Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© Leah Ireland-Kunze, Der Bürgerkrieg in den USA 1861-1865
© Serientitel: NORD & SÜD-1993 Michael Solka, •CHICKAMAUGA 1863•
© Serientitel: NORD & SÜD-1994 Michael Solka, •CHATTANOOGA 1863•

Veröffentlichungen der Smithsonian Institution sowie Staatlicher Museen des Bürgerkriegs

 



CHICKAMAUGA & CHATTANOOGA
19. Sept.—25. Nov. 1863

 

 

 

 

Die Schlacht von Chickamauga 19./20. September 1863



 

Chickamauga - Bach des Todes

 

Die Westseite der gewaltigen Appalachen, die sich über fast 2.000 Kilometer von der Nordgrenze der Bundesstaaten Alabama und Georgia bis zur kanadischen Grenze im Norden des Bundesstaates Maine erstrecken, besteht aus langen, parallel verlaufenden Bergkämmen, die sich wie die Furchen auf der Stirn eines Greises hinziehen. Chattanooga, damals kaum mehr als ein Dorf, liegt am Südufer in einer Biegung des Tennessee River. Hier schlängelt sich der Fluß durch die Bergtäler. Heute liegt nordöstlich von Chattanooga eine Kette von Stauseen, die es zur Zeit des Bürgerkrieges noch nicht gegeben hat. An der Südwestseite von Chattanooga beginnt die etwa 50 Kilometer lange Bergkette Lookout Mountain, die in etwas mehr als 20 Kilometer Entfernung in Richtung Süden vom Paß Steven's Gap unterbrochen wird.

 



Zur Zeit des Bürgerkrieges verlief eine der besten Landstraßen der Gegend von Trenton über Lafayette nach Villanow; eine Landstraße von Chattanooga kreuzte die Landstraße Trenton - Villanow in Lafayette.
Zwischen Lafayette und dem Lookout Mountain lagen die kürzeren und niedrigeren Bergkämme Missionary Ridge und Pigeon Mountain.

Das Gelände war dicht bewaldet, die Täler zwischen den Bergketten dunkel. Durch das Tal zwischen dem Missionary Ridge und dem Pigeon Mountain schlängelt sich der Chickamauga Creek in vielen Windungen nordwärts. Der Bach und die erwähnten Berge liegen im Staat Georgia, vor dessen Grenze Chattanooga noch im Staat Tennessee liegt.

Vielleicht lag es an der düsteren Gegend, vielleicht hatte sich hier in grauer Vorzeit ein tragisches Ereignis abgespielt - niemand weiß jedenfalls genau, warum die Cherokee-Indianer den Bach «Chickamauga» nannten, Bach des Todes.

 

 

 

 

Als CSA-General Bragg seine Armee von Chattanooga ins Chickamauga-Tal zurückzog, lebte die große Cherokee-Nation längst nicht mehr in dieser Gegend: Sie war vertrieben worden, und die Hälfte ihrer Angehörigen war auf dem berüchtigten Todesmarsch ins Reservat in Oklahoma vor Hunger und Erschöpfung gestorben.

Jetzt war die Gegend bis auf einige kleine Farmen leer und durch den Wald unübersichtlich. Braggs Rückzug war klug überlegt, denn er wollte in den dunklen Tälern der Unionsarmee eine Falle stellen.

 

Zu den Truppen, auf die sich Bragg verlasen konnte, kam ab Mitte September wichtige Verstärkung. Da an der Ostküste nach Gettysburg keine nennenswerten Kampfhandlungen mehr stattfanden, konnte General Longstreet mit 2 Divisionen von Lees Armee nach Chattanooga geschickt werden. Longstreets 6.000 Mann marschierten über einen großen Umweg und trafen erst am 20. September ein. Schon am 10. September entdeckte Bragg, daß Unionsgeneral Thomas mit seinem XIV. Korps am Steven's Gap lagerte. Thomas schickte an diesem Tag die Division Negley als Vorhut in Richtung Lafayette. Am Abend bezog Negleys Division Stellungen am Dug Gap auf dem Pigeon Mountain. Direkt auf der anderen Seite des Dug Gap lag das CSA-Korps A. P. Hill.

 

 

US-General William S. RosecransUS-General Thomas L. Chrittenden
von links:

 

US-General William S. Rosecrans,

CSA-General Braxton Bragg,

US-General
Thomas L. Chrittenden

 

 

 

Bragg befahl den Korps Buckner und Hill sowie der Division Hindman von Polks Korps, am frühen Morgen des 1.1. September die Unionsdivision Negley überraschend zu überfallen. Hindmans CSA-Division sollte sich als erste durch das Tal hinter dem Dug Gap anschleichen und Negley in die linke Flanke stoßen. Buckner sollte Hindman folgen, während Hills Korps einen Frontalangriff eröffnen sollte. General Bragg beging jedoch den Fehler, General Hindman davon zu informieren, daß in Chattanooga das XXI. Unionskorps und in Alpine das XX. Unionskorps lagen.

Hindman befürchtete eine mögliche Einkreisung und rückte deshalb langsam und mit äußerster Vorsicht den Pigeon Mountain entlang vor. Um 11.00 Uhr schickte ihm Bragg eine Nachricht, am Dug Gap befänden sich 15.000 Mann Unionstruppen - eine ziemliche Übertreibung, da Negleys Division nur etwa 8.000 Mann zählte. Hindman machte mit seiner Division sofort kehrt und zog sich zurück, doch nicht so lautlos, daß das nicht von den Unionstruppen bemerkt worden wäre. Diese erkannten jetzt die Gefahr und zogen sich zum Steven's Gap zurück. CSA-General Hill, der den Befehl hatte, nur dann anzugreifen, wenn er Hindmans Kanonen hörte, wartete den ganzen Tag vergeblich auf dieses Signal.

In den nächsten Tagen manövrierten die beiden Armeen am Chickamauga Creek hin und her, ohne daß es zu einem größeren Gefecht kam. Am 12. September entdeckten Unionsaufklärer vom XXI. Korps den Standort der CSA-Korps Polk und Walker auf der Nordostseite des Missionary Ridge. Unionsgeneral Crittenden führte sein Korps südwärts, bis es den beiden konföderierten Korps gegenüber stand. Die Bewegung wurde von der CSA Seite registriert, und Bragg befahl für den 13. September einen Angriff, aber dieser wurde verzögert. Als er endlich einsetzte, war es zu spät, denn Crittenden hatte die Überlegenheit der vor ihm konzentrierten CSA-Truppen erkannt und war südwärts abgezogen.

Dieser Vorfall überzeugte Unionsbefehlshaber Rosecrans endlich davon, daß sich Bragg nicht zurückgezogen hatte, sondern seine Truppen auf einen massiven Angriff vorbereitete.Zu diesem Zeitpunkt waren die Unionskorps immer noch über Entfernungen von 30 bis 70 Kilometern voneinander getrennt. Grangers Reservekorps lag sogar noch in Bridgeport, wo die Unionsarmee 2 Wochen zuvor den Tennessee River überquert hatte. Rosecrans befahl die Vereinigung der 3 Korps auf dem Schlachtfeld und ließ Grangers Reservekorps nach Chattanooga marschieren. Das XX. Unionskorps besetzte den Steven's Gap, während das XIV. Korps ins Tal auf der Ostseite des Missionary Ridge abzog und sich dem XXI. Korps anschloß.

 

 

 

Johnny Klemm (Clem) »The drummerboy of Chickamauga«. Einer der jüngsten Teilnehmer am Bürgerkrieg,
ging 1915 als U.S. Brigadier-General in Pension.

Die ersten CSA-Brigaden unter Longstreet trafen am 18. September im südlichen Chickamauga-Tal ein. Die Staubwolken der marschierenden Truppen wurden auf der Unionsseite bemerkt. Daraufhin führte Unionsgeneral Rosecrans das Reservekorps aus Chattanooga heraus, um die linke Flanke des XXI. Korps zu decken. CSA-General Bragg hatte tatsächlich für diesen Tag einen Angriff auf Crittendens XXI. Unionskorps geplant, doch seine Truppen konnten durch das Walddickicht nur langsam vordringen. Im Tagesverlauf stabilisierte der Unionsbefehlshaber seine Linien: Crittendens Korps konzentrierte sich um einen Bogen des Chickamauga, wo sich zwei Mühlen und ein Waldweg befanden. Der Flecken wurde Lee and Gordon's Mills genannt.

Hinter ihm verteilte General Thomas sein XIV. Korps auf eine Linie von etwa 3 Kilometer Länge. Grangers Reservekorps lagerte etwas nördlich bei einer einsamen Kirche im Wald. Der Chickamauga war in dieser Gegend so tief, daß er nur über Brücken und Furten überquert werden konnte. Trotzdem entschloß sich CSA-General Bragg, den Bach zu überqueren und am 19. September bei Sonnenaufgang anzugreifen.



In der Nacht gelang es den CSA-Korps Walker, Hood und Buckner sowie Forrests Kavallerie, den Bach zu überqueren, ohne daß es die Unionstruppen bemerkten. Erst mit dem Morgenlicht entdeckten Unionssoldaten von Brannans Division aus dem XIV. Korps eine Brigade von Walkers CSA-Korps vor sich. Unionsgeneral Thomas glaubte, die CSA-Brigade sei die einzige auf der Westseite des Flusses, und befahl Brannans Division anzugreifen. Der Kampf wogte den ganzen Tag und ging unentschieden aus. Offenes Gelände gab es lediglich auf zwei Feldern (Kelly's Field und Poe's Field) rechts von Brannans Unionsdivision, ansonsten waren die Verhältnisse derart kompliziert, daß die CSA-Kommandeure eine fast 4 Kilometer breite Lücke zwischen dem XIV. und dem XXI. Korps gar nicht bemerkten.


In der Nacht zum 20. September konzentrierte Unionsgeneral Rosecrans das XIV. und XXI. Korps auf einer hakenförmigen Linie vor den beiden Feldern, die als einzige offen lagen. General Thomas ließ auf dem von ihm behaupteten Kelly's Field Brustwehren aus Baumstämmen errichten. Rosecrans hielt jedoch das XX. Unionskorps ziemlich weit am Steven's Gap zurück, während Grangers Reserve immer noch bei der Kirche, einige Kilometer nördlich davon, verweilte. In derselben Nacht erreichte CSA-General Longstreet das Schlachtfeld und ritt auf der Suche nach General Braggs Hauptquartier durch den dichten Wald. Auf diesem ihm unbekannten Terrain verlor er den Weg. Als er endlich auf Soldaten stieß, die in der dunklen Nacht kein Feuer machen durften, fragte er sie, zu welchem Korps sie gehörten. Als sie mit einer Nummer antworteten, wußte Longstreet, daß er in ein Unionslager gestolpert war. Er wünschte den Soldaten eine gute Nacht und eilte durch den Wald zurück.

Es war sehr spät, als er endlich Braggs Hauptquartier fand, wo er den Oberbefehlshaber wecken ließ. Schon bei seiner Ankunft bemerkte Longstreet die sehr gereizte Atmosphäre im CSA-Lager. Einer seiner Divisionskommandeure, General Sorrell, schrieb später: «Der Ton in der Armee unter den höheren Offizieren war der schlechteste, den man sich vorstellen kann. Für Bragg gab es nur Haß und Verachtung, die fast offen zum Ausbruch kamen.»

 


CSA-General James LongstreetCSA-General Thomas C. HindmanCSA-General John Bell Hood
von links:

CSA-General James Longstreet,


CSA-General Thomas C. Hindman,


CSA-General John Bell Hood

 

 

 

Nach Longstreets Ankunft teilte Bragg seine Armee in 2 «Grand Divisions» (Großdivisionen): Longstreet befehligte die linke Großdivision, die aus Buckners, Hoods und seinem eigenen Korps bestand, Polk die rechte, die sich aus seinem Korps sowie aus denen von Walker und Hill zusammensetzte.

Bragg befahl einen Angriff in «oblique order» (schräger Ordnung), der mit einem Angriff der Division Breckinridge von Walkers Korps sowie der Kavallerie Forrests um 9.30 Uhr beginnen sollte. Ihnen sollten um 10.00 Uhr die Division Cleburne (Korps Polk),um 11.00 Uhr die restlichen Truppen Walkers sowie die Division Stewart (Polk) und um 11.30 Uhr Longstreets gesamte Großdivision folgen.

Der Anfang war gut, denn Forrest und Breckinridge griffen die am weitesten links stehende Unionsdivision Baird am Ende der hakenförmigen Unionslinie an und drohten, die Linie einzudrücken. Die Antwort der Unionsarmee war jedoch ebenbürtig: Negleys Division wurde von Poe's Field herangeholtund gegen Breckinridges CSA-Division geworfen, während die in Reserve stehende Unionsdivision Wood auf Poe's Field befohlen wurde. CSA-General Polk verzögerte seinen Angriff, so daß die Koordinierung nicht, wie geplant, zustande kam.

Wäre es nicht zu einer schrecklichen und schließlich tragischen Verwirrung gekommen, hätten die Unionslinien standgehalten. In den vordersten Linien der rechten Unionsseite von Kelly's Field bis zum Farmhaus der Witwe Glenn auf einem einsamen Hügel hinter der Landstraße Lafayette - Rossville standen (von Süden nach Norden) die Divisionen Sheridan, Wood, Brannan und Reynolds. Das Zentrum, von Reynolds' Division bis zum Nordende von Kelly's Field, hatte die Hauptlast des Kampfes zu tragen, und General Thomas rief oft nach Verstärkung. General Rosecrans aber verlor die Übersicht über die Reihenfolge der Divisionen - oder bekam vielleicht die falsche Meldung, Brannan habe seine Division aus der Reihe zurückgezogen. Wie es auch gewesen sein mag: Um 11.00 Uhr erhielt General Wood von Rosecrans' Adjutant den Befehl, «zu Reynolds aufzuschließen». Wood fand den Befehl rätselhaft, mußte seine Division jedoch aus der Linie herausziehen und sie hinter der Brannans nach links bringen. Da Sheridan keinen Befehl hatte, zu Brannans Division aufzuschließen, entdeckte er die riesige Lücke zu spät.

Aber CSA-General Longstreet hatte sie schon bemerkt. Die Lücke bildete sich gerade zu der Zeit, als er angreifen sollte - und er warf seine 3 Korps wie einen Rammbock in die Bresche. Damit wurden die Unionsdivisionen Sheridan und Davis auf dem äußersten rechten Unionsflügel sowie die Unionskavalleriebrigade Wilder völlig isoliert. Sie waren zahlenmäßig weit unterlegen. Longstreets Truppen drangen direkt nach Norden vor, drängten Brannans Division zurück, und bogen das südliche Ende der Unionslinie nach innen und zerschlugen die Unionsdivisionen Wood, Negley und Van Cleve. Sheridan und Davis versuchten, dem Angriff etwas von seiner Wucht zu nehmen, waren aber nicht mehr dazu imstande und wurden zum Rückzug über den Missionary Ridge gezwungen. Der schockierte und verwirrte Rosecrans war überzeugt, daß die Schlacht schon verloren sei. Er ergriff hinter Sheridan und Davis die Flucht. Crittendens und McCooks Korps schlossen sich an.

Völlig vergessen wurde Unionsgeneral George Thomas - jetzt der einzige Korpskommandeur der Union auf dem Feld! Thomas war ein hartnäckiger Mann, seine Truppen waren gut organisiert, und um 13.00 Uhr hatte er sie auf einer zumindest vorläufig haltbaren Linie konzentriert. Unionsgeneral Granger, dessen Reservekorps immer noch ohne Befehl im Norden des Feldes stand, schickte aus eigenem Antrieb Thomas 2 Divisionen zu Hilfe. Die erste kam um 14.30 Uhr an, in dem Moment, als Longstreet erneut einen Angriff auf den rechten Unionsflügel eröffnete. Der Angriff schlug fehl, die Unionslinien hielten stand. Longstreet sammelte seine Korps ein weiteres Mal und unternahm um 16.00 Uhr einen letzten Versuch, die Unionslinien zu durchbrechen, abermals ohne Erfolg.

 

 

US-General Georg ThomasUS-General Thomas J. Wood CSA-General Nathan B. Forrest
von links:

US-General Georg Thomas


US-General Thomas J. Wood


CSA-General Nathan B. Forrest, ohne militärische Ausbildung,
galt er als großes militärisches Talent.






Zu Thomas' großer Überraschung erschienen um 19.00 Uhr Unionsgeneral Philip Sheridan mit seiner Division sowie die Division Davis wieder auf dem Feld! Sie waren über die Landstraße von Rossville zurückgekehrt - wahrscheinlich auf Drängen des kämpferischen Sheridan. Thomas bekam von Rosecrans Befehl, sich über Rossville zurückzuziehen; den Nachtmarsch seines Korps deckten Davis und Sheridan. CSA-General Bragg befahl keine Verfolgung - ein schwerer Fehler, den nur Kavalleriegeneral Forrest damals erkannte.

Von diesem Tag an wurde Unionsgeneral Thomas der «Fels von Chickamauga» genannt. Seine mutige Verteidigung machte ihn über Nacht berühmt, was bald wichtige Folgen für ihn haben sollte.

Feierten die CSA-Generale in dieser Nacht ihren großen Sieg? Im Gegenteil: Schon nachmittags hatte sich Bragg in sein Zelt zurückgeschlichen und war ins Grübeln geraten, weil die Schlacht nicht genau nach seinen Vorstellungen abgelaufen war! Ab 15.00 Uhr lehnte er es ab, sich weiter mit der Schlacht zu befassen; Longstreet und Polk befehligten nach den von ihnen erkannten Notwendigkeiten. Am Abend versuchten die Generale, Bragg Bericht zu erstatten, doch der wollte sie nicht empfangen. Schließlich erhob er sich doch vom Bett, um die Berichte entgegenzunehmen. Polks Adjutant, General Gale, beschrieb die Szene: «General Polk versuchte ihn mit Nachdruck von der Tatsache zu überzeugen, daß der Feind geschlagen wurde und eilig vom Feld floh ... Es war unmöglich, General Bragg zu dieser Ansicht zu bringen,und er weigerte sich zu glauben, daß wir einen Sieg errungen hatten. » Der Historiker Stanley Horn bemerkt mit Recht dazu: «Ein Sieg, der nicht erkannt wird, ist ebenso unprofitabel wie ein Sieg, der nicht errungen wird.»

Die Statistik der Schlacht von Chickamauga ist äußerst verwirrend, weil die exakte Zahl der konföderierten Kombattanten nie bekannt geworden ist. In den Schluchten des Tals wurden nicht alle Leichen aufgefunden. Fest steht, daß trotz des verheerenden Angriffs Longstreets die Unionstruppen weniger Verluste hatten als die Konföderierten. Die CSA-Verluste lagen zwischen 17.000 und 18.000 Mann, die der Unionsseite bei 16.000 Mann. Berichtet wird, daß CSA-Oberbefehlshaber Bragg die Schilderungen vom Rückzug der Unionsarmee, die er von seinen Generalen hörte, nicht akzeptierte und sich an einen alten, erfahrenen Soldaten wendete.
Als dieser den Rückzug bestätigte, fragte Bragg scharf und mißtrauisch: »Wissen Sie überhaupt, wie ein Rückzug wirklich aussieht?«
Der alte Soldat antwortete unerschrocken:
»Das muß ich schließlich wissen, General, denn ich bin während Ihrer ganzen Kampagne bei Ihnen gewesen.«

 

 

Die Schlacht von Chattanooga



(Lookout Mountain und Missionary Ridge) 24./25. November 1863

Die damalige Kleinstadt Chattanooga am Tennessee River war von Bergen umgeben. Die wichtigen Eisenbahnen und Landstraßen- mit Ausnahme des langen Umwegs über Bridgeport zur Eisenbahnstation Stevenson, wo die Bahn von Murfreesboro einlief - waren die Stellungen auf den Bergen kontrollierbar. Als Unionsgeneral Rosecrans den Hauptteil seiner Armee nach Chattanooga zurückzog, beging er einen schweren Fehler. Er schickte eine einzige Division nach Bridgeport, um seine Versorgungslinie zu sichern, und ließ sich von Braggs Armee einschließen.

CSA-General Bragg hatte sich wieder gefaßt und seine Armee auf dem Lookout Mountain und dem Missionary Ridge verteilt, wo sie eine ausgezeichnete Übersicht über die Stadt hatten. Trotz verschiedener Angriffe der CSA-Kavallerie und der Wegnahme Hunderter Pferdewagen gelang es Braggs Armee nie, die Verbindungen der Union völlig zu unterbrechen. Die Lage der Unionsarmee verschlechterte sich jedoch zusehends. Sie hatte keinen Zugang zu Feldern, auf denen sich die Zugtiere sattfressen konnten. Innerhalb weniger Wochen waren die Straßen Chattanoogas mit den Gerippen von 10.000 Pferden und Maultieren übersät, die hier verhungert waren. Die Soldaten hatten bald nichts anderes als Zwieback zu essen. General Rosecrans plante, sich weiter zurückzuziehen.

 

 

Die Regierung in Washington zeigte sich äußerst besorgt. Schon am 21. September, als Rosecrans seine letzten Truppen nach Chattanooga führte, telegrafierte Lincoln an General Burnside, der in Knoxville (Tennessee) eine kleinere Armee befehligte: «Gehen Sie mit Ihren Streitkräften zu Rosecrans, ohne einen Moment zu zögern!» Burnside zögerte weit länger als einen Moment, wahrscheinlich zu Recht - denn wovon hätten noch mehr Truppen im belagerten Chattanooga leben sollen? Der Belagerungsring mußte irgendwie gesprengt werden, aber dazu fehlte es Burnside an Kräften.Präsident Lincoln wollte Chattanooga nicht aufgeben. Bei Jahresbeginn hatte er an Rosecrans geschrieben: «Wenn wir Chattanooga und Osttennessee halten können, muß die Rebellion, so denke ich, zusammenschrumpfen und sterben.»

 

 

Chattanooga, Tennessee

 

Seltene frühe Aufnahme von Chattanooga, Tennessee, vor dem Krieg.

Chattanooga war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und das Tor durch die Appalachen nach Georgia und der Südostküste. Ende September befahl Lincoln, 2 Korps mit 20.000 Mann und 3.000 Pferden von der Potomac-Armee nach Süden in Marsch zu setzen.

Er ernannte General Hooker zu deren Befehlshaber und ließ sie per Schiff nach Bridgeport (Alabama) transportieren, wo sie am 2. Oktober landeten. Von hier aus konnten sie mit der Eisenbahn nach Nashville (Tennessee) fahren und für den Einsatz der Unionsarmee in Chattanooga zur Verfügung stehen.

 

 

 

 

 

Für diese Operation brauchte die Union einen großen Befehlshaber, der Taktiker und Stratege zugleich war sowie alle verfügbaren Truppen in Tennessee zu einer wirksamen Schlagkraft zusammenfassen und mit ihr den Weg nach Chattanooga freikämpfen konnte. Nach diesem General brauchte Lincoln nicht lange zu suchen. Ein Telegramm traf bei Ulysses S. Grant ein und enthielt den Befehl, sich in Louisville (Kentucky) mit General Halleck zu treffen. Am 17. Oktober 1863 kam Grant in Louisville an und wurde von Halleck ganz anders als noch vor einem Jahr empfangen. Durch Befehl vom 16. Oktober hatte der Präsident die Reorgansation der gesamten Westfront vom Mississippi bis Westvirginia festgelegt, die sämtliche Unionstruppen in diesem Gebiet in einem neuen Militärdepartement Mississippi vereinigte. Zum Oberbefehlshaber war General Grant ernannt worden. Halleck informierte ihn vom Wunsch des Präsidenten, einen neuen Befehlshaber für die Armee in Chattanooga zu ernennen. Wen könnte Grant empfehlen?

Ohne Zögern nannte Grant General George Thomas, den «Fels von Chickamauga». Thomas übernahm sein schwieriges Kommando von Rosecrans am 19. Oktober. Er entließ die Generale McCook und Crittenden, deren Korps er zu einem (dem IV.) zusammenfaßte. Zu dessen Kommandeur ernannte er den tüchtigen Kommandeur des Reservekorps, General Gordon Granger. Kurz danach erreichten Hookers Truppen Nashville und bekamen die Aufgabe, die Eisenbahnstrecke nach Stevenson zu verteidigen. Am 21. Oktober erreichte General Grant den Ort Stevenson, wo er sich mit dem entlassenen General Rosecrans traf.Rosecrans schilderte die Lage in Chattanooga sehr sachlich und machte - so Grant - einige vorzügliche Vorschläge ...hinsichtlich dessen, was geschehen sollte. »Ich wunderte mich nur, daß er sie nicht selbst ausgeführt hatte.« Am 23. Oktober traf Grant in Chattanooga ein. Grant und Thomas waren der Meinung, daß zuallererst die Versorgung der Truppen wiederhergestellt werden mußte. Dafür war es notwendig, den kurzen, direkten Weg nach Bridgeport freizukämpfen und zu behaupten.

 

General Joseph Hooker
General Joseph Hooker, hier stehend als Zweiter von rechts

Zu diesem Zweck befahl Grant General Hooker mit seinen Truppen nach Bridgeport und das XIV. Korps (nun unter General Palmer) auf das Nordufer des Tennessee River gegenüber dem Dorf Whitesides östlich von Bridgeport. Hooker sollte seine Truppen auf die Südseite des Flusses bringen und über Whitesides und Wauhatchie nach Brown's Ferry vorrücken.

Wenn Hooker Whitesides hinter sich gelassen hatte, sollte Palmers Korps den Fluß bei dem Dorf überqueren. Diese Operation sollten 1.500 Mann unter General Hazen unterstützen, die auf Brückenpontons flußabwärts bis Brown's Ferry laufen würden. Die Besetzung des Weges nach Bridgeport sollte in der Nacht vom 26. zum 27. Oktober vollzogen werden.


Das Wetter spielte mit: Dichter Nebel lag über dem Fluß. Hazens Truppen ließen sich lautlos vom Strom treiben, überraschten eine CSA-Brigade in Brown's Ferry und vertrieben sie rasch. Hier bildeten die Unionstruppen einen Brückenkopf. Hookers und Palmers Truppen konnten sich ohne nennenswerte Schwierigkeiten anschließen. Bis zur Morgendämmerung des 28. Oktober war der gesamte Weg von Bridgeport nach Chattanooga offen. Nicht nur die Landstraße, sondern auch den Fluß hatte die Union unter ihrer Kontrolle. Man kann sich den Jubel der hungernden Unionstruppen gut vorstellen, als am 30. Oktober der Flußdampfer «Chattanooga» die Stadt, die ihm ihren Namen gegeben, mit ausreichendem Proviant an Bord erreichte. Schon seit Ende September war Unionsgeneral Sherman mit dem XV. und XVI. Korps nach Chattanooga unterwegs. Sein Vormarsch wurde jedoch durch einen Befehl von Halleck verlangsamt: Seine Soldaten mußten unterwegs die Memphis-Decatur-Eisenbahn reparieren, um auch die Versorgung von Burnsides Truppen in Knoxville zu sichern. General Grant wurde ungeduldig, als der November anbrach und Sherman immer noch nicht eingetroffen war. Schließlich erteilte er Sherman einen Gegenbefehl, sofort nach Bridgeport zu kommen und die Reparaturen einer Division aus einer anderen Unionsarmee zu überlassen. Am 15. November trafen Shermans Korps in Bridgeport ein.

Es war typisch für den widersprüchlichen Charakter des CSA Generals Bragg, daß er die Bedeutung der Unionsbewegungen am Fluß und um Chattanooga nicht erkannte. Er fühlte sich in seinen starken Befestigungsanlagen auf dem Lookout Mountain und dem Missionary Ridge derart sicher, daß er keine Einwände gegen die Idee des CSA-Präsidenten Davis hatte, Longstreets Korps nach Norden zu schicken, um eine Vereinigung der Unionstruppen Burnsides mit denen in und um Chattanooga zu verhindern. Davis hatte, wie Grant schrieb, »eine übertriebene Meinung vom eigenen militärischen Genie ... und (glaubte) Aussichten zu haben, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Bei mehreren Gelegenheiten kam er während des Krieges mit seinem überragenden militärischen Genie der Union zu Hilfe.«

 


Tennessee River

US-Transportschiffe auf dem Tennessee River unterhalb Chattanoogas.

Grant bereitete den ersten Angriff auf Braggs Stellungen vor. Er befahl Sherman, am 23. November den Fluß nordöstlich der Stadt zu überqueren und den bislang unbesetzten Tunnel Hill einzunehmen. Von dort aus konnte der rechte Flügel der Konföderierten auf dem Missionary Ridge angegriffen werden. Die befestigten Linien auf dem Missionary Ridge wurden seit einiger Zeit von' Hardees CSA-Korps gehalten (Hardee war inzwischen zur Tennessee-Armee zurückgekehrt). Die konföderierten Linien zwischen dem Missionary Ridge und dem Lookout Mountain wurden von einem Korps unter dem erst kurz zuvor zum Korpskommandeur ernannten General Breckinridge verteidigt.

Sobald Sherman den Fluß überquert hatte, sollte Hooker von Brown's Ferry aus den linken Flügel des Gegners angreifen. Diesmal aber warf das Wetter den Plan durcheinander, denn schwere Regenfälle hatten den Flußpegel beträchtlich steigen lassen. Sherman mußte den ganzen 23. November mit der Suche nach einer Überquerungsmöglichkeit und mit der Überquerung selbst zubringen. Am 24. November bezogen Hookers Truppen bei Sonnenaufgang neue Stellungen am Nordende des Lookout Mountain.

Erst am frühen Nachmittag des 24. November griffen Sherman und Hooker an. Der Zeitverzug hatte CSA-Genoral Hardee die Gelegenheit gegeben, eine Division weiter nach rechts zu verlegen und den Tunnel Hill erfolgreich zu behaupten. Hookers Unionstruppen drangen nur langsam vorwärts. Zwischen den Befestigungslinien des Unionszentrums am Rande von Chattanooga und den CSA-Linien oben am Hang des Missionary Ridgelag ein ziemlich offenes, relativ flaches Gelände mit drei kleinen Hügeln. Grant - vielleicht durch die Verlangsamung der Flankenbewegungen verstimmt -befahl General Thomas, seine Truppen aus den Schützengräben zu bringen und die Einnahme der drei Höhen zu versuchen. Obwohl der Angriff direkt vor den Hauptlinien der Konföderierten ablief, brachte er dank der Geschwindigkeit und der Überraschung den erwünschten Erfolg. Am Ende des ersten Tages der Schlacht von Chattanooga, der als «Schlacht von Lookout Mountain» bezeichnet wird, waren Breckinridges CSA-Truppen vom Nordende des Lookout Mountain zurückgedrängt. Sie zogen sich in Befestigungslinien auf dem Missionary Ridge zurück, während Hardees Korps bessere Stellungen um den Tunnel Hill ausbaute.

Am 25. November sollte Sherman Hardees Linien durchbrechen, während Hookers Truppen das linke Ende der CSA-Linien auf dem Missionary Ridge zu erstürmen hätten. Zwischen Hookers Korps und dem Angriffsziel verlief jedoch der tiefe, vom Regen angeschwollene Chattanooga Creek, und die CSA-Truppen hatten sämtliche Brücken abgebrochen. Am Morgen des 25. November blieb Shermans Sturmangriff erfolglos, und Hookers Infanteristen gelang es erst am Nachmittag, den Bach zu forcieren und die beiden CSA-Divisonen vom Ostufer zu vertreiben. Grant schlug Thomas vor, die Einnahme der ersten Schützengräben auf der steilen Westseite des Missionary Ridge zu versuchen. Dies war kein leichtes Unterfangen: Auf diesem mit Bäumen und Gebüsch bestandenen Hang gab es 3 Verteidigungslinien, die wie 3 Stufen übereinander angelegt waren. Die Truppen der Unionsdivisionen Baird, Sheridan, Wood und Johnson hatten schon lange auf die Gelegenheit zum Angriff gewartet. Um 15.30 Uhr kam der langersehnte Befehl.

Die erste CSA-Linie wurde im Sturm genommen, doch hier unten standen die Unionssoldaten unter dem Feuer aus den höher gelegenen Linien. Kein Unionsinfanterist dachte an Rückzug, doch der Befehl lautete nur, die erste Linie einzunehmen. Hier konnte niemand lange bleiben. Die Soldaten entschlossen sich von selbst, weiter vorzugehen. Bald nahmen sie die zweite Linie ein, aber hier war das Feuer aus dem letzten der 3 Schützengräben genauso schlimm. Und so rückten sie weiter vor. Von seiner Beobachtungsstelle vor Chattanooga verfolgte General Grant erstaunt den Vormarsch der Truppen. Auf seine Frage, wer ihnen das befohlen habe, soll General Thomas geantwortet haben: «Es sieht so aus, als ob sie sich selber befehlen. »Grant brummte, das würde jemanden teuer zu stehen kommen, wenn es schief ginge, ließ Thomas jedoch die übrigen Divisionen nach vorn werfen.

Um 16.50 Uhr erreichten die ersten Unionsbrigaden den Kamm des Missionary Ridge und warfen sich auf die völlig überraschten Truppen von Breckinridges Korps. Da deren Verteidigungslinien etwas hinter dem Hang und niedriger als der höchste Punkt angelegt worden waren, hatten die konföderierten Truppen nicht bemerken können, daß der Gegner die vorderen Linien am Hang erobert hatte. Erschrocken wichen die Konföderierten zurück und liefen in panischer Flucht vor den schier endlosen Wellen der Unionssoldaten davon. Sheridans Division folgte mit solcher Geschwindigkeit, daß sie mehrere CSA-Kanonen erbeuten und viele Gefangene einbringen konnte. Die CSA-Generale Breckinridge und Bragg entgingen nur knapp der Gefangenschaft.

 

 


CSA-General John Breckinridge, der ehemalige Vizepräsident der USA war ein profilierter Politiker,
seine militärischen Talente waren eher bescheiden.

Die Verluste der Union in der Schlacht von Missionary Ridge waren vergleichsweise gering: 5.824 Mann wurden außer Gefecht gesetzt. Die Konföderierten verloren 6.667 Mann. Die Größe des Sieges der Union läßt sich jedoch nicht allein in Zahlen messen. Außer einzelnen Streifzügen und der eigentlich zum Atlanta-Feldzug zu rechnenden Schlacht von Nashville 1864 war der Krieg westlich der Appalachen im wesentlichen zu Ende. Das Tor zur südlichen Atlantikküste stand offen. Dank dem Mut und der Initiative des Generals Grant wurde die in Chattanooga eingeschlossene Unionsarmee intakt gerettet (denn während der Belagerung war kein einziger Unionssoldat Hungers gestorben) und der Plan für den Ausbruch aus Chattanooga erfolgreich durchgeführt. Nicht mehr durch einen unentschlossenen Oberbefehlshaber gehemmt, konnten die Unionssoldaten beweisen, wozu sie fähig waren. Ihr Sturmangriff auf den Missionary Ridge gilt als kollektive Heldentat und eine der größten Leistungen der Kämpfer der Union im nordamerikanischen Bürgerkrieg.

 

 

 

 

 

General Grant

General Grant (links) mit Stabsoffizieren bei der Inspektion von Lookout Mountain nach dem Sieg.

 

Präsident Lincoln übermittelte telegrafisch seinen Dank für den Sieg in Chattanooga, er mahnte Grant jedoch, Burnsides Belagerung in Knoxville durch Longstreets Korps nicht zu vergessen.

Grant schickte Verstärkungen nach Knoxville. Am 6. Dezember wurden die CSA-Divisionen zurückgeworfen und die Belagerung von Knoxville aufgehoben.

CSA-General Longstreet zog sich in die Berge zurück. Später wurde er wieder zu Lees Armee befohlen.

 

 

 

 

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