Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Quellennachweis des Textes: Quellennachweis der Abbildungen:
© Reihe Nord und Süd; Dietmar Kügler, •Die Schlacht von Gettysburg•
© Leah Ireland-Kunze, •Der Bürgerkrieg in den USA 1861-1865•
© William C. Davis, •SOLDATEN•GENERÄLE•SCHLACHTEN•



GETTYSBURG / 01. - 03. Juli 1863

Seite 3

 

 

 

 

Schlachtverlauf

 

 

Gettysburg: der Wendepunkt im Osten

Am 2. Juni 1863 ließ Robert E. Lee seine Armee aus Fredericksburg abrücken. Die Bewegungen der Südstaatentruppen erfolgten so vorsichtig, daß General Hooker und dessen Scouts nichts davon bemerkten. Erst am 5. Juni ordnete Hooker Erkundungen im Raum Fredericksburg an. Am 8. Juni überquerte US-Kavallerie unter General Pleasonton den Rappahannock. Am Morgen des 9. Juni kam es zu einem schweren Kavalleriegefecht zwischen General J. E. B. Stuarts Reitern und den Nordstaatlern, die verlustreich über den Fluß zurück mußten, da sich das Südstaaten-Korps General Ewells näherte. Erst jetzt erfuhr Hooker, daß die Südarmee ihre Lager abgebrochen hatte und sich an der rechten Flanke der Unionsfront nach Norden bewegte.
Hooker ersuchte sofort um weitere Truppen, um Richmond, die Hauptstadt des Südens, anzugreifen. Präsident Lincoln verwarf diesen Vorschlag und verlangte, daß zunächst die Unionshauptstadt Washington zu schützen sei.


Attacke der Unions-Kavallerie.
Selten konnten die US-Reiter vor 1863 solche Angriffe durchführen

Am 10. Juni begann das Korps Ewells von Culpepper aus seinen Marsch durch das Shenandoah-Tal nach Norden. Die Kavallerie Stuarts zog zur Ostseite der Blue-Ridge-Kette, um die Bergpässe zu kontrollieren. Am 14. Juni schlossen die Divisionen Early und Johnson aus Ewells Korps Unionstruppen unter General Milroy bei Winchester ein, denen nach verzweifeltem Kampf der Durchbruch und die Flucht gelang. Hills Korps verließ am 14. Juni Fredericksburg.
Longstreet begann am folgenden Tag seinen Marsch nach Norden.
Bei der Verfolgung von Milroys Truppen waren 2´000 konföderierte Kavalleristen unter Jenkins in Pennsylvania eingefallen. Am Abend des 15. Juni waren sie bis Chambersburg vorgestoßen, machten reiche Beute und zogen sich dann nach Williamsport zurück.

 

Erst am 13. Juni setzte General Hooker die Potomac-Armee in Marsch, um den Südstaatlern den Weg nach Washington zu versperren. Zwischen dem 17. und dem 21. Juni kam es bei Middleburg und Upperville zu heftigen Kavalleriegefechten zwischen den Unionsreitern Pleasontons und den Virginiern Stuarts.
Als die Südstaatler sich durch Ashby's Gap zurückzogen, folgten die Föderierten ihnen jedoch nicht.

Am 23. Juni vereinigte sich die Südstaaten-Kavallerie unter Jenkins in Chambersburg mit den Truppen der Generäle Rodes und Johnson.
Die Division Early aus Ewells Korps hatte Befehl erhalten, über Gettysburg und York in die Berge zu marschieren, um die Eisenbahnlinien zu zerstören und die Brücken über den Susquehannah nach Wrightsville unter ihre Kontrolle zu bringen. Danach sollte Early mit den Truppen von Rodes und Johnson weiter nach Norden ziehen und Harrisburg besetzen.
Ebenfalls am 23. Juni gab Lee den Korps Longstreet und Hill den Befehl, den Potomac zu überqueren, sich in Hagerstown zu vereinigen und dem Korps Ewells ins Cumberland Valley zu folgen.
Endlich schien Hooker zu ahnen, was Lee plante. Er ließ seine Armee am 25. und 26. Juni den Potomac kreuzen und eine Parallellinie zur nordwärts ziehenden konföderierten Armee bilden. Da waren bereits die ersten Schüsse in Gettysburg gefallen: Am 26. Juni hatte eine Südstaatenbrigade unter General Gordon Gettysburg erreicht und nach kurzem Scharmützel eine kleine Unionseinheit aus Infanterie und Kavallerie vertrieben.
Der erste Gefallene in Gettysburg war der Unionssoldat G. W. Sandoe, der erst 3 Tage zuvor seinen Dienst angetreten hatte.

Als Earlys Division zwei Tage später den Susquehannah River überqueren wollte, verbrannten Unionstruppen die Brücke. Hooker erkannte, daß die Lage für ihn kritischer wurde. Der Druck der Südarmee nach Norden war von unwiderstehlicher Vehemenz. Hooker forderte Verstärkung durch Truppen an, die bei Harpers Ferry standen.

Sein Gesuch wurde vom Generalstabschef Henry Wager HALLECK abgelehnt

Daraufhin bat Hooker am 27. Juni um seine Ablösung. Der abrupte Wechsel im Kommando in dieser angespannten Situation sorgte nicht unbedingt für Zuversicht in den Reihen der Union, zumal Hooker trotz gravierender Fehler noch immer das Vertrauen eines großen Teils der Truppen besessen hatte.
Am 28. Juni wurde er durch General George Gordon Meade, Chef des V. Korps, ersetzt.

„Hauptquartier der Potomac-Armee, Frederick, Maryland, 28. Juni 1863
Allgemeiner Befehl Nr. 65: In Übereinstimmung mit dem vom Kriegsministerium erlassenen Befehlen, datiert den 27. Juni 1863, trete ich hiermit vom Commando der Potomac-Armee zurück. Dasselbe wurde General-Major George G. Meade übertragen, einem tapferen und tüchtigen Offizier, der sich schon auf manchem blutigen Felde das Vertrauen und die Achtung der Armee erworben hat. Von dem Glauben durchdrungen, daß meine Wirksamkeit als Befehlshaber der Potomac-Armee geschwächt ist, scheide ich von derselben, jedoch nicht ohne die tiefste Rührung. Der Schmerz der Trennung von den Gefährten so vieler Schlachten wird indessen durch die Überzeugung gemildert, daß der Mut und die Hingebung dieser Armee nie aufhören oder wanken können, und daß sie meinem Nachfolger dieselbe willige und herzliche Unterstützung angedeihen lassen wird wie mir. Mit dem sehnlichsten Wunsch, daß der Triumph eurer Waffen Erfolge herbeiführen möge, die eurer und der Nation würdig sind, sage ich euch jetzt Lebewohl!

Joseph Hooker, General-Major."

Meade, ein solider, Ruhe ausstrahlender Offizier aus der Ingenieurtruppe, erklärte in seinem ersten Tagesbefehl vom 28. Juni 1863,
daß er „keine Versprechungen oder Gelöbnisse zu geben" gedenke.
Und: „Die Augen des Landes ruhen auf dieser Armee. Möge ein jeder entschlossen sein, seine Pflicht zu erfüllen."
Er ließ die Unionsarmee sofort in Eilmärschen nach Norden rücken, um Lees Truppen den Weg abzuschneiden. Kavallerie wurde vorgeschickt.
Kilpatricks Truppe bildete die Spitze eines Keils, General Gregg stand rechts, General Buford links.
Der linke Flügel der Potomac-Armee unter Führung von General Reynolds sollte nach Emmittsburg marschieren. Der rechte Flügel wurde nach New Windsor kommandiert.
Inzwischen - seit dem 24. Juni - befand sich die Virginia-Kavallerie Stuarts auf einem ihrer berühmten „Raids", der um die rechte Flanke der Unionsarmee herum in ihren Rücken führen sollte. Diese Unternehmen waren normalerweise von großem Erfolg gekrönt, brachten wertvolles Beutegut und schockierten den Feind.
Zu diesem Zeitpunkt aber wäre es wichtiger gewesen, die klassische Kavallerierolle, die Feindbeobachtung, wahrzunehmen, um Lee rechtzeitig von den Bewegungen der Unionsarmee zu unterrichten. Lee erfuhr somit erst in den letzten Juni-Tagen davon, daß die Nordarmee schon eine ganze Weile mit seiner Armee Schritt gehalten hatte und ihm den Weg nach Washington versperrte, so daß eine große Schlacht unvermeidlich war.
Stuarts Absicht, durch Maryland zu marschieren, gelang nicht. Es kam am 29. Juni zu einem Gefecht zwischen Stuarts Kavallerie und Unionstruppen bei Westminster. Am folgenden Tag gab es ein kurzes und heftiges Scharmützel mit Kilpatricks Reitern bei Hanover.

Stuart konnte sich nicht halten. Seine Leute waren nach dem „Raid", den erschöpfenden Tages- und Nachtritten, übermüdet. Nach einer weiteren ruhelosen Nacht erreichten die Südstaatler am 1. Juli Carlisle, wo sie nicht, wie erhofft, auf Ewells Leute stießen, da dieser bereits von Lee nach Gettysburg zurückgerufen worden war. Carlisle war von Unionstruppen unter General W. F. Smith besetzt.
Stuart ließ die Stadt beschießen, brannte die Quartiergebäude der US-Truppen nieder, zog dann aber ebenfalls in Richtung Gettysburg ab, wo er am 2. Juli eintraf. Da war die Schlacht schon in vollem Gang, und Lee hatte seinen Kavalleriekommandeur eine volle Woche nicht zu Gesicht bekommen. Eine fatale Situation.
Am 28. Juni hatte Lee erfahren, daß die Potomac-Armee in Maryland stand. Er wiederrief seine Befehle an Ewell, nach Harrisburg vorzurücken. Die Divisionen Early und Rodes sollten in der Nähe von Gettysburg zum Korps von A. P. Hill stoßen. Johnsons Division sollte mit der Artillerie und dem Troß über Shippensburg nach Fayettville gehen. Am 30. Juni zogen die Korps von Hill und Ewell in Richtung Gettysburg.
In der konföderierten Armee, insbesondere bei A. P. Hills Korps, mangelte es an Schuhwerk. Durch Zufall erhielt General Hill die Nachricht über eine große Schuhlieferung, die in Gettysburg eingetroffen sein sollte. Diese Kleinstadt lag unweit von Cashtown, wo die Division Heth von Hills Korps schon eingetroffen war.
Hill befahl Heth, am 30. Juni die Brigade Pettigrew nach Gettysburg zu schicken, um die Schuhe „abzuholen“.

Zur selben Zeit näherte sich US-Kavallerie unter General Buford der Stadt.

General BUFORD, US-Kavallerie (sitzend) und sein Stab


Beide Truppen erreichten Gettysburg fast gleichzeitig. Nach heftigem Geplänkel mußte Pettigrew sich zum Marsh Creek zurückziehen. Von hier aus benachrichtigte er die nachfolgenden Truppen, daß die Unionsarmee Gettysburg besetzt habe. Die US-Kavallerie ging westlich der Seminary Ridge in Stellung.

Buford sandte Brigaden zur Zubringerstraße von Chambersburg und Hagerstown und zur Eisenbahnlinie. Späher schwärmten zu allen Überlandstraßen im Norden und Nordwesten aus.
In der Nacht des 30. Juni fand am Marsh Creek ein Treffen zwischen den Unionsgenerälen Buford und Reynolds statt, die sich über ihr weiteres Vorgehen abstimmten.

Noch in der Nacht kehrte Buford nach Gettysburg zurück, begleitet von einem Stabsoffizier Reynolds', der sich selbst einen Eindruck von der Lage verschaffen und am folgenden Tag zu Reynolds zurückkehren und Bericht erstatten sollte.

 

 

 

Stellungen der Konföderierten Armee am Abend des 30. Juni


I.
Korps: General Longstreet - bei Chambersburg, 25 Meilen nordwestlich von Gettysburg.
II. Korps: General Ewell - bei Heidlersburg - die verschiedenen Divisionen lagerten an unterschiedlichen Plätzen - 10 bis 12 Meilen nordöstlich von Gettysburg.
III. Korps: General Hill - bei Fayetteville, 18 Meilen nordwestlich von Gettysburg, sowie einige Truppenteile bei Cashtown,
10 Meilen nordwestlich, und am Marsh Creek, weniger als 4 Meilen nordwestlich.
Stuarts Kavallerie - Dover, knapp 21 Meilen nordöstlich von Gettysburg.
General Robert E. Lee hatte folgende Befehle an die Korps von Hill und Longstreet erteilt:
Am 1. Juli sollte die Division Heth mit 8 Artillerie-Batterien Gettysburg besetzen.
Die Division Pender sollte unverzüglich Hilfe leisten. Longstreet sollte folgen.

 

 

Stellungen der Unionsarmee am Abend des 30. Juni

I. Korps: General Doubleday - gut 5 Meilen vor Gettysburg am Marsh Creek. II. Korps: General Hancock - 20 Meilen südlich in Unionstown.
III. Korps: General Sickles - Bridgeport, 12 Meilen südlich. V. Korps: General Sykes - Union Mills, 16 Meilen südöstlich.
VI. Korps: General Sedgwick - Manchester, 34 Meilen südöstlich.
XI. Korps: General Howard -10 Meilen südlich bei Emmittsburg.
XII. Korps: General Slocum - 10 Meilen entfernt in Littlestown.
Bufords Kavallerie hatte sich in und bei Gettysburg verschanzt.
Die anderen Kavalleriekommandanten der Union, Gregg und Kilpatrick, lagen mit ihren Truppen in Westminster und Hanover.
General Meades Anordnungen für den 1. Juli:
Das I. und das XI. Korps sollten Gettysburg besetzen. Das III. Korps sollte nach Emmittsburg, das II. Korps nach Taneytown marschieren.
Das V. Korps sollte Hanover besetzen, das XII. Korps Two Taverns. Das VI. Korps sollte in Manchester bleiben.

 

Gettysburg


Was machte die kleine Stadt in Pennsylvania - die Angaben über die Einwohnerzahlen schwanken zwischen 1´500 und 3´000 in den verschiedenen Quellen -
zum großen, entscheidenden Schlachtfeld des Bürgerkrieges? Der bekannteste amerikanische Journalist jener Tage,
der Herausgeber der „Washington Tribune", Horace Greely, schrieb über Gettysburg:
„Gettysburg, der Hauptort von Adams County, ist ein Landstädtchen ... und der Mittelpunkt einer wohlangebauten Hügelgegend, in welchen treffliche Landstraßen münden." Der amerikanische Historiker John William Draper verglich Gettysburg mit einer „Nabe", in die die vielen Straßen, die in die Stadt mündeten,
„wie die Speichen eines Rades" trafen.

Damit ist die Schlüsselposition von Gettysburg bestens beschrieben: Die Stadt war ein Verkehrsknotenpunkt. Schon in Friedenszeiten liefen hier die wichtigsten Frachttransporte aus dem ländlichen Raum zu den größeren Städten der Union über diese Siedlung. Es war fast zwingend, daß Lees Armee die vorhandenen Wege und Straßen nutzte, um zügig die nördlichen Zentren zu erreichen, zum Herz der Union vorzustoßen. So wie es für die Führer der Unionsarmee kaum eine andere Möglichkeit gab, sich Lee in den Weg zu stellen als dort, wo sich alle bedeutenden Überlandstraßen kreuzten.

Gettysburg und Umgebung

  1 Gettysburg
  2 Cemetery Ridge
  3 Seminary Ridge
  4 Culp's Hill
  5 Little Round Top
  6 Round Top
  7 Devil's Den
  8 Pfirsichplantage
  9 Plum Run
10 Landstraße Emmitsburg-Gettysburg
11 Eisenbahn Gettysburg - Hanover
12 Geplante Strecke nach Chambersburg
13 Cemetary Hill
14 Willoughby Run
15 Rock Creek

 

Gettysburg (Karte Ziff. 1) lag am Nordende eines topographisch komplizierten Tals zwischen zwei niedrigen Bergkämmen: Cemetery Ridge (2) an der Ostseite
und Seminary Ridge (3) an der Westseite. Der Cemetery Ridge war so benannt, weil sich an seinem nördlichen Ende der kleine Friedhof des Ortes befand.
Dieser Kamm wies die Form eines umgekehrten Fragezeichens auf, das am Culp's Hill (4) gleich vor Gettysburg an der Ostseite begann und in den Kuppen
Little Round Top (93 Meter) (5) und Round Top (113 Meter) (6) endete.
Der Seminary Ridge, nach dem dort befindlichen evangelischen Seminar benannt, war breiter, offener und nicht so hoch wie der Cemetery Ridge, der zum Teil
- insbesondere am Südende - dicht bewaldet war. Vor den Kuppen lag eine tiefe, durch Wald und Felsen verdunkelte Schlucht namens Devil's Den (Teufelsbau) (7).

Das Tal zwischen den Kämmen war etwa 1,5 Kilometer breit und hauptsächlich mit Feldern bedeckt.
Außer einer Pfirsichplantage (Peach Orchard) (8) gab es hier praktisch keine Deckung.
Unterhalb der Hänge des Cemetery Ridge verlief der Bach Plum Run (9), in seiner Nähe verlief die
Landstraße Emmitsburg-Gettysburg (10), die in der Nähe des Friedhofs den Hügel überquerte.
Die Eisenbahn von Hanover (11) lief an der Ostseite nach Gettysburg ein und endete damals auch dort;
die geplante Strecke nach Chambersburg (12) befand sich noch im Bau.
Die Topographie des Tals bei Gettysburg war in der bevorstehenden Schlacht ein sehr entscheidender Faktor.

Nachdem die Union Robert E. Lee den Weg verlegt hatte, war der weitere Erfolg der Invasion abhängig von einer möglichst schnellen Überwindung dieser Barriere, solange nicht die vollständige Truppenstärke des Nordens aufmarschiert war. Lee wußte wegen der Abwesenheit seiner Kavallerie zu diesem Zeitpunkt nicht, daß dieser Fall viel schneller als erwartet eintreten würde. Am Abend des 30. Juni 1863 waren die Truppen beider Seiten in Kampfbereitschaft.

 

 

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