Mit freundlicher Unterstützung
VERLAG FÜR AMERIKANISTIK, 25931 Wyk auf Foehr
Unter Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus:
© Viviana Zarbo, »Storia del Far West«
© G. Schomaekers, »Der Wilde Westen«
© William H. Forbis, »Die Cowboys«

 

Das Reich der Viehherden

Seite 3

 

Nach dem Preissturz, der auf die allgemeine Wirtschaftskrise von 1873 folgte, erholte sich die Viehindustrie wieder, und neue Weideflächen wurden vor allem im Norden gefunden, wo, nach dem Sieg über die Indianer Ende der siebziger Jahre, große Teile von Wyoming, Montana und Dakota die Viehzüchter von Texas anzogen,
zumal diese Gebiete in weiten Teilen noch unbesiedelt waren. Auf den Weideflächen des Nordens änderte sich die Kleidung des Cowboys;
auf Grund des kälteren Klimas trug der Cowboy ein schweres Wollhemd und über der Weste einen weiten wasserundurchlässigen braunen Mantel.
Wegen des Windes, der oft über die Großen Ebenen fegt, hatte der Stetson weniger breite Krempen.

Die Eisenbahn, die der Hauptfaktor für die Entwicklung der Viehindustrie war, sorgte aber auch für ihren Niedergang.
Mit dem Schienenweg drang der Osten nach Westen vor, und zwar mit seinem Kapital, aber auch mit seinen Siedlern.
Der Aufschwung der achtziger Jahre zog zuerst viele Menschen in die Ebenen, die bereit waren, ihre kleinen Ersparnisse in die Viehzucht zu investieren.
Nach und nach wurden aber viele dieser Züchter von Finanzierungsgesellschaften mit Kapital aus dem Osten oder aus dem Ausland verdrängt,
zumeist aus England und Schottland. Die Überproduktion von amerikanischem Fleisch überschwemmte den britischen Markt:
es kostete weniger, die Rinder in Amerika aufzuziehen und dann auf die britischen Inseln zu transportieren, als sie direkt in England aufzuziehen.
Das war durch die Entwicklung der Transportmittel und durch die Erfindung der Kühlkammer möglich.

Eine der größten Rinderzuchtgesellschaften war die von Alexander Hamilton Swan geleitete Swan Land and Cattle Company Ltd., deren Kapital zum größten Teil aus Schottland stammte. Die achtziger Jahre bedeuteten das Ende für den größten Teil der nicht durch ausländisches Kapital gestützten Zuchtunternehmen
(auch das Geld, wie alles andere, das aus dem Osten der Vereinigten Staaten kam, galt als ausländisch).
Ebenfalls in jenen Jahren begann das Ende des Reiches der Viehherden, das den gesamten mittleren Teil der Vereinigten Staaten umfaßte.

In dieser Zeit verschwanden nämlich die offenen, nicht umzäunten Weideflächen, die die Grundlage für das Reich der Viehherden waren.
Der Grund für diese Veränderung war eine Erfindung, die von einem Farmer aus Illinois, Joseph Farwell Glidden,
1873 gemacht worden war und von Züchtern und Siedlern benutzt wurde: der Stacheldraht. Diese neue Einzäunung wurde bereits bei der neuen Aufzuchtmethode angewandt, die sich auf den Weideflächen des Nordens herausgebildet hatte: der Ranch.


Eine Ranch in Colorado

In Erwartung, daß die Preise für das Vieh wieder steigen würden, verkauften einige Züchter,
nachdem sie im Norden angekommen waren, ihre Herden nicht, sondern sammelten sie auf einem Gelände, das sie umzäunten und auf dem sie eine kleine Farm errichteten.
Sie mußten sogar Gras säen, um die Tiere im Winter versorgen zu können. Auf Grund der Überkapazitäten auf den Weiden des Südwestens beschlossen viele Züchter, die bereits im Nordwesten angewandte Praxis zu übernehmen, und umzäunten ihre Gelände. Die Ansichten in dieser Frage gingen auseinander: die einen hielten nichts von dieser neuen Technik der Aufzucht, und es kam zu ersten Auseinandersetzungen, bei denen die fence cutter zum Einsatz kamen, Männer, die von den Großzüchtern bezahlt wurden, um die Zäune zu durchschneiden.




Zudem besaß unter legalen Gesichtspunkten keiner das Land, auf dem die Herden weideten:
wie schon gesagt, gründete die Viehzucht auf dem Prinzip des offenen Weidelandes in staatlichem Besitz.

 

 

 

 

 

 

Dieses Dokument von 1868 belegt den Verkauf von 65 Hektar Land an einen Siedler


Die Praktik der Einzäunung verbreitete sich mit der Ankunft der Siedler.
Vor allem in Kansas und Nebraska wurde es immer notwendiger, die Bewegung der Viehherden unter Kontrolle zu halten. Die Siedler, die sich mit Landwirtschaft beschäftigten,
wurden derart zahlreich, daß sie ein entscheidendes politisches Gewicht bekamen.
Ihre Vertreter kamen in den Kongreß, und es gelang ihnen,
eine Reihe von Maßnahmen zum Nachteil der Viehzüchter durchzusetzen, die gezwungen wurden,
ihre Herden davon zurückzuhalten, überall frei zu weiden. Anfangs wurde zur Beachtung dieser Anweisung ein Mann mit der Aufgabe betraut, an der Grenzlinie der Weideflächen entlangzureiten und die Herden zu kontrollieren; später ging man zur Einzäunung mit Stacheldraht über.

Mithin lag die gesamte Viehindustrie in ihren letzten Zügen: Sie gründete sich auf der Nutzung von Staatsgebiet, so war sie entstanden, und ohne diese Grundlage konnte sie nicht existieren.

 

 

Ein weiterer schwerer Schlag traf die Viehzüchter, als Präsident Cleveland eine Verfügung erließ, nach der es verboten war,
indianisches Gebiet zu pachten oder käuflich zu erwerben. Dann wurde Befehl gegeben, die Umzäunungen auf staatlichem Gebiet zu beseitigen.
Staatlicher Grund und Boden sollte an Siedler vergeben werden. Die Züchter konnten nicht untätig zusehen, wie die Regierung ihnen die Gebiete wegnahm,
die sie immer als ihren ureigensten Besitz angesehen hatten. Mit allen Mitteln versuchten sie, sich in den Besitz von so viel Grundstücken wie möglich zu bringen.
Sie trugen ihre Cowboys in die Listen derer ein, die auf ein Stück Land warteten, um sie dann zu Überreden, die auf diese Weise erworbenen Parzellen an sie abzutreten.

Dennoch waren sie am Ende. Die Probleme zwischen Viehzüchtern und Siedlern führten zu Auseinandersetzungen, die in einigen Fällen sogar in ausgesprochene Kriege ausarteten. Um ihre Interessen zu schützen, vereinigten sich die Großzüchter in Verbänden, deren eigentliches und ausschließliches Ziel es war,
ihre Macht zum Nachteil kleinerer Viehzüchter oder Farmer zu vergrößern. Unter dem Vorwurf des Viehdiebstahls wurden Unschuldige aus dem Weg geräumt.
Man wollte das Problem gründlich und endgültig bereinigen.

 



Mit diesen Plakaten priesen die Eisenbahngesellschaften das Land im Wilden Westen an


Das war die Ursache für das, was die Historiker als den »Johnson County-Krieg« bezeichnen,
der im Frühjahr 1892 stattfand und bei dem sogar die Armee zum Einsatz kam, wie auch bei der Auseinandersetzung unter den Farmern von Lincoln County. Zu den Schwierigkeiten mit den Farmern,
mit den Quarantänegesetzen und mit der Weidelandverfügung kamen aber noch weitere Faktoren,
die das Ende des Reichs der Viehherden herbeiführten. Die Umzäunungen und rechtlichen Einschränkungen zur Verhinderung der Ausbreitung von Seuchen hatten einem für das Reich der Viehherden typischen Phänomen ein Ende bereitet: dem langen Marsch.

Auch die Aufzucht auf offenem Weideland war untergegangen: An ihre Stelle trat die Ranch,
wo die Tiere ausgewählt wurden, um die Fleischqualität durch Kreuzung mit anderen Rinderarten zu verbessern. Diese Tiere waren weniger widerstandsfähig und brauchten daher überdachten Schutz,
Wasser in ausreichender Menge und hervorragendes Futter. Das Wasserproblem wurde durch den Bau von Windmühlen gelöst, die Wasser aus der Tiefe der Erde nach oben pumpten und die Errichtung einer Ranch in Gegenden möglich machte, wo das vorher undenkbar gewesen wäre.

Die Arbeit der Cowboys änderte sich grundlegend, sie beschränkte sich auf die Instandhaltung der Windmühlen und der Umzäunung. Mit dem Aufschwung der achtziger Jahre kam es dann zu einer Überkapazität auf den Weideflächen: zu viele Tiere auf zu eng begrenztem Raum: das Gras wurde knapp. Und schließlich versetzte ein neuer Typ von Tierzucht dem Reich der Viehherden den Gnadenstoß:
die Schafzucht.

Es kam zu zahlreichen Konflikten zwischen Rinderzüchtern und Schafzüchtern wegen der Weideflächen. Die ersteren behaupteten, die Schafe würden das Gras kaputtmachen, weil sie es mit der Wurzel ausrissen,
sie würden die Wasserlöcher trüben und damit unbrauchbar machen, und sie würden die Kühe mit ihrem Gestank vertreiben: es kam sogar zu bewaffneten Auseinandersetzungen.

 

In den neunziger Jahren veranlaßten die veränderten Bedingungen dann viele Rinderzüchter,
ihre Tätigkeit zugunsten der einträglicheren Schafzucht aufzugeben.
Ein letzter Faktor, der zum Niedergang des Reiches der Viehherden beitrug, war das schlechte Wetter:
die eiskalten Winter von 1885-86 und von 1886-87 verursachten in einigen Fällen Verluste bis zu 80 %
und wegen der Notverkäufe stürzten die Preise ins Bodenlose:
von ungefähr 40 Dollar pro Stück Vieh wurden nur noch acht bis zehn Dollar bezahlt.

Nicht nur die einzelnen Viehzüchter, sondern auch die großen Gesellschaften gingen bankrott.
Die Swan Land and Cattle Company Ltd. blieb auf 57.000 von 113.000 Stück Vieh sitzen und mußte ihren Bankrott erklären.
Die Züchter verließen die offenen Weideflächen und wurden, um wenigstens das wenige Vieh, das ihnen verblieben war, zu retten, Rancher.
Mit dem Niedergang des Reiches der Viehherden verschwand auch die Figur, die den amerikanischen Westen wie nichts anderes symbolisierte: der Cowboy.

Er hatte die Arbeiten, für die er einmal über viele Jahre zuständig war, längst aufgegeben. Den langen Zug in Richtung Norden gab es nicht mehr,
die Einzäunung machte den round up zur Kennzeichnung der Tiere überflüssig.
Damit verschwand die für den Westen typischste Gestalt und lebte nur noch auf den Rodeos und den Seiten der Schriftsteller aus dem Osten fort,
die den romantischen Aspekt seines Lebens herausstellten, obwohl die Arbeit des Cowboys nichts als Mühsal, Staub und Einsamkeit war,
und es für ihn romantische Augenblicke in Wirklichkeit gar nie gegeben hatte.


Das Rodeo ist noch lebendig- aber als Profi- und Freizeitsport

 



Die vom Zeremonienmeister gerufenen Worte „LET’ER BUCK” (etwa: „Laßt sie los"), die hier einen Ansteckknopf zieren, waren das Signal,
mit dem eines der größten Rodeos der Vereinigten Staaten, das Roundup in Pendleton, seit dessen Gründung im Jahre 1910 begonnen wurde.



 

Cowboys reiten zwischen 1910 und 1920 im großen Aufmarsch des Roundup von Pendleton mit.

Im Jahre 1914 schrieb ein Journalist, der in seiner Zeitung über das Rodeo berichtete, sehr treffend:
„Man fühlt die Atmosphäre und spürt die Romantik des verschwindenden Westens."

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Beim „Trail Drivers Rodeo" in San Antonio bewegt sich 1925 ein Lassowerfer geschickt in einer kleinen Seilschlinge,
während er gleichzeitig eine größere über seinem Kopf kreisen läßt.


 

 

 

 



 

 

Ein unglücklicher Cowboy und ein tückisch bockender Brahma-Bulle gehen bei einem Rodeo ihre eigenen Wege.

 

Nachdem sich ein frischgebackener Bullenreiter mit etwas eingelassen hatte,
was er als „anderthalb Tonnen schwarzes Untier" bezeichnete,
sagte er, man habe dabei das Gefühl, daß einem das Rückgrat sehr schmerzhaft
wie ein Akkordeon zusammengequetscht werde.


 

 

Die Farbigen - von der Legende vergessen

 


„Bulldogger" Bill Pickett, hier auf dem Höhepunkt seiner Karriere,
wurde bei seinen Rodeoauftritten als „der dunkle Dämon" angekündigt.

Für einen Impresario einer Wildwestshow war er „der größte schwitzende und schuftende Cowboy, der je gelebt hat
- ohne jede Ausnahme". Er erfand das bulldogging, die einzige feste Rodeonummer, die sich auf einen einzelnen zurückführen läßt.
Aber wie Tausende anderer farbiger Bewohner des Westens ist auch Bill Pickett kaum mehr als eine undeutliche Gestalt der Geschichte, die nichts von der Aura besitzt, die die legendären Helden des Wilden Westens umgibt.

Bei den großen Viehtrecks war etwa jeder sechste Cowboy ein Schwarzer. Zwei der zehn an der Indianergrenze stationierten Kavallerieregimenter der USA bestanden ausschließlich aus Schwarzen. Es gab schwarze Scouts, Heimstätter, Goldgräber und Stadtbewohner (genau wie schwarze Falschspieler und Viehdiebe). Als aber der echte Wilde Westen endete, ließen die weißen Legendenschmiede die Schwarzen aus.

In den Tausenden von Groschenromanen über den Westen wurden die Schwarzen kaum erwähnt;
in Owen Wisters grundlegendem Roman The Virginian (Der Virginier) kam kein Neger vor. Und in Wildwestfilmen,
in denen Indianer, Mexikaner und Chinesen häufig schlechtgemacht wurden, waren Schwarze so gut wie nie vertreten.

Bill Picketts spektakuläre Geschicklichkeiten trugen ihm etwas mehr Anerkennung ein als den meisten seiner farbigen Vorgänger im Wilden Westen. Er konnte einen Stier niederwerfen, ohne die Hände zu benutzen, indem er ihn mit den Zähnen zu Boden zwang,
die er wie eine Bulldogge in die Lippen des Tieres grub. Er war nach der Jahrhundertwende 15 Jahre lang eine Hauptattraktion des Rodeogeschäfts. Aber erst 1972, 40 Jahre nach seinem Tod, wurde er in die nationale Ruhmeshalle des Rodeo aufgenommen
- als erster Schwarzer.


 

 

Während ein berittener Helfer das Tier daran hindert auszubrechen,
wirft sich ein Rodeocowboy auf den dahinrasenden Stier,
um ihn dann bei den Hörnern zu packen und zu Boden zu werfen.

Dieses Ereignis wird bulldogging genannt,
weil in der Anfangszeit manche Reiter die Stiere dadurch zum Stehen brachten,
daß sie ihre Zähne - wie eine Bulldogge - in die Lippen des Tieres gruben.

 

 

 

 

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