
Mit
freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen aus:
Horst Dippel, GESCHICHTE DER USA
Bürgerkrieg
und Wiederaufbau
1860-1877
Der
Wahlsieg Lincolns hatte offenkundig gemacht, wie sehr die Machtposition
des Südens innerhalb der Union im Laufe der letzten zehn Jahre erodiert
war. Wenn der Süden seine Eigenständigkeit weiterhin bewahren wollte,
dann mußte er jetzt sezedieren. Seine Reaktion ließ daher nicht lange
auf sich warten. Am 20. Dezember 1860 erklärte South Carolina seinen
Austritt aus der Union, und - anders als bei der Nullification Crisis
- bis zum 1. Februar 1861, also noch vor Lincolns Amtsantritt am 4.
März, waren alle sechs übrigen Staaten des Unteren Südens diesem Beispiel
gefolgt. Wenige Tage später wählten sie Jefferson Davis aus Mississippi
zum provisorischen Präsidenten der Konföderierten Staaten von Amerika.
Alle Bemühungen um Ausgleich verhallten ungehört, und selbst Lincolns
versöhnliche Antrittsrede, die zwar kategorisch das Recht auf Sezession
verneinte, sich aber aller Drohungen enthielt, zeigte keine Wirkung.
Um so vordringlicher wurde die Suche nach einem Ausweg aus der Pattsituation.
Lincoln beschloß, das im Hafen von Charleston, South Carolina, gelegene
Fort Sumter mit seiner kleinen Bundesbesatzung als Testfall zu nehmen.
Würde South Carolina Proviantnachschub durch die Bundesmarine erlauben,
könnte dies ein Indiz des Einlenkens sein; würde es hingegen diesen
gewaltsam zu verhindern suchen und das Fort angreifen, läge ein bewaffneter
Aufstand gegen die legale Regierung des Landes vor.
Am 12. April 1861 eröffnete South Carolina das Feuer auf Fort Sumter.
Der Bürgerkrieg hatte begonnen. Lincoln rief 75.000 Freiwillige auf
die Dauer von drei Monaten zu den Waffen und verhängte eine Seeblockade
über die Häfen des Südens. Die Reaktion aus dem Süden erfolgte umgehend.
Bis zum 20. Mai hatten sich auch die vier Staaten des Oberen Südens,
Virginia, Arkansas, Tennessee und North Carolina, der Konföderation
angeschlossen. Doch vier weitere Südstaaten waren bei der Union verblieben:
Delaware, Maryland, Kentucky, Missouri und die nordwestlichen Counties
von Virginia, die seit 1863 als eigener Staat West Virginia Teil der
Union sind. In diesen unter nachhaltigem Druck der Union stehenden Grenzstaaten
(Border States) war der Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung
zwischen 1830 und 1860 durch Verkäufe in den Süden kontinuierlich zurückgegangen,
so daß hier ungeachtet verbreiteter Sympathien für den Süden bereits
eine Öffnung zur kapitalistisch-individualistischen Marktwirtschaft
des Nordens stattgefunden hatte. Wie es zunächst schien, war es ein
Krieg der Ungleichgewichte.
Der Süden brauchte seine Position nur lange genug zu halten, bis der
Norden kriegsmüde wurde, wohingegen der Norden zur Bewahrung der Union
den Süden erobern mußte. Doch statt des allgemein erwarteten kurzen
Feldzugs wurde es der blutigste Krieg, den die Vereinigten Staaten je
geführt haben, mit mehr als einer Million Toten und Verwundeten, so
viele Opfer wie das Land in allen seinen anderen Kriegen zusammen zu
beklagen hatte. Mehrere Gründe waren dafür verantwortlich:
1. Der Bürgerkrieg war weltweit der erste moderne Krieg mit einem hohen
Materialeinsatz, hoher Mobilität (Eisenbahn) und neuartiger Waffentechnik
(vor allem das Repetiergewehr - die berühmte Winchester rifle - mit
seiner deutlich gesteigerten Feuergeschwindigkeit und Zielgenauigkeit).
2. Beiden Seiten gelang die Mobilisierung großer Heere.
3. Lange Zeit lag im Norden die militärische Führung in den Händen unfähiger
Generale, während der Süden unter Führung von Robert E. Lee seine Angriffsstrategie
zwar mit großem und meist dem Norden überlegenem taktischen Geschick
durchführte, diese jedoch den politisch-militärischen Zielen des Südens
nicht angemessen war. Daß dieser Krieg kein Spaziergang werden würde,
machte schon die erste Schlacht von Bull Run (21. Juli 1861) deutlich,
als der Vorstoß des Nordens nach Virginia scheiterte. Darauf verlagerte
der Norden 1862/63 den strategischen Schwerpunkt des Krieges nach Tennessee,
um von hier aus die Konföderation zu parzellieren und schließlich vernichtend
zu schlagen. Zunächst sollte ein militärischer Vorstoß den Mississippi
abwärts erfolgen, um die Trans-Mississippi-Region vom übrigen Süden
abzuspalten. Darauf sollte vom Osten Tennessees aus ein Feldzug in das
Herz der Konföderation führen, um damit den Krieg zu entscheiden. Zur
Durchkreuzung dieser Absichten versuchte der Süden, den Krieg in den
Norden zu tragen.
Als kriegsentscheidend sollte sich dabei das Jahr 1863 erweisen. Obwohl
Lee bislang als überragender Feldherr keine wesentliche Schlacht verloren
hatte - selbst Antietam (17. September 1862), der blutigste Tag des
ganzen Krieges, war keineswegs ein Sieg des Nordens gewesen -, scheiterte
er im entscheidenden Moment. Am 1. Juli 1863 überschritt er die Grenze
nach Pennsylvania und traf bei Gettysburg auf erheblich stärkere Einheiten
des Nordens. Nach drei Tagen hatte er 28.000 Mann verloren (ein Drittel
seiner Soldaten) und mußte geschlagen den Rückzug nach Virginia antreten.
Damit war mehr als nur der Plan, den Krieg in den Norden zu tragen,
gescheitert. Es war offenbar geworden, daß der Süden den Krieg niemals
gewinnen konnte. Am gleichen Tag, an dem Lee seine Niederlage eingestehen
mußte, demonstrierte der Norden nicht nur seine ausschlaggebende Überlegenheit
an Menschen und Material; er zeigte auch, daß er schließlich über einen
Feldherrn verfügte, der es mit Lee aufnehmen konnte: Ulysses S. Grant,
der am 4. Juli das strategisch entscheidende Vicksburg einnahm, mit
dem der Mississippi in die Hand des Nordens geriet und das erste strategische
Kriegsziel der Union erreicht war. Nun konnte die Konzentration auf
den Osten Tennessees mit der Einnahme Chattanoogas erfolgen, von wo
aus 1864 William Tecumseh Sherman mit 100.000 Mann nach Atlanta zog,
das am 2. September 1864 in die Hände des Nordens fiel.
Statt die Südstaatentruppen zu verfolgen, beschloß Sherman, eine etwa
200 Meilen breite Schneise der Verwüstung durch Georgia zur Küste zu
ziehen, um den Süden vollends zu demoralisieren und jeden militärischen
Nachschub aus dem Unteren in den allein noch entscheidenden Oberen Süden
zu unterbinden. Von Savannah ging der Zug im Februar 1865 nordwärts,
und Mitte März stand Sherman in North Carolina in Reichweite, um sich
mit Grants Armee in Virginia zu verbinden.
Lee versuchte verzweifelt, das Blatt noch einmal zu wenden. Doch sein
Ausbruchversuch mißlang; am 9. April 1865 mußte er bei Appomattox Court
House in Virginia kapitulieren. Fast auf den Tag genau vier Jahre nach
den ersten Schüssen bei Fort Sumter war der Bürgerkrieg zu Ende.
Warum
hatte der Süden verloren ?
Sicherlich war die erdrückende Überlegenheit des Nordens an Menschen
und Material ein entscheidender Faktor.
Die Mobilisierung kriegswichtiger Ressourcen gelang im Süden- ohne städtische
und industrielle Infrastrukturen - letztlich nicht im erforderlichen
Maße. Noch verhängnisvoller war, daß die Mobilisierung seiner Menschenreserven
gescheitert war. Im Süden lebten über vier Millionen Sklaven, doch man
war nicht bereit, diese zu befreien und zu bewaffnen, um sie zur Verteidigung
einzusetzen. Vielmehr fand man den Gedanken keineswegs absurd, sie als
Sklaven an der Seite ihrer weißen Herren ihre eigene Unfreiheit verteidigen
zu lassen. Die militärische Niederlage wurde zum moralischen Trauma,
in dem eine Welt zusammenstürzte, die man stets für die reale Welt gehalten
hatte, weil man sie sich anders nicht vorstellen konnte und wollte,
aber auch, weil der bestehende Konformitätsdruck im Innern, unter dem
Eindruck des immer sinnloser werdenden Kriegs, an Wirkung verlor und
nunmehr Friktionen aufbrechen ließ, die man zuvor nie hatte wahrnehmen
wollen.
Der Süden hatte den Krieg durch Papiergeld, das zu immenser Inflation
geführt hatte, und durch Steuern finanziert. Beides hatte die ärmeren
Weißen besonders hart getroffen, die durch die Zwangsrekrutierung oft
ihr einziges Pferd, ihre einzige männliche Arbeitskraft u. a. verloren
hatten. Kein Wunder, daß es bei ihnen schon bald hieß, dies sei ein
Krieg der reichen Leute. Wachsende Disloyalität war die Folge. Als sich
schließlich die Versorgungslage zumal der ärmeren Landbevölkerung dramatisch
verschlechterte, häuften sich Desertionen derart, daß sich Ende 1864
bereits die Hälfte aller Soldaten unerlaubt von der Armee entfernt hatte.
Im Frühjahr 1865 war die Lage katastrophal:
Der Süden war von seinen Widersprüchen eingeholt worden. Ein weiterer
Grund für die Niederlage war das Unvermögen, ausländische Unterstützung
für seine Sache zu mobilisieren. Die Blockade des Nordens schirmte die
Südstaaten-Häfen ab, und als ab 1863 erkennbar wurde, daß der Süden
den Krieg nicht würde gewinnen können, war jede Hoffnung auf internationale
Anerkennung dahin. Die Gründe lagen aber nicht nur im Süden, sondern
ganz wesentlich bei Lincoln. Zwar hatte er in den ersten Jahren Probleme
mit seinen Generalen, doch politisch hatte er den Krieg mit unbeugsamer
Entschlossenheit, interner Kompromißlosigkeit und mit Weitblick geführt.
So hatte Lincoln angesichts seines primären Kriegsziels, des Erhalts
der Union, in der Sklavenfrage große Zurückhaltung bewahrt, um die Border
States nicht in das Lager des Südens zu treiben, zumal er im ersten
Halbjahr 1862 erkennen mußte, daß dort ein Plan zur Sklavenemanzipation
gegen Entschädigungszahlungen keine Resonanz fand. Am 22. September
1862 veröffentlichte Lincoln darauf eine vorläufige Emanzipationserklärung,
aus der die am 1. Januar 1863 verkündete Emancipation Proclamation wurde.
Trotz ihrer zunächst eher begrenzten praktischen Wirkung waren damit
Sklavenbefreiung und politisch-soziale Neugestaltung des Südens zu Kriegszielen
geworden. Lincoln sprach sie mit allgemeineren, aber um so eingängigeren
Worten in seiner zweiten bedeutenden Erklärung während des Krieges,
der Gettysburg Address vom 10. November 1863, mit der Verpflichtung
aus, »daß die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das
Volk nicht von der Erde verschwinden werde«. Beide Erklärungen
mochten nicht zuletzt Europa signalisieren, daß der Norden für allgemeingültige
moralische Werte kämpfe. Der Bürgerkrieg beendete zwar die Sklaverei
in den Vereinigten Staaten, änderte aber nichts an dem Verhältnis der
Rassen zueinander. Hingegen ist die Rolle der Staaten in der Union neu
geordnet worden, zumal die seit den Tagen der Kentucky-und-Virginia-Resolutionen
in den Südstaaten virulente Staatsrechtsdoktrin nun offiziell begraben
war. Die Suprematie des Bundes war fortan unbestritten. Schließlich
war die politische Landschaft aufgrund eines neuen Zweiparteiensystems
neu geordnet, wobei die »Demokraten« eindeutig die Partei
des Südens und damit die der Minderheit waren, bis sie Franklin D. Roosevelt
68 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs zur neuen Mehrheitspartei machte.
Letztlich hat der Bürgerkrieg wesentlich zur Belebung der Wirtschaft
und zur Freisetzung einer neuen ökonomischen Dynamik beigetragen, die
sich unmittelbar nach dem Krieg in einem rasanten Anstieg der Industrieproduktion
niederschlug, ohne daß man ihn deswegen als eine zweite amerikanische
Revolution bezeichnen kann. Denn vieles im Bereich der Hochindustrialisierung,
des transkontinentalen Eisenbahnbaues u. a. war bereits vor dem Krieg
angelegt, und jene einschneidenden Veränderungen in der Zukunft vollzogen
sich dort, wo sie auch ohne den Bürgerkrieg vor sich gegangen wären,
nämlich im Norden. Mit dem Ende des Bürgerkriegs setzte jene Ära ein,
die man als das Zeitalter der »Wiedererrichtung« (Reconstruction)
bezeichnet. Damit war mehr gemeint als allein ökonomisch der Wiederaufbau
der zerstörten Städte und Eisenbahnlinien im Süden. Entscheidender war
die soziale Komponente, die, über die zukünftige Sozialordnung des Südens
hinausgehend, auf die Frage der Rolle der Schwarzen im amerikanischen
Leben zielte. Beides aber bedeutete, daß nicht die ganze Nation in gemeinsamer
Anstrengung wiedererrichtet werden mußte, sondern lediglich der Süden
nach Vorgaben des Nordens. Insofern unterschied sich dieser Krieg von
anderen Bürgerkriegen des 19. und 20. Jahrhunderts; hingegen kam es,
ähnlich wie in der Schweiz 1847, zu keinen Gebietsveränderungen.
Kein Territorium wurde annektiert; alle Staaten blieben - vom Sonderfall
Virginia abgesehen- in ihren Vorkriegsgrenzen unangetastet. Zwar waren
die Schwarzen mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung 1865 aus dem
Sklavenstatus befreit, blieben aber nach allgemeinem Verständnis der
Weißen im Norden wie im Süden Angehörige einer untergeordneten Rasse
und bestenfalls Bürger zweiter Klasse, denen kein gleichberechtigter
Teil am politischen und sozialen Leben der Nation zukam. Damit war nicht
nur das weitere Zusammenleben der Rassen in den Vereinigten Staaten
vorgezeichnet; es war auch der Stab über die Politik der Reconstruction
gebrochen, noch ehe sie überhaupt abgeschlossen war. Das jeweilige Verhältnis
der Rassen zueinander hat daher stets die historische Bewertung der
Reconstruction bestimmt, so daß heute die Politik des Nordens als zu
zaghaft und zu sehr von den eigenen, meist materiellen Interessen geprägt,
zu opportunistisch und wirtschaftshörig erscheint.
Um was ging es konkret?
Wie konnte das Land nach dem Krieg wieder geeint werden?
Welchen Status hatten die sezedierten Staaten?
War die Sezession lediglich ein illegaler Schritt gewesen, und waren
sie rechtstheoretisch stets Teil der Union geblieben- eine Theorie,
zu der der Präsident neigte? Oder hatten sie durch die Sezession ihren
Platz in der Union verwirkt und waren nun eroberte Provinzen, die neu
geordnet werden mußten - eine Auffassung, die von der Mehrheit des Kongresses
geteilt wurde? Welche Theorie sollte der Politik verbindlich zugrunde
liegen, und wer war mithin prinzipiell handlungsbefugt? Im Dezember
1863 hatte Lincoln die Proclamation of Amnesty and Reconstruction verkündet,
die allen Südstaatlern Pardon gewährte, die den Eid auf die Verfassung
der USA leisteten und die Sklavenemanzipation als verbindlich anerkannten.
Hatten mindestens 10% der wahlberechtigten Bevölkerung eines besetzten
Staates dies getan, konnten sie eine neue Regierung einsetzen und damit
wieder in die Union zurückkehren. Noch 1864 bildeten Lousiana und Arkansas
auf dieser Grundlage neue Regierungen. Der Kongreß weigerte sich jedoch,
dieser Politik zu folgen, und warf Lincoln vor, seine Kompetenzen überschritten
und die Rechte der Schwarzen unberücksichtigt sowie nicht auf ihrem
Wahlrecht bestanden zu haben. Die Lösung der politischen Pattsituation
fiel Andrew Johnson zu, der nach der Ermordung Lincolns am 14. April
1865 über Nacht Präsident geworden war und nun Lincolns Versöhnungspolitik
fortzusetzen suchte.
Johnson überwarf sich aber darüber mit dem Kongreß und seiner eigenen
Republikanischen Partei und führte das politische System des Landes
im Blick auf die Beziehungen zwischen Exekutive und Legislative in seine
bislang schwerste Krise. Zunächst hatten radikale Republikaner Johnson
als Exponenten jener Südstaatenpolitiker im Amt des Präsidenten begrüßt,
die schon vor dem Krieg die alte Elite und ihre sezessionistische Politik
bekämpft hatten. Doch die von Johnson Ende Mai 1865 eingeleitete Versöhnungspolitik
stieß auf immer heftigere Ablehnung, vor allem weil sie untätig blieb
gegenüber den in den Südstaaten rasch in Kraft gesetzten sog. Black
Codes, die die ehemaligen Sklaven besonderen Regelungen und Restriktionen
unterwarfen und ihnen Rechte vorenthielten, die für Weiße selbstverständlich
waren. Darunter fielen die Verweigerung der freien Wahl des Arbeitsplatzes,
Zwangsarbeit, spezielle Strafgesetze, Verbot der Aussage vor Gericht
u. a., für viele im Norden wurden damit die alten Sklavenbestimmungen
unter neuem Namen fortgeführt.
Als dann noch im Herbst 1865 einige dieser Staaten prominente Vertreter
der alten Konföderation in Staats- und Bundesämter wählten, war für
die Mehrheit der Republikaner das Maß voll. Der Kongreß verweigerte
den südstaatlichen Vertretern das Sitzrecht und berief ein Komitee ein,
um neue Bedingungen zur Wiederzulassung der Südstaaten festzusetzen.
Letztlich ging es um die Frage nach den Resultaten des Bürgerkriegs.
Johnson wollte die Vorkriegszustände so rasch wie möglich wieder herstellen-
mit Ausnahme von Sklaverei und Sezession. Die Mehrheit des Kongresses
hielt es für unerläßlich, einige Minimalgarantien aufzustellen, um zu
verhindern, daß die alte Südstaatenelite erneut die Schwarzen unterjochte.
Dies erforderte eine Stärkung der Bundesgewalt, um den Schwarzen einen
Mindestschutz ihrer Bürgerrechte zu sichern. Zumal die Rassenunruhen
des Winters 1865/66, deren Opfer praktisch immer Schwarze oder Weiße
waren,die sich mit ihnen solidarisierten, hatten deutlich gemacht, was
drohte, wenn der Bund hier keine Verantwortung übernahm.
Zwei Gesetze sollten diesem Zweck dienen; zum einen die Fortführung
der noch aus dem Krieg stammenden Freedmen's Bureaus, um den ehemaligen
Sklaven Hilfe, Unterstützung und Rechtsschutz - von der Erziehung über
Hilfe beim Landkauf bis zur Arbeitssuche - zugewähren, und zum anderen
ein Bürgerrechtsgesetz, um die Black Codes zu annullierenund den Schwarzen
alle Rechte an Person und Eigentum zu sichern, die auch Weißen zustanden.
Johnson versuchte vergeblich, beide Gesetze zu verhindern und vertiefte
auf diese Weise den Graben zwischen ihm und dem Kongreß immer mehr.
Überdies gab er zu verstehen, er werde sich an die Spitze einer neuen
konservativen Partei aus rechten Republikanern und Demokraten setzen,
um seine Politik zu erzwingen.
Angesichts dieser Lage beschloß die republikanische Mehrheit den 14.
Zusatzartikel zur Verfassung, um die Union verfassungsrechtlich zu stärken
und allen Bürgern gleichen Rechtsschutz zu gewähren. Damit wurde erstmals
eine amerikanische Staatsbürgerschaft, unabhängig von den Einzelstaaten,
und der Grundsatz der equal protection of the Iaws für alle Bürger eingeführt,
der das amerikanische Verfassungssystem revolutionieren sollte. Es war
klar, daß die Kongreßwahlen im November 1866 zur Abstimmung über den
vorgeschlagenen Verfassungszusatz werden würden, zumal der Präsident
den Südstaaten seine Ablehnung empfohlen hatte. Dennoch erreichten die
Republikaner eine solide Zweidrittelmehrheit im Kongreß, und die Radikalen
bestimmten nun den Gang der Politik.
Mit der jetzt einsetzenden radikalen Reconstruction-Politik wurde der
Süden unter Militärverwaltung gestellt und nach Auflösung der Staatsregierungen
in fünf Militärbezirke eingeteilt. Unter militärischer Überwachung wurden
neue Verfassungskonvente mit Beteiligung der Schwarzen und unter Ausschluß
aller Amtsträger der ehemaligen Konföderation gewählt. Als Voraussetzung
für die Wiederaufnahme in die Union mußten die von ihnen entworfenen
Verfassungen von der Mehrheit der männlichen Bevölkerung (einschließlich
der Schwarzen) ratifiziert und der 14. Zusatzartikel angenommen werden.
Doch der Gedanke einer langfristigen Unterstützung der Schwarzen war
damit aufgegeben. Johnson versuchte dagegen auf allen Wegen, seine Politik
durchzusetzen oder zumindest die des Kongresses zu hintertreiben.
Als er den letzten Radikalen aus der Regierung entlassen wollte, beschloß
das Repräsentantenhaus am 24. Februar 1868 mit überwältigender Mehrheit,
erstmals einen Präsidenten vor dem Senat wegen Amtsverfehlung anzuklagen.
Um eine Stimme wurde die zur Amtsenthebung erforderliche Zweidrittelmehrheit
verfehlt, nicht weil Johnson schließlich doch Zustimmung gefunden hätte,
sondern aus der Überzeugung, daß die Amtsenthebung eines Präsidenten
aus politischen Gründen die Verfassungsbalance zwischen Exekutive und
Legislative zerstören und das Präsidentenamt zum Spielball der politischen
Mehrheit in der Legislative machen könnte. Doch trotz dieser Niederlage
hatten die Radikalen erreicht, daß Johnson ihre Politik nicht mehr durchkreuzen
und unter seinem Nachfolger Ulysses S. Grant ihr Einfluß auf die Politik
gewahrt bleiben würde.
Dessen Politik war sicher nicht korrupter und unfähiger als jede andere
der Zeit. Viel eher wird man den Radikalen vorhalten müssen, daß sie
nicht radikal genug waren. Die soziale Neuordnung des Südens blieb aus.
Das Versprechen von »Vierzig Morgen und einen Esel« für
die befreiten Schwarzen wurde nirgendwo eingelöst,und ebensowenig wie
der Rebellenbesitz wurde die Staatsdomäne unter den Schwarzen und armen
Weißen aufgeteilt. Die Neugestaltung der Wirtschaft des Südens wurde
nicht erreicht, und die aus dem Norden eingeströmten, mitunter höchst
dubiosen Weißen (Carpetbeggars) und die teilweise ähnlich fragwürdigen
Weißen im Süden, die hier mitzuwirken suchten (Scalawags), waren in
der Regel dazu auch nicht in der Lage. Hinzu kam, daß die Bundeskräfte
nicht ausreichten, um gegenüber den alten Südstaateneliten und der offenen
weißen Gewalt bestehen zu können.
Als Folge brachen die radikalen republikanischen Regierungen in den
Südstaaten nach deren Wiederaufnahme in die Union meist rasch zusammen.
Zumindest indirekt hatte dazu der unbeliebte und politisch unfähige
Grant beigetragen, der sich insbesondere durch seine Loyalität gegenüber
jenen auszeichnete, die ihn unterstützten. Er unternahm nichts gegen
die sich während seiner achtjährigen Amtszeit immer verheerender ausbreitende
Korruption, er versuchte mitunter sogar, Schuldige vor der gerichtlichen
Verfolgung zu schützen. Die letzte große Maßnahme der Radikalen war
der 1869 verabschiedete 15. Zusatzartikel zur Verfassung, der den Schwarzen,
nicht jedoch den Frauen, das Wahlrecht verbriefte. Danach erlahmte im
Norden zusehends das Engagement für die Schwarzen im Süden - auch wenn
der Kongreß 1875 ein Bürgerrechtsgesetz verabschiedete, das der Supreme
Court jedoch bereits 1883 wegen Kompetenzüberschreitung des Bundes wieder
aufhob -, zumal inzwischen viele einstige Radikale aus einer Politik
ausgeschieden waren, die durch viele unrühmliche Vorkommnisse diskreditiert
war und in der Öffentlichkeit zunehmend an Glaubwürdigkeit verloren
hatte. Um so mehr Gehör konnten die Konservativen im Süden mit ihrer
Forderung nach Beendigung der Militärverwaltung und der Rückkehr zur
Selbstverwaltung finden. Die Interessen von Schwarzen und armen Weißen
wurden zunehmend den Kapitalisten im Norden und der konservativen alten
Elite im Süden geopfert.
Formal kam das Ende der Reconstruction mit der Präsidentenwahl von 1876.
Die Republikaner nominierten den Gouverneur von Ohio, Rutherford B.
Hayes, der von Skandalen der Grant-Zeit unberührt geblieben war. Für
die Demokraten trat Samuel J. Tilden, der Reform-Gouverneur von New
York, an. Tilden gewann die Volkswahl und schien auch im Wahlmännerkollegium
die Mehrheit zu erreichen. Doch die war fraglich geworden, als man die
Ergebnisse in South Carolina, Florida und Louisiana anfocht, den letzten
Südstaaten, die noch von den Republikanern kontrolliert wurden. In der
sich anschließenden Krise verständigten sich schließlich die Republikaner
mit den konservativen Demokraten des Südens: Hayes wurde gewählt, und
im Gegenzug zogen die Republikaner die letzten Truppen aus dem Süden
ab, der damit auf Kosten der Schwarzen und armen Weißen sich selbst
überlassen blieb.
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