Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© Jan Boger, Der US-Buergerkrieg 1861-1865 •SOLDATEN•WAFFEN•AUSRUESTUNG•
© David Miller, •Das Grosse Buch der Handfeuerwaffen•



I n f a n t e r i e
- Bewaffnung -


Auf Seite 2 finden Sie eine Auswahl an Infanteriegewehren und Kavalleriekarabinern
der Nordstaaten und der Konföderation


Originalpatronen und Geschosse aus dem Bürgerkrieg


Oben: eine Patrone Kaliber .58, daneben zwei .69er Ladungen
Unten: ein Karabinergeschoß Kaliber .54, zwei .58er und ein .69-Minié-Burton.
Die Papierpatronen waren natürlich anfällig für Feuchtigkeit und brachen mitunter in der Patronentasche auseinander, wenn sie zu lose lagen.



Das Minié-Burton-Geschoß Kaliber .58 war ungleich durchschlagskräftiger als eine Rundkugel.
Daß mehrere Männer hintereinander von dem gleichen ›mini-ball‹ verletzt werden konnten, zeigt diese Darstellung des U.S. National Park Service:
Aus 100 m Entfernung abgefeuert, hat ein .58er Geschoß acht Ein-Zoll-Bretter durchschlagen.



Die Maynard-Zündbänder der Modellreihe 1855 enthielten fünfzig Zündsätze für die Muskete und fünfundzwanzig für die Pistole.
Fehlerhafte Produktion führte zur Reihenexplosion im Magazin, Nässe beeinflußte die Zuverlässigkeit der Zünder.



Zweitausend Musketen der Modelle 1835 und 1840 wurden mit diesem von D. S. Nippes, Philadelphia,
geschaffenen Maynardschloß nachträglich modernisiert.

 

Die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren eine Periode des technologischen Umbruchs.
Die industrielle Revolution war auf ihrem Höhepunkt, Dampfmaschinen bewegten Schiffe und Eisenbahnen und lieferten den Antrieb für neue Produktionsweisen.
Bei der Entwicklung neuer Technologien leisteten die amerikanischen Geschäftsleute in den Ballungszentren der Neuenglandstaaten Pionierarbeit.
Auch die Waffenindustrie erlebte einen neuen Aufschwung.
Zwei einschneidende Neuerungen veränderten weltweit die Feuerkraft der Infanterie:
In den vierziger Jahren wechselten die meisten europäischen Staaten vom Feuersteinschloß zum Perkussionszündungssystem über. Statt der umständlichen Beschickung der Pfanne brauchte der Schütze von nun an nurmehr ein Zündhütchen auf den Zündpiston setzen. Das neue System, von dem schottischen Pfarrer Forsyth um 1807 erfunden, war einfacher, schneller und zuverlässiger. Die Zündhütchen mit ihrer Füllung von Knallquecksilber waren billiger als Feuersteine, platzsparend und wetterunabhängig.

Trotzdem hatte es Jahrzehnte gebraucht, bis der hartnäckige Widerstand und die Vorurteile der konservativen Militärs überwunden waren und der neue Zündmechanismus zur Einführung kam. Der zweite Durchbruch bestand in der Einführung gezogener Gewehre für alle Truppen. Büchsen (engl. »rifle« vom altdt. »riffeln«)
wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur an wenige Elitetruppen oder einzelne Scharfschützen ausgegeben. Der Durchschnittssoldat war mit dem komplizierten Ladevorgang der Pflasterkugel, die in die Züge des Laufes gehämmert wurde, mehr als überfordert. Außerdem verhinderte das zeitraubende Nachladen
die von den Generälen geforderte Salvenfolge des Pelotons: Ein preußisches oder englisches Bataillon brachte es auf bis zu drei Salven pro Minute aus seinen glattläufigen Musketen, d. h., die rund 500 Musketen der Einheit konnten ein Feuervolumen von 1200 bis 1500 Schuß vor ihrer Front entfalten!

 


U.S. PERCUSSION MUSKET MODEL 1842

 

Zwar war die glatte Muskete nicht treffergenau, aber bei den herkömmlichen Gefechtsentfernungen von Leuthen, Austerlitz und Waterloo spielte es keine Rolle, daß man mit der normalen Muskete kaum eine Mannscheibe auf 100 Meter traf. Die erste Hälfte des Jahrhunderts war von zahlreichen mißglückten Versuchen gekennzeichnet, ein einfach zu ladendes Geschoß (ohne das problematische Schußpflaster) in einen gezogenen Lauf einzupassen. Großbritannien versuchte es mit der zweizügigen Brunswick-Rifle oder mit der vierfach gezogenen Jacobs. Das Lancaster-Gewehr mit seinem ovalen Laufquerschnitt oder das hexagonale Whitworth waren ähnlich erfolglose Schritte in Richtung auf ein gezogenes Standardgewehr. Zwar gingen diese Waffen in Serienfertigung und wurden an die Truppe ausgegeben, aber die Läufe verschmutzten zu schnell. Auf dem Kontinent versuchte man das Problem durch ein unterkalibriges Geschoß zu umgehen, das erst durch die Stöße des Ladestocks in die Züge gedrückt wurde.

Das Delvigne-System der französischen Armee hatte eine verkleinerte Pulverkammer am hinteren Laufende, auf deren Schultern eine Rund- oder Spitzkugel aufsaß. Thouvenins »system a tige«, die Dornbüchse, hatte dort einen Eisendorn, der das Geschoß über der Pulverladung hielt und als Amboß zum Verbreitern des Spitzgeschosses durch Raumstöße mit dem eisernen Ladestock diente. Beide Systeme waren zwar noch nicht fehlerlos, aber sie stellten Schritte in die richtige Richtung dar: Die französischen Hauptleute Gustave Delvigne und Claude E. Minié patentierten unabhängig voneinander 1842 und 1848 ein Hohlbodengeschoß von zylindrischer Form. Nach Delvigne sollten allein die Pulvergase das Geschoß in die Züge des Laufes pressen, Minié sah einen kleinen Eisenstöpsel vor, der, durch den Druck der expandierenden Pulvergase getrieben, den Hohlboden ausweitete.

Gegen 1850 wurden die ersten Minié-Gewehrmodelle in Belgien, Frankreich und England eingeführt, wobei der Eisenstöpsel zuerst durch ein Holz- oder Tonstück ersetzt wurde. Später erkannte man, daß man ganz ohne dieses Zusatzstück auskommen konnte; bereits 1857 berichtete ein Major Delafield über seine Beobachtungen in Europa an den amerikanischen Kongreß, daß Franzosen, Russen und andere den »plug« als überflüssig erachteten: »Ein offener Hohlboden in Berührung mit der Pulverladung wird durch die Kraft der Explosion nach außen gedrückt, wodurch das Geschoß in den Lauf paßt und die Züge ausfüllt.« Anders als das britische Pritchett-Geschoß waren die Minié-Kugeln, so Delafield, nicht glatt, sondern hatten an der Außenseite drei Fettrillen.

 


U.S. RIFLE MUSKET MODEL 1855

 

Die ersten Minié-Waffen waren noch so großkalibrig wie ihre Vorgänger, die glattläufigen Musketen;
die meisten Staaten erkannten aber sehr bald, daß sie bessere Schußleistungen, größere Weiten und logistische Vorteile hatten, wenn sie ihre .69 und .75-Kaliber auf .54
bis .58 reduzierten. Die zahlenmäßig sehr kleine U.S. Armee nahm gegen 1840 die europäischen Beispiele auf: Mit dem Modell 1833 Hall-Hinterlader war der erste Perkussionskarabiner eingeführt worden, während gleichzeitig noch Steinschloßgewehre angekauft und als neue Modelle 1840 eingeführt wurden! Aber mit dem Modell 1841, der »Mississippi Rifle« der Harpers Ferry Armory, wurde der endgültige Schritt zum neuen Zündsystem vollzogen.
Gleichzeitig wurde die amerikanische Tradition des gezogenen Gewehres fortgesetzt, die mit den Büchsenschützen begonnen hatte. Neben der glatten Muskete wurde mit der U.S. Rifle M 1841 eine Büchse entwickelt,
die ein genaueres Schießen mit der gepflasterten Rundkugel aus einem gezogenen Lauf ermöglichte.

Die ersten Versuche mit neuen Geschoßformen begannen in der U.S. Armee 1842,
jedoch verhinderte der Konflikt mit Mexiko um das Grenzgebiet von Texas eine Neuorientierung. Lediglich die in Staats- und Milizarsenalen befindlichen Steinschloßgewehre wurden zwischen den Jahren 1842 und 1848 überprüft und nach vier Tauglichkeitsstufen kategorisiert. Nach 1812 hergestellte Musketen wurden für eine Aptierung auf Perkussion in Betracht gezogen, ein Siebentel der 700 000 Waffen aber wurde ausgemustert und auf dem zivilen Markt verkauft. Zur gleichen Zeit lief die Produktion der
U.S. Muskete Modell 1842 an, einer glattläufigen Perkussionswaffe, die in den Regierungswerken von Harpers Ferry und Springfield Armory nach neuesten Methoden maschinell produziert wurde.

 

U.S. RIFLE MODEL 1855

 

Die Fertigung erreichte eine solche Gleichmäßigkeit, daß die Waffenteile untereinander austauschbar waren.
In der maschinellen Waffenfertigung waren die USA derart führend, daß die Maschinen für die neue britische Standardwaffe, das Pattern 1853 Enfield-Gewehr, in den USA entworfen und angefertigt und von Chefkonstrukteur James H. Burton, Harpers Ferry Armory, in ihrer Installation überwacht wurden. Der West Point-Absolvent
Jefferson Davis, der nach dem mexikanischen Krieg in die Politik zurückgekehrt war, wurde1853 zum Kriegsminister berufen und widmete seine Aufmerksamkeit der Einführung einer neuen Waffengeneration. Unter seiner Aufsicht wurden die Versuche mit den Minié-Geschossen vorangetrieben. 1855 erfolgte die Annahme eines von Burton vervollkommneten Projektiles dieser Art, das nun zur neuen Standardmunition der U.S. Streitkräfte werden sollte.

Gleichzeitig wurde eine neue Modellserie in Auftrag gegeben, die sich durch Gleichförmigkeit der unterschiedlichen Waffentypen (Kavalleriepistole, Infanteriegewehr und Jägerbüchse) und ein neues Zündersystem auszeichnete. Minister Davis war von dem Zünderband fasziniert, daß der Zahnarzt Dr. Edward Maynard aus Washington, D. C., 1845 patentieren ließ. In einem versiegelten Papierband befand sich in Abständen das Knallquecksilbergemisch in kleinen Mengen. Beim Spannen des Hahnes führte ein Zubringer ein neues Stück des Bandes vor das Piston, so daß der Ladevorgang des Zündhütchen-Aufsetzens entfiel. Im Feldgebrauch bewährte sich die anfänglich so praktisch erscheinende Erfindung des Dr. Maynard nicht.

Feuchtigkeit beeinflußte die »wasserfesten« Bänder, Zündversager oder das plötzliche Abbrennen des ganzen Zünderbandes machten die Waffen bei der Truppe unbeliebt. Das neue Gewehr erhielt die offizielle Bezeichnung »Rifle Musket« wurde aber im zeitgenössischen Sprachgebrauch durchaus weiter Muskete genannt.
In der Form unterschied es sich kaum von den europäischen Vorbildern.
Waffenfabrik Harpers Ferry, Kal. 58, L. 1240 mm.
Der Perkussionvorderlader Modell 1855 war die erste amerikanische Militärwaffe, die Minie-Geschosse Kaliber 58 verwendete.
Auf der Schloßplatte hatte sie ein von Dr. Maynard patentiertes Magazin, das einen Streifen mit Perkussionszündkapseln enthielt, die durch die Bewegung des Hahns automatisch vorwärts geschoben werden. Diese Vorrichtung zur Beschleunigung des Ladens bewährte sich wenig und beim folgenden amerikanischen Militärgewehr
Modell 1861 ging man von ihr ab. Das Datum 1857 auf der Schloßplatte ist das Herstellungsjahr der Waffe.

 

Die Abbildungen zeigen die Waffe mit geschlossenem (rechts) und mit offenem (links) Deckel des Maynardmagazins.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihre Leistung übertraf bei weitem alles, was man an Treffergenauigkeit von den gepflasterten Rundkugeln her kannte: Die Minié-Burton-Geschosse für das M 1855-Gewehr wogen 500 grain (32,4 g) und wurden von einer Schwarzpulverladung von 60 grain (3,88 g) zu einer Mündungsgeschwindigkeit von 290-295 m/s getrieben.
Der 40 Zoll lange Lauf der M 1855 Rifle-Musket erbrachte einen Streukreis von ca. 25 cm auf einhundert Meter, d. h., jeder Schuß, auf die Brust eines Mannes gezielt,
würde in diesem Bereich einschlagen! Fünf von fünfzehn Schüssen trafen im Durchschnitt eine Armee-Zielscheibe von 6 x 6 Fuß auf 400 inch. Mit etwas Übung konnte ein Schütze ein massiertes Ziel, etwas eine Kompanie in Kolonnenformation, auf 1000 Meter Entfernung treffen.

Im Vergleich dazu war die Pflasterbüchse M 1841, die auf 100 inch durchaus einen gleichwertigen Trefferkreis aufwies, auf Entfernungen über 200 Meter kaum noch einzusetzen. In seiner Einfachheit war das Minié-Gewehr kaum zu übertreffen, es war genauso leicht zu laden wie die bisherigen glattläufigen Musketen.
Der Schütze biß lediglich die Papierpatrone auf, schüttete das Pulver in den Lauf, setzte das Geschoß mit dem Hohlboden nach unten in die Mündung und rammte es
mit dem Ladestock ein. Mit einer solchen Muskete konnten selbst völlige Greenhorns in kürzester Zeit zu brauchbaren Soldaten ausgebildet werden, die in der Lage waren,
in der Minute bis zu drei Schuß treffsicher abzugeben. Das zeitraubende Laden mit dem Pflaster entfiel, die Schußergebnisse waren gleichmäßiger,
die Geschoßform war ballistisch günstiger als die der Rundkugel.

 

GREENE'S 1857 PATENT BREECH-LOADING RIFLE

 

Der mit der Rifle-Musket ausgerüstete Infanterist war das kriegsentscheidende Element des 19. Jahrhunderts. Der Artillerie und Kavallerie kamen in den meisten Schlachten nur flankierende Rollen zu. Die ungeheuren Verluste des Bürgerkrieges wurden nicht durch Maschinenwaffen, Schrapnellfeuer oder Kampfgase verursacht,
sondern durch das simple, gezogene Vorderladergewehr, das die Hauptbewaffnung beider Seiten darstellte. Die Verluste in der Schlacht von Antietam (Sharpsburg) überstiegen bei weitem die Verlustraten irgendeines anderen Kriegstages in der gesamten amerikanischen Geschichte - 26’134 Tote, Verwundete und Vermißte.
Die drei Tage von Gettysburg wiesen eine Gesamtverlustliste von über 51’000 auf.
Grants konzentrischer Vormarsch auf Richmond im Mai und Juni 1864 erbrachte für die Nordstaaten über 61’000 Tote und Verwundete, aber nicht die erhoffte Eroberung der konföderierten Hauptstadt. Nach zeitgenössischen Untersuchungen wurde der Anteil der Verletzten und Toten durch Artilleriefeuer auf maximal 20 Prozent,
in vielen Fällen auf nur 5 Prozent geschätzt - und das, obwohl die Kanonen in allen größeren Treffen von Anfang bis Ende tatkräftig beteiligt waren.

 

Die Schloßpartie einer in Springfield hergestellten M 1861;
deutlich zu erkennen ist das Klappenvisier mit seinen Entfernungen für100, 300 und 500 Yards.

 

Das Minié-Gewehr war zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs eine relativ neue Waffe, deren fürchterliches Potential noch nicht völlig erkannt war. Das taktische Denken der Offiziere und Heerführer bewegte sich in den Kategorien der napoleonischen Kriegsführung mit ihrer ungenauen Feuerwirkung aus glattläufigen Steinschloßflinten.
Die Einführung der gezogenen Perkussionsmuskete vom Kaliber .58 lag erst sechs Jahre zurück. Die kleine Berufsarmee der Vereinigten Staaten, verteilt auf die Garnisonen und Forts im Westen, hatte weder Gelegenheit noch Veranlassung, die Wirkung des massierten Infanteriefeuers aus den neuen Waffen zu testen.
Die Staatsmilizen und Garden waren noch viel weniger in der Lage, Erfahrungen mit dem neuen Gewehr in taktische Veränderungen umzusetzen.
Sie ergingen sich in Paradedrill und erfreuten sich bei Schießwettbewerben an der Treffergenauigkeit. Zumeist aber waren sie mit älteren Modellen ausgerüstet.

 

Die Schloßplatte einer 1864 bei Colt hergestellten Rifle Musket des Spezialmodells 1861.
Die Hahnform erinnert an die der Enfield-Musketen jener Zeit.

 

Das herkömmliche Beschaffungssystem der USA, das auf den Regierungsfabriken von Harpers Ferry und Springfield basierte, reichte dazu nicht aus,
zumal die Anlagen von Harpers Ferry bereits in den Anfangstagen vernichtet wurden. Es war die Stunde der Geschäftsleute, der privaten Waffenfabriken und Unternehmer, der Spekulanten und Kriegsgewinnler. Bei Kriegsausbruch war die Bewaffnung von Nord und Süd ein heilloses Durcheinander, das von antiquierten Steinschloßgewehren bis zu den modernsten Hinterladern reichte. Dieser Wirrwarr, der Ausbildung und Nachschub über Gebühr erschwerte, löste sich auch nicht in den folgenden Jahren auf.

Zu der Vielzahl einheimischer Gewehrmodelle kamen nun noch die verschiedensten ausländischen Infanteriewaffen hinzu, die in panikartigen Einkäufen aus Europa importiert wurden. Die Nachfrage war kaum zu decken. Neue Regimenter wurden laufend aufgestellt und verlangte, von der Zentralregierung oder dem Staat Gewehre und Ausrüstung zu erhalten. Jede Schlacht und jedes Gefecht aber führte zum Verlust von Waffenmengen, die ersetzt werden mußten.

 

U.S. RIFLE MODEL 1863 (Remington's Zouave Rifle)

 

Das Resultat war eine schwer übersichtliche Typenvielfalt, die den amerikanischen Bürgerkrieg für den Sammler so interessant macht. Zahlreiche ausgediente europäische Waffen erlebten hier eine »zweite Karriere«, wurden modifiziert oder im Originalzustand an die Truppe ausgegeben. Neue amerikanische Gewehrmodelle entstanden, Hinterlader und Mehrschüsser wurden entwickelt, Patente für die skurrilsten technischen Umwege tauchten auf. Einige Modelle bewährten sich, viele andere konnten keinen bleibenden Erfolg verzeichnen. Für die Waffentechnik bedeuteten die vier Jahre des amerikanischen Binnenkonflikts einen revolutionären Durchbruch.

Die Erfordernisse des Krieges und die Erfahrungen an der Front warfen die Bedenken und Vorurteile der Beamten der Beschaffungsbürokratien über den Haufen.
Die konservativen Vorstellungen der Generäle, die sich gegen Hinterladesysteme und Metallpatronen verschlossen hielten, wurden im Feld überstimmt -
hier zählte nur noch, was Erfolg brachte.

 

COLT M 1855 MILITARY RIFLE



Schloßpartie des M 1855, hier eine Karabinerversion Kaliber .44 ohne Vorderschaft.
Der seitliche Hammer ging auf einen Entwurf Elisha K. Roots zurück. Die Waffen sind daher auch als Colt-Root-Modelle bekannt.



SHARPS PERCUSSION BREECH LOADING RIFLE, CAL. .52



»Slug-guns«, schwere Scheibengewehre mit »false-muzzle« Kugelsetzern und Zielfernrohren wurden am Anfang des Krieges von Scharfschützen eingesetzt.
Diese Waffe im Museum von Gettysburg gehörte dem Soldaten Edwin I. Stanclift, 1st Rgt. U.S.S.S. Das Zielfernrohr entstammte der Werkstatt von C.D. Abbey, Chicago,
und das Gewehr der Büchsenmacherei von Edwin Wesson. Es hat das Kaliber .45 und ein Gewicht von 22 Pfund.



oben: GIBBS-KIPPLAUFKARABINER, CAL .52    unten: HENRY REPEATING CARTRIDGE RIFLE, CAL. .44 RF

Ein Vergleich mit einem Kavallerie-Hinterladerkarabiner - hier das Gibbs Modell - zeigt, daß die Henry Gewehrdimensionen hatte.
Sie wurde bei einigen Infanterieregimentern auch als Scharfschützenwaffe benutzt.



Morse-Karabiner Kaliber .50 mit 20-Zoll Lauf. Die ersten Waffen dieses Metallpatronentyps wurden noch im Kaliber .54 hergestellt.

 


Einige tausend Exemplare dieser Brunswick Rifle, 2. Modell (1847) wurden für die Truppen im westlichen Teil der Konföderation importiert. Die gezogene,
nur 117 cm lange Waffe hat das Kaliber .704. Der Lauf besitzt zwei Züge und wird mit einer ovalen Kugel oder mit einem Spitzgeschoß geladen, das zwei Führungsstutzen hat, die beim Laden in die Züge eingepaßt werden müssen. Als Seitengewehr dient ein zweischneidiges, gerades Schwertbajonett mit 56 cm langer Klinge. Die Brunswick war nicht erfolgreich, weil sich Pulverrückstände nach wenigen Schüssen so stark in den Zügen ablagerten, daß sie nur noch mit großer Kraftanstrengung geladen werden konnte.


 

Bei jeder Auflistung der Bürgerkriegskarabiner steht man vor der Frage, nach welchen Kriterien soll man die Reihenfolge der verschiedensten Waffenmodelle zusammenstellen: alphabetische Reihenfolge, Produktionsmengen, Kalibergröße ? Im vorliegenden Fall wurde nach Bedeutung verfahren, gemessen an der Zahl der produzierten und zur Anwendung gekommenen Exemplare. Die Drei Großen dieser Epoche waren ohne Zweifel: SHARPS, SPENCER und HENRY



1860 Spencer-Gewehr

 

Im März 1860 stellte Christopher Spencer, ein Mann, der wenig Schulbildung erhalten hatte, der aber ein genialer Erfinder war und seine Arbeiten mit grosser Energie vorantrieb, ein Repetiergewehr vor, das seinen Namen trug. Es hatte ein herausnehmbares Magazin im Kolben, in dem 7 Randfeuerpatronen Platz hatten.
Es wurde mit einem Unterhebel betätigt, der auch als Abzugsbügel fungierte. Durch Herabziehen des Hebels wurde die Hülse (soweit vorhanden) ausgeworfen,
wenn er nach oben gedrückt wurde, kam die nächste Patrone in das Patronenlager. Der Hahn musste von Hand gespannt werden. Es war eine einfache und zuverlässige Waffe, die billig herzustellen war und die für den Militärgebrauch robust genug war.

Zufälligerweise kam das Spencer-Gewehr heraus, als der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach. Zu dieser Zeit waren Hinterlader zum Verschiessen von modernen Patronen noch überaus selten; beide Seiten waren in diesem Konflikt hauptsächlich mit Vorderladermusketen mit Perkussionszündung bewaffnet. Teilweise gab es sogar noch Steinschlossgewehre, die aber bald verschwanden. Schon kurz nach Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges wurde der Spencer-Repetierer erprobt und dann offiziell bei der Unionsarmee eingeführt. Die Einführung geschah aber überaus schleppend, wofür unter anderem starrsinnige und altmodische Militärs verantwortlich waren.

Im Jahre 1863 wandte sich Spencer dann persönlich an den damaligen Präsidenten Lincoln, und der Präsident probierte die Waffe selber aus, indem er sie in einen benachbarten Park mitnahm und dort auf einen an einen Baum gelegten Balken schoss. Lincoln war sehr beeindruckt; und bis Kriegsende hatte die Regierung gut 100’000 Stück dieser Waffe beschafft. Das Ende des Krieges bedeutete aber auch das Ende des Spencer-Gewehres, denn jetzt gab es schon neue und bessere Waffen.
Die Fabrik wurde 1869 geschlossen und die Maschinen und Bestände von Oliver Winchester übernommen.

 

 

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