Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
Paul Trachtmann: 1978, »Die Revolverhelden«
Dietmar Kügler: 1976, »Sie starben in den Stiefeln
«
Dietmar Kügler: 1977, »Der Sheriff«

Bill O’Neal 1979, »GUNFIGHTER«

Gesetz und Ordnung
im Westen


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Rechtsprechung in einem rauhen Land

Die Gerichte genossen in jenen Tagen häufig ein schlechtes Ansehen. Korruption war oft genug die Regel, genau wie Richter, die sich duellierten, unmäßig tranken, sich herumprügelten und einen ausschweifenden Lebenswandel führten. Wenn sich die Bürger ihre Justizbehörden anschauten, fanden sie zu häufig nur Narren und Spötter. Es war nicht ungewöhnlich, einen Richter im Stadium der Volltrunkenheit zu einer Verhandlung erscheinen zu sehen, der keinerlei Skrupel hatte, jeden, der sich ihm widersetzte, mit den Fäusten, mit einem Knüppel oder gar mit einem Revolver zu attackieren.
Hubert Howe Brancroft, POPULAR TRIBUNALS, 1887

Ein älterer Richter in Texas wurde »Old Necessity« genannt. Er kannte keinen einzigen Paragraphen. Vor sich auf dem Richtertisch hatte er stets einen in Schafsleder gebundenen Versandhauskatalog liegen, der äußerlich wie ein Gesetzbuch aussah. Bevor er seine Urteile verkündete, schlug er den Katalog auf und las darin.
Eines Tages stand ein wegen zahlreicher kleiner Vergehen angeklagter und überführter Mann vor ihm. Der Verteidiger verwies lang und breit auf mildernde Umstände. Der Richter öffnete nach dem Ende des Plädoyers den in Leder gebundenen Katalog, las einen Moment darin und sagte dann: »Ich verurteile Sie zu 4,88 Dollar.«
Der Angeklagte sprang auf und wollte protestieren. Aber sein Anwalt packte ihn am Ärmel, zerrte ihn auf den Platz zurück und herrschte ihn an: »Bleiben Sie sitzen, Mann. Danken Sie Gott, daß er bei Unterhosen und nicht bei Klavieren nachgeschlagen hat!«
Wayne Gard, FRONTIER JUSTICE, 1949

Die große Mehrzahl der Richter im Westen tat ihr Bestes, um ein geordnetes Rechtswesen zu schaffen, aber zahlreiche zweifelhafte Vorkommnisse zerstörten die Reputation vieler Gerichte.
Manche Richter hinterließen nach ihrer Amtszeit lange Perioden der Verbitterung und Unruhe innerhalb der Bevölkerung über den Zustand der Justiz. Es kostete erhebliche Anstrengungen, dieses Mißtrauen unter den Bürgern wieder abzubauen. Diese wenigen, formal legalen Gerichte trugen nur zur weiteren Ausuferung der Kriminalität bei.
Frank Richard Prassel, THE WESTERN PEACE OFFICER, 1972










Der Rancharbeiter Billy Calder kurz vor der Hinrichtung in Lewistown, Montana, im Jahre 1898; er hatte einen Doppelmord verübt.
Der Henker prüft die Schlinge, Calder verzieht das Gesicht.































Häufig wurden Presseleute und andere Interessenten zu solchen Ereignissen persönlich eingeladen





















Die Bürger von Cripple Creek, Colorado, wurden vom Rechtsanwalt, der zugleich Friedensrichter war, in einem zeltgedeckten Büro beraten. Viele Richter des Wilden Westens besaßen keine juristische Ausbildung und verließen sich stattdessen günstigenfalls auf den gesunden Menschenverstand.




















Dieses primitive Gefängnis in Larned, Kansas, war noch besser als manches andere im Wilden Westen.
Ein Sheriff hielt seine Gefangenen einfach dadurch fest,
daß er ihnen eine Kuhhaut überwarf, die er mit Pflöcken am Boden befestigte.













Helena, Montana, 1874







Das Gefängnis von Helena, Montana, 1874. Für 11 000 Dollar errichtet, erregte den Neid sämtlicher Gefangenenwärter.
Hinter der imposanten Fassade befanden sich sechs Zellen, einTrainingsraum sowie Küche und Schlafkammern der Aufseher.













 

Temple Houston

Anwälte waren ein notwendiges Glied in der Kette der Justiz im Westen, und es gab keinen fähigeren - und brillanteren - als
Temple Houston
.

I
m Jahre 1859 wurde er im Brazoria County, Texas, geboren: Temple Houston, Sohn des Mannes, der im Unabhängigkeitskrieg zwischen Texas und Mexiko die mexikanische Armee unter Santa Ana am Jacinto vernichtend geschlagen hatte und danach erster Gouverneur der Republik Texas geworden war, Samuel Houston. Die übermächtige Persönlichkeit des Vaters belastete den jungen Temple, der sich stets, in allem, was er tat, am Namen seines Vaters messen lassen mußte.

Im Februar 1861 trat Samuel Houston vom Amt des Gouverneurs zurück und zog mit seiner Familie nach Huntsville, wo er am 26. Juli 1863 starb. Temple war gerade vier Jahre alt. Drei Jahre später verlor er auch seine Mutter.

Er wiedersetzte sich den Plänen seiner Verwandten im Hinblick auf seine Zukunft. Das ständig gegenwärtige Werk seines Vaters bedrückte ihn bis zur Unerträglichkeit. Er wollte selbst etwas leisten, etwas aufbauen. Mit dreizehn Jahren verließ er die Schule und suchte sich, gegen den Willen seiner Familie, Arbeit als Cowboy, eine Tätigkeit, die dem halbwüchsigen Temple ein Übermaß an physischer und psychischer Kraft abverlangte. Er ließ sich schließlich sogar für einen Rindertrail von Texas bis nach Bismarck in Nord-Dakota als Treiber anheuern. Hier verkaufte er Pferd und Sattel und suchte sich Arbeit als Schreiber auf einem Dampfschiff, mit dem er den Mississippi bis nach New Orleans hinunterfuhr.

 

Dann sorgte seine Familie für die Beendigung seines Vagabundenlebens. Freunde des toten Vaters besorgten ihm Privatlehrer in Washington. Temple ging in den Osten und studierte vier Jahre lang Rechtswissenschaften. Als er nach Texas zurückkehrte, war er gerade neunzehn Jahre alt. Er eröffnete eine Anwaltspraxis im Brazoria County und zeigte hier bereits ein erstaunliches Geschick für publikumswirksame Auftritte. Erwar ein juristisches Wunderkind. Obwohl seine praktische Erfahrung gering war, bearbeitete er seine Fälle dermaßen geschickt und trat vor Gericht so überzeugend und erfolgreich auf, daß er schon bald einer der gefragtesten Anwälte in Texas war.

Als 1880 das texanische Parlament die Einrichtung eines neuen Distriktgerichts für den Texas Panhandle beschloß, bewarb Temple Houston sich um das Amt des Bezirks-Staatsanwalts. Er wurde gewählt, obwohl er erst einundzwanzig Jahre alt war. Es war ein schweres Amt für einen so jungen Mann. Der Panhandle war ein bevorzugtes Gebiet für Banditen, Revolverhelden und Viehdiebe. Es gab nicht viele Ansiedlungen, und die meisten waren sehr klein und schwer zugänglich. Mittelpunkt des Bezirks und Houstons Amtssitz war Tascosa. Die Stadt war das geschäftliche Zentrum für sämtliche Viehzüchter des Panhandle.

Die Cowboys der nahegelegenen Ranches ritten regelmäßig in die Stadt, um sich hier zu vergnügen und ihren Lohn durchzubringen. Spieler, Betrüger, Diebe und leichte Mädchen stellten einen Großteil der Bürgerschaft. Einziger Rückhalt Houstons bei seiner Aufgabe, Recht und Ordnung in diesem Gebiet aufrechtzuerhalten, war eine Kompanie Texas Rangers unter Captain G. W. Arrington.
Der Distrikt, für den Temple Houston verantwortlich war, umfaßte neun großflächige Counties. Unter Houstons Amtsführung wurde Tascosa zu einer der wichtigsten Städte im Mittelwesten.

Houston verstand es auch hier, sich als ausgezeichneter Jurist zu profilieren, der zudem ein sicheres Gespür für die Bedürfnisse und das Verständnis von Recht und Gesetz innerhalb der Bevölkerung des Landes bewies. Um sich bei den rauhen Cowboys und den hartgesottenen Strolchen, die regelmäßig vor den Schranken des Gerichts in Tascosa auftraten, Respekt zu verschaffen, lernte er schießen wie ein Revolvermann. Energisch und tatkräftig füllte er seine Position aus und wurde sehr schnell über seinen Distrikt hinaus populär.

1886 kandidierte er für den Senat in Washington, wurde gewählt und 1888 in seinem Amt bestätigt. Houston war ein einflußreicher Senator, dessen Wort Gewicht hatte. Dann aber wurde das Indianerterritorium Oklahoma zur Besiedlung freigegeben. Temple Houston wurde von seiner alten Abenteuerlust erfaßt. Er verzichtete auf eine erneute Kandidatur für den Senat. Ihn reizte die Möglichkeit, in Oklahoma noch einmal neu anzufangen und etwas aufbauen zu können. Im Jahre 1893 ging Houston nach Oklahoma und eröffnete in Woodward eine Anwaltspraxis.

Temple Houston
Houston füllte sein Haus in Oklahoma mit Andenken an den Wilden Westen:
Waffen, indianischem Kunsthandwerk und Bildern von Häuptlingen.


Er begann eine genauso hektische wie steile Karriere. Binnen kurzer Zeit war er in Oklahoma bekannter und beliebter als je zuvor in Texas. Schlagartig tauchte sein Name in sämtlichen Zeitungen des Territoriums auf, als Houston dafür sorgte, daß in Guthrie eine Spielhalle geschlossen wurde, in der ein kleiner Junge um all sein Geld betrogen worden war. Eigenhändig jagte er die Berufsspieler aus der Stadt. Kurz danach wurde ihm die Verteidigung eines texanischen Cowboys namens Red Tom übertragen. Auch dieser Fall hatte bereits für Schlagzeilen gesorgt. Red Tom hatte ohne jede Veranlassung kaltblütig einen Indianer ermordet.
Die Verteidigungsstrategie Houstons war erfolgreich, zählte aber nicht zu den Glanzpunkten in seiner Karriere. Sie zeigte, daß er trotz seiner Intelligenz und Weltläufigkeit tief in den Denkstrukturen der hinterwäldlerischen Grenzer verwurzelt war. Er appellierte in der Verhandlung ohne zu zögern an die Vorurteile der Geschworenen gegenüber der indianischen Bevölkerung und erinnerte an die blutigen Indianerkriege, wobei er das Leid und das Unrecht, das den einstigen Herren des Landes geschehen war, unbeachtet ließ. Houston hatte Erfolg mit dieser Taktik. Red Tom wurde freigesprochen.
Von nun an wurde Houston zum gefragtesten Anwalt des Oklahoma Territoriums. Wenn er vor Gericht auftrat, waren die Zuhörersäle überfüllt. Er war ein überzeugender, begnadeter und brillanter Redner, der intelligent, scharfsinnig und souverän debattierte. Dabei unterstützte ihn die Strafprozeßordnung der amerikanischen Gerichte. In zivilisierten, besiedelten Gebieten, in denen reguläre Gerichte existierten, spielte der Richter bei den Verhandlungen nur eine sekundäre Rolle. Er hatte die Aufgabe, Verfahrenstermine zu bestimmen, für einen ordnungsgemäßen Ablauf des Prozesses zu sorgen und das Strafmaß festzusetzen. Die Frage, ob ein Angeklagter schuldig oder unschuldig war, wurde dagegen nicht von ihm, sondern von den zwölf Geschworenen entschieden, einem Kollegium von Laienbeisitzern, deren Entscheidung verbindlich für den Richter war, selbst wenn er eine andere Meinung vertrat.

Diese Praxis ließ für den Staatsanwalt und den Verteidiger zahlreiche Möglichkeiten offen, die juristisch meist unerfahrenen und nicht vorgebildeten Geschworenen mit allen psychologischen und dialektischen Tricks zu bearbeiten, mit oratorischer Wortgewaltigkeit zuzudecken und unabhängig von Recht oder Unrecht zu beeinflussen. Temple Houston war ein Meister in der Geschworenenindoktrination. Wenn er alle Register seiner juristischen und demagogischen Fähigkeiten zog, gewann er selbst den hoffnungslosesten Prozeß. Eines der hervorstechendsten Beispiele dafür war ein Plädoyer für eine im Mai 1899 des Mordes angeklagte Bordellbesitzerin namens Minnie Stacey.

Houston, der sich lediglich als Zuhörer im Saal aufgehalten hatte, wurde als einziger anwesender Anwalt zum Pflichtverteidiger der Frau bestimmt. Ohne Vorbereitung übernahm er seine Aufgabe. Nach einem kurzen Gespräch mit der Frau, wandte er sich dem Gericht zu und setzte zu einer Rede an, die die Geschworenen und die im Saal anwesenden Zuhörer auf die Plätze bannte.
Mit bewegten Worten prangerte Houston die doppelte Moral der Gesellschaft an. Er geißelte mit beißendem Sarkasmus jene, die die Frau auf die Anklagebank gebracht hatten und sich nun zu ihrem Richter aufschwingen wollten.

Alle senkten die Köpfe, als Houston forderte, jene sollten den ersten Stein werfen, die sich frei von jeder Schuld wüßten. Ohne Namen zu nennen, verurteilte er die Bürger im Saal und auf der Geschworenenbank, die Minnie Stacey hinter Gittern sehen wollten, sich aber selbst manche Nacht in ihr Etablissement geschlichen und sich dort vergnügt hatten.
»Unser Geschlecht«, rief Temple Houston, »das männliche Geschlecht, ist Schuld am Schicksal dieser Frau. Nicht sie verdient es, auf der Anklagebank zu sitzen, sondern wir. Wer gibt uns das Recht, sie zu verachten, zu verstoßen? Sind wir besser als sie? Weshalb glauben wir, uns über diese Frau erhaben fühlen zu dürfen?«
Als Houston endete, herrschte atemlose Stille im Saal. Manchem Geschworenen standen Tränen in den Augen, als der Freispruch erfolgte. Houstons Plädoyer, das der Stenograph des Gerichts mitgeschrieben hatte, wurde gedruckt, in Tausenden von Kopien in ganz Oklahoma und darüber hinaus verbreitet und in zahllosen anderen Gerichtsverfahren zitiert.

Berühmt wurden auch seine teilweise recht drastischen Demonstrationen vor Gericht, die mit der Akkuratesse von wohleinstudierten, bühnenreifen Shows abliefen.
So hatte er einmal einen Cowboy zu verteidigen, der einen gefährlichen Revolverhelden erschossen hatte. Houston hielt den Geschworenen vor, daß sein Mandant ein ehrenwerter, unbescholtener Bürger sei. Er sei ohne seine Schuld von dem berüchtigten Killer herausgefordert worden und habe keine andere Möglichkeit gehabt, um sein Leben zu retten, als den Mann zu töten. Er hatte aus nackter Furcht gehandelt, und Houston stellte den Geschworenen die Frage, ob sie überhaupt in der Lage seien, zu beurteilen, wie hilflos ein einfacher, hart arbeitender Bürger den eingeübten Schießkunststücken eines Revolvermannes gegenüberstehe. Dann riß er unvermittelt seinen Revolver aus der Halfter und feuerte blitzschnell sechs Schüsse über die Köpfe der Geschworenen ab, die sich vor Schreck zu Boden warfen.
Diese Vorführung war überzeugend. Der Angeklagte wurde freigesprochen.


Temple Houston (X) als Anführer eines Aufgebots auf der Jagd nach einem entflohenen Verbrecher.

Aber Houston zog seinen Revolver nicht nur im Gerichtssaal. Er scheute sich nicht, sich auf gewalttätige Auseinandersetzungen einzulassen, was ihm in der Presse den Titel »Revolveranwalt« eintrug.
Seine Anwaltspraxis in Woodward war das meistfrequentierte Anwaltbüro in Oklahoma. Kein Strafverteidiger bearbeitete so viele Fälle wie Temple Houston. Er saß manchmal Tag für Tag im Sattel, ritt von Stadt zu Stadt, um Verteidigungen zu übernehmen. Er schonte sich nie. Sein Erfolg weckte den Neid mancher Kollegen. Besonders die Gebrüder Ed, John und Al Jennings, die ebenfalls in Woodward eine Anwaltskanzlei unterhielten, empfanden nichts als Neid und Zorn, wenn sie die Zeitung aufschlugen und wieder einmal den Namen ihres erfolgreichen Kollegen lasen. Sie selbst hatten nur durch Clownerien und spektakuläre Niederlagen von sich reden gemacht, sahen den Grund für den Niedergang ihrer Firma aber nicht in ihrer Unfähigkeit, sondern im Erfolg Houstons.

Als Houston in einem Verfahren, in dem die Gebrüder Jennings eine Verteidigung übernommen hatten, als Nebenkläger auftrat, und die Jenningsbrüder gegen ihn mit Glanz und Gloria untergingen, war es mit ihrer Beherrschung vorbei. Ed und John Jennings überfielen den großen, langhaarigen, stets elegant gekleideten Anwalt am Abend des 8. Oktober 1895, um ihn zu erschießen. Houston zog seinen Revolver schneller, schoß Ed Jennings eine Kugel in den Kopf und zerfetzte John Jennings mit einem weiteren Schuß den rechten Arm. In der folgenden Nacht tauchte Al Jennings vor Houstons Haus auf. Auch er war betrunken, grölte wilde Beschimpfungen, zerschoß die Fensterscheiben und forderte Houston zum Duell. Der Anwalt blieb gelassen. Er nahm die Herausforderung des Mannes, der gegen ihn im offenen Kampf nicht die geringste Chance gehabt hätte, nicht an. Er ertrug die Beleidigungen, und Al Jennings ging schließlich wieder. Er verließ die Stadt und begann wenige Monate später, Eisenbahnen zu überfallen. Auch dabei war er wenig erfolgreich. 1897 verschwand Al Jennings für fünf Jahre im Gefängnis.

Temple Houston sorgte derweil weiter für Schlagzeilen. Universitäten und staatliche Institutionen traten an ihn heran und baten ihn um Vorträge und Referate über die Justiz an der »Frontier«. So groß seine Reputation aber auch wurde, nie konnte er sich innerlich völlig vom Schatten seines Vaters befreien. Charakteristisch dafür war, daß er in Interviews, in denen er auf seinen Vater angesprochen wurde, immer wieder darauf hinwies, daß ein Mann im Westen allein und ausschließlich durch sich selbst seine Persönlichkeit zu entwickeln habe, und in der Wildnis die Leistung des Vaters für die Zukunft der Söhne nicht ausreiche.

Temple Houston repräsentierte in all seinem Tun den typischen Rechtsanwalt der Pioniergesellschaft des amerikanischen Westens. Eigenwillig, bullig, hemdsärmelig, dynamisch und nicht auf juristischen Phrasen, sondern mehr auf den gesunden Menschenverstand bauend und auf die ungeschriebenen Regeln der Grenzer, die sich in der Praxis bewährt hatten und für die theoretische, papierene Vorschriften keine Alternative darstellten. Temple Houston starb in Woodward am 14. August 1905. Er hinterließ unübersehbare Spuren in der Justizgeschichte der amerikanischen Pionierzeit.


ROY BEAN - DAS GESETZ WESTLICH DES PECOS



ROY BEAN

Der Richtertisch stand auf dem überdachten Vorbau einer kleinen Kneipe. Er gehörte zum Inventar des Etablissements, war wacklig, alt und fleckig und hatte in einem der Beine eine Revolverkugel stecken. Es war ein heißer Tag. Die Sonne stand hoch. Der Himmel war ohne Wolke. Von Westen strich müde ein Windhauch heran. Er brachte den süßlichen Duft des bunten Salbei mit, der überall in der Prärie wuchs, von der die kleine Hüttenansammlung, die den Namen Langtry trug, umgeben wurde.

Vor dem kleinen Saloon bildeten einige Männer einen Halbkreis. Sie hockten im Staub oder standen im Schatten eines mächtigen Mesquitebaumes mit weitausgreifendem Geäst. Sie blickten abwartend auf den Richter hinter dem wackligen, fleckigen Tisch auf der Saloonveranda. Er hieß Roy Bean. Er war ein untersetzter, ziemlich beleibter Mann mit einem dichten, weißen Bart. Er trug einen breitrandigen mexikanischen Sombrero auf dem Kopf, hatte fleischige Hände und ein gutmütiges Bauerngesicht. Seine Augen waren klein und listig wie die eines Fuchses. Er musterte den jungen Mann, der mit gefesselten Händen auf einer einfachen Holzbank vor ihm saß.

»Pferdediebstahl«, sagte er und strich sich über den weißen Bart. »Ein schweres Verbrechen. So schlimm wie ein Mord.«
Er blätterte in einem Buch mit abgegriffenem Einband.
»Schlimmer als Mord«, sagte er nach einer Zeit. Er hob den Kopf und blickte den jungen Mann wieder an. »Es bleibt mir keine Wahl«, sagte er. »Ich muß Sie zum Tode verurteilen, junger Freund. Pferdediebstahl ist Pferdediebstahl. Darauf steht überall in Texas der Strick. Ich hoffe, daß Sie dort oben im Himmel einen gnädigeren Richter finden werden.«

 

Der junge Angeklagte wurde blaß bis unter die Haarwurzeln. Der Richter lehnte sich zurück und schlug bekräftigend mit einem Holzhammer auf die fleckige Tischplatte.
In diesem Moment näherte sich von der Seite ein anderer Mann dem Richtertisch. Er flüsterte dem Richter etwas zu. Roy Bean stutzte, beugte sich dann wieder vor und musterte den Angeklagten interessiert.
Ein väterliches Lächeln überzog sein Gesicht.
»Ich höre gerade«, sagte er freundlich, »daß Sie nicht ganz mittellos sind. «
Der Pferdedieb nickte. »Ich verfüge über vierhundert Dollar, Mr. Bean, Euer Ehren.«
Roy Bean lächelte noch breiter und strich sich wieder über seinen weißen Bart. »Die Gerichte in Texas sind streng, aber nicht unbelehrbar und immer gerecht«, sagte er. »Wie kann ein so wohlhabender Mann wie Sie ein Pferdedieb sein?«
»Ich habe das Pferd ja nicht stehlen wollen«, versicherte der Angeklagte hastig. »Ich hätte es wieder zurückgegeben, bestimmt.« »Natürlich«, sagte Bean. Er schob sich den Sombrero in den Nacken. »Der Fall ist ganz klar. Ein bedauerliches Mißverständnis.« Er schlug mit dem Holzhammer auf die Tischplatte und sagte: »Das hohe Gericht beschließt, das Todesurteil ist aufgehoben. Ich verurteile Sie zu einer Geldstrafe in Höhe von dreihundert Dollar, mit der Auflage, sofort die Stadt zu verlassen. Nehmen Sie das Urteil an?« »Ich nehme das Urteil an, Euer Ehren.«
Roy Bean wies mit einer Handbewegung einige Männer an, dem Dieb die Fesseln abzunehmen. Der Mann langte danach in seine Tasche, zog ein Bündel Dollarnoten hervor und zählte dem Richter dreihundert Dollar auf den Tisch. Dann beeilte er sich davonzukommen. Roy Bean ließ die Banknoten durch seine Finger gleiten und lauschte verzückt dem Knistern des Papiers. Er richtete sich auf und rief den Umstehenden zu: »Eine Runde für alle! Ihr seid alle eingeladen. « Er klappte sein Gesetzbuch zu, schob das Geld in die Tasche und wies die heraneilenden Männer an, den Tisch mit in den Schankraum zu tragen. Er trat hinter die Theke, schob das Gesetzbuch in ein Flaschenregal und stellte Gläser und zwei Flaschen Whisky auf den Tresen. »Trinken wir auf das Wohl des armen Teufels«, rief er, nachdem er eingeschenkt hatte. »Er weiß nicht, was ich ihm angetan habe, als ich ihn nicht gehängt habe. Jetzt hat er seine Freiheit wieder, und er wird noch merken, was für ein verdammt enger Strick das Leben sein kann, schlimmer als eine Galgenschlinge.«

Zahllose Menschen haben sich über das Phänomen Roy Bean den Kopf zerbrochen. Manche von ihnen haben sich erbittert gefragt, warum viele Männer, die erheblich bedeutender waren als er, unbekannt gestorben sind ...Aber die meisten Reisenden, die mit dem Zug durch Langtry fuhren und ihn sahen, spürten vielleicht instinktiv, daß Roy Bean trotz all seiner Fehler und Unzulänglichkeiten in gewisser Weise den amerikanischen Pionier repräsentierte. Unzählige Geschichten wurden über ihn erzählt, wie etwa die Anekdote über jenen Iren, der vor Beans Gericht geschleppt wurde, weil er einen Chinesen ermordet hatte. Roy ließ ihn von seinen Fesseln befreien, blätterte in seinem Gesetzbuch und befand, daß es sich bei der Tat zweifellos um den Totschlag eines menschlichen Wesens handelte.
»Aber«, sagte er, »ich will verdammt sein, aber ich kann keinen Paragraphen finden, der das Totschlagen eines Chinesen verbietet.«
C. L. Sonnichsen, THE STORY OF ROY BEAN, 1958

Roy Bean wurde in einem winzigen, windschiefen Blockhaus im Hügelland von Kentucky am Ohio River Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts geboren.
Er war der jüngste Sohn einer Hinterwäldlerfamilie. Seine Welt waren die Wälder von Kentucky, war die Einsamkeit der Berge, war die verräucherte, zugige Hütte seiner Eltern. Es war eine kleine, ärmliche Welt, die dem Jungen, als er sechzehn war, zu eng wurde. Er lief von zu Hause fort und wanderte den Mississippi hinunter nach New Orleans.

Hier fühlte er sich wohl. Von einem Leben, wie er es hier kennenlernte, hatte er immer geträumt. Wenige Monate später allerdings kehrte er überstürzt in die heimatlichen Wälder zurück, nachdem er mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Die Gedanken an die Welt außerhalb der familiären Enge aber ließen ihn nicht mehr los. Im Sommer 1847 tauchte sein älterer Bruder Sam, der schon vor geraumer Zeit das Elternhaus verlassen hatte, wieder zu Hause auf. Er berichtete von seinen Abenteuern als Frachtwagenfahrer und als Soldat im Krieg mit Mexiko. Als Sam wieder aufbrach, schloß Roy sich ihm an. Die Brüder erreichten im Frühjahr 1848 Independence in Missouri. Hier erwarben sie einen Frachtwagen, ein Maultiergespann und einen großen Warenvorrat und zogen damit nach Chihuahua in Mexiko. Sie gründeten einen Handelsposten, der rasch florierte und gute Gewinne abwarf.

Sam Bean arbeitete hart, Roy lebte in den Tag hinein. Er brachte seinen Anteil am Geschäft in Kneipen, mit Frauen und bei Hahnenkämpfen durch. 1849 erschoß er während eines Streits in Notwehr einen betrunkenen Mexikaner und flüchtete aus der Stadt.Er ging nach Texas und traf in San Diego auf seinen ältesten Bruder Joshua, der es zu Wohlstand und Ansehen gebracht hatte. Er war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch Bürgermeister der Stadt. 1850 wurde Joshua Bean gar zum Generalmajor der Staatsmiliz ernannt. Der junge Roy genoß den Wohlstand seines Bruders, zehrte von dessen Reputation und lebte von seinem Geld. Ungeniert ließ er sich von ihm aushalten, kaufte sich ein teures Pferd, kleidete sich elegant wie ein Dandy und lungerte ansonsten in den Kneipen und Bordellen der Stadt herum, wenn er nicht gerade an irgend welchen tollkühnen Pferderennen teilnahm.

Das sorglose Leben endete jäh, als Joshua seine Zelte in San Diego abbrach und die Stadt verließ. Roy glaubte, auf eigenen Füßen stehen zu können. Er blieb zurück. Aber nachdem niemand mehr da war, der ihn versorgte, sackte er rasch ab. Er geriet in Unterweltkreise, und am 24. Februar 1851 focht er mit einem anderen Mann ein Duell aus, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde. Roy und sein Gegner wurden wegen Verstoßes gegen die öffentliche Sicherheit eingesperrt. Im April verließ Roy Bean San Diego und ging auf die Suche nach Joshua. Er fand ihn in San Gabriel, Kalifornien, unweit von Los Angeles. Joshua besaß hier einen großen Saloon.

Roy beschloß, seinen Lebenswandel zu ändern. Er wurde Barkeeper bei seinem Bruder und arbeitete nun regelmäßig. Da wurde Joshua in einer Novembernacht von einem Unbekannten erschossen. Roy Bean versuchte zwar, den großen Saloon weiterzuführen, es gelang ihm aber nicht, das Geschäft zu halten. Nur mit dem, was er auf dem Leib trug, und einem halblahmen Gaul verließ er die Stadt. In Messilla, New Mexiko, traf er seinen Bruder Sam wieder, der sich ein gutgehendes Unternehmen, einen Store, ein Hotel, ein Cafe und einen Saloon mit daran angeschlossener Spielhalle aufgebaut hatte und außerdem nebenbei ein Frachtgeschäft betrieb. Roy stieg in das Geschäft seines Bruders ein. Im Jahre 1861 etablierte er in Pinos Altos, einem winzigen Goldminencamp in den Bergen, eine Filiale des Frachtgeschäfts.

 


Ein seltene Aufnahme mit Richter Roy Bean (der stämmige Weißbart mit der Uhrkette),
dem »Gesetz westlich des Pecos«, vor seinem Saloon in Langtry, Texas.
Seine Entscheidungen waren sehr umstritten, wenngleich sie auch oft mit viel Humor verkündet wurden.

 


Dann brach der Bürgerkrieg aus. Roy Bean war ein Anhänger der Konföderation und beteiligte sich an der Organisierung einer Guerillakompanie von Südstaatensympathisanten unter den Goldgräbern. Die Männer nannten sich »Freibeuter«, aber nachdem sie begannen, Anhänger der Nordstaaten zu terrorisieren, zu plündern und zu stehlen, wurden sie von der Bevölkerung nur noch »Die vierzig Räuber« genannt.
Über die Tätigkeit Roy Beans während des Bürgerkrieges gibt es keine eindeutigen Unterlagen. Er selbst behauptete später, als Spion und Kundschafter in der konföderierten Armee gedient zu haben. Fest steht, daß er in den letzten Kriegsmonaten Profit aus der Blockadepolitik der Nordstaaten gegenüber dem Süden zu schlagen wußte. Der Zufluß von zahlreichen Waren in die Staaten der Konföderation war völlig eingedämmt. Roy Bean schmuggelte viel gefragte Verbrauchsgüter von Mexiko nach Texas. Es war ein riskantes Geschäft, aber Bean verstand es, sich geschickt allen Nachforschungen durch die Militärbehörden des Nordens zu entziehen.

Auch nach dem Krieg setzte er seine Frachtgeschäfte fort. Am 28. Oktober 1866 heiratete er die achtzehnjährige Mexikanerin Virginia Chavez. Fast sechzehn Jahre lang lebte er von nun an mit seiner Familie von dubiosen Geschäften. Er handelte mit gepanschter Milch und mit dem Fleisch gestohlener Rinder, und er verkaufte Feuerholz aus fremden Wäldern. Er besaß ein erstaunliches Talent, sich allen Schwierigkeiten mit Behörden zu entziehen. Schließlich aber wurde ihm doch der Boden unter denFüßen zu heiß. Anfang der 80er Jahre brach er mit seiner Familie auf und folgte dem Schienenstrang der immer weiter nach Westen vorstoßenden »Southern Pacific Eisenbahngesellschaft«. Schon bald betrieb er einen florierenden Schnapshandel und versorgte die trinkfesten irischen Streckenarbeiter mit selbstdestilliertem Whisky.

Im Jahre 1882 gründete er in dem Eisenbahnarbeitercamp Eagle's Nest auf einer Sandbank des Rio Grande einen kleinen Handelsposten, der schon bald Mittelpunkt des Arbeiterlagers wurde. Eagle's Nest war eine Zeltstadt, in der eine rauhe Atmosphäre herrschte. Die Männer, die hier hausten, waren durchweg grobschlächtige Kerle, die ihre eigenen Regeln hatten. Sie waren in der Wildnis völlig isoliert. Es gab für sie keine Möglichkeit, aus der dumpfen Enge des Camps auszubrechen. Einzige Verbindung zu den nächsten Städten war die Eisenbahn, für die sie den Schienenweg bauten. Aber die Züge, die in Eagle's Nest eintrafen, brachten nur neues Baumaterial und Versorgungsgüter. Auf weibliche Gesellschaft mußte weitgehend verzichtet werden. Einzige Möglichkeit, um nach der harten Arbeit für ein paar Stunden die trostlose Situation zu vergessen, bot der Alkohol.

Konflikte, die durch aufgestaute Aggressionen latent waren,
konnten nicht ausbleiben. Zudem waren die Streckenarbeiter ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Iren, Schweden, Deutsche, Mexikaner, Neger und Chinesen. Rassische Ressentiments traten hier schärfer zutage als woanders. Brutale Schlägereien waren an der Tagesordnung, häufig gab es Tote.
Roy Bean wußte sich in diesem anarchischen Chaos durchzusetzen. Einem Besucher erzählte er einmal seelenruhig: »Heute scheint es einen friedlichen Tag zu geben. In den letzten vier Stunden ist noch niemand umgebracht worden. «
Bean, obwohl äußerlich nicht gerade ein furchteinflößender Mann, gelang es, sich Respekt zu verschaffen. Er besaß ein wenig Schulbildung, im Gegensatz zu den primitiven Streckenarbeitern, die häufig nicht einmal der englischen Sprache mächtig waren, und setzte seine Kenntnisse geschickt ein. Er strahlte Ruhe, Kaltblütigkeit und Souveränität aus und bewies in kritischen Situationen, daß er besser mit einem 45er Colt umzugehen verstand als die meisten Männer im Camp. Es dauerte nicht lange, da wurde er als Oberhaupt der Zeltstadt akzeptiert. Häufig gelang es ihm, Streitigkeiten zwischen den Männern zu schlichten und gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern.

Schon bald ging er dazu über, vor seinem Handelsposten regelrechte Gerichtssitzungen abzuhalten, die binnen kurzer Zeit zu einer Institution wurden. Bean gewann als geschickter Vermittler einen gewissen Ruf im umliegenden Land. Es wurde von »Richter Bean« gesprochen, und sein »Gericht« erhielt amtlichen Charakter durch eine in der Nähe von Eagle's Nest stationierte Einheit der Texas Rangers. Die Rangers gingen nämlich dazu über, ihre Gefangenen nicht mehr bis in das mehr als zweihundert Meilen entfernte Fort Stockton zu bringen. Sie schafften sie statt dessen zur Aburteilung zu Roy Bean. Zwischen ihm und den Rangers entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit. Aus Gründen der Rechtserhaltung nützten die Rangers den Einfluß Beans auf die rauhen Bahnarbeiter, unterstützten ihn bei all seinen Urteilen und gaben ihm konsequent die Autorität, die sonst nur ein reguläres Gericht besaß.

Beans provisorisches Gericht bewährte sich derart gut, daß die oberste Justizbehörde von Texas ihn am 2. August 1882 offiziell zum Richter ernannte.

Im September bereits wurden die bei Eagle's Nest stationierten Rangers zusammen mit Richter Bean in ein anderes, größeres und erheblich wilderes Eisenbahnercamp geschickt, um für Ordnung zu sorgen. Es hieß Vinegaroon.
Bean gelang es auch hier, sich mit faunischem Witz, Bauernschläue, Schlitzohrigkeit, einem von nichts gehemmten Selbstbewußtsein und einer oberflächlichen Kenntnis des juristischen Jargons Respekt zu verschaffen. Gab es Schwierigkeiten, konnte er sich auf die Rangers verlassen, die seinem Wort Nachdruck verliehen. Als das Jahr 1882 zu Ende ging, starb Vinegaroon langsam aus. Die Eisenbahn zog weiter. Die Streckenarbeiter verlegten ihr Camp weiter nach Westen. Die Händler, Tanzhallen- und Spielhöllenbesitzer folgten ihnen wie ein Schwarm hungriger Aasvögel. Vinegaroon wurde zu einer Geisterstadt.
Roy Bean schaute sich nach einem neuen Wirkungskreis um. Er zog in die Nähe von Strawbridge und begann wieder einen schwunghaften Whiskyhandel.

Nahe eines großen Wassertanks der Eisenbahn baute er eine kleine Kneipe, die er am 12. Januar 1883 eröffnete. Er rief den Platz kurzerhand zur Stadt aus und gab ihr den Namen Langtry, nach der populären englischen Schauspielerin Lily Langtry, die erst wenige Monate zuvor nach Amerika gekommen war. Er hatte ihr Bild in einer Gazette gesehen und war seither fasziniert von ihr, obwohl er sie nie in seinem Leben persönlich zu Gesicht bekommen sollte.
Bean blieb nicht lange allein in Langtry. Ehemalige Streckenarbeiter der Eisenbahn, sowie einige Handwerker, Farmer und Kleinrancher ließen sich rings um den Saloon des eigenwilligen Richters nieder, der bei einer Wahl 1884 zum erstenmal von der Bevölkerung der schwach besiedelten Region für zwei Jahre in seinem Amt bestätigt wurde. Im gleichen Jahr, am 8. Dezember, gelang es ihm, die Postbehörden zur Einrichtung eines Postoffice in Langtry zu bewegen. Bei dieser Gelegenheit wurde der Name Langtry offiziell bestätigt.



ROY BEAN

Bean sitzend auf dem Bierfass


Bean verwandelte seine Kneipe in ein Gerichtshaus. An der Frontwand der Hütte brachte er riesige Schilder an, auf denen geschrieben stand

» Richter Roy Bean, Notar und Friedensrichter «
» Das Gesetz westlich des Pecos «,
» Eiskaltes Bier «









Bean übte seine eigenwillige Gerichtspraxis wie gewohnt aus. Er wußte, daß Gerichtstage für die Bevölkerung des einsamen Landstrichs in gewisser Hinsicht Volksfeste und Gelegenheiten waren, sich zu treffen, Handel zu treiben, Informationen auszutauschen und sich zu unterhalten. Bean bot ihnen das Schauspiel, das sie erwarteten. Unbelastet von juristischen Formeln führte er seine Prozesse, wissend, daß das Gesetz an der »Frontier« kein starr fixiertes Dogma sein konnte, sondern einer eigenen Interpretation bedurfte.
Obwohl sich im Laufe der Jahre eine Opposition gegen ihn formierte, ließ er sich nicht von seinem Kurs abbringen. Er schuf sich eigene Regeln, setzte Strafen nach seinem Gutdünken fest, und wurde von der Mehrheit seiner Mitbürger akzeptiert.
Ein Gefängnis stand ihm nicht zur Verfügung. Gefangene fesselte er mit den Füßen an einen Mesquitebaum vor seinem Haus und gab ihnen eine Sackleinwand als Decke für die Nacht. Am Tag ließ er sie ihre Strafen abarbeiten.
Wann immer es möglich war, verhängte er Geldstrafen, und im Erfinden von Delikten, die er auf diese Weise ahnden konnte, war er sehr begabt. Nicht selten wurden Angeklagte zu Lokalrunden in Beans Kneipe für sämtliche anwesenden Zuschauer verdonnert, und wer nicht zahlungswillig war, erhielt Gelegenheit, mit Roy Beans zahmen Grizzlybären Bruno Bekanntschaft zu schließen, eine Ehre, auf die die meisten Verurteilten lieber verzichteten.
1892 wurde ein Streckenarbeiter der Eisenbahn bei einer Auseinandersetzung getötet. Bean wurde in seiner Eigenschaft als Leichenbeschauer geholt. Er entdeckte in denTaschen des Toten einen Revolver und vierzig Dollar. Sofort beschlagnahmte er die Waffe und verurteilte den Toten wegen illegalem Besitz eines Revolvers zu vierzig Dollar Strafe.

Die meisten Geldstrafen flossen in Beans eigene Tasche.
Als der Generalstaatsanwalt von Texas an Bean schrieb, er müsse die Einnahmen des Gerichts an den Staat abführen, erwiderte Bean ungerührt, er beziehe kein Einkommen vom Staat, und die Kosten für sein Gericht bestreite er selbst. Anweisungen von übergeordneten Gerichten, die in manchen Fällen seine Zuständigkeit bestritten, ignorierte er.
Er war auch nicht irritiert, als ein Bundesrichter ihm mitteilte, daß er zwar Trauungen vornehmen dürfe, aber auf keinen Fall Scheidungen. Bean entgegnete: „Also, wenn ich sie verheiratet habe, meine ich, habe ich auch das Recht, meine Irrtümer zu korrigieren."

Bis auf wenige Ausnahmen wurde Roy Bean alle zwei Jahre erneut zum Richter gewählt. Noch im Jahre 1902 bestätigte ihn die Bevölkerung von Langtry und Umgebung in seinem Amt.
Schon längst aber war er selbst zu einer Institution, zu einer lebenden Legende geworden. Sein Gericht, das für Journalisten aus den Oststaaten, die über die Sitten und Gebräuche im Westen berichteten, geradezu eine Fundgrube war, war immer für Schlagzeilen gut. Die Eisenbahn hielt in Langtry, nur um ihren Fahrgästen die Gelegenheit zu bieten, den alten Richter zu sehen, mit ihm zu reden, in seinem Saloon zu pokern und einen Drink einzunehmen.

Er gab sich leutselig und jovial, wer ihn aber unterschätzte, lernte den Roy Bean kennen, der sich einst in der Gesellschaft der Grenze, in der nur der Mann und seine Persönlichkeit und sonst nichts zählten, seinen Platz erstritten hatte.
Im Jahre 1901 verbreitete die Presseagentur »Associated Press« die Geschichte eines Touristen, der in Beans Saloon eine Flasche Bier getrunken hatte. Er war danach wieder in den Zug gestiegen, ohne zu bezahlen. Bean nahm seine Schrotflinte, befahl dem Lokführer, mit der Abfahrt zu warten und bestieg die Eisenbahn. Er ging durch sämtliche Abteile. Er musterte jeden Fahrgast mit stechendem Blick und stieß schließlich auf den Zechpreller.
Der Mann wurde blaß, als Roy Bean ihm die Läufe seiner Schrotflinte unter die Nase hielt und sagte: »Fünfunddreißig Cents, oder ich zerlege dich in deine Einzelteile!«
Der Mann wagte nicht zu widersprechen. Er kramte mit zitternden Händen das Geld aus seinen Taschen. Roy Bean steckte es befriedigt ein. An der Tür drehte er sich noch einmal um und sagte: »Wenn du nicht wissen solltest, wer ich bin, dann will ich es dir sagen: Ich bin das Gesetz westlich des Pecos.«
Im Morgengrauen des 16. März 1903 starb er. Sein Leichnam wurde unter starker Anteilnahme der Bevölkerung nach Del Rio am Rio Grande überführt und dort begraben.

Bean war der charismatischste, der populärste Vertreter einer Gesetzespraxis gewesen,
die unter dem Namen »Salbeibuschjustiz« in die amerikanische Pioniergeschichte eingegangen ist. Gemeint war jene Rechtsform, die sich autonom in den weiten, schwach besiedelten Ebenen von Texas, in den Vorposten der Zivilisation entwickelte und einen Übergang zwischen Gesetzlosigkeit und institutionalisiertem Recht darstellte. Es war eine Rechtsform, in der sich Schlitzohrigkeit und Lebensweisheit mit den einfachen, individualistischen Regeln der Grenzer paarten, in denen für eine starre, anonyme und genormte Amtsautorität, die den Freiheitsraum des Einzelnen einschränkte, kein Platz war.
Die Siedler, die in den 90er Jahren und um die Jahrhundertwende nach Westen zogen und die ersten Pioniere verdrängten, die nach und nach die Zivilisation des anbrechenden 20. Jahrhunderts in die Salbeibuschregionen trugen, empfanden diese Justizpraxis als ein Kuriosum. Für sie war Roy Bean nur ein ungehobelter, unwissender Gauner, sie verspotteten ihn als lächerliche Figur.
Daß er es war, der im südlichen Texas in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts entscheidend dazu beigetragen hatte, Gesetz und Ordnung zu etablieren, wurde über seinem oft kauzigen Gehabe vergessen. Späte Legenden stellten ihn als hirnlosen Säufer und blutrünstiges Monster dar. Die Geschichte beweist das Gegenteil. Sein Verhalten zeigte Intelligenz und taktische Begabung. Er trank nie unmäßig, und nie schickte er einen Angeklagten an den Galgen.

Der Historiker C. L. Sonnichsen schrieb:
Viele Menschen mißverstanden ihn. Für viele war er nur ein Ignorant, zu grobschlächtig, zu ungebildet, ein schlampiger, alter Mann. Aber er war ein Mann, der versuchte, in seiner Zeit ein guter Amerikaner zu sein, der in vielfacher Hinsicht den Geist der Ära der Westwanderung verkörperte. Er war ein typisches Produkt der »Grenze«, ein Pionier par exellence.

 

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