»Will uns denn
keiner ein kleines Wort zukommen lassen, das uns in unseren trostlosen
Stunden aufmuntert?« beschwerte sich ein Konföderierter.
»Oh, Gott! Wie schrecklich ist diese Bitterkeit der aufgeschobenen
Hoffnung!
So verharren wir, so schleppen sich die langsamen, eintönigen
Stunden des Gefangenendaseins hin«.
Dieser einsame Südstaatler
stand stellvertretend für die Zehntausende von Männern,
die die Strapazen des Lagers, die Gefahren der Schlacht und die
schrecklichen Krankheiten und Verwundungen überlebt hatten,
nur um einer genauso tödlichen Gefahr in die Hände zu
fallen. Die Soldaten beider Seiten zogen mit einer Vielzahl an
Hoffnungen und Ängsten in den Krieg. Kaum einer dachte jedoch
an den Alptraum der Kriegsgefangenschaft. Keiner, der diese Erfahrung
machte, konnte sie jemals vergessen.
Wie bei so vielen anderen Dingen waren Nord und Süd auf die
Unterbringung von Kriegsgefangenen gänzlich unvorbereitet.
Wie so oft der Fall, führte die mangelnde Vorausplanung zu
Tragödien. 1861 existierte kein einziges Militärgefängnis,
das mehr als ein paar Dutzend aufsässige Mannschaftsdienstgrade
aufnehmen konnte. Selbst nach der Beschießung des Fort Sumter
dachten beide Seiten, der Krieg wäre in wenigen Monaten vorbei.
Sie trafen daher keine Maßnahmen, um Kriegsgefangene unterzubringen.
Die Freilassung des Majors Anderson samt seiner gesamten Garnison
nach der Übergabe des Fort Sumters sah man als eine Selbstverständlichkeit
an. Freilich dachte niemand der Unionssoldaten, die das rauchende
Fort in einer fast fröhlichen Stimmung verließen, an
die Hunderte von Kameraden, die über Tausend Meilen weiter
westlich seit zwei Monaten in Gefangenschaft lebten. Und die konföderierten
Regierungsstellen wußten immer noch nicht, was sie mit ihnen
anfangen sollten.
Am 18. Februar 1861 übergab Generalmajor David E. Twiggs
den Militärbezirk Texas an die Konföderierten. Laut
Vereinbarung durften die 2648 Berufssoldaten der US Army ihre
Waffen und Ausrüstung behalten und ungehindert den Staat
verlassen. »Sie sind unsere Freunde« hieß
es in der konföderierten Bekanntmachung, die die Texaner
zur Ritterlichkeit gegenüber den Yankees aufrief: »Sie
haben bisher unserem Volk allen in ihrer Macht stehenden Schutz
geboten, und wir schulden Ihnen den größten Dank«.
Für
den gefangenen Soldaten war der erste Halt auf dem Weg ins Lager
eine Sammelstelle hinter der Front.
Hier werden gefangene Südstaatler in der Nähe von Belle
Plain, Virginia gesammelt.
Sofort
setzte jedoch Verwirrung ein. Die Behörden fürchteten
die große Anzahl bewaffneter Unionssoldaten. Transportschiffe
für die Verlegung vom Golf von Mexiko nach Norden wurden
verzögert. Dann wurde entschieden, daß Twiggs Männer
erst gehen dürften, wenn ein Versuch gemacht worden war,
sie für den konföderierten Dienst zu rekrutieren. Besondere
Rekrutierungsoffiziere wurden entsandt, darunter Oberst Earl van
Dorn. Als van Dorn das Kommando in Texas übernahm, wurde
die Einstellung der konföderierten Regierung vollkommen revidiert.
Die Vereinbarung
wurde rückgängig gemacht und die rund 1´600 noch
verbliebenen Yankee-Soldaten als Gefahr gesehen. »Offiziere
und Mannschaften sollten als Kriegsgefangene betrachtet werden«
lauteten die Befehle van Dorns. Die Befehle ergingen am 11. April
- zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Armeeführung zum Angriff
auf Fort Sumter entschloß. Die Yankee-Offiziere wurden auf
Ehrenwort entlassen und nach Hause geschickt, aber die Unteroffiziere
und Mannschaften verbrachten die nächsten beiden Jahre in
texanischen Gefangenenlagern. Glücklicherweise brachte der
Rest des Jahres 1861 nur wenige Kampfhandlungen. Außer nach
der ersten Manassas-Schlacht im Osten und bei Wilson's Creek in
Missouri, gerieten nur wenige Soldaten in Gefangenschaft. Nach
dem Manassas-Fiasko waren den Konföderierten lediglich 1´100
US-Soldaten und den Unionstruppen nur etwa ein Dutzend Rebellen
in die Hände gefallen. In Missouri gab es nur etwa 200 Kriegsgefangene
auf beiden Seiten. Solche Zahlen waren übersichtlich und
überforderten die Versorgung nicht. Mit größeren
Gefangenenzahlen rechnete immer noch niemand, geschweige denn,
wie man sie unterbringen und versorgen konnte.
Tatsächlich
brauchte es einige Zeit, bis Lincoln die gefangenen Konföderierten
überhaupt als Kriegsgefangene betrachtete. Nach seiner Ansicht
war der Süden immer noch Teil der Union und rebellierte gegen
die rechtmäßige Regierung. Er betrachtete daher die
Konföderierten als Verräter, die kein Anrecht auf Behandlung
als Kriegsgefangene verdienten.
Nach der Manassas-Schlacht errichteten die Regierungen beider
Seiten noch keine Gefangenenlager und beschäftigten sich
stattdessen mit politischen Hinhaltetaktiken. Lincoln wollte die
gefangenen Konföderierten als Verräter vor Gericht stellen,
wobei die Strafe nur zu bekannt war. Jefferson Davis gab daraufhin
bekannt, er würde für jeden gehängten Südstaatler
einen gefangenen Yankee hinrichten lassen. Lediglich der erhebliche
öffentliche und politische Druck brachte Lincoln von seinem
ursprünglichen Plan ab und veranlaßte ihn, die Südstaatler
als Kriegsgefangene zu betrachten. In der Zwischenzeit füllte
ein kleiner aber stetiger Zuwachs an Gefangenen die improvisierten
Gefangenenlager.
Nach der Gefangennahme standen die Soldaten oft stundenlang in
Sammelstellen, umringt von Wachen, während Offiziere ihre
Namen und Einheiten festhielten. Von der Militärpolizei wurden
Marschbefehle für die Überführung der Gefangenen
in die hinter den Linien errichteten Zwischenlager ausgestellt
und schon waren die Gefangenen auf dem Weg. Wenn sie Glück
hatten, wurden sie mit der Eisenbahn oder per Schiff transportiert,
doch mit der Zeit wurden diese Transportmittel dringend anderweitig
gebraucht und die Gefangenen mußten marschieren.

Wie diese
Konföderierten wurden die Gefangenen dann in Durchgangslager
wie Point Lookout in Maryland verlegt, wo sie erfaßt und
auf die Gefangenenlager verteilt wurden.
Diejenigen,
die gefahren wurden, fanden es nicht unbedingt angenehm. Leutnant
Alonzo Cooper von der 12. New York-Kavallerie wurde am 20. April
1864 hei Plymouth in Nordcarolina gefangengenommen und mußte
bis zur Eisenbahn bei Tarboro einige Tage marschieren. Dort wurden
die Gefangenen in Waggons gedrängt, die vom letzten Viehtransport
noch vor Dreck starrten; 40 Mann pro Waggon.
»Es
war, als ob man in einem Viehstall lag«, beschwerte
sich Cooper. Es sollte jedoch noch schlimmer kommen: »Jetzt
begannen wir zu spüren, was nur geringe oder gar keine Verpflegung
bedeutet«. Während einige der Wachen und örtlichen
Zivilisten Nächstenliebe und Fürsorge zeigten, schlugen
andere Profit aus der mißlichen Lage. Cooper mußte
zehn Dollar für neun belegte Brote für sich und seine
Kameraden hinblättern. Später nahm man ihm fünf
Dollar für eine Pastete ab. »Zu diesen Preisen
würde selbst ein Millionär bald im Armenhaus landen«
schrieb er. Wenn Verpflegung ausgegeben wurde, bestand diese hauptsächlich
aus weichem Brot und verdorbenem Speck. In den folgenden Tagen
sollte für manchen selbst diese Verpflegung zur Delikatesse
werden.
Im rückwärtigen
Gebiet steckte man die Gefangenen in Zwischenlager wie Point Lookout,
Maryland oder das später so berüchtigte Libby-Gefängnis
in Richmond. Von dort wurden sie tief ins Landesinnere verlegt.
In jedem neuen Lager wurden die Namen der Gefangenen mit der Ladeliste
wie Frachtstücke verglichen.
Zu Beginn des Krieges machten sich die Gefangenen noch keine große
Gedanken über ihre Zukunft, selbst wenn beim Anblick der
umgebauten Lagerhäuser oder eingezäunten Zeltlager oft
ein mulmiges Gefühl entstand. Sie glaubten, bald wieder entlassen
zu werden. Bis zur Manassas-Schlacht war es üblich gewesen,
die Gefangenen auf Ehrenwort zu entlassen. Man verließ sich
darauf, daß sie solange nicht mehr zur Waffe greifen würden,
bis sie offiziell »ausgetauscht« waren. Der Austausch
von Gefangenen war ein alter Brauch. Auf Ehrenwort entlassene
Gefangenen blieben zu Hause, obwohl sie immer noch dem Militärrecht
unterworfen waren. Kämpfen durften sie erst wieder, wenn
sie formell gegen eine gleiche Anzahl auf Ehrenwort entlassener
feindlicher Gefangener ausgetauscht wurden. Wer vor dem Austausch
wieder zur Waffe griff und geschnappt wurde, mußte mit harter
Bestrafung, ja mit dem Tod rechnen.
Brigadegeneral
(Brevet Brigadier-General) William H. Hoffmann,
Chef des Gefangenenwesens der Union (rechts), hier vor seinem
Dienstsitz in Washington, D.C., schuf sich einen Ruf als schneller
und effizienter Organisator von extremer Sparsamkeit
Für
die bei Manassas gefangenen Yankees gab es deshalb ein böses
Erwachen, als sie mehrere Monate in Gefangenschaft verbringen
mußten. Lincolns Weigerung, die gefangenen Konföderierten
als Kriegsgefangene anzuerkennen, verhinderte jeglichen Gefangenenaustausch.
Der US-Präsident befürchtete, daß Verhandlungen
einer Anerkennung der Regierung in Richmond gleichkämen,
was ernste diplomatische Folgen nach sich ziehen könnte.
Nur unter erheblichem Druck bestimmte Lincoln letztendlich General
John Dix, ein geregeltes Gefangenen-Austauschprogramm mit dem
Süden auszuhandeln. Diese Vereinbarung beruhte auf einem
1813 mit den Engländern ausgehandelten System, das den Austausch
von Mannschaften und Offizieren nach Dienstgraden regelte. Ein
Unteroffizier konnte gegen zwei Gemeine, ein Hauptmann gegen zwei
Leutnants, ein Generalmajor gegen 30 Soldaten ausgetauscht werden,
und so weiter. Falls nicht genug Männer zum Austausch auf
der einen oder anderen Seite zur Verfügung standen, wurde
der Überhang auf Ehrenwort entlassen, bis geeignete Bedingungen
vorhanden waren. Hätte dieses System funktioniert, hätte
man sich die großen Gefangenenlager sparen können.
Doch
es funktionierte nicht. Beide Seiten waren auf den notwendigen
Verwaltungsaufwand gänzlich unvorbereitet. Einige Generale
glaubten außerdem, das System würde die Moral der Truppe
schädigen, da es die Männer dazu ermuntere, sich gefangennehmen
zu lassen, um anschließend nach Hause zu kommen. In den
ersten Monaten klappte es noch einigermaßen, dann fiel das
Programm zusehends auseinander. Beide Seiten beschuldigten sich
des Vertragsbruchs. Nachdem 1863 auch schwarze Soldaten zur Debatte
standen, weigerten sich die Konföderierten, diese gleichrangig
anzuerkennen. Jetzt brach das Austauschprogramm vollends zusammen.
Selbst als es noch funktionierte, kam es auf beiden Seiten zu
gewollten Verzögerungen. Im Oktober 1861 wurde Oberst William
H. Hoffmann zum Chef des US-Kriegsgefangenenwesens ernannt. Seine
Hauptaufgabe bestand darin, über die Anzahl der Gefangenen
Buch zu führen, Austausche vorzunehmen, die im Süden
gefangenen Unionssoldaten unter Waffenstillstands-Vereinbarungen
zu versorgen und die Lager für die gefangenen Konföderierten
zu verwalten. Hoffmann war bewundernswert effizient in dieser
Aufgabe, voller Tatkraft und Geschick. Er gründete das erste
speziell angelegte Kriegsgefangenenlager auf der Johnson-Insel
im Erie-See in der Nähe von Sandusky, Ohio. Ein Wesenszug
Hoffmanns sollte den kriegsgefangenen Südstaatlern jedoch
noch erheblich zu schaffen machen - seine spartanische Sparsamkeit.
Das Lager auf Johnson's Island sollte 1´000 Gefangene aufnehmen.
Seine Unzulänglichkeit - und die des Systems von Hoffmann
- zeigte sich schon zwei Wochen nach der Eröffnung, als im
Februar 1862 nach dem Fall von Fort Donelson über 15´000
Gefangene anfielen. Allein die Gefangenen aus diesem einen Gefecht
erzwangen die Errichtung von vier Ersatzlagern in Indiana, Illinois
und Ohio; von den überbelegten Gefängnissen ganz zu
schweigen. Nach dem Zusammenbruch des Austauschsystems im Mai
und Juli 1863 kam Hoffmann völlig außer Tritt. Er konnte
die rapide ansteigende Anzahl von Gefangenen nie mehr vollständig
bewältigen.
Südlich des Potomacs war die Lage noch dramatischer. Hier
kümmerte sich Brigadegeneral John H. Winder um das Gefangenenwesen.
Der 61jährige aus Maryland befehligte zu Beginn des Krieges
die Richmonder Militärpolizei. Seine Befugnisse wuchsen,
bis er am 21.11.1864 zum Chef des Kriegsgefangenenwesens ernannt
wurde. Während Hoffmann sich seine Sparsamkeit selbst auferlegte,
hatte Winder keine andere Wahl. Er errichtete einige neue Lager,
darunter Camp Sumter in der Nähe von Andersonville, Georgia.
Aber die meisten Yankeegefangenen wurden dort hineingestopft,
wo sie gerade Platz fanden, ob auf einer kahlen Insel im James-Fluß
oder in Libby's Tabaklager in Richmond. Wie Hoffmann wollte Winder
den Gefangenen das Leben nicht künstlich erschweren, aber
gelitten haben sie trotzdem.
Die dreckigen, unhygienischen Gefangenenlager voller Ungeziefer
waren für die Insassen ein Martyrium. »Es ist nutzlos,
diesen Platz zu beschreiben« sagte ein Soldat aus Alabama,
der im Fort Delaware eingekerkert war; »ein anständiges
Schwein würde mit Entsetzen darüber die Nase rümpfen«.

Anfangs
blickten die Gefangenen noch fröhlich und ausgelassen drein,
wie diese Yankees 1861 im Gefängnis von Castle Pinkney
Wanzen bewohnten jede Matratze und jede dunkle Ecke. Die Konföderierten
im Old Capitol Gefängnis Washingtons veranstalteten gelegentlich
regelrechte Treibjagden in Gruppen und richteten »ein wahres
Schlachtfest an«. Die Wanzen ließen sich aber nicht
ausrotten, und die Rebellen folgerten »sie müssen
auf der anderen Seite rekrutieren, wie die Yankee-Armee, da wir
keine Verminderung der Stärke feststellen können«.
Ein Kriegsgefangener aus Rhode Island staunte: »Das
Ungeziefer war so zahlreich, daß die Jungs behaupteten,
sie würden in Regimentern exerzieren«.
Am
schlimmsten waren die Flöhe. »Die Viecher krabbelten
über den Boden von Körper zu Körper«,
schrieb ein New Yorker, »und ihre Angriffe schienen
kühner zu werden, je abgemagerter die Männer waren«.
Bei Tage konnten sie aufgespürt und getötet werden,
aber in der Dunkelheit hatten die Männer keine Chance. »Wir
jagten sie dreimal täglich aber konnten sie nicht besiegen«,
schrieb John Adams aus Massachusetts. »Sie vermehren
sich sehr schnell und die Urenkel wurden 24 Stunden nach dem ersten
Angriff geboren«.
Das ständige Reiben und Kratzen verschliss die ohnehin schäbige
Bekleidung der Soldaten vollends. Viele kamen bereits in Lumpen
im Gefängnis an. Einige Monate im feuchtheißen Klima
des Südens genügten, um die Fasern der Uniformstoffe
verrotten zu lassen. Vielen blieb nichts anderes übrig, als
Toten die Kleider abzunehmen, samt Ungeziefer. Doch die mit Lumpen
behängten Nordstaatler hatten es, zumindest in diesem Punkt,
im milden Klima des Südens besser als die Rebellen, die den
kalten Winter in nördlichen Gefängnissen durchstehen
mussten. Hoffmann erkannte das Problem, löste es jedoch in
seiner typischen, extrem sparsamen Art. Er ließ fehlerhafte
Unionsuniformen verteilen, die nicht durch die Abnahme gekommen
waren. Damit versorgte er so viele Gefangene wie möglich,
wobei er für die meisten zusätzliche Decken beschaffte.
Die Essensausgabe war die einzige und wichtigste Ablenkung im
öden Alltag. Das Fleisch war jedoch meist verdorben, das
Brot voller Maden und verschimmelt. Die Mengen reichten oft gerade
noch aus, um den Appetit anzuregen, satt machten sie kaum einmal.
Ein Soldat aus Südcarolina beschrieb seine Tagesrationen
folgendermaßen: 1/4 1 »Spülwasser«-Kaffee
zum Frühstück, 1/4 1 »Fettwasser«-Suppe
als Mittagessen, dazu ein 75-100g großes Stück Fleisch.
Er erlebte, »daß große, stämmige Männer
nachts in ihren Zelten liegen und wie Säuglinge vor Hunger
jammern«.

Das
Old Capitol-Gefängnis von Washington gehörte zu den
unzähligen Zivilgebäuden,
die zur Verwahrung von Kriegsgefangenen umgebaut wurden
Die Gefangenen
waren auf der Suche nach Fleisch jeder Art, ob Hund, Katze, Vogel
oder Ratte. »Wir stellen Rattenfallen auf und die Gefangenen
essen jede, die sie kriegen können« schrieb einer
aus Arkansas von der Johnson-Insel. Er selbst aß »einen
Haufen gebratener Ratten«, wobei er feststellte, daß
diese wie Eichhörnchen schmeckten und »ganz in
Ordnung für einen hungrigen Mann« waren.
Bald entstanden
Gerüchte, daß man die Gefangenen im Süden verhungern
lassen wollte, und diese Behauptung wurde auch nach dem Kriege
geäußert. Dies ist jedoch keinesfalls richtig. In der
Regel wurden die gefangenen Yankees genauso gut - oder schlecht
- verpflegt wie die konföderierten Soldaten im Felde. Als
Oberst Hoffmann jedoch von der schlechten Verpflegung in den Lagern
des Südens erfuhr, setzte er als Vergeltungsmaßnahme
die Rationen herab. Nach dem Krieg konnte er einen Betrag von
fast zwei Millionen Dollar an das Schatzamt zurückgeben,
den er durch diese Maßnahme erwirtschaftet hatte.
Die Qualität des Trinkwassers entsprach der Verpflegung.
Es stammte aus verseuchten Brunnen oder Wasserläufen, die
vom Lagerabfällen verunreinigt waren. Seuchen und Mangelkrankheiten
waren vorprogrammiert. Skorbut trat regelmäßig auf.
Zuerst verfärbte sich die Haut, dann fielen die Haare und
Zähne aus; die Leute wurden immer schwächer und starben
schließlich. Im Lager Elmira bei New York traten in den
ersten drei Monaten 1800 Skorbutfälle auf; in Fort Delaware
erkrankten über zehn Prozent der Gefangenen daran. Dieses
schreckliche Leiden erscheint umso schlimmer, da frisches Gemüse
zur Verfügung stand, aber aus Gründen der Sparsamkeit
oder der beschriebenen Vergeltungsmaßnahmen nicht ausgegeben
wurde. Während Tausende an Skorbut erkrankten, lagen 23000
Dollar Verpflegungsgelder für Gemüse unangetastet in
der Haushaltskasse von Fort Delaware.
Im Süden
waren die Verhältnisse nicht viel besser. Der Militärarzt
Joseph Jones schrieb über Andersonville: »Aufgrund
der Überbelegung, der unhygienischen Lebensweise, der schlechten
Ernährung und dem entmutigten, deprimierten Zustand ist die
Verfassung der Gefangenen derart angeschlagen, daß die kleinste
Hautabschürfung von einem drückenden Schuh, aufgrund
von Sonnenbrand oder Moskitostichen in einigen Fällen zu
einer rapiden und beängstigenden Vereiterung, sogar zum Wundbrand
führte«. Alle Lager besaßen nicht gerade
vorbildliche Lazarette, aber das von Andersonville spottete jeder
Beschreibung. Es bestand aus einer Fläche außerhalb
des Lagers, wo die Kranken auf Strohhaufen oder Brettern unter
offenem Himmel lagen. Millionen von Fliegen schwärmten über
die Kranken und legten ihre Eier in die offenen Wunden. Selbst
in Gefängnislazaretten wie Camp Douglas in Illinois lag die
Sterblichkeitsrate schon bei sechs Todesfällen pro Tag. In
Camp Sumter war sie bedeutend höher.

Überfüllte
Gefangenenlager waren die Regel, doch in Camp Sumter bei Andersonville
in Georgia herrschten Extremverhältnisse. 33´000
Mann lebten zusammengepfercht auf engstem Raum
Männer, die ihren
Feinden mit Gewehr und Bajonett gegenübergestanden hatten,
mußten jetzt einen neuen Feind bekämpfen: die Langeweile.
Die Tage und Wochen der Gefangenschaft schlichen im Schneckentempo
vorüber. Um sich abzulenken und ihr Heimweh zu bekämpfen,
schrieben die meisten Gefangenen so oft wie möglich.
Papier war knapp, besonders
im Süden, und viele baten ihre Angehörigen um Zusendung
von Briefpapier. Die Zensur der Briefe war in einigen Fällen
so streng, daß viele Briefe kaum leserlich waren, nachdem
die beanstandeten Abschnitte mit Tinte ausgestrichen oder einfach
mit einer Schere herausgeschnitten worden waren. Mit der Zeit
mußten einige Lagerkommandanten den Briefverkehrt wegen
Überlastung der Zensoren einschränken. »Ich
konnte ihnen das Schreiben nach Belieben unmöglich erlauben,
da die vier Schreiber in der Poststelle unmöglich 2´000
Briefe täglich lesen konnten«, vermerkte der Kommandant
von Fort Delaware.
Die Kommandanten konnten
den Gefangenen die Ausübung ihrer Religion jedoch nicht verweigern,
wobei der Allmächtige viele Anhänger und Bekehrte in
den Lagern vorfand. »Oft, wenn ich im Gefängnis
herumgehe«, schrieb ein Konföderierter auf der
Johnson-Insel, »bete ich das Vaterunser, wobei ich erlebe,
daß mein ganzes Bewußtsein sich auf mein künftiges
Leben oder mein Erscheinen vor dem Herrn ausrichtet«. Im
Elend der Gefangenenlager war der Kontakt mit ihrem Schöpfer
für viele Insassen wichtiger denn je. Andere resignierten.
Im Lager Sorghum in Südcarolina beobachtete ein Soldat aus
New York einige Gefangene, die herumsaßen und »stundenlang
vor sich hinstierten mit einem Ausdruck der völligen Entmutigung,
mit dem Ellenbogen auf einem Knie und dem Kinn auf der Handfläche,
einem abwesenden, leeren Blick in den Augen«. Angesichts
ihres Zustandes, der schlechten Verpflegung und Bekleidung, der
Überfüllung, des Leidens der Kameraden und der dauernden
Gegenwart des Todes gaben viele Männer einfach ihre Hoffnung
oder ihren Lebenswillen auf. »Die Leiden des Körpers
waren nichts im Vergleich zu denen des Geistes«, schrieb
ein Gefangener aus New Hampshire. Unsicherheit, Isolation, Verzweiflung
und fehlende Nachrichten von außen »hatten alle
eine deprimierende Wirkung auf den Geist, und letztendlich wurden
viele verrückt«. Viele gaben einfach auf und starben.

Allein der Aufenthalt
im wohlversorgten Hinterland des Gegners brauchte den Gefangenen
noch keine Vorteile wie eine ausreichende Verpflegung zu bringen.
Camp Douglas bei Chicago hatte eine ziemlich hohe Todesrate.
Anderen
half die endlose Plauderei über das Elend hinweg. Neuzugänge
- »frische Fische« genannt - wurden rücksichtslos
nach Neuigkeiten über den Kriegsverlauf, die Zustände
in der Heimat und - noch wichtiger - die Chancen eines Gefangenenaustausches
ausgequetscht.
»Es
gibt heute Früh eine bemerkenswerte Aufregung wegen Entlassungen
auf Ehrenwort« schrieb ein Gefangener von Minnesota
aus Andersonville. »aber ich schätze, es ist alles
heiße Luft, da seit der Schöpfung noch nie ein so nichtswissender
Haufen Männer zusammentraf«. Für jede zerschlagene
Hoffnung tauchte bald eine neue auf. Es war alles, an das sie
sich klammern konnten.
Die Gespräche
drehten sich auch um die Bewacher und Kommandanten. Nach dem Kriege
wurden zwei Lagerkommandanten mit Denkmälern bedacht, obwohl
aus grundverschiedenen Motiven. Einer davon war Oberst Richard
Owen, Kommandant von Camp Morton in Indianapolis. Er war so beliebt,
daß ehemalige Gefangene nach dem Krieg eine Büste von
ihm machen ließen, die sich heute noch im Regierungsgebäude
von Indiana befindet. Ebenso beliebt war Oberst Charles Hill,
Lagerkommandant auf Johnson's Island, ein »guter Freund
der Gefangenen, die ihn alle wegen seines warmen Herzens sehr
hoch schätzten«.
Oberst Robert Smith, der Lagerkommandant des konföderierten
Gefängnisses von Danville in Virginia soll angeblich so großherzig
gewesen sein, daß er zum Alkoholiker wurde, als er den Anblick
seiner abgemagerten Schützlinge nicht mehr aushalten konnte.
Es gab jedoch weitaus mehr Kommandanten, die von ihren Gefangenen
für die Wiedergeburt des Bösen gehalten wurden. Es war
eine verständliche, wenn auch nicht immer gerechte Ansicht
und die Gerüchteküche brodelte. So soll Major Allen
Brady vom Point Lookout-Gefängnis Gefangene niedergeritten
und zertrampelt, Leutnant Abraham Wolf von Fort Delaware sich
wie ein wildes Tier aufgeführt oder Richard Turner vom Libby-Gefängnis
in Richmond sterbende Männer aus Freude mit den Füssen
getreten haben.
Die meisten Geschichtenerzähler hatten höchstwahrscheinlich
nie den Kommandant des entsprechenden Lagers gesehen, geschweige
denn die beschriebenen Verbrechen. An tatsächlichen Verbrechen
bestand jedoch kein Mangel; sie ließen sich hauptsächlich
auf die Unfähigkeit der Lagerleitung zurückführen.
Es war letztendlich nicht gerade die Art von Verwendung, die verdiente
oder fähige Offiziere angelockt hätte. Einige Lagerkommandanten
waren einfach weder Felddienst- noch sonstwie tauglich. Oberst
Charles W.B. Allison, Kommandant des Camp Chase in Ohio, wurde
von einem Inspekteur aus Washington für »gänzlich
ohne Erfahrung und in vollkommener Unkenntnis über seine
Pflicht« befunden. Außerdem war er »umgeben
von der gleichen Sorte«. Der Inspekteur bemerkte zweideutig:
»Er ist jedoch Rechtsanwalt, und Schwiegersohn des stellvertretenden
Gouverneurs«.
Die Gefangenen
mußten allerlei psychologische Feinde bekämpfen,
einschließlich der Langeweile und der Trostlosigkeit des
Lagers. Camp Morton, Indiana
Das Wachpersonal
war oft noch schlimmer als die Kommandanten. »Wir stehen
unter der Miliz«, schrieb ein Gefangener. »und
sie ist der verdammteste Haufen, dem ich je begegnete«.
Nach den Zeugnissen der Gefangenen handelte es sich bei den Wachmannschaften
hauptsächlich um Männer, die für den Felddienst
entweder zu alt oder zu jung waren. Die meisten wurden als »die
schlimmsten Verbrecher« tituliert.
Hauptmann
Wirz von Camp Sumter notierte, daß die Nachlässigkeit
und Unfähigkeit seiner Wachen »sich täglich verschlimmert«.
Bei der in allen Gefängnissen herrschenden niedrigen Meinung
über das Wachpersonal ist es kaum verwunderlich, daß
sich bald übertriebene Gerüchte über die Grausamkeit
und Brutalität der Schergen verbreiteten.
Die Wachen erschießen
grundlos Gefangene, hieß es. Mit der lebhaften Vorstellungskraft
der Hilflosen behaupteten die Gefangenen bald, die Wachen würden
für die Mißhandlung oder Tötung von Gefangenen
eine Belohnung erhalten.Jeder hatte von Suchtrupps gehört,
die entkommene Häftlinge mit scharfen Hunden jagten, die
sie auf ihre Opfer hetzten. Viele dieser Geschichten waren erfunden,
in anderen steckte ein Funken Wahrheit. Sicher ist, daß
kein Gefangener seine Wächter übermäßig liebte.
Die
zerrissenen Uniformen und müden Blicke dieser im Frühjahr
1865
aus texanischen Lagern entlassenen Unionssoldaten sprechen für
sich
Viele Wachen
nutzten die Lücken in den Vorschriften, um Gefangene zu schikanieren.
»Ein strebsamer Feigling« schrieb ein gefangener
Texaner »lieht Autorität, wo er vor Gefahren sicher
ist und seine teuflische Natur den Mitmenschen auferlegen kann«.
Den Wachmannschaften errichteten ehemalige Gefangenen jedenfalls
keine Denkmäler.
Viele Gefangenen warteten
die Möglichkeit eines Austausches erst gar nicht ab. »Freiheit
wurde höher geschätzt als die Rettung« schrieb
ein Yankee, »mehr gesucht als Gerechtigkeit«.
Viele entkamen noch vor der Einlieferung in ein Lager. Tausende
wagten den Versuch, aus dem Lager zu fliehen. Jedes Gefängnis
und Lager erlebte seine Ausbruchsaktionen, von denen viele gelangen.
Sie versuchten es allein, zu zweit, in Gruppen oder zu Hunderten.
Im Dezember 1864 ereignete sich im umgebauten Lagerhaus von Danville
der größte Ausbruchsversuch des US-Bürgerkriegs,
der allerdings fast von Anfang an schiefgelaufen ist. Unter der
Führung von General Alfred Duffie und Oberst William Raulston
planten einige Hundert gefangene Unionssoldaten, ihre Wachen zu
überwältigen und die restlichen Kameraden zu befreien.
Anschließend
wollten sie das konföderierte Nachschublager in Danville
zerstören und sich über das Shenandoah-Tal zu den Unionstruppen
durchschlagen. Als General Duffie den ersten Wachposten zu überwältigen
suchte, konnte dieser jedoch noch Alarm schlagen. Die Wachbereitschaft
riegelte das Lagergebäude schnell von außen ab und
feuerte einige Warnschüsse ab. Eine verirrte Kugel verwundete
Oberst Raulston tödlich. Dieses tragische Ereignis nahm den
Gefangenen jede weitere Lust zu fliehen: sie verkrochen sich lieber
schnell wieder auf ihre Betten.

Hinter
Bretterzäunen entstanden wahre Zelt- oder Barackenstädte,
in denen die Gefangenen dicht zusammengepfercht hausten. Hier
Elmira, die berüchtigte »Hölle« des Nordens
Andere Unternehmen verliefen
erfolgreicher. Für Schlagzeilen sorgte der Ausbruch von General
John Hunt Morgan mit einigen seiner Reiter aus dem Staatsgefängnis
von Ohio, aber solche Husarenstreiche blieben eher die Ausnahme.
Die meisten Gefangenen versuchten nicht einmal, zu entkommen.
Ihr angeschlagener Zustand ließ ein solches Unterfangen
nicht zu und sie fügten sich in ihr Schicksal. Zu den berüchtigsten
Lagern des Nordens gehörte das Camp in der Nähe von
Elvira am Chemung-Fluß.
»Wenn es eine Hölle auf Erden gegeben hat«,
schrieb ein Texaner, »war das Elvira-Gefängnis
diese Hölle«. Es lag schlecht plaziert am Ufer,
so daß das schlammige Flußwasser den Platz überschwemmen
konnte. Ein brackiger Tümpel blieb zurück, in den die
Gefangenen zu allem Überfluß noch ihre Abfälle
warfen.
Die Wachen ließen
sie gewähren, während Hoffmann die Kosten einer Entwässerung
prüfen ließ. Nach der Entwässerung bewilligte
er einen bescheidenen Betrag, damit die Gefangenen einen eigenen
Abwasserkanal bauen konnten. Anderswo zerfielen die Baracken wegen
des zum Bau verwendeten grünen Holzes. Hoffmann hatte ein
Lager für die Hälfte der zu erwarteten Gefangenenanzahl
bauen lassen, weshalb der Rest oft im Freien schlafen mußte.
Im Winter drängelten sich 100 Gefangene um einen Ofen und
beim Morgenappell ließ man manchmal 1´600 Gefangene
barfuß im Schnee stehen. Jeder fünfte Insasse litt
an Skorbut; täglich starben zehn Mann an Entkräftung
und Krankheiten. Im Oktober 1864 konnte der Lagerarzt den traurigen
Erfolg vermelden, daß die Todesrate auf 40 Mann pro Woche
gesunken war. Ein Viertel aller Gefangenen von Elmira erlebten
das Kriegsende nicht.

Das Gegenstück zu Elmira im Süden war Andersonville.
Diese Aufnahme eines Südstaaten Fotografen von 1865 läßt
die primitiven, unmenschlichen Bedingungen ahnen
Doch an Camp Sumter, das
unter dem Namen Andersonville berühmt-berüchtigt werden
sollte, kam auch Elmira nicht heran. Die Konföderierten errichteten
es im Frühjahr 1864 bei Andersonville in Georgia, um die
überfüllten Lager in Virginia zu entlasten. Ungünstig
gelegen und übereilt gebaut, bot das Lager den Insassen nur
den Schutz, den sie sich selbst aus den spärlichen Materialien
zusammenstückeln konnten.
Aufgrund ihres miserablen Transportwesens konnten oder wollten
die Konföderierten das Lager nie ausreichend versorgen. Das
einzige Wasser kam aus einem trägen Bach, der gleichzeitig
als Trinkwasserquelle, Latrine und Mülldeponie für bis
zu 33´000 Gefangene diente. Monatlich stand die Hälfte
der Insassen auf der Krankenliste.
Andersonville glich eher
einem riesigen Lazarett als einem Gefangenenlager, und die Größe
des Lagers arbeitete gegen die Insassen. Gemessen an der Belegungszahl
entsprach es der fünftgrößten Stadt der Konföderation
- gleich hinter New Orleans, Richmond, Charleston und Montgomery.
Aber die Insassen mußten zusammengepfercht auf umgerechnet
2,3 qm pro Person dahinvegetieren. Die Geschichten des schrecklichen
Leidens, die diesem Lager entstammten, gehören zu den bedrückendsten
des gesamten Krieges. Einige sind grob übertrieben, andere
frei erfunden, aber die verbleibenden Tatsachen reichen völlig
aus, um es als eines der schändlichsten Kapitel (in der Geschichte
der Vereinigten Staaten) zu bezeichnen.
Das
Libby-Gefängnis in Richmond samt Wachmannschaft im Jahre
1862.
Zwei Jahre später fand hier der spektakuläre Ausbruch
von über 100 gefangenen Unionssoldaten statt.
Derartige Massen-Aktionen blieben aber die Ausnahme

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