Andersonville
»Wir
bekommen jeden Tag ungefähr eine Pint Bohnen [1 pint
= 0,55 Liter], oder besser Erbsen (voller Käfer), und
eine Dreiviertelpint Mehl, dazu fast jeden Tag ein Stück
Speck von der Größe zweier Finger, etwa drei oder
vier Unzen schwer. Das sind sehr gute Rationen im Vergleich
zu dem, was wir vorher gekriegt haben. Die Kiefer, die wir
zum Kochen benützen ist Pitch Pine. Ein schwarzer Rauch
steigt vom Feuer auf und verwandelt uns alle in Neger. Ich
mache alle Übungen, die ich noch machen kann, trinke
kein Wasser und versuche durchzukommen. Es ist traurig zu
sehen, wie schnell die Männer hier sterben. Die neuen
Gefangenen sterben am schnellsten und werden irgendwo in der
Umgebung verscharrt - wie man uns sagt, in Gräbern ohne
Särge.«
(Quelle: John Ransom, Andersonville Diary, Reprint 1983 und
1986)
Diese
Schande verlangte nach einem Schuldigen, wobei die gesamte
Schuld dem Lagerkommandanten, Captain Henry Wirz, aufgeladen
wurde. Er war ein geeignetes Opfer, ein Ausländer, der
kaum der englischen Sprache mächtig war, cholerisch veranlagt
und ungeduldig. Gerüchten zufolge bedrohte er persönlich
Gefangene mit dem Revolver und ließ andere erschießen,
die zuvor über eine »Todeslinie« innerhalb
des Lagerzauns gelockt wurden. Außerdem soll er mutwillig
die Verpflegung zurückgehalten haben. Tatsächlich
war er fast genauso Opfer wie seine Gefangenen.

Captain Henry Wirz
geb.
25. November 1823 in Zürich (Froschaugasse 26) als Hartmann
Heinrich Wirz, Bürger der Stadt Zürich.
Die
Familie Wirz datiert ihren Ursprung auf 1364 zurück (erste
urkundliche Erwähnung). Jakob Wirz von Uerikon, ein Junker,
der im Großen und Kleinen Rat von Zürich Einsitz
nahm, war Kriegsrat im Marignano-Feldzug (1515) und nahm am
ersten Kappeler Krieg teil (als Freund von U. Zwingli). Ein
Onkel von Henry Wirz, Ludwig Wirz, war Lehrer und Pfarrer
und veröffentlichte eine deutsche Übersetzung der
(Denkwürdigkeiten) von Sully in 7 Bänden sowie eine
fünfbändige Helvetische Kirchengeschichte) (1808
- 1819). Sein Bruder, Hans Caspar Wirz, war Heinrich Hartmanns
(Henrys) Vater. Er kämpfte als letzter Obmann für
die Aufrechterhaltung der Handwerkerinnungen, war Verwalter
des städtischen Kaufhauses (Zollfreilager) 1834 - 52
und mehrmals Zunftmeister zu Schneidern.
Er
hatte das Gefängnis nicht gebaut. Ein gewisser
John H. Winder, – nicht der Sündenbock Wirz
– war für die Mängel in Sachen Verpflegung
und Versorgungsgütern verantwortlich – bloß
der war
am 7. Februar 1865 kurz vor Kriegsende verstorben.
General
John H. Winder, – auf dem Foto noch Captain –
Oberbefehlshaber aller Gefängnisse östlich des Mississippi
und Hauptverantwortlicher für Camp Sumter,
dessen Errichtung er ab November 1863 vorangetrieben hatte.
Er war der direkte Vorgesetzte von Captain Henry Wirz.

Über
General J. H. Winder schreibt Mary Chesnut: »Gestern
dinierte General Lowell hier – und dann gingen sie zum
Begräbnis des armen alten Winder. Nun, Winder ist sicher
vor dem Zorn, der kommt. General Lowell deutete an, daß
wenn die Yankees Winder je zu fassen bekämen, es böse
für ihn aussähe – die Gefangenen beklagen
sich über ihn.«
(Mary Chesnut’s Civil War, New Haven 1981,
S. 353 ff.)
Kriegsgefangenenlager
des Südens: Belle Isle in Richmond;
im Hintergrund der James River und die Stadt mit dem Capitol.

Kriegsgefangenenlager
des Südens:
Camp Sumter in Andersonville/Georgia.
Blick von Süden auf den Nordhang;
in der Mitte Latrine, Sweetwater Creek und Morast.

Der
Sezessionskrieg:
Das zerstörte Richmond (1865), die Hauptstadt des Südens.

Camp
Sumter:
Blick von einem Wärterhäuschen über dem Palisadenzaun
auf den Nordhang;
gut erkennbar »die Dead-Line«.
Anmerkung:
Der
Begriff »dead-line« stand damals für eine
Grenze bzw Linie, deren Überschreitung den Tod bedeutete.
Dieser heute auch in Deutschland gebrauchte Begriff für
den äußersten Termin oder auch Stichtag, stammt
aus der damaligen Zeit.

Camp
Sumter:
Aufnahme im Innern des Lagers, Blick auf Latrine und Nordhang;
im Hintergrund Palisadenwand, Wärterhäuschen und
eine Georgia-Kiefer.

Andersonville:
Auf dem Friedhof außerhalb des Lagers werden die Toten
in Massengräbern verscharrt.

Andersonville:
Der Friedhof mit den Grabsteinen, welche nach dem Krieg errichtet
wurden (ca. 1866).

Nach
Fotos gezeichnete Bilder von Gefangenen im August 1864
(die Bilder wurden für einen Bericht einer US-Untersuchungskommission
hergestellt, der im August 1864 erschien).

Die
Gräber der sechs gehenkten Raiders,
welche abseits von allen übrigen Gräbern liegen.

Die
Palisadenbegrenzung von Camp Sumter:
Aufnahme kurz nach dem Krieg (1866);
man erkennt deutlich die innere und die äußere
Palisade sowie eine Georgia-Kiefer,
deren Rauch die Gesichter der Gefangenen schwarz färbte.

Andersonville:
Lageplan des Dorfes und von Camp Sumter
Aufnahme
der nachgebauten Palisade heute;
außen Wärterhäuschen und Leiter, dahinter
eine Georgia-Kiefer;
innen die »Dead-Line«, markiert durch Holzpfosten
und Verbindungslatten.

Das
überfüllte Camp Sumter mit Blick nach Westen.
Der Zaun mit dem Süd- und Nordturm sowie der sogenannte
»Gefängnisbach« sind gut zu erkennen.
Zeichnung aus dem Gedächtnis des US-Gefangenen Thomas
O'Dea.
Das
Camp Sumter aus der Vogelperspektive mit Blick nach Nordwesten.
Auch diese Zeichnung wurde aus dem Gedächtnis gemalt
und ist nicht ganz zutreffend.


Andersonville
1864 und 1988:
Eingang zum Dorf von der Bahnlinie her; im Bild von 1864 ist
links die Hütte erkennbar, welche Captain Henry Wirz
als Büro diente;
im Bild von 1988 ist im Hintergrund das Denkmal sichtbar,
welches die United Daughters of the Confederacy (eine Frauenvereinigung
des Südens) 1909 zu Ehren von Henry Wirz errichteten.


Der
Bahnhof von Andersonville während des Sezessionskriegs
und im Jahre 1988.

Bis
heute erhaltenes Tunnelloch im Innern von Camp Sumter,
das den Gefangenen einen Weg in die Freiheit verschaffte.

Das
Zimmer von Captain Henry Wirz in Old Capitol Prison.
Die Zeichnung wurde angefertigt, als Wirz sich auf dem Weg
zum Galgen befand (von Frank H. Schell).

Der
Court of Claims in Washington, wo die Verhandlungen im Prozeß
gegen Captain Wirz stattfanden.
Man erkennt links vorne Wirz auf einer Liege;
rechts dahinter das Gericht mit den acht Militärrichtern
unter dem Vorsitz General Lewis Wallace,
dem späteren Verfasser des »Ben Hur«.

Old
Capitol Prison in
Washington D. C.,
wo Captain Henry Wirz während seines Prozesses gefangen
gehalten wurde.

Das
Grab von Captain Henry Wirz auf dem Mount Olivet Friedhof
in Washington D. C. heute.

Andersonville:
Denkmal für Captain Henry Wirz im Dorf,
errichtet von den United Daughters of the Confederacy 1909.

Nein,
nicht Deutschland 1945, sondern ein Kriegsgefangener der Union
aus dem Lager Belle Isle.
Dieses Zeltlager im James River bei Richmond war für
die Unterbringung von 3´000 Mannschaften und Unteroffizieren
vorgesehen,
1863 befanden sich 10´000 Gefangene darin. Diese wurden
später in das berüchtigte Lager Andersonville verlegt
(Bibliothek des Kongresses)

Mangelnde
Verpflegung, Seuchen und Entbehrungen ließen in Andersonville
viele Gefangene bis zum Skelett abmagern.
Viele weigerten sich zu glauben, daß diese Zustände
nicht absichtlich herbeigeführt wurden

Das Leiden fand schließlich ein Ende. Während die
vorstoßenden Unionsarmeen bereits Tausende von Gefangenen
befreiten, bewilligte die Regierung die Wiederaufnahme des
Austauschsystems. Die Konföderierten entließen
nun Tausende von Gefangenen einfach vor Ort auf Ehrenwort.
Nach den Kapitulationen im April und Mai öffneten sich
überall die Lagertore. Die heimkehrenden Südstaatler
wollten nun alles vergessen, aber die Sieger nahmen die Gelegenheit
wahr, sich an ihren Peinigern zu rächen. Die Siegerpresse
überflutete die Öffentlichkeit hysterisch mit angeblichen
Greueltaten des Südens. »Ich habe gesehen,
wie Wachsoldaten die Gefangenen mit Knüppeln und Eisenstangen
niederschlugen und Unionssoldaten nackt ausgezogen in eiskaltes
Wasser getaucht wurden«, berichtete ein Neuengländer.
Man brauchte einfach Sündenböcke, die man vorführen
konnte. Winder war tot, daher blieb nur Wirz übrig. Im
Mai 1865 wurde er verhaftet und nach Washington gebracht,
wo eine Schauverhandlung vor einem Militärgericht stattfand.
Er wurde des Mordes für schuldig befunden und zum Tode
verurteilt. Urteil und Strafmaß waren von vorneherein
klar. Am 10. November 1865 bestieg er das Schafott im Old
Capitol Gefängnis und starb als letztes Opfer von Andersonville.
Das
Galgengerüst im Hof von Old Capitol Prison kurz vor der
Hinrichtung am 10. November 1865.
Der Vollzugsbeamte liest Captain Henry Wirz das Urteil vor.
Der Verurteilte steht rechts neben der Treppe, an die Brüstung
gelehnt, und hört mit verschränkten Händen
zu.

So
ungerecht wie die Verurteilung von Wirz auch gewesen sein
mag, so blieb er doch der einzige konföderierte »Kriegsverbrecher«,
der nach vier Jahren eines blutigen und erbarmungslosen Krieges
der Siegerjustiz zum Opfer fiel. 40 Jahre später wurde
er als zweiter Lagerkommandant mit einem Denkmal bedacht.
Bei Andersonville wurde ein einfacher Stein aufgestellt, der
seine Unschuld an den ihm zu Last gelegten Verbrechen verkündete.
An der Stelle seiner Hinrichtung steht heute - wie als Andenken
an die Gerechtigkeit, die ihm verweigert wurde - das oberste
Gericht der Vereinigten Staaten.
Viele waren gestorben. Im Laufe des Krieges gerieten mehr
als 211´000 Yankees in Gefangenschaft, davon landeten
mindestens 194´000 in Gefängnissen und Lagern.
30´218 verstarben in der Gefangenschaft; das sind mehr
als 15%. Von den rund 214´000 konföderierten Kriegsgefangenen
kehrten 25´976 nicht mehr zurück, über 56´000
Amerikaner und Einwanderer überlebten die Entbehrungen
und die Hoffnungslosigkeit der Lager nicht. »Gebt alle,
die ihr hier eintretet, eure Hoffnungen auf«, soll über
dem Eingang zum Gefängnis Fort Jeffersons in den Dry
Tortugas gestanden haben.
Über
56´000 Kriegsgefangene fanden in den Lagern beider Seiten
den Tod;
sei es durch Hunger, Krankheit, Kälte oder Verlust des
Lebenswillens.
Ihre Gräber, wie diese bei Andersonville, blieben als
stumme Leidens-Zeugen zurück

Doch selbst in den schlimmsten Momenten konnten die Gefangenen
noch Hoffnung erfahren. Ausgerechnet in Andersonville, wo
katastrophale Verhältnisse herrschten und die Gefangenen
Schlammwasser tranken, brach im August 1864 nach einem Wolkenbruch
plötzlich ein Springbrunnen aus dem Boden. Das Wasser
war rein und klar, und die plötzliche Erscheinung wurde
von den Insassen als Zeichen des Allmächtigen verstanden.
Die Quelle sprudelt noch heute, obwohl die Baracken, der Zaun
und alle anderen Zeichen dieses Schreckens längst verschwunden
sind.
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