Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen aus:
Geoffrey Regan, •Military Blunders•

Militärische »Blindgänger«

 

Einleitung

Es besteht keine Absicht, einen Berufsstand ins Lächerliche zu ziehen, der für die Sicherheit des Staates so ausschlaggebend ist wie das Militär.
Nein, in jedem der hier erwähnten Fälle geht es um Befehlshaber und Generäle, um Männer, die die höchsten Stufen der militärischen Karriereleiter erklommen hatten.
Es sind nur einige - allerdings bizarre und berichtenswerte - Beispiele für jene Art von Anomalität, die zum Versagen auf militärischem Gebiet beiträgt.

Kein General tritt mit dem Vorsatz an, sich als Versager aufzuführen. Er hätte niemals einen so hohen Rang erreicht, wenn er sich nicht jederzeit regelkonform verhalten, Stiefel, Koppel und Schloß tadellos sauber, die richtigen Leute zur richtigen Zeit gegrüßt und bewiesen hätte, daß er es versteht, Befehle auszuführen. Erst wenn er dazu imstande ist, hält man ihn für geeignet, anderen Befehle zu erteilen. Befehlen heißt unter anderem, selbständig zu denken - eine Eigenschaft, die bei den Soldaten der unteren Ränge nicht unbedingt gefördert wird. Ob ein Befehlshaber kommandotauglich ist, läßt sich nur herausfinden, indem man ihm Gelegenheit gibt, sich zu beweisen. Sollte sich dabei seine Unfähigkeit herausstellen, ist es für Gegenmaßnahmen bereits zu spät.

Während des amerikanischen Bürgerkriegs bediente sich Präsident Lincoln bei der Auswahl von Offizieren einer Methode, die eher einem Lotterieverfahren glich. Erst als er sich restlos davon überzeugt hatte, daß John Pope, Ambrose Burnside und Joseph Hooker hoffnungslose Fälle waren, setzte er auf Ulysses S. Grant als obersten Befehlshaber. Die Toten von Second Manassas, Fredericksburg und Chancellorsville hätten dessen späte Ernennung wahrscheinlich begrüßt.



Der Kranke

Es hat wenig Zweck, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, daß wichtige historische Entscheidungen auch von der körperlichen Verfassung desjenigen abhingen, der sie traf. Dies gilt ganz besonders für militärische Befehlshaber, weil eine Schlacht nun einmal großen Streß und Gefahren mit sich bringt. Und weil kein General von dem damit verbundenen mentalen und physischen Druck jemals ganz frei sein dürfte, lohnt es sich, Situationen zu untersuchen, in denen dieser Faktor eine tragende Rolle für den Ausgang eines Feldzugs spielte.

Das in dieser Hinsicht vielleicht bemerkenswerteste Beispiel liefert
General »Stonewall« Jackson,
ein Mann, in den Robert E. Lee größtes Vertrauen setzte. Es gab jedoch vieles, was Lee von Jackson nicht wußte. Erstens war Jackson ein eigenwilliger, selbstgerechter Frömmler, der es als Sünde ansah, am Sonntag zu kämpfen. Zweitens war sein Verhalten bisweilen so exzentrisch, daß einige seiner Kameraden ihn schlichtweg für verrückt hielten. Als jüngerer Offizier trug er einmal einen ganzen drückend heißen Sommer lang seinen Militärmantel, weil er »keinen Befehl bekommen hatte, ihn abzulegen«. An der Militärakademie von Virginia ging er während eines prasselnden Hagelsturms vor dem Büro des Direktors auf und ab, weil er seinen Bericht unbedingt zum vereinbarten Zeitpunkt und keine Minute früher abgeben wollte. Solche Verhaltensweisen zeugen von Besessenheit. Drittens war Jackson von nicht sehr robuster körperlicher Verfassung; er benötigte mehr Schlaf als andere Leute und erholte sich nur schwer von längeren Anstrengungen.

Vor der »Schlacht der Sieben Tage« 1862 war Jackson in einem brillanten Feldzug (der sogenannten »Valley Campaign«) mit seinen Truppen sechs Wochen lang im Shenandoahtal hin und her gezogen, hatte die Verbindungslinien der Unionisten zerstört und eine Streitmacht der Nordstaaten in Atem gehalten, die um ein Vielfaches größer war als seine eigene. Aber diese Anstrengungen hatten ihn erschöpft, und er stand kurz vor einem streßbedingten Zusammenbruch. Er war keinesfalls in der Verfassung, gleich einen neuen Feldzug zu beginnen und hätte General Lee dies mitteilen sollen. Vielleicht schwieg er, weil er seine eigenen Grenzen nicht kannte. Lee ging bei seinen taktischen Erwägungen davon aus, daß Jackson die gewohnt wichtige Rolle spielen würde. Aber die entschiedene Hilfe, die Lee erwartete, stellte sich nicht ein: Jackson war von einer »Nebenniereninsuffizienz« aufs Krankenlager gestreckt worden.

Lees Pläne sahen vor, daß Jackson mit seinem Korps bei Mechanicsville am 26. Juni gleich nach Sonnenaufgang - es war der zweite Tag der »Schlacht der Sieben Tage« - die Truppen der Nordstaaten angreifen sollte. Aber gegen Mittag fehlte Jackson immer noch. Enttäuscht und wütend wagte statt dessen A. P. Hill, ein impulsiver General der Konföderierten, den Angriff, obwohl seine Truppen zahlenmäßig stark unterlegen waren. Hätte sich Jackson in diesem entscheidenden Augenblick Hill angeschlossen, wäre die unter dem Kommando von General McClellan stehende Nordstaatenarmee zusammengebrochen. Aber Jackson kam nicht. Während drei Meilen weiter das Kampfgeschehen tobte, saßen seine Leute, die den Geschützdonner deutlich hören konnten, auf dem Boden und rauchten. Jackson stand betend auf einem nahegelegenen Hügel und wollte während des ganzen Nachmittags mit niemandem sprechen.
Auch am 29. Juni, bei Savage's Station, versäumte es Jackson, seine Truppen wie geplant ins Gefecht zu führen. Anstatt den James River zu durchqueren, um die Nachhut der Unionisten anzugreifen, verbrachte er den Tag mit dem Wiederaufbau einer Brücke. Am nächsten Tag, bei White Oak Swamp, verdammte er 25.000 konföderierte Soldaten zum Nichtstun, weil er schlief. Somit war der vielduldende A.P. Hill zum dritten Mal innerhalb einer Woche von Jackson im Stich gelassen worden und hatte dadurch unnötige Verluste erlitten.
Jacksons Verhalten wurde als »katastrophal und nicht wiedergutzumachen« bezeichnet. In anderen Armeen wäre er vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden.

Der Angsthase

Obwohl Feigheit in den Regimentsgeschichten keine besondere Rolle spielt, ist sie auf dem Schlachtfeld alles andere als unbekannt. Tatsächlich ist Feigheit - das Unvermögen, die völlig natürliche Angst vor Tod oder Verstümmelung zu überwinden - unter gewöhnlichen Soldaten weitverbreitet, seitdem es Militär und Krieg gibt. Ungewöhnlicher ist es schon, wenn Angsthasen in der militärischen Laufbahn so weit nach oben gelangen, daß ihr Verhalten faktisch den Ausgang einer Schlacht oder eines Feldzugs beeinflußt. Doch gibt es auch hierfür Beispiele.

Als eines der berühmtesten muß wohl General Gideon Pillow gelten.

Im amerikanischen Bürgerkrieg war die Zahl der von befehlshabenden Offizieren aus Feigheit begangenen Handlungen erstaunlich hoch.

Der vielleicht schlimmste Fall ereignete sich 1862 in Tennessee während der Belagerung von Fort Donelson. Da sie von Unionstruppen unter Führung von Ulysses S. Grant belagert wurden, sahen die Befehlshaber der Konföderierten nur noch die Möglichkeit, den Weg freizukämpfen und sich nach Nashville durchzuschlagen. Während eines Schneesturms drangen die Konföderierten aus dem Fort und schlugen die Belagerer zurück. Doch als der Durchbruch geschafft war, verlor General Gideon Pillow plötzlich die Nerven und überredete seine Kollegen, die Generäle Floyd und Buckner, den Fluchtversuch abzublasen und ins Fort zurückzukehren.

Hier ging die Auseinandersetzung weiter, weil Pillow seine Meinung wiederum änderte und für einen weiteren Fluchtversuch plädierte, während seine Partner, die die Sache schon beim ersten Mal hatten durchziehen wollen, nun darauf bestanden, es gebe keine andere Möglichkeit mehr als die Kapitulation. Allerdings legte Floyd genausowenig wie Pillow Wert darauf, von Grant gefangengenommen zu werden. Als Politiker wie als Militärs befürchteten sie, wegen Verrats verurteilt und erschossen zu werden. Was mit den 15.000 Mann Garnisonsbesatzung geschehen sollte, schien sie nicht zu interessieren. Floyd fühlte sich als Oberbefehlshaber unter so starkem Druck, daß er das Kommando einfach niederlegte, worauf es an seinen Stellvertreter, nämlich Pillow, überging.

Der aber war ein zu geriebener Bursche, um auf diesen Trick hereinzufallen; er legte ebenfalls die Verantwortung nieder und gab das Kommando an Buckner weiter, bei dem es hängenblieb. Floyd beschlagnahmte ein Dampfboot und brachte sich stromaufwärts in Sicherheit. Pillow mußte sich mit einer Jolle begnügen, aber da sein Wahlspruch 1861 »Freiheit oder Tod« gelautet hatte, fühlte er sich zweifellos berechtigt, seine Freiheit zu suchen, statt den Tod zu riskieren. Am folgenden Tag kapitulierte Buckner bedingungslos und übergab die Garnison an General Grant.
Er war deswegen etwas verstimmt, denn 1854 hatte er einem ziemlich abgebrannten Grant Geld für die Heimfahrt geliehen - tja, die Ungerechtigkeit der Geschichte.

Der Ehrgeizigste, aber auch der größte Stümper


Von allen unfähigen Kommandanten war er auf jeden Fall der sympathischste: General Ambrose Burnside,
mit mächtigen Bartkoteletten - nach ihm wurden diese im Englischen »sideburns« genannt.

– Hätten Laurel und Hardy je einen Horrorfilm gedreht, wäre es der fette und grinsende Ollie gewesen, der Ambrose Burnside als Helden einer Schlachthausszene gespielt hätte. Drehort für diese Szene: Marye's Heights, die Anhöhe hinter Fredericksburg, am 13. Dezember 1862. Hier leistete sich Burnside die gräßlichste Stümperei des amerikanischen Bürgerkriegs - und niemand lachte.

Als Präsident Lincoln endlich mit dem unbeweglichen McClellan die Geduld verlor und statt seiner Ambrose Burnside zum Befehlshaber der Armee ernannte, beging er einen großen Fehler, und jeder wußte es, auch Burnside. Burnside versuchte alles, um Lincoln von seinem Vorhaben abzubringen.

Er beschwor ihn: »Ich möchte das Kommando nicht übernehmen. Ich bin nicht dafür geeignet, eine so große Armee zu befehligen.« Aber Lincoln beharrte auf seiner Entscheidung, so daß Burnside schließlich nachgab und mit seinen Offizieren sogar mit Champagner feierte. Der Präsident wollte Taten sehen, und Burnside war fest entschlossen, sie ihm, koste es, was es wolle, zu liefern.

Seine Armee war jetzt 113.000 Mann stark und somit den 80.000 Soldaten von General Lee überlegen. Das wollte Burnside unbedingt ausnutzen. Er befahl seinen Offizieren, die Überquerung des Rappahannock gegenüber von Fredericksburg vorzubereiten. Eine schlechtere Wahl hätte er kaum treffen können, denn an dieser Stelle ist der Fluß im Winter breit, tief und reißend. Hinter Fredericksburg erhebt sich ein hoher Hügelrücken. Für die Artillerie der Unionstruppen war er zu weit entfernt, den Truppen der Konföderierten bot er jedoch eine glänzende Verteidigungsposition, denn von ihm aus konnte man alle Furten des Flusses gut überschauen. Robert E. Lee, hatte diese Höhen denn auch massiv mit Truppen besetzt, obwohl er nicht im Ernst daran glaubte, daß Burnside gerade hier den Fluß überqueren werde. Aber genau das hatte Burnside vor, mußte damit indes fünf Tage warten, weil es Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Pontonbrücken gegeben hatte. Es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, wenn diese Brücken niemals angekommen wären.

Nun aber waren sie da, und Burnside konnte den Fluß überqueren. Als er jedoch erfuhr, daß die Konföderierten die Höhen hinter Fredericksburg besetzt hielten, überfiel ihn Unschlüssigkeit. Die Verantwortung begann ihm Angst zu machen, und er wälzte sich mehrere Nächte lang schlaflos hin und her, ohne sich dazu durchringen zu können, den Befehl für die Überquerung zu geben. In der Nacht des 12. Dezember wanderte er, ein moderner Heinrich V vor der Schlacht von Agincourt, ruhelos in seinem Lager auf und ab. Irgendwann kam ihm die selbstmörderische Idee, einen Frontalangriff gegen die Konföderierten zu wagen, die vom fähigsten General der damaligen Zeit befehligt wurden. Er mußte dafür nur einen Fluß voller Treibeis überqueren und gegen massiv befestigte Verteidigungsstellungen auf einem gefährlich steilen Hügel vorrücken.

Als die Unionssoldaten von diesem Plan erfuhren, war ihre Reaktion ebenso bitter wie realistisch. Tausende schrieben ihren Namen, den ihrer Familie und ihre Anschrift auf ihre Taschentücher und nähten sie vor dem Angriff auf ihre Uniformröcke, damit ihre Leichen später identifiziert werden könnten. Andere schrieben Abschiedsbriefe an ihre Eltern und Ehefrauen, in denen sie deutlich machten, daß das Unternehmen hoffnungslos sei und sie von Glück sagen könnten, wenn sie den Angriff überlebten.
Nachdem die Pontonbrücken in Stellung gebracht worden waren, überquerten die Unionstruppen den Fluß in zwei starken Divisionen. Franklin sollte mit 50.000 Soldaten unterhalb von Fredericksburg gegen »Stonewall« Jackson vorrücken, während Sumners und Hookers Männern die wenig beneidenswerte Aufgabe zufiel, Longstreets Streitkräfte auf Marye's Heights anzugreifen. Als ein Artillerieoffizier der Konföderierten über die offenen Felder blickte, die die Yankees überqueren mußten, bevor sie die Anhöhe erreichten, faßte er die Lage mit der Bemerkung zusammen: »Wenn wir das Feuer eröffnen, kann da unten nicht mal ein Huhn überleben.« Das war angesichts von 300 gefechtsbereiten Kanonen nicht übertrieben.

Auf Marye's Heights hielten Longstreets Soldaten eine der denkbar stärksten Verteidigungspositionen. Hinter einer 800 Meter langen Steinmauer standen vier Reihen von Soldaten aus Georgia und North Carolina, die so schnell hintereinanderweg feuerten, daß sie fast schon die Wirkung eines Maschinengewehrs erzielten. Wieder und wieder stürmten die Unionstruppen gegen den Hügel an, nur um von Kugeln durchsiebt zu Boden zu fallen. 6000 Soldaten der Union fielen auf diesem schmalen, nur fünf Meilen breiten Teil des Schlachtfeldes. Burnside, der das Geschehen durch ein Fernglas verfolgte, fiel nichts besseres ein, als immer neue Angriffe zu befehlen. Fünfzehnmal scheiterte der Versuch, Marye's Heights zu erobern, dann rief Hooker seine Leute von sich aus zurück. Bitter sagte er zu Burnside: »Als ich sah, daß ich genau so viel Männer verloren hatte, wie mein Befehl es mir vorschrieb, habe ich den Angriff abgebrochen.«
Mittlerweile war Burnside das Lachen vergangen. Schäumend vor Wut beschimpfte er seine Generäle als «feiges Gesindel« und seine Soldaten, von denen bereits 15.000 tot oder verwundet auf den Feldern jenseits des Flusses lagen, als »Diebe« und »Hasenfüße«. Einen weiteren Entschluß faßte er noch. Er wollte an der Spitze seines alten IX. Korps den Hügel hinaufreiten. Als seine Generäle ihn davon abhielten, brach er in Tränen aus und stöhnte: «Die Männer, ach die armen Männer.«

Am anderen Flußufer waren die Konföderierten vor Freude außer sich. »Stonewall« Jackson entwarf einen derart eigenartigen Plan, daß selbst Burnside länger über ihn nachgedacht hätte. Er schlug einen Nachtangriff vor, bei dem Lees gesamte Armee den Fluß durchschwimmen und Burnsides schwer dezimierte Armee überraschen würde. Die Soldaten sollten sich dabei splitternackt ausziehen, damit sie in der Dunkelheit von den Unionstruppen zu unterscheiden wären. Zum Glück war Lee zu prüde oder besaß zuviel gesunden Menschenverstand, um solche verrückten Kaspereien mitten in einer verschneiten Dezembernacht mitzumachen. Die Folgen der Schlacht von Fredericksburg ließen nicht auf sich warten. Als Burnside eine weitere Flußüberquerung mit anschließendem Frontalangriff vorschlug, meuterten die Befehlshaber der Korps und Divisionen. Hooker wies warnend darauf hin, er könne nicht garantieren, daß seine Truppen einem solchen Befehl Folge leisten würden. Er wurde daraufhin von Burnside sofort entlassen und schickte einen seiner Offiziere zu Lincoln, um sich zu beschweren. Daraufhin suchte Burnside Präsident Lincoln persönlich auf, um Hooker der Feigheit zu bezichtigen.
Angesichts der Vorgänge bei Fredericksburg fragte sich Lincoln, wie teuer es werden würde, wenn Burnside auf seinem Posten bliebe. Er brauchte nicht lange, um eine Antwort zu finden. Burnside wurde entlassen, Hooker trat an seine Stelle. Wer aber trägt die Schuld an dem Desaster von Fredericksburg? Burnside hat seine Verantwortung nie geleugnet, aber er hatte den Präsidenten rechtzeitig gewarnt, daß er der Aufgabe nicht gewachsen sein würde. Wenn man es genauer betrachtet, landet der Schwarze Peter bei Präsident Lincoln.

– Der Schlamm ist keines Generals Freund. Doch hinterläßt General Ambrose Burnsides »Schlamm-Marsch« nach der Schlacht von Fredericksburg 1862 den erfrischenden Eindruck der Farce, der für immer mit diesem Befehlshaber verbunden sein wird. Nach der Schlächterei bei Marye's Heights schlugen Burnsides Soldaten am anderen Ufer des Rappahannock ihr Lager auf, um ein trostloses, nasses Weihnachtsfest unter offenem Himmel zu begehen. Um die Jahreswende war das Wetter dann trocken und ließ Burnside nach einem neuen Übergang suchen. Am 20. Januar 1863 bewegte er sich mit seiner Armee am Flußufer entlang, als der Himmel seine Schleusen erneut öffnete und die ganze Gegend in ein einziges Schlammloch verwandelte. Als die Unionssoldaten durch den Morast wateten, versanken die Geschütze, um nie wieder aufzutauchen, und die Gepäckpferde mußten mit Seilen aus dem Schlamm herausgezogen werden. Das Marschtempo betrug im Durchschnitt eine Meile am Tag.

Unterdessen war General Lee auf der anderen Seite des Flusses dabei, jeden Übergangspunkt zu befestigen. Die Konföderierten lachten über das Ungemach der Unionssoldaten. Sie hielten Schilder hoch, auf denen stand: »Hier entlang nach Richmond« oder boten ironisch ihre Unterstützung an: »He, Yankees, sollen wir rüberkommen und euch helfen, eine Brücke zu bauen?« Burnside war wütend. Als er die von den eigenen Truppen kontrollierte Furt erreichte, war er entschlossen, einen zweiten Übergang à la Fredericksburg zu wagen, aber seine Generäle hielten ihn davon ab. Für diesen Augenblick zumindest war Ambrose E. Burnside, der die Kampfmoral seiner Truppen untergraben hatte, am Ende der Fahnenstange angelangt.

– Als die Unionstruppen unter Ulysses S. Grant immer weiter auf Richmond, die Hauptstadt der Konföderierten, vorrückten, ging deren IX. Korps unter Burnside an einer strategisch wichtigen Stelle gegenüber einem gegnerischen Stützpunkt namens Elliot's Salient in Stellung. Henry Pleasants, Oberst in einem der unter Burnsides Kommando stehenden Regimenter (es war das 48. Pennsylvanische Regiment) war vor dem Krieg Ingenieur gewesen und glaubte, er könne einen Tunnel bis zur Stellung der Konföderierten graben, um sie dann in die Luft zu sprengen.
Burnside war von dem Plan beeindruckt, nicht aber die Techniker der Unionsarmee. Sie meinten, Pleasants könne niemals einen Tunnel von 150 Meter Länge graben, ohne Probleme mit der Belüftung und der Stabilität zu bekommen. Von Burnside überredet, gab Grant Pleasants die Erlaubnis, seinen Plan zu testen. Dabei wurde der Ingenieur jedoch von den Spezialisten der Armee behindert, die sich weigerten, seinen Männern die notwendigen Spitzhacken, Spaten und Schubkarren zu überlassen. Er bekam auch kein Holz, um den Schacht abzustützen, noch gar einen Theodoliten, um die notwendigen Messungen durchführen zu können. Pleasants ließ sich dadurch nicht beirren, überwand alle möglichen Rückschläge und konnte Burnside am 17. Juli 1864 die Fertigstellung des Tunnels melden. Jetzt konnte er in aller Ruhe abwarten, welchen Nutzen sein Korpskommandant aus diesem Meisterwerk ziehen würde. Er sollte ziemlich enttäuscht werden.

Grant war von Pleasants' Idee sehr eingenommen und glaubte, sie könne den entscheidenden Durchbruch bewirken, auf den er schon seit langem wartete. Er versprach, Burnside mit zusätzlichen Truppen und jeder Menge Artillerie zu unterstützen. Während Pleasants den Minenschacht unter dem Stützpunkt der Konföderierten mit vier Tonnen hochexplosiven Sprengstoffs vollpackte, plante Burnside den Infanterieangriff, der auf die Explosion der Mine folgen würde. Von seinen vier Divisionen wählte er ohne zu zögern eine aus, die nur aus schwarzen Soldaten bestand und von General Ferrero befehligt wurde. Sie sollte den Angriff anführen. Die schwarzen Soldaten waren stolz darauf, ausgesucht worden zu sein und konnten es kaum erwarten, anzugreifen.
Aber Grant legte sein Veto ein. Er meinte, der Kampfauftrag wäre gefährlich und könnte den Eindruck erwecken, das Leben der Schwarzen solle geopfert werden. Burnside war mit Grants Entscheidung äußerst unzufrieden und verlor daraufhin anscheinend völlig das Interesse an der Sache. Schließlich wählte er von seinen drei anderen Divisionen eine aus, indem er einen Strohhalm zog. Die dergestalt dem Zufall überlassene Wahl fiel auf General Ledlie, einen unzuverlässigen Mann, der im Verdacht stand, ein Feigling und Trunkenbold zu sein. Sogar Burnside hatte Leslies Männer als »schußscheu« und »wertlos« bezeichnet. Es ist nicht recht verständlich, warum er sie dennoch den Angriff führen ließ.

Leslies Truppen sammelten sich in der Dunkelheit in den vorderen Schützengräben, wo sie die im Morgengrauen stattfindende Sprengung der Mine abwarteten. Offensichtlich aber hatte niemand Ferreros Truppen die personelle Änderung der Angriffspläne mitgeteilt, so daß sie sich ebenfalls sammelten. Burnside wiederum ging eine halbe Meile von der Frontlinie entfernt in Deckung und spielte bei den folgenden Ereignissen kaum eine Rolle. Es dauerte einige Zeit, bis die Lunte brannte, und der Sprengstoff wurde etwa eineinhalb Stunden später gezündet. Die Wirkung war allerdings gewaltig. Die Detonation war so stark, daß viele von Burnsides eigenen Leuten flohen. Als dann Grants 80 schwere Geschütze die rauchenden Überreste des Konföderierten-Stützpunkts mit Granaten belegten, brauchte Burnsides Infanterie nur noch durch den von der Explosion aufgerissenen Krater zu stürmen und Petersburg einzunehmen.
Nun aber entdeckte man ein gravierendes Problem. Weil es keinen Befehl gegeben hatte, die Brustwehren an den Schützengräben niedriger zu machen, waren Leslies Soldaten in fast drei Meter tiefen Gräben gefangen und mithin außerstande, sie in Gefechtsformation zu verlassen. Einige konnten aus Bajonetten Leitern improvisieren, andere türmten mühselig Sandsäcke auf. Diese Verzögerung ließ den vorgesehenen Ansturm von Leslies Division zu einem bloßen Rinnsal werden. Als die Unionstruppen den Krater erreichten, sahen sie, daß die Frontlinie der Konföderierten auf einer Länge von 60 Metern zerstört war. An ihrer Stelle befand sich ein zehn Meter tiefes Loch. Erstaunt über diesen Anblick kletterten Leslies Soldaten in das Loch hinunter. Einige halfen bei der Bergung verschütteter Konföderierter, andere fingen an, Gräben auszuheben, als ob sie die Aufgabe hätten, den Krater zu befestigen. Wo aber waren die Befehlshaber, die die Soldaten zum Sieg hätten führen müssen? General Ledlie versteckte sich in einem kugelsicheren Unterstand ein paar hundert Meter vom Geschehen entfernt. Dort trank er Rum und weigerte sich, Befehle zu erteilen. In noch größerer Entfernung beschränkte sich Korpskommandant Burnside darauf, weitere Truppen nach vorne zu beordern, ohne seinen Unterstand zu verlassen.

Nun kletterten die Soldaten von zwei weiteren Divisionen einer nach dem anderen über Sandsäcke oder Bajonettleitern aus den Schützengräben, überquerten das »Niemandsland« und stiegen in den Krater. Dann aber rückten sie nicht weiter vor, und bald war der Krater mit Tausenden von Unionssoldaten vollgestopft. Unterdessen erholten sich die Konföderierten und begannen, auf die dichte, wogende Menschenmasse, die sich mitten in ihren Stellungen befand, zu schießen. Burnsides Armeebefehlshaber Meade riß die Geduld, und er schrie Burnside »auf eine nicht offiziersgemäße und unhöfliche Weise« an. Die vielleicht größte Chance, den Krieg frühzeitig zu beenden, war dahin, als Burnside und Meade einander beschimpften, während Leslie sich unter den Tisch trank.


General Edward Ferrero

Ferreros Schwarzendivision hatte noch gar nicht mitbekommen, daß der Plan aus dem Ruder gelaufen war. Sie attackierten die Schützengräben der Konföderierten und nahmen ein paar von ihnen ein. Aber als sie Melder zurückschickten, um Befehle für ihr weiteres Vorgehen zu erhalten, ließ General Ferrero, der in Leslies Unterstand Zwischenstation gemacht und sich seinem Trinkgelage angeschlossen hatte, ihnen mitteilen, sie sollten einfach alles einnehmen, was sich ihnen böte. Die Konföderierten jedoch gerieten in Wut, als sie schwarze Soldaten in ihren Schützengräben entdeckten und zeigten keine Gnade: »DieWeißen fangen, die Nigger töten« lautete ihr Motto. Schon bald floh Ferreros Division völlig aufgerieben in die eigenen Schützengräben zurück. Über die Hälfte der Soldaten war tot oder verwundet.

Oberst Pleasants hatte mittlerweile jegliche Etikette vergessen und schrie Burnside an, seine Befehlshaber seien nichts als ein Haufen Feiglinge. Grant stimmte dem zu und meinte, das Fiasko sei »die traurigste Angelegenheit, die ich in diesem Krieg gesehen habe«. Es blieb das Problem, wie die 10.000 Soldaten, die im Krater festsaßen, gerettet werden könnten. Aber Burnside wurde die Entscheidung aus den Händen genommen, als die Konföderierten ihre Truppen für einen Gegenangriff zusammenzogen und den Krater räumten, wobei sie Hunderte töteten und Tausende gefangennahmen.

Grant hatte jetzt genug gesehen: Das IX. Korps benötigte einen neuen Befehlshaber. Burnside wurde ein verlängerter Urlaub gewährt, und er trat in den Ruhestand. Später ging er in die Politik. Leslie wurde mit Fug und Recht vor ein Kriegsgericht gestellt und wegen Trunkenheit und Feigheit verurteilt. Nur Ferrero konnte seltsamerweise der Strafe entgehen.
So endete eine der am brillantesten geplanten Operationen des Bürgerkriegs in Bitterkeit und mit gegenseitigen Vorwürfen.

Der Furchtsame

Keine Entscheidung zu treffen kann unter Umständen genau so gefährlich sein wie eine falsche. Wenn ein Befehlshaber aus Angst, einen Fehler zu machen, die Dinge einfach treiben läßt, macht er mit Sicherheit gerade solch einen Fehler. Es hat Generäle gegeben, deren Denken so von der Furcht vor Verantwortung beherrscht war, daß sie die Schlacht bereits verloren hatten, noch ehe der Feind den ersten Schuß abgefeuert hatte.

Ein solcher Mann war General George McClellan


Wer wegen ausgezeichneter Leistungen hohes Ansehen genießt, ohne es jemals unter Beweis stellen zu müssen, ist wahrhaft glücklich zu nennen. Genau das war die beneidenswerte Position des »Schrecklichen McC«, wie die Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg George McClellan, einen General der Unionstruppen, boshaft nannten. »McC« war geradezu das Musterbild eines modernen Generalmajors. Er sah blendend aus, hatte den bestgekleideten Stab aller Generäle diesseits und jenseits der Front, und seine Manöver besaßen - zumindest auf dem Papier - napoleonische Größe und Weitsicht. Unglücklicherweise hatte McClellan Angst, seinen Ruf aufs Spiel zu setzen, indem er seine Pläne in der Wirklichkeit erprobte.

Er war dermaßen vorsichtig, daß Präsident Lincoln ihn als »Standmotor« und seine gesamte Potomac-Armee als »George McClellans Leibwache« bezeichnete. Lincoln benötigte einen kämpferischen General, der ihm Siege bescheren könnte, aber McClellan zog es vor, theoretische Schlachten zu schlagen, und so waren seine Erfolge rein hypothetischer Natur.

Seine Überschätzung der gegnerischen Stärke wirkte ansteckend und führte bei einigen Befehlshabern der Unionstruppen zu einem Minderwertigkeitskomplex, wenn sie so legendären Namen wie Robert E. Lee, Stonewall Jackson oder Jeb Stuart begegneten. Zu Beginn seines Kommandos hatte McClellan sich einmal selbst hinters Licht geführt, als er glaubte, die Konföderierten hielten Munsons Hill besetzt, bis er entdeckte, daß die Geschütze, die ihn in Bann geschlagen hatten, nur schwarz angemalte Holzklötze gewesen waren.
McClellan hatte eine ungewöhnliche Neigung für Geheimdienste. Da er mit dem, was die Armee ihm bieten konnte, nicht zufrieden war, beschäftigte er Pinkertons Privatdetektei, um Informationen über den Feind zu bekommen. Als Privatagentur jedoch hielt man es bei Pinkerton mit der Devise, den Kunden zufriedenzustellen, indem man ihm das sagt, was er hören möchte, statt ihm einem objektiv wahren Bericht zu übermitteln. McClellan wollte hören, daß ihm die Konföderierten zahlenmäßig weit überlegen seien, weil ihm dies zum Vorwand dienen konnte, alle Unternehmungen zu verschieben. Aus Unfähigkeit oder Absicht übermittelte Pinkerton McClellan ungenaue und überhöhte Zahlen. So konnte »Napoleon Jr.« sich noch weiter in sein Gehäuse zurückziehen.

Im August 1861 teilte McClellan Lincoln mit, daß die Rebellen viermal so stark seien wie seine Truppen. Im März 1862 machte Pinkerton aus den 40.000 Soldaten von General Lee 80.000. Im Juni 1862 wurden McClellans 100.000 Mann von McGruders 23.000 Soldaten aufgehalten, was ihn nicht daran hinderte, Lincoln zu berichten, daß »die Schurken verdammt stark sind«. Im Oktober 1862 schätzte er Lees Armee auf 150.000 Mann. Damit hätte der Befehlshaber der Konföderierten die stärkste Streitkraft des gesamten Bürgerkriegs besessen. In scharfem Kontrast dazu stand der in Harper's Weekly erschienene Bericht eines französischen Militärkorrespondenten, dem zufolge die Rebellen lediglich aus 60.000 »zerlumpten, dreckigen und halbverhungerten« Soldaten bestünden.

Einmal jedoch hielt »Napoleon Jr.« tatsächlich den gesamten Schlachtplan der Konföderierten in der Hand, der um einige ausrangierte Zigarren gewickelt war.
Alles hätte ganz anders verlaufen können, wenn McClellan mehr Tatkraft und weniger Vorsicht gezeigt hätte. Da er Lees Schlachtplan erbeutet hatte, hätte er dessen Formationen eine nach der anderen stellen und vernichten können - doch er vergab seine Chance. Er hätte am 13. September einen Nachtmarsch befehlen und nach den Kämpfen in den Bergen am folgenden Tag auf einer energischen Verfolgung bestehen sollen - doch er tat weder das eine noch das andere. Er hätte am Antietam Creek schon am 16. angreifen sollen, bevor Jackson sich mit Lee verbinden konnte - doch er studierte lieber das Gelände und konzentrierte seine ohnehin schon überlegenen Kräfte. Als er schließlich am 17. angriff, hätte er Lee immer noch schlagen können.
Doch McClellans Schlachtplan hätte sorgfältiges Timing und genaue Überwachung erfordert. Doch weder das eine noch das andere funktionierte. Der Oberbefehlshaber blieb fast den ganzen Tag auf der Ostseite des Antietam Creek und ließ seine Korpskommandeure ihre eigenen separaten Schlachten ausfechten. Das Ergebnis war eine Serie unkoordinierter Angriffe, wobei der Angriff des IX. Korps stattfand, als die anderen Kämpfe bereits seit zwei Stunden aufgehört hatten. Diese Verspätung - die durch die schlechte Kommunikation zwischen Burnside und McClellan mitverursacht wurde - und das rechtzeitige Eintreffen von A. P. Hill kosteten die Union einen großen Sieg.

McClellan jedoch zeigte keine Reue. »Meines Erachtens habe ich alles getan, was man von mir verlangen kann, indem ich das Vaterland zweimal gerettet habe«, schrieb er am 20. September an seine Frau.
Doch es war Abraham Lincolns Meinung, auf die es ankam. »Sind Sie nicht übervorsichtig, wenn Sie annehmen, etwas nicht zu vermögen, was der Feind ständig vermag?«, fragte Lincoln am 13. Oktober erbost über McClellans fadenscheinige Begründungen für sein Versäumnis, Lee über den Potomac zu verfolgen. Am 7. November wurde McClellan seines Kommandos enthoben und nie mehr im Feld eingesetzt.
Seine Vorsicht auf dem Schlachtfeld hatte die Nordstaaten einen Sieg gekostet, der den Bürgerkrieg schon 1862 hätte beenden können.

Unangenehme Überraschungen...
Im Krieg«, sagte Napoleon, »sind die einfachsten Operationen die besten, und das Geheimnis des Erfolgs liegt in einfachen Manövern sowie in Maßnahmen, die man ergreift, um sich vor Überraschungen zu schützen.« Während der gesamten Militärgeschichte gehörte es zu den grundlegenden strategischen Erfordernissen, Informationen über den Feind zu sammeln und seine Stellungen auszukundschaften. Jeder Operationsplan muß auf genauen Berichten der Aufklärungseinheiten beruhen. Zudem werden durch solche Aufklärungsarbeit Überraschungsangriffe des Feindes verhindert, während die eigenen Chancen für ein überraschendes Vorgehen sich verbessern. Jeder Befehlshaber, der es unterläßt, die Stellung seines Feindes auszukundschaften, verwundet sich selbst, oftmals mit tödlichen Folgen. Verschiedene militärische Fehlschläge in der neueren Geschichte, die Berühmtheit erlangten, sind durch mangelhafte Aufklärung zustande gekommen.


Zu Beginn des Bürgerkriegs führte Unionsgeneral Robert C. Shenck einen Stoßtrupp durch eine Gegend in Virginia, ohne Kundschafter oder eine Vorhut auszusenden.
Er stolperte in die Falle der Konföderierten, wollte seinen Fehler aber nicht zugeben, sondern behauptete,
man habe aus »getarnten Batterien« - d.h. versteckter Artillerie - auf ihn gefeuert.
Tatsächlich hatten die Konföderierten neben ihrer Infanterie nur noch zwei Feldkanonen dabei. Damit aber ließ sich Shencks Niederlage nicht begründen, und so erfand er, um sein Gesicht zu wahren, jene versteckten Geschützbatterien, die auf einigermaßen unfaire Weise zu seinem Untergang das Entscheidende beigetragen hätten.
Shencks erfindungsreiche Entschuldigung machte ihn zum unwissentlichen Begründer eines einflußreichen Mythos.

Wie die Geschichten über das Ungeheuer vom Loch Ness oder die kleinen grünen Männchen vom Mars verbreitete sich die Mär von den »getarnten Batterien« derartig schnell, daß sie bald in die Seele eines jeden Befehlshabers der Unionstruppen vorgedrungen war. Bei der ersten Schlacht von Bull Run erkor General McDowell das Losungswort »Vorsicht« zur Tagesparole.
Schon bald saß jeder Kolonne der Unionstruppen vor dem, was sie ganz unerwartet treffen könnte, die Angst im Nacken.

Ohne es zu ahnen und durch ein einfaches Versäumnis des Feindes hatten die Konföderierten einen psychologischen Vorteil gegenüber dem Norden erlangt, den sie erst zwei Jahre später, nach Gettysburg, verlieren sollten.


»Wie ein kopfloses Huhn«

Die Kommunikation zwischen einem Befehlshaber und seinen Untergebenen während einer Schlacht ist so wichtig, daß man meinen sollte, ihr werde absoluter Vorrang eingeräumt.
Trotzdem war es der Zusammenbruch der Kommunikation, der die Niederlage der Unionsarmee unter

 

General William S. Rosecrans
in der Schlacht von Chickamauga herbeiführte.


Am 20. September 1863 hatten sich die Truppen von Konföderiertengeneral Braxton Bragg und Unionsgeneral William S. Rosecrans in einem verworrenen Kampf ineinander verbissen. Der erste Tag der Schlacht hatte keine Entscheidung gebracht, und ein nervöser Rosecrans befürchtete, daß sein linker Flügel unter George Thomas zusammenbrechen könnte. Um ihn zu unterstützen, wollte er Truppen aus dem Zentrum dorthin verlegen.
Er vergaß jedoch, den Befehlshaber des Zentrums, General McCook, davon zu unterrichten und gab General Wood, einem Divisionskommandeur, den direkten Befehl, seine Truppen nach links zu verlagern. In der Hitze des Gefechts hielt Rosecrans Woods Division fälschlicherweise für eine Reserveeinheit hinter McCooks Frontlinie.
Tatsächlich aber befand sich Woods Division an vorderster Front, und ihr Abzug sollte ein gähnendes Loch in die Kampflinien reißen. Rosecrans erkannte das nicht und diktierte seinem Adjutanten, Major Bond, eine kurze Anweisung, die dieser Wood überreichen sollte. Die Anweisung war ebenso kurz wie irreführend: »An General Wood, Der befehlshabende General weist Sie an, schnellstens zu Reynolds aufzuschließen und ihn zu unterstützen, Bond.«

Als Wood den Zettel erhielt, war er aufs äußerste erstaunt. Zwischen seiner Division und der von Reynolds kämpfte noch eine weitere Division unter General Brannan, die die Front auf einer Länge von 500 Metern absicherte. Sollte er seine Soldaten wirklich von der Front abziehen, um hinter dem Rücken von Brannans Leuten zu Reynolds aufzuschließen?
Da der Befehl dies besagte, fühlte Woods sich verpflichtet, ihm Folge zu leisten. Das Resultat ließ sich leicht vorhersagen: Direkt gegenüber den Konföderiertentruppen von General Longstreet verschwand die Frontlinie der Unionstruppen auf einer Länge von rund 500 Metern.

Als aufgeregte Offiziere Longstreet davon berichteten, handelte er äußerst schnell. Er befahl seiner eigenen Division, durch die Lücke anzugreifen und verstärkte sie durch sechs weitere Divisionen mit insgesamt 30.000 Mann.

Die Konföderierten schwärmten fächerförmig nach allen Seiten aus, rollten die Unionstruppen von hinten auf und spalteten die gegnerische Armee in zwei Teile. Rosecrans' rechter Flügel brach zusammen und wurde vom Schlachtfeld getrieben. Seine Artillerie und sein Gepäckzug fielen den Konföderierten in die Hände, und Rosecrans selbst floh den ganzen Weg zurück nach Chattanooga. Ob es seine Schuld war oder die des Adjutanten, ist weniger wichtig als die Tatsache, daß Wood einem Befehl gehorchen mußte, der für seinen Befehlshaber die Niederlage bedeutete. Zwar hielt George Thomas die linke Seite der Unionsarmee zusammen und verdiente sich den Spitznamen »Fels von Chickamauga«, aber das konnte Rosecrans' Karriere auch nicht mehr retten.
Als Befehlshaber hatte er die Nerven verloren und Präsident Lincoln zufolge »wie ein kopfloses Huhn« gehandelt.

Die Schlächter
Von einem Gemetzel - der sinnlosen Opferung von Soldaten - wird oft im Hinblick auf die Schützengräben des Ersten Weltkriegs gesprochen. Doch sind auch so bedeutende Feldherren wie Napoleon und Friedrich der Große, nicht davor zurückgeschreckt, ihre Soldaten in großem Umfang in Kriegen und Schlachten zu verheizen. Napoleon bekannte einmal: »Einen Menschen wie mich kümmert das Leben von einer Million Soldaten herzlich wenig.« So viele waren es denn wohl auch, die in den Kriegen des Korsen ihr Leben lassen mußten. Sein maßloser Ehrgeiz forderte einen hohen Tribut. Das war bei Friedrich dem Großen, dessen hochfliegende Ziele und pausenlose Feldzüge seine Untertanen ähnlich teuer zu stehen kamen, kaum anders.

Wiewohl die amerikanischen Bürgerkriegsgenerale

 

Ulysses S. Grant

          und

                    Robert E. Lee


alles andere als unfähig waren, haben auch sie gelegentlich das Leben ihrer Soldaten ohne Sinn und Notwendigkeit geopfert.

1863 bei Gettysburg befahl Lee General Longstreet einen massiven Frontalangriff auf die Stellung der Unionstruppen bei Cemetery Ridge. Obwohl sein Untergebener ihn darauf hinwies, daß das Zielobjekt unmöglich eingenommen werden könne, nahm Lee den Befehl nicht zurück, weil er »glaubte, seine Männer seien unbesiegbar«.

Es folgte ein heldenmütiger, aber aussichtsloser Angriff von 15.000 Soldaten der Konföderierten unter General Pickett, der über ein mehr als tausend Meter breites offenes Feld gegen Infanterie in Schützengräben und massierte Artillerie auf dem Höhenzug Cemetery Ridge geführt wurde. Longstreet war außer sich: »Ich konnte sehen, wie verzweifelt und hoffnungslos der Angriff war und was für ein hoffnungsloses Gemetzel er hervorrufen würde.«

Picketts Angriff ist zu einem amerikanischen Epos geworden, aber es war auch ein Wendepunkt des Krieges und ein auf tragische Weise verschwenderischer Umgang mit den besten Kräften der Konföderierten. Von den 15.000 Soldaten kehrte die Hälfte nicht zurück, und Picketts eigene Division erlitt Verluste in Höhe von fast 70 Prozent, darunter drei Brigadeführer und alle dreizehn Obersten. Lee war Manns genug, die Schuld auf sich zu nehmen. Er hatte an Durchfall gelitten, was sein Urteilsvermögen getrübt haben mag. Das gleiche ließe sich natürlich von General Grant und seinem Wutanfall sagen, der ein Jahr später bei Cold Harbor eine Rolle spielen sollte.

Wie Lee in Gettysburg beging hier Grant den Fehler, Kampfgeist und -moral seiner Truppen zu hoch einzuschätzen. Am 3. Juni 1864 hatte er das endlose Aufreiben seiner Truppen in den Grabenkämpfen vor Cold Harbor endgültig satt, und ihm riß der Geduldsfaden. In einem heftigen Wortwechsel mit den anderen Befehlshabern schwor er, er werde die Verteidigung der Rebellen mit nackter Gewalt durchbrechen, und zwar noch an diesem Tag. Sofort befahl er einen Frontalangriff auf die Linien der Konföderierten. Aber seine Soldaten wußten, daß sie eine Situation erwartete, die genauso gefährlich war wie der Angriff von Marye's Heights bei Fredericksburg. Einen Tag lang dauerten die Frontalangriffe, bei denen die Unionstruppen 7000 Mann verloren, die meisten davon in den ersten zehn Minuten eines Angriffs.

Einer von Grants Obersten schrieb später:
»Die Führerschaft, die der General an den Tag legt, erfüllt mich mit Abscheu. Vielfach sind unsere Männer sinnlos und brutal geopfert worden.«

Es war fast schon ein Vorgeschmack auf den 1. Juli 1916, den ersten Tag der Schlacht an der Somme.

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