Rechtsprechung
in einem rauhen Land
Die Gerichte genossen in jenen Tagen
häufig ein schlechtes Ansehen. Korruption war oft genug die Regel,
genau wie Richter, die sich duellierten, unmäßig tranken,
sich herumprügelten und einen ausschweifenden Lebenswandel führten.
Wenn sich die Bürger ihre Justizbehörden anschauten, fanden
sie zu häufig nur Narren und Spötter. Es war nicht ungewöhnlich,
einen Richter im Stadium der Volltrunkenheit zu einer Verhandlung
erscheinen zu sehen, der keinerlei Skrupel hatte, jeden, der sich
ihm widersetzte, mit den Fäusten, mit einem Knüppel oder
gar mit einem Revolver zu attackieren.
Hubert
Howe Brancroft, POPULAR TRIBUNALS, 1887
Ein älterer Richter in Texas wurde »Old Necessity«
genannt. Er kannte keinen einzigen Paragraphen. Vor sich auf dem Richtertisch
hatte er stets einen in Schafsleder gebundenen Versandhauskatalog
liegen, der äußerlich wie ein Gesetzbuch aussah. Bevor
er seine Urteile verkündete, schlug er den Katalog auf und las
darin.
Eines Tages stand ein wegen zahlreicher kleiner Vergehen angeklagter
und überführter Mann vor ihm. Der Verteidiger verwies lang
und breit auf mildernde Umstände. Der Richter öffnete nach
dem Ende des Plädoyers den in Leder gebundenen Katalog, las einen
Moment darin und sagte dann: »Ich verurteile Sie zu 4,88 Dollar.«
Der Angeklagte sprang auf und wollte protestieren. Aber sein Anwalt
packte ihn am Ärmel, zerrte ihn auf den Platz zurück und
herrschte ihn an: »Bleiben Sie sitzen, Mann. Danken Sie Gott,
daß er bei Unterhosen und nicht bei Klavieren nachgeschlagen
hat!«
Wayne Gard, FRONTIER JUSTICE, 1949
Die große Mehrzahl der Richter im Westen tat ihr Bestes, um
ein geordnetes Rechtswesen zu schaffen, aber zahlreiche zweifelhafte
Vorkommnisse zerstörten die Reputation vieler Gerichte.
Manche Richter hinterließen nach ihrer Amtszeit lange Perioden
der Verbitterung und Unruhe innerhalb der Bevölkerung über
den Zustand der Justiz. Es kostete erhebliche Anstrengungen, dieses
Mißtrauen unter den Bürgern wieder abzubauen. Diese wenigen,
formal legalen Gerichte trugen nur zur weiteren Ausuferung der Kriminalität
bei.
Frank Richard Prassel, THE WESTERN PEACE OFFICER, 1972

Der
Rancharbeiter Billy Calder kurz vor der Hinrichtung in Lewistown,
Montana, im Jahre 1898; er hatte einen Doppelmord verübt.
Der Henker prüft die Schlinge, Calder verzieht das Gesicht.
Häufig
wurden Presseleute und andere Interessenten zu solchen Ereignissen
persönlich eingeladen
Die Bürger von Cripple Creek, Colorado, wurden vom
Rechtsanwalt, der zugleich Friedensrichter war, in einem zeltgedeckten
Büro beraten. Viele Richter des Wilden Westens besaßen
keine juristische Ausbildung und verließen sich stattdessen
günstigenfalls auf den gesunden Menschenverstand.

Dieses primitive Gefängnis in Larned, Kansas, war
noch besser als manches andere im Wilden Westen.
Ein Sheriff hielt seine Gefangenen einfach dadurch fest,
daß er ihnen eine Kuhhaut überwarf, die er mit Pflöcken
am Boden befestigte.
Das Gefängnis von Helena, Montana, 1874. Für
11 000 Dollar errichtet, erregte den Neid sämtlicher Gefangenenwärter.
Hinter der imposanten Fassade befanden sich sechs Zellen, einTrainingsraum
sowie Küche und Schlafkammern der Aufseher.

Anwälte waren ein notwendiges Glied in der Kette der Justiz im
Westen, und es gab keinen fähigeren - und brillanteren - als
Temple Houston.
Im Jahre 1859 wurde er im Brazoria County, Texas, geboren:
Temple Houston, Sohn des Mannes, der im Unabhängigkeitskrieg
zwischen Texas und Mexiko die mexikanische Armee unter Santa Ana am
Jacinto vernichtend geschlagen hatte und danach erster Gouverneur
der Republik Texas geworden war, Samuel Houston.
Die übermächtige Persönlichkeit des Vaters belastete
den jungen Temple, der sich stets, in allem, was er tat, am Namen
seines Vaters messen lassen mußte.
Im Februar 1861 trat Samuel Houston vom Amt des Gouverneurs
zurück und zog mit seiner Familie nach Huntsville, wo er am 26.
Juli 1863 starb. Temple war gerade vier Jahre alt. Drei Jahre später
verlor er auch seine Mutter.
Er wiedersetzte sich den Plänen seiner Verwandten im Hinblick
auf seine Zukunft. Das ständig gegenwärtige Werk seines
Vaters bedrückte ihn bis zur Unerträglichkeit. Er wollte
selbst etwas leisten, etwas aufbauen. Mit dreizehn Jahren verließ
er die Schule und suchte sich, gegen den Willen seiner Familie, Arbeit
als Cowboy, eine Tätigkeit, die dem halbwüchsigen Temple
ein Übermaß an physischer und psychischer Kraft abverlangte.
Er ließ sich schließlich sogar für einen Rindertrail
von Texas bis nach Bismarck in Nord-Dakota als Treiber anheuern. Hier
verkaufte er Pferd und Sattel und suchte sich Arbeit als Schreiber
auf einem Dampfschiff, mit dem er den Mississippi bis nach New Orleans
hinunterfuhr.
Dann sorgte seine
Familie für die Beendigung seines Vagabundenlebens. Freunde des
toten Vaters besorgten ihm Privatlehrer in Washington. Temple ging
in den Osten und studierte vier Jahre lang Rechtswissenschaften. Als
er nach Texas zurückkehrte, war er gerade neunzehn Jahre alt.
Er eröffnete eine Anwaltspraxis im Brazoria County und
zeigte hier bereits ein erstaunliches Geschick für publikumswirksame
Auftritte. Erwar ein juristisches Wunderkind. Obwohl seine praktische
Erfahrung gering war, bearbeitete er seine Fälle dermaßen
geschickt und trat vor Gericht so überzeugend und erfolgreich
auf, daß er schon bald einer der gefragtesten Anwälte in
Texas war.
Als 1880 das texanische Parlament die Einrichtung eines neuen Distriktgerichts
für den Texas Panhandle beschloß, bewarb Temple Houston
sich um das Amt des Bezirks-Staatsanwalts. Er wurde gewählt,
obwohl er erst einundzwanzig Jahre alt war. Es war ein schweres Amt
für einen so jungen Mann. Der Panhandle war ein bevorzugtes Gebiet
für Banditen, Revolverhelden und Viehdiebe. Es gab nicht viele
Ansiedlungen, und die meisten waren sehr klein und schwer zugänglich.
Mittelpunkt des Bezirks und Houstons Amtssitz war Tascosa. Die Stadt
war das geschäftliche Zentrum für sämtliche Viehzüchter
des Panhandle.
Die Cowboys der nahegelegenen Ranches ritten regelmäßig
in die Stadt, um sich hier zu vergnügen und ihren Lohn durchzubringen.
Spieler, Betrüger, Diebe und leichte Mädchen stellten einen
Großteil der Bürgerschaft. Einziger Rückhalt Houstons
bei seiner Aufgabe, Recht und Ordnung in diesem Gebiet aufrechtzuerhalten,
war eine Kompanie Texas Rangers unter Captain G. W. Arrington.
Der Distrikt, für den Temple Houston verantwortlich war, umfaßte
neun großflächige Counties. Unter Houstons Amtsführung
wurde Tascosa zu einer der wichtigsten Städte im Mittelwesten.
Houston verstand es auch hier, sich als ausgezeichneter Jurist zu
profilieren, der zudem ein sicheres Gespür für die Bedürfnisse
und das Verständnis von Recht und Gesetz innerhalb der Bevölkerung
des Landes bewies. Um sich bei den rauhen Cowboys und den hartgesottenen
Strolchen, die regelmäßig vor den Schranken des Gerichts
in Tascosa auftraten, Respekt zu verschaffen, lernte er schießen
wie ein Revolvermann. Energisch und tatkräftig füllte er
seine Position aus und wurde sehr schnell über seinen Distrikt
hinaus populär.
1886 kandidierte er für den Senat in Washington, wurde gewählt
und 1888 in seinem Amt bestätigt. Houston war ein einflußreicher
Senator, dessen Wort Gewicht hatte. Dann aber wurde das Indianerterritorium
Oklahoma zur Besiedlung freigegeben. Temple Houston wurde von seiner
alten Abenteuerlust erfaßt. Er verzichtete auf eine erneute
Kandidatur für den Senat. Ihn reizte die Möglichkeit, in
Oklahoma noch einmal neu anzufangen und etwas aufbauen zu können.
Im Jahre 1893 ging Houston nach Oklahoma und eröffnete in Woodward
eine Anwaltspraxis.

Houston füllte sein Haus in Oklahoma mit Andenken an
den Wilden Westen:
Waffen, indianischem Kunsthandwerk und Bildern von Häuptlingen.
Er begann eine genauso hektische wie steile Karriere. Binnen kurzer
Zeit war er in Oklahoma bekannter und beliebter als je zuvor in Texas.
Schlagartig tauchte sein Name in sämtlichen Zeitungen des Territoriums
auf, als Houston dafür sorgte, daß in Guthrie eine Spielhalle
geschlossen wurde, in der ein kleiner Junge um all sein Geld betrogen
worden war. Eigenhändig jagte er die Berufsspieler aus der Stadt.
Kurz danach wurde ihm die Verteidigung eines texanischen Cowboys namens
Red Tom übertragen. Auch dieser Fall hatte bereits für Schlagzeilen
gesorgt. Red Tom hatte ohne jede Veranlassung kaltblütig einen
Indianer ermordet.
Die Verteidigungsstrategie Houstons war erfolgreich, zählte aber
nicht zu den Glanzpunkten in seiner Karriere. Sie zeigte, daß
er trotz seiner Intelligenz und Weltläufigkeit tief in den Denkstrukturen
der hinterwäldlerischen Grenzer verwurzelt war. Er appellierte
in der Verhandlung ohne zu zögern an die Vorurteile der Geschworenen
gegenüber der indianischen Bevölkerung und erinnerte an
die blutigen Indianerkriege, wobei er das Leid und das Unrecht, das
den einstigen Herren des Landes geschehen war, unbeachtet ließ.
Houston hatte Erfolg mit dieser Taktik. Red Tom wurde freigesprochen.
Von nun an wurde Houston zum gefragtesten Anwalt des Oklahoma Territoriums.
Wenn er vor Gericht auftrat, waren die Zuhörersäle überfüllt.
Er war ein überzeugender, begnadeter und brillanter Redner, der
intelligent, scharfsinnig und souverän debattierte. Dabei unterstützte
ihn die Strafprozeßordnung der amerikanischen Gerichte. In zivilisierten,
besiedelten Gebieten, in denen reguläre Gerichte existierten,
spielte der Richter bei den Verhandlungen nur eine sekundäre
Rolle. Er hatte die Aufgabe, Verfahrenstermine zu bestimmen, für
einen ordnungsgemäßen Ablauf des Prozesses zu sorgen und
das Strafmaß festzusetzen. Die Frage, ob ein Angeklagter schuldig
oder unschuldig war, wurde dagegen nicht von ihm, sondern von den
zwölf Geschworenen entschieden, einem Kollegium von Laienbeisitzern,
deren Entscheidung verbindlich für den Richter war, selbst wenn
er eine andere Meinung vertrat.
Diese Praxis ließ
für den Staatsanwalt und den Verteidiger zahlreiche Möglichkeiten
offen, die juristisch meist unerfahrenen und nicht vorgebildeten Geschworenen
mit allen psychologischen und dialektischen Tricks zu bearbeiten,
mit oratorischer Wortgewaltigkeit zuzudecken und unabhängig von
Recht oder Unrecht zu beeinflussen. Temple Houston war ein Meister
in der Geschworenenindoktrination. Wenn er alle Register seiner juristischen
und demagogischen Fähigkeiten zog, gewann er selbst den hoffnungslosesten
Prozeß. Eines der hervorstechendsten Beispiele dafür war
ein Plädoyer für eine im Mai 1899 des Mordes angeklagte
Bordellbesitzerin namens Minnie Stacey.
Houston, der sich lediglich als Zuhörer im Saal aufgehalten hatte,
wurde als einziger anwesender Anwalt zum Pflichtverteidiger der Frau
bestimmt. Ohne Vorbereitung übernahm er seine Aufgabe. Nach einem
kurzen Gespräch mit der Frau, wandte er sich dem Gericht zu und
setzte zu einer Rede an, die die Geschworenen und die im Saal anwesenden
Zuhörer auf die Plätze bannte.
Mit bewegten Worten prangerte Houston die doppelte Moral der Gesellschaft
an. Er geißelte mit beißendem Sarkasmus jene, die die
Frau auf die Anklagebank gebracht hatten und sich nun zu ihrem Richter
aufschwingen wollten.
Alle senkten die Köpfe, als Houston forderte, jene sollten den
ersten Stein werfen, die sich frei von jeder Schuld wüßten.
Ohne Namen zu nennen, verurteilte er die Bürger im Saal und auf
der Geschworenenbank, die Minnie Stacey hinter Gittern sehen wollten,
sich aber selbst manche Nacht in ihr Etablissement geschlichen und
sich dort vergnügt hatten.
»Unser Geschlecht«, rief Temple Houston, »das männliche
Geschlecht, ist Schuld am Schicksal dieser Frau. Nicht sie verdient
es, auf der Anklagebank zu sitzen, sondern wir. Wer gibt uns das Recht,
sie zu verachten, zu verstoßen? Sind wir besser als sie? Weshalb
glauben wir, uns über diese Frau erhaben fühlen zu dürfen?«
Als Houston endete, herrschte atemlose Stille im Saal. Manchem Geschworenen
standen Tränen in den Augen, als der Freispruch erfolgte. Houstons
Plädoyer, das der Stenograph des Gerichts mitgeschrieben hatte,
wurde gedruckt, in Tausenden von Kopien in ganz Oklahoma und darüber
hinaus verbreitet und in zahllosen anderen Gerichtsverfahren zitiert.
Berühmt wurden auch seine teilweise recht drastischen Demonstrationen
vor Gericht, die mit der Akkuratesse von wohleinstudierten, bühnenreifen
Shows abliefen.
So hatte er einmal einen Cowboy zu verteidigen, der einen gefährlichen
Revolverhelden erschossen hatte. Houston hielt den Geschworenen vor,
daß sein Mandant ein ehrenwerter, unbescholtener Bürger
sei. Er sei ohne seine Schuld von dem berüchtigten Killer herausgefordert
worden und habe keine andere Möglichkeit gehabt, um sein Leben
zu retten, als den Mann zu töten. Er hatte aus nackter Furcht
gehandelt, und Houston stellte den Geschworenen die Frage, ob sie
überhaupt in der Lage seien, zu beurteilen, wie hilflos ein einfacher,
hart arbeitender Bürger den eingeübten Schießkunststücken
eines Revolvermannes gegenüberstehe. Dann riß er unvermittelt
seinen Revolver aus der Halfter und feuerte blitzschnell sechs Schüsse
über die Köpfe der Geschworenen ab, die sich vor Schreck
zu Boden warfen.
Diese Vorführung war überzeugend. Der Angeklagte wurde freigesprochen.
Temple Houston (X) als Anführer eines Aufgebots auf
der Jagd nach einem entflohenen Verbrecher.
Aber Houston zog seinen Revolver nicht nur im Gerichtssaal. Er scheute
sich nicht, sich auf gewalttätige Auseinandersetzungen einzulassen,
was ihm in der Presse den Titel »Revolveranwalt« eintrug.
Seine Anwaltspraxis in Woodward war das meistfrequentierte Anwaltbüro
in Oklahoma. Kein Strafverteidiger bearbeitete so viele Fälle
wie Temple Houston. Er saß manchmal Tag für Tag im Sattel,
ritt von Stadt zu Stadt, um Verteidigungen zu übernehmen. Er
schonte sich nie. Sein Erfolg weckte den Neid mancher Kollegen. Besonders
die Gebrüder Ed, John und Al Jennings, die ebenfalls in Woodward
eine Anwaltskanzlei unterhielten, empfanden nichts als Neid und Zorn,
wenn sie die Zeitung aufschlugen und wieder einmal den Namen ihres
erfolgreichen Kollegen lasen. Sie selbst hatten nur durch Clownerien
und spektakuläre Niederlagen von sich reden gemacht, sahen den
Grund für den Niedergang ihrer Firma aber nicht in ihrer Unfähigkeit,
sondern im Erfolg Houstons.
Als Houston in einem Verfahren, in dem die Gebrüder Jennings
eine Verteidigung übernommen hatten, als Nebenkläger auftrat,
und die Jenningsbrüder gegen ihn mit Glanz und Gloria untergingen,
war es mit ihrer Beherrschung vorbei. Ed und John Jennings überfielen
den großen, langhaarigen, stets elegant gekleideten Anwalt am
Abend des 8. Oktober 1895, um ihn zu erschießen. Houston zog
seinen Revolver schneller, schoß Ed Jennings eine Kugel in den
Kopf und zerfetzte John Jennings mit einem weiteren Schuß den
rechten Arm. In der folgenden Nacht tauchte Al Jennings vor Houstons
Haus auf. Auch er war betrunken, grölte wilde Beschimpfungen,
zerschoß die Fensterscheiben und forderte Houston zum Duell.
Der Anwalt blieb gelassen. Er nahm die Herausforderung des Mannes,
der gegen ihn im offenen Kampf nicht die geringste Chance gehabt hätte,
nicht an. Er ertrug die Beleidigungen, und Al Jennings ging schließlich
wieder. Er verließ die Stadt und begann wenige Monate später,
Eisenbahnen zu überfallen. Auch dabei war er wenig erfolgreich.
1897 verschwand Al Jennings für fünf Jahre im Gefängnis.
Temple Houston
sorgte derweil weiter für Schlagzeilen. Universitäten und
staatliche Institutionen traten an ihn heran und baten ihn um Vorträge
und Referate über die Justiz an der »Frontier«. So
groß seine Reputation aber auch wurde, nie konnte er sich innerlich
völlig vom Schatten seines Vaters befreien. Charakteristisch
dafür war, daß er in Interviews, in denen er auf seinen
Vater angesprochen wurde, immer wieder darauf hinwies, daß ein
Mann im Westen allein und ausschließlich durch sich selbst seine
Persönlichkeit zu entwickeln habe, und in der Wildnis die Leistung
des Vaters für die Zukunft der Söhne nicht ausreiche.
Temple Houston repräsentierte in all seinem Tun den typischen
Rechtsanwalt der Pioniergesellschaft des amerikanischen Westens. Eigenwillig,
bullig, hemdsärmelig, dynamisch und nicht auf juristischen Phrasen,
sondern mehr auf den gesunden Menschenverstand bauend und auf die
ungeschriebenen Regeln der Grenzer, die sich in der Praxis bewährt
hatten und für die theoretische, papierene Vorschriften keine
Alternative darstellten. Temple Houston starb in Woodward am 14. August
1905. Er hinterließ unübersehbare Spuren in der Justizgeschichte
der amerikanischen Pionierzeit.
ROY
BEAN - DAS GESETZ WESTLICH DES PECOS
Der Richtertisch
stand auf dem überdachten Vorbau einer kleinen Kneipe.
Er gehörte zum Inventar des Etablissements, war wacklig, alt
und fleckig und hatte in einem der Beine eine Revolverkugel stecken.
Es war ein heißer Tag. Die Sonne stand hoch. Der Himmel war
ohne Wolke. Von Westen strich müde ein Windhauch heran. Er brachte
den süßlichen Duft des bunten Salbei mit, der überall
in der Prärie wuchs, von der die kleine Hüttenansammlung,
die den Namen Langtry trug, umgeben wurde.
Vor dem kleinen
Saloon bildeten einige Männer einen Halbkreis. Sie hockten im
Staub oder standen im Schatten eines mächtigen Mesquitebaumes
mit weitausgreifendem Geäst. Sie blickten abwartend auf den Richter
hinter dem wackligen, fleckigen Tisch auf der Saloonveranda. Er hieß
Roy Bean. Er war ein untersetzter, ziemlich beleibter Mann mit einem
dichten, weißen Bart. Er trug einen breitrandigen mexikanischen
Sombrero auf dem Kopf, hatte fleischige Hände und ein gutmütiges
Bauerngesicht. Seine Augen waren klein und listig wie die eines Fuchses.
Er musterte den jungen Mann, der mit gefesselten Händen auf einer
einfachen Holzbank vor ihm saß.
»Pferdediebstahl«,
sagte er und strich sich über den weißen Bart. »Ein
schweres Verbrechen. So schlimm wie ein Mord.«
Er blätterte in einem Buch mit abgegriffenem Einband.
»Schlimmer als Mord«, sagte er nach einer Zeit. Er hob
den Kopf und blickte den jungen Mann wieder an. »Es bleibt mir
keine Wahl«, sagte er. »Ich muß Sie zum Tode verurteilen,
junger Freund. Pferdediebstahl ist Pferdediebstahl. Darauf steht überall
in Texas der Strick. Ich hoffe, daß Sie dort oben im Himmel
einen gnädigeren Richter finden werden.«
Der junge Angeklagte
wurde blaß bis unter die Haarwurzeln. Der Richter lehnte sich
zurück und schlug bekräftigend mit einem Holzhammer auf
die fleckige Tischplatte.
In diesem Moment näherte sich von der Seite ein anderer Mann
dem Richtertisch. Er flüsterte dem Richter etwas zu. Roy Bean
stutzte, beugte sich dann wieder vor und musterte den Angeklagten
interessiert.
Ein väterliches Lächeln überzog sein Gesicht.
»Ich höre gerade«, sagte er freundlich, »daß
Sie nicht ganz mittellos sind. «
Der Pferdedieb nickte. »Ich verfüge über vierhundert
Dollar, Mr. Bean, Euer Ehren.«
Roy Bean lächelte noch breiter und strich sich wieder über
seinen weißen Bart. »Die Gerichte in Texas sind streng,
aber nicht unbelehrbar und immer gerecht«, sagte er. »Wie
kann ein so wohlhabender Mann wie Sie ein Pferdedieb sein?«
»Ich habe das Pferd ja nicht stehlen wollen«, versicherte
der Angeklagte hastig. »Ich hätte es wieder zurückgegeben,
bestimmt.« »Natürlich«, sagte Bean. Er schob
sich den Sombrero in den Nacken. »Der Fall ist ganz klar. Ein
bedauerliches Mißverständnis.« Er schlug mit dem
Holzhammer auf die Tischplatte und sagte: »Das hohe Gericht
beschließt, das Todesurteil ist aufgehoben. Ich verurteile Sie
zu einer Geldstrafe in Höhe von dreihundert Dollar, mit der Auflage,
sofort die Stadt zu verlassen. Nehmen Sie das Urteil an?« »Ich
nehme das Urteil an, Euer Ehren.«
Roy Bean wies mit einer Handbewegung einige Männer an, dem Dieb
die Fesseln abzunehmen. Der Mann langte danach in seine Tasche, zog
ein Bündel Dollarnoten hervor und zählte dem Richter dreihundert
Dollar auf den Tisch. Dann beeilte er sich davonzukommen. Roy Bean
ließ die Banknoten durch seine Finger gleiten und lauschte verzückt
dem Knistern des Papiers. Er richtete sich auf und rief den Umstehenden
zu: »Eine Runde für alle! Ihr seid alle eingeladen. «
Er klappte sein Gesetzbuch zu, schob das Geld in die Tasche und wies
die heraneilenden Männer an, den Tisch mit in den Schankraum
zu tragen. Er trat hinter die Theke, schob das Gesetzbuch in ein Flaschenregal
und stellte Gläser und zwei Flaschen Whisky auf den Tresen. »Trinken
wir auf das Wohl des armen Teufels«, rief er, nachdem er eingeschenkt
hatte. »Er weiß nicht, was ich ihm angetan habe, als ich
ihn nicht gehängt habe. Jetzt hat er seine Freiheit wieder, und
er wird noch merken, was für ein verdammt enger Strick das Leben
sein kann, schlimmer als eine Galgenschlinge.«
Zahllose Menschen haben sich über das Phänomen Roy Bean
den Kopf zerbrochen. Manche von ihnen haben sich erbittert gefragt,
warum viele Männer, die erheblich bedeutender waren als er, unbekannt
gestorben sind ...Aber die meisten Reisenden, die mit dem Zug durch
Langtry fuhren und ihn sahen, spürten vielleicht instinktiv,
daß Roy Bean trotz all seiner Fehler und Unzulänglichkeiten
in gewisser Weise den amerikanischen Pionier repräsentierte.
Unzählige Geschichten wurden über ihn erzählt, wie
etwa die Anekdote über jenen Iren, der vor Beans Gericht geschleppt
wurde, weil er einen Chinesen ermordet hatte. Roy ließ ihn von
seinen Fesseln befreien, blätterte in seinem Gesetzbuch und befand,
daß es sich bei der Tat zweifellos um den Totschlag eines menschlichen
Wesens handelte.
»Aber«, sagte er, »ich will verdammt sein, aber
ich kann keinen Paragraphen finden, der das Totschlagen eines Chinesen
verbietet.«
C. L. Sonnichsen, THE STORY OF ROY BEAN, 1958
Roy Bean wurde in einem winzigen, windschiefen Blockhaus im Hügelland
von Kentucky am Ohio River Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts
geboren. Er war der jüngste Sohn einer Hinterwäldlerfamilie.
Seine Welt waren die Wälder von Kentucky, war die Einsamkeit
der Berge, war die verräucherte, zugige Hütte seiner Eltern.
Es war eine kleine, ärmliche Welt, die dem Jungen, als er sechzehn
war, zu eng wurde. Er lief von zu Hause fort und wanderte den Mississippi
hinunter nach New Orleans.
Hier fühlte er sich wohl. Von einem Leben, wie er es hier kennenlernte,
hatte er immer geträumt. Wenige Monate später allerdings
kehrte er überstürzt in die heimatlichen Wälder zurück,
nachdem er mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Die Gedanken an
die Welt außerhalb der familiären Enge aber ließen
ihn nicht mehr los. Im Sommer 1847 tauchte sein älterer Bruder
Sam, der schon vor geraumer Zeit das Elternhaus verlassen hatte, wieder
zu Hause auf. Er berichtete von seinen Abenteuern als Frachtwagenfahrer
und als Soldat im Krieg mit Mexiko. Als Sam wieder aufbrach, schloß
Roy sich ihm an. Die Brüder erreichten im Frühjahr 1848
Independence in Missouri. Hier erwarben sie einen Frachtwagen, ein
Maultiergespann und einen großen Warenvorrat und zogen damit
nach Chihuahua in Mexiko. Sie gründeten einen Handelsposten,
der rasch florierte und gute Gewinne abwarf.
Sam Bean arbeitete hart, Roy lebte in den Tag hinein. Er brachte seinen
Anteil am Geschäft in Kneipen, mit Frauen und bei Hahnenkämpfen
durch. 1849 erschoß er während eines Streits in Notwehr
einen betrunkenen Mexikaner und flüchtete aus der Stadt.Er ging
nach Texas und traf in San Diego auf seinen ältesten Bruder Joshua,
der es zu Wohlstand und Ansehen gebracht hatte. Er war nicht nur ein
erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch Bürgermeister
der Stadt. 1850 wurde Joshua Bean gar zum Generalmajor der Staatsmiliz
ernannt. Der junge Roy genoß den Wohlstand seines Bruders, zehrte
von dessen Reputation und lebte von seinem Geld. Ungeniert ließ
er sich von ihm aushalten, kaufte sich ein teures Pferd, kleidete
sich elegant wie ein Dandy und lungerte ansonsten in den Kneipen und
Bordellen der Stadt herum, wenn er nicht gerade an irgend welchen
tollkühnen Pferderennen teilnahm.
Das sorglose Leben endete jäh, als Joshua seine Zelte in San
Diego abbrach und die Stadt verließ. Roy glaubte, auf eigenen
Füßen stehen zu können. Er blieb zurück. Aber
nachdem niemand mehr da war, der ihn versorgte, sackte er rasch ab.
Er geriet in Unterweltkreise, und am 24. Februar 1851 focht er mit
einem anderen Mann ein Duell aus, bei dem glücklicherweise niemand
verletzt wurde. Roy und sein Gegner wurden wegen Verstoßes gegen
die öffentliche Sicherheit eingesperrt. Im April verließ
Roy Bean San Diego und ging auf die Suche nach Joshua. Er fand ihn
in San Gabriel, Kalifornien, unweit von Los Angeles. Joshua besaß
hier einen großen Saloon.
Roy beschloß, seinen Lebenswandel zu ändern. Er wurde Barkeeper
bei seinem Bruder und arbeitete nun regelmäßig. Da wurde
Joshua in einer Novembernacht von einem Unbekannten erschossen. Roy
Bean versuchte zwar, den großen Saloon weiterzuführen,
es gelang ihm aber nicht, das Geschäft zu halten. Nur mit dem,
was er auf dem Leib trug, und einem halblahmen Gaul verließ
er die Stadt. In Messilla, New Mexiko, traf er seinen Bruder Sam wieder,
der sich ein gutgehendes Unternehmen, einen Store, ein Hotel, ein
Cafe und einen Saloon mit daran angeschlossener Spielhalle aufgebaut
hatte und außerdem nebenbei ein Frachtgeschäft betrieb.
Roy stieg in das Geschäft seines Bruders ein. Im Jahre 1861 etablierte
er in Pinos Altos, einem winzigen Goldminencamp in den Bergen, eine
Filiale des Frachtgeschäfts.

Ein seltene Aufnahme mit Richter Roy Bean (der stämmige
Weißbart mit der Uhrkette),
dem »Gesetz westlich des Pecos«, vor seinem Saloon in
Langtry, Texas.
Seine Entscheidungen waren sehr umstritten, wenngleich sie auch oft
mit viel Humor verkündet wurden.
Dann brach der Bürgerkrieg aus. Roy Bean war
ein Anhänger der Konföderation und beteiligte sich an der
Organisierung einer Guerillakompanie von Südstaatensympathisanten
unter den Goldgräbern. Die Männer nannten sich »Freibeuter«,
aber nachdem sie begannen, Anhänger der Nordstaaten zu terrorisieren,
zu plündern und zu stehlen, wurden sie von der Bevölkerung
nur noch »Die vierzig Räuber« genannt.
Über die Tätigkeit Roy Beans während des Bürgerkrieges
gibt es keine eindeutigen Unterlagen. Er selbst behauptete später,
als Spion und Kundschafter in der konföderierten Armee gedient
zu haben. Fest steht, daß er in den letzten Kriegsmonaten Profit
aus der Blockadepolitik der Nordstaaten gegenüber dem Süden
zu schlagen wußte. Der Zufluß von zahlreichen Waren in
die Staaten der Konföderation war völlig eingedämmt.
Roy Bean schmuggelte viel gefragte Verbrauchsgüter von Mexiko
nach Texas. Es war ein riskantes Geschäft, aber Bean verstand
es, sich geschickt allen Nachforschungen durch die Militärbehörden
des Nordens zu entziehen.
Auch nach dem Krieg setzte er seine Frachtgeschäfte fort. Am
28. Oktober 1866 heiratete er die achtzehnjährige Mexikanerin
Virginia Chavez. Fast sechzehn Jahre lang lebte er von nun an mit
seiner Familie von dubiosen Geschäften. Er handelte mit gepanschter
Milch und mit dem Fleisch gestohlener Rinder, und er verkaufte Feuerholz
aus fremden Wäldern. Er besaß ein erstaunliches Talent,
sich allen Schwierigkeiten mit Behörden zu entziehen. Schließlich
aber wurde ihm doch der Boden unter denFüßen zu heiß.
Anfang der 80er Jahre brach er mit seiner Familie auf und folgte dem
Schienenstrang der immer weiter nach Westen vorstoßenden »Southern
Pacific Eisenbahngesellschaft«. Schon bald betrieb er einen
florierenden Schnapshandel und versorgte die trinkfesten irischen
Streckenarbeiter mit selbstdestilliertem Whisky.
Im Jahre 1882 gründete er in dem Eisenbahnarbeitercamp Eagle's
Nest auf einer Sandbank des Rio Grande einen kleinen Handelsposten,
der schon bald Mittelpunkt des Arbeiterlagers wurde. Eagle's Nest
war eine Zeltstadt, in der eine rauhe Atmosphäre herrschte. Die
Männer, die hier hausten, waren durchweg grobschlächtige
Kerle, die ihre eigenen Regeln hatten. Sie waren in der Wildnis völlig
isoliert. Es gab für sie keine Möglichkeit, aus der dumpfen
Enge des Camps auszubrechen. Einzige Verbindung zu den nächsten
Städten war die Eisenbahn, für die sie den Schienenweg bauten.
Aber die Züge, die in Eagle's Nest eintrafen, brachten nur neues
Baumaterial und Versorgungsgüter. Auf weibliche Gesellschaft
mußte weitgehend verzichtet werden. Einzige Möglichkeit,
um nach der harten Arbeit für ein paar Stunden die trostlose
Situation zu vergessen, bot der Alkohol.
Konflikte, die durch aufgestaute Aggressionen latent waren,
konnten nicht ausbleiben. Zudem waren die Streckenarbeiter ein bunt
zusammengewürfelter Haufen. Iren, Schweden, Deutsche, Mexikaner,
Neger und Chinesen. Rassische Ressentiments traten hier schärfer
zutage als woanders. Brutale Schlägereien waren an der Tagesordnung,
häufig gab es Tote.
Roy Bean wußte sich in diesem anarchischen Chaos durchzusetzen.
Einem Besucher erzählte er einmal seelenruhig: »Heute scheint
es einen friedlichen Tag zu geben. In den letzten vier Stunden ist
noch niemand umgebracht worden. «
Bean, obwohl äußerlich nicht gerade ein furchteinflößender
Mann, gelang es, sich Respekt zu verschaffen. Er besaß ein wenig
Schulbildung, im Gegensatz zu den primitiven Streckenarbeitern, die
häufig nicht einmal der englischen Sprache mächtig waren,
und setzte seine Kenntnisse geschickt ein. Er strahlte Ruhe, Kaltblütigkeit
und Souveränität aus und bewies in kritischen Situationen,
daß er besser mit einem 45er Colt umzugehen verstand als die
meisten Männer im Camp. Es dauerte nicht lange, da wurde er als
Oberhaupt der Zeltstadt akzeptiert. Häufig gelang es ihm, Streitigkeiten
zwischen den Männern zu schlichten und gewalttätige Auseinandersetzungen
zu verhindern.
Schon bald ging er dazu über, vor seinem Handelsposten regelrechte
Gerichtssitzungen abzuhalten, die binnen kurzer Zeit zu einer Institution
wurden. Bean gewann als geschickter Vermittler einen gewissen Ruf
im umliegenden Land. Es wurde von »Richter Bean« gesprochen,
und sein »Gericht« erhielt amtlichen Charakter durch eine
in der Nähe von Eagle's Nest stationierte Einheit der Texas Rangers.
Die Rangers gingen nämlich dazu über, ihre Gefangenen nicht
mehr bis in das mehr als zweihundert Meilen entfernte Fort Stockton
zu bringen. Sie schafften sie statt dessen zur Aburteilung zu Roy
Bean. Zwischen ihm und den Rangers entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit.
Aus Gründen der Rechtserhaltung nützten die Rangers den
Einfluß Beans auf die rauhen Bahnarbeiter, unterstützten
ihn bei all seinen Urteilen und gaben ihm konsequent die Autorität,
die sonst nur ein reguläres Gericht besaß.
Beans provisorisches Gericht bewährte sich derart gut, daß
die oberste Justizbehörde von Texas ihn am 2. August 1882 offiziell
zum Richter ernannte.
Im September bereits wurden die bei Eagle's Nest stationierten Rangers
zusammen mit Richter Bean in ein anderes, größeres und
erheblich wilderes Eisenbahnercamp geschickt, um für Ordnung
zu sorgen. Es hieß Vinegaroon.
Bean gelang es auch hier, sich mit faunischem Witz, Bauernschläue,
Schlitzohrigkeit, einem von nichts gehemmten Selbstbewußtsein
und einer oberflächlichen Kenntnis des juristischen Jargons Respekt
zu verschaffen. Gab es Schwierigkeiten, konnte er sich auf die Rangers
verlassen, die seinem Wort Nachdruck verliehen. Als das Jahr 1882
zu Ende ging, starb Vinegaroon langsam aus. Die Eisenbahn zog weiter.
Die Streckenarbeiter verlegten ihr Camp weiter nach Westen. Die Händler,
Tanzhallen- und Spielhöllenbesitzer folgten ihnen wie ein Schwarm
hungriger Aasvögel. Vinegaroon wurde zu einer Geisterstadt.
Roy Bean schaute sich nach einem neuen Wirkungskreis um. Er zog in
die Nähe von Strawbridge und begann wieder einen schwunghaften
Whiskyhandel.
Nahe eines großen Wassertanks der Eisenbahn baute er eine kleine
Kneipe, die er am 12. Januar 1883 eröffnete. Er rief den Platz
kurzerhand zur Stadt aus und gab ihr den Namen Langtry, nach der populären
englischen Schauspielerin Lily Langtry, die erst wenige Monate zuvor
nach Amerika gekommen war. Er hatte ihr Bild in einer Gazette gesehen
und war seither fasziniert von ihr, obwohl er sie nie in seinem Leben
persönlich zu Gesicht bekommen sollte.
Bean blieb nicht lange allein in Langtry. Ehemalige Streckenarbeiter
der Eisenbahn, sowie einige Handwerker, Farmer und Kleinrancher ließen
sich rings um den Saloon des eigenwilligen Richters nieder, der bei
einer Wahl 1884 zum erstenmal von der Bevölkerung der schwach
besiedelten Region für zwei Jahre in seinem Amt bestätigt
wurde. Im gleichen Jahr, am 8. Dezember, gelang es ihm, die Postbehörden
zur Einrichtung eines Postoffice in Langtry zu bewegen. Bei dieser
Gelegenheit wurde der Name Langtry offiziell bestätigt.
Bean
sitzend auf dem Bierfass
Bean verwandelte seine Kneipe in ein Gerichtshaus. An der Frontwand
der Hütte brachte er riesige Schilder an, auf denen geschrieben
stand
» Richter Roy Bean, Notar und Friedensrichter «
» Das Gesetz westlich des Pecos «,
» Eiskaltes Bier «
Bean übte seine eigenwillige Gerichtspraxis wie gewohnt aus.
Er wußte, daß Gerichtstage für die Bevölkerung
des einsamen Landstrichs in gewisser Hinsicht Volksfeste und Gelegenheiten
waren, sich zu treffen, Handel zu treiben, Informationen auszutauschen
und sich zu unterhalten. Bean bot ihnen das Schauspiel, das sie erwarteten.
Unbelastet von juristischen Formeln führte er seine Prozesse,
wissend, daß das Gesetz an der »Frontier« kein starr
fixiertes Dogma sein konnte, sondern einer eigenen Interpretation
bedurfte.
Obwohl sich im Laufe der Jahre eine Opposition gegen ihn formierte,
ließ er sich nicht von seinem Kurs abbringen. Er schuf sich
eigene Regeln, setzte Strafen nach seinem Gutdünken fest, und
wurde von der Mehrheit seiner Mitbürger akzeptiert.
Ein Gefängnis stand ihm nicht zur Verfügung. Gefangene fesselte
er mit den Füßen an einen Mesquitebaum vor seinem Haus
und gab ihnen eine Sackleinwand als Decke für die Nacht. Am Tag
ließ er sie ihre Strafen abarbeiten.
Wann immer es möglich war, verhängte er Geldstrafen, und
im Erfinden von Delikten, die er auf diese Weise ahnden konnte, war
er sehr begabt. Nicht selten wurden Angeklagte zu Lokalrunden in Beans
Kneipe für sämtliche anwesenden Zuschauer verdonnert, und
wer nicht zahlungswillig war, erhielt Gelegenheit, mit Roy Beans zahmen
Grizzlybären Bruno Bekanntschaft zu schließen, eine Ehre,
auf die die meisten Verurteilten lieber verzichteten.
1892 wurde ein Streckenarbeiter der Eisenbahn bei einer Auseinandersetzung
getötet. Bean wurde in seiner Eigenschaft als Leichenbeschauer
geholt. Er entdeckte in denTaschen des Toten einen Revolver und vierzig
Dollar. Sofort beschlagnahmte er die Waffe und verurteilte den Toten
wegen illegalem Besitz eines Revolvers zu vierzig Dollar Strafe.
Die meisten Geldstrafen flossen in Beans eigene Tasche. Als
der Generalstaatsanwalt von Texas an Bean schrieb, er müsse die
Einnahmen des Gerichts an den Staat abführen, erwiderte Bean
ungerührt, er beziehe kein Einkommen vom Staat, und die Kosten
für sein Gericht bestreite er selbst. Anweisungen von übergeordneten
Gerichten, die in manchen Fällen seine Zuständigkeit bestritten,
ignorierte er.
Er war auch nicht irritiert, als ein Bundesrichter ihm mitteilte,
daß er zwar Trauungen vornehmen dürfe, aber auf keinen
Fall Scheidungen. Bean entgegnete: „Also, wenn ich sie verheiratet
habe, meine ich, habe ich auch das Recht, meine Irrtümer zu korrigieren."
Bis auf wenige Ausnahmen wurde Roy Bean alle zwei Jahre erneut zum
Richter gewählt. Noch im Jahre 1902 bestätigte ihn die Bevölkerung
von Langtry und Umgebung in seinem Amt.
Schon längst aber war er selbst zu einer Institution, zu einer
lebenden Legende geworden. Sein Gericht, das für Journalisten
aus den Oststaaten, die über die Sitten und Gebräuche im
Westen berichteten, geradezu eine Fundgrube war, war immer für
Schlagzeilen gut. Die Eisenbahn hielt in Langtry, nur um ihren Fahrgästen
die Gelegenheit zu bieten, den alten Richter zu sehen, mit ihm zu
reden, in seinem Saloon zu pokern und einen Drink einzunehmen.
Er gab sich leutselig und jovial, wer ihn aber unterschätzte,
lernte den Roy Bean kennen, der sich einst in der Gesellschaft der
Grenze, in der nur der Mann und seine Persönlichkeit und sonst
nichts zählten, seinen Platz erstritten hatte.
Im Jahre 1901 verbreitete die Presseagentur »Associated Press«
die Geschichte eines Touristen, der in Beans Saloon eine Flasche Bier
getrunken hatte. Er war danach wieder in den Zug gestiegen, ohne zu
bezahlen. Bean nahm seine Schrotflinte, befahl dem Lokführer,
mit der Abfahrt zu warten und bestieg die Eisenbahn. Er ging durch
sämtliche Abteile. Er musterte jeden Fahrgast mit stechendem
Blick und stieß schließlich auf den Zechpreller.
Der Mann wurde blaß, als Roy Bean ihm die Läufe seiner
Schrotflinte unter die Nase hielt und sagte: »Fünfunddreißig
Cents, oder ich zerlege dich in deine Einzelteile!«
Der Mann wagte nicht zu widersprechen. Er kramte mit zitternden Händen
das Geld aus seinen Taschen. Roy Bean steckte es befriedigt ein. An
der Tür drehte er sich noch einmal um und sagte: »Wenn
du nicht wissen solltest, wer ich bin, dann will ich es dir sagen:
Ich bin das Gesetz westlich des Pecos.«
Im Morgengrauen des 16. März 1903 starb er. Sein Leichnam wurde
unter starker Anteilnahme der Bevölkerung nach Del Rio am Rio
Grande überführt und dort begraben.
Bean war der charismatischste, der populärste Vertreter einer
Gesetzespraxis gewesen, die unter dem Namen »Salbeibuschjustiz«
in die amerikanische Pioniergeschichte eingegangen ist. Gemeint war
jene Rechtsform, die sich autonom in den weiten, schwach besiedelten
Ebenen von Texas, in den Vorposten der Zivilisation entwickelte und
einen Übergang zwischen Gesetzlosigkeit und institutionalisiertem
Recht darstellte. Es war eine Rechtsform, in der sich Schlitzohrigkeit
und Lebensweisheit mit den einfachen, individualistischen Regeln der
Grenzer paarten, in denen für eine starre, anonyme und genormte
Amtsautorität, die den Freiheitsraum des Einzelnen einschränkte,
kein Platz war.
Die Siedler, die in den 90er Jahren und um die Jahrhundertwende nach
Westen zogen und die ersten Pioniere verdrängten, die nach und
nach die Zivilisation des anbrechenden 20. Jahrhunderts in die Salbeibuschregionen
trugen, empfanden diese Justizpraxis als ein Kuriosum. Für sie
war Roy Bean nur ein ungehobelter, unwissender Gauner, sie verspotteten
ihn als lächerliche Figur.
Daß er es war, der im südlichen Texas in den 80er und 90er
Jahren des vorigen Jahrhunderts entscheidend dazu beigetragen hatte,
Gesetz und Ordnung zu etablieren, wurde über seinem oft kauzigen
Gehabe vergessen. Späte Legenden stellten ihn als hirnlosen Säufer
und blutrünstiges Monster dar. Die Geschichte beweist das Gegenteil.
Sein Verhalten zeigte Intelligenz und taktische Begabung. Er trank
nie unmäßig, und nie schickte er einen Angeklagten an den
Galgen.
Der Historiker C. L. Sonnichsen schrieb:
Viele Menschen mißverstanden ihn. Für viele war er
nur ein Ignorant, zu grobschlächtig, zu ungebildet, ein schlampiger,
alter Mann. Aber er war ein Mann, der versuchte, in seiner Zeit ein
guter Amerikaner zu sein, der in vielfacher Hinsicht den Geist der
Ära der Westwanderung verkörperte. Er war ein typisches
Produkt der »Grenze«, ein Pionier par exellence.
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