Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© William C. Davis, •Soldaten des US-Bürgerkrieges 1861-1865•
Dokumentarfotos der Bibliothek des Kongresses und des U.S. Nationalarchivs

Unter Mitarbeit von:
E. Liebe, RAG Militärgeschichte, 85077 Manching

 

Gefangenenlager

Seite 1


 

»Will uns denn keiner ein kleines Wort zukommen lassen, das uns in unseren trostlosen Stunden aufmuntert?« beschwerte sich ein Konföderierter.
»Oh, Gott! Wie schrecklich ist diese Bitterkeit der aufgeschobenen Hoffnung!
So verharren wir, so schleppen sich die langsamen, eintönigen Stunden des Gefangenendaseins hin«.


Dieser einsame Südstaatler stand stellvertretend für die Zehntausende von Männern, die die Strapazen des Lagers, die Gefahren der Schlacht und die schrecklichen Krankheiten und Verwundungen überlebt hatten, nur um einer genauso tödlichen Gefahr in die Hände zu fallen. Die Soldaten beider Seiten zogen mit einer Vielzahl an Hoffnungen und Ängsten in den Krieg. Kaum einer dachte jedoch an den Alptraum der Kriegsgefangenschaft. Keiner, der diese Erfahrung machte, konnte sie jemals vergessen.
Wie bei so vielen anderen Dingen waren Nord und Süd auf die Unterbringung von Kriegsgefangenen gänzlich unvorbereitet. Wie so oft der Fall, führte die mangelnde Vorausplanung zu Tragödien. 1861 existierte kein einziges Militärgefängnis, das mehr als ein paar Dutzend aufsässige Mannschaftsdienstgrade aufnehmen konnte. Selbst nach der Beschießung des Fort Sumter dachten beide Seiten, der Krieg wäre in wenigen Monaten vorbei. Sie trafen daher keine Maßnahmen, um Kriegsgefangene unterzubringen.
Die Freilassung des Majors Anderson samt seiner gesamten Garnison nach der Übergabe des Fort Sumters sah man als eine Selbstverständlichkeit an. Freilich dachte niemand der Unionssoldaten, die das rauchende Fort in einer fast fröhlichen Stimmung verließen, an die Hunderte von Kameraden, die über Tausend Meilen weiter westlich seit zwei Monaten in Gefangenschaft lebten. Und die konföderierten Regierungsstellen wußten immer noch nicht, was sie mit ihnen anfangen sollten.
Am 18. Februar 1861 übergab Generalmajor David E. Twiggs den Militärbezirk Texas an die Konföderierten. Laut Vereinbarung durften die 2648 Berufssoldaten der US Army ihre Waffen und Ausrüstung behalten und ungehindert den Staat verlassen. »Sie sind unsere Freunde« hieß es in der konföderierten Bekanntmachung, die die Texaner zur Ritterlichkeit gegenüber den Yankees aufrief: »Sie haben bisher unserem Volk allen in ihrer Macht stehenden Schutz geboten, und wir schulden Ihnen den größten Dank«.


Für den gefangenen Soldaten war der erste Halt auf dem Weg ins Lager eine Sammelstelle hinter der Front.
Hier werden gefangene Südstaatler in der Nähe von Belle Plain, Virginia gesammelt.

Sofort setzte jedoch Verwirrung ein. Die Behörden fürchteten die große Anzahl bewaffneter Unionssoldaten. Transportschiffe für die Verlegung vom Golf von Mexiko nach Norden wurden verzögert. Dann wurde entschieden, daß Twiggs Männer erst gehen dürften, wenn ein Versuch gemacht worden war, sie für den konföderierten Dienst zu rekrutieren. Besondere Rekrutierungsoffiziere wurden entsandt, darunter Oberst Earl van Dorn. Als van Dorn das Kommando in Texas übernahm, wurde die Einstellung der konföderierten Regierung vollkommen revidiert.

Die Vereinbarung wurde rückgängig gemacht und die rund 1´600 noch verbliebenen Yankee-Soldaten als Gefahr gesehen. »Offiziere und Mannschaften sollten als Kriegsgefangene betrachtet werden« lauteten die Befehle van Dorns. Die Befehle ergingen am 11. April - zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Armeeführung zum Angriff auf Fort Sumter entschloß. Die Yankee-Offiziere wurden auf Ehrenwort entlassen und nach Hause geschickt, aber die Unteroffiziere und Mannschaften verbrachten die nächsten beiden Jahre in texanischen Gefangenenlagern. Glücklicherweise brachte der Rest des Jahres 1861 nur wenige Kampfhandlungen. Außer nach der ersten Manassas-Schlacht im Osten und bei Wilson's Creek in Missouri, gerieten nur wenige Soldaten in Gefangenschaft. Nach dem Manassas-Fiasko waren den Konföderierten lediglich 1´100 US-Soldaten und den Unionstruppen nur etwa ein Dutzend Rebellen in die Hände gefallen. In Missouri gab es nur etwa 200 Kriegsgefangene auf beiden Seiten. Solche Zahlen waren übersichtlich und überforderten die Versorgung nicht. Mit größeren Gefangenenzahlen rechnete immer noch niemand, geschweige denn, wie man sie unterbringen und versorgen konnte.

Tatsächlich brauchte es einige Zeit, bis Lincoln die gefangenen Konföderierten überhaupt als Kriegsgefangene betrachtete. Nach seiner Ansicht war der Süden immer noch Teil der Union und rebellierte gegen die rechtmäßige Regierung. Er betrachtete daher die Konföderierten als Verräter, die kein Anrecht auf Behandlung als Kriegsgefangene verdienten.
Nach der Manassas-Schlacht errichteten die Regierungen beider Seiten noch keine Gefangenenlager und beschäftigten sich stattdessen mit politischen Hinhaltetaktiken. Lincoln wollte die gefangenen Konföderierten als Verräter vor Gericht stellen, wobei die Strafe nur zu bekannt war. Jefferson Davis gab daraufhin bekannt, er würde für jeden gehängten Südstaatler einen gefangenen Yankee hinrichten lassen. Lediglich der erhebliche öffentliche und politische Druck brachte Lincoln von seinem ursprünglichen Plan ab und veranlaßte ihn, die Südstaatler als Kriegsgefangene zu betrachten. In der Zwischenzeit füllte ein kleiner aber stetiger Zuwachs an Gefangenen die improvisierten Gefangenenlager.

Nach der Gefangennahme standen die Soldaten oft stundenlang in Sammelstellen, umringt von Wachen, während Offiziere ihre Namen und Einheiten festhielten. Von der Militärpolizei wurden Marschbefehle für die Überführung der Gefangenen in die hinter den Linien errichteten Zwischenlager ausgestellt und schon waren die Gefangenen auf dem Weg. Wenn sie Glück hatten, wurden sie mit der Eisenbahn oder per Schiff transportiert, doch mit der Zeit wurden diese Transportmittel dringend anderweitig gebraucht und die Gefangenen mußten marschieren.

Wie diese Konföderierten wurden die Gefangenen dann in Durchgangslager wie Point Lookout in Maryland verlegt, wo sie erfaßt und auf die Gefangenenlager verteilt wurden.

Diejenigen, die gefahren wurden, fanden es nicht unbedingt angenehm. Leutnant Alonzo Cooper von der 12. New York-Kavallerie wurde am 20. April 1864 hei Plymouth in Nordcarolina gefangengenommen und mußte bis zur Eisenbahn bei Tarboro einige Tage marschieren. Dort wurden die Gefangenen in Waggons gedrängt, die vom letzten Viehtransport noch vor Dreck starrten; 40 Mann pro Waggon.

»Es war, als ob man in einem Viehstall lag«, beschwerte sich Cooper. Es sollte jedoch noch schlimmer kommen: »Jetzt begannen wir zu spüren, was nur geringe oder gar keine Verpflegung bedeutet«. Während einige der Wachen und örtlichen Zivilisten Nächstenliebe und Fürsorge zeigten, schlugen andere Profit aus der mißlichen Lage. Cooper mußte zehn Dollar für neun belegte Brote für sich und seine Kameraden hinblättern. Später nahm man ihm fünf Dollar für eine Pastete ab. »Zu diesen Preisen würde selbst ein Millionär bald im Armenhaus landen« schrieb er. Wenn Verpflegung ausgegeben wurde, bestand diese hauptsächlich aus weichem Brot und verdorbenem Speck. In den folgenden Tagen sollte für manchen selbst diese Verpflegung zur Delikatesse werden.

Im rückwärtigen Gebiet steckte man die Gefangenen in Zwischenlager wie Point Lookout, Maryland oder das später so berüchtigte Libby-Gefängnis in Richmond. Von dort wurden sie tief ins Landesinnere verlegt. In jedem neuen Lager wurden die Namen der Gefangenen mit der Ladeliste wie Frachtstücke verglichen.
Zu Beginn des Krieges machten sich die Gefangenen noch keine große Gedanken über ihre Zukunft, selbst wenn beim Anblick der umgebauten Lagerhäuser oder eingezäunten Zeltlager oft ein mulmiges Gefühl entstand. Sie glaubten, bald wieder entlassen zu werden. Bis zur Manassas-Schlacht war es üblich gewesen, die Gefangenen auf Ehrenwort zu entlassen. Man verließ sich darauf, daß sie solange nicht mehr zur Waffe greifen würden, bis sie offiziell »ausgetauscht« waren. Der Austausch von Gefangenen war ein alter Brauch. Auf Ehrenwort entlassene Gefangenen blieben zu Hause, obwohl sie immer noch dem Militärrecht unterworfen waren. Kämpfen durften sie erst wieder, wenn sie formell gegen eine gleiche Anzahl auf Ehrenwort entlassener feindlicher Gefangener ausgetauscht wurden. Wer vor dem Austausch wieder zur Waffe griff und geschnappt wurde, mußte mit harter Bestrafung, ja mit dem Tod rechnen.

Brigadegeneral (Brevet Brigadier-General) William H. Hoffmann,
Chef des Gefangenenwesens der Union (rechts), hier vor seinem Dienstsitz in Washington, D.C., schuf sich einen Ruf als schneller und effizienter Organisator von extremer Sparsamkeit

Für die bei Manassas gefangenen Yankees gab es deshalb ein böses Erwachen, als sie mehrere Monate in Gefangenschaft verbringen mußten. Lincolns Weigerung, die gefangenen Konföderierten als Kriegsgefangene anzuerkennen, verhinderte jeglichen Gefangenenaustausch.

Der US-Präsident befürchtete, daß Verhandlungen einer Anerkennung der Regierung in Richmond gleichkämen, was ernste diplomatische Folgen nach sich ziehen könnte. Nur unter erheblichem Druck bestimmte Lincoln letztendlich General John Dix, ein geregeltes Gefangenen-Austauschprogramm mit dem Süden auszuhandeln. Diese Vereinbarung beruhte auf einem 1813 mit den Engländern ausgehandelten System, das den Austausch von Mannschaften und Offizieren nach Dienstgraden regelte. Ein Unteroffizier konnte gegen zwei Gemeine, ein Hauptmann gegen zwei Leutnants, ein Generalmajor gegen 30 Soldaten ausgetauscht werden, und so weiter. Falls nicht genug Männer zum Austausch auf der einen oder anderen Seite zur Verfügung standen, wurde der Überhang auf Ehrenwort entlassen, bis geeignete Bedingungen vorhanden waren. Hätte dieses System funktioniert, hätte man sich die großen Gefangenenlager sparen können.

Doch es funktionierte nicht. Beide Seiten waren auf den notwendigen Verwaltungsaufwand gänzlich unvorbereitet. Einige Generale glaubten außerdem, das System würde die Moral der Truppe schädigen, da es die Männer dazu ermuntere, sich gefangennehmen zu lassen, um anschließend nach Hause zu kommen. In den ersten Monaten klappte es noch einigermaßen, dann fiel das Programm zusehends auseinander. Beide Seiten beschuldigten sich des Vertragsbruchs. Nachdem 1863 auch schwarze Soldaten zur Debatte standen, weigerten sich die Konföderierten, diese gleichrangig anzuerkennen. Jetzt brach das Austauschprogramm vollends zusammen.
Selbst als es noch funktionierte, kam es auf beiden Seiten zu gewollten Verzögerungen. Im Oktober 1861 wurde Oberst William H. Hoffmann zum Chef des US-Kriegsgefangenenwesens ernannt. Seine Hauptaufgabe bestand darin, über die Anzahl der Gefangenen Buch zu führen, Austausche vorzunehmen, die im Süden gefangenen Unionssoldaten unter Waffenstillstands-Vereinbarungen zu versorgen und die Lager für die gefangenen Konföderierten zu verwalten. Hoffmann war bewundernswert effizient in dieser Aufgabe, voller Tatkraft und Geschick. Er gründete das erste speziell angelegte Kriegsgefangenenlager auf der Johnson-Insel im Erie-See in der Nähe von Sandusky, Ohio. Ein Wesenszug Hoffmanns sollte den kriegsgefangenen Südstaatlern jedoch noch erheblich zu schaffen machen - seine spartanische Sparsamkeit.
Das Lager auf Johnson's Island sollte 1´000 Gefangene aufnehmen. Seine Unzulänglichkeit - und die des Systems von Hoffmann - zeigte sich schon zwei Wochen nach der Eröffnung, als im Februar 1862 nach dem Fall von Fort Donelson über 15´000 Gefangene anfielen. Allein die Gefangenen aus diesem einen Gefecht erzwangen die Errichtung von vier Ersatzlagern in Indiana, Illinois und Ohio; von den überbelegten Gefängnissen ganz zu schweigen. Nach dem Zusammenbruch des Austauschsystems im Mai und Juli 1863 kam Hoffmann völlig außer Tritt. Er konnte die rapide ansteigende Anzahl von Gefangenen nie mehr vollständig bewältigen.

Südlich des Potomacs war die Lage noch dramatischer. Hier kümmerte sich Brigadegeneral John H. Winder um das Gefangenenwesen. Der 61jährige aus Maryland befehligte zu Beginn des Krieges die Richmonder Militärpolizei. Seine Befugnisse wuchsen, bis er am 21.11.1864 zum Chef des Kriegsgefangenenwesens ernannt wurde. Während Hoffmann sich seine Sparsamkeit selbst auferlegte, hatte Winder keine andere Wahl. Er errichtete einige neue Lager, darunter Camp Sumter in der Nähe von Andersonville, Georgia. Aber die meisten Yankeegefangenen wurden dort hineingestopft, wo sie gerade Platz fanden, ob auf einer kahlen Insel im James-Fluß oder in Libby's Tabaklager in Richmond. Wie Hoffmann wollte Winder den Gefangenen das Leben nicht künstlich erschweren, aber gelitten haben sie trotzdem.
Die dreckigen, unhygienischen Gefangenenlager voller Ungeziefer waren für die Insassen ein Martyrium. »Es ist nutzlos, diesen Platz zu beschreiben« sagte ein Soldat aus Alabama, der im Fort Delaware eingekerkert war; »ein anständiges Schwein würde mit Entsetzen darüber die Nase rümpfen«.


Anfangs blickten die Gefangenen noch fröhlich und ausgelassen drein, wie diese Yankees 1861 im Gefängnis von Castle Pinkney


Wanzen bewohnten jede Matratze und jede dunkle Ecke. Die Konföderierten im Old Capitol Gefängnis Washingtons veranstalteten gelegentlich regelrechte Treibjagden in Gruppen und richteten »ein wahres Schlachtfest an«. Die Wanzen ließen sich aber nicht ausrotten, und die Rebellen folgerten »sie müssen auf der anderen Seite rekrutieren, wie die Yankee-Armee, da wir keine Verminderung der Stärke feststellen können«. Ein Kriegsgefangener aus Rhode Island staunte: »Das Ungeziefer war so zahlreich, daß die Jungs behaupteten, sie würden in Regimentern exerzieren«.

Am schlimmsten waren die Flöhe. »Die Viecher krabbelten über den Boden von Körper zu Körper«, schrieb ein New Yorker, »und ihre Angriffe schienen kühner zu werden, je abgemagerter die Männer waren«. Bei Tage konnten sie aufgespürt und getötet werden, aber in der Dunkelheit hatten die Männer keine Chance. »Wir jagten sie dreimal täglich aber konnten sie nicht besiegen«, schrieb John Adams aus Massachusetts. »Sie vermehren sich sehr schnell und die Urenkel wurden 24 Stunden nach dem ersten Angriff geboren«.

Das ständige Reiben und Kratzen verschliss die ohnehin schäbige Bekleidung der Soldaten vollends. Viele kamen bereits in Lumpen im Gefängnis an. Einige Monate im feuchtheißen Klima des Südens genügten, um die Fasern der Uniformstoffe verrotten zu lassen. Vielen blieb nichts anderes übrig, als Toten die Kleider abzunehmen, samt Ungeziefer. Doch die mit Lumpen behängten Nordstaatler hatten es, zumindest in diesem Punkt, im milden Klima des Südens besser als die Rebellen, die den kalten Winter in nördlichen Gefängnissen durchstehen mussten. Hoffmann erkannte das Problem, löste es jedoch in seiner typischen, extrem sparsamen Art. Er ließ fehlerhafte Unionsuniformen verteilen, die nicht durch die Abnahme gekommen waren. Damit versorgte er so viele Gefangene wie möglich, wobei er für die meisten zusätzliche Decken beschaffte.
Die Essensausgabe war die einzige und wichtigste Ablenkung im öden Alltag. Das Fleisch war jedoch meist verdorben, das Brot voller Maden und verschimmelt. Die Mengen reichten oft gerade noch aus, um den Appetit anzuregen, satt machten sie kaum einmal. Ein Soldat aus Südcarolina beschrieb seine Tagesrationen folgendermaßen: 1/4 1 »Spülwasser«-Kaffee zum Frühstück, 1/4 1 »Fettwasser«-Suppe als Mittagessen, dazu ein 75-100g großes Stück Fleisch. Er erlebte, »daß große, stämmige Männer nachts in ihren Zelten liegen und wie Säuglinge vor Hunger jammern«.

Das Old Capitol-Gefängnis von Washington gehörte zu den unzähligen Zivilgebäuden,
die zur Verwahrung von Kriegsgefangenen umgebaut wurden

Die Gefangenen waren auf der Suche nach Fleisch jeder Art, ob Hund, Katze, Vogel oder Ratte. »Wir stellen Rattenfallen auf und die Gefangenen essen jede, die sie kriegen können« schrieb einer aus Arkansas von der Johnson-Insel. Er selbst aß »einen Haufen gebratener Ratten«, wobei er feststellte, daß diese wie Eichhörnchen schmeckten und »ganz in Ordnung für einen hungrigen Mann« waren.

Bald entstanden Gerüchte, daß man die Gefangenen im Süden verhungern lassen wollte, und diese Behauptung wurde auch nach dem Kriege geäußert. Dies ist jedoch keinesfalls richtig. In der Regel wurden die gefangenen Yankees genauso gut - oder schlecht - verpflegt wie die konföderierten Soldaten im Felde. Als Oberst Hoffmann jedoch von der schlechten Verpflegung in den Lagern des Südens erfuhr, setzte er als Vergeltungsmaßnahme die Rationen herab. Nach dem Krieg konnte er einen Betrag von fast zwei Millionen Dollar an das Schatzamt zurückgeben, den er durch diese Maßnahme erwirtschaftet hatte. Die Qualität des Trinkwassers entsprach der Verpflegung. Es stammte aus verseuchten Brunnen oder Wasserläufen, die vom Lagerabfällen verunreinigt waren. Seuchen und Mangelkrankheiten waren vorprogrammiert. Skorbut trat regelmäßig auf. Zuerst verfärbte sich die Haut, dann fielen die Haare und Zähne aus; die Leute wurden immer schwächer und starben schließlich. Im Lager Elmira bei New York traten in den ersten drei Monaten 1800 Skorbutfälle auf; in Fort Delaware erkrankten über zehn Prozent der Gefangenen daran. Dieses schreckliche Leiden erscheint umso schlimmer, da frisches Gemüse zur Verfügung stand, aber aus Gründen der Sparsamkeit oder der beschriebenen Vergeltungsmaßnahmen nicht ausgegeben wurde. Während Tausende an Skorbut erkrankten, lagen 23000 Dollar Verpflegungsgelder für Gemüse unangetastet in der Haushaltskasse von Fort Delaware.

Im Süden waren die Verhältnisse nicht viel besser. Der Militärarzt Joseph Jones schrieb über Andersonville: »Aufgrund der Überbelegung, der unhygienischen Lebensweise, der schlechten Ernährung und dem entmutigten, deprimierten Zustand ist die Verfassung der Gefangenen derart angeschlagen, daß die kleinste Hautabschürfung von einem drückenden Schuh, aufgrund von Sonnenbrand oder Moskitostichen in einigen Fällen zu einer rapiden und beängstigenden Vereiterung, sogar zum Wundbrand führte«. Alle Lager besaßen nicht gerade vorbildliche Lazarette, aber das von Andersonville spottete jeder Beschreibung. Es bestand aus einer Fläche außerhalb des Lagers, wo die Kranken auf Strohhaufen oder Brettern unter offenem Himmel lagen. Millionen von Fliegen schwärmten über die Kranken und legten ihre Eier in die offenen Wunden. Selbst in Gefängnislazaretten wie Camp Douglas in Illinois lag die Sterblichkeitsrate schon bei sechs Todesfällen pro Tag. In Camp Sumter war sie bedeutend höher.

Überfüllte Gefangenenlager waren die Regel, doch in Camp Sumter bei Andersonville in Georgia herrschten Extremverhältnisse.  33´000 Mann lebten zusammengepfercht auf engstem Raum

Männer, die ihren Feinden mit Gewehr und Bajonett gegenübergestanden hatten, mußten jetzt einen neuen Feind bekämpfen: die Langeweile. Die Tage und Wochen der Gefangenschaft schlichen im Schneckentempo vorüber. Um sich abzulenken und ihr Heimweh zu bekämpfen, schrieben die meisten Gefangenen so oft wie möglich.

Papier war knapp, besonders im Süden, und viele baten ihre Angehörigen um Zusendung von Briefpapier. Die Zensur der Briefe war in einigen Fällen so streng, daß viele Briefe kaum leserlich waren, nachdem die beanstandeten Abschnitte mit Tinte ausgestrichen oder einfach mit einer Schere herausgeschnitten worden waren. Mit der Zeit mußten einige Lagerkommandanten den Briefverkehrt wegen Überlastung der Zensoren einschränken. »Ich konnte ihnen das Schreiben nach Belieben unmöglich erlauben, da die vier Schreiber in der Poststelle unmöglich 2´000 Briefe täglich lesen konnten«, vermerkte der Kommandant von Fort Delaware.

Die Kommandanten konnten den Gefangenen die Ausübung ihrer Religion jedoch nicht verweigern, wobei der Allmächtige viele Anhänger und Bekehrte in den Lagern vorfand. »Oft, wenn ich im Gefängnis herumgehe«, schrieb ein Konföderierter auf der Johnson-Insel, »bete ich das Vaterunser, wobei ich erlebe, daß mein ganzes Bewußtsein sich auf mein künftiges Leben oder mein Erscheinen vor dem Herrn ausrichtet«. Im Elend der Gefangenenlager war der Kontakt mit ihrem Schöpfer für viele Insassen wichtiger denn je. Andere resignierten. Im Lager Sorghum in Südcarolina beobachtete ein Soldat aus New York einige Gefangene, die herumsaßen und »stundenlang vor sich hinstierten mit einem Ausdruck der völligen Entmutigung, mit dem Ellenbogen auf einem Knie und dem Kinn auf der Handfläche, einem abwesenden, leeren Blick in den Augen«. Angesichts ihres Zustandes, der schlechten Verpflegung und Bekleidung, der Überfüllung, des Leidens der Kameraden und der dauernden Gegenwart des Todes gaben viele Männer einfach ihre Hoffnung oder ihren Lebenswillen auf. »Die Leiden des Körpers waren nichts im Vergleich zu denen des Geistes«, schrieb ein Gefangener aus New Hampshire. Unsicherheit, Isolation, Verzweiflung und fehlende Nachrichten von außen »hatten alle eine deprimierende Wirkung auf den Geist, und letztendlich wurden viele verrückt«. Viele gaben einfach auf und starben.

Allein der Aufenthalt im wohlversorgten Hinterland des Gegners brauchte den Gefangenen noch keine Vorteile wie eine ausreichende Verpflegung zu bringen. Camp Douglas bei Chicago hatte eine ziemlich hohe Todesrate.

Anderen half die endlose Plauderei über das Elend hinweg. Neuzugänge - »frische Fische« genannt - wurden rücksichtslos nach Neuigkeiten über den Kriegsverlauf, die Zustände in der Heimat und - noch wichtiger - die Chancen eines Gefangenenaustausches ausgequetscht.

»Es gibt heute Früh eine bemerkenswerte Aufregung wegen Entlassungen auf Ehrenwort« schrieb ein Gefangener von Minnesota aus Andersonville. »aber ich schätze, es ist alles heiße Luft, da seit der Schöpfung noch nie ein so nichtswissender Haufen Männer zusammentraf«. Für jede zerschlagene Hoffnung tauchte bald eine neue auf. Es war alles, an das sie sich klammern konnten.

 

Die Gespräche drehten sich auch um die Bewacher und Kommandanten. Nach dem Kriege wurden zwei Lagerkommandanten mit Denkmälern bedacht, obwohl aus grundverschiedenen Motiven. Einer davon war Oberst Richard Owen, Kommandant von Camp Morton in Indianapolis. Er war so beliebt, daß ehemalige Gefangene nach dem Krieg eine Büste von ihm machen ließen, die sich heute noch im Regierungsgebäude von Indiana befindet. Ebenso beliebt war Oberst Charles Hill, Lagerkommandant auf Johnson's Island, ein »guter Freund der Gefangenen, die ihn alle wegen seines warmen Herzens sehr hoch schätzten«.
Oberst Robert Smith, der Lagerkommandant des konföderierten Gefängnisses von Danville in Virginia soll angeblich so großherzig gewesen sein, daß er zum Alkoholiker wurde, als er den Anblick seiner abgemagerten Schützlinge nicht mehr aushalten konnte.

Es gab jedoch weitaus mehr Kommandanten, die von ihren Gefangenen für die Wiedergeburt des Bösen gehalten wurden. Es war eine verständliche, wenn auch nicht immer gerechte Ansicht und die Gerüchteküche brodelte. So soll Major Allen Brady vom Point Lookout-Gefängnis Gefangene niedergeritten und zertrampelt, Leutnant Abraham Wolf von Fort Delaware sich wie ein wildes Tier aufgeführt oder Richard Turner vom Libby-Gefängnis in Richmond sterbende Männer aus Freude mit den Füssen getreten haben.
Die meisten Geschichtenerzähler hatten höchstwahrscheinlich nie den Kommandant des entsprechenden Lagers gesehen, geschweige denn die beschriebenen Verbrechen. An tatsächlichen Verbrechen bestand jedoch kein Mangel; sie ließen sich hauptsächlich auf die Unfähigkeit der Lagerleitung zurückführen. Es war letztendlich nicht gerade die Art von Verwendung, die verdiente oder fähige Offiziere angelockt hätte. Einige Lagerkommandanten waren einfach weder Felddienst- noch sonstwie tauglich. Oberst Charles W.B. Allison, Kommandant des Camp Chase in Ohio, wurde von einem Inspekteur aus Washington für »gänzlich ohne Erfahrung und in vollkommener Unkenntnis über seine Pflicht« befunden. Außerdem war er »umgeben von der gleichen Sorte«. Der Inspekteur bemerkte zweideutig: »Er ist jedoch Rechtsanwalt, und Schwiegersohn des stellvertretenden Gouverneurs«.

Die Gefangenen mußten allerlei psychologische Feinde bekämpfen,
einschließlich der Langeweile und der Trostlosigkeit des Lagers. Camp Morton, Indiana

Das Wachpersonal war oft noch schlimmer als die Kommandanten. »Wir stehen unter der Miliz«, schrieb ein Gefangener. »und sie ist der verdammteste Haufen, dem ich je begegnete«. Nach den Zeugnissen der Gefangenen handelte es sich bei den Wachmannschaften hauptsächlich um Männer, die für den Felddienst entweder zu alt oder zu jung waren. Die meisten wurden als »die schlimmsten Verbrecher« tituliert.

Hauptmann Wirz von Camp Sumter notierte, daß die Nachlässigkeit und Unfähigkeit seiner Wachen »sich täglich verschlimmert«. Bei der in allen Gefängnissen herrschenden niedrigen Meinung über das Wachpersonal ist es kaum verwunderlich, daß sich bald übertriebene Gerüchte über die Grausamkeit und Brutalität der Schergen verbreiteten.

Die Wachen erschießen grundlos Gefangene, hieß es. Mit der lebhaften Vorstellungskraft der Hilflosen behaupteten die Gefangenen bald, die Wachen würden für die Mißhandlung oder Tötung von Gefangenen eine Belohnung erhalten.Jeder hatte von Suchtrupps gehört, die entkommene Häftlinge mit scharfen Hunden jagten, die sie auf ihre Opfer hetzten. Viele dieser Geschichten waren erfunden, in anderen steckte ein Funken Wahrheit. Sicher ist, daß kein Gefangener seine Wächter übermäßig liebte.

Die zerrissenen Uniformen und müden Blicke dieser im Frühjahr 1865
aus texanischen Lagern entlassenen Unionssoldaten sprechen für sich

Viele Wachen nutzten die Lücken in den Vorschriften, um Gefangene zu schikanieren. »Ein strebsamer Feigling« schrieb ein gefangener Texaner »lieht Autorität, wo er vor Gefahren sicher ist und seine teuflische Natur den Mitmenschen auferlegen kann«. Den Wachmannschaften errichteten ehemalige Gefangenen jedenfalls keine Denkmäler.

Viele Gefangenen warteten die Möglichkeit eines Austausches erst gar nicht ab. »Freiheit wurde höher geschätzt als die Rettung« schrieb ein Yankee, »mehr gesucht als Gerechtigkeit«. Viele entkamen noch vor der Einlieferung in ein Lager. Tausende wagten den Versuch, aus dem Lager zu fliehen. Jedes Gefängnis und Lager erlebte seine Ausbruchsaktionen, von denen viele gelangen. Sie versuchten es allein, zu zweit, in Gruppen oder zu Hunderten. Im Dezember 1864 ereignete sich im umgebauten Lagerhaus von Danville der größte Ausbruchsversuch des US-Bürgerkriegs, der allerdings fast von Anfang an schiefgelaufen ist. Unter der Führung von General Alfred Duffie und Oberst William Raulston planten einige Hundert gefangene Unionssoldaten, ihre Wachen zu überwältigen und die restlichen Kameraden zu befreien. Anschließend wollten sie das konföderierte Nachschublager in Danville zerstören und sich über das Shenandoah-Tal zu den Unionstruppen durchschlagen. Als General Duffie den ersten Wachposten zu überwältigen suchte, konnte dieser jedoch noch Alarm schlagen. Die Wachbereitschaft riegelte das Lagergebäude schnell von außen ab und feuerte einige Warnschüsse ab. Eine verirrte Kugel verwundete Oberst Raulston tödlich. Dieses tragische Ereignis nahm den Gefangenen jede weitere Lust zu fliehen: sie verkrochen sich lieber schnell wieder auf ihre Betten.

Hinter Bretterzäunen entstanden wahre Zelt- oder Barackenstädte, in denen die Gefangenen dicht zusammengepfercht hausten. Hier Elmira, die berüchtigte »Hölle« des Nordens

Andere Unternehmen verliefen erfolgreicher. Für Schlagzeilen sorgte der Ausbruch von General John Hunt Morgan mit einigen seiner Reiter aus dem Staatsgefängnis von Ohio, aber solche Husarenstreiche blieben eher die Ausnahme. Die meisten Gefangenen versuchten nicht einmal, zu entkommen. Ihr angeschlagener Zustand ließ ein solches Unterfangen nicht zu und sie fügten sich in ihr Schicksal. Zu den berüchtigsten Lagern des Nordens gehörte das Camp in der Nähe von Elvira am Chemung-Fluß.
»Wenn es eine Hölle auf Erden gegeben hat«, schrieb ein Texaner, »war das Elvira-Gefängnis diese Hölle«. Es lag schlecht plaziert am Ufer, so daß das schlammige Flußwasser den Platz überschwemmen konnte. Ein brackiger Tümpel blieb zurück, in den die Gefangenen zu allem Überfluß noch ihre Abfälle warfen.

 

Die Wachen ließen sie gewähren, während Hoffmann die Kosten einer Entwässerung prüfen ließ. Nach der Entwässerung bewilligte er einen bescheidenen Betrag, damit die Gefangenen einen eigenen Abwasserkanal bauen konnten. Anderswo zerfielen die Baracken wegen des zum Bau verwendeten grünen Holzes. Hoffmann hatte ein Lager für die Hälfte der zu erwarteten Gefangenenanzahl bauen lassen, weshalb der Rest oft im Freien schlafen mußte. Im Winter drängelten sich 100 Gefangene um einen Ofen und beim Morgenappell ließ man manchmal 1´600 Gefangene barfuß im Schnee stehen. Jeder fünfte Insasse litt an Skorbut; täglich starben zehn Mann an Entkräftung und Krankheiten. Im Oktober 1864 konnte der Lagerarzt den traurigen Erfolg vermelden, daß die Todesrate auf 40 Mann pro Woche gesunken war. Ein Viertel aller Gefangenen von Elmira erlebten das Kriegsende nicht.


Das Gegenstück zu Elmira im Süden war Andersonville. Diese Aufnahme eines Südstaaten Fotografen von 1865 läßt die primitiven, unmenschlichen Bedingungen ahnen

Doch an Camp Sumter, das unter dem Namen Andersonville berühmt-berüchtigt werden sollte, kam auch Elmira nicht heran. Die Konföderierten errichteten es im Frühjahr 1864 bei Andersonville in Georgia, um die überfüllten Lager in Virginia zu entlasten. Ungünstig gelegen und übereilt gebaut, bot das Lager den Insassen nur den Schutz, den sie sich selbst aus den spärlichen Materialien zusammenstückeln konnten.
Aufgrund ihres miserablen Transportwesens konnten oder wollten die Konföderierten das Lager nie ausreichend versorgen. Das einzige Wasser kam aus einem trägen Bach, der gleichzeitig als Trinkwasserquelle, Latrine und Mülldeponie für bis zu 33´000 Gefangene diente. Monatlich stand die Hälfte der Insassen auf der Krankenliste.

 

Andersonville glich eher einem riesigen Lazarett als einem Gefangenenlager, und die Größe des Lagers arbeitete gegen die Insassen. Gemessen an der Belegungszahl entsprach es der fünftgrößten Stadt der Konföderation - gleich hinter New Orleans, Richmond, Charleston und Montgomery. Aber die Insassen mußten zusammengepfercht auf umgerechnet 2,3 qm pro Person dahinvegetieren. Die Geschichten des schrecklichen Leidens, die diesem Lager entstammten, gehören zu den bedrückendsten des gesamten Krieges. Einige sind grob übertrieben, andere frei erfunden, aber die verbleibenden Tatsachen reichen völlig aus, um es als eines der schändlichsten Kapitel (in der Geschichte der Vereinigten Staaten) zu bezeichnen.

 

 

Das Libby-Gefängnis in Richmond samt Wachmannschaft im Jahre 1862.
Zwei Jahre später fand hier der spektakuläre Ausbruch von über 100 gefangenen Unionssoldaten statt.
Derartige Massen-Aktionen blieben aber die Ausnahme

 

 

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