Am 2. Juni 1863 ließ Robert
E. Lee seine Armee aus Fredericksburg abrücken. Die Bewegungen
der Südstaatentruppen erfolgten so vorsichtig, daß General
Hooker und dessen Scouts nichts davon bemerkten. Erst am 5. Juni ordnete
Hooker Erkundungen im Raum Fredericksburg an. Am 8. Juni überquerte
US-Kavallerie unter General Pleasonton den Rappahannock. Am Morgen des
9. Juni kam es zu einem schweren Kavalleriegefecht zwischen General
J. E. B. Stuarts Reitern und den Nordstaatlern, die verlustreich über
den Fluß zurück mußten, da sich das Südstaaten-Korps
General Ewells näherte. Erst jetzt erfuhr Hooker, daß die
Südarmee ihre Lager abgebrochen hatte und sich an der rechten Flanke
der Unionsfront nach Norden bewegte.
Hooker ersuchte sofort um weitere Truppen, um Richmond, die Hauptstadt
des Südens, anzugreifen. Präsident Lincoln verwarf diesen
Vorschlag und verlangte, daß zunächst die Unionshauptstadt
Washington zu schützen sei.

Attacke der Unions-Kavallerie.
Selten konnten die US-Reiter vor 1863 solche Angriffe durchführen
Am 10. Juni begann das Korps
Ewells von Culpepper aus seinen Marsch durch das Shenandoah-Tal nach
Norden. Die Kavallerie Stuarts zog zur Ostseite der Blue-Ridge-Kette,
um die Bergpässe zu kontrollieren. Am 14. Juni schlossen die Divisionen
Early und Johnson aus Ewells Korps Unionstruppen unter General Milroy
bei Winchester ein, denen nach verzweifeltem Kampf der Durchbruch und
die Flucht gelang. Hills Korps verließ am 14. Juni Fredericksburg.
Longstreet begann am folgenden Tag seinen Marsch nach Norden.
Bei der Verfolgung von Milroys Truppen waren 2´000 konföderierte
Kavalleristen unter Jenkins in Pennsylvania eingefallen. Am Abend des
15. Juni waren sie bis Chambersburg vorgestoßen, machten reiche
Beute und zogen sich dann nach Williamsport zurück.
Erst am 13. Juni
setzte General Hooker die Potomac-Armee in Marsch, um den Südstaatlern
den Weg nach Washington zu versperren. Zwischen dem 17. und dem 21.
Juni kam es bei Middleburg und Upperville zu heftigen Kavalleriegefechten
zwischen den Unionsreitern Pleasontons und den Virginiern Stuarts.
Als die Südstaatler sich durch Ashby's Gap zurückzogen, folgten
die Föderierten ihnen jedoch nicht.
Am 23. Juni vereinigte sich die
Südstaaten-Kavallerie unter Jenkins in Chambersburg mit den Truppen
der Generäle Rodes und Johnson.
Die Division Early aus Ewells Korps hatte Befehl erhalten, über
Gettysburg und York in die Berge zu marschieren, um die Eisenbahnlinien
zu zerstören und die Brücken über den Susquehannah nach
Wrightsville unter ihre Kontrolle zu bringen. Danach sollte Early mit
den Truppen von Rodes und Johnson weiter nach Norden ziehen und Harrisburg
besetzen.
Ebenfalls am 23. Juni gab Lee den Korps Longstreet und Hill den Befehl,
den Potomac zu überqueren, sich in Hagerstown zu vereinigen und
dem Korps Ewells ins Cumberland Valley zu folgen.
Endlich schien Hooker zu ahnen, was Lee plante. Er ließ seine
Armee am 25. und 26. Juni den Potomac kreuzen und eine Parallellinie
zur nordwärts ziehenden konföderierten Armee bilden. Da waren
bereits die ersten Schüsse in Gettysburg gefallen: Am 26. Juni
hatte eine Südstaatenbrigade unter General Gordon Gettysburg erreicht
und nach kurzem Scharmützel eine kleine Unionseinheit aus Infanterie
und Kavallerie vertrieben.
Der erste Gefallene in Gettysburg war der Unionssoldat G. W. Sandoe,
der erst 3 Tage zuvor seinen Dienst angetreten hatte.
Als Earlys Division zwei Tage
später den Susquehannah River überqueren wollte, verbrannten
Unionstruppen die Brücke. Hooker erkannte, daß die Lage für
ihn kritischer wurde. Der Druck der Südarmee nach Norden war von
unwiderstehlicher Vehemenz. Hooker forderte Verstärkung durch Truppen
an, die bei Harpers Ferry standen.

Sein Gesuch wurde
vom Generalstabschef Henry Wager HALLECK abgelehnt
Daraufhin bat Hooker am 27. Juni
um seine Ablösung. Der abrupte Wechsel im Kommando in dieser angespannten
Situation sorgte nicht unbedingt für Zuversicht in den Reihen der
Union, zumal Hooker trotz gravierender Fehler noch immer das Vertrauen
eines großen Teils der Truppen besessen hatte.
Am 28. Juni wurde er durch General George Gordon Meade, Chef des V.
Korps, ersetzt.
„Hauptquartier der
Potomac-Armee, Frederick, Maryland, 28. Juni 1863
Allgemeiner Befehl Nr. 65: In Übereinstimmung mit dem vom Kriegsministerium
erlassenen Befehlen, datiert den 27. Juni 1863, trete ich hiermit vom
Commando der Potomac-Armee zurück. Dasselbe wurde General-Major
George G. Meade übertragen, einem tapferen und tüchtigen Offizier,
der sich schon auf manchem blutigen Felde das Vertrauen und die Achtung
der Armee erworben hat. Von dem Glauben durchdrungen, daß meine
Wirksamkeit als Befehlshaber der Potomac-Armee geschwächt ist,
scheide ich von derselben, jedoch nicht ohne die tiefste Rührung.
Der Schmerz der Trennung von den Gefährten so vieler Schlachten
wird indessen durch die Überzeugung gemildert, daß der Mut
und die Hingebung dieser Armee nie aufhören oder wanken können,
und daß sie meinem Nachfolger dieselbe willige und herzliche Unterstützung
angedeihen lassen wird wie mir. Mit dem sehnlichsten Wunsch, daß
der Triumph eurer Waffen Erfolge herbeiführen möge, die eurer
und der Nation würdig sind, sage ich euch jetzt Lebewohl!
Joseph Hooker, General-Major."
Meade, ein solider,
Ruhe ausstrahlender Offizier aus der Ingenieurtruppe, erklärte
in seinem ersten Tagesbefehl vom 28. Juni 1863,
daß er „keine Versprechungen oder Gelöbnisse zu geben"
gedenke.
Und: „Die Augen des Landes ruhen auf dieser Armee. Möge ein
jeder entschlossen sein, seine Pflicht zu erfüllen."
Er ließ die Unionsarmee sofort in Eilmärschen nach Norden
rücken, um Lees Truppen den Weg abzuschneiden. Kavallerie wurde
vorgeschickt.
Kilpatricks Truppe bildete die Spitze eines Keils, General Gregg stand
rechts, General Buford links.
Der linke Flügel der Potomac-Armee unter Führung von General
Reynolds sollte nach Emmittsburg marschieren. Der rechte Flügel
wurde nach New Windsor kommandiert.
Inzwischen - seit dem 24. Juni - befand sich die Virginia-Kavallerie
Stuarts auf einem ihrer berühmten „Raids", der um die
rechte Flanke der Unionsarmee herum in ihren Rücken führen
sollte. Diese Unternehmen waren normalerweise von großem Erfolg
gekrönt, brachten wertvolles Beutegut und schockierten den Feind.
Zu diesem Zeitpunkt aber wäre es wichtiger gewesen, die klassische
Kavallerierolle, die Feindbeobachtung, wahrzunehmen, um Lee rechtzeitig
von den Bewegungen der Unionsarmee zu unterrichten. Lee erfuhr somit
erst in den letzten Juni-Tagen davon, daß die Nordarmee schon
eine ganze Weile mit seiner Armee Schritt gehalten hatte und ihm den
Weg nach Washington versperrte, so daß eine große Schlacht
unvermeidlich war.
Stuarts Absicht, durch Maryland zu marschieren, gelang nicht. Es kam
am 29. Juni zu einem Gefecht zwischen Stuarts Kavallerie und Unionstruppen
bei Westminster. Am folgenden Tag gab es ein kurzes und heftiges Scharmützel
mit Kilpatricks Reitern bei Hanover.
Stuart konnte sich nicht
halten. Seine Leute waren nach dem „Raid",
den erschöpfenden Tages- und Nachtritten, übermüdet.
Nach einer weiteren ruhelosen Nacht erreichten die Südstaatler
am 1. Juli Carlisle, wo sie nicht, wie erhofft, auf Ewells Leute stießen,
da dieser bereits von Lee nach Gettysburg zurückgerufen worden
war. Carlisle war von Unionstruppen unter General W. F. Smith besetzt.
Stuart ließ die Stadt beschießen, brannte die Quartiergebäude
der US-Truppen nieder, zog dann aber ebenfalls in Richtung Gettysburg
ab, wo er am 2. Juli eintraf. Da war die Schlacht schon in vollem Gang,
und Lee hatte seinen Kavalleriekommandeur eine volle Woche nicht
zu Gesicht bekommen. Eine fatale Situation.
Am 28. Juni hatte Lee erfahren, daß die Potomac-Armee in Maryland
stand. Er wiederrief seine Befehle an Ewell, nach Harrisburg vorzurücken.
Die Divisionen Early und Rodes sollten in der Nähe von Gettysburg
zum Korps von A. P. Hill stoßen. Johnsons Division sollte mit
der Artillerie und dem Troß über Shippensburg nach Fayettville
gehen. Am 30. Juni zogen die Korps von Hill und Ewell in Richtung Gettysburg.
In der konföderierten Armee, insbesondere bei A. P. Hills Korps,
mangelte es an Schuhwerk. Durch Zufall erhielt General Hill die Nachricht über
eine große Schuhlieferung, die in Gettysburg eingetroffen sein
sollte. Diese Kleinstadt lag unweit von Cashtown, wo die Division Heth
von Hills Korps schon eingetroffen war.
Hill befahl Heth, am 30. Juni
die Brigade Pettigrew nach Gettysburg zu schicken, um die Schuhe „abzuholen“.
Zur selben Zeit
näherte sich US-Kavallerie unter General Buford der Stadt.

General BUFORD, US-Kavallerie
(sitzend) und sein Stab
Beide Truppen erreichten Gettysburg fast gleichzeitig. Nach heftigem
Geplänkel mußte Pettigrew sich zum Marsh Creek zurückziehen.
Von hier aus benachrichtigte er die nachfolgenden Truppen, daß
die Unionsarmee Gettysburg besetzt habe. Die US-Kavallerie ging westlich
der Seminary Ridge in Stellung.
Buford sandte Brigaden zur Zubringerstraße
von Chambersburg und Hagerstown und zur Eisenbahnlinie. Späher
schwärmten zu allen Überlandstraßen im Norden und Nordwesten
aus.
In der Nacht des 30. Juni fand am Marsh Creek ein Treffen zwischen den
Unionsgenerälen Buford und Reynolds statt, die sich über ihr
weiteres Vorgehen abstimmten.
Noch in der Nacht kehrte Buford
nach Gettysburg zurück, begleitet von einem Stabsoffizier Reynolds',
der sich selbst einen Eindruck von der Lage verschaffen und am folgenden
Tag zu Reynolds zurückkehren und Bericht erstatten sollte.
Stellungen
der Konföderierten Armee am Abend des 30. Juni
I. Korps:
General Longstreet - bei Chambersburg,
25 Meilen nordwestlich von Gettysburg.
II. Korps: General Ewell
- bei Heidlersburg - die verschiedenen Divisionen lagerten an
unterschiedlichen Plätzen - 10 bis 12 Meilen nordöstlich von
Gettysburg.
III. Korps: General Hill
- bei Fayetteville, 18 Meilen nordwestlich von Gettysburg,
sowie einige Truppenteile bei Cashtown,
10 Meilen nordwestlich, und am Marsh Creek, weniger als 4 Meilen nordwestlich.
Stuarts Kavallerie -
Dover, knapp 21 Meilen nordöstlich von Gettysburg.
General Robert E. Lee hatte folgende
Befehle an die Korps von Hill und Longstreet
erteilt:
Am 1. Juli sollte die Division Heth
mit 8 Artillerie-Batterien Gettysburg besetzen.
Die Division Pender sollte unverzüglich
Hilfe leisten. Longstreet sollte folgen.
Stellungen
der Unionsarmee am Abend des 30. Juni
I. Korps:
General Doubleday - gut 5 Meilen vor
Gettysburg am Marsh Creek. II. Korps: General Hancock - 20
Meilen südlich in Unionstown.
III. Korps: General Sickles
- Bridgeport, 12 Meilen südlich. V. Korps: General Sykes
- Union Mills, 16 Meilen südöstlich.
VI. Korps: General Sedgwick
- Manchester, 34 Meilen südöstlich.
XI. Korps: General Howard
-10 Meilen südlich bei Emmittsburg.
XII. Korps: General Slocum
- 10 Meilen entfernt in Littlestown.
Bufords Kavallerie hatte
sich in und bei Gettysburg verschanzt.
Die anderen Kavalleriekommandanten der Union, Gregg
und Kilpatrick, lagen mit ihren Truppen
in Westminster und Hanover.
General Meades Anordnungen für
den 1. Juli:
Das I. und das XI. Korps
sollten Gettysburg besetzen. Das III. Korps sollte
nach Emmittsburg, das II. Korps nach Taneytown
marschieren.
Das V. Korps sollte Hanover besetzen, das XII.
Korps Two Taverns. Das VI. Korps sollte
in Manchester bleiben.
Gettysburg
Was machte die kleine Stadt
in Pennsylvania - die Angaben über die Einwohnerzahlen schwanken
zwischen 1´500 und 3´000 in den verschiedenen Quellen -
zum großen, entscheidenden Schlachtfeld des Bürgerkrieges?
Der bekannteste amerikanische Journalist jener Tage,
der Herausgeber der „Washington Tribune", Horace Greely,
schrieb über Gettysburg:
„Gettysburg, der Hauptort von Adams County, ist ein Landstädtchen
... und der Mittelpunkt einer wohlangebauten Hügelgegend, in welchen
treffliche Landstraßen münden." Der amerikanische Historiker
John William Draper verglich Gettysburg mit einer „Nabe",
in die die vielen Straßen, die in die Stadt mündeten,
„wie die Speichen eines Rades" trafen.
Damit ist die Schlüsselposition
von Gettysburg bestens beschrieben: Die Stadt war ein Verkehrsknotenpunkt.
Schon in Friedenszeiten liefen hier die wichtigsten Frachttransporte
aus dem ländlichen Raum zu den größeren Städten
der Union über diese Siedlung. Es war fast zwingend, daß
Lees Armee die vorhandenen Wege und Straßen nutzte, um zügig
die nördlichen Zentren zu erreichen, zum Herz der Union vorzustoßen.
So wie es für die Führer der Unionsarmee kaum eine andere
Möglichkeit gab, sich Lee in den Weg zu stellen als dort, wo sich
alle bedeutenden Überlandstraßen kreuzten.
Gettysburg
und Umgebung
| 1 |
Gettysburg |
| 2 |
Cemetery Ridge |
| 3 |
Seminary Ridge |
| 4 |
Culp's Hill |
| 5 |
Little Round Top |
| 6 |
Round Top |
| 7 |
Devil's Den |
| 8 |
Pfirsichplantage |
| 9 |
Plum Run |
| 10 |
Landstraße Emmitsburg-Gettysburg |
| 11 |
Eisenbahn Gettysburg
- Hanover |
| 12 |
Geplante Strecke nach
Chambersburg |
| 13 |
Cemetary Hill |
| 14 |
Willoughby Run |
| 15 |
Rock Creek |
Gettysburg (Karte Ziff. 1) lag
am Nordende eines topographisch komplizierten Tals zwischen zwei niedrigen
Bergkämmen: Cemetery Ridge (2) an der Ostseite
und Seminary Ridge (3) an der Westseite. Der Cemetery Ridge war so benannt,
weil sich an seinem nördlichen Ende der kleine Friedhof des Ortes
befand.
Dieser Kamm wies die Form eines umgekehrten Fragezeichens auf, das am
Culp's Hill (4) gleich vor Gettysburg an der Ostseite begann und in
den Kuppen
Little Round Top (93 Meter) (5) und Round Top (113 Meter) (6) endete.
Der Seminary Ridge, nach dem dort befindlichen evangelischen Seminar
benannt, war breiter, offener und nicht so hoch wie der Cemetery Ridge,
der zum Teil
- insbesondere am Südende - dicht bewaldet war. Vor den Kuppen
lag eine tiefe, durch Wald und Felsen verdunkelte Schlucht namens Devil's
Den (Teufelsbau) (7).
Das Tal zwischen den Kämmen
war etwa 1,5 Kilometer breit und hauptsächlich mit Feldern bedeckt.
Außer einer Pfirsichplantage (Peach Orchard) (8) gab es hier praktisch
keine Deckung.
Unterhalb der Hänge des Cemetery Ridge verlief der Bach Plum Run
(9), in seiner Nähe verlief die
Landstraße Emmitsburg-Gettysburg (10), die in der Nähe des
Friedhofs den Hügel überquerte.
Die Eisenbahn von Hanover (11) lief an der Ostseite nach Gettysburg
ein und endete damals auch dort;
die geplante Strecke nach Chambersburg (12) befand sich noch im Bau.
Die Topographie des Tals bei Gettysburg war in der bevorstehenden Schlacht
ein sehr entscheidender Faktor.
Nachdem die Union Robert E. Lee
den Weg verlegt hatte, war der weitere Erfolg der Invasion abhängig
von einer möglichst schnellen Überwindung dieser Barriere,
solange nicht die vollständige Truppenstärke des Nordens aufmarschiert
war. Lee wußte wegen der Abwesenheit seiner Kavallerie zu diesem
Zeitpunkt nicht, daß dieser Fall viel schneller als erwartet eintreten
würde. Am Abend des 30. Juni 1863 waren die Truppen beider Seiten
in Kampfbereitschaft.