdige Ereignis aus dem Haus geschleppt. Er versuchte danach sein Eigentum zurückzubekommen, doch vergebens.
Danach wurde das Haus mehrmals verkauft und 1893 zerlegt, um es bei der Weltausstellung in Chicago wieder aufzubauen. Dieser Plan scheiterte aber aus finanziellen Gründen, so daß die einzelnen Teile im Laufe der nächsten 50 Jahre von Sammlern geplündert wurden.
Ende 1947 begann man eine Rekonstruktion des Hauses, das am 9. April 1949 von Major General U.S. Grant and Robert E. Lee IV als Gedenkstätte eingeweiht wurde.

 

 

Das McLean-Haus, in dem die Kapitulationsverhandlungen geführt wurden

 

 

Fünf Tage später forderte Johnston einen Waffenstillstand, um sich Instruktionen von der konföderierten Regierung einzuholen. Präsident Jefferson Davis war am 2. April aus Richmond geflohen. Am 11. erreichte der Eisenbahnzug North Carolina und passierte Greensboro, wobei er nur knapp der verfolgenden Kavallerie unter General Stoneman entging. Jefferson Davis hoffte den Mississippi zu überqueren, um im dortigen Armee-Department mit den Kräften unter General Kirby Smith und Richard Taylor den Widerstand fortzusetzen.
Am 26. des Monats ergab sich Johnston, am 4. Mai Taylor mit den letzten Truppen östlich des Mississippi. Alle Hoffnungen endeten am 10. Mai, als Jefferson Davis von einem Kavalleriekommando General Wilsons am frühen Morgen gefangengenommen wurde. Davis hatte sich in aller Eile im Halbdunkel versehentlich den Regenmantel seiner Frau angezogen, die ihm fürsorglich ihren Schal gegen die Kälte umgelegt hatte. Als dies bekannt und entsprechend ausgeschmückt wurde, begann sich die Presse darauf zu stürzen, so daß es bald hieß, der Präsident wäre in Frauenkleidern geflüchtet.

 

 

 

 

Kirby Smith kapitulierte am 26. Mai 1865, die Tage der Konföderation waren zu Ende. In den Bergen Virginias hielten die letzten Partisan Ranger noch Wochen nach Appomattox aus, und weigerten sich, die Aufgabe Lees anzuerkennen; ohne offizielles Waffenniederlegen lösten sich die Guerrillas auf und kehrten still in ihre Heimatorte zurück.

Am 23. Juni kapitulierten die indianischen Truppen unter ihrem General Stand Watie, doch die letzte Flagge der Konföderierten wurde erst am 6. November eingeholt, als das Kaperschiff CSS Shenandoah, Kapitänleutnant Waddell, in Liverpool einlief und sein Schiff den Briten übergab.

 

 

 

Der Krieg war beendet, die Nation - jedenfalls offiziell - wiedervereinigt. Der Süden würde nie wieder wie vorher sein, verarmt, ausgehungert, gebrandschatzt und geplündert. Hunderttausende waren tot. Jede Hoffnung auf eine Aussöhnung ging mit dem Schuß des Schauspielers William Booth am Abend des 14. April verloren. Lincolns Ermordung zerstörte auch den Plan dieses großen Mannes, mit einer Politik der gemäßigten Schritte eine Wiedereingliederung der Sezessionsstaaten zu erleichtern.

Die schließlich von Lincolns Nachfolger bis 1877 durchgeführte Rekonstruktionspolitik unterwarf die besiegten Südstaaten einer militärischen Besatzungspolitik, deren Begleiterscheinungen an Ungerechtigkeiten und Korruption die Kluft zwischen Nord und Süd offenhielt und die Atmosphäre auf Jahrzehnte vergiftete. Tiefer politischer Haß, Ressentiments und Enttäuschung waren die Folge jener Nordstaatler, die nach der Kapitulation im Süden Verwaltungsposten und Kontrollfunktionen auf Kommunal- und Staatsebene übernahmen, nur um sich persönlich zu bereichern.

Zusammen mit opportunistischen Politikern des Südens stießen diese »carpetbaggers« (so vom Volksmund nach ihren bei Abreise wohlgefüllten Koffern aus Teppichstoff genannt) die Bevölkerung noch tiefer in Chaos und Schulden. Die Rekonstruktionspolitik der harten Kontrollen kam einer legitimierten Ausplünderung des Südens gleich. Ergebnis der Politik jener »Radikalen Republikaner«, die bereits in Opposition zu Lincolns gemäßigten Ansätzen gestanden hatten.
Nach der Ermordung des Präsidenten gewannen sie freie Hand, ihre Politik stellte ein Verbrechen an der Zukunft der Nation dar und sollte bis in die Gegenwart Nachwirkungen zeigen. Die Vorherrschaft der Demokratischen Partei im Süden ist bis heute als Reaktion auf die unnachgiebige Politik der Republikaner nach 1865 zu betrachten.

Deshalb ist Winston S. Churchills Feststellung am Ende seines Buches über den amerikanischen Bürgerkrieg zutreffend:
»Die Kugel des Attentäters brachte mehr Unheil über die Vereinigten Staaten als alle konföderierten Kanonaden zusammen«.
So, als hätten die Menschen im Süden die Unwiederbringlichkeit der alten Gesellschaft mit ihren Bällen, ihren Glanz und ihrer Aristokratie vorausgeahnt, waren die letzten Monate vor Appomattox noch einmal mit Festen und Hochzeiten angefüllt. Der Süden zeigte sich seinen Verteidigern im Winter 1865 noch einmal in seiner alten Pracht.


Henry Kyd Douglas, Stabsoffizier unter Jackson und später der Kommandeur jener auf 600 Mann geschrumpften »Leichten Brigade«, die bei Appomattox den letzten Schuß abfeuerte, über jene letzten Wochen, da sich in den Schützengräben um Richmond und Petersburg bereits das Ende abzeichnete:

 

»Winter kam über uns, und für eine Zeit schwieg der Puls der Kriegstrommeln ... Soziale Vergnügungen gab es im Überfluß, und während die Dauer des Lebens so unsicher blieb, waren Unterhaltungen, Tanzveranstaltungen und Hochzeiten zahlreich. Das Geräusch der Salonmusik und der »Tänzer, die im Rhythmus tanzen« konnte in Reichweite der Kanonenkugeln gehört werden. Es war nicht ungewöhnlich, in einen Salon zu einem Besuch oder Walzer mit Sporen und Säbel zu gehen, während Ordonnanzen draußen die Pferde hielten, um beim ersten Alarm aufzusitzen. Es war kein Gegenstand für Kommentare, die eine Hälfte der Nacht im Sattel zu verbringen, um die andere Hälfte in einer gesellschaftlichen Träumerei zu verbringen ...«

Es war der letzte Höhepunkt vor dem großen Finale; die Konföderation begann an ihren Rissen auseinanderzubrechen. Der Postverkehr war längst eingestellt, die Zugverbindungen wurden ständig durch die Streifkommandos der Unionskavallerie unterbrochen. In South Carolina brachen Streifen aus Milizsoldaten und Ortspolizisten die letzten Schnapsbrennereien auseinander, um das Kupfer der Rohre und Kessel für Zündhütchen einzuschmelzen. In Atlanta und Chattanooga strichen zerlumpte Zivilisten mit ausgehungerten Gesichtern über die Schlachtfelder und sammelten Geschosse, die sie bei den Bleischmelzen des Zeugamtes gegen Lebensmittel eintauschten.

In Richmond tagte der Kongreß der Konförderierten Staaten von Amerika in fast pausenlosen, erhitzten Debatten, in denen Beschlüsse gefällt wurden, die kaum noch ein Schreiber protokollierte, weil es an Papier fehlte. Resolutionen wurden erlassen zum Bau von 20 Panzerschiffen- aber es gab auf dem Restgebiet der Südstaaten keine Werft mehr. 200 000 Negersoldaten sollten aus den Sklaven der Plantagen ausgehoben, ausgerüstet und an die Front geworfen werden - aber selbst den dezimierten Truppen Lees fehlte es an Musketen, Munition und Kleidung.
Die Delegierten flüchteten sich in eine gegenstandslose Traumwelt, in der über Texas und Louisiana abgestimmt wurde, obwohl seit dem Fall von Vicksburg der ganze Mississippi von den Kanonenbooten der U. S. Navy River Flotilla beherrscht war und keine Verbindung mit dem Militärdepartment Trans-Mississippi bestand.

Schlimmer noch, vor den Toren der Hauptstadt standen Grants Soldaten, und die Armee von Northern Virginia hungerte, obwohl in Georgia und Richmond Millionen von Fleisch- und Brotrationen verfaulten, weil es kaum noch Eisenbahnen, kaum noch Maultiergespanne für die Transportwagen gab.

 

 

 


Hinrichtung der Booth-Komplizen Surrat, Powell, Harold und Atzerodt
in Washingtons altem Gefängnis.


Die Armeen des Nordens hatten den Geschmack des Sieges gekostet, die von Gewaltmärschen abgehärteten Veteranen Shermans oder die Reiter Kilpatricks waren unbesiegbar.
Nichts konnte sie aufhalten: Schlammige, grundlose Vormarschstraßen wurden von den Pionieren mit Knüppeldämmen befestigt - ganze Wälder fielen den Äxten über Nacht zum Opfer, Stamm wurde an Stamm gelegt und mit Sand überschüttet.
Auf diesen »corduroy«-Straßen zogen die Ambulanzen und Maultiergespanne mit Planwagen voll Munition und Zwieback hinter den vormarschierenden Truppen her. Fackeln zeigten nachts den Weg, kein Fluß, kein Sumpf hielt den Heerwurm in Blau auf.
Die Vorausabteilungen hängten sich ihre Gürtel und Patronentaschen um den Hals, hielten ihre Gewehre hoch und durchwateten die Bäche und Marschen der Carolinas.
Die fünfzehn Kanäle des Salkehatchie waren wie fünfzehn Hürden auf Shermans Marschroute durch South Carolina, die Pioniere hatten innerhalb von einem Tag fünfzehn Brücken gebaut, schneller als der Feind die alten zerstören konnte. Der Edisto-Fluß ist über 700 m breit, die Pontonbrücken standen innerhalb von vier Stunden.

 

Columbia brannte auf die Grundmauern nieder, alle Eisenbahnstränge nach Charleston waren unbrauchbar. Die Kavallerie hatte die Schwellen übereinandergetürmt und die Schienen auf den riesigen Feuerhaufen gelegt. Die rotglühenden Streben wurden dann um Baumstämme gewickelt - Shermans Krawatten. Und am Horizont kündete roter Feuerschein von den brennenden Baumwollballen und Mühlen, das Ende von »King Cotton«, auf dessen Wirtschaftsmonopol die Konföderation ihre Hoffnungen gesetzt hatte.
Shermans Armee wurde von einem stetig anwachsenden Troß begleitet; Schwarze, die bei Herannahen der blauen Kolonnen ihre Plantagenhäuser mit Kindern und Großeltern verlassen hatten, und die nun mit Gospelgesängen den Weg in die verheißene Freiheit antraten, in das Paradies, den Garten Eden, als dessen Vorboten ihnen die Yankee-Soldaten in ihren vom Regen ausgewaschenen Uniformen und zerknautschten Kepis wie die Heerscharen des Himmels vorkamen ...

Appomattox Court House, die Kapitulationen, der Zusammenbruch der alten Ordnung bedeutete für viele nicht das erhoffte Ende des Krieges und der Not.
Die da auf dem Weg ihre Musketen zusammenstellten und ihre Fahnen einrollten, um zum letzten Mal in geschlossener Kolonne zu marschieren, gingen nicht in die Gefangenschaft, ihnen blieb das grausame Schicksal der Lager erspart.
Über Nacht hatte man zehntausende von Handzetteln drucken lassen, kaum 8x22 cm groß, »paroled prisoner's pass«,
ein Entlassungsschein für Gefangene der Armee von Norther Virginia, die »Erlaubnis nach Hause zu gehen und dort ungestört zu bleiben«, datiert vom 10. April 1865.

 

 

 


Selbst ihre Pferde konnten sie mitnehmen, für die Frühjahrsaussaat- dies hatte General Lee dem Nordstaatengeneral als Kompromiß abringen können. Am Ende wurde selbst Ulysses S. Grant seinem Beinamen »Unconditionell Surrender Grant« nicht ganz gerecht. Dem besiegten Feind wurden letzte Ehren zuteil: Offiziere behielten ihre Seitenwaffen, die Mannschaften gaben nicht ihre Musketen ab, sondern stellten sie selbst zu Pyramiden zusammen, bevor sie in eine ungewisse Zukunft entlassen wurden.

     

 

 

Unionstruppen posieren nach Lees Kapitulation für ein Erinnerungsfoto vor dem Gerichtsgebäude in Appomattox.

Nicht alle kehrten ruhig in ein Zivilleben zurück, viele fanden ihr Heim als Ruine, ihre Felder verwüstet, ihre Stadt in Schutt und Asche vor und besaßen nicht mehr den Mut, neu anzufangen.
Entlassene Truppen revoltierten in Missouri, plünderten Regierungsdepots und richteten Verwüstungen an, die denen des Krieges kaum nachstanden.
Nach vier Jahren Krieg waren Tausende entwurzelt und unfähig, sich in ein ruhiges Leben wiedereinzufinden. Manche gingen den Pfad der Gesetzlosen:
Jesse
und Frank James sowie die meisten anderen Mitglieder der Younger-James-Bande hatten als konföderierte Guerillas unter Quantrill gedient, einige waren an dem berüchtigten Überfall auf die Stadt Lawrence im Grenzstaat Kansas beteiligt gewesen.

 

Andere gingen nach Westen, um ihr Glück als Händler, Goldsucher oder Cowboys zu machen.Viele trafen ihre ehemaligen Gegner aus dem Norden in den Reihen jener Schienenleger-Kolonnen wieder, die den Westen erschlossen. Die Arbeiter der Union Pacific, der Northern Pacific und der Central Pacific Railroad-Gesellschaften waren nicht nur Arbeiter, sie führten ihre Gewehre und Revolver ständig mit sich, um vor Indianerüberfällen sicher zu sein.
Während ein Teil an dem stetig nach Westen wachsenden Schienenstrang arbeitete, stießen andere schon weiter vor, vermaßen die Strecke, suchten Pässe und Wasserquellen. William Bill Cody, der spätere »Buffalo Bill«, hatte sich - laut eigener Aussage - nach einem Trinkgelage am anderen Tag als Rekrut in einem Kansas Kavalierieregiment wiedergefunden. Nun ritt er für die Eisenbahn und versorgte die Bautruppen mit Büffelfleisch.


Und was wurde aus den Waffen?

Der Waffenboom war vorüber. Dutzende von Firmen, die sich auf die lukrativen Regierungsaufträge verlegt hatten, mußten nun ihre Hoffnungen auf schnellen Reichtum aufgeben. 1864 war noch ein ertragreiches Jahr gewesen. Allein für die Kavallerie hatte die Regierung 154 400 Pferde und 150 000 Sätze Zaumzeug und Sättel beschafft, ferner wurden 93 000 Karabiner ersetzt, 71 000 Revolver gekauft und 90 000 Säbel geliefert - das alles bei einer Mannschaftsstärke von weniger als 150 000 Mann, die allerdings der Regierung an Sold, Verpflegung, Futter, Kleidung und Ausrüstung die stattliche Summe von über 125 Millionen Dollar in diesem Rechnungsjahr kostete.

Von diesem Dollarregen war 1865 kaum etwas übrig. Das Zeugamt beglich zwar noch die ausstehenden Rechnungen und honorierte laufende Lieferungen, bestellte aber nach Appomattox keine neuen Waffen mehr. Zusammen mit dem Beutegut verfügte die Regierung in Washington auf ihrem Territorium über die weltgrößte Ansammlung von Kriegsmaterial. Zwar wurden noch einige Regimenter, besonders die der Kavallerie, monatelang als Besatzungstruppen im Süden festgehalten, aber die Massenheere der Union sahen einer baldigen Entlassung entgegen.
Am 23. und 24. Mai paradierte die Potomac-Armee noch einmal durch die Straßen Washingtons, um den berechtigten Dank der Bevölkerung entgegenzunehmen, dann begann die Abmusterung.

In den Monaten Juni, Juli, August gaben Regiment auf Regiment, bzw. oft nur noch deren dezimierte Reste, ihre Waffen und Uniformen in den Lagerhäusern ab. Das Zeugamt und die Quartiermeister-Abteilung sah sich vor einem Gebirge von Waffen und Ausrüstungsgegenständen, für das es keinen Verwendungszweck gab.
Die besseren Repetiergewehre und Karabiner wurden in Arsenalen eingemottet, mit ihnen auch die neueren Springfieldmodelle, aber für die zahlreichen Importmusketen mit abweichenden Kalibern war jeder Lagerraum zu schade. Bereits 1865 konnten Soldaten und Zivilisten diese Musketen für den Preis von zwei oder drei Dollar kaufen; für fünf bis sieben Dollar war eine Spencer, für zwölf eine Henry zu erhalten. Auch die Hersteller konnten mit diesen Schleuderpreisen der Armee nicht konkurrieren, und nach den fetten Jahren des Kriegs brachen nun die mageren Jahre an, in denen zahlreiche renommierte Firmen ihre Tore schließen mußten.

Es war die Zeit der schnellen Händler, der gewieften Ein- und Verkäufer mit Übersee-Verbindungen. Der belgische Waffenhandel griff die Möglichkeit auf und kaufte für Spottpreise bessere Gewehre und Karabiner aus Amerika zurück, als in den ersten Kriegsjahren für das fünf- bis zehnfache Geld dorthin verkauft wurden. Deutsche und amerikanische Musketen der Kaliber .69 bis .75 durchliefen eine seltsame Wandlung. Handelsfirmen auf beiden Seiten des Atlantiks ließen die Vorderschäfte bis auf einen Ring verkürzen und boten die Flinten als Jagdgewehre an. Österreichische Karabiner und Jägerstutzen wurden zum zweiten- oder drittenmal aptiert, indem ihnen nun statt der Perkussionszündung Steinschloßhahn und Batterie verpaßt wurden, um sie in Afrika und Südamerika den Eingeborenen zu verkaufen.

Mit dem Krieg in Europa begann auch der Waffenhandel wieder zu florieren. 1870 waren die langen Spannungen zwischen dem von Preußen dominierten Deutschland und dem französischen Kaiserreich einmal mehr in einen Krieg eskaliert. Die »Erbfeinde« waren sich wieder gegenseitig an der Kehle und Frankreich benötigte nach anfänglichen Verlusten bei Sedan und Wörth Ersatz an Munition und Gewehren. Amerikanische Firmen lieferten, allen voran Marcellus Hartley von Hartley, Graham & Schuyler, New York, und die Firma Remington. Allein 35 000 Spencer Karabiner und zwei Drittel der von der Regierung während des Bürgerkrieges angekauften Patronen wurden auf öffentlichen Auktionen der U.S. Army Surplus-Bestände erworben und an Frankreich verkauft, das nach der Abdankung des dritten Napoleon nun wieder Republik war und sich den »boches« durch eine »levee en masse« entgegenstemmte.
Säbel, Revolver, Sättel, Munition - aber auch über 100 000 Kaliber .58 Springfield-Musketen mit Bajonett und Zubehör - gingen nach Frankreich für zwei Drittel ihres Neupreises. Einige zehntausend Enfield Dreiband- und Zweibandmodelle folgten. Remington blieb im Geschäft, weil die neuen »Rolling-Block« Gewehre in Frankreich Spitzensummen erzielten, sie aber gleichzeitig auch jede gewünschte Menge gezogener Vorderlader liefern konnte.

Zehntausende von wertvollen und heute gesuchten Sammlerwaffen verließen so den amerikanischen Kontinent und verschwanden in europäischen Arsenalen. Remingtons »Zouave Rifle«, das Modell 1863, ging an belgische Händler, welche die völlig ungebrauchten Waffen zu Flinten aufbohrten und sie nach Indien und Afrika verschifften. Die Preußen erbeuteten über 100 000 Springfields und verkauften sie für etwa einen Dollar das Stück an die türkische Armee. Und mancher Sammler, der heute vierstellige Summen für diese Musketen und frühen Hinterlader zu zahlen bereit ist, verbringt mit feuchtglänzenden Augen manche Stunde über den alten Katalogen von Bannerman, Alfa oder ähnlichen Versandhäusern, die noch vor dem 1. Weltkrieg jeden nur erdenklichen Artikel aus den Bürgerkriegsarmeen liefern konnten.

 

Waffen siehe unter:  Waffen des Buergerkriegs

 

 

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