Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© NORD & SÜD 1993, Martin Öfele, •Guerillas & Irreguläre•
© Joseph G. Rosa •Revolverhelden•

DIE GUERILLA-KRIEGE

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Bekanntermaßen fanden die meisten Schlachten des Bürgerkrieges in den Oststaaten statt; das Geschehen auf diesem Kriegsschauplatz wurde in aller Welt mit Spannung verfolgt. Dagegen fanden die Dinge, die sich im südwestlichen Missouri, in Ost-Kansas und in weiten Teilen von Arkansas abspielten, weit weniger Beachtung - obwohl sie nicht minder spektakulär und grausam waren, ganz im Gegenteil. Es handelte sich um einen Guerilla-Krieg, in dem das Leben eines Menschen keinen Pfifferling galt. Und jene, die überlebten, waren von den Spuren bis ans Lebensende gezeichnet.

Als 1861 nach dem Feuergefecht bei Fort Sumter in Süd Carolina der Bürgerkrieg ausbrach, eilten im Osten die Männer zu den Fahnen von Union oder Konföderation. Dagegen blieb es im Mittleren Westen zunächst einmal ruhig; etwa in Kansas, das im Januar 1861 in die Union aufgenommen worden war. Anders in Missouri: Die Unions-Armee hatte sofort die Kontrolle über St. Louis, die Eisenbahn und zahlreiche andere strategische Punkte erlangt und ließ ihren militärischen Einfluß spüren. Viele Einwohner aber sympathisierten mit dem Süden, die meisten betrachteten Missouri als Teil der Konföderation. Dementsprechend sahen sie die Unionstruppen als »Invasoren« und fühlten sich zum Widerstand aufgerufen. Die Konföderierten unternahmen mehrere Versuche, den Staat zu übernehmen. Doch von einigen Achtungserfolgen abgesehen - der Sieg bei Wilson's Creek im August 1861 und die Eroberung von Springfield - konnten sie nicht viel erreichen. Die Union gewann Springfield zurück, ihre Truppen eroberten langsam aber stetig einen strategisch wichtigen Ort nach dem anderen.
Unter der Bevölkerung befanden sich viele junge Männer, die mit den Konföderierten sympathisierten. Ihre Familien lebten im Unions-besetzten Gebiet meist friedlich mit den Yankees zusammen. Zahlreiche Südstaaten-Anhänger sickerten durch die Unions-Linien, um drüben der konföderierten Armee beizutreten. All dies verursachte reichlich Loyalitäts-Konflikte.

Andere glaubten, ihrem Land durch direkte Unterstützung des Südens besser dienen zu können. Viele der früheren Border Ruffians wechselten einfach die Seiten und gehörten fortan zu einer neuen Gruppierung namens »Guerilla«
(Ableitung vom spanischen Wort guerra, also Krieg. Ein Guerilla - früher auch Guerrilla geschrieben - ist ein Angehöriger eines irregulären Verbandes,
der sich meist auf Kleinkrieg und Sabotage verlegt hat. Im 19. Jahrhundert erlebte der Guerilla-Krieg seine erste große Blütezeit während der Besetzung Spaniens
durch die Truppen Napoleon Bonapartes ).


Konföderierte Partisan Rangers

 

Als konföderierte „Guerillas" wurden in der dem Bürgerkrieg unmittelbar folgenden Literatur und noch bis ins 20. Jahrhundert hinein mehr oder weniger alle Kavalleristen der Südstaaten zusammengefaßt, die nicht unter Stuart, Early oder Wheeler - sprich als Teileinheit der Hauptarmeen - ritten. Die Historiker dieser Epoche standen noch stark unter dem Einfluß der Rekonstruktion und vertraten zum großen Teil die vorherrschende Auffassung, der Süden hätte gegen die Union rebelliert. Da lag es natürlich nahe, den oft sehr lose organisierten, kaum uniformierten und häufig eigenständig operierenden Reitern einen solchen Oberbegriff anzuheften.




Sechs konföderierte »Raiders« mit ihrem Anführer, Lieutenant Bennett Young (rechts sitzend)

Tatsächlich muß man jedoch stark differenzieren zwischen regulären und irregulären Partisan Rangers, wie sich die unabhängigen berittenen Soldaten selbst nannten. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob eine Kavallerieeinheit im Auftrag der Regierung ausgehoben und als (offizieller) Teil einer Armee selbständig vorging, wobei auf längeren Märschen und Unternehmungen im Feindgebiet oft die Uniform mit ziviler Kleidung vertauscht wurde.

Oder ob sich Zivilisten und Deserteure zu Reiterbanden zusammenschlossen, die auf eigene Faust und ohne Autorisierung durch irgendwelche Militärbehörden raubend und plündernd durch das Land zogen.

 

 

 

     

     

                  CSA-General
          John Hunt Morgan

John S. Mosby, der berümteste Führer südstaatlicher Partisan-Rangers

Einen weiteren Unterschied gab es unter den regulären Truppen zwischen „Anständigen" und „Gesetzlosen". Kavallerieführer wie Turner Ashby, John S. Mosby und John H. Morgan, die zwar außerhalb der jeweiligen Kriegsschauplätze kämpften und von Unionsoffizieren als „Guerillas" bezeichnet wurden, handelten stets nach militärischer Strategie und führten nie private Bereicherungskriege oder Rachefeldzüge.

Die Verbrecher, als die später oft alle gebrandmarkt wurden, waren andere. William Quantrill zum Beispiel wurde zwar als konföderierter Offizier geführt und besoldet, brachte die Regierung in Richmond aber bald dazu,
den Partisan Rangers die gesetzlichen Grundlagen zu entziehen.

 

 

 

 

Strauchdiebe unter konföderiertem Deckmantel


„In der typischen aufgeblasenen und dezentralisierten Art des konföderierten Experiments hatten die Führer in Richmond kaum Kenntnis von oder Interesse an den Vorgängen westlich des Mississippi. Daher wurde die Politik für den Westen fast ausschließlich vom Trans-Mississippi-Kommando festgelegt, das unabhängig mit dem Teufel der westlichen Guerillakriegsführung rang. Militärische Führer im Westen teilten die ritterlichen christlichen Werte der Kommandeure im Osten, und auch sie mißbilligten moralisch diese Form der Kriegsführung, die sie gleichzeitig militärisch nützlich fanden. Sie hatten jedenfalls kaum Kontrolle über oder Einfluß auf das Benehmen von selbsternannten konföderierten Guerillas Hunderte von Meilen nördlich von ihren Linien, und sie konnten nur dann versuchen, das Verhalten von Guerillas zu erkennen, wenn diese sie während der Winter in Arkansas oder Texas besuchten oder wenn sie einen ihrer regelmäßigen Vorstöße nach Missouri organisierten."

(Fellman, Inside War, S. 97f.)

Größere paramilitärische Guerillabanden wurden schon bald nach Kriegsbeginn eines der Hauptprobleme sowohl der Unionsarmeen als auch der konföderierten Führung im Westen. Denn obwohl solche Horden ohne weiteres aufgrund ihrer Mobilität und Ortskenntnis in der Lage waren, Truppenkontingente in Schach zu halten oder als Polizeikräfte fernab der strategischen Schauplätze zu binden, ergab sich durch sie ein wahrscheinlich überwiegender Nachteil für den Süden allgemein. Das große Ziel, das Earl Van Dorn und Sterling Price verfolgten, nämlich Missouri doch noch für die Südstaaten zu gewinnen, wurde infolge der Brutalität der Partisanen zerstört.
1863 löste James A. Seddon G. W. Randolph als Davis' Kriegsminister ab und legte in seinem Jahresbericht dar, daß solche Freischärler der Sache extrem abträglich seien. Dadurch, daß sie bei ihren Raubzügen kaum Rücksicht auf Freund und Feind nahmen, sondern plünderten und brandschatzten, sobald sie das Einflußgebiet des Südens verließen, waren sie „gefährlicher und zerstörerischer für unsere eigenen Leute als für den Feind". Mit ihren Raids in Gebiete, die der Krieg noch nicht oder wenig erfaßt hatte, und mit ihrer Kaltschnäuzigkeit gegenüber Zivilisten, die auch vor Vergewaltigung und Kindermord nicht zurückschreckte, verstärkten sie nicht nur den Haß der Unionisten auf alle Südstaatler, sondern trieben zahlreiche Sezessionisten in das andere Lager.

Der Terror der Guerillas begann in manchen Regionen wie im südlichen Missouri schon vor 1861 in den Bergen von Tennessee und North Carolina oder in Virginia kurz nach Fort Sumter. In Missouri sahen viele Sklavereibefürworter mit dem Fall der Festung ihren Kampf gegen die Free Staters nun endlich als autorisiert und offiziell genehmigt an und stürzten sich, zu Banden formiert, in das blutige Geschehen. In Gruppen von ein paar bis zu teilweise mehreren hundert Männern war es für die Freischärler, die hauptsächlich in von der Union besetzten Gegenden operierten, das Ziel, die Truppen des Feindes durch Überraschungsangriffe und aus dem Hinterhalt zu stören und aufzureiben.


Umgestürzter Zug der Orange-&-Alexandria Railroad bei Brandy Station, 1864,
nach einem Angriff konföderierter Guerillas.

Die meisten der Guerillas waren junge Männer um die Zwanzig. Die Banden scharten sich normalerweise um prominente Sezessionisten, die ihnen Ruhm und Beute versprachen, oder, wie im Falle des Joe Hart, um Männer, die sich als bedingungslose und skrupellose Vertreter ihrer Ansichten einen Namen geschaffen hatten. Joe Hart und sein jüngerer Bruder John beherrschten nahezu zwei Jahre lang die Gentry und Andrew Countries im Nordwesten von Missouri. Der 18jährige wurde berühmt-berüchtigt durch sein Versprechen, er werde „Andrew Country ausrotten - bis zum allerletzten dieser (Unions-)Teufel, und sie wissen es". Als John 1863 getötet wurde, rächte sich sein Bruder, indem er drei Angehörige der Unionsmiliz in ihrem Haus vor versammelter Familie hinrichtete. Er berichtete in Briefen an seine Eltern über seine Bluttaten.


Diese Partisanen sahen sich als echte Konföderierte an und bezeichneten sich gewöhnlich als Südstaatenoffiziere, so wie S. Cockerill, der sich Colonel, C. S. Army nannte. Sie führten bei ihren Streifzügen meist die Fahne des Südens mit sich, wodurch es für Milizen und Truppen des Nordens schwierig wurde, Irreguläre von Regulären zu unterscheiden. In ihren Manifesten, die sich gegen tatsächliche oder eingebildete Verbrechen der Besatzungssoldaten richteten, ahmten die Rebellenführer gern die Sprache offizieller Verlautbarungen nach, um ihnen mehr Nachdruck zu verleihen. So eröffnete Joe Hart, der nie in konföderiertem Dienst gestanden hatte, sondern im Gegenteil etliche Deserteure in seinen Reihen verbarg, einen Brief an den Unionskommandeur in Liberty als
„Joseph Hart, Captain and Recruiting Officer Frontier Line Brigade, Confederate States Army".


Solche quasi-offiziellen Titel sollten nicht nur den Bezug zu Militärautoritäten herstellen, sie zeigten auch deutlich, wie sich konföderierte Guerillas selbst sahen. Sie führten einen erbarmungslosen Kampf gegen die „Yankee-Eindringlinge", indem sie keine Gefangenen machten und auch keinen Pardon seitens der Nordstaatler erwarteten oder erhofften. In ihrem Selbstverständnis waren sie die Nachfolger der Helden des Unabhängigkeitskrieges, die die Partisanenkriegsführung erfolgreich gegen die Engländer angewandt hatten.
Es war ein gerechtfertigter Verteidigungskrieg zur Befreiung der besetzten Gebiete und zum Schutz von wehrlosen Frauen und Kindern. Daß sie dabei genau die Verbrechen, derer sie die Nordstaatler bezichtigten, oft genug selbst begingen, störte diese selbsternannten Freiheitskämpfer in ihrer Argumentation nicht.

„Ich bin ein Bandit und Guerilla. Und ich bin stolz, einer zu sein",
fauchte der 19jährige Marion Erwin aus Missouri nach seiner Festnahme einen Bewachungssoldaten an und schickte das Versprechen hinterher, er werde jeden an seiner Festnahme Beteiligten umbringen. Es kann keine Entschuldigung, vielleicht aber eine Erklärung sein, daß die meisten der Guerillas - wie auch ihre Gegner in Uniform - junge, unerfahrene Männer waren, für die die Grenzen zwischen Kriegspielen und Kriegführen noch sehr undeutlich gezogen waren. Nach den gewalttätigen Erfahrungen in den 1850er Jahren und ohne militärische Disziplin und Organisation sahen viele der Burschen, die mit dem Spaß an der Jagd aufgewachsen waren, den Grenzkrieg als eine Art „reiferer Jagd" an, bei der der Feind das Opfer war.

Auch in Tennessee und North Carolina bereiteten umherstreifende Banden den konföderierten Behörden Kopfzerbrechen. Dort allerdings eher aufgrund ihrer pro-unionistischen Einstellung, die sich direkt gegen die Sezessionisten richtete. Der in North Carolina von Tennessee aus operierende George W. Kirk war in den Bergen der am meisten gefürchtete Bandit. Gleich 1861 hatte sich der 23jährige in die Armee der Südstaaten gemeldet, nur um so nahe an den Feind zu gelangen, daß er bei der ersten Gelegenheit desertieren konnte. Er versah zunächst Schlepperdienste für entlaufene Kriegsgefangene und Unionisten aus den Bergen, die sich hinter die unübersichtlichen nördlichen Linien nach Tennessee und Kentucky verziehen wollten. Bald darauf wurde er in den militärischen Dienst aufgenommen und rekrutierte Deserteure und Verbrecher, die er zu zwei kleinen Guerillaregimentern zusammenstellte.

John Nichols, kurz bevor er im September 1863 gehängt wurde. Trotz des drohenden Endes wirkt Nichols entspannt.
Wie der sichtbare Revolverlauf des Wächters zeigt, traute man ihm - trotz Eisenkugel am Bein - keinen Schritt weit.

Während Männer wie Kirk, Jim Hatley oder Daniel Ellis, der ein Meister der Tarnung und des Hinterhalts war und gegen Kriegsende ein Kopfgeld von 5000 Dollar auf sich stehen hatte, von den Nordstaatlern als Nachfolger Robin Hoods gefeiert wurden, trat der Krieg in den Appalachen in eine noch blutigere Phase.
Im Gegensatz zu Gebieten wie Virginia, wo die Freischärler bis auf wenige private Fehden einen gemeinsamen Feind hatten, schlugen in North Carolina die konföderierten Partisanen zurück, und es entstand ein „Krieg im Krieg". Als nach zwei Jahren die Armeen des Südens Schlag um Schlag hinnehmen mußten, wurde es auch für die irregulären Nordstaatler leichter, militärische Unterstützung aus Tennessee zu erhalten, worauf die Rebellen ebenfalls mit erhöhter Gewalt reagierten.

 

„Die schrecklichste Gestalt war ein Guerilla namens Champ Ferguson, der hauptsächlich in den Cumberland Mountains operierte, mit gelegentlichen Vorstößen in die Appalachen Virginias.
Ferguson war nach Grausamkeiten gegen sein Kind und seine Frau zum Banditen geworden, aber der Jack-the-Ripper-Stil seiner Hinrichtungen (er tötete mehr als 100 Männer, viele von ihnen wehrlos oder verletzt, und schlitzte einmal ein Opfer auf und stopfte Maiskolben in die Wunden) zeigt an, daß er wahrscheinlich ein tobender Psychopath war. Einige der schlimmsten Greueltaten fanden gleich an der Grenze zwischen North Carolina und Tennessee statt - in den Carter und Johnson Counties -, wo von Ende 1863 bis 1865 nicht weniger als vier konföderierte Guerillabanden ihr Unwesen trieben."

(Trotter, Bushwhackers, S. 167)

Im November 1863 ermordeten Guerillas unter der Führung eines gewissen Wicher in Carter County über zwölf Unionisten, und im nächsten Herbst verbreitete Bill Parker Angst und Schrecken, tötete etliche Farmer, vertrieb etwa hundert Frauen und Kinder und steckte zahlreiche Höfe an, bevor er von nördlichen Partisanen zur Strecke gebracht und hingerichtet wurde.


George Maddox,

ein bekannter Guerilla, in bewährter Manier gekleidet, protzt mit einem Paar Remington-Revolver »1863 New Model Army«, zwei weitere Revolver stecken zusammen mit einem Dolchmesser im Gurt.
Deutlich ist zu erkennen, daß die Trommeln der beiden gezückten Kanonen geladen sind.

Seinem dandyhaften Äußeren zum Trotz war Maddox ein kaltblütiger Mörder.
Einige Historiker verwechselten ihn mit Dick Maddox, der ebenfalls Quantrills »Schwarzer Flagge« folgte.

In diesem Kleinkrieg gab es keine Sieger und nur kurzfristigen und zweifelhaften Ruhm. Wurde ein Guerillaführer getötet, trat sofort ein anderer, für gewöhnlich noch skrupelloserer Kerl an seine Stelle, und das Morden ging weiter wie bisher. In den Appalachenregionen hinterließ der Guerillakrieg wahrscheinlich die tiefsten Wunden in der Bevölkerung, die noch Jahrzehnte später nicht heilten und in manchen Gegenden bis heute - zum Beispiel im Wahlverhalten - zu bemerken sind.

 

 

 

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