Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:

William C. Davis, •Soldaten des US-Bürgerkrieges 1861-1865•

Dokumentarfotos der Bibliothek des Kongresses und des U.S. Nationalarchivs

Unter Mitarbeit von:
E. Liebe, RAG Militärgeschichte, 85077 Manching

Gefangenenlager

Seite 2

Andersonville

»Wir bekommen jeden Tag ungefähr eine Pint Bohnen [1 pint = 0,55 Liter], oder besser Erbsen (voller Käfer), und eine Dreiviertelpint Mehl, dazu fast jeden Tag ein Stück Speck von der Größe zweier Finger, etwa drei oder vier Unzen schwer. Das sind sehr gute Rationen im Vergleich zu dem, was wir vorher gekriegt haben. Die Kiefer, die wir zum Kochen benützen ist Pitch Pine. Ein schwarzer Rauch steigt vom Feuer auf und verwandelt uns alle in Neger. Ich mache alle Übungen, die ich noch machen kann, trinke kein Wasser und versuche durchzukommen. Es ist traurig zu sehen, wie schnell die Männer hier sterben. Die neuen Gefangenen sterben am schnellsten und werden irgendwo in der Umgebung verscharrt - wie man uns sagt, in Gräbern ohne Särge.«
(Quelle: John Ransom, Andersonville Diary, Reprint 1983 und 1986)

Diese Schande verlangte nach einem Schuldigen, wobei die gesamte Schuld dem Lagerkommandanten, Captain Henry Wirz, aufgeladen wurde. Er war ein geeignetes Opfer, ein Ausländer, der kaum der englischen Sprache mächtig war, cholerisch veranlagt und ungeduldig. Gerüchten zufolge bedrohte er persönlich Gefangene mit dem Revolver und ließ andere erschießen, die zuvor über eine »Todeslinie« innerhalb des Lagerzauns gelockt wurden. Außerdem soll er mutwillig die Verpflegung zurückgehalten haben. Tatsächlich war er fast genauso Opfer wie seine Gefangenen.

   

Captain Henry Wirz
geb. 25. November 1823 in Zürich (Froschaugasse 26) als Hartmann Heinrich Wirz, Bürger der Stadt Zürich.

 

Die Familie Wirz datiert ihren Ursprung auf 1364 zurück (erste urkundliche Erwähnung). Jakob Wirz von Uerikon, ein Junker, der im Großen und Kleinen Rat von Zürich Einsitz nahm, war Kriegsrat im Marignano-Feldzug (1515) und nahm am ersten Kappeler Krieg teil (als Freund von U. Zwingli). Ein Onkel von Henry Wirz, Ludwig Wirz, war Lehrer und Pfarrer und veröffentlichte eine deutsche Übersetzung der (Denkwürdigkeiten) von Sully in 7 Bänden sowie eine fünfbändige Helvetische Kirchengeschichte) (1808 - 1819). Sein Bruder, Hans Caspar Wirz, war Heinrich Hartmanns (Henrys) Vater. Er kämpfte als letzter Obmann für die Aufrechterhaltung der Handwerkerinnungen, war Verwalter des städtischen Kaufhauses (Zollfreilager) 1834 - 52 und mehrmals Zunftmeister zu Schneidern.

 

 

 

 

Er hatte das Gefängnis nicht gebaut. Ein gewisser John H. Winder, – nicht der Sündenbock Wirz – war für die Mängel in Sachen Verpflegung und Versorgungsgütern verantwortlich – bloß der war
am 7. Februar 1865 kurz vor Kriegsende verstorben.

General John H. Winder, – auf dem Foto noch Captain –
Oberbefehlshaber aller Gefängnisse östlich des Mississippi und Hauptverantwortlicher für Camp Sumter,
dessen Errichtung er ab November 1863 vorangetrieben hatte.
Er war der direkte Vorgesetzte von Captain Henry Wirz.

Über General J. H. Winder schreibt Mary Chesnut: »Gestern dinierte General Lowell hier – und dann gingen sie zum Begräbnis des armen alten Winder. Nun, Winder ist sicher vor dem Zorn, der kommt. General Lowell deutete an, daß wenn die Yankees Winder je zu fassen bekämen, es böse für ihn aussähe – die Gefangenen beklagen sich über ihn.«
(Mary Chesnut’s Civil War, New Haven 1981, S. 353 ff.)

Kriegsgefangenenlager des Südens: Belle Isle in Richmond;
im Hintergrund der James River und die Stadt mit dem Capitol.

Kriegsgefangenenlager des Südens:
Camp Sumter in Andersonville/Georgia.
Blick von Süden auf den Nordhang;
in der Mitte Latrine, Sweetwater Creek und Morast.


Der Sezessionskrieg:
Das zerstörte Richmond (1865), die Hauptstadt des Südens.


Camp Sumter:
Blick von einem Wärterhäuschen über dem Palisadenzaun auf den Nordhang;
gut erkennbar »die Dead-Line«.

Anmerkung:
Der Begriff »dead-line« stand damals für eine Grenze bzw Linie, deren Überschreitung den Tod bedeutete.
Dieser heute auch in Deutschland gebrauchte Begriff für den äußersten Termin oder auch Stichtag, stammt aus der damaligen Zeit.




Camp Sumter:
Aufnahme im Innern des Lagers, Blick auf Latrine und Nordhang;
im Hintergrund Palisadenwand, Wärterhäuschen und eine Georgia-Kiefer.

Andersonville:
Auf dem Friedhof außerhalb des Lagers werden die Toten in Massengräbern verscharrt.


Andersonville:
Der Friedhof mit den Grabsteinen, welche nach dem Krieg errichtet wurden (ca. 1866).


Nach Fotos gezeichnete Bilder von Gefangenen im August 1864
(die Bilder wurden für einen Bericht einer US-Untersuchungskommission hergestellt, der im August 1864 erschien).

Die Gräber der sechs gehenkten Raiders,
welche abseits von allen übrigen Gräbern liegen.


Die Palisadenbegrenzung von Camp Sumter:
Aufnahme kurz nach dem Krieg (1866);
man erkennt deutlich die innere und die äußere Palisade sowie eine Georgia-Kiefer,
deren Rauch die Gesichter der Gefangenen schwarz färbte.

Andersonville:
Lageplan des Dorfes und von Camp Sumter


Aufnahme der nachgebauten Palisade heute;
außen Wärterhäuschen und Leiter, dahinter eine Georgia-Kiefer;
innen die »Dead-Line«, markiert durch Holzpfosten und Verbindungslatten.

Das überfüllte Camp Sumter mit Blick nach Westen.
Der Zaun mit dem Süd- und Nordturm sowie der sogenannte »Gefängnisbach« sind gut zu erkennen.
Zeichnung aus dem Gedächtnis des US-Gefangenen Thomas O'Dea.

Das Camp Sumter aus der Vogelperspektive mit Blick nach Nordwesten.
Auch diese Zeichnung wurde aus dem Gedächtnis gemalt und ist nicht ganz zutreffend.




Andersonville 1864 und 1988:
Eingang zum Dorf von der Bahnlinie her; im Bild von 1864 ist links die Hütte erkennbar, welche Captain Henry Wirz als Büro diente;
im Bild von 1988 ist im Hintergrund das Denkmal sichtbar,
welches die United Daughters of the Confederacy (eine Frauenvereinigung des Südens) 1909 zu Ehren von Henry Wirz errichteten.



Der Bahnhof von Andersonville während des Sezessionskriegs
und im Jahre 1988.

Bis heute erhaltenes Tunnelloch im Innern von Camp Sumter,
das den Gefangenen einen Weg in die Freiheit verschaffte.


Das Zimmer von Captain Henry Wirz in Old Capitol Prison.
Die Zeichnung wurde angefertigt, als Wirz sich auf dem Weg zum Galgen befand (von Frank H. Schell).

Der Court of Claims in Washington, wo die Verhandlungen im Prozeß gegen Captain Wirz stattfanden.
Man erkennt links vorne Wirz auf einer Liege;
rechts dahinter das Gericht mit den acht Militärrichtern unter dem Vorsitz General Lewis Wallace,
dem späteren Verfasser des »Ben Hur«.


Old Capitol Prison in Washington D. C.,
wo Captain Henry Wirz während seines Prozesses gefangen gehalten wurde.



Das Grab von Captain Henry Wirz auf dem Mount Olivet Friedhof in Washington D. C. heute.

Andersonville:
Denkmal für Captain Henry Wirz im Dorf,
errichtet von den United Daughters of the Confederacy 1909.


Nein, nicht Deutschland 1945, sondern ein Kriegsgefangener der Union aus dem Lager Belle Isle.
Dieses Zeltlager im James River bei Richmond war für die Unterbringung von 3´000 Mannschaften und Unteroffizieren vorgesehen,
1863 befanden sich 10´000 Gefangene darin. Diese wurden später in das berüchtigte Lager Andersonville verlegt

(Bibliothek des Kongresses)

Mangelnde Verpflegung, Seuchen und Entbehrungen ließen in Andersonville viele Gefangene bis zum Skelett abmagern.
Viele weigerten sich zu glauben, daß diese Zustände nicht absichtlich herbeigeführt wurden

Das Leiden fand schließlich ein Ende. Während die vorstoßenden Unionsarmeen bereits Tausende von Gefangenen befreiten, bewilligte die Regierung die Wiederaufnahme des Austauschsystems. Die Konföderierten entließen nun Tausende von Gefangenen einfach vor Ort auf Ehrenwort. Nach den Kapitulationen im April und Mai öffneten sich überall die Lagertore. Die heimkehrenden Südstaatler wollten nun alles vergessen, aber die Sieger nahmen die Gelegenheit wahr, sich an ihren Peinigern zu rächen. Die Siegerpresse überflutete die Öffentlichkeit hysterisch mit angeblichen Greueltaten des Südens. »Ich habe gesehen, wie Wachsoldaten die Gefangenen mit Knüppeln und Eisenstangen niederschlugen und Unionssoldaten nackt ausgezogen in eiskaltes Wasser getaucht wurden«, berichtete ein Neuengländer.

Man brauchte einfach Sündenböcke, die man vorführen konnte. Winder war tot, daher blieb nur Wirz übrig. Im Mai 1865 wurde er verhaftet und nach Washington gebracht, wo eine Schauverhandlung vor einem Militärgericht stattfand. Er wurde des Mordes für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Urteil und Strafmaß waren von vorneherein klar. Am 10. November 1865 bestieg er das Schafott im Old Capitol Gefängnis und starb als letztes Opfer von Andersonville.

Das Galgengerüst im Hof von Old Capitol Prison kurz vor der Hinrichtung am 10. November 1865.
Der Vollzugsbeamte liest Captain Henry Wirz das Urteil vor.
Der Verurteilte steht rechts neben der Treppe, an die Brüstung gelehnt, und hört mit verschränkten Händen zu.

So ungerecht wie die Verurteilung von Wirz auch gewesen sein mag, so blieb er doch der einzige konföderierte »Kriegsverbrecher«, der nach vier Jahren eines blutigen und erbarmungslosen Krieges der Siegerjustiz zum Opfer fiel. 40 Jahre später wurde er als zweiter Lagerkommandant mit einem Denkmal bedacht. Bei Andersonville wurde ein einfacher Stein aufgestellt, der seine Unschuld an den ihm zu Last gelegten Verbrechen verkündete. An der Stelle seiner Hinrichtung steht heute - wie als Andenken an die Gerechtigkeit, die ihm verweigert wurde - das oberste Gericht der Vereinigten Staaten.

Viele waren gestorben. Im Laufe des Krieges gerieten mehr als 211´000 Yankees in Gefangenschaft, davon landeten mindestens 194´000 in Gefängnissen und Lagern. 30´218 verstarben in der Gefangenschaft; das sind mehr als 15%. Von den rund 214´000 konföderierten Kriegsgefangenen kehrten 25´976 nicht mehr zurück, über 56´000 Amerikaner und Einwanderer überlebten die Entbehrungen und die Hoffnungslosigkeit der Lager nicht. »Gebt alle, die ihr hier eintretet, eure Hoffnungen auf«, soll über dem Eingang zum Gefängnis Fort Jeffersons in den Dry Tortugas gestanden haben.

Über 56´000 Kriegsgefangene fanden in den Lagern beider Seiten den Tod;
sei es durch Hunger, Krankheit, Kälte oder Verlust des Lebenswillens.
Ihre Gräber, wie diese bei Andersonville, blieben als stumme Leidens-Zeugen zurück


Doch selbst in den schlimmsten Momenten konnten die Gefangenen noch Hoffnung erfahren. Ausgerechnet in Andersonville, wo katastrophale Verhältnisse herrschten und die Gefangenen Schlammwasser tranken, brach im August 1864 nach einem Wolkenbruch plötzlich ein Springbrunnen aus dem Boden. Das Wasser war rein und klar, und die plötzliche Erscheinung wurde von den Insassen als Zeichen des Allmächtigen verstanden. Die Quelle sprudelt noch heute, obwohl die Baracken, der Zaun und alle anderen Zeichen dieses Schreckens längst verschwunden sind.

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