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VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
DAMALS 10/02, Frauen im Krieg


Frauen im
amerikanischen Bürgerkrieg

 

 

Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) führte nicht nur zur Abschaffung der Sklaverei, sondern veränderte auch die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Die oft mehrjährige Abwesenheit von über drei Millionen Männern prägte die Heimatfront der Süd- wie der Nordstaaten. Frauen übernahmen neue Aufgaben, waren oft Opfer des Krieges - und sie griffen aktiv in diesen ein.

„Vivandieres" wie Marie Tebe (hier ein Foto von 1863) begleiteten Regimenter der Nordstaaten - dekorativ in farbenfrohen Phantasieuniformen. Meist wurden sie von männlichen Verwandten beschützt.

Die Aufgaben, vor denen die Frauen standen, unterschieden sich je nach ihrem sozialen Kontext. In der weißen Oberschicht der Südstaaten etwa übernahmen Ehefrauen abwesender Plantagenbesitzer in der Regel die Verwaltung und damit die Unternehmensleitung und wurden zur Herrin über eine Reihe von Sklaven. Dagegen galt die Hauptsorge von Frauen der Mittel- und Unterschichten dem Familienunterhalt, denn der Sold allein konnte den Wegfall oft mehrerer männlicher Versorger nicht kompensieren.

In den Südstaaten war der Schutz der weißen Frau integraler Bestandteil des Ehrenkodex, der die patriarchalischen Strukturen untermauerte. Der Krieg stellte diese Regeln radikal in Frage, denn die Männer mußten sehr bald erkennen, daß sie auf den aktiven Einsatz der Frauen an der Heimatfront angewiesen waren.

Der Amerikanische Bürgerkrieg war ein Verschleißkrieg mit über 620000 gefallenen Soldaten - und vielen zivilen Opfern. Die Forschung hat ihre Zahl noch immer nicht hinreichend erfaßt, doch steht fest, daß sie primär in den Südstaaten zu finden waren und zahlreiche Frauen und Kinder umfaßten, die aufgrund mangelnder Ernährung und Seuchen an der Heimatfront oder in den Flüchtlingstrecks starben. Frauen nahmen aber auch aktiv am Krieg teil: als Krankenschwester oder Abolitionistin, Kombattantin, Spionin oder schlicht als Bürgerin im Kampf gegen die „Yankee-Okkupation".

Bereits am Vorabend des Krieges hatten sich zahllose Frauen bei den Abolitionisten (der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) engagiert - allen voran Lucretia Mott, Angelina und Sarah Grimke sowie Maria Chapman. Die dabei erworbene Organisationserfahrung setzten sie nach Kriegsbeginn für den Aufbau der U. S. Sanitary Commission (USSC) ein, einer Hilfsorganisation, in der Tausende von Frauen aktiv wurden.

Die Initiative dazu ging von New Yorker Frauenverbänden aus, die sich von der Tätigkeit britischer Frauen im Krimkrieg inspirieren ließen; unter der Leitung von Elizabeth Blackwell, die 1849 als erste Frau den amerikanischen Doktorgrad in Medizin erworben hatte, riefen über 3000 Frauen auf einer Massenveranstaltung kurz nach Kriegsbeginn die Women's Central Association for Relief (WCAR; Kern der USSC) ins Leben. Allerdings: Obwohl Frauen die USSC gründeten und aufbauten, wurden zwei Männer zum Präsidenten bzw. Generalsekretär berufen.

Die USSC koordinierte mehr als 7000 lokale und regionale nordstaatliche Hilfsorganisationen, für die insgesamt über 30 Millionen Dollar gesammelt wurden - hauptsächlich von Frauen. Frauen verteilten Tonnen von Nahrungsmitteln, organisierten die medizinische Versorgung, leisteten Unterstützung bedürftiger Angehöriger von Soldaten und Veteranen und gründeten Hilfsgesellschaften für Flüchtlinge und displaced persons, die zwischen die Fronten geraten waren; es gibt erschütternde Berichte von Mitarbeiterinnen der USSC aus den Flüchtlingslagern, die von der Forschung bisher nur in Teilen ausgewertet wurden. Die USSC inspizierte auch Militärkrankenhäuser, evakuierte verwundete und kranke Soldaten von den Schlachtfeldern, kaufte und verwaltete „schwimmende Hospitäler" und rekrutierte Tausende von Krankenschwestern.

Die bekannteste war der „Engel der Schlachtfelder" Clara Barton, vollständiger Name Clarissa Harlowe Barton, amerikanische Vertreterin des Humanitätsgedankens und Gründerin des Amerikanischen Roten Kreuzes.

Clara Barton wurde am 25. Dezember 1821 in Oxford (Massachusetts, USA) geboren und zu Hause vorwiegend von ihren zwei Brüdern und zwei Schwestern unterrichtet. Zunächst arbeitete Clara Barton als Lehrerin und gründete verschiedene freie Schulen in New Jersey. 1854 nahm sie eine Stelle als Angestellte im Patentamt in Washington D.C. an, gab diese Arbeit jedoch bei Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges auf, um als Freiwillige verwundete Soldaten zu versorgen. Nach dem Krieg leitete sie eine Suchaktion nach vermissten Soldaten.

Von 1869 bis 1873 lebte Clara Barton in Europa, half dort während des Deutsch-Französischen Krieges bei der Einrichtung von Hospitälern und wurde für ihren Einsatz von Deutschland mit dem Eisernen Kreuz geehrt. Es ist Clara Bartons Anstrengungen zu verdanken, dass 1881 das Amerikanische Rote Kreuz gegründet wurde, als dessen erste Vorsitzende sie bis 1904 fungierte. 1884 vertrat Clara Barton die Vereinigten Staaten auf der Rotkreuzkonferenz und auf der internationalen Friedenskonferenz in Genf.

 

Das dort verabschiedete American Amendment geht auf Clara Barton zurück: Mit diesem Zusatz wurde festgelegt, dass das Rote Kreuz sowohl Katastrophenopfern in Friedenszeiten als auch Kriegsopfern Hilfe leisten sollte. Sie selbst überwachte Hilfsaktionen bei der Gelbfieberpest in Florida (1887), der Flutkatastrophe von Johnstown in Pennsylvania (1889), der russischen Hungersnot (1891), bei den Armeniern (1896), im Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898) sowie im Burenkrieg (1899-1902). Die letzte von ihr geleitete Hilfsaktion kam den Opfern der Flutkatastrophe von 1900 in Galveston (Texas) zugute. Clara Barton starb in Glen Echo (Maryland) am 12. April 1912. Sie verfasste mehrere Bücher über das Rote Kreuz sowie das Buch Story of My Childhood (1907).
Manche Frauen führten mit der Regimentsfahne in den Händen sogar Soldaten in den Kampf und wurden als „Töchter des Regiments" ausgezeichnet. Die Frauen der USSC waren ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, und die von den Hilfsorganisationen angestellten Krankenschwestern erhielten lediglich ein Fünftel der Bezahlung des männlichen Krankenhauspersonals.


Das Foto zeigt das Hauptquartier der Gesundheitskommission in Brandy Station/Virginia (1863).

In den Südstaaten existierte mit der Women's Relief Society of the Confederate States (WRSCS) ein Pendant zur USSC, allerdings stand hier eine Präsidentin, Felicia Grundy Porter aus Nashville/Tennessee, an der Spitze. Obwohl deutlich kleiner als die USSC, gelang es der WRSCS mit großem Erfolg, Krankenschwestern zu rekrutieren, die Versorgung bedürftiger Witwen, Waisen und Kriegsversehrter zu organisieren und das Geld für künstliche Gliedmaßen aufzubringen

Eine neue Dimension - sieht man von wenigen Ausnahmen während der amerikanischen Revolution ab - erreichte die aktive Beteiligung von Frauen mit den Kombattantinnen. Nicht zuletzt durch Berichte von USSC- und WRSCS-Mitarbeiterinnen wissen wir, daß es in beiden Armeen Frauensoldaten gab; die Forschung schätzt sie auf etwa 750. Mary Livermore von der USSC vermutete schon während des Krieges, daß etwa 400 Frauen als Männer verkleidet in der Unionsarmee kämpften und etwa 60 von ihnen getötet oder verwundet worden seien. Als erster würdigte Frank Moore in seinem Buch „Women of the War" (1866) diese Frauen; Hunderte als „unbekannt" ausgewiesene Soldatengräber, so seine empirisch nicht zu belegende These, seien die letzte Ruhestätte gefallener Frauensoldaten. In Chickamauga (Tennessee) fand im Spätsommer 1863 eine der verlustreichsten Schlachten des Krieges statt. Nach ihrem Ende sandten Konföderierte eine verwundete und gefangene, als Mann verkleidete Unionssoldatin mit folgendem Begleitschreiben zu ihrer Einheit zurück: „Da die Konföderation im Krieg keine Frauen einsetzt, wird diese, in der Schlacht verwundet, wieder zu Ihnen zurückgeschickt." Allerdings irrte der konföderierte Offizier: Auch in der Südstaaten-Armee kämpften schätzungsweise 350 Frauen.

Die Existenz von Frauensoldaten war bereits während des Krieges kein Geheimnis. Zeitungen berichteten darüber, man debattierte erregt über die Motive der Kombattantinnen, die viktorianisch geprägten sozialen Standards so offen zu verletzen. Nicht zur Debatte standen dabei allerdings ihre Aktivitäten als Soldatinnen; vielmehr würdigte man sowohl während des Krieges als auch danach die Tatsache, daß diese Frauen - als Männer getarnt - in beiden Armeen aktive Funktionen übernommen hatten.

Mit der erstarkenden amerikanischen Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts stieg auch das Interesse an Frauensoldaten. Als die Journalistin Ida Tarbell 1909 beim Kriegsministerium um entsprechende Akten nachfragte, erhielt sie die Auskunft, daß trotz längerer Recherche „keine offiziellen Akten im Kriegsministerium gefunden werden konnten, die spezifisch darüber Auskunft geben könnten, daß jemals Frauen im Militärdienst aktiv geworden" seien; möglich sei allerdings, daß einige Frauen unentdeckt als Soldaten gedient hätten, dazu seien jedoch keine Akten vorhanden. Diese Antwort entsprach nicht den Tatsachen, denn dem Kriegsministerium stand eine sehr genaue Dokumentation aller Bürgerkriegssoldaten zur Verfügung, nicht zuletzt zwecks Überprüfung von Pensionsansprüchen. Darin sind eindeutig Belege für Frauensoldaten vorhanden; in den Entlassungspapieren finden sich etwa Vermerke wie „sexual incompatibility" oder „proved to be a woman”. In der offiziellen Akte von Mrs. S.M. Blaylock vom 26. North Carolina Infanterie-Regiment heißt es: „Diese Dame kleidete sich in Männersachen, meldete sich freiwillig, erhielt ein Kopfgeld” und wurde nach Entdeckung ihrer Identität zwei Wochen darauf wieder entlassen."

Nicht alle Frauensoldaten wurden so schnell entdeckt. Ausführlich dokumentiert sind die Fälle von Sarah Emma Edmonds (seit 1867 verheiratete Seelye) aus Michigan und Albert D. J. Cashier aus Illinois. Seelye erhielt 1886 eine Pension für ihren Militärdienst und die persönliche Anerkennung vom Kriegsminister, sie habe „als ein weiblicher Soldat, der als Gefreiter gedient hat, der Armee wertvolle Dienste geleistet". Die Unterlagen des Kriegsministeriums belegen ferner, daß ein 19jähriger irischer Immigrant namens Albert D.J. Cashier im August 1862 in die Unionsarmee eintrat. Bis zum Ende des Bürgerkriegs nahm er an über 40 Schlachten teil, erhielt dann eine Pension und verbrachte seinen Lebensabend in einem Veteranenwohnheim. Dort stellte ein Arzt 1913 fest, daß Cashier eine Frau war. Die Presse griff den spektakulären Fall auf und befragte ehemalige Mitkämpfer: Sie hatten nichts von der wahren Identität Cashiers geahnt. Cashier starb 1914 in einer Irrenanstalt.


Sarah Emma Edmonds (ein Holzstich von 1869) trat als Frank Thompson in die Unionsarmee ein

Da es auch Kindern und Jugendlichen gelang, Rekrutierungsoffiziere beider Armeen zu täuschen und sich in den Kriegsdienst hineinzuschmuggeln, verwundert es nicht, daß als Männer verkleidete Frauen nicht unbedingt sofort auffielen, zumal kein Identitätsnachweis verlangt wurde. Mit 23 Jahren war das Durchschnittsalter der Soldaten sehr niedrig, wobei im ersten Kriegsjahr die boys, wie sich die 18jährigen selbst bezeichneten, das größte Kontingent stellten.
Wenngleich die Rekrutierungsbestimmungen beider Armeen die Einstellung von Jugendlichen unter 18 Jahren ausdrücklich untersagten, konnte sich ein hochgewachsener, reifer 14- oder 15jähriger gerade in der hektischen ersten Kriegszeit unter die boys mischen und mittels falscher Altersangabe in die Armee gelangen. Begünstigt wurde dies durch den damals wesentlich längeren physischen Reifeprozeß, der erst mit etwa 20 Jahren abgeschlossen war.

Der Umstand, daß bei den jugendlichen Soldaten der Bartwuchs noch fehlte, erleichterte es Frauen, ihre Identität zu verbergen. Frauensoldaten umwickelten ihre Brust mit Stoffbinden, schnitten ihre Haare kurz, trugen falsche Schnurrbärte, entwickelten einen maskulinen Gang, rauchten Zigarren und unterfütterten ihre Uniformen, um stärkere Muskeln vorzutäuschen.
Obschon die Kriegsministerien beider Seiten körperliche Eignungstests forderten, wurde de facto nur auf offensichtliche Handicaps wie Taubheit und Behinderung des Sehvermögens usw. geachtet. Soldaten schliefen meistens in ihrer Uniform, badeten - wenn überhaupt - in ihrer Unterwäsche, wobei diese bis zu sechs Wochen nicht gewechselt wurde. Auch benutzten nicht alle die öffentlichen Latrinen. Der Umstand, daß Hunderte von Frauen unentdeckt bleiben konnten, belegt deren geschlechtsunspezifisches Verhalten: Wer sich zu diesem Schritt entschlossen hatte, zeigte Einsatzbereitschaft, Kampfgeist und Umgangsformen wie die männlichen Kameraden.

General Philip Sheridan wurde einmal Zeuge, wie zwei betrunkene Soldaten aus einem Fluß gerettet werden mußten, was ihre weibliche Identität enthüllte. Er verhörte die beiden persönlich. Die eine empfand er als ausgesprochen „derb", die andere hingegen als anziehend „trotz ihres sonnengebräunten Gesichts". Am häufigsten wurden Frauen enttarnt, wenn sie schwer verletzt wurden oder in den Lazaretten starben. Clara Barton entdeckte bei der Verwundetenpflege mehrere Frauensoldaten, die sie dazu bringen konnte, ihre Identität aufzudecken und die Armee nach der Rekonvaleszenz zu verlassen.
Auch Gefangennahme führte oft zur Aufdeckung des Geschlechts, da durch die Lagerenge und miserable hygienische Bedingungen ein Aufrechterhalten der falschen Identität enorm erschwert - und vielleicht zuweilen auch nicht mehr erwünscht - war. In der reichhaltigen Historiographie zum Amerikanischen Bürgerkrieg finden sich nur gelegentlich Hinweise auf Frauensoldaten. Dabei überwiegt die Auffassung, sie seien Exzentriker gewesen; Bell Irvin Wiley etwa hat sie in seinem Standardwerk als „Freaks" bezeichnet, „die den Besen mit der Muskete vertauschten". Die Historikerin Mary Elizabeth Massey meinte, es habe sich bei ihnen überwiegend um „Prostituierte oder Konkubinen" gehandelt.


Loreta Velazquez gelang es sogar, bei den konföderierten Truppen als Offizier zu dienen.
Als Leutnant Harry Buford kämpfte sie vor allem in einem Regiment aus Alabama.


Sicherlich waren Frauensoldaten militärisch kaum relevant (mit Ausnahme der Spioninnen). Dennoch sind sie für eine Gesellschaft signifikant, die Frauen mit viktorianischen Prädikaten wie passiv, sittsam, fromm und generell unpolitisch definierte, obwohl viele an der frontier, in der frühen Frauen- oder der Abolitionisten-Bewegung das Gegenteil bewiesen. Erst neuere Forschungen haben die Stereotypisierung der Frauensoldaten als Prostituierte, geistig Gestörte, Lesbierinnen oder Asoziale überwunden.

Im übrigen waren nicht alle Soldatinnen weiß.

 

Die wohl berühmteste Afroamerikanerin des 19. Jahrhunderts, Harriet Tubman,

die bereits vor dem Krieg durch ihre Aktivität in der Fluchthilfeorganisation für Sklaven („Underground Railroad") überregional bekannt geworden war, wurde im März 1862 von Unionsgeneral David Hunter als Spionin und troup guide in South Carolina eingestellt. Sie war an mehreren militärischen Aktionen als Kombattantin beteiligt und dabei noch in der Lage, 750 Sklaven in die Freiheit zu führen. Nach dem Krieg allerdings verweigerten die Behörden ihr trotz ihres Einsatzes eine Pension.

Frauen kämpften nicht nur in regulären Truppenverbänden. In den Südstaaten und speziell in Grenzstaaten (vor allem Missouri) nahmen sie aktiv an Guerillakämpfen und dazugehörigen Versorgungsaktionen teil. Die wohl bekannteste unter ihnen war Nancy Hart aus der Bergregion West Virginias, das sich im Verlauf des Krieges zu den Nordstaaten bekannte. Dagegen leistete sie Widerstand und war dabei so erfolgreich, daß ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt wurde. Bei ihrer Gefangennahme im Juni 1862 schoß sie einen Wachsoldaten an, floh und kehrte mit rund 200 konföderierten Kavalleristen zurück, um eine Gruppe von Unionssoldaten gefangenzunehmen.
Beide Armeen setzten mit großem Erfolg Spioninnen ein. Die Schauspielerin Pauline Cushman brachte es mit ihrer Spionage und Sabotagearbeit hinter den feindlichen Linien in Tennessee bis zum Ehrenrang eines Majors. Elizabeth Van Lew aus Richmond in Virginia, die wie Tubman vor dem Krieg im „Underground Railroad" aktiv gewesen war, wurde bald durch ihre Befreiungsaktionen für Unionssoldaten aus dem berüchtigten Libby-Gefangenenlager in Richmond bekannt. Sie baute einen Spionagering in den Südstaaten auf und plazierte eine befreite Afroamerikanerin sogar als Hausangestellte in der Residenz von Präsident Jefferson Davis. Da in den Südstaaten allgemein angenommen wurde, daß Afroamerikaner Analphabeten waren, konnte sie den Inhalt offen herumliegender Memoranden und Depeschen an die Unionsarmee weitergeben.

Auch die Konföderierten benutzten Frauen als Spioninnen. Die bekannteste von ihnen veröffentlichte 1865 ihre Erlebnisse in dem Memoirenband „Belle Boyd in Camp and Prison" und später auch auf der Bühne. Boyd wurde mehrfach von Unionstruppen verhaftet, und die wohl legendärste Figur der Südstaatenarmee, General „Stonewall" Jackson, dankte ihr in einem persönlichen Schreiben für die „immensen Dienste, die sie ihrem Land geleistet" habe. Der Kodex männlicher Ritterlichkeit hatte zur Folge, daß überführte Spioninnen nicht wie ihre männlichen Kollegen mit Exekution rechnen mußten, sondern eine kurze Zeit im Gefängnis verbrachten und dann zurückgeschickt wurden. Bewußt nutzten sie die ihnen zugeschriebene traditionelle Rolle als Verführerin. Ihre Erfolgsquote war relativ hoch, was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, daß die Männer aufgrund ihres fixierten Frauenbilds nicht annahmen, sie könnten einer subtilen Täuschungsstrategie erlegen sein.

Was waren die Beweggründe dieser Frauen, ihr Leben als Soldatin, in regulären wie auch irregulären Einheiten, oder als Spionin zu riskieren? Wir wissen, daß es bei den Motiven eine große Bandbreite gab. Einige Frauen wollten an der Seite ihrer Männer, Freunde und Geliebten bleiben; andere meldeten sich aus sehr komplexen psychologischen Gründen zum Militärdienst; wieder andere ergriffen die Chance, ihrer gewohnten Umgebung zu entfliehen und das Abenteuer einer männlichen Welt zu erleben. Vor allem weibliche Unterschichtsangehörige sahen - ähnlich wie ihre männlichen Pendants - die Möglichkeit eines geregelten Einkommens; etliche lockte auch das hohe „Kopfgeld" von 300 Dollar, eine für die Zeit substantielle Summe. Patriotismus stellte zweifellos eine wichtige, wenn nicht sogar die zentrale Triebkraft für die Entscheidung zum Kriegsdienst dar. So formulierte Sarah Edmonds stellvertretend für viele andere Kombattantinnen: „Ich kann nur Gott danken, daß ich frei war und vorwärts schreiten konnte und nicht gezwungen war, zu Hause zu bleiben und dort zu weinen."

Der Krieg bot einigen jungen Frauen ungeahnte Möglichkeiten, die Phantasien eines Eindringens in die Männerwelt tatsächlich auszuleben. Neben der aktiven Teilnahme am Kampf als Extremfall weiblicher Kriegsbeteiligung gab es natürlich noch eine sehr große Anzahl von „Armeefrauen": Das konnten Verwandte von Soldaten sein oder etwa Köchinnen und Wäscherinnen, die oft als camp followers bezeichnet wurden und bei denen man häufig unausgesprochen davon ausging, daß sie Prostituierte seien. Der weitaus größte Teil der Frauen wurde gleichwohl nicht im direkten militärischen Kontext des Bürgerkriegs aktiv. Neben ihrer unersetzlichen Betätigung und Fürsorge in Lazaretten und Hilfsorganisationen setzten sie sich auch in anderen tragenden Bereichen der Heimatfront ein.

So führte die mangelnde Nahrungsmittelversorgung in den Südstaaten - nicht zuletzt durch die konsequente Seeblockade der Unionsflotte - zur Bildung neuer Netzwerke und schließlich sogar zu „Brotaufständen";

Im April 1863 etwa riefen verzweifelte Frauen in Richmond zu Plünderungen auf.
(links aus: „Leslie's Illustrated Newspaper", 23. Mai 1863).




Im Norden ersetzten Frauen in großem Umfang Männer im Produktionsprozeß, vor allem in den Fabriken.
So kamen sie erstmalig mit einer Arbeitswelt in Berührung, die sie bisher nur aus Beschreibungen ihrer Männer gekannt hatten. Wie in vermutlich jedem Krieg lernten sie, „ihren Mann zu stehen" - in diesem Fall allerdings innerhalb einer Gesellschaft, die ihnen keine vollen Bürgerrechte zugestand (Frauen erhielten das Wahlrecht erst 1920).

Die Auswirkungen des Amerikanischen Bürgerkriegs auf die Zivilbevölkerung sind in der Forschung längst nicht erschöpfend behandelt worden. Es nimmt daher nicht wunder, daß einer der führenden amerikanischen Sozialhistoriker, Maris Vinovskis, kürzlich die provokante Frage aufwarf, ob denn die Sozialhistoriker den Amerikanischen Bürgerkrieg verloren hätten.

Ein erster Schritt immerhin wurde durch die „Gender History" gemacht, die seit etwa zwei Jahrzehnten die Rolle von Frauen im Amerikanischen Bürgerkrieg untersucht.

 

 

 

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