Bekanntermaßen
fanden die meisten Schlachten des Bürgerkrieges in den Oststaaten
statt; das Geschehen auf diesem Kriegsschauplatz wurde in aller Welt
mit Spannung verfolgt. Dagegen fanden die Dinge, die sich im südwestlichen
Missouri, in Ost-Kansas und in weiten Teilen von Arkansas abspielten,
weit weniger Beachtung - obwohl sie nicht minder spektakulär
und grausam waren, ganz im Gegenteil. Es handelte sich um einen Guerilla-Krieg,
in dem das Leben eines Menschen keinen Pfifferling galt. Und jene,
die überlebten, waren von den Spuren bis ans Lebensende gezeichnet.
Als 1861 nach dem Feuergefecht bei Fort Sumter in Süd Carolina
der Bürgerkrieg ausbrach, eilten im Osten die Männer zu
den Fahnen von Union oder Konföderation. Dagegen blieb es im
Mittleren Westen zunächst einmal ruhig; etwa in Kansas, das im
Januar 1861 in die Union aufgenommen worden war. Anders in Missouri:
Die Unions-Armee hatte sofort die Kontrolle über St. Louis, die
Eisenbahn und zahlreiche andere strategische Punkte erlangt und ließ
ihren militärischen Einfluß spüren. Viele Einwohner
aber sympathisierten mit dem Süden, die meisten betrachteten
Missouri als Teil der Konföderation. Dementsprechend sahen sie
die Unionstruppen als »Invasoren« und fühlten sich
zum Widerstand aufgerufen. Die Konföderierten unternahmen mehrere
Versuche, den Staat zu übernehmen. Doch von einigen Achtungserfolgen
abgesehen - der Sieg bei Wilson's Creek im August 1861 und die Eroberung
von Springfield - konnten sie nicht viel erreichen. Die Union gewann
Springfield zurück, ihre Truppen eroberten langsam aber stetig
einen strategisch wichtigen Ort nach dem anderen.
Unter der Bevölkerung befanden sich viele junge Männer,
die mit den Konföderierten sympathisierten. Ihre Familien lebten
im Unions-besetzten Gebiet meist friedlich mit den Yankees zusammen.
Zahlreiche Südstaaten-Anhänger sickerten durch die Unions-Linien,
um drüben der konföderierten Armee beizutreten. All dies
verursachte reichlich Loyalitäts-Konflikte.
Andere glaubten,
ihrem Land durch direkte Unterstützung des Südens besser
dienen zu können. Viele der früheren Border Ruffians wechselten
einfach die Seiten und gehörten fortan zu einer neuen Gruppierung
namens »Guerilla«
(Ableitung vom
spanischen Wort guerra, also Krieg. Ein Guerilla - früher auch
Guerrilla geschrieben - ist ein Angehöriger eines irregulären
Verbandes,
der sich meist auf Kleinkrieg und Sabotage verlegt hat. Im 19. Jahrhundert
erlebte der Guerilla-Krieg seine erste große Blütezeit
während der Besetzung Spaniens
durch die Truppen Napoleon Bonapartes ).
Konföderierte
Partisan Rangers
Als konföderierte
„Guerillas" wurden in der dem Bürgerkrieg unmittelbar
folgenden Literatur und noch bis ins 20. Jahrhundert hinein mehr oder
weniger alle Kavalleristen der Südstaaten zusammengefaßt,
die nicht unter Stuart, Early oder Wheeler - sprich als Teileinheit
der Hauptarmeen - ritten. Die Historiker dieser Epoche standen noch
stark unter dem Einfluß der Rekonstruktion und vertraten zum
großen Teil die vorherrschende Auffassung, der Süden hätte
gegen die Union rebelliert. Da lag es natürlich nahe, den oft
sehr lose organisierten, kaum uniformierten und häufig eigenständig
operierenden Reitern einen solchen Oberbegriff anzuheften.
Sechs konföderierte
»Raiders« mit ihrem Anführer, Lieutenant Bennett
Young (rechts sitzend)
Tatsächlich
muß man jedoch stark differenzieren zwischen regulären
und irregulären Partisan Rangers, wie sich die unabhängigen
berittenen Soldaten selbst nannten. Es ist ein erheblicher Unterschied,
ob eine Kavallerieeinheit im Auftrag der Regierung ausgehoben und
als (offizieller) Teil einer Armee selbständig vorging, wobei
auf längeren Märschen und Unternehmungen im Feindgebiet
oft die Uniform mit ziviler Kleidung vertauscht wurde.
Oder ob sich
Zivilisten und Deserteure zu Reiterbanden zusammenschlossen, die auf
eigene Faust und ohne Autorisierung durch irgendwelche Militärbehörden
raubend und plündernd durch das Land zogen.
CSA-General
John Hunt Morgan

John
S. Mosby,
der berümteste Führer südstaatlicher
Partisan-Rangers
Einen weiteren
Unterschied gab es unter den regulären Truppen zwischen „Anständigen"
und „Gesetzlosen". Kavallerieführer wie Turner Ashby,
John S. Mosby und John H. Morgan, die zwar außerhalb der jeweiligen
Kriegsschauplätze kämpften und von Unionsoffizieren als
„Guerillas" bezeichnet wurden, handelten stets nach militärischer
Strategie und führten nie private Bereicherungskriege oder Rachefeldzüge.
Die Verbrecher,
als die später oft alle gebrandmarkt wurden, waren andere. William
Quantrill zum Beispiel wurde zwar als konföderierter Offizier
geführt und besoldet, brachte die Regierung in Richmond aber
bald dazu,
den Partisan Rangers die gesetzlichen Grundlagen zu entziehen.
Strauchdiebe
unter konföderiertem Deckmantel
„In der typischen aufgeblasenen und dezentralisierten Art des
konföderierten Experiments hatten die Führer in Richmond
kaum Kenntnis von oder Interesse an den Vorgängen westlich des
Mississippi. Daher wurde die Politik für den Westen fast ausschließlich
vom Trans-Mississippi-Kommando festgelegt, das unabhängig mit
dem Teufel der westlichen Guerillakriegsführung rang. Militärische
Führer im Westen teilten die ritterlichen christlichen Werte
der Kommandeure im Osten, und auch sie mißbilligten moralisch
diese Form der Kriegsführung, die sie gleichzeitig militärisch
nützlich fanden. Sie hatten jedenfalls kaum Kontrolle über
oder Einfluß auf das Benehmen von selbsternannten konföderierten
Guerillas Hunderte von Meilen nördlich von ihren Linien, und
sie konnten nur dann versuchen, das Verhalten von Guerillas zu erkennen,
wenn diese sie während der Winter in Arkansas oder Texas besuchten
oder wenn sie einen ihrer regelmäßigen Vorstöße
nach Missouri organisierten."
(Fellman, Inside War, S. 97f.)
Größere paramilitärische Guerillabanden wurden
schon bald nach Kriegsbeginn eines der Hauptprobleme sowohl der Unionsarmeen
als auch der konföderierten Führung im Westen. Denn obwohl
solche Horden ohne weiteres aufgrund ihrer Mobilität und Ortskenntnis
in der Lage waren, Truppenkontingente in Schach zu halten oder als
Polizeikräfte fernab der strategischen Schauplätze zu binden,
ergab sich durch sie ein wahrscheinlich überwiegender Nachteil
für den Süden allgemein. Das große Ziel, das Earl
Van Dorn und Sterling Price verfolgten, nämlich Missouri doch
noch für die Südstaaten zu gewinnen, wurde infolge der Brutalität
der Partisanen zerstört.
1863 löste James A. Seddon G. W. Randolph als Davis' Kriegsminister
ab und legte in seinem Jahresbericht dar, daß solche Freischärler
der Sache extrem abträglich seien. Dadurch, daß sie bei
ihren Raubzügen kaum Rücksicht auf Freund und Feind nahmen,
sondern plünderten und brandschatzten, sobald sie das Einflußgebiet
des Südens verließen, waren sie „gefährlicher
und zerstörerischer für unsere eigenen Leute als für
den Feind". Mit ihren Raids in Gebiete, die der Krieg noch
nicht oder wenig erfaßt hatte, und mit ihrer Kaltschnäuzigkeit
gegenüber Zivilisten, die auch vor Vergewaltigung und Kindermord
nicht zurückschreckte, verstärkten sie nicht nur den Haß
der Unionisten auf alle Südstaatler, sondern trieben zahlreiche
Sezessionisten in das andere Lager.
Der Terror der Guerillas begann in manchen Regionen wie im südlichen
Missouri schon vor 1861 in den Bergen von Tennessee und North Carolina
oder in Virginia kurz nach Fort Sumter. In Missouri sahen viele Sklavereibefürworter
mit dem Fall der Festung ihren Kampf gegen die Free Staters nun endlich
als autorisiert und offiziell genehmigt an und stürzten sich,
zu Banden formiert, in das blutige Geschehen. In Gruppen von ein paar
bis zu teilweise mehreren hundert Männern war es für die
Freischärler, die hauptsächlich in von der Union besetzten
Gegenden operierten, das Ziel, die Truppen des Feindes durch Überraschungsangriffe
und aus dem Hinterhalt zu stören und aufzureiben.

Umgestürzter
Zug der Orange-&-Alexandria Railroad bei Brandy Station, 1864,
nach einem Angriff konföderierter Guerillas.
Die meisten
der Guerillas waren junge Männer um die Zwanzig. Die Banden scharten
sich normalerweise um prominente Sezessionisten, die ihnen Ruhm und
Beute versprachen, oder, wie im Falle des Joe Hart, um Männer,
die sich als bedingungslose und skrupellose Vertreter ihrer Ansichten
einen Namen geschaffen hatten. Joe Hart und sein jüngerer Bruder
John beherrschten nahezu zwei Jahre lang die Gentry und Andrew Countries
im Nordwesten von Missouri. Der 18jährige wurde berühmt-berüchtigt
durch sein Versprechen, er werde „Andrew Country ausrotten -
bis zum allerletzten dieser (Unions-)Teufel, und sie wissen es".
Als John 1863 getötet wurde, rächte sich sein Bruder, indem
er drei Angehörige der Unionsmiliz in ihrem Haus vor versammelter
Familie hinrichtete. Er berichtete in Briefen an seine Eltern über
seine Bluttaten.
Diese Partisanen sahen sich
als echte Konföderierte an und bezeichneten sich gewöhnlich
als Südstaatenoffiziere, so wie S. Cockerill, der sich Colonel,
C. S. Army nannte. Sie führten bei ihren Streifzügen meist
die Fahne des Südens mit sich, wodurch es für Milizen und
Truppen des Nordens schwierig wurde, Irreguläre von Regulären
zu unterscheiden. In ihren Manifesten, die sich gegen tatsächliche
oder eingebildete Verbrechen der Besatzungssoldaten richteten, ahmten
die Rebellenführer gern die Sprache offizieller Verlautbarungen
nach, um ihnen mehr Nachdruck zu verleihen. So eröffnete Joe
Hart, der nie in konföderiertem Dienst gestanden hatte, sondern
im Gegenteil etliche Deserteure in seinen Reihen verbarg, einen Brief
an den Unionskommandeur in Liberty als
„Joseph Hart, Captain and Recruiting Officer Frontier Line Brigade,
Confederate States Army".
Solche quasi-offiziellen Titel sollten nicht nur den Bezug zu Militärautoritäten
herstellen, sie zeigten auch deutlich, wie sich konföderierte
Guerillas selbst sahen. Sie führten einen erbarmungslosen Kampf
gegen die „Yankee-Eindringlinge", indem sie keine Gefangenen
machten und auch keinen Pardon seitens der Nordstaatler erwarteten
oder erhofften. In ihrem Selbstverständnis waren sie die Nachfolger
der Helden des Unabhängigkeitskrieges, die die Partisanenkriegsführung
erfolgreich gegen die Engländer angewandt hatten.
Es war ein gerechtfertigter Verteidigungskrieg zur Befreiung der besetzten
Gebiete und zum Schutz von wehrlosen Frauen und Kindern. Daß
sie dabei genau die Verbrechen, derer sie die Nordstaatler bezichtigten,
oft genug selbst begingen, störte diese selbsternannten Freiheitskämpfer
in ihrer Argumentation nicht.
„Ich bin ein Bandit und Guerilla. Und ich bin stolz, einer zu
sein", fauchte der 19jährige Marion Erwin aus Missouri
nach seiner Festnahme einen Bewachungssoldaten an und schickte das
Versprechen hinterher, er werde jeden an seiner Festnahme Beteiligten
umbringen. Es kann keine Entschuldigung, vielleicht aber eine Erklärung
sein, daß die meisten der Guerillas - wie auch ihre Gegner in
Uniform - junge, unerfahrene Männer waren, für die die Grenzen
zwischen Kriegspielen und Kriegführen noch sehr undeutlich gezogen
waren. Nach den gewalttätigen Erfahrungen in den 1850er Jahren
und ohne militärische Disziplin und Organisation sahen viele
der Burschen, die mit dem Spaß an der Jagd aufgewachsen waren,
den Grenzkrieg als eine Art „reiferer Jagd" an, bei der
der Feind das Opfer war.
Auch in Tennessee und North Carolina bereiteten umherstreifende Banden
den konföderierten Behörden Kopfzerbrechen. Dort allerdings
eher aufgrund ihrer pro-unionistischen Einstellung, die sich direkt
gegen die Sezessionisten richtete. Der in North Carolina von Tennessee
aus operierende George W. Kirk war in den Bergen der am meisten gefürchtete
Bandit. Gleich 1861 hatte sich der 23jährige in die Armee der
Südstaaten gemeldet, nur um so nahe an den Feind zu gelangen,
daß er bei der ersten Gelegenheit desertieren konnte. Er versah
zunächst Schlepperdienste für entlaufene Kriegsgefangene
und Unionisten aus den Bergen, die sich hinter die unübersichtlichen
nördlichen Linien nach Tennessee und Kentucky verziehen wollten.
Bald darauf wurde er in den militärischen Dienst aufgenommen
und rekrutierte Deserteure und Verbrecher, die er zu zwei kleinen
Guerillaregimentern zusammenstellte.
John
Nichols,
kurz bevor er im September 1863 gehängt wurde. Trotz des drohenden
Endes wirkt Nichols entspannt.
Wie der sichtbare Revolverlauf des Wächters zeigt, traute man
ihm - trotz Eisenkugel am Bein - keinen Schritt weit.
Während
Männer wie Kirk, Jim Hatley oder Daniel Ellis, der ein Meister
der Tarnung und des Hinterhalts war und gegen Kriegsende ein Kopfgeld
von 5000 Dollar auf sich stehen hatte, von den Nordstaatlern als Nachfolger
Robin Hoods gefeiert wurden, trat der Krieg in den Appalachen in eine
noch blutigere Phase.
Im Gegensatz zu Gebieten wie Virginia, wo die Freischärler bis
auf wenige private Fehden einen gemeinsamen Feind hatten, schlugen
in North Carolina die konföderierten Partisanen zurück,
und es entstand ein „Krieg im Krieg". Als nach zwei Jahren
die Armeen des Südens Schlag um Schlag hinnehmen mußten,
wurde es auch für die irregulären Nordstaatler leichter,
militärische Unterstützung aus Tennessee zu erhalten, worauf
die Rebellen ebenfalls mit erhöhter Gewalt reagierten.
„Die
schrecklichste Gestalt war ein Guerilla namens Champ Ferguson, der
hauptsächlich in den Cumberland Mountains operierte, mit gelegentlichen
Vorstößen in die Appalachen Virginias.
Ferguson war nach Grausamkeiten gegen sein Kind und seine Frau zum
Banditen geworden, aber der Jack-the-Ripper-Stil seiner Hinrichtungen
(er tötete mehr als 100 Männer, viele von ihnen wehrlos
oder verletzt, und schlitzte einmal ein Opfer auf und stopfte Maiskolben
in die Wunden) zeigt an, daß er wahrscheinlich ein tobender
Psychopath war. Einige der schlimmsten Greueltaten fanden gleich an
der Grenze zwischen North Carolina und Tennessee statt - in den Carter
und Johnson Counties -, wo von Ende 1863 bis 1865 nicht weniger als
vier konföderierte Guerillabanden ihr Unwesen trieben."
(Trotter, Bushwhackers, S. 167)
Im November 1863 ermordeten
Guerillas unter der Führung eines gewissen Wicher in Carter County
über zwölf Unionisten, und im nächsten Herbst verbreitete
Bill Parker Angst und Schrecken, tötete etliche Farmer, vertrieb
etwa hundert Frauen und Kinder und steckte zahlreiche Höfe an,
bevor er von nördlichen Partisanen zur Strecke gebracht und hingerichtet
wurde.

George Maddox,
ein bekannter
Guerilla, in bewährter Manier gekleidet, protzt mit einem Paar
Remington-Revolver »1863 New Model Army«, zwei weitere
Revolver stecken zusammen mit einem Dolchmesser im Gurt.
Deutlich ist zu erkennen, daß die Trommeln der beiden gezückten
Kanonen geladen sind.
Seinem dandyhaften Äußeren zum Trotz war Maddox ein kaltblütiger
Mörder.
Einige Historiker verwechselten ihn mit Dick Maddox, der ebenfalls
Quantrills »Schwarzer Flagge« folgte.
In diesem Kleinkrieg
gab es keine Sieger und nur kurzfristigen und zweifelhaften Ruhm.
Wurde ein Guerillaführer getötet, trat sofort ein anderer,
für gewöhnlich noch skrupelloserer Kerl an seine Stelle,
und das Morden ging weiter wie bisher. In den Appalachenregionen hinterließ
der Guerillakrieg wahrscheinlich die tiefsten Wunden in der Bevölkerung,
die noch Jahrzehnte später nicht heilten und in manchen Gegenden
bis heute - zum Beispiel im Wahlverhalten - zu bemerken sind.