Es
besteht keine Absicht, einen Berufsstand ins Lächerliche
zu ziehen, der für die Sicherheit des Staates so ausschlaggebend
ist wie das Militär.
Nein, in jedem der hier erwähnten Fälle geht es um
Befehlshaber und Generäle, um Männer, die die höchsten
Stufen der militärischen Karriereleiter erklommen hatten.
Es sind nur einige - allerdings bizarre und berichtenswerte
- Beispiele für jene Art von Anomalität, die zum Versagen
auf militärischem Gebiet beiträgt.
Kein General tritt mit dem Vorsatz an, sich als Versager aufzuführen.
Er hätte niemals einen so hohen Rang erreicht, wenn er
sich nicht jederzeit regelkonform verhalten, Stiefel, Koppel
und Schloß tadellos sauber, die richtigen Leute zur richtigen
Zeit gegrüßt und bewiesen hätte, daß er
es versteht, Befehle auszuführen.
Erst wenn er dazu imstande ist, hält man ihn für geeignet,
anderen Befehle zu erteilen. Befehlen heißt unter anderem,
selbständig zu denken - eine Eigenschaft,
die bei den Soldaten der unteren Ränge nicht unbedingt
gefördert wird. Ob ein Befehlshaber kommandotauglich ist,
läßt sich nur herausfinden,
indem man ihm Gelegenheit gibt, sich zu beweisen. Sollte sich
dabei seine Unfähigkeit herausstellen, ist es für
Gegenmaßnahmen bereits zu spät.
Während des amerikanischen Bürgerkriegs bediente sich
Präsident Lincoln bei der Auswahl von Offizieren einer
Methode, die eher einem Lotterieverfahren glich.
Erst als er sich restlos davon überzeugt hatte, daß
John Pope, Ambrose Burnside und Joseph Hooker hoffnungslose
Fälle waren, setzte er auf Ulysses S. Grant als obersten
Befehlshaber. Die Toten von Second Manassas, Fredericksburg
und Chancellorsville hätten dessen späte Ernennung
wahrscheinlich begrüßt.
Der
Kranke
Es hat wenig
Zweck, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, daß
wichtige historische Entscheidungen auch von der körperlichen
Verfassung desjenigen abhingen,
der sie traf. Dies gilt ganz besonders für militärische
Befehlshaber, weil eine Schlacht nun einmal großen Streß
und Gefahren mit sich bringt. Und weil kein General von dem
damit verbundenen mentalen und physischen Druck jemals ganz
frei sein dürfte, lohnt es sich, Situationen zu untersuchen,
in denen dieser Faktor eine tragende Rolle für den Ausgang
eines Feldzugs spielte.

Das in dieser
Hinsicht vielleicht bemerkenswerteste Beispiel liefert General
»Stonewall« Jackson,
ein Mann, in den Robert E. Lee größtes Vertrauen
setzte. Es gab jedoch vieles, was Lee von Jackson nicht wußte.
Erstens war Jackson ein eigenwilliger, selbstgerechter Frömmler,
der es als Sünde ansah, am Sonntag zu kämpfen. Zweitens
war sein Verhalten bisweilen so exzentrisch, daß einige
seiner Kameraden ihn schlichtweg für verrückt hielten.
Als jüngerer Offizier trug er einmal einen ganzen drückend
heißen Sommer lang seinen Militärmantel, weil er
»keinen Befehl bekommen hatte, ihn abzulegen«. An
der Militärakademie von Virginia ging er während eines
prasselnden Hagelsturms vor dem Büro des Direktors auf
und ab, weil er seinen Bericht unbedingt zum vereinbarten Zeitpunkt
und keine Minute früher abgeben wollte.
Solche Verhaltensweisen zeugen von Besessenheit. Drittens war
Jackson von nicht sehr robuster körperlicher Verfassung;
er benötigte mehr Schlaf als andere Leute und erholte sich
nur schwer von längeren Anstrengungen.
Vor der »Schlacht der Sieben Tage« 1862 war Jackson
in einem brillanten Feldzug (der sogenannten »Valley Campaign«)
mit seinen Truppen sechs Wochen lang im Shenandoahtal hin und
her gezogen, hatte die Verbindungslinien der Unionisten zerstört
und eine Streitmacht der Nordstaaten in Atem gehalten, die um
ein Vielfaches größer war als seine eigene. Aber
diese Anstrengungen hatten ihn erschöpft, und er stand
kurz vor einem streßbedingten Zusammenbruch. Er war keinesfalls
in der Verfassung, gleich einen neuen Feldzug zu beginnen und
hätte General Lee dies mitteilen sollen. Vielleicht schwieg
er, weil er seine eigenen Grenzen nicht kannte.
Lee ging bei seinen taktischen Erwägungen davon aus, daß
Jackson die gewohnt wichtige Rolle spielen würde. Aber
die entschiedene Hilfe, die Lee erwartete,
stellte sich nicht ein: Jackson war von einer »Nebenniereninsuffizienz«
aufs Krankenlager gestreckt worden.
Lees Pläne sahen vor, daß Jackson mit seinem Korps
bei Mechanicsville am 26. Juni gleich nach Sonnenaufgang - es
war der zweite Tag der »Schlacht der Sieben Tage«
- die Truppen der Nordstaaten angreifen sollte. Aber gegen Mittag
fehlte Jackson immer noch. Enttäuscht und wütend wagte
statt dessen A. P. Hill, ein impulsiver General der Konföderierten,
den Angriff, obwohl seine Truppen zahlenmäßig stark
unterlegen waren. Hätte sich Jackson in diesem entscheidenden
Augenblick Hill angeschlossen, wäre die unter dem Kommando
von General McClellan stehende Nordstaatenarmee zusammengebrochen.
Aber Jackson kam nicht. Während drei Meilen weiter das
Kampfgeschehen tobte, saßen seine Leute, die den Geschützdonner
deutlich hören konnten, auf dem Boden und rauchten. Jackson
stand betend auf einem nahegelegenen Hügel und wollte während
des ganzen Nachmittags mit niemandem sprechen.
Auch am 29. Juni, bei Savage's Station, versäumte es Jackson,
seine Truppen wie geplant ins Gefecht zu führen. Anstatt
den James River zu durchqueren,
um die Nachhut der Unionisten anzugreifen, verbrachte er den
Tag mit dem Wiederaufbau einer Brücke. Am nächsten
Tag, bei White Oak Swamp,
verdammte er 25.000 konföderierte Soldaten zum Nichtstun,
weil er schlief. Somit war der vielduldende A. P. Hill zum dritten
Mal innerhalb einer Woche
von Jackson im Stich gelassen worden und hatte dadurch unnötige
Verluste erlitten.
Jacksons Verhalten wurde als »katastrophal und nicht wiedergutzumachen«
bezeichnet. In anderen Armeen wäre er vor ein Kriegsgericht
gestellt und erschossen worden.
Der
Angsthase
Obwohl Feigheit
in den Regimentsgeschichten keine besondere Rolle spielt, ist
sie auf dem Schlachtfeld alles andere als unbekannt. Tatsächlich
ist Feigheit
- das Unvermögen, die völlig natürliche Angst
vor Tod oder Verstümmelung zu überwinden - unter gewöhnlichen
Soldaten weitverbreitet, seitdem es Militär und Krieg gibt.
Ungewöhnlicher ist es schon, wenn Angsthasen in der militärischen
Laufbahn so weit nach oben gelangen, daß ihr Verhalten
faktisch den Ausgang einer Schlacht oder eines Feldzugs beeinflußt.
Doch gibt es auch hierfür Beispiele.
Als
eines der berühmtesten muß wohl General Gideon
Pillow gelten.
Im amerikanischen
Bürgerkrieg war die Zahl der von befehlshabenden Offizieren
aus Feigheit begangenen Handlungen erstaunlich hoch.
Der vielleicht schlimmste
Fall ereignete sich 1862 in Tennessee während der Belagerung
von Fort Donelson. Da sie von Unionstruppen unter Führung
von Ulysses S. Grant belagert wurden, sahen die Befehlshaber
der Konföderierten nur noch die Möglichkeit, den Weg
freizukämpfen und sich nach Nashville durchzuschlagen.
Während eines Schneesturms drangen die Konföderierten
aus dem Fort und schlugen die Belagerer zurück.
Doch als der Durchbruch geschafft war, verlor General Gideon
Pillow plötzlich die Nerven und überredete seine Kollegen,
die Generäle Floyd und Buckner, den Fluchtversuch abzublasen
und ins Fort zurückzukehren.
Hier ging die Auseinandersetzung weiter, weil Pillow seine Meinung
wiederum änderte und für einen weiteren Fluchtversuch
plädierte, während seine Partner,
die die Sache schon beim ersten Mal hatten durchziehen wollen,
nun darauf bestanden, es gebe keine andere Möglichkeit
mehr als die Kapitulation.
Allerdings legte Floyd genausowenig wie Pillow Wert darauf,
von Grant gefangengenommen zu werden. Als Politiker wie als
Militärs befürchteten sie,
wegen Verrats verurteilt und erschossen zu werden. Was mit den
15.000 Mann Garnisonsbesatzung geschehen sollte, schien sie
nicht zu interessieren.
Floyd fühlte sich als Oberbefehlshaber unter so starkem
Druck, daß er das Kommando einfach niederlegte, worauf
es an seinen Stellvertreter, nämlich Pillow, überging.
Der aber war ein zu geriebener Bursche, um auf diesen Trick
hereinzufallen; er legte ebenfalls die Verantwortung nieder
und gab das Kommando an Buckner weiter,
bei dem es hängenblieb. Floyd beschlagnahmte ein Dampfboot
und brachte sich stromaufwärts in Sicherheit. Pillow mußte
sich mit einer Jolle begnügen,
aber da sein Wahlspruch 1861 »Freiheit oder Tod«
gelautet hatte, fühlte er sich zweifellos berechtigt, seine
Freiheit zu suchen, statt den Tod zu riskieren.
Am folgenden Tag kapitulierte Buckner bedingungslos und übergab
die Garnison an General Grant.
Er war deswegen etwas verstimmt, denn 1854 hatte er einem ziemlich
abgebrannten Grant Geld für die Heimfahrt geliehen - tja,
die Ungerechtigkeit der Geschichte.
Der Ehrgeizigste, aber auch der größte
Stümper

Von allen unfähigen Kommandanten war er auf jeden Fall
der sympathischste: General Ambrose Burnside, mit mächtigen
Bartkoteletten
- nach ihm wurden diese im Englischen »sideburns«
genannt.
– Hätten Laurel und Hardy je einen Horrorfilm gedreht,
wäre es der fette und grinsende Ollie gewesen, der Ambrose
Burnside als Helden einer Schlachthausszene gespielt hätte.
Drehort für diese Szene: Marye's Heights, die Anhöhe
hinter Fredericksburg, am 13. Dezember 1862.
Hier leistete sich Burnside die gräßlichste Stümperei
des amerikanischen Bürgerkriegs - und niemand lachte.
Als
Präsident Lincoln endlich mit dem unbeweglichen McClellan
die Geduld verlor und statt seiner Ambrose Burnside zum Befehlshaber
der Armee ernannte, beging er einen großen Fehler, und
jeder wußte es, auch Burnside. Burnside versuchte alles,
um Lincoln von seinem Vorhaben abzubringen.
Er beschwor
ihn: »Ich möchte das Kommando nicht übernehmen.
Ich bin nicht dafür geeignet, eine so große Armee
zu befehligen.«
Aber Lincoln beharrte auf seiner Entscheidung, so daß
Burnside schließlich nachgab und mit seinen Offizieren
sogar mit Champagner feierte.
Der Präsident wollte Taten sehen, und Burnside war fest
entschlossen, sie ihm, koste es, was es wolle, zu liefern.
Seine Armee war jetzt
113.000 Mann stark und somit den 80.000 Soldaten von General
Lee überlegen. Das wollte Burnside unbedingt ausnutzen.
Er befahl seinen Offizieren, die Überquerung des Rappahannock
gegenüber von Fredericksburg vorzubereiten. Eine schlechtere
Wahl hätte er kaum treffen können,
denn an dieser Stelle ist der Fluß im Winter breit, tief
und reißend. Hinter Fredericksburg erhebt sich ein hoher
Hügelrücken. Für die Artillerie der Unionstruppen
war er zu weit entfernt, den Truppen der Konföderierten
bot er jedoch eine glänzende Verteidigungsposition, denn
von ihm aus konnte man alle Furten des Flusses gut überschauen.
Robert E. Lee, hatte diese Höhen denn auch massiv mit Truppen
besetzt, obwohl er nicht im Ernst daran glaubte, daß Burnside
gerade hier den Fluß überqueren werde.
Aber genau das hatte Burnside vor, mußte damit indes fünf
Tage warten, weil es Schwierigkeiten bei der Beschaffung von
Pontonbrücken gegeben hatte.
Es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, wenn
diese Brücken niemals angekommen wären.
Nun aber waren sie da, und Burnside konnte den Fluß überqueren.
Als er jedoch erfuhr, daß die Konföderierten die
Höhen hinter Fredericksburg besetzt hielten,
überfiel ihn Unschlüssigkeit. Die Verantwortung begann
ihm Angst zu machen, und er wälzte sich mehrere Nächte
lang schlaflos hin und her,
ohne sich dazu durchringen zu können, den Befehl für
die Überquerung zu geben. In der Nacht des 12. Dezember
wanderte er, ein moderner Heinrich V
vor der Schlacht von Agincourt, ruhelos in seinem Lager auf
und ab. Irgendwann kam ihm die selbstmörderische Idee,
einen Frontalangriff gegen die Konföderierten
zu wagen, die vom fähigsten General der damaligen Zeit
befehligt wurden. Er mußte dafür nur einen Fluß
voller Treibeis überqueren und gegen massiv befestigte
Verteidigungsstellungen auf einem gefährlich steilen Hügel
vorrücken.
Als die Unionssoldaten von diesem Plan erfuhren, war ihre Reaktion
ebenso bitter wie realistisch.
Tausende schrieben ihren Namen, den ihrer Familie und ihre Anschrift
auf ihre Taschentücher und nähten sie vor dem Angriff
auf ihre Uniformröcke,
damit ihre Leichen später identifiziert werden könnten.
Andere schrieben Abschiedsbriefe an ihre Eltern und Ehefrauen,
in denen sie deutlich machten,
daß das Unternehmen hoffnungslos sei und sie von Glück
sagen könnten, wenn sie den Angriff überlebten.
Nachdem die Pontonbrücken in Stellung gebracht worden waren,
überquerten die Unionstruppen den Fluß in zwei starken
Divisionen.
Franklin sollte mit 50.000 Soldaten unterhalb von Fredericksburg
gegen »Stonewall« Jackson vorrücken, während
Sumners und Hookers Männern die wenig beneidenswerte Aufgabe
zufiel, Longstreets Streitkräfte auf Marye's Heights anzugreifen.
Als ein Artillerieoffizier der Konföderierten über
die offenen Felder blickte,
die die Yankees überqueren mußten, bevor sie die
Anhöhe erreichten, faßte er die Lage mit der Bemerkung
zusammen: »Wenn wir das Feuer eröffnen,
kann da unten nicht mal ein Huhn überleben.« Das
war angesichts von 300 gefechtsbereiten Kanonen nicht übertrieben.
Auf Marye's Heights hielten
Longstreets Soldaten eine der denkbar stärksten Verteidigungspositionen.
Hinter einer 800 Meter langen Steinmauer standen vier Reihen
von Soldaten aus Georgia und North Carolina, die so schnell
hintereinanderweg feuerten, daß sie fast schon die Wirkung
eines Maschinengewehrs erzielten.
Wieder und wieder stürmten die Unionstruppen gegen den
Hügel an, nur um von Kugeln durchsiebt zu Boden zu fallen.
6.000 Soldaten der Union fielen auf diesem schmalen, nur fünf
Meilen breiten Teil des Schlachtfeldes. Burnside, der das Geschehen
durch ein Fernglas verfolgte, fiel nichts besseres ein,
als immer neue Angriffe zu befehlen. Fünfzehnmal scheiterte
der Versuch, Marye's Heights zu erobern, dann rief Hooker seine
Leute von sich aus zurück.
Bitter sagte er zu Burnside: »Als ich sah, daß ich
genau so viel Männer verloren hatte, wie mein Befehl es
mir vorschrieb, habe ich den Angriff abgebrochen.«
Mittlerweile war Burnside das Lachen vergangen. Schäumend
vor Wut beschimpfte er seine Generäle als «feiges
Gesindel« und seine Soldaten,
von denen bereits 15.000 tot oder verwundet auf den Feldern
jenseits des Flusses lagen, als »Diebe« und »Hasenfüße«.
Einen weiteren Entschluß faßte er noch.
Er wollte an der Spitze seines alten IX. Korps den Hügel
hinaufreiten. Als seine Generäle ihn davon abhielten, brach
er in Tränen aus und stöhnte:
«Die Männer, ach die armen Männer.«
Am anderen Flußufer waren die Konföderierten vor
Freude außer sich. »Stonewall« Jackson entwarf
einen derart eigenartigen Plan, daß selbst Burnside länger
über ihn nachgedacht hätte. Er schlug einen Nachtangriff
vor, bei dem Lees gesamte Armee den Fluß durchschwimmen
und Burnsides schwer dezimierte Armee überraschen würde.
Die Soldaten sollten sich dabei splitternackt ausziehen, damit
sie in der Dunkelheit von den Unionstruppen zu unterscheiden
wären.
Zum Glück war Lee zu prüde oder besaß zuviel
gesunden Menschenverstand, um solche verrückten Kaspereien
mitten in einer verschneiten Dezembernacht mitzumachen. Die
Folgen der Schlacht von Fredericksburg ließen nicht auf
sich warten. Als Burnside eine weitere Flußüberquerung
mit anschließendem Frontalangriff vorschlug, meuterten
die Befehlshaber der Korps und Divisionen. Hooker wies warnend
darauf hin, er könne nicht garantieren, daß seine
Truppen einem solchen Befehl Folge leisten würden. Er wurde
daraufhin von Burnside sofort entlassen und schickte einen seiner
Offiziere zu Lincoln, um sich zu beschweren.
Daraufhin suchte Burnside Präsident Lincoln persönlich
auf, um Hooker der Feigheit zu bezichtigen.
Angesichts
der Vorgänge bei Fredericksburg fragte sich Lincoln, wie
teuer es werden würde, wenn Burnside auf seinem Posten
bliebe. Er brauchte nicht lange,
um eine Antwort zu finden. Burnside wurde entlassen, Hooker
trat an seine Stelle. Wer aber trägt die Schuld an dem
Desaster von Fredericksburg?
Burnside hat seine Verantwortung nie geleugnet, aber er hatte
den Präsidenten rechtzeitig gewarnt, daß er der Aufgabe
nicht gewachsen sein würde.
Wenn man es genauer betrachtet, landet der Schwarze Peter bei
Präsident Lincoln.
– Der Schlamm ist keines Generals Freund. Doch hinterläßt
General Ambrose Burnsides »Schlamm-Marsch« nach
der Schlacht von Fredericksburg 1862 den erfrischenden Eindruck
der Farce, der für immer mit diesem Befehlshaber verbunden
sein wird. Nach der Schlächterei bei Marye's Heights schlugen
Burnsides Soldaten am anderen Ufer des Rappahannock ihr Lager
auf, um ein trostloses, nasses Weihnachtsfest unter offenem
Himmel zu begehen. Um die Jahreswende war das Wetter dann trocken
und ließ Burnside nach einem neuen Übergang suchen.
Am 20. Januar 1863 bewegte er sich mit seiner Armee am Flußufer
entlang, als der Himmel seine Schleusen erneut öffnete
und die ganze Gegend in ein einziges Schlammloch verwandelte.
Als die Unionssoldaten durch den Morast wateten, versanken die
Geschütze, um nie wieder aufzutauchen, und die Gepäckpferde
mußten mit Seilen aus dem Schlamm herausgezogen werden.
Das Marschtempo betrug im Durchschnitt eine Meile am Tag.
Unterdessen war General Lee auf der anderen Seite des Flusses
dabei, jeden Übergangspunkt zu befestigen. Die Konföderierten
lachten über das Ungemach der Unionssoldaten. Sie hielten
Schilder hoch, auf denen stand: »Hier entlang nach Richmond«
oder boten ironisch ihre Unterstützung an:
»He, Yankees, sollen wir rüberkommen und euch helfen,
eine Brücke zu bauen?« Burnside war wütend.
Als er die von den eigenen Truppen kontrollierte Furt erreichte,
war er entschlossen, einen zweiten Übergang à la
Fredericksburg zu wagen, aber seine Generäle hielten ihn
davon ab. Für diesen Augenblick zumindest war
Ambrose E. Burnside, der die Kampfmoral seiner Truppen untergraben
hatte, am Ende der Fahnenstange angelangt.
– Als die Unionstruppen unter Ulysses S. Grant immer weiter
auf Richmond, die Hauptstadt der Konföderierten, vorrückten,
ging deren IX. Korps unter Burnside an einer strategisch wichtigen
Stelle gegenüber einem gegnerischen Stützpunkt namens
Elliot's Salient in Stellung. Henry Pleasants, Oberst in einem
der unter Burnsides Kommando stehenden Regimenter (es war das
48. Pennsylvanische Regiment) war vor dem Krieg Ingenieur gewesen
und glaubte, er könne einen Tunnel bis zur Stellung der
Konföderierten graben, um sie dann in die Luft zu sprengen.
Burnside war von dem Plan beeindruckt, nicht aber die Techniker
der Unionsarmee. Sie meinten, Pleasants könne niemals einen
Tunnel von 150 Meter Länge graben,
ohne Probleme mit der Belüftung und der Stabilität
zu bekommen. Von Burnside überredet, gab Grant Pleasants
die Erlaubnis, seinen Plan zu testen.
Dabei wurde der Ingenieur jedoch von den Spezialisten der Armee
behindert, die sich weigerten, seinen Männern die notwendigen
Spitzhacken,
Spaten und Schubkarren zu überlassen. Er bekam auch kein
Holz, um den Schacht abzustützen, noch gar einen Theodoliten,
um die notwendigen Messungen
durchführen zu können. Pleasants ließ sich dadurch
nicht beirren, überwand alle möglichen Rückschläge
und konnte Burnside am 17. Juli 1864 die Fertigstellung des
Tunnels melden. Jetzt konnte er in aller Ruhe abwarten, welchen
Nutzen sein Korpskommandant aus diesem Meisterwerk ziehen würde.
Er sollte ziemlich enttäuscht werden.
Grant war von Pleasants' Idee sehr eingenommen und glaubte,
sie könne den entscheidenden Durchbruch bewirken, auf den
er schon seit langem wartete.
Er versprach, Burnside mit zusätzlichen Truppen und jeder
Menge Artillerie zu unterstützen. Während Pleasants
den Minenschacht unter dem Stützpunkt der Konföderierten
mit vier Tonnen hochexplosiven Sprengstoffs vollpackte, plante
Burnside den Infanterieangriff, der auf die Explosion der Mine
folgen würde.
Von seinen vier Divisionen wählte er ohne zu zögern
eine aus, die nur aus schwarzen Soldaten bestand und von General
Ferrero befehligt wurde.
Sie sollte den Angriff anführen. Die schwarzen Soldaten
waren stolz darauf, ausgesucht worden zu sein und konnten es
kaum erwarten, anzugreifen.
Aber Grant legte sein Veto ein. Er meinte, der Kampfauftrag
wäre gefährlich und könnte den Eindruck erwecken,
das Leben der Schwarzen solle geopfert werden.
Burnside war mit Grants Entscheidung äußerst unzufrieden
und verlor daraufhin anscheinend völlig das Interesse an
der Sache. Schließlich wählte er von seinen drei
anderen Divisionen eine aus, indem er einen Strohhalm zog. Die
dergestalt dem Zufall überlassene Wahl fiel auf General
Ledlie, einen unzuverlässigen Mann,
der im Verdacht stand, ein Feigling und Trunkenbold zu sein.
Sogar Burnside hatte Leslies Männer als »schußscheu«
und »wertlos« bezeichnet.
Es ist nicht recht verständlich, warum er sie dennoch den
Angriff führen ließ.
Leslies Truppen sammelten
sich in der Dunkelheit in den vorderen Schützengräben,
wo sie die im Morgengrauen stattfindende Sprengung der Mine
abwarteten. Offensichtlich aber hatte niemand Ferreros Truppen
die personelle Änderung der Angriffspläne mitgeteilt,
so daß sie sich ebenfalls sammelten.
Burnside wiederum ging eine halbe Meile von der Frontlinie entfernt
in Deckung und spielte bei den folgenden Ereignissen kaum eine
Rolle.
Es dauerte einige Zeit, bis die Lunte brannte, und der Sprengstoff
wurde etwa eineinhalb Stunden später gezündet. Die
Wirkung war allerdings gewaltig.
Die Detonation war so stark, daß viele von Burnsides eigenen
Leuten flohen. Als dann Grants 80 schwere Geschütze die
rauchenden Überreste des Konföderierten-Stützpunkts
mit Granaten belegten, brauchte Burnsides Infanterie nur noch
durch den von der Explosion aufgerissenen Krater zu stürmen
und Petersburg einzunehmen.
Nun
aber entdeckte man ein gravierendes Problem. Weil es keinen
Befehl gegeben hatte, die Brustwehren an den Schützengräben
niedriger zu machen,
waren Leslies Soldaten in fast drei Meter tiefen Gräben
gefangen und mithin außerstande, sie in Gefechtsformation
zu verlassen. Einige konnten aus Bajonetten Leitern improvisieren,
andere türmten mühselig Sandsäcke auf. Diese
Verzögerung ließ den vorgesehenen Ansturm von Leslies
Division zu einem bloßen Rinnsal werden.
Als die Unionstruppen den Krater erreichten, sahen sie, daß
die Frontlinie der Konföderierten auf einer Länge
von 60 Metern zerstört war.
An ihrer Stelle befand sich ein zehn Meter tiefes Loch. Erstaunt
über diesen Anblick kletterten Leslies Soldaten in das
Loch hinunter.
Einige halfen bei der Bergung verschütteter Konföderierter,
andere fingen an, Gräben auszuheben, als ob sie die Aufgabe
hätten, den Krater zu befestigen.
Wo aber waren die Befehlshaber, die die Soldaten zum Sieg hätten
führen müssen? General Ledlie versteckte sich in einem
kugelsicheren Unterstand
ein paar hundert Meter vom Geschehen entfernt. Dort trank er
Rum und weigerte sich, Befehle zu erteilen. In noch größerer
Entfernung beschränkte sich Korpskommandant Burnside darauf,
weitere Truppen nach vorne zu beordern, ohne seinen Unterstand
zu verlassen.
Nun kletterten die Soldaten von zwei weiteren Divisionen einer
nach dem anderen über Sandsäcke oder Bajonettleitern
aus den Schützengräben,
überquerten das »Niemandsland« und stiegen
in den Krater. Dann aber rückten sie nicht weiter vor,
und bald war der Krater mit Tausenden von Unionssoldaten vollgestopft.
Unterdessen erholten sich die Konföderierten und begannen,
auf die dichte, wogende Menschenmasse, die sich mitten in ihren
Stellungen befand,
zu schießen. Burnsides Armeebefehlshaber Meade riß
die Geduld, und er schrie Burnside »auf eine nicht offiziersgemäße
und unhöfliche Weise« an.
Die vielleicht größte Chance, den Krieg frühzeitig
zu beenden, war dahin, als Burnside und Meade einander beschimpften,
während Leslie sich unter den Tisch trank.

General
Edward Ferrero
Ferreros Schwarzendivision hatte noch gar nicht mitbekommen,
daß der Plan aus dem Ruder gelaufen war. Sie attackierten
die Schützengräben der Konföderierten und nahmen
ein paar von ihnen ein. Aber als sie Melder zurückschickten,
um Befehle für ihr weiteres Vorgehen zu erhalten,
ließ General Ferrero, der in Leslies Unterstand Zwischenstation
gemacht und sich seinem Trinkgelage angeschlossen hatte, ihnen
mitteilen,
sie sollten einfach alles einnehmen, was sich ihnen böte.
Die Konföderierten jedoch gerieten in Wut, als sie schwarze
Soldaten in ihren Schützengräben entdeckten und zeigten
keine Gnade: »DieWeißen fangen, die Nigger töten«
lautete ihr Motto.
Schon bald floh Ferreros Division völlig aufgerieben in
die eigenen Schützengräben zurück. Über
die Hälfte der Soldaten war tot oder verwundet.
Oberst
Pleasants hatte mittlerweile jegliche Etikette vergessen und
schrie Burnside an, seine Befehlshaber seien nichts als ein
Haufen Feiglinge.
Grant stimmte dem zu und meinte, das Fiasko sei »die traurigste
Angelegenheit, die ich in diesem Krieg gesehen habe«.
Es blieb das Problem,
wie die 10.000 Soldaten, die im Krater festsaßen, gerettet
werden könnten. Aber Burnside wurde die Entscheidung aus
den Händen genommen,
als die Konföderierten ihre Truppen für einen Gegenangriff
zusammenzogen und den Krater räumten, wobei sie Hunderte
töteten und Tausende gefangennahmen.
Grant hatte
jetzt genug gesehen: Das IX. Korps benötigte einen neuen
Befehlshaber. Burnside wurde ein verlängerter Urlaub gewährt,
und er trat in den Ruhestand.
Später ging er in die Politik. Leslie wurde mit Fug und
Recht vor ein Kriegsgericht gestellt und wegen Trunkenheit und
Feigheit verurteilt. Nur Ferrero konnte seltsamerweise der Strafe
entgehen. So endete eine der am brillantesten geplanten Operationen
des Bürgerkriegs in Bitterkeit und mit gegenseitigen Vorwürfen.
Der Furchtsame
Keine
Entscheidung zu treffen kann unter Umständen genau so gefährlich
sein wie eine falsche. Wenn ein Befehlshaber aus Angst, einen
Fehler zu machen,
die Dinge einfach treiben läßt, macht er mit Sicherheit
gerade solch einen Fehler. Es hat Generäle gegeben, deren
Denken so von der Furcht vor Verantwortung beherrscht war, daß
sie die Schlacht bereits verloren hatten, noch ehe der Feind
den ersten Schuß abgefeuert hatte.

Ein
solcher Mann war General George McClellan
Wer wegen
ausgezeichneter Leistungen hohes Ansehen genießt, ohne
es jemals unter Beweis stellen zu müssen, ist wahrhaft
glücklich zu nennen. Genau das war die beneidenswerte Position
des »Schrecklichen McC«, wie die Konföderierten
im amerikanischen Bürgerkrieg George McClellan, einen General
der Unionstruppen, boshaft nannten. »McC« war geradezu
das Musterbild eines modernen Generalmajors. Er sah blendend
aus,
hatte den bestgekleideten Stab aller Generäle diesseits
und jenseits der Front, und seine Manöver besaßen
- zumindest auf dem Papier - napoleonische Größe
und Weitsicht. Unglücklicherweise hatte McClellan Angst,
seinen Ruf aufs Spiel zu setzen, indem er seine Pläne in
der Wirklichkeit erprobte.
Er war dermaßen
vorsichtig, daß Präsident Lincoln ihn als »Standmotor«
und seine gesamte Potomac-Armee als »George McClellans
Leibwache« bezeichnete.
Lincoln benötigte einen kämpferischen General, der
ihm Siege bescheren könnte, aber McClellan zog es vor,
theoretische Schlachten zu schlagen,
und so waren seine Erfolge rein hypothetischer Natur.
Seine Überschätzung der gegnerischen Stärke wirkte
ansteckend und führte bei einigen Befehlshabern der Unionstruppen
zu einem Minderwertigkeitskomplex, wenn sie so legendären
Namen wie Robert E. Lee, Stonewall Jackson oder Jeb Stuart begegneten.
Zu Beginn seines Kommandos hatte McClellan sich einmal selbst
hinters Licht geführt, als er glaubte, die Konföderierten
hielten Munsons Hill besetzt,
bis er entdeckte, daß die Geschütze, die ihn in Bann
geschlagen hatten, nur schwarz angemalte Holzklötze gewesen
waren.
McClellan
hatte eine ungewöhnliche Neigung für Geheimdienste.
Da er mit dem, was die Armee ihm bieten konnte, nicht zufrieden
war, beschäftigte er Pinkertons Privatdetektei, um Informationen
über den Feind zu bekommen. Als Privatagentur jedoch hielt
man es bei Pinkerton mit der Devise, den Kunden zufriedenzustellen,
indem man ihm das sagt, was er hören möchte, statt
ihm einem objektiv wahren Bericht zu übermitteln. McClellan
wollte hören, daß ihm die Konföderierten zahlenmäßig
weit überlegen seien, weil ihm dies zum Vorwand dienen
konnte, alle Unternehmungen zu verschieben. Aus Unfähigkeit
oder Absicht übermittelte Pinkerton McClellan ungenaue
und überhöhte Zahlen. So konnte »Napoleon Jr.«
sich noch weiter in sein Gehäuse zurückziehen.
Im August 1861 teilte McClellan Lincoln mit, daß die Rebellen
viermal so stark seien wie seine Truppen. Im März 1862
machte Pinkerton aus den 40.000 Soldaten von General Lee 80.000.
Im Juni 1862 wurden McClellans 100.000 Mann von McGruders 23.000
Soldaten aufgehalten, was ihn nicht daran hinderte, Lincoln
zu berichten,
daß »die Schurken verdammt stark sind«. Im
Oktober 1862 schätzte er Lees Armee auf 150.000 Mann. Damit
hätte der Befehlshaber der Konföderierten die stärkste
Streitkraft des gesamten Bürgerkriegs besessen. In scharfem
Kontrast dazu stand der in Harper's Weekly erschienene Bericht
eines französischen Militärkorrespondenten, dem zufolge
die Rebellen lediglich aus 60.000 »zerlumpten, dreckigen
und halbverhungerten« Soldaten bestünden.
Einmal jedoch hielt »Napoleon Jr.« tatsächlich
den gesamten Schlachtplan der Konföderierten in der Hand,
der um einige ausrangierte Zigarren gewickelt war.
Alles hätte ganz anders verlaufen können, wenn McClellan
mehr Tatkraft und weniger Vorsicht gezeigt hätte. Da er
Lees Schlachtplan erbeutet hatte,
hätte er dessen Formationen eine nach der anderen stellen
und vernichten können - doch er vergab seine Chance. Er
hätte am 13. September einen Nachtmarsch befehlen und nach
den Kämpfen in den Bergen am folgenden Tag auf einer energischen
Verfolgung bestehen sollen - doch er tat weder das eine noch
das andere.
Er hätte am Antietam Creek schon am 16. angreifen sollen,
bevor Jackson sich mit Lee verbinden konnte - doch er studierte
lieber das Gelände und konzentrierte seine ohnehin schon
überlegenen Kräfte. Als er schließlich am 17.
angriff, hätte er Lee immer noch schlagen können.
Doch McClellans Schlachtplan hätte sorgfältiges Timing
und genaue Überwachung erfordert. Doch weder das eine noch
das andere funktionierte.
Der Oberbefehlshaber
blieb fast den ganzen Tag auf der Ostseite des Antietam Creek
und ließ seine Korpskommandeure ihre eigenen separaten
Schlachten ausfechten.
Das Ergebnis war eine Serie unkoordinierter Angriffe, wobei
der Angriff des IX. Korps stattfand, als die anderen Kämpfe
bereits seit zwei Stunden aufgehört hatten.
Diese Verspätung - die durch die schlechte Kommunikation
zwischen Burnside und McClellan mitverursacht wurde
- und das rechtzeitige Eintreffen von A. P. Hill kosteten die
Union einen großen Sieg.
McClellan jedoch zeigte keine Reue. »Meines Erachtens
habe ich alles getan, was man von mir verlangen kann, indem
ich das Vaterland zweimal gerettet habe«,
schrieb er am 20. September an seine Frau. Doch es war Abraham
Lincolns Meinung, auf die es ankam.
»Sind Sie nicht übervorsichtig, wenn Sie annehmen,
etwas nicht zu vermögen, was der Feind ständig vermag?«,
fragte Lincoln am 13. Oktober erbost über McClellans fadenscheinige
Begründungen für sein Versäumnis, Lee über
den Potomac zu verfolgen. Am 7. November wurde McClellan seines
Kommandos enthoben und nie mehr im Feld eingesetzt. Seine Vorsicht
auf dem Schlachtfeld hatte die Nordstaaten einen Sieg gekostet,
der den Bürgerkrieg schon 1862 hätte beenden können.
Unangenehme
Überraschungen......
Im Krieg«, sagte Napoleon, »sind die einfachsten
Operationen die besten, und das Geheimnis des Erfolgs liegt
in einfachen Manövern sowie in Maßnahmen,
die man ergreift, um sich vor Überraschungen zu schützen.«
Während der gesamten Militärgeschichte gehörte
es zu den grundlegenden strategischen Erfordernissen, Informationen
über den Feind zu sammeln und seine Stellungen auszukundschaften.
Jeder Operationsplan muß auf genauen Berichten der Aufklärungseinheiten
beruhen. Zudem werden durch solche Aufklärungsarbeit Überraschungsangriffe
des Feindes verhindert, während die eigenen Chancen für
ein überraschendes Vorgehen sich verbessern. Jeder Befehlshaber,
der es unterläßt, die Stellung seines Feindes auszukundschaften,
verwundet sich selbst, oftmals mit tödlichen Folgen.
Verschiedene militärische Fehlschläge in der neueren
Geschichte, die Berühmtheit erlangten, sind durch mangelhafte
Aufklärung zustande gekommen.

Zu Beginn des Bürgerkriegs führte Unionsgeneral
Robert C. Shenck einen Stoßtrupp durch eine
Gegend in Virginia,
ohne Kundschafter oder eine Vorhut auszusenden.
Er
stolperte in die Falle der Konföderierten, wollte seinen
Fehler aber nicht zugeben, sondern behauptete,
man habe aus »getarnten Batterien« - d.h. versteckter
Artillerie - auf ihn gefeuert.
Tatsächlich hatten die Konföderierten neben ihrer
Infanterie nur noch zwei Feldkanonen dabei.
Damit aber ließ sich Shencks Niederlage nicht begründen,
und so erfand er, um sein Gesicht zu wahren,
jene versteckten Geschützbatterien, die auf einigermaßen
unfaire Weise zu seinem Untergang das Entscheidende beigetragen
hätten.
Shencks erfindungsreiche Entschuldigung machte ihn zum unwissentlichen
Begründer eines einflußreichen Mythos.
Wie
die Geschichten über das Ungeheuer vom Loch Ness oder die
kleinen grünen Männchen vom Mars verbreitete sich
die Mär von den
»getarnten Batterien« derartig schnell, daß
sie bald in die Seele eines jeden Befehlshabers der Unionstruppen
vorgedrungen war.
Bei der ersten Schlacht von Bull Run erkor General McDowell
das Losungswort »Vorsicht« zur Tagesparole.
Schon bald saß jeder Kolonne der Unionstruppen vor dem,
was sie ganz unerwartet treffen könnte, die Angst im Nacken.
Ohne es
zu ahnen und durch ein einfaches Versäumnis des Feindes
hatten die Konföderierten einen psychologischen Vorteil
gegenüber dem Norden erlangt,
den sie erst zwei Jahre später, nach Gettysburg, verlieren
sollten.
»Wie
ein kopfloses Huhn«
Die Kommunikation zwischen einem Befehlshaber und seinen Untergebenen
während einer Schlacht ist so wichtig, daß man meinen
sollte, ihr werde absoluter Vorrang eingeräumt. Trotzdem
war es der Zusammenbruch der Kommunikation, der die Niederlage
der Unionsarmee unter
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General
William S. Rosecrans in der Schlacht von Chickamauga herbeiführte.
Am 20. September
1863 hatten sich die Truppen von Konföderiertengeneral
Braxton Bragg und Unionsgeneral William S. Rosecrans in einem
verworrenen Kampf ineinander verbissen. Der erste Tag der Schlacht
hatte keine Entscheidung gebracht, und ein nervöser Rosecrans
befürchtete, daß sein linker Flügel unter George
Thomas zusammenbrechen könnte. Um ihn zu unterstützen,
wollte er Truppen aus dem Zentrum dorthin verlegen.
Er vergaß jedoch, den Befehlshaber des Zentrums, General
McCook, davon zu unterrichten und gab General Wood, einem Divisionskommandeur,
den direkten Befehl, seine Truppen nach links zu verlagern.
In der Hitze des Gefechts hielt Rosecrans Woods Division fälschlicherweise
für eine Reserveeinheit hinter McCooks Frontlinie.
Tatsächlich aber befand sich Woods Division an vorderster
Front, und ihr Abzug sollte ein gähnendes Loch in die Kampflinien
reißen.
Rosecrans erkannte das nicht und diktierte seinem Adjutanten,
Major Bond, eine kurze Anweisung, die dieser Wood überreichen
sollte.
Die Anweisung war ebenso kurz wie irreführend:
»An General Wood, Der befehlshabende General weist Sie
an, schnellstens zu Reynolds aufzuschließen und ihn zu
unterstützen, Bond.«
Als Wood
den Zettel erhielt, war er aufs äußerste erstaunt.
Zwischen seiner Division und der von Reynolds kämpfte noch
eine weitere Division unter General Brannan,
die die Front auf einer Länge von 500 Metern absicherte.
Sollte er seine Soldaten wirklich von der Front abziehen, um
hinter dem Rücken von Brannans Leuten zu Reynolds aufzuschließen?
Da der Befehl dies besagte, fühlte Woods sich verpflichtet,
ihm Folge zu leisten. Das Resultat ließ sich leicht vorhersagen:
Direkt gegenüber den Konföderiertentruppen von General
Longstreet verschwand die Frontlinie der Unionstruppen auf einer
Länge von rund 500 Metern.
Als aufgeregte Offiziere Longstreet davon berichteten, handelte
er äußerst schnell. Er befahl seiner eigenen Division,
durch die Lücke anzugreifen
und verstärkte sie durch sechs weitere Divisionen mit insgesamt
30.000 Mann.
Die Konföderierten schwärmten fächerförmig
nach allen Seiten aus, rollten die Unionstruppen von hinten
auf und spalteten die gegnerische Armee in zwei Teile.
Rosecrans' rechter Flügel brach zusammen und wurde vom
Schlachtfeld getrieben. Seine Artillerie und sein Gepäckzug
fielen den Konföderierten in die Hände,
und Rosecrans selbst floh den ganzen Weg zurück nach Chattanooga.
Ob es seine Schuld war oder die des Adjutanten, ist weniger
wichtig als die Tatsache,
daß Wood einem Befehl gehorchen mußte, der für
seinen Befehlshaber die Niederlage bedeutete. Zwar hielt George
Thomas die linke Seite der Unionsarmee zusammen
und verdiente sich den Spitznamen »Fels von Chickamauga«,
aber das konnte Rosecrans' Karriere auch nicht mehr retten.
Als Befehlshaber hatte er die Nerven verloren und Präsident
Lincoln zufolge »wie ein kopfloses Huhn« gehandelt.
Die
Schlächter
Von einem Gemetzel - der
sinnlosen Opferung von Soldaten - wird oft im Hinblick auf die
Schützengräben des Ersten Weltkriegs gesprochen.
Doch sind auch so bedeutende Feldherren wie Napoleon und Friedrich
der Große, nicht davor zurückgeschreckt, ihre Soldaten
in großem Umfang
in Kriegen und Schlachten zu verheizen. Napoleon bekannte einmal:
»Einen Menschen wie mich kümmert das Leben von einer
Million Soldaten herzlich wenig.«
So viele waren es denn wohl auch, die in den Kriegen des Korsen
ihr Leben lassen mußten. Sein maßloser Ehrgeiz forderte
einen hohen Tribut.
Das war bei Friedrich dem Großen, dessen hochfliegende
Ziele und pausenlose Feldzüge seine Untertanen ähnlich
teuer zu stehen kamen, kaum anders.
Wiewohl die amerikanischen Bürgerkriegsgenerale
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Ulysses
S. Grant
und
Robert E. Lee
alles andere als
unfähig waren, haben auch sie gelegentlich das Leben ihrer
Soldaten ohne Sinn und Notwendigkeit geopfert. 1863
bei Gettysburg befahl Lee General Longstreet einen massiven
Frontalangriff auf die Stellung der Unionstruppen bei Cemetery
Ridge. Obwohl sein Untergebener ihn darauf hinwies,
daß das Zielobjekt unmöglich eingenommen werden könne,
nahm Lee den Befehl nicht zurück,
weil er »glaubte, seine Männer seien unbesiegbar«.
Es folgte
ein heldenmütiger, aber aussichtsloser Angriff von 15.000
Soldaten der Konföderierten unter General Pickett, der
über ein mehr als tausend Meter breites offenes Feld gegen
Infanterie in Schützengräben und massierte Artillerie
auf dem Höhenzug Cemetery Ridge geführt wurde. Longstreet
war außer sich:
»Ich konnte sehen, wie verzweifelt und hoffnungslos der
Angriff war und was für ein hoffnungsloses Gemetzel er
hervorrufen würde.«
Picketts
Angriff ist zu einem amerikanischen Epos geworden, aber es war
auch ein Wendepunkt des Krieges und ein auf tragische Weise
verschwenderischer Umgang mit den besten Kräften der Konföderierten.
Von den 15.000 Soldaten kehrte die Hälfte nicht zurück,
und Picketts eigene Division erlitt Verluste in Höhe von
fast 70 Prozent, darunter drei Brigadeführer und alle dreizehn
Obersten. Lee war Manns genug, die Schuld auf sich zu nehmen.
Er hatte an Durchfall gelitten,
was sein Urteilsvermögen getrübt haben mag. Das gleiche
ließe sich natürlich von General Grant und seinem
Wutanfall sagen, der ein Jahr später bei Cold Harbor eine
Rolle spielen sollte. Wie Lee in Gettysburg beging hier Grant
den Fehler, Kampfgeist und -moral seiner Truppen zu hoch einzuschätzen.
Am 3. Juni 1864 hatte er das endlose Aufreiben seiner Truppen
in den Grabenkämpfen vor Cold Harbor endgültig satt,
und ihm riß der Geduldsfaden.
In einem heftigen Wortwechsel mit den anderen Befehlshabern
schwor er, er werde die Verteidigung der Rebellen mit nackter
Gewalt durchbrechen,
und zwar noch an diesem Tag. Sofort befahl er einen Frontalangriff
auf die Linien der Konföderierten. Aber seine Soldaten
wußten, daß sie eine Situation erwartete,
die genauso gefährlich war wie der Angriff von Marye's
Heights bei Fredericksburg.
Einen Tag lang dauerten die Frontalangriffe, bei denen die Unionstruppen
7.000 Mann verloren, die meisten davon in den ersten zehn Minuten
eines Angriffs.
Einer
von Grants Obersten schrieb später:
»Die
Führerschaft, die der General an den Tag legt, erfüllt
mich mit Abscheu. Vielfach sind unsere Männer sinnlos und
brutal geopfert worden.«
Es war fast schon ein Vorgeschmack auf den 1. Juli 1916, den
ersten Tag der Schlacht an der Somme.
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